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09 September 2026

Victor Klemperer: Tagebücher

Dass die Tagebücher Klemperers wichtig sind, wusste ich spätestens 1999 nach der Lektüre des ZEIT-Artikels, aus dem ich unten zitiere. Ich habe die Bände 1933-1945 wahrscheinlich nicht lange danach angeschafft, wurde aber von ausgiebiger Lektüre aufgrund des deprimierenden Inhalts abgeschreckt. (Dass ich mich als Geschichtslehrer schon jahrzehntelang mit dem Thema beschäftigt hatte, minderte zusätzlich die Neugier.) Jetzt habe ich, bevor ich die Bände ausrangieren muss, noch etwas länger den Blick hineingetan. Wie viele Zitate ich werde anführen können, muss sich noch ergeben.

Im Unterschied zu Klemperer, der Zeugnis ablegen will, zeigt Edith Marcuse in ihren Aufzeichnungen vor der Deportation den starken Wunsch, Haltung zu bewahren, Beides ist menschlich bewundernswert. Klemperer natürlich für die Nachwelt wichtiger,

 Victor Klemperer (* 9. Oktober 1881 in Landsberg Wie viele an der Warthe; † 11. Februar 1960 in Dresden) war ein deutscher Literaturwissenschaftler, Romanist und Politiker.

Zu seiner Bekanntheit über die Fachgrenzen hinaus trugen neben seiner Abhandlung LTI – Notizbuch eines Philologen (Lingua Tertii Imperii: Sprache des Dritten Reiches) vor allem seine ab 1995 unter dem Titel Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten (1933–1945) herausgegebenen Tagebücher bei, in denen er akribisch seine Alltagserfahrungen im Zeichen der Ausgrenzung als intellektueller protestantischer Konvertit jüdischer Herkunft aus der deutschen Gesellschaft in der Zeit des Nationalsozialismus dokumentierte. Darüber hinaus vermitteln die Bände Curriculum Vitae (1881–1918), Leben sammeln, nicht fragen wozu und warum (1918–1932) und So sitze ich denn zwischen allen Stühlen (1945–1959) ein intensives Bild von Klemperers Blick auf die Zeit des Deutschen Kaiserreichs, der Weimarer Republik sowie der Deutschen Demokratischen Republik. Klemperer kann damit als einer der wichtigsten Chronisten des Lebens eines Überlebenden des Holocaust durch die deutschen Nationalsozialisten gelten; daneben aber auch als Zeitzeuge der Jahre vor, während und nach der Zeit des Nationalsozialismus. [...] Klemperer heiratete "im Mai 1952[16] die 45 Jahre jüngere Germanistin Hadwig Kirchner, die nach seinem Tod an der Herausgabe seiner Tagebücher mitwirkte. [...]

Im ausführlichen Tagebuch zeigt sich Klemperer als genauer und kritischer, aber auch selbstkritischer Beobachter seiner Zeit und seines Milieus. Während der Zeit der Weimarer Republik betrafen Klemperers Beobachtungen vorwiegend seine wissenschaftliche Karriere und die zahllosen Intrigen an der Universität, beispielsweise die Konkurrenz zu Ernst Robert Curtius. Weiter schrieb er viel über die Beziehung zu seiner ersten, oft kränklichen Frau Eva, beschrieb Personen und Landschaften, notierte auch eifrig die häufigen Kinobesuche. Aufmerksam verfolgte er sein eigenes gesundheitliches Befinden und die Fortschritte seines wissenschaftlichen Schreibens. Häufig wurde er von Selbstzweifeln heimgesucht. Klemperer äußerte sich offen über die Probleme seiner Existenz als konvertierter Jude und vermerkte den nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs im Zusammenhang mit der Dolchstoßlegende und den Wirren um die bayrische Räterepublik virulent um sich greifenden Antisemitismus.

Ab 1933 lässt sich mitverfolgen, wie Klemperer langsam und systematisch ausgegrenzt wurde, zunächst in der Wissenschaft, später auch im privaten Leben. Seine Tagebücher aus der Zeit des Nationalsozialismus sind Zeugnis einer Atmosphäre großer und immer größer werdender Angst. Allerdings schrieb er zur „Röhmrevolte“, sie habe ihm mächtigen Auftrieb gegeben und „Wonne“ verspüren lassen, da man sich in der NS-Führung „gegenseitig auffrißt“. Die Regimekrise hielt er für nicht überwunden; von Hitler glaubte er, „der Mann ist verloren“.[20]

Klemperer und die anderen Bewohner des „Judenhauses“ lebten vor allem in Angst vor der Gestapo. Vor diesem Hintergrund berichtete er von etlichen Selbstmorden und Opfern des Völkermordes an den Juden durch die Nationalsozialisten in seinem persönlichen Umfeld. Gegenüber den häufigen Notizen über antisemitische Äußerungen während der Weimarer Republik vermerkte Klemperers Tagebuch aber eine trotz oder wegen der offiziellen antisemitischen Politik zunehmende Höflichkeit der nichtjüdischen Bevölkerung gegenüber den durch den gelben Stern stigmatisierten Juden – eine Höflichkeit, die in Bezug auf die Vernichtungspolitik folgenlos blieb.

Erste Auszüge aus diesen seinen Tagebüchern veröffentlichte die Zeitschrift Neue Deutsche Literatur in Ausgabe Nr. 2, 1985, auf rund 40 Seiten.

Die Dresdner Tageszeitung Die Union veröffentlichte in den Jahren 1987 bis 1989 in 164 Fortsetzungen Auszüge aus den Tagebüchern unter den Titel Victor Klemperer, Alltag einer Diktatur - Aus Tagebüchern 1936–1940 und Victor Klemperer, Aus dem Tagebuch 1941 bis 1945.

Die Tagebücher wurden ab 1995 im Aufbau-Verlag veröffentlicht und wurden zum Bestseller. Die Tagebücher der Jahre 1933 bis 1945 gelten heute als wichtiges Dokument der Zeitgeschichte und sind Standardwerke für Geschichtsunterricht und Deutschunterricht. Auch die Tagebücher aus der Weimarer Republik und aus der Zeit nach 1945 zeigen Klemperer in der Rolle des Beobachters, der auch nicht davor zurückscheut, den eigenen Ehrgeiz oder die „lingua quarti imperii“ (LQI – die Propagandasprache des Westens und des Ostens[21]) kritisch zu thematisieren. 2007 erschien eine ungekürzte und umfangreich kommentierte Fassung der Tagebücher 1933 bis 1945 auf CD-ROM.

Für die Auseinandersetzung mit der sprachlichen Dimension nationalsozialistischer Gewalt bilden die Tagebücher Klemperers bis heute eine Standardreferenz, etwa im Umgang mit der Rhetorik neurechter Bewegungen.[22] Die Forschung hat ferner die sprach- und subjektphilosophischen Implikationen von Klemperers LTI hervorgehoben: Klemperer mache die NS-Sprache nicht nur zum Gegenstand seiner philologischen Forschung, sondern berichte zugleich über eine Erfahrung, die darin bestehe, die Sprache zu erleiden: Die Worte repräsentieren demnach nicht nur die Gewalt, sondern führen sie zugleich aus.[23]"


Zitate:

