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13 Januar 2026

Nelio Biedermann: Lázár

https://www.perlentaucher.de/buch/nelio-biedermann/lazar.html

1.Abschnitt Das Glaskind 1. Kapitel S.11 ff

"Am Rand des dunklen Waldes lag noch der Schnee des verendeten Jahrhunderts, als Lajos von Lázár, das durchsichtige Kind mit den wasserblauen Augen, zum ersten Mal den Mann erblickt, den es bis über seinen Tod hinaus für seinen Vater halten wird.
Es war der Tag der drei Könige – der Wald schluckte das letzte trübblaue Licht. Das Zimmer, in dem der Junge geboren wurde, lag im Westflügel des Waldschlosses, gleich neben dem blaugestrichenen, das sie nie jemand betrat. [...]
Er war nicht wie sein Bruder, nicht wie seine Mutter, nur etwas unruhig war er, was niemanden verwundern durfte, schließlich hatte seine Frau gerade ein Kind geboren, unter dessen transparenter Haut man die kleinen Organe sehen konnte. /  Das Abendessen nahm der Baron nur im Gesellschaft seiner sechsjährigen Tochter ein, die sich ganz und gar nicht über die Geburt ihres Bruders freute. Als Ida, das deutsche Kindermädchen, Ilona ins Zimmer geführt hatte, hatte diese das schrumpelige, bläulichblasse und völlig verquollene Geschöpf mit ernsten Ausdruck angesehen, die braunen Augen zusammen gekniffen und trocken gesagt: 'Es ist sehr hässlich.'
Dann war sie zu ihrem Vater geeilt, der ihr bleiches Gesicht nicht hatte deuten können und das Fenster deshalb geschlossen ließ, und hatte ihm auf die glänzende Lederschuhe und die braun karierte Hose gekotzt.("S. 11/12). 

Biedermann hat Proust gelesen. 130 Seiten schöne Worte ohne Handlung. Soll man doch auf sie warten. Hauptsache, die Welt ist fremd und die nur allzu bekannten Probleme sind fern.

5. Kapitel 

"Mária, die von den schweren Tritten im Treppenhaus geweckt worden war, dachte an ihren Pál - und Ida, die durch den Stirnkuss wachgeworden war, dachte an ihren Paul." (S.36)

2. Abschnitt Geister

7. Kapitel 

"Die Kinder wurden älter,, Mária einsamer und Sádor distanzierter." (S.45)

 8. Kapitel S.51-58

"Als Sandor die nadelgrünen Vorhänge zur Seite schob und das Fenster öffnete, wusste Mária, dass sich heute die Stare versammeln würden. Vereinzelt hörte sie die Vögel auch schon in den Bäumen des Schlossgartens. Durch die offene Flügeltüre zum Bad sah Maria den Rücken ihres Mannes, der sich im Unterhemd über dem Waschbecken rasierte. [...]"  (S.51)

S.74 die gesunkene Titanic

3. Abschnitt Träume, Seite 79ff

14. Kapitel "Der Baron erfuhr erst einen Tag nach der kaiserlichen Proklamation, dass Krieg herrschte." (S.81)

S.102 f. Sandors Tod

S. 110-117 Lajos

S.121 ff. Pista

S. 132/3 Lilly beobachtet Lajos beim Sex mit Bertha

Dann bricht in die statische Welt die NS-Zeit ein (ab S.134) und Pistas Liebe zu Matilda Telke (ab S.150).

 Auf Seite 171 beginnt dann der Krieg, aus dem Abstand von Ungarn aus gesehen, doch nur aus der Sicht des verliebten Pista (wie in Goethes Osterspaziergang "hinten fern in der Türkei"), für die Erwachsenen, seit sie NS-Deutschland kennen, bedrohlich wie nichts anderes.

Darauf führt Biedermann den Benediktinermönch Pontiller ein (S.176) und mit ihm Proust und die Suche nach der verlorenen Zeit (wie in meinem Bericht in Schrägdruck). Entsprechend verschwindet auch bei Biedermann wieder die Zeit.

Kapitel 32 S.191

"Im Schatten dicht belaubter Kronen

gehen wir am Saum der Wildblumenwiese.

Der Sommerwind rauscht durch die Bäume.

Am Horizont steht wie ein Riese

der Kirchturm versunken in Abendträume [...]

Lajos ließ das Buch sinken und merkte auf einmal, dass er weinte." (S.191)