Band 1: 
14. Januar 1933
Die Qualen des neuen Jahres, die gleichen wie vorher: das Haus, Frost, Zeitverlust, Geldverlust, keine Kreditmöglichkeit. Jedenfalls Verbohrtheit in den Hausbau und ihre Verzweiflung immer noch wachsend. [Eva, seine "arische" Frau] Wir werden wirklich an dieser Sache zugrunde gehen. Ich sehe es kommen und fühle mich hilflos. [...]
Am 3. Januar wurde das Nickelchen kastriert, und jetzt sind die beiden Tiere schon viel zusammen. Ich habe manchmal den Eindruck, sie seien das einzige, was für Eva noch einen eine Freude und sichere Lebensverbindung bedeute./
24. Januar
Annemarie, am Sonntag bei uns, erzählte, dass Fritz Kopke gestorben, [...] Kaum über die Vierzig. Das hat mich angefasst. Ich sagte zu Annemarie: Wo ist seine unsterbliche Seele? Es gibt Glückliche, die fest daran glauben. Annemarie, fast entsetzt, sehr lebhaft: 'Aber Victor! Jeder Christ tut das!' Und nachher: 'Wenn man nicht einmal diese Aussicht hätte, dass es später besser kommt!' Also sie, die Chirurgin, die den Kadaver, das Gehirn unterm Messer hat, die eine Gebildete, eine Studierte ist – und doch ganz offenbar, trotz allen ihrer Zynismen und ihrer Unkirchlichkeit – im Kern doch gläubig, mindestens hoffend. - [...]
21. Februar
Immer mehr ziehe ich mich auf das Vorlesen zurück. Eigene Arbeit stockt fast ganz. [...] Von dem 'Frankreichbild' habe ich wieder mal Abstand genommen. Vielleicht in den Ferien. Mich quält einerseits der Zeitmangel: Heizen, Abwaschen, Einkaufen, Mädchen für alles, andererseits die Idee der Wertlosigkeit. Wie gleichgültig, ob ich ein Buch mehr oder weniger hinterlasse! Vanitas… [...]
Seit etwa drei Wochen die Depression des reaktionären Regimentes. Ich schreibe hier nicht, Zeitgeschichte. Aber meine Erbitterung stärker, als ich mir zugetraut hätte, sie noch empfinden zu können, will ich doch vermerken. Es ist eine Schmach, die jeden Tag schlimmer wird. Und alles ist still und duckt sich, am tiefsten die Judenheit und ihre demokratische Presse.– Eine Woche nach Hitlers / Ernennung waren wir (am 5. 2.) bei Blumenfelds [...] Raab, Vorsitzender des Humboldtclubs, hielt eine große Rede, erklärte, man müsse die Deutschnationalen wählen, um den rechten Flügel der Koalition zu stärken. Ich trat ihn erbittert entgegen. Interessanter seine Meinung, dass Hitler in religiösen Irrsinn enden werde.… Am meisten berührt, wie man den Ereignissen so ganz blind gegenübersteht, wie niemand eine Ahnung von der wahren Machtverteilung hat. Wer wird am 5. März die Majorität haben? Wird der Terror hingenommen werden, und wie lange? Niemand kann prophezeien sein. – Inzwischen wirkt die Unsicherheit der Lage auf alles einzelne. Jeder Versuch, Geld zum Bauen zu leihen, scheitert. Das lastet schwer auf uns.
[Bericht über Krankheiten]
Der Todesgedanke lässt mich keine Stunde mehr aus seinen Krallen."(Band 1, S. 5-7).
10. März.
30. Januar: Hitler Kanzler. Was ich bis zum Wahlsonntag, 5. März, Terror nannte, war mildes Prélude. Jetzt wiederholt sich haargenau, nur mit anderen Vorzeichen, mit Hakenkreuz, die Sache von 1918. Wieder ist es erstaunlich, wie wehrlos alles zusammenbricht. Wo ist Bayern, wo ist das Reichsbanner usw. usw,? Acht Tage vor der Wahl die plumpe Sache des Reichstagbrandes – ich kann mir nicht denken, dass irgendjemand wirklich ein kommunistische Täter glaubt statt bezahlte [Hakenkreuz]- Arbeit. Dann die wilden Verbote und Gewaltsamkeiten. Und dazu durch Straße, Radio etc. die grenzenlose Propaganda. [...] Am Sonntag wählte ich den Demokraten Eva Zentrum. [...] / Vollkommene Revolution und Parteidiktatur. Und alle Gegenkräfte wie vom Erdboden verschwunden. Dieser völlige Zusammenbruch einer eben noch vorhandenen Macht, nein, ihr gänzliches Fortsein (genau wie 1918) ist mir so erschütternd. [...] Niemand wagt mehr, etwas zu sagen, alles ist in Angst. [...] Wie lange werde ich noch im Amt sein?
Zu dem politischen Druck, die Qual der ewigen Schmerzen im linken Arm, des ewigen Sterbegedankens. Und die marternden und immer erfolglosen und immer erfolglosen Bemühungen um Baugeld. Und das stundenlange Heizen, Abwaschen, Wirtschaften. Und das ständige Zuhausesitzen. Und das Nichtarbeiten- Nichtdenkenkönnen. [...] Ich will, nein: ich muss wieder den Albdruck des 'Frankreichbildes' aufnehmen. Ich will mich jetzt zum Schreiben zwingen und Kapitel um Kapitel die noch fehlende Lektüre nachholen." (S.8-9)

17. März
"[...] Aber leider hatten wir am Dienstagabend Thiemes hier. Das war entsetzlich und war ein Ende. Mit einer solchen begeisterten Überzeugung und Verherrlichung bekannte sich Thieme – er! – zu dem neuen Regime. Alle Phrasen von Einigkeit, Aufwärts usw. gab er mit Andacht wieder./ Trude war viel harmloser. Es sei alles schief gegangen, nun müsse man dies versuchen. 'Jetzt müssen wir eben einmal in dies Horn blasen! 'Er verbesserte heftig: 'Wir müssen nicht', es sei wirklich und frei gewählt, das Richtige. Das verzeihe ich ihm nicht. Er ist ein armer Hund und ängstigt sich um seinen Posten. Er muss also mit den Wölfen heulen. Gut. Aber warum mir gegenüber? [...] Wir haben uns in Thiemes Intellekt geirrt. Er hat die partielle mathematische Begabung. Er ist im übrigen haltlos jedem Einfluss, jeder Reklame, jedem Erfolg hingegeben. Eva hat dies schon seit Jahren erkannt. Sie nennt ihn: 'ohne alle Urteilskraft'. Aber dass er so weit gehen würde… Ich schließe mit ihm ab.
 Die Niederlage 1918 hat mich nicht so tief deprimiert wie der jetzige Zustand. Es ist erschütternd, wie Tag für Tag, nackte Gewalttat, Rechtsbruch, schrecklichste Heuchelei, barbarische Gesinnung ganz unverhüllt als Dekret hervortritt. Die sozialistischen Blätter sind dauernd verboten. Die 'Liberalen' zittern. Neulich war das 'Berliner Tagblatt' zwei Tage verboten; den 'Dresdener NN' kann das nicht geschehen. Es ist gänzlich regierungsfromm, bringt Verse auf 'die alte Fahne' etc.

Einzelberichte: 'Auf Anordnung des Reichskanzlers sind die fünf im Sommer vom Sondergericht in Beuthen wegen Tötung eines kommunistischen polnischen Insurgenten Verurteilten freigelassen worden.' (Die zum Tode verurteilten!)" (S.10/11)
[...] Eigentlich ist es furchtbar leichtsinnig, dies alles in mein Tagebuch zu schreiben. (S.12)
20. März
"Nach langer Zeit im Kino: Hindenburg vor Truppen und Hakenkreuzlern am 12. 3., dem Sonntag der Kriegsgefallenen. Als ich ihn vor etwa einem Jahr gefilmt sah, ging der Präsident etwas steif, die Hand auf dem Handgelenk des Begleiters, aber ganz fest und nicht langsam die Reichstagtreppe hinab, ein Alter, aber kraftvoller Mann. Heute: die winzigen, mühsamen Schritte eines Gelähmten. Nun ist mir alles klar: So ging Vater nach seinem Schlaganfall Weihnachten 1911, bis er am 12.2.12 starb. In der Zwischenzeit war er nicht mehr klar. (Die umgedrehte Zeitung, in der er las!) Es ist mir absolut gewiss, dass Hindenburg nur noch eine Marionette ist, dass ihm schon am 30. Januar die Hand geführt wurde. [...] (S.12)
21. März
Tag des 'Staatsaktes' in Potsdam. [...] (S.13)
30. März.
Gestern bei Blumenfeld mit Sempers zusammen zum Abend. Stimmung wie vor einem Pogrom im tiefsten Mittelalter oder im innersten zaristischen Russland. Am Tage war der Boykott-Aufruf der Nationalsozialisten herausgekommen. Wir sind Geiseln. Es herrscht das Gefühl vor (zumal da eben der Stahlhelmaufruhr in Braunschweig gespielt und sofort vertuscht worden), dass diese Schreckensherrschaft kaum lange dauern, uns aber im Sturz begraben werde. Fantastisches Mittelalter: 'Wir' – die bedrohte Judenheit. Ich empfinde eigentlich mehr Scham als Angst,  Scham um Deutschland. Ich habe mich wahrhaftig immer als Deutscher gefühlt. Und ich habe mir immer eingebildet: 20. Jahrhundert und Mitteleuropa sei etwas anderes als 14. Jahrhundert und Rumänien. Irrtum. [...]
31. März 
Immer trostloser. Morgen beginnt der Boykott. Gelbe Plakate, Wachen. Zwang, christlichen Angestellten zwei Monatsgehälter zu zahlen, jüdische zu entlassen. Auf den erschütternden Brief der Juden an den Reichspräsidenten und die Regierung keine Antwort. – Man mordet kalt oder 'mit Verzögerung'. Es wird 'kein Haar gekrümmt' – man lässt nur verhungern. [...]
Kino in der Prager Straße. Neben mir ein Reichswehrsoldat, ein Knabe noch,  / und ein wenig sympathisches Mädchen. Es war am Abend vor der Boykottankündigung. Gespräch, als eine Alsberg Reklame lief. Er: 'Eigentlich sollte man nicht beim Juden kaufen' Sie: 'Es ist aber so furchtbar billig.' Er: 'Dann ist es schlecht und hält nicht.' Sie, überlegend, ganz sachlich, ohne alles Pathos: 'Nein, wirklich, es ist ganz genauso gut und haltbar, wirklich ganz genauso wie in christlichen Geschäften – und so viel billiger.' Er: schweigt. – Als Hitler, Hindenburg, etc. erschienen, klatschte er begeistert. Nachher bei dem gänzlich amerikanisch jazzbandischen, stellenweise deutlich jüdelnden Film klatschte er noch begeisterter. [Man beachte das Vokabular!]
Es wurden die Ereignisse des 21. März vorgeführt, Stücke aus Reden gesprochen. Hindenburgs Proklamation mühselig, mit Atemnot, die Stimme eines uralten Mannes, der physisch fast zu Ende ist. Hitler pastoral deklamierend. Goebbels sieht ungemein jüdisch aus, Eva sagt mit Recht, dem Schauspieler Deutsch [...] ähnlich. Sachlicher und menschlicher gibt sich im Ton Hugenberg. [...] 
Ein Märchen von Andersen, 'Galoschen des Glücks'. Ein Professor hat in Gesellschaft von den Zuständen des 14. Jahrhunderts gesprochen, denkt im Heimgehen, wie es damals in Kopenhagen ausgesehen habe – und plötzlich ist das Pflaster fort, und er versinkt im Dreck. Manchmal glaube ich, solche Gamaschen anzuhaben. Aber man versinkt auch ohne sie bodenlos." (S.16/17)

27. Januar 1934
"[...] Thomas Manns 'Jaakob' vorgelesen. Eine ganz geniale Leistung und absolut neu. Ich muss mir irgendwann genaue Notizen machen. Gesichtspunkt: von der Aufklärung hierher, von Voltaire über Renan und Flaubert und France zu Mann kommen, von Satire und überlegen gerührtem Anteil zu diesem Humor, dieser Religionsphilosophie und – Historie, dieser Psychologie des nach hinten offen als Voltaire, Renan, France) und von dieser grandiosen Dichtung ist in keiner Zeitung die Rede, das Buch steht in keinem Schaufenster. Auf ihm lastet der doppelte Fluch, von Mann zu sein und von Israel (statt von einem nordischen Osterhelden) zu handeln." (S. 83). 

13.Juni
 Ein Marxist und eine Zahnärztin wollen heiraten "[...] Jetzt hat sie eine Erbschaft gemacht und sich eine hebräische Grammatik gekauft. Man will sich heiraten und in Gütergemeinschaft in Jerusalem leben. Aber wo sich heiraten? Er muss ihr irgendwohin entgegenfahren, wo das möglich ist. Denn in Zion ist der Arier gerade das, was hier der Jude. [...] Mir sind die Zionisten, die an den jüdischen Staat von Anno 70 P. C. (Zerstörung Jerusalems durch Titus) anknüpfen, genauso ekelhaft wie die Nazis. In ihrer Blutschnüffelei, ihrem 'alten Kulturkreis', ihrem teils geheuchelten, teils bornierten Zurückschrauben der Welt gleichen sie durchaus den Nationalsozialisten. / Der Witz man habe Hitler in Haifa ein Denkmal gesetzt mit der Inschrift, 'Unserem Herführer', hat eigentlich eine tiefe und unwitzige Berechtigung. Gedanklich ist er auch ihr Heerführer. Das ist das fantastisch an den Nationalsozialisten, dass sie gleichzeitig mit Sowjetrussland und mit Zion in Ideengemeinschaft leben. – Frau Schaps, die vom Besuch ihrer Sebba-Kinder aus Haifa zurückgekehrt ist, bestärkt mich durch ihre naiven Erzählungen in meinem Hass gegen dieses zionistische Treiben (während Blumenfeld damit sympathisiert) (S. 111/112).

"Köhlers wussten schon von dem gleich darauf veröffentlichten Erlass des Reichsunterrichtsministers Rust, wonach alle Lehrer jährlich vier Wochen lang im Gemeinschaftslager 'nationalpolitisch überholt' werden sollen (überholt, wieder die mechanistische Terminologie). Die immer stärkere Tyrannei, ein Zeichen immer größerer Unsicherheit. – Die Carlo verkehrt im Hause des früheren hiesigen Unterrichtsministers Kaiser. Auch dort wartet und hofft man auf das nahende Ende. Stahlhelm – Zentrum – Reichswehr. Köhler hat von irgendwoher erfahren, man warte den Tod des schon mehr als halb aufgelösten Reichspräsidenten ab." (S.114)
"Unser Volkkanzler war kürzlich zur 'Reichstheaterwoche' in Dresden. Auf mehrere Tage. Vorschriftsmäßig hingen die ganze Woche über Wälder von Hakenkreuzfahnen in den Straßen, brachten die Zeitungen Artikel: 'Das Erlebnis von Dresden' und so. Und: 'Der Jubel der Hunderttausende' und so. Aber die SA, sobald sie nicht aufmarschiert war, lag ständig im Bereitschaft. ( Ich weiß es von meinen Studenten: 'Die ganzen Tage im Kuglerheim!') Und der Führer erschien, verschwand, bewegte sich, schlief immerfort anderwärts und zu anderer Stunde, als offiziell angegeben war. Wie der Zar, wie ein Sultan und noch angstvoller.
Und die Zeichen des nahen Zusammenbruchs mehren sich. Zum ersten Mal, halb verschleiert, in einem neuen Siegesbericht von der Arbeit Arbeitsschlacht: auf dem Lande bei Hoch – und Tiefbau haben wir 100.000 Notstands – und einige Stammarbeiter entlassen, um die Schlacht vor allem in den Städten zu führen. D.h.: die Auto Straßen und die Siedlungsbau stehen still, und die gefährlichen Mäuler in der Stadt müssen gestopft werden. – Dann der rätselhafte 'Befehl' des in Urlaub gehenden SA-Chefs Röhm an die in Urlaub gehende SA. 'Wir wollen unseren Feinden / die kurze Hoffnung gönnen, dass wir nicht wiederkommen. Am 1. August sind wir vollzählig wieder da und werden das Nötige tun…' Was heißt das? – Und von allen Seiten übereinstimmend Berichte über die ungeheure Geldnot. Und das Zugeständnis des währenden und nicht zu beseitigenden Auslandsboykotts. Noch dazu die ständigen Kriegsgerüchte. Überall Unsicherheit, Gärung, Geheimnis. Man wartet von Tag zu Tag. [...]" (S.115/116).

Als Klemperers private Sorgen abgenommen haben, wird er auch optimistischer in der Hoffnung auf einen baldigen Zusammenbruch des NS-Regimes.

14. Juli.
Meine Arbeitskraft hat sich fast augenblicklich gehoben, sowie der Druck der letzten Jahre ein bisschen nachlässt. Die eigentliche Erlösung kam durch die Hausaffäre. [...] Am Morgen hatte mich die Staatsbank angerufen, das Geld sei da: telefonisch hatte ich so gleich 2 500 M an Langenhain / überwiesen, und am 5. zahlte er der die Firma in meinem Beisein aus. – [...], so wie ich die Miete hier und die ungeheuren Autokosten (über 100 M im Monat) los bin, bin ich sehr solvent. Es wird vorderhand der Mittelteil des Gesamthauses gebaut, immerhin ein in sich geschlossenes Häuschen mit großen drei Zimmern und sehr reichlich Zubehör. [...] Den zweiten mächtigen Auftrieb gab uns die 'Röhmrevolte'. (Wie kommen historische Bezeichnung zu Stande? Wieso Kapputsch? Aber Röhmrevolte? Klanglich?) Gar kein Gefühl für die Besiegten, nur die Wonne a) dass man sich gegenseitig auffrisst, b) dass Hitler nun wie ein Mann nach dem ersten schweren Schlaganfall ist. Als die nächsten Tage alles ruhig blieb, war ich freilich deprimiert. Aber dann sagten wir uns doch: Dieser Schlag ist nicht zu überwinden. Zumal nun auch die nackte Not der Missernte bei völligen Staatsbankrott und Unmöglichkeit ausländischen Nahrungsbezuges vor der Tür steht. [...]/ 
[Es ist sehr verständlich, dass Klemperer aus den Maßnahmen des Auslands und aus den Hinweisen auf innerparteiliche Uneinigkeit in der NSDAP Hoffnungen auf einen Zusammenbruch des Regimes schöpfte. Dass die Morde an parteiinternen Kritikern ein wichtiger Schritt auf dem Wege zur Beseitigung jedes innerdeutschen Widerstandes waren, konnte er nicht voraussehen.]
[Jemand] brachte, worauf Zuchthaus steht, Zeitungsausschnitte mit. Die Engländer: Mexikanische Zustände. – 'Man muss in den nächsten Jahren nicht vor Deutschland, sondern für Deutschland Angst haben'…  Er hat seine Feinde töten lassen… Mittelalterlich… usw. usw. Eine Prager Zeitung brachte ein Bild: Hitler und Röhm im vertrauten Gespräch, und druckte den Brief an ab, den Hitler noch im Januar, seinen lieben Duz-Freund und treuesten Helfer geschrieben.
Entsetzlich die Verwirrung im Volk. Ein sehr ruhiger und gemütlicher Postbote und ebenso der ganz und gar nicht nationalsozialistische alte Pretorius, sagten mir mit den gleichen Worten: 'Nu, er hat sie eben verurteilt.'  Ein Kanzler verurteilt und erschießt Leute seiner Privatarmee!" (S.119-121)
[Klemperer sieht darin zu Recht den Verstoß gegen jedes Gesetz und Recht und erkennt nicht, dass gerade das Hitlers (mittelfristigen) Erfolg begründete. Carl Schmitt: Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet. (1922)]
Die furchtbare Unsicherheit: [...] Es kam sogar ein 'judenfreundliches' Reichsgerichtsurteil. Ein Mann hatte sich scheiden lassen, weil seine Frau Jüdin. Die erste Instanz lehnte ab, die zweite stimmte zu. Das Reichsgericht lehnte wieder ab, weil er bei der Eheschließung die Rasse seiner Frau gekannt habe. Der 'Freiheitskampf' brachte dies alles unter der dicken Schlagzeile: 'Wer muss seine jüdische Frau behalten?'
Gestern in größter Aufmachung Hitler vor seinem Reichstag. [...] Die Stimme eines fanatischen Predigers. Eva sagt: Jan von Leyden. Ich sage: / Rienzi. Heute las ich die ganze Rede im 'Freiheitskampf'. Ich habe fast ein menschliches Mitleid mit Hitler. Der Mann ist verloren und fühlt es.; Zum ersten Mal redet er ohne Hoffnung. Er fühlt sich nicht als Mörder. Tatsächlich hat er wohl auch aus Notwehr gehandelt und ein wesentlich schlimmeres Blutvergießen vermieden. Aber er hat doch diese Menschen auf ihre Posten gestellt, er ist doch der Autor dieses Systems des Absolutismus. Der edle Räuberhauptmann Karl Mohr, der seine Spießgesellen Spiegelberg 'richtet'. Und auf den die Blutrache der anderen Spießgesellen lauert. Das Grässliche ist, dass ein europäisches Volk sich solch einer Bande von Geisteskranken und Verbrechern ausgeliefert hat und sie noch immer erträgt." (S.121/122)
"[...] es ist mir, als wende sich mein Leben wieder zum Besseren. Und ich glaube, ich werde auch wieder arbeiten können. Sobald die Tagebuchnotizen nachgeholt sind, also morgen, an den Voltaire!
Neulich schickte mir Jelski eine Predigt, die er einem verstorbenen Gemeindevorstand gehalten. Die Überschrift hieß 'Unserm Führer…', [...] Die rituellen Juden pflegen, trefe gewordene Gefäße zu reinigen, indem sie sie eingraben. So wird man das Wort 'Führer' auf lange Zeit vergraben müssen, ehe es wieder rein und gebrauchsfähig ist.
Der Reklameminister Goebbels ist kein Psychologe. Er langweilt, man spottet über den langweiligen Rundfunk etc. Wo liegt der Fehler? Wenn eine Fabrik, ein Einzelunternehmen sich immer wieder einzuprägen sucht, an Straßenbahnen, durch Himmelschreiber, etc. etc., so amüsiert /das, weil das Publikum nur in einer bestimmten und unwesentlichen Hinsicht kaptiviert werden soll, weil ihm die Freiheit der Wahl [...] bleibt, weil dieser einen Reklame tausend andere entgegenwirken. Goebbels aber kaptiviert nicht, sondern 'fesselt' buchstäblich und zwar den ganzen Menschen, er tyrannisiert ihn, und dagegen lehnt sich der Gefesselte auf, und vor der absoluten Monotonie des ihm einzig Gebotenen hat er Widerwillen. Die Stufenleiter der Empfindungen geht hier über Gleichgültigkeit der Abstumpfung zu Widerwillen und Rebellion." (S.123/124) 
[Klemperer analysiert richtig, doch redet er sich ein, es sei immer noch Rebellion möglich.]
"Jetzt steht im 'Freiheitskampf'' [...] 'Der Jude Erich Mühsam hat sich in der Schutzhaft erhängt..' " (S.125)
Nach Monaten, wo er immer wieder über Herzbeschwerden klagt, auch, auch allerlei Schmerzen schreibt er jetzt:
15. September 1935
"In meinem Leben habe ich nie so konzentriert gearbeitet wie seit der Entlassung. Als wollte ich mir den Beweis liefern, dass ich noch etwas kann, und dass mein Buch warten kann. Es ist wohl auch der Segen der Schreibmaschine: Alles wird klar, ganz von mir losgelöst und fertig, ich feile es bis zum letzten, es ist so druckfertig, dass es ohne mich/ veröffentlicht werden kann. Das Buch wird sehr gut – aber es wird immer länger und dauert immer länger. Eben ist nach d'Alembert Buffon  ganz fertig gestellt. Vielleicht schaffe ich den Band bis Ende des Jahres. Er wird etwa 500 Seiten (der Form meiner Literaturgeschichte) umfassen.[...]" (S.213/14)