Seite 194 ff Judendeportation, Lajos arbeitet an der Organisation mit
Seite 207ff. Flucht aus dem Waldschloss im Winter
Seite 211 Eva sieht auf die Frau mit dem Kinderwagen. Das erinnert sie an Gemälde Vermeers, die ihr der Mönch in einem Buch gezeigt hatte. "Sie konnte nicht genug kriegen von diesen Frauen, die alle ihre Geschichten hatten, die vermehrt, aber nur angedeutete, ihr Leben, in das er nie mehr als einen flüchtigen Blick gewährte, als sei es ihm wichtig, Ihnen ihre Geheimnisse zu lassen und sie nicht zu entblößen. Er fand offenbar, dass die Liebesbriefe, die man am Fenster stehend, Glas, oder die Gedanken, die man hatte, während man sich Eine Perlenkette umlegte oder Milch in eine Schüssel goss, niemanden etwas angingen. Deswegen hatte er vielleicht auch nicht geschrieben und sich möglichst ferngehalten von Schriftstellern, die in ihrem Zwang, das ganze Leben und jeden noch so persönlichen Gedanken ihrer Figuren/aus zu formulieren Vergewaltiger der Existenzen und der Privatsphäre waren.(S.211/212). 
Seite 217/18 Lilly: auf der Flucht herrschen 15° Kälte
"Die junge Frau stand neben dem hellblauen Kinderwagen und riss an ihren Haaren. Zu ihren Füßen lagen schwarze Büschel. Sie weinte nicht, und auch geschrien hatte sie bloß kurz. Sie riss sich nur die Haare aus und zitterte am ganzen Körper. Der Treck hielt an, doch niemand ging zu ihr. Die Frau beugte sich über den Wagen, hob das Kind heraus und drückte es an ihre Brust. Erst da, als das Kind still blieb, obwohl die Frau heftig bebte, begriff Pista, was geschehen war.
Als sie zu Boden sank, ging eine ältere Frau zögerlich zu ihr. Sie zog den Pelzhandschuh aus, beugte sich hinab und legte ihr eine Hand auf den Rücken.
 Jeder Versuch, mit ihr zu sprechen, war erfolglos. Sie murmelte nur ununterbrochen und unverständlich vor sich hin. Schließlich zogen sie zwei Männer hoch und hoben sie auf einen Karren. Das Kind ließ sie nicht los. Der hellblaue Kinderwagen blieb im Schnee stehen. (S. 219/220)
Kapitel 37, S.222 ff. Russen, die vergewaltigen; sie lassen die Gruppe entscheiden, wer vergewaltigt werden soll, damit es nur eine Person trifft
Kapitel 38 S.227- 230  Weihnachten
Kapitel 39, S.231 Frühling, Budapest ist zerstört
Kapitel 40 S.234-37Juni in Budapest, es ist heiß
Kapitel 41 Pista sucht nach Matilda und hört schließlich, dass sie erschossen worden ist (S. 238 bis S.252)
Kapitel 42, S.255 ff, 1948 im Waldschloß, die Familie wird enteignet.
Kapitel 43 in Budapest, die Männer der Familie finden Arbeitsplätze aufgrund der Beziehungen von Lajos, aber sie haben ihr Selbstgefühl verloren (S. 259 ff.)
Kapitel 44, drei Jahre später auf einem Bauernhof in Osten
Kapitel 45 Es geht um Eva und Pista, dann kommt die Milan hinzu, Eva schläft mit ihm wegen der körperlichen Erfahrung.
Kapitel 46: "Einige Zeit, nachdem Eva hinter der Scheune [...] das erste Mal Sex hatte, suchte ein älterer Mann unter dem allabendlichen Schwindelgefühl, das die von Osten heran rollenden Gewitterwolken zusätzlich verstärkten, nach Gogols Die toten Seelen.
Er suchte schon, seit er das erste Donnergrollen vernommen hatte. Seine Bibliothek umfasste zwanzigtausend  Bände, da war es nicht überraschend, dass er das Buch nicht auf Anhieb fand. Dennoch: früher hätte er es schneller gefunden. Sein Gedächtnis ließ nach, er musste täglich an Dinge erinnert werden, die er stets gewusst hatte. [...]
Anschließend ging er zurück ins kleine Esszimmer, in dem er auch nachts schlief, legte sich auf das rosarot bezogene Sofa und sah, als er gerade das Licht löschen wollte, Die toten Seelen auf dem Nachttisch liegen." (S.274)
Kapitel 47 "Stand sie nach der Arbeit, hinter der Scheune, den Rücken an der rauen Holzwand, die trägen fliegen im Blick, er erinnerte sie sich manchmal lächelnd an die Worte ihrer Mutter, die gesagt hatte, dass Menschen nur Geschlechtsverkehr miteinander hätten, wenn sie sich sehr fest liebten. Mittlerweile wusste sie, dass das nicht stimmte, dass der Akt etwas viel zu Pragmatisches und Körperliches war, um an die Liebe geknüpft zu sein.
Hätte jemand von Milan und ihr gewusst und sie gefragt, ob sie ihn liebe, hätte sie sofort nein gesagt. Er war zu schön, zu makellos, um von ihr geliebt zu werden. [...]
Gleichzeitig war er ein junger Mann, der tun und lassen konnte, was er wollte, der keine Erwartungen erfüllen musste und jede Frau im Dorf heiraten konnte.
Sah sie ihn, seinen salzigen Geschmack im Mund, nach, wie er auf seinem roten Fahrrad nach Hause fuhr, dachte sie, dass er sehr glücklich war – und es vermutlich gar nicht wusste. (S. 276). 
Kapitel 48 "Obwohl er den georgischen Wein, den er trotz der Mäßigungsratschläge seiner Ärzte in rauen Mengen trank, gewöhnt war, fühlte er sich sehr betrunken, als er seine Gäste um vier Uhr morgens zur Tür brachte. [...] er gab Ihnen die Hand und drückte besonders fest zu, um sich die Erschöpfung nicht anmerken zu lassen. Sie warten nur auf deinen Tod, dachte er, während er Ihnen die Hände zerquetschte. Sie warten nur darauf, dass dein Griff erschlafft, der eiserne Griff des stählernen Stalin, und ihre Zeit beginnt. [...] Stalins Augen waren geschlossen. Er hörte, wie sich die Ärzte Worte zuflüsterten, ohne diese zu verstehen. In Gedanken lag er noch immer auf dem Teppich vor dem rosarot bezogenen Sofa, Die toten Seelen von Nikolai Gogol neben sich. Und während sich die Stimmen immer weiter entfern/ten, während er immer tiefer in den Kissen versank, erinnerte er sich plötzlich wieder Wort für Wort an das rätselhafte Ende dieses Buches seiner Jugend." (S. 277-280). 
[*"Nach würdelosem Jammern und Betteln um Freilassung sowie Fürbitte Murasows wird Tschitschikow begnadigt im Sinne einer Ausweisung. Dass er tatsächlich keine Läuterung erreicht hat, zeigt die Passage, mit der Tschitschikow sich aus dem Roman verabschiedet: Er lässt sich noch kurz vor seiner Abreise für den doppelten Preis in Nachtarbeit einen Maßanzug aus edlem Stoff schneidern, um sein bisheriges Leben wirkungsvoll weiterführen zu können." (Wikipedia]
Kapitel 49 Lajos ist depressiv, in Ungarn 1953 Nagy
Seite 284 Eva liest über die Emanzipation der Frau unter anderem Simone de Beauvoir und Virginia Woolf "Ein Zimmer für sich allein"
Kapitel 52: Eva und der werdende Schriftsteller Ákos, mit dem Pista befreundet ist, weil er schreibt
Kapitel 52/53: Annäherung von Eva und Ákos1956, 52: Annäherung 53 Vergewaltigung Evas durch Akos.
Kapitel 52 Pista liebt jetzt Kati; rein wegen ihres Äußeren und ihrem Auftreten. ihr Inneres interessiert ihn nicht.
Kapitel 54 Nagy bei Aufstand 1956 am 24. Oktober zum Ministerpräsidenten berufen.
Kapitel 55 Pista sucht Ákos.
Kapitel 56, die Sowjetunion, erklärt Nagy für abgesetzt und Kadar bildet die neue Regierung.
Kapitel 57 Imre wird in der psychiatrischen Anstalt von den Geschwistern Eva und Pista besucht.
Kapitel 58 Flucht von Eva und Pista im Wald an der Grenze zu Jugoslawien und dem flachen zugefrorenen Fluss.
Kapitel 59 in Jugoslawien treffen sie auf Laszlo und die schwangeren Nicoletta.
Kapitel 60 im Zug nach Zürich

"Auf einmal begriff Pista, dass er sie nie würde beschützen können. Nur da sein für sie konnte er.
Er sah sie an, bis er spürte, dass sie unter seinem Blick aufwachen würde. Dann schaute er wieder hinaus. Weiße Felder, schwarze Bäume, der Himmel blau, und ab und zu ein Bauernhof .Zagreb lag hinter ihnen – und damit die ganze Ihnen bekannte Welt.
Vor ihnen lag Zürich, der See, die weißen Schwäne und die verschneiten Berge. (Seite 331, Schluss des Romans) 

 



08 April 2025

Uwe Timm: Die Entdeckung der Currywurst

 Zweierlei zuvor:

1. Der Freund und der Fremde hat mich mehr wegen des biographischen Interesses an Benno Ohnesorg beeindruckt.

2. Bei der zweiten Lektüre  der "Currywurst" staune ich über die Deutlichkeit, mit der der Erzähler seine Fiktion, er berichte, was er von Frau Brücker erfahren habe, Lügen straft: durch genaue Beobachtung von Einzelheiten, Innensicht des Bootsmannes und anderes mehr. Die damit freilich auch die hervorragende Kenntnis des Autors über die Kriegs- und Nachkriegszeit beweist. Die "reitende Gebirgsmarine" (S.27), die als Pendant der eierlegenden Wollmilchsau die zeitgenössische Redeweise charakterisiert,  imponiert mir dabei freilich weniger als der Hinweis darauf, dass man für die Suche in den ausgebombten Häusern nach Trümmerholz einen "Berechtigungsschein" (S.26) brauchte. (Eigentlich klar, dass man, um die Fiktion von Schutz des Eigentums der Kriegsopfer solche kleine Hemmschwelle gegen das Marodieren braucht, wo doch auf Harmlosigkeiten wie das Äußern der Meinung über die hoffnungslose Situation die Strafandrohung ("Defaitismus") bis zur Todesstrafe reichte.

07 Juni 2023

Bilder aus dem jüdischen Leben

Salomon Herrmann Mosenthal:    https://de.wikipedia.org/wiki/Erzählungen_aus_dem_jüdischen_Familienleben

(Text in Gutenberg.de)

Edith Dietz:  "Den Nazis entronnen" Aus dem alltäglichen Leben von Juden in der Nazizeit.

Unter anderem: Warum Arier den Judenstern trugen und weshalb das gefährlich für sie war.