25.11.38 
Autounfall, vom Lenkrad nur noch die Speichen erhalten, Rückfahrt (S.432)
28.11.38 Auswanderungspläne (S.437 -445)


Band 2

24. November, Dienstag vormittag 1942

Erster Frosttag, fester Schnee auf Dächern und Straßen).

'Judenlager Hellerberg'. Eva sagte, diese neue Art der Evakuierung sei deshalb so schamlos, weil alles so offen vor sich gehe. Das Neue daran ist jedenfalls, dass wir diesmal Einblick in das Inferno haben und mit ihm in Konnex bleiben. Ist es eine gemäßigte Hölle? Das muss sich herausstellen. Der junge Eisenmann, der am Auffüllen der Bettsäcke mitgeholfen hat, sagte: 'Katastrophal!' Unvorstellbar eng und barbarisch primitiv, besonders die Aborte (wandlos nebeneinander und viel, viel zu wenige), aber auch die schmalen Betten usw. Die Zimmerleute hätten gesagt, sie seien am Barackenbau für russische und polnische Gefangene beschäftigt gewesen– Luxushotels gegen dies Judenlager in Sand und Schlamm! Andererseits hört man von Vergünstigungen wie Postverkehr, Urlaub nach Dresden, eine Lagerbibliothek, Spielzeugerlaubnis für die Kinder… Man muss abwarten. Sonntag und Montag (außer von Appelius und Galsworthy), ganz erfüllt von diesem Hellerberg. Für Frau Ziegler, die uns sehr vieles hinterließ, karrte ich am Sonntagnachmittag eine schwere Last bei streikenden Herzen, das Hindenburgufer entlang zur Gemeinde. (2. Band, S. 280/81) 
28. November, Sonnabend vormittag

[...] Und dann etwas Groteskes: einen Zigarettenkarton mit Zähnen. Zähne sind Mangelware, Eichler hat längst keine mehr, so läuft Eva seit vielen Monaten mit der großen Lücke im Mund herum; er wollte Eva schreiben, sobald er Material hätte, und schrieb nie. Ein Zahntechniker, der beim Friedhofsgärtner arbeitete, hat diesen Karton dort deponiert – nun soll sich Eichler Brauchbares auswählen und es nach dem Tagespreis bezahlen. Er darf aber nicht wissen, wo die Ware herkommt. Heimliche Zähne vom Judenfriedhof, es klingt / märchenhaft schauerlich – es ist aber auch real gesehen toll genug, und vielleicht kann es zu einer Katastrophe führen.(S.283/284)

"Heute morgen kam Frau Eger zu uns, wir möchten ihr mit einem Judenstern aushelfen. Auf eine Jacke ihres Mannes zu nähen, die sie ihm als warmes Zeug mitgeben wolle. Sie habe erfahren (sie hat einen Bruder bei der SS), dass er morgen in ein KZ abtransportiert werde. Es sei das letzte, was sie für ihn tun könne; noch eine Mütze gebe sie ihm mit, in deren Futter sie Abschiedsgrüße genäht habe. Aber werde er den Brief finden? Sie habe keine Hoffnung, den Mann wiederzusehen.  (S.284)
Über die Gemeinde (und über Simon) kommuniziert man mit den Interessierten. Die Leute in der Gemeinde scheinen darauf abgestimmt, scheinen – LTI! – Eine verschworene Gemeinschaft zu sein, das Lagerleben als glimpflich darzustellen. Es sei erträglich, einige gewöhnten sich rascher, einige langsamer um. Es klingt so, als wenn die unzufriedenen verwöhnte und undankbare Geschöpfe wären. In dieser Tonart äußern sich außer Reichenbach, die Sekretärin Judenkirsch, die freilich im Gemeindehaus wohnt und nur auf Amtswegen ins Lager kommt.[...] aber das Gros der Lagerinsassen ist doch streng gefangen, erhält spärlichsten Stadturlaub, hockt immer aufs engste beisammen usw. usw. Es ist gar zu jämmerlich, dass diese Gefangenschaft schon als halbes Glück gilt. Es ist nicht Polen, es ist nicht das KZ! Man wird nicht ganz satt, aber man verhungert nicht. Man ist noch nicht geprügelt worden. Usw. usw." (S.285).
"Eine besondere Lagergefahr scheint der Neid der Zusammengedrängten zu sein. Wenn dem einen etwas zugesteckt wird, muss er sich vor allen anderen hüten." (S. 286).
8. April.
"[...] Der biedere Mann half mir manchmal mit Brotmarken, steckte mir gelegentlich einen Bonbon zu – ich beneidete ihn ein bisschen, weil er ja einige Erleichterungen genoss. Ich hörte dann nichts mehr von ihm. Jetzt: Er wurde vorige Woche verhaftet - Grund unbekannt; es heißt, aber ohne Gewissheit, eine neue Bestimmung zwinge solche privilegierten, deren arische Kinder im Ausland, zum Sterntragen, und das habe er nicht beizeiten erfahren –, zwei Tage später hatte er im Polizeipräsidium sich erhängt (oder ist erwürgt worden). Die Leiche wurde Jacobi nackt überliefert, außer den Würgemalen, wies sie keine Verletzung auf. Der Fall hat mich wieder furchtbar durchschauert." (S.348)
"Aus Berlin kam ein [...] Brief, der auch wieder sub specie LTI gewertet sein will. Es ergab sich nach einigem Rätseln, dass die Absenderin eine geborene Meyerhof  aus Hildesheim und uns dort [...] als Kind einmal begegnet ist. E.N. schreibt einen Stil, der aus 'enzyklopädischem' und Berliner Stil gemischt ist. Das Berlinische betont, überbetont (eben dadurch witzig und affektiert in sein Gegenteil umschlagend), antiheroische, antisentimentale, in jeder Beziehung unberührte Haltung.  'Außerdem haben sich die bitterbösen Engländer ausgerechnet mein Wohnviertel ausgesucht, um ihre Eier zu legen.'  (wieder nicht bloß Berlinisch. Frau N. teilt mit, was sie eigentlich nicht mitteilen darf, und sie deutet ihre Stimmung, um nicht zu sagen Zustimmung, dem englischen Verhalten gegenüber durch das komische, 'bitterböse' an.) Ein PS lautet: 'Existiert der alte Professor Pöppelmann noch in irgendeiner Form? [...] Eva deutet aus: 'Steht der Zwinger noch, hat Dresden schon ernste Luftangriffe gehabt?' Selbst wenn diese Deutung nicht zutreffen sollte – aber sie wird wohl zutreffen –, ist es zeitcharakteristisch, dass sofort solche Deutung gesucht und gefunden wird. Wir rechnen eben gar nicht mehr mit wörtlichem, nicht hinterhältigem Sinn einer brieflichen Mitteilung. Dieser Brief der E. N. ist also ein ganz besonders wertvolles Dokument für die LTI." (S. 350) 