27 April 2022

Manès Sperber: Bis man mir Scherben auf die Augen legt (Autobiographie)

 Manès Sperber

Wie eine Träne im Ozean (Romantrilogie)

Zitate daraus nach "Bis man mir Scherben auf die Augen legt":

"Als ich mit dem Kommunismus brach, geschah es auch seinethalb, denn der Gedanke, dass ich auf der Seite seiner Mörder bleiben sollte, war mir unerträglich geworden. Ich fühlte fast körperlich Djukas* Nähe, als ich den 'Verbrannten Dornbusch' zu schreiben begann; einer der wesentlichen Figuren dieses Romans, Vasso Militsch, habe ich manche seiner Züge verliehen. Vasso denkt sich in der Zelle Briefe aus, die er nie schreiben wird; in einem von ihnen heißt es: 'Wenn ich tot sein werde, wird dein Leben aufhören. Es wird dein Überleben beginnen, in dem ich mitbegriffen sein werde… Mein Leben wird nur gerechtfertigt sein, wenn du meinem Tod einen Sinn gibst." (Bis man mir Scherben auf die Augen legt, S. 35)

Đuro Cvijić Duka (Pseudonym: Krešić; Zagreb, 25. März 1896 - Moskau, 26. April 1938) war ein kroatischer Revolutionär, einer der Führer der sozialdemokratischen und kommunistischen Bewegung, politischer Sekretär der Kommunistischen Partei Jugoslawiens, Initiator der Borba und einer der besten kommunistischen Journalisten. Als Gymnasiast beteiligte er sich am Attentat auf den kroatischen Ban Cuvaj. Wegen seiner revolutionären Aktivitäten wurde er mehrfach verhaftet. In den 1920er Jahren war Đuka Cvijić der Anführer der sogenannten die "linke Fraktion" in der KPJ, die seit langem als Repräsentant der Komintern gilt.[2] In den 1930er Jahren wurde er aufgrund eines Konflikts mit der Führung aus der CPY ausgeschlossen. Er wurde zusammen mit seinem Bruder Stjepan und anderen prominenten jugoslawischen Kommunisten während der stalinistischen Säuberungen getötet." (kroatische Wikipedia, Maschinenübersetzung)

All das Vergangene. (Autobiographie)
  • Die Wasserträger Gottes. (1974)
  • Die vergebliche Warnung. (1975)
  • Bis man mir Scherben auf die Augen legt. (1977)

Zitate:
"Ich war nicht ein Emigrant, Wien war für mich nicht ein Asyl, sondern die Heimat, in die ich nun zurückkehrte, da mir Berlin – wohl für einige Zeit – verloren, verschlossen bleiben mußte. [...]
An diesem Tag, dem 24. April 1933, begann ihre Emigration. Gewiß hatten sie in Berlin Bekannte und Freunde unter jenen politischen Flüchtlingen, die seit 1919 aus Rußland, Ungarn, Italien oder aus Polen in Deutschland ein Asyl gefunden hatten. Für einige Wochen oder Monate nur, hieß es zuerst, bis der Spuk zu Hause zerstoben und die Heimkehr möglich sein würde. Die beredten, ja aufgeräumten Emigranten in meinem Coupé erwogen offenbar nicht einen Augenblick lang, daß auch in ihrem Lande der Spuk dauerhaft werden und ihr Schicksal dem jener Flüchtlinge gleichen könnte." (S.6) 

"Angesichts des Feindes diskutiert man nicht, wann gehorcht der Führung" (S. 24)
"[...] hinter alldem ging es um den Stalinschen Monolithismus, darum, dass selbst im letzten montenigrinschen Dorf niemand, der sich Kommunist nannte, auch nur um Haaresbreite von der Linie abwich, die Moskau allein bestimmte und von einem Tag auf den anderen völlig ändern, ja umkehren mochte." (S. 24)
Ein Name aber ragte hervor: Miroslav Krleža. Der ihn trug, war sehr früh berühmt geworden; ihn kannten alle, er blieb in jeder Zeile unverkennbar. Auf ihn berief sich die Partei insgeheim, wo immer sie sein Prestige nutzen konnte, denn seinethalben kamen junge Intellektuelle zum Kommunismus. [...] mit dem unter dem Titel 'Kroatischer Gott Mars' nach dem Krieg erschienenen Erzählungen errang Krleža eine einzigartige Position in der kroatischen serbo-kroatischen Literatur, die er bis auf den Tag bewahrt hat." (S. 25) 
"Karl Kraus, Jaroslaw Hašek und Miroslav Krleža enthüllten das Gesicht der Weltkriegsmacher so, daß es einer von Gelächter und Todeskampf geschüttelten Fratze glich." (S. 26)
" 'Alle Zeichen deuten auf eines hin: dass in allernächster Zukunft gewaltsame Klassenkämpfe zu erwarten sind.' Das erklärte wörtlich die Führung der KPD, das glaubten jene unter uns, die mit kurzen Fristen rechneten.
Auch wer diesen Optimisten nicht zustimmte, widersprach nicht energisch genug, denn keiner von uns konnte sich vorstellen, dass Hitlers Regime die Arbeitslosigkeit auch nur erheblich vermindern würde. [...] 
Inzwischen waren die Konzentrationslager errichtet worden; die Nachrichten, die zuerst nur spärlich durchsickerten, ließen Schlimmstes für das Schicksal der dort Internierten befürchten. Seit sie die Macht ergriffen hatten, verübten die Nazis zwar weniger Morde, als sie selbst angekündigt und wir befürchtet hatten, aber sie demütigten, misshandelten, folterten ihre Gefangenen. Dass die so mächtige Kommunistische Partei Deutschlands mit ihren Millionen Wählern nicht das Allergeringste tun konnte, um den Insassen der Konzlager zu Hilfe zu eilen, zum Beispiel einen einzigen Ausbruch zu organisieren, verstärkte den Eindruck, dass die Folgen der Niederlage die wir am 30. Januar erlitten hatten, viel weiter reichen konnten, als wir wahrhaben wollten, [...]" (S.29)
"Mich geht der Mensch an, so wie er ist und solange er für das, was er tut, die Verantwortung tragen kann. War es ein Verhängnis, dass wir alles als Eventualität vorhersehen konnten und nichts durchschauen sollten von alledem, was uns solch unnennbares Unglück und so vielen den verfrühten, gewaltsamen Tod bringen sollte? Doch was soll mir das Wort 'Verhängnis' – ein Wort aus Schauerdramen. Wir sind dagewesen, Und selbst jene, die nur Zeugen sein wollten, sind mitverantwortlich. Das Recht auf Gleichgültigkeit ist nicht unverbrüchlich, ebenso wenig das Recht auf Unwissenheit." (S.31)
"Beno war viel älter als ich, ich war auch jünger als Dora. Nun aber bin ich sehr viel älter als beide – ja, als wäre ich ihr Vater geworden. Diese fortdauernde Beziehung zu ihr wie zu ihm ist ein Teil meines Verhältnisses zu mir selbst geworden. Und ich weiß seit langem, dass solch Überleben das Dasein gefährden kann. Auch deshalb schrieb ich einmal den nur scheinbar pathetischen Satz: 'Wir werden zu den wandelnden Friedhöfen unserer ermordeten Freunde werden.'" (S. 32)
"Natürlich hat auch er sich oft genug geirrt, wie es einem jeden widerfährt, der politische Meinungen fasst und der Notwendigkeit nicht ausweichen darf, schicksalshafte Entscheidungen zu treffen." Seite 33
"Auch dadurch, dass er recht behielt ist Dukas Schicksal besiegelt worden: Er wurde einige Zeit später nach Russland gerufen und als einer der ersten unter den jugoslawischen Kommu/nisten ohne Prozess durch die GPU ermordet. [...] als ich mit dem Kommunismus brach, geschah es auch seinethalben, denn der Gedanke dass ich auf der Seite seiner Mörder bleiben sollte war unerträglich geworden.( S. 34/35)
"Wir begriffen dass die Gefangenen Ustaschi waren, die man wegen des versuchten Mords an König Tag und Nacht in Dörfern und Wäldern gesucht hatte, und dass ihre Flucht nun zu/ Ende war. Als der Zug in der Nebengasse verschwunden war, blieben wir wie angewurzelt stehen. Nicht nur das Mitleid mit den jungen Gefangenen war es, das uns überwältigte, obschon wir wussten, dass sie uns noch mehr als ihre Verfolger hassten und dass ihre Partei, käme sie zur Macht uns ohne Zögern ausschalten würde. Nein, nicht nur das Mitgefühl mit gefolterten Menschen ließ uns erstarren, sondern die Gewissheit, dass ihre Ermordung so viele andere, sinnlose noch weit grausamere Gewalttaten entfesseln würde. (S. 36/37)
"In meiner Erinnerung ist diese Begegnung mit der Empfindung durchdringender, feuchter Kälte verknüpft, als wenn Regenschauer pausenlos als auf mich niedergegangen wären, und mit dem Gefühl, dass ich mich niemals von dem logisch leicht auflösbaren Widerspruch befreien würde, von dem inneren Zwang, mich mit den Opfern zu identifizieren, indes ich sie politisch verurteilte und ihre an erzogene Mordwut verabscheute." (S.37)

Über den spanischen Bürgerkrieg:
Das 'No pasaran!' des belagerten Madrid, das bis zuletzt aushielt, war begeisternd, aber nicht für den Westen, der entschlossen war, nichts zu tun, was ihn in einen Krieg verwickeln könnte. Die Politik der Nichtintervention, welche die Republik an Franco und seine Alliierten auslieferte, missfiel der Mehrheit der Bevölkerung im noch freien Europa und beruhigte sie zugleich. Denn in Wirklichkeit wollten alle den Frieden bewahren – um jeden Preis. Fast um jeden Preis.
Und da erwies es sich, dass wir recht hatten, wir, die trotz aller Zweifel der Sowjetunion treu geblieben waren. Sie war nicht neutral, sie allein lieferte der republikanischen Armee und den internationalen Brigaden Panzer, Kanonen und Flugzeuge. Konnte man darüber aber die Moskauer Prozesse vergessen, in denen Sinowjew, Kamenjew und andere Bolschewiken selbstverleugnende Selbstanklagen erhoben, deren Haltlosigkeit jedem, der sich nicht verblenden lassen wollte, in die Augen sprang? Gleichzeitig kamen Berichte aus der Sowjetunion darüber, dass täglich zahllose Menschen gegen Ende der Nacht aus ihren Wohnungen geholt worden und verschwanden: Emigran/ten, alte deutsche Kommunisten wurden als Gestapospitzel, als Spione und Saboteure enthüllt, die gegen Stalin, Molotow und andere Attentate vorbereitet hatten; auch sie verschwanden spurlos." (S.112/113) 
"Johannes R Becher, der aus der Pariser Emigration nach Moskau geholt worden war, aber von Zeit zu Zeit in Frankreich auftauchte, schilderte in einem Anfall von Zynismus, der sich bei ihm zuweilen geistreich mit Galgenhumor verband, Anna Seghers und mir, wie Genossen, insbesondere die Funktionäre der deutschen kommunistischen Partei, im Moskauer Hotel Lux lebten: jeder darauf bedacht, sich nicht durch den Verkehr mit einem Freund zu kompromittieren, den man vielleicht in der Nacht darauf abholen würde. Im übrigen waren alle ständig bemüht, nur ja nicht aufzufallen. ''Man hört den Donner rollen, jeder zieht den Kopf ein, macht sich klein bis zur Unsichtbarkeit und hofft, dass es beim Nachbarn einschlägt. Ist es vorbei dann wagt man wieder frei zu atmen. Doch ist's es nur für eine Nacht vorbei… Man lebt in der ständigen Angst – alle, nur nicht der Genosse Pieck. [...] 
Gleichzeitig wurde in Nazideutschland und in Russland pausenlos durch Rundfunk und Presse, in Worten und Musik verkündet, dass 'das Leben bei uns so fröhlich ist wie nie vorher'. 
André Gide, der im Spätsommer von einer langen Reise durch die Sowjetunion zurückgekehrt war, berichtete in zwei Büchern [...] Jedes Mal, wenn er öffentlich oder privat vom Bürgerkrieg in Spanien sprach, antwortete ihm ein betretenes Schweigen oder eine leere Formel. Noch hatte Stalin nicht entschieden, [...]" (S. 113)
"Ich wusste, dass Süchtigkeit eine der verhängnisvollsten, die Urteilsfähigkeit und den geistigen Anstand äußerst gefährdenden Krankheiten ist, doch erkannte ich damals nicht, dass das Bedürfnis zu hoffen sich in eine nicht weniger zwingende, gefährliche Sucht verwandeln kann. Ja, ich war hoffnungssüchtig, deshalb bewahrte meine Skepsis mich davor so wenig, wie seine Erfahrung im langjährigen Umgang mit Narkomanen den giftsüchtigen Arzt heilt." (S.114)
Am 9.2.1937 wurde Arthur Koestler von Frankisten verhaftet. Er war gewarnt worden, "doch im letz/ten Augenblick war er aus dem rettenden Wagen abgesprungen und in das Haus zurückgekehrt" (S.117/18)
"In jenen Stunden wurde ich Koestlers Freund. Ich nahm mir vor, ihn allein, kam er mit dem Leben davon, in meinen Plan einzuweihen: mich vom Jugendkomité und von der Partei zurückzuziehen, mit der Partei zu brechen, vorderhand wortlos –/ sofern dies möglich war. Und damit es gelinge, hatte ich beschlossen Paris zu verlassen, nach Wien zurückzukehren und dort, abseits aller Politik, neu anzufangen.
In seinem 'Spanischen Testament' hat Köstler alles, was er damals erlitten und worüber er in der Todeszelle meditiert hat, in vorbildlicher Weise dargelegt. Als er nach Paris zurückkehrte, empfand auch eher, dass unsere Freundschaft für ihn wie für mich an Bedeutung gewonnen hatte. Was uns verband, waren nicht Erfolge, sondern das Leiden an der Zeit, an der mörderischen Maßlosigkeit von Lüge und Gewalt und schließlich der Wille zum Widerstand gegen alle ideologisch maskierte Niedertracht.
Wir waren beide im 32. Lebensjahr, beide in mehr als einem Sinne heimatlos, überaus empfindlich, doch abgehärtet gegenüber Schlägen und Entbehrungen, gegen die gefährliche Lockung von Erfolgen sowie gegen die Eingebungen der Einsamkeit." (S. 118/119)

"Da es mir psychisch unmöglich war, mich ganz vom Deutschen zu lösen, entschloss ich mich notgedrungen, ein zweisprachiger Schriftsteller zu werden – die Romane deutsch, die Essays hauptsächlich französisch zu schreiben. [...] diese Situation mag vorteilhaft erscheinen, sie ist es keineswegs. Wohl dem, der nur in einer einzigen Sprache fühlt, denkt und schreibt, selbst wenn er mehrere Sprachen beherrscht. [...]
1946 ließ Sperber als Lektor für seinen Verlag Calmann-Lévy einige deutsche Romane ins Französische übersetzen:
Während ich die von ausgezeichneten Germanisten besorgten Übertragungen überprüfte, stellte ich mit Staunen, ja mit Entsetzen fest, wie wenig kongenial die beiden Sprachen sind, so dass sie einander hoffnungslos fremd bleiben. Deshalb erstaunt es mich nicht, dass was immer ich in der einen schrieb, mir selber fremd erschien, sobald ich es In die andere Sprache zu übersetzen begann. Die sprachliche/ Bigamie bringt gewiss auch viele Vorteile, aber ich mag sie nicht. Es sind die Vorteile eines schicksalhaft Nachteils: der Entwurzeltheit.