27..9.1944

"[...] Annemarie ist nicht gut angeschrieben, hat mehrmals angeeckt. Gewiss, sie ist allmählich vorsichtig geworden: seitdem September 41 trage ich den Stern, am 9. Oktober 1941 war sie das letzte Mal bei uns. Trotzdem! Und ich will nicht verkennen, wie sehr sie sich für uns exponiert. Sie weiß nicht nur, dass sie meine Manuskripte aufbewahrt, sie weiß auch, dass es sich um Tagebücher handelt. Sie weiß seit Monaten, dass es sich bei solchen Verhalten nicht mehr um Gefängnis, sondern ganz eindeutig um den Kopf handelt.
Meine Tagebücher und Aufzeichnungen! Ich sage mir immer/wieder und wieder: sie kosten nicht nur mein Leben, wenn sie entdeckt werden, sondern auch Evas und das mehrerer anderer, die ich mit Namen genannt habe, nennen musste, wenn ich dokumentarischen Wert erreichen wollte. Bin ich dazu berechtigt, womöglich verpflichtet, oder ist es verbrecherische Eitelkeit? Und immer wieder: seit zwölf Jahren habe ich nichts mehr publiziert, nichts mehr zu Ende führen können, nur immer gespeichert und gespeichert. Hat es irgendwelchen Sinn, wird irgendetwas von alledem fertig werden? Die Engländer, die Gestapo, die Angina, die dreiundsechzig Jahre. Und wenn es fertig wird und wenn es Erfolg hat, und wenn ich 'in meinem Werk fortlebe'– welchen Sinn hat das alles 'an und für mich'? (S. 594/95)
26. Mai 1945
"Unser Fluchtversuch hat fraglos weniger Aussicht auf Gelingen als der damalige. Nur steht auf Scheitern nicht wie damals der Tod. Dafür aber schwere Lächerlichkeit und Demütigung. Kommen wir nicht durch, so muss ich mich an die Kaulbachstraße wenden, und das wird sehr bitter . [...] Wir kamen beide zu dem gleichen Ergebnis: Müssen wir aus Nahrungsmangel umkehren oder schicken uns die Amerikaner zurück, dann sind wir wenigstens eine Weile außerhalb Münchens gewesen.
Im übrigen ist das Unternehmen natürlich ein fast irrsinniges: ohne ordentliche Wanderausrüstung, ohne Gewissheit der Lebensmittelmarken des Quartiers, drei-, vierhundert Kilometer zurücklegen zu wollen. [...] "

Die Rückreise dauert von 26. Mai bis zum 10. Juni. Es ist ein Beispiel dafür, was für Strapazen den Überlebenden des Holocaust noch nach dem Sieg ihrer Sache bevorstanden. (Displaced Persons) Klemperer hat zwar meist Empfehlungen und kann immer wieder einmal mit einem amerikanischen Laster oder mit einem Zug mitgenommen werden, muss aber ganz große Strecken zu Fuß gehen zusammen mit seiner Frau Eva. Als Essen gibt es äußerst wenig. Ein Rübenschnitz pro Tag muss oft ausreichen. (S.798-830) 
Dazu sieh auch Jähner: Wolfszeit

Über Klemperers Tagebücher:
Volker Ulrich "Der Chronist des Jahrhunderts" ZEIT 25.3.1999:
"Das Ende war trostlos: 'Ich habe allen Glauben an Wirkungsmöglichkeiten verloren. Allen Glauben an rechts und links. Ich lebe und sterbe als einsamer Feuilletonist' (29. April 1959). Selten hat sich ein Autor so über seine Bedeutung getäuscht. [...] weiterleben wird Victor Klemperer vor allem als Schreiber seiner Tagebücher. Durch vier Epochen deutscher Geschichte – Kaiserreich, Weimarer Republik, Nazizeit, DDR – führt sein unvergleichliches Oevre. Fast beiläufig, ohne es zu wollen und zu wissen, ist er zum großen Chronisten des Jahrhunderts geworden."

13 Januar 2026

Nelio Biedermann: Lázár

https://www.perlentaucher.de/buch/nelio-biedermann/lazar.html

1.Abschnitt Das Glaskind 1. Kapitel S.11 ff

"Am Rand des dunklen Waldes lag noch der Schnee des verendeten Jahrhunderts, als Lajos von Lázár, das durchsichtige Kind mit den wasserblauen Augen, zum ersten Mal den Mann erblickt, den es bis über seinen Tod hinaus für seinen Vater halten wird.
Es war der Tag der drei Könige – der Wald schluckte das letzte trübblaue Licht. Das Zimmer, in dem der Junge geboren wurde, lag im Westflügel des Waldschlosses, gleich neben dem blaugestrichenen, das sie nie jemand betrat. [...]
Er war nicht wie sein Bruder, nicht wie seine Mutter, nur etwas unruhig war er, was niemanden verwundern durfte, schließlich hatte seine Frau gerade ein Kind geboren, unter dessen transparenter Haut man die kleinen Organe sehen konnte. /  Das Abendessen nahm der Baron nur im Gesellschaft seiner sechsjährigen Tochter ein, die sich ganz und gar nicht über die Geburt ihres Bruders freute. Als Ida, das deutsche Kindermädchen, Ilona ins Zimmer geführt hatte, hatte diese das schrumpelige, bläulichblasse und völlig verquollene Geschöpf mit ernsten Ausdruck angesehen, die braunen Augen zusammen gekniffen und trocken gesagt: 'Es ist sehr hässlich.'
Dann war sie zu ihrem Vater geeilt, der ihr bleiches Gesicht nicht hatte deuten können und das Fenster deshalb geschlossen ließ, und hatte ihm auf die glänzende Lederschuhe und die braun karierte Hose gekotzt.("S. 11/12). 

Biedermann hat Proust gelesen. 130 Seiten schöne Worte ohne Handlung. Soll man doch auf sie warten. Hauptsache, die Welt ist fremd und die nur allzu bekannten Probleme sind fern.

5. Kapitel 

"Mária, die von den schweren Tritten im Treppenhaus geweckt worden war, dachte an ihren Pál - und Ida, die durch den Stirnkuss wachgeworden war, dachte an ihren Paul." (S.36)

2. Abschnitt Geister

7. Kapitel 

"Die Kinder wurden älter,, Mária einsamer und Sádor distanzierter." (S.45)

 8. Kapitel S.51-58

"Als Sandor die nadelgrünen Vorhänge zur Seite schob und das Fenster öffnete, wusste Mária, dass sich heute die Stare versammeln würden. Vereinzelt hörte sie die Vögel auch schon in den Bäumen des Schlossgartens. Durch die offene Flügeltüre zum Bad sah Maria den Rücken ihres Mannes, der sich im Unterhemd über dem Waschbecken rasierte. [...]"  (S.51)

S.74 die gesunkene Titanic

3. Abschnitt Träume, Seite 79ff

14. Kapitel "Der Baron erfuhr erst einen Tag nach der kaiserlichen Proklamation, dass Krieg herrschte." (S.81)

S.102 f. Sandors Tod

S. 110-117 Lajos

S.121 ff. Pista

S. 132/3 Lilly beobachtet Lajos beim Sex mit Bertha

Dann bricht in die statische Welt die NS-Zeit ein (ab S.134) und Pistas Liebe zu Matilda Telke (ab S.150).

 Auf Seite 171 beginnt dann der Krieg, aus dem Abstand von Ungarn aus gesehen, doch nur aus der Sicht des verliebten Pista (wie in Goethes Osterspaziergang "hinten fern in der Türkei"), für die Erwachsenen, seit sie NS-Deutschland kennen, bedrohlich wie nichts anderes.

Darauf führt Biedermann den Benediktinermönch Pontiller ein (S.176) und mit ihm Proust und die Suche nach der verlorenen Zeit (wie in meinem Bericht in Schrägdruck). Entsprechend verschwindet auch bei Biedermann wieder die Zeit.

Kapitel 32 S.191

"Im Schatten dicht belaubter Kronen

gehen wir am Saum der Wildblumenwiese.

Der Sommerwind rauscht durch die Bäume.

Am Horizont steht wie ein Riese

der Kirchturm versunken in Abendträume [...]

Lajos ließ das Buch sinken und merkte auf einmal, dass er weinte." (S.191)