Französisch wurde meine Sprache in jener äußerst schwierigen Situation, als ich darauf achten musste, kein deutsches Wort auszusprechen, wenn etwa gegen Ende der Nacht Polizei bei mir anklopfen sollte, und keinen Schmerzensschrei in einer anderen Sprache als der französischen auszustoßen. Damals, nach dem Debakel und besonders seit 1941 wurde Französisch meine Traum-Sprache. Aber es vergingen noch mehrere Jahre, ehe ich mich entschloss, Französisch zu schreiben, da ich bis dahin nur das als authentisch empfand, was sich mir in deutscher Sprache gleichsam aufdrängte." (S.271/72)

"In Wahrheit stellt der Autor an sich selbst und an seine Leser/ den Überanspruch, jedes neue Werk als ein neues Beginnen und gleichermaßen als eine letzte Vollendung anzuerkennen. Dieser maßlose Anspruch verrät, wie wenig er des eigenen Urteils und des Urteils der anderen sicher ist. Denn es ist nicht Selbstsicherheit und nicht das Zutrauen zu einer ererbten oder errungenen Gewissheit, die zum Schreiben drängt, sondern fast immer eine unerträgliche gewordene alte oder neue Ungewissheit, die zuweilen schmerzlich empfundene Notwendigkeit, mit sich selbst ins Reine und so endlich zu sich selbst zu kommen." (S.275/76)

Das erklärt auch, weshalb Autoren Literaturkritikern gegenüber, die ihr neuestes Werk loben sehr aufgeschlossen sind und mit Kritikern, die vielleicht alte Werke gelobt haben, aber das neuste kritisieren, nicht gut zurechtkommen. Marcel Reich-Ranicki hat dieses Phänomen als extreme Eitelkeit von Autoren gedeutet; die Erläuterung, dass es an der Unsicherheit des auf eine neue Phase zugehenden kreativen Menschen liegen könnte, spricht mich persönlich mehr an. 
Man denke, ein Kritiker hätte Goethe darauf aufmerksam gemacht, wie viel steifer sein Tasso gegenüber seinem Werther sei. Goethe hätte das gewiss nicht zu schätzen gewusst. Und das nicht ohne Berechtigung. 
Der bekannteste Fall ist wohl Thomas Mann, der es nicht zu schätzen wusste, dass man ihm dem über 50jährigen den Nobelpreis für die Buddenbrooks, das Werk eines 25jährigen, und nicht für die Werke seiner Reifezeit. verliehen hat. (Fontanefan)

Epilog
"[...] Mit den Jahren bin ich dem Tod, diesem nicht endenwollenden Skandal gegenüber toleranter geworden; ich finde mich ohne Widerstreben damit ab, dass alte Menschen sterben. Hingegen ruft das Ableben junger Menschen in mir eine schmerzhafte Empörung, eine tiefe Trauer und ein stummes Gefühl missbrauchter Wehrlosigkeit hervor. Auch deswegen bewirkt der Gedanke an die nekrologische Fußnote, die meine Erinnerungen an 'All das Vergangene ...' eines Tages endgültig abschließen wird, mit keinerlei Gemütsbewegung: ich werde als alter Mann sterben. [...] 
Auch wir sind ja nicht klüger, als es die Juden oder die Griechen der Antike waren, und obschon wir viel reicher sind an Wissen und Erfahrungen, begehen wir keineswegs weniger Fehler im Denken und Urteilen, im individuellen und politischen Tun. [...] 
Damals schon drängte sich mir die scheinbar so banale, doch in der Tat beunruhigende Wahrheit auf: Nichts hat mit uns begonnen, nichts wird mit uns enden. Ja, und das meine ich, wenn ich von meinem Glauben an die kleine irdische Ewigkeit alles Menschlichen spreche." (S.278-280)

25 Mai 2020

Sebastian Haffner: Geschichte eines Deutschen (Erinnerungen1914-33)

Rezensionen bei Perlentaucher

"Es war eigentlich nichts Neues an der Abwertung der Mark. Schon 1920 hatte die erste Zigarette, die ich heimlich geraucht hatte habe, fünfzig Pfennig gekostet. Bis Ende 1922 hatten sich die Preise allmählich auf das Zehn- bis Hundertfache des Vorkriegsniveaus erhöht, und der Dollar stand bei etwa 500 Mark. Dies hat sich jedoch allmählich ereignet: Löhne, Gehälter und Preise hatten sich im großen und ganzen gleichmäßig erhöht. [...] Aber nun wurde die Mark verrückt. Schon bald nach dem Ruhrkrieg schoss der Dollar auf 20.000, hielt eine Weile an, kletterte auf 40.000, zögerte kurze Zeit, und fing dann an mit kleinen periodischen Schwankungen stoßweise die Zehntausende und Hunderttausende abzuleiern. Keiner wusste genau, wie es geschah. Wir folgen wir folgten augenreibend dem Vorgang, als ob es sich um ein/ Naturphänomen handelte. Der Dollar wurde Tagesthema, und dann plötzlich sahen wir uns um und erkannten, dass das Ereignis unser Alltagsleben zerstört hatte. (S.56/57)
Wer ein Sparkonto, eine Hypothek oder sonst eine Geldanlage besaß, sah es über Nacht verschwinden. Bald machte es nichts aus, ob es sich um einen Spargroschen oder ein großes Vermögen handelte. Alles wurde ausgelöscht. Viele Leute wechselten schnell ihre Anlagen, nur um zu sehen, dass es überhaupt nichts ausmachte. [...] 
Die Lebenshaltungskosten hatten angefangen davon zu jagen, denn die Händler folgten dem Dollar dicht auf den Fersen. Ein Pfund Kartoffeln, das noch am Vortage 50.000 Mark gekostet hatte, kostete heute schon 100.000; ein Gehalt von 65.000 Mark, dass man am vorigen Freitag nach Hause gebracht hatte, reichte am Dienstag nicht aus, um ein Paket Zigaretten zu kaufen.
Was sollte geschehen? Plötzlich entdeckten Leute eine Insel der Sicherheit: Aktien. Das war die einzige Form der Geldanlage, die irgendwie der Geschwindigkeit standhielt.[...] Unbekannte neue Banken schossen wie Pilze aus dem Boden und machten ein reißendes Geschäft. Täglich verschlang die ganze Bevölkerung den Börsenbericht. Manchmal stürzten einige der Aktien, und mit ihnen stürzten Tausende schreiend dem (S.57/58) Abgrund entgegen. [...]
Den Alten und Weltfremden ginge es am schlechtesten. Viele wurden zum Betteln getrieben, viele zum Selbstmord. Den Jungen, Flinken ging es gut. Über Nacht wurden sie frei, reich unabhängig. Es war eine Lage, in der Geistesträgheit und Verlass auf frühere Erfahrung mit Hunger und Tod bestraft, aber Impulshandeln und schnelles Erfassen einer neuen Lage mit plötzlichem ungeheuren Reichtum belohnt wurde. Der einundzwanzigjährige Bankdirektor trat auf, wie auch der Primaner, der sich an die Börsenratschläge seiner etwas älteren Freunde hielt. [...] die Jungen, die in jenen (S.58/59) Tagen lieben lernten, übersprangen die Romantik und umarmten den Zynismus. Ich selber und meine Zeitgenossen gehörten nicht dazu. Wir waren mit fünfzehn, sechzehn gerade zwei, drei Jahre zu jung. In den folgenden Jahren, als wir die Rolle des Liebhabers mit rund zwanzig Mark Taschengeld spielen mussten, haben wir oft insgeheim die älteren Jungen beneidet, die damals ihre Chance gehabt hatten. Wir hatten gerade einen flüchtigen Blick durchs Schlüsselloch getan, gerade genug um den Duft der Zeit für immer in der Nase zu behalten. Zu einem Fest mitgenommen zu werden, wo Verrücktes sich ereignen musste; ein frühreifes, ermüdendes Sichgehenlassen, und ein kleiner Kater von zu vielen Cocktails; all die Geschichten der älteren Jungen, deren Gesichter seltsam ihre ausschweifenden Nächte verrieten; der plötzliche, entzückende Kuss eines gewagt geschminkten Mädchens.
Es gab eine andere Seite des Bildes. Die Bettler häuften sich mit einem Mal; auch die Berichte über Selbstmorde in den Zeitungen, und die "Gesucht wegen Einbruch"-Anzeigen der Polizei auf den Litfaßsäulen, denn Raub und Diebstahl fanden überall in großem Maße statt. [...]
Ja, mein Vater war einer von denen, die die Zeit nicht verstanden, oder nicht verstehen wollten, wie er sich schon geweigert hatte, den Krieg zu verstehen. Er begrub sich hinter dem Leitspruch "Ein preußischer Beamter spekuliert nicht und kauft keine Aktien." Damals hielt ich das für ein außerordentliches Beispiel von Engstirnigkeit, das schlecht zu seinem Charakter passte, denn er war einer der (S.59/60) klügsten Männer, die ich gekannt habe. Heute verstehe ich ihn besser. Rückblickend kann ich ein bisschen den Ekel nachempfinden, mit dem er diese Ungeheuerlichkeit ablehnte und die ungeduldige Abscheu, die sich hinter der Plattitüde, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, verbarg. [...] Und die Posse hätte zur Tragödie werden können, wenn sich meine Mutter nicht auf ihre Art der Lage angepasst hätte. [...] (S.60/61)
Für meine Eltern muss dies eine böse und schwere Zeit gewesen sein. Für mich war sie seltsam eher als unangenehm. Die Tatsache, dass mein Vater zur Arbeit einen überaus umständlichen Umweg nehmen musste, hielt ihn den größten Teil des Tages von Zuhause fern, und gab mir dadurch viele unbeaufsichtigte Stunden der absoluten Freiheit. Ich hatte kein Taschengeld mehr, aber Meine älteren Schulgenossen waren buchstäblich reich, und man raubt Ihnen nichts, in dem man sich zu ihren verrückten festen einladen ließ. Ich schaffte es, eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber unserer Armut zu Hause und dem Reichtum meiner Freunde zu bewahren. (Seite 61)

"Ich habe es aber hier mit einem anderen, vielleicht noch interessanteren, wichtigeren und komplizierteren Vorgang ähnlicher Art zu tun: nämlich mit denjenigen seelischen Bewegungen, Reaktionen und Verwandlungen, die in ihrer Simultanität und Massierung das Dritte Reich Hitlers erst möglich gemacht haben, und die heute seinen unsichtbaren Hintergrund bilden.
In der Entstehungsgeschichte des Dritten Reiches gibt es ein ungelöstes Rätsel, das, wie mir scheint, noch interessanter ist, als die Frage, wer den Reichstag angezündet hat. (S.184/85)
Das ist die Frage: wo sind eigentlich die Deutschen geblieben? Noch am 5. März 1933 hat die Mehrheit von Ihnen gegen Hitler gewählt. Was ist aus dieser Mehrheit geworden? Ist sie gestorben? Vom Erdboden verschwunden? Oder, so spät noch, Nazi geworden? Wie konnte es kommen, dass jede merkliche Reaktion von ihrer Seite ausblieb?
Fast jeder meiner Leser wird, von früher her, den einen oder anderen Deutschen kennen, und die meisten werden finden, dass ihre deutschen Bekannten normale, freundliche, zivilisierte Leute sind, Menschen wie jeder andere – abgesehen von ein paar nationalen Eigentümlichkeiten, wie sie auch jeder andere hat. Fast jeder wird, wenn er die reden hört, die heute in Deutschland heraustönen (und die Taten wahrnehmen, die heute aus Deutschland herausduften),  an diese seine Bekannten denken und entgeistert fragen: Was ist mit Ihnen? Gehören Sie wirklich zu diesem Irrenhaus? Merken Sie nicht, was mit ihnen geschieht – und was in ihrem Namen geschieht? Billigen sie es etwa gar? Was sind das für Leute? Was sollen wir von Ihnen halten?
Tatsächlich stecken hinter diesen Unerklärlichkeiten sonderbare seelische Vorgänge und Erfahrungen – höchst seltsame, höchst enthüllende Vorgänge, deren historische Auswirkungen noch nicht abzusehen sind. Mit ihnen habe ich es zu tun. Man kommt ihnen nicht bei, ohne sie dorthin zu verfolgen wo sie sich abspielen: im privaten Leben, Fühlen und Denken der einzelnen Deutschen.[... S.186:...]
Was einer isst und trinkt, wenn er liebt, was er in seiner Freizeit tut, mit wem er sich unterhält, ob er lächelt oder finster aussieht, was er liest und was er sich für Bilder an die Wand hängt – das ist heute die Form, in der in Deutschland politisch gekämpft wird. Das ist das Feld, wo im voraus die Schlachten des künftigen Weltkriegs entschieden werden. Es mag grotesk klingen, aber es ist so. [186-198]