Seite 194 ff Judendeportation, Lajos arbeitet an der Organisation mit
Seite 207ff. Flucht aus dem Waldschloss im Winter
Seite 211 Eva sieht auf die Frau mit dem Kinderwagen. Das erinnert sie an Gemälde Vermeers, die ihr der Mönch in einem Buch gezeigt hatte. "Sie konnte nicht genug kriegen von diesen Frauen, die alle ihre Geschichten hatten, die vermehrt, aber nur angedeutete, ihr Leben, in das er nie mehr als einen flüchtigen Blick gewährte, als sei es ihm wichtig, Ihnen ihre Geheimnisse zu lassen und sie nicht zu entblößen. Er fand offenbar, dass die Liebesbriefe, die man am Fenster stehend, Glas, oder die Gedanken, die man hatte, während man sich Eine Perlenkette umlegte oder Milch in eine Schüssel goss, niemanden etwas angingen. Deswegen hatte er vielleicht auch nicht geschrieben und sich möglichst ferngehalten von Schriftstellern, die in ihrem Zwang, das ganze Leben und jeden noch so persönlichen Gedanken ihrer Figuren/aus zu formulieren Vergewaltiger der Existenzen und der Privatsphäre waren.(S.211/212). 
Seite 217/18 Lilly: auf der Flucht herrschen 15° Kälte
"Die junge Frau stand neben dem hellblauen Kinderwagen und riss an ihren Haaren. Zu ihren Füßen lagen schwarze Büschel. Sie weinte nicht, und auch geschrien hatte sie bloß kurz. Sie riss sich nur die Haare aus und zitterte am ganzen Körper. Der Treck hielt an, doch niemand ging zu ihr. Die Frau beugte sich über den Wagen, hob das Kind heraus und drückte es an ihre Brust. Erst da, als das Kind still blieb, obwohl die Frau heftig bebte, begriff Pista, was geschehen war.
Als sie zu Boden sank, ging eine ältere Frau zögerlich zu ihr. Sie zog den Pelzhandschuh aus, beugte sich hinab und legte ihr eine Hand auf den Rücken.
 Jeder Versuch, mit ihr zu sprechen, war erfolglos. Sie murmelte nur ununterbrochen und unverständlich vor sich hin. Schließlich zogen sie zwei Männer hoch und hoben sie auf einen Karren. Das Kind ließ sie nicht los. Der hellblaue Kinderwagen blieb im Schnee stehen. (S. 219/220)
Kapitel 37, S.222 ff. Russen, die vergewaltigen; sie lassen die Gruppe entscheiden, wer vergewaltigt werden soll, damit es nur eine Person trifft
Kapitel 38 S.227- 230  Weihnachten
Kapitel 39, S.231 Frühling, Budapest ist zerstört
Kapitel 40 S.234-37Juni in Budapest, es ist heiß
Kapitel 41 Pista sucht nach Matilda und hört schließlich, dass sie erschossen worden ist (S. 238 bis S.252)
Kapitel 42, S.255 ff, 1948 im Waldschloß, die Familie wird enteignet.
Kapitel 43 in Budapest, die Männer der Familie finden Arbeitsplätze aufgrund der Beziehungen von Lajos, aber sie haben ihr Selbstgefühl verloren (S. 259 ff.)
Kapitel 44, drei Jahre später auf einem Bauernhof in Osten
Kapitel 45 Es geht um Eva und Pista, dann kommt die Milan hinzu, Eva schläft mit ihm wegen der körperlichen Erfahrung.
Kapitel 46: "Einige Zeit, nachdem Eva hinter der Scheune [...] das erste Mal Sex hatte, suchte ein älterer Mann unter dem allabendlichen Schwindelgefühl, das die von Osten heran rollenden Gewitterwolken zusätzlich verstärkten, nach Gogols Die toten Seelen.
Er suchte schon, seit er das erste Donnergrollen vernommen hatte. Seine Bibliothek umfasste zwanzigtausend  Bände, da war es nicht überraschend, dass er das Buch nicht auf Anhieb fand. Dennoch: früher hätte er es schneller gefunden. Sein Gedächtnis ließ nach, er musste täglich an Dinge erinnert werden, die er stets gewusst hatte. [...]
Anschließend ging er zurück ins kleine Esszimmer, in dem er auch nachts schlief, legte sich auf das rosarot bezogene Sofa und sah, als er gerade das Licht löschen wollte, Die toten Seelen auf dem Nachttisch liegen." (S.274)
Kapitel 47 "Stand sie nach der Arbeit, hinter der Scheune, den Rücken an der rauen Holzwand, die trägen fliegen im Blick, er erinnerte sie sich manchmal lächelnd an die Worte ihrer Mutter, die gesagt hatte, dass Menschen nur Geschlechtsverkehr miteinander hätten, wenn sie sich sehr fest liebten. Mittlerweile wusste sie, dass das nicht stimmte, dass der Akt etwas viel zu Pragmatisches und Körperliches war, um an die Liebe geknüpft zu sein.
Hätte jemand von Milan und ihr gewusst und sie gefragt, ob sie ihn liebe, hätte sie sofort nein gesagt. Er war zu schön, zu makellos, um von ihr geliebt zu werden. [...]
Gleichzeitig war er ein junger Mann, der tun und lassen konnte, was er wollte, der keine Erwartungen erfüllen musste und jede Frau im Dorf heiraten konnte.
Sah sie ihn, seinen salzigen Geschmack im Mund, nach, wie er auf seinem roten Fahrrad nach Hause fuhr, dachte sie, dass er sehr glücklich war – und es vermutlich gar nicht wusste. (S. 276). 
Kapitel 48 "Obwohl er den georgischen Wein, den er trotz der Mäßigungsratschläge seiner Ärzte in rauen Mengen trank, gewöhnt war, fühlte er sich sehr betrunken, als er seine Gäste um vier Uhr morgens zur Tür brachte. [...] er gab Ihnen die Hand und drückte besonders fest zu, um sich die Erschöpfung nicht anmerken zu lassen. Sie warten nur auf deinen Tod, dachte er, während er Ihnen die Hände zerquetschte. Sie warten nur darauf, dass dein Griff erschlafft, der eiserne Griff des stählernen Stalin, und ihre Zeit beginnt. [...] Stalins Augen waren geschlossen. Er hörte, wie sich die Ärzte Worte zuflüsterten, ohne diese zu verstehen. In Gedanken lag er noch immer auf dem Teppich vor dem rosarot bezogenen Sofa, Die toten Seelen von Nikolai Gogol neben sich. Und während sich die Stimmen immer weiter entfern/ten, während er immer tiefer in den Kissen versank, erinnerte er sich plötzlich wieder Wort für Wort an das rätselhafte Ende dieses Buches seiner Jugend." (S. 277-280). 
[*"Nach würdelosem Jammern und Betteln um Freilassung sowie Fürbitte Murasows wird Tschitschikow begnadigt im Sinne einer Ausweisung. Dass er tatsächlich keine Läuterung erreicht hat, zeigt die Passage, mit der Tschitschikow sich aus dem Roman verabschiedet: Er lässt sich noch kurz vor seiner Abreise für den doppelten Preis in Nachtarbeit einen Maßanzug aus edlem Stoff schneidern, um sein bisheriges Leben wirkungsvoll weiterführen zu können." (Wikipedia]
Kapitel 49 Lajos ist depressiv, in Ungarn 1953 Nagy
Seite 284 Eva liest über die Emanzipation der Frau unter anderem Simone de Beauvoir und Virginia Woolf "Ein Zimmer für sich allein"
Kapitel 52: Eva und der werdende Schriftsteller Ákos, mit dem Pista befreundet ist, weil er schreibt
Kapitel 52/53: Annäherung von Eva und Ákos1956, 52: Annäherung 53 Vergewaltigung Evas durch Akos.
Kapitel 52 Pista liebt jetzt Kati; rein wegen ihres Äußeren und ihrem Auftreten. ihr Inneres interessiert ihn nicht.
Kapitel 54 Nagy bei Aufstand 1956 am 24. Oktober zum Ministerpräsidenten berufen.
Kapitel 55 Pista sucht Ákos.
Kapitel 56, die Sowjetunion, erklärt Nagy für abgesetzt und Kadar bildet die neue Regierung.
Kapitel 57 Imre wird in der psychiatrischen Anstalt von den Geschwistern Eva und Pista besucht.
Kapitel 58 Flucht von Eva und Pista im Wald an der Grenze zu Jugoslawien und dem flachen zugefrorenen Fluss.
Kapitel 59 in Jugoslawien treffen sie auf Laszlo und die schwangeren Nicoletta.
Kapitel 60 im Zug nach Zürich

"Auf einmal begriff Pista, dass er sie nie würde beschützen können. Nur da sein für sie konnte er.
Er sah sie an, bis er spürte, dass sie unter seinem Blick aufwachen würde. Dann schaute er wieder hinaus. Weiße Felder, schwarze Bäume, der Himmel blau, und ab und zu ein Bauernhof .Zagreb lag hinter ihnen – und damit die ganze Ihnen bekannte Welt.
Vor ihnen lag Zürich, der See, die weißen Schwäne und die verschneiten Berge. (Seite 331, Schluss des Romans) 

 



08 April 2025

Uwe Timm: Die Entdeckung der Currywurst

 Zweierlei zuvor:

1. Der Freund und der Fremde hat mich mehr wegen des biographischen Interesses an Benno Ohnesorg beeindruckt.

2. Bei der zweiten Lektüre  der "Currywurst" staune ich über die Deutlichkeit, mit der der Erzähler seine Fiktion, er berichte, was er von Frau Brücker erfahren habe, Lügen straft: durch genaue Beobachtung von Einzelheiten, Innensicht des Bootsmannes und anderes mehr. Die damit freilich auch die hervorragende Kenntnis des Autors über die Kriegs- und Nachkriegszeit beweist. Die "reitende Gebirgsmarine" (S.27), die als Pendant der eierlegenden Wollmilchsau die zeitgenössische Redeweise charakterisiert,  imponiert mir dabei freilich weniger als der Hinweis darauf, dass man für die Suche in den ausgebombten Häusern nach Trümmerholz einen "Berechtigungsschein" (S.26) brauchte. (Eigentlich klar, dass man, um die Fiktion von Schutz des Eigentums der Kriegsopfer solche kleine Hemmschwelle gegen das Marodieren braucht, wo doch auf Harmlosigkeiten wie das Äußern der Meinung über die hoffnungslose Situation die Strafandrohung ("Defaitismus") bis zur Todesstrafe reichte.

07 Juni 2023

Bilder aus dem jüdischen Leben

Salomon Herrmann Mosenthal:    https://de.wikipedia.org/wiki/Erzählungen_aus_dem_jüdischen_Familienleben

(Text in Gutenberg.de)

Edith Dietz:  "Den Nazis entronnen" Aus dem alltäglichen Leben von Juden in der Nazizeit.

Unter anderem: Warum Arier den Judenstern trugen und weshalb das gefährlich für sie war.