Die Lage der nichtnazistischen Deutschen im Sommer 1933 war gewiss eine der schwierigsten, in der sich Menschen befinden können: nämlich ein Zustand völligen und ausweglosen Überwältigtseins, zusammen mit den Nachwirkungen des Schocks der äußersten Überrumplung. Die Nazis hatten uns, auf Gnade und Ungnade in der Hand. Alle Festungen waren gefallen, jeder kollektive Widerstand war unmöglich geworden, individueller Widerstand nur noch eine Form des Selbstmordes. Wir waren verfolgt bis in die Schlupfwinkel unseres Privatlebens, auf allen Lebensgebieten herrschte Deroute, eine aufgelöste Flucht, von der man nicht wusste, wo sie enden würde. Zugleich wurde man täglich aufgefordert: nicht, sich zu ergeben, sondern überzulaufen. Ein kleiner Pakt mit dem Teufel – und man gehörte nicht mehr zu den Gefangenen und Gejagten, sondern zu den Siegern und Verfolgern.
Das war die einfachste und gröbste Versuchung. Viele erlagen ihr. Später zeigte sich dann oft, dass sie den Kaufpreis unterschätzt hatten und dass sie dem wirklichen Nazisein nicht gewachsen waren. Sie laufen heute [Es ist eine Zeit vor dem Herbst 1939 (Angriff auf Polen), als Haffner das Manuskript beiseite legte, bis es 2002 wiedergefunden und vervollständigt werden konnte.] zu vielen Tausenden in Deutschland herum, die Nazis mit dem schlechten Gewissen, Leute die an ihren Parteiabzeichen tragen wie Macbeth an seinem Königspurpur, die mitgefangen, mitgehangen, eine Gewissenslast nach der anderen schultern müssen, vergeblich nach Absprungsmöglichkeiten spähen, trinken und Schlafmittel nehmen, nicht mehr nach zu denken wagen, nicht mehr wissen, ob sie das Ende der Nazizeit– Ihrer eigenen Zeit! – mehr herbeisehnen oder mehr fürchten sollen, und die, wenn der Tag kommt, ganz bestimmt es nicht werden gewesen sein wollen. Inzwischen aber sind Sie der Albdruck der Welt [...] 
Aber die Situation von 1933 barg noch viele andere Versuchungen neben dieser gröbsten; jeder einzelne eine Quelle des Wahnsinns und der seelischen Erkrankung, für den, der ihr erlag. Der Teufel hat viele Netze: grobe für die groben Seelen, feine für die feinern. (S.198/99)
Wer sich weigerte, Nazi zu werden, hatte eine böse Situation vor sich: völlige und aussichtslose Trostlosigkeit; wehrloses Hinnehmen täglicher Beleidigungen und Demütigungen; hilfloses Mitansehen des Unerträglichen; vollkommene Heimatlosigkeit; unqualifiziertes Leiden. Diese Situation hat wieder ihre eigenen Versuchung: scheinbare Trost- und Erleichterungsmittel, die den Widerhaken des Teufels bergen.
Das eine, bevorzugt von Älteren, war die Flucht in die Illusion: am liebsten in die Illusion der Überlegenheit. Die ihr erlagen, klammerten sich an die Züge von Dilettantismus und Anfängerhaftigkeit, die der narzisstischen Staatskunst gewiß zunächst anhafteten. [...]
Es waren die Leute, die zunächst in völliger ruhiger Überzeugtheit, später mit allen Anzeichen der bewußten krampfhaften Selbsttäuschung, von Monat zu Monat das unvermeidliche Ende des Regimes voraussagten. Das Schlimmste kam für sie erst, als das Regime sich sichtbar konsolidierte und als die Erfolge kamen: Hiergegen waren sie nicht gewappnet. [...]
Ein paar von ihnen halten noch heute die Fahne hoch und lassen nach allen Niederlagen nicht ab, von Monat zu Monat oder wenigstens von Jahr zu Jahr den unvermeidlichen Zusammenbruch zu prophezeien. [...]
Die zweite Gefahr war Verbitterung – masochistische Selbstauslieferung an Haß, Leiden und schrankenlosen Pessimismus. Es ist fast die natürlichste deutsche Reaktion auf Niederlagen. Jeder Deutsche hat in bösen Stunden (seines Privatlebens – oder des nationalen Lebens) mit dieser Versuchung zu kämpfen: ganz und für immer aufzugeben, und sich und die Welt mit einer erschlafften Gleichgültigkeit, die an Bereitwilligkeit grenzt, dem Teufel anheimzustellen; trotzig und böse moralischen Selbstmord zu begehen. [...] (S.199-201)
Noch von einer dritten Versuchung muß ich sprechen. Es ist die, mit der ich selber zu tun hatte, und wiederum ganz und gar nicht als Vereinzelter. Ihr Ausgangspunkt ist gerade die Erkenntnis der vorigen: man will sich nicht durch Haß und Leiden seelisch korrumpieren, man will gutartig, friedlich, freundlich, "nett" bleiben. Wie aber Hass und Leiden vermeiden, wenn täglich, täglich das auf einen einstürmt, was Haß und Leiden verursacht? Es geht nur mit Ignorieren, Wegsehen, Wachs in die Ohren tun, Sich-Abkapseln. Und es führt zur Verhärtung  aus Weichheit und schließlich wieder zu einer Form des Wahnsinns: zum Realitätsverlust.
Sprechen wir einfachheitshalber von mir, aber vergessen wir nicht, daß mein Fall wiederum durch aus mit einem sechs- oder siebenstelligen Multiplikator zu multiplizieren ist.
Ich habe kein Talent zum Haß. Ich habe immer zu wissen geglaubt, dass man schon durch ein tiefes Sich-Einlassen in Polemik, Streiten mit Unbelehrbaren, Haß auf das häßliche etwas in sich selbst zerstört – etwas, das wert zu erhalten und schwer wiederherzustellen ist. Meine natürliche Geste der Ablehnung ist Abwendung, nicht Angriff. [...] (S.203)


Nach einer Hitler Rede S. 263:

"Als er ausgeredet hatte, kam das Schlimmste. Die Musik signalisierte: Deutschland über alles, und alles hob die Arme. Ein paar mochten, gleich mir, zögern. Es hatte so etwas scheußlich Entwürdigendes. Aber wollten wir unser Examen machen oder nicht? Ich hatte, zum ersten Mal, plötzlich ein Gefühl so stark wie ein Geschmack im Munde – das Gefühl: "Es zählt ja nicht. Ich bin es ja gar nicht, es gilt nicht." Und mit diesem Gefühl hob auch ich den Arm und hielt ihn ausgestreckt in der Luft, ungefähr drei Minuten lang. So lange dauern das Deutschland- und Horst-Wessel-Lied. Die meisten sangen mit, zackig und dröhnend. Ich bewegte ein wenig die Lippen und markierte Gesang, wie man es in der Kirche beim Choralsingen tut.
Aber die Arme hatten alle in der Luft, Und so standen wir vor dem augenlosen Radioapparat, der nur die Arme hochzug wie ein Puppenspieler die Arme seiner Marionetten, und sangen oder taten so, als ob wir sangen; jeder die Gestapo des andern. 

(Sebastian Haffner Geschichte eines Deutschen, Kapitel 36, S. 263)

01 Juli 2015

Wolfgang Büscher: Drei Stunden Null

Wolfgang Büscher: "Drei Stunden Null. Deutsche Abenteuer", 1998, ist Büschers erste Buchveröffentlichung. Diese Sammlung von Reportagen hat zwar auch schon viele Qualitäten, reicht aber nicht an seine späteren Reiseberichte heran. 

Drei Stunden Null
Der erste Text "Der schöne Sommer" (S.7ff) handelt von der Schlacht um Breslau.

Auch ich war in Berlin (S.45-85)
"Rasend schnell, schneller als jeder andere, stürzt dieser Brocken Zeit [die Geschichte der DDR] in die Geschichte zurück, in die Schnurre, in die Hoffmanniade, die er immer gewesen war." (Auch ich war in Berlin, S.48)

"Das freie Land dehnte sich bis an die äußerste Kante der Hochhäuser heran. Westberlin war eine dunstige Wand, die ohne Vorwarnung, ohne ersichtlichen Grund aus dem Grasland aufstieg. [...] Berlin von innen war eine ignorante Insel und wollte von der Steppe nichts wissen. Berlin von außen war ein jähes Ereignis in einem leeren Land." (Auch ich war in Berlin, S.70)

Amerika!
Der letzte Flug der Betty Lou: Kampf zwischen von Italien kommender amerikanischer fliegender Festung und einem deutschen Jäger am 24.3.1945, unter Bezug auf das Kind Rudi Dutschke. (S.89-107)
Faust eins. Faust zwei: Konrad Henlein und Ferdinand Porsche, beide aus Maffersdorf an der Neiße, zwei unterschiedliche Schicksale. Beide mit einer selbst gewählten Lebensaufgabe (Sudetendeutschland nach Deutschland zu führen; Fahrzeuge zu konstruieren), die sie für einige Zeit für Hitlers Pläne arbeiten lässt. (S.100-107)
Porsche in Amerika: Ferdinand Porsche besichtigt amerikanische Autofabriken, insbesondere die von Henry Ford. - Bericht von Porsches (angeheiratetem Neffen*) Neffen Ghislaine Kaes: "Ford ist der einzige Große in den USA, der in seinen Werken, ohne Unterschied Neger und Weiße einstellt." (S.107-118)
* sieh: Aloisia Johanna Kaes (Stammbaum der VW-Dynastie)

Tief im Westen
Das Schicksal des Wuppertaler Metzgermeisters Karl Hans Rohn, genannt Charly, der sich nach dem Ende seiner geschäflichen Glanzzeit eine jüdische Herkunft andichtet und von einem Neonazi ermordet wird. (S.119-137)

Das Klavier in der Steppe (S.139-191)
Die Mennoniten, die aus ihrem Dorf an der Wolga aufbrechen, sind inspiriert von Jung-Stillings Roman "Das Heimweh" und biegen sich Bibelzitate so zurecht, dass sie zu ihrer Situation und ihren Hoffnungen passen.