27 April 2022

Manès Sperber: Bis man mir Scherben auf die Augen legt (Autobiographie)

 Manès Sperber

Wie eine Träne im Ozean (Romantrilogie)

Zitate daraus nach "Bis man mir Scherben auf die Augen legt":

"Als ich mit dem Kommunismus brach, geschah es auch seinethalb, denn der Gedanke, dass ich auf der Seite seiner Mörder bleiben sollte, war mir unerträglich geworden. Ich fühlte fast körperlich Djukas* Nähe, als ich den 'Verbrannten Dornbusch' zu schreiben begann; einer der wesentlichen Figuren dieses Romans, Vasso Militsch, habe ich manche seiner Züge verliehen. Vasso denkt sich in der Zelle Briefe aus, die er nie schreiben wird; in einem von ihnen heißt es: 'Wenn ich tot sein werde, wird dein Leben aufhören. Es wird dein Überleben beginnen, in dem ich mitbegriffen sein werde… Mein Leben wird nur gerechtfertigt sein, wenn du meinem Tod einen Sinn gibst." (Bis man mir Scherben auf die Augen legt, S. 35)

* Đuro Cvijić Duka (Pseudonym: Krešić; Zagreb, 25. März 1896 - Moskau, 26. April 1938) war ein kroatischer Revolutionär, einer der Führer der sozialdemokratischen und kommunistischen Bewegung, politischer Sekretär der Kommunistischen Partei Jugoslawiens, Initiator der Borba und einer der besten kommunistischen Journalisten. Als Gymnasiast beteiligte er sich am Attentat auf den kroatischen Ban Cuvaj. Wegen seiner revolutionären Aktivitäten wurde er mehrfach verhaftet. In den 1920er Jahren war Đuka Cvijić der Anführer der sogenannten die "linke Fraktion" in der KPJ, die seit langem als Repräsentant der Komintern gilt.[2] In den 1930er Jahren wurde er aufgrund eines Konflikts mit der Führung aus der CPY ausgeschlossen. Er wurde zusammen mit seinem Bruder Stjepan und anderen prominenten jugoslawischen Kommunisten während der stalinistischen Säuberungen getötet." (kroatische Wikipedia, Maschinenübersetzung)

All das Vergangene. (Autobiographie)
  • Die Wasserträger Gottes. (1974)
  • Die vergebliche Warnung. (1975)
  • Bis man mir Scherben auf die Augen legt. (1977)

Zitate:
"Ich war nicht ein Emigrant, Wien war für mich nicht ein Asyl, sondern die Heimat, in die ich nun zurückkehrte, da mir Berlin – wohl für einige Zeit – verloren, verschlossen bleiben mußte. [...]
An diesem Tag, dem 24. April 1933, begann ihre Emigration. Gewiß hatten sie in Berlin Bekannte und Freunde unter jenen politischen Flüchtlingen, die seit 1919 aus Rußland, Ungarn, Italien oder aus Polen in Deutschland ein Asyl gefunden hatten. Für einige Wochen oder Monate nur, hieß es zuerst, bis der Spuk zu Hause zerstoben und die Heimkehr möglich sein würde. Die beredten, ja aufgeräumten Emigranten in meinem Coupé erwogen offenbar nicht einen Augenblick lang, daß auch in ihrem Lande der Spuk dauerhaft werden und ihr Schicksal dem jener Flüchtlinge gleichen könnte." (S.6) 

"Angesichts des Feindes diskutiert man nicht, wann gehorcht der Führung" (S. 24)
"[...] hinter alldem ging es um den Stalinschen Monolithismus, darum, dass selbst im letzten montenigrinschen Dorf niemand, der sich Kommunist nannte, auch nur um Haaresbreite von der Linie abwich, die Moskau allein bestimmte und von einem Tag auf den anderen völlig ändern, ja umkehren mochte." (S. 24)
Ein Name aber ragte hervor: Miroslav Krleža. Der ihn trug, war sehr früh berühmt geworden; ihn kannten alle, er blieb in jeder Zeile unverkennbar. Auf ihn berief sich die Partei insgeheim, wo immer sie sein Prestige nutzen konnte, denn seinethalben kamen junge Intellektuelle zum Kommunismus. [...] mit dem unter dem Titel 'Kroatischer Gott Mars' nach dem Krieg erschienenen Erzählungen errang Krleža eine einzigartige Position in der kroatischen serbo-kroatischen Literatur, die er bis auf den Tag bewahrt hat." (S. 25) 
"Karl Kraus, Jaroslaw Hašek und Miroslav Krleža enthüllten das Gesicht der Weltkriegsmacher so, daß es einer von Gelächter und Todeskampf geschüttelten Fratze glich." (S. 26)
" 'Alle Zeichen deuten auf eines hin: dass in allernächster Zukunft gewaltsame Klassenkämpfe zu erwarten sind.' Das erklärte wörtlich die Führung der KPD, das glaubten jene unter uns, die mit kurzen Fristen rechneten.
Auch wer diesen Optimisten nicht zustimmte, widersprach nicht energisch genug, denn keiner von uns konnte sich vorstellen, dass Hitlers Regime die Arbeitslosigkeit auch nur erheblich vermindern würde. [...] 
Inzwischen waren die Konzentrationslager errichtet worden; die Nachrichten, die zuerst nur spärlich durchsickerten, ließen Schlimmstes für das Schicksal der dort Internierten befürchten. Seit sie die Macht ergriffen hatten, verübten die Nazis zwar weniger Morde, als sie selbst angekündigt und wir befürchtet hatten, aber sie demütigten, misshandelten, folterten ihre Gefangenen. Dass die so mächtige Kommunistische Partei Deutschlands mit ihren Millionen Wählern nicht das Allergeringste tun konnte, um den Insassen der Konzlager zu Hilfe zu eilen, zum Beispiel einen einzigen Ausbruch zu organisieren, verstärkte den Eindruck, dass die Folgen der Niederlage die wir am 30. Januar erlitten hatten, viel weiter reichen konnten, als wir wahrhaben wollten, [...]" (S.29)
"Mich geht der Mensch an, so wie er ist und solange er für das, was er tut, die Verantwortung tragen kann. War es ein Verhängnis, dass wir alles als Eventualität vorhersehen konnten und nichts durchschauen sollten von alledem, was uns solch unnennbares Unglück und so vielen den verfrühten, gewaltsamen Tod bringen sollte? Doch was soll mir das Wort 'Verhängnis' – ein Wort aus Schauerdramen. Wir sind dagewesen, Und selbst jene, die nur Zeugen sein wollten, sind mitverantwortlich. Das Recht auf Gleichgültigkeit ist nicht unverbrüchlich, ebenso wenig das Recht auf Unwissenheit." (S.31)
"Beno war viel älter als ich, ich war auch jünger als Dora. Nun aber bin ich sehr viel älter als beide – ja, als wäre ich ihr Vater geworden. Diese fortdauernde Beziehung zu ihr wie zu ihm ist ein Teil meines Verhältnisses zu mir selbst geworden. Und ich weiß seit langem, dass solch Überleben das Dasein gefährden kann. Auch deshalb schrieb ich einmal den nur scheinbar pathetischen Satz: 'Wir werden zu den wandelnden Friedhöfen unserer ermordeten Freunde werden.'" (S. 32)
"Natürlich hat auch er sich oft genug geirrt, wie es einem jeden widerfährt, der politische Meinungen fasst und der Notwendigkeit nicht ausweichen darf, schicksalshafte Entscheidungen zu treffen." Seite 33
"Auch dadurch, dass er recht behielt ist Dukas Schicksal besiegelt worden: Er wurde einige Zeit später nach Russland gerufen und als einer der ersten unter den jugoslawischen Kommu/nisten ohne Prozess durch die GPU ermordet. [...] als ich mit dem Kommunismus brach, geschah es auch seinethalben, denn der Gedanke dass ich auf der Seite seiner Mörder bleiben sollte war unerträglich geworden.( S. 34/35)
"Wir begriffen dass die Gefangenen Ustaschi waren, die man wegen des versuchten Mords an König Tag und Nacht in Dörfern und Wäldern gesucht hatte, und dass ihre Flucht nun zu/ Ende war. Als der Zug in der Nebengasse verschwunden war, blieben wir wie angewurzelt stehen. Nicht nur das Mitleid mit den jungen Gefangenen war es, das uns überwältigte, obschon wir wussten, dass sie uns noch mehr als ihre Verfolger hassten und dass ihre Partei, käme sie zur Macht uns ohne Zögern ausschalten würde. Nein, nicht nur das Mitgefühl mit gefolterten Menschen ließ uns erstarren, sondern die Gewissheit, dass ihre Ermordung so viele andere, sinnlose noch weit grausamere Gewalttaten entfesseln würde. (S. 36/37)
"In meiner Erinnerung ist diese Begegnung mit der Empfindung durchdringender, feuchter Kälte verknüpft, als wenn Regenschauer pausenlos als auf mich niedergegangen wären, und mit dem Gefühl, dass ich mich niemals von dem logisch leicht auflösbaren Widerspruch befreien würde, von dem inneren Zwang, mich mit den Opfern zu identifizieren, indes ich sie politisch verurteilte und ihre an erzogene Mordwut verabscheute." (S.37)