27 Oktober 2013

Als ich Deutsche war: 1934 bis 1945 – Eine Engländerin erzählt

Als ich Deutsche war: 1934 bis 1945 – Eine Engländerin erzählt., Autoris. dt. Fassung von Christian Spiel, Biederstein-Verlag: München 1969 (The Past is Myself, 1968, When I was a German, Introduction by Klemens von Klemperer)  

Das Haus im Falkenried in Berlin-Dahlem kauften sie 1939 mit Devisen „einem jungen jüdischen Ehepaar“ ab (I, S.45), die damit ein Einreisevisum kaufen konnten. Das Vertrauen der Bewohner des Nachbarhauses konnten sie nicht einfach in einem Gespräch über die Gartenhecke gewinnen, so wie sich das beispielhaft nach „einer gefährlichen Kaffeegesellschaft“ zeigte, als die Frau des deutschen Diplomaten Botho von Wussow[5] denunziert wurde (I, S. 96ff). Eine gemeinsame Vertrauensperson, Puppi Sarre, stellte den Kontakt zum NachbarnCarl Langbehn her (I, S.89), der der Verteidiger von Albrecht Graf von Bernstorff war und der durch private Kontakte zu Heinrich Himmler ein gefährliches Spiel spielte, um die Möglichkeiten für einen Sturz Hitlers auszuloten. Als Peter im besetzten Norwegen eine Fischmehlfabrik aufbauen musste, spielten Carl und Hans(Hans Oster) die männlichen Beschützer für Frau und Kinder Bielenberg (I, S.119ff).
Seite „Christabel Bielenberg“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 18. September 2013, 06:12 UTC. URL:http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Christabel_Bielenberg&oldid=122640791 (Abgerufen: 27. Oktober 2013, 11:37 UTC)
https://de.wikipedia.org/wiki/Christabel_Bielenberg#Widerstand_gegen_den_Nationalsozialismus

06 Juli 2013

Sabine Friedrich: Wer wir sind - Widerstand gegen das NS-Regime und seine biographischen Hintergründe

Erweiterte Fassung des Artikels vom 15.6.13

Man kann Friedrichs Buch "Wer wir sind" als Ergänzung der Filmreihe "Unsere Mütter, unsere Väter" sehen, weil sie weitere Milieus aus der Zeit der NS-Herrschaft menschlich nahe zu bringen versucht.

Sabine Friedrich selbst hat ihren Roman in einem Interview, wie folgt, charakterisiert:
Wuttke: Diese Lebenserinnerung, die Sie gerade geschildert haben, verstehen Sie deshalb Ihren Roman als einen Wirklichkeitsentwurf, oder als Zeitpanorama?
Friedrich: Ach wissen Sie, das sind Fragen, die sind schwierig zu beantworten. Es ist auf jeden Fall natürlich ein Zeitpanorama, das ist klar. Ich habe versucht, möglichst nahe auch an der Atmosphäre dran zu bleiben. Aber jeder Roman ist ein Wirklichkeitsentwurf, das kann gar nicht anders sein, zumal ein Roman, der ja mit dem Interesse geschrieben worden ist: mein erstes Interesse, daher der Titel, war ja, etwas herauszufinden darüber, wie Menschen sich verhalten in extremen Situationen und was sie dazu bringt, dann so oder so zu handeln, also was sie verkürzt gesagt zu Widerständlern macht. Ist das eine große Entscheidung, ist das eine Summierung vieler kleiner Entscheidungen, die einen plötzlich dort hinträgt, dass man sagt, das ist jetzt die Todeszelle von Plötzensee.    dradio, 11.10.2012
Dazu:
eine lobende Rezension, eine recht kritische, die Lesung eines Textausschnitts durch Sabine Friedrich.

Ich selbst kann nach meiner bisherigen Lektüre nur sagen: Ich freue mich  - ganz unabhängig von einem literarischen Urteil - darüber, dass ich Personen, die ich bisher aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen kenne, in einen  Kontext gestellt sehe, und mag es gar nicht, darüber zu lesen, wenn sie leiden müssen.
So beklage ich mich gar nicht über mangelnde Ausmalung der Unerträglichkeit mancher Situation.
Dass ich besonders über die Familie Bonhoeffer nicht genug lesen kann, hat persönliche Gründe.

John Rittmeister, Mitglied der Roten Kapelle*, entdeckt für sich in der Todeszelle die "Unendlichkeitsperspektve" (S.738)
"Seit ich die Dinge aus dieser Todesperspektive betrachte, denke ich ganz Unerhörtes. Ich fühle mich innerlich reicher als je zuvor. Was einem alles nimmt, macht einen reich. [...] Ich würde natürlich gern leben bleiben. Aber auch wenn ich sterbe, nehme ich nun alle diese Dige, die ich vorher gar nicht besessen habe, mit in den Tod hinein." (S.738)

*"Das von der Gestapo geschaffene Organisationskonstrukt Rote Kapelle hat in dieser Form nie existiert.“(Wikipedia)

In Oxford: Sabine Bonhoeffer-Leibholz' Töchter bitten um Geld für eine Sammelaktion in der Schule. "Und welchem guten Zweck sollen die Einnahmen dienen? Der Bombardierung Berlins." Dort erlebt Sabines Bruder Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis in Tegel die Luftangriffe. (S.860)

Kreisauer KreisHelmuth James Graf von MoltkeLöwenberger ArbeitsgemeinschaftEugen Rosenstock-Huessy,  Freya von Moltke, geb. Deichmann

Preußenschlag (S.1000)
Hans von Dohnanyi warnte davor, ihn rechtlich anzufechten: "Die Regierung Papen hat sich des verfassungsmäßig korrekten Instruments der Reichsexekution* bedient [...]" (S.1001)

*Die Verfassungsmäßigkeit der jeweiligen Maßnahmen ist bis heute umstritten. Ein Ausnahmezustand nach Art. 48WRV wäre nur durch die Bedrohung der Verfassung selbst zu rechtfertigen – jedoch wurden in Sachsen, Thüringen und Preußen jeweils demokratisch gewählte Regierungen abgesetzt, die sich zu keinem Zeitpunkt in offener Rebellion gegen die Weimarer Reichsverfassung befanden. (Wikipedia)

Julius Leber (S.1003ff), Carlo Mierendorff (S.1012ff), Adolf Reichwein (S.1022ff)
Bund der KöngenerHarald Poelchau  (S.1036) [Er half u.a. Konrad Latte.]

Helmuth v. Moltkes positive Staatslehre (S.1250ff) Über den Kreisauer Kreis: "Sie sind keine Verschwörer. [...] Ihre Treffen basieren auf alten Freundschaften, gemeinsamer Schulzeit, beruflichen und verwandtschaftlichen Beziehungen." (S.1269)
Einigkeit über den anzustrebenden Staat: "demokratisch und sozialistisch und außenpolitisch auf eine völkerverbindende Friedensordnung ausgerichtet" (S.1276)
Grundsatztexte des Kreisauer Kreisesallgemeine Prizipien (S.1519)
Julius Leber über den Kreisauer Kreis (in Friedrichs Darstellung): "Aber sie sind recht abgehoben, diese Leute. Sie brüten über detaillierten Programmen von solch verworrener Gründlichkeit, dass man sich fragt, wer außer ihnen sich jemals damit beschäftigen soll." (S.1519)
Hans Bernd von Haeften

Fritzi von Schulenburg an der Ostfront. "Fritzi hat alle Furcht überwunden: Todesfurcht, Tötungsfurcht, er ist ganz bei sich, wenn der Angriff beginnt." (S.1288)

Helmuth v. Moltke: "Wir tragen Verantwortung für uns selbst [...] Vor allem anderen müssen wir uns doch fragen, wer wir sind." (S.1315)
Erschießungen (S.1360-1369),
"Die Treue zu den Kameraden steht über jedem anderen Wert." (S.1371)
Moltke ist gegen