Über den spanischen Bürgerkrieg:
Das 'No pasaran!' des belagerten Madrid, das bis zuletzt aushielt, war begeisternd, aber nicht für den Westen, der entschlossen war, nichts zu tun, was ihn in einen Krieg verwickeln könnte. Die Politik der Nichtintervention, welche die Republik an Franco und seine Alliierten auslieferte, missfiel der Mehrheit der Bevölkerung im noch freien Europa und beruhigte sie zugleich. Denn in Wirklichkeit wollten alle den Frieden bewahren – um jeden Preis. Fast um jeden Preis.
Und da erwies es sich, dass wir recht hatten, wir, die trotz aller Zweifel der Sowjetunion treu geblieben waren. Sie war nicht neutral, sie allein lieferte der republikanischen Armee und den internationalen Brigaden Panzer, Kanonen und Flugzeuge. Konnte man darüber aber die Moskauer Prozesse vergessen, in denen Sinowjew, Kamenjew und andere Bolschewiken selbstverleugnende Selbstanklagen erhoben, deren Haltlosigkeit jedem, der sich nicht verblenden lassen wollte, in die Augen sprang? Gleichzeitig kamen Berichte aus der Sowjetunion darüber, dass täglich zahllose Menschen gegen Ende der Nacht aus ihren Wohnungen geholt worden und verschwanden: Emigran/ten, alte deutsche Kommunisten wurden als Gestapospitzel, als Spione und Saboteure enthüllt, die gegen Stalin, Molotow und andere Attentate vorbereitet hatten; auch sie verschwanden spurlos." (S.112/113) 
"Johannes R Becher, der aus der Pariser Emigration nach Moskau geholt worden war, aber von Zeit zu Zeit in Frankreich auftauchte, schilderte in einem Anfall von Zynismus, der sich bei ihm zuweilen geistreich mit Galgenhumor verband, Anna Seghers und mir, wie Genossen, insbesondere die Funktionäre der deutschen kommunistischen Partei, im Moskauer Hotel Lux lebten: jeder darauf bedacht, sich nicht durch den Verkehr mit einem Freund zu kompromittieren, den man vielleicht in der Nacht darauf abholen würde. Im übrigen waren alle ständig bemüht, nur ja nicht aufzufallen. ''Man hört den Donner rollen, jeder zieht den Kopf ein, macht sich klein bis zur Unsichtbarkeit und hofft, dass es beim Nachbarn einschlägt. Ist es vorbei dann wagt man wieder frei zu atmen. Doch ist's es nur für eine Nacht vorbei… Man lebt in der ständigen Angst – alle, nur nicht der Genosse Pieck. [...] 
Gleichzeitig wurde in Nazideutschland und in Russland pausenlos durch Rundfunk und Presse, in Worten und Musik verkündet, dass 'das Leben bei uns so fröhlich ist wie nie vorher'. 
André Gide, der im Spätsommer von einer langen Reise durch die Sowjetunion zurückgekehrt war, berichtete in zwei Büchern [...] Jedes Mal, wenn er öffentlich oder privat vom Bürgerkrieg in Spanien sprach, antwortete ihm ein betretenes Schweigen oder eine leere Formel. Noch hatte Stalin nicht entschieden, [...]" (S. 113)
"Ich wusste, dass Süchtigkeit eine der verhängnisvollsten, die Urteilsfähigkeit und den geistigen Anstand äußerst gefährdenden Krankheiten ist, doch erkannte ich damals nicht, dass das Bedürfnis zu hoffen sich in eine nicht weniger zwingende, gefährliche Sucht verwandeln kann. Ja, ich war hoffnungssüchtig, deshalb bewahrte meine Skepsis mich davor so wenig, wie seine Erfahrung im langjährigen Umgang mit Narkomanen den giftsüchtigen Arzt heilt." (S.114)
Am 9.2.1937 wurde Arthur Koestler von Frankisten verhaftet. Er war gewarnt worden, "doch im letz/ten Augenblick war er aus dem rettenden Wagen abgesprungen und in das Haus zurückgekehrt" (S.117/18)
"In jenen Stunden wurde ich Koestlers Freund. Ich nahm mir vor, ihn allein, kam er mit dem Leben davon, in meinen Plan einzuweihen: mich vom Jugendkomité und von der Partei zurückzuziehen, mit der Partei zu brechen, vorderhand wortlos –/ sofern dies möglich war. Und damit es gelinge, hatte ich beschlossen Paris zu verlassen, nach Wien zurückzukehren und dort, abseits aller Politik, neu anzufangen.
In seinem 'Spanischen Testament' hat Köstler alles, was er damals erlitten und worüber er in der Todeszelle meditiert hat, in vorbildlicher Weise dargelegt. Als er nach Paris zurückkehrte, empfand auch eher, dass unsere Freundschaft für ihn wie für mich an Bedeutung gewonnen hatte. Was uns verband, waren nicht Erfolge, sondern das Leiden an der Zeit, an der mörderischen Maßlosigkeit von Lüge und Gewalt und schließlich der Wille zum Widerstand gegen alle ideologisch maskierte Niedertracht.
Wir waren beide im 32. Lebensjahr, beide in mehr als einem Sinne heimatlos, überaus empfindlich, doch abgehärtet gegenüber Schlägen und Entbehrungen, gegen die gefährliche Lockung von Erfolgen sowie gegen die Eingebungen der Einsamkeit." (S. 118/119)

"Da es mir psychisch unmöglich war, mich ganz vom Deutschen zu lösen, entschloss ich mich notgedrungen, ein zweisprachiger Schriftsteller zu werden – die Romane deutsch, die Essays hauptsächlich französisch zu schreiben. [...] diese Situation mag vorteilhaft erscheinen, sie ist es keineswegs. Wohl dem, der nur in einer einzigen Sprache fühlt, denkt und schreibt, selbst wenn er mehrere Sprachen beherrscht. [...]
1946 ließ Sperber als Lektor für seinen Verlag Calmann-Lévy einige deutsche Romane ins Französische übersetzen:
Während ich die von ausgezeichneten Germanisten besorgten Übertragungen überprüfte, stellte ich mit Staunen, ja mit Entsetzen fest, wie wenig kongenial die beiden Sprachen sind, so dass sie einander hoffnungslos fremd bleiben. Deshalb erstaunt es mich nicht, dass was immer ich in der einen schrieb, mir selber fremd erschien, sobald ich es In die andere Sprache zu übersetzen begann. Die sprachliche/ Bigamie bringt gewiss auch viele Vorteile, aber ich mag sie nicht. Es sind die Vorteile eines schicksalhaft Nachteils: der Entwurzeltheit.

Französisch wurde meine Sprache in jener äußerst schwierigen Situation, als ich darauf achten musste, kein deutsches Wort auszusprechen, wenn etwa gegen Ende der Nacht Polizei bei mir anklopfen sollte, und keinen Schmerzensschrei in einer anderen Sprache als der französischen auszustoßen. Damals, nach dem Debakel und besonders seit 1941 wurde Französisch meine Traum-Sprache. Aber es vergingen noch mehrere Jahre, ehe ich mich entschloss, Französisch zu schreiben, da ich bis dahin nur das als authentisch empfand, was sich mir in deutscher Sprache gleichsam aufdrängte." (S.271/72)

"In Wahrheit stellt der Autor an sich selbst und an seine Leser/ den Überanspruch, jedes neue Werk als ein neues Beginnen und gleichermaßen als eine letzte Vollendung anzuerkennen. Dieser maßlose Anspruch verrät, wie wenig er des eigenen Urteils und des Urteils der anderen sicher ist. Denn es ist nicht Selbstsicherheit und nicht das Zutrauen zu einer ererbten oder errungenen Gewissheit, die zum Schreiben drängt, sondern fast immer eine unerträgliche gewordene alte oder neue Ungewissheit, die zuweilen schmerzlich empfundene Notwendigkeit, mit sich selbst ins Reine und so endlich zu sich selbst zu kommen." (S.275/76)

Das erklärt auch, weshalb Autoren Literaturkritikern gegenüber, die ihr neuestes Werk loben sehr aufgeschlossen sind und mit Kritikern, die vielleicht alte Werke gelobt haben, aber das neuste kritisieren, nicht gut zurechtkommen. Marcel Reich-Ranicki hat dieses Phänomen als extreme Eitelkeit von Autoren gedeutet; die Erläuterung, dass es an der Unsicherheit des auf eine neue Phase zugehenden kreativen Menschen liegen könnte, spricht mich persönlich mehr an. 
Man denke, ein Kritiker hätte Goethe darauf aufmerksam gemacht, wie viel steifer sein Tasso gegenüber seinem Werther sei. Goethe hätte das gewiss nicht zu schätzen gewusst. Und das nicht ohne Berechtigung. 
Der bekannteste Fall ist wohl Thomas Mann, der es nicht zu schätzen wusste, dass man ihm dem über 50jährigen den Nobelpreis für die Buddenbrooks, das Werk eines 25jährigen, und nicht für die Werke seiner Reifezeit. verliehen hat. (Fontanefan)

Epilog
"[...] Mit den Jahren bin ich dem Tod, diesem nicht endenwollenden Skandal gegenüber toleranter geworden; ich finde mich ohne Widerstreben damit ab, dass alte Menschen sterben. Hingegen ruft das Ableben junger Menschen in mir eine schmerzhafte Empörung, eine tiefe Trauer und ein stummes Gefühl missbrauchter Wehrlosigkeit hervor. Auch deswegen bewirkt der Gedanke an die nekrologische Fußnote, die meine Erinnerungen an 'All das Vergangene ...' eines Tages endgültig abschließen wird, mit keinerlei Gemütsbewegung: ich werde als alter Mann sterben. [...] 
Auch wir sind ja nicht klüger, als es die Juden oder die Griechen der Antike waren, und obschon wir viel reicher sind an Wissen und Erfahrungen, begehen wir keineswegs weniger Fehler im Denken und Urteilen, im individuellen und politischen Tun. [...] 
Damals schon drängte sich mir die scheinbar so banale, doch in der Tat beunruhigende Wahrheit auf: Nichts hat mit uns begonnen, nichts wird mit uns enden. Ja, und das meine ich, wenn ich von meinem Glauben an die kleine irdische Ewigkeit alles Menschlichen spreche." (S.278-280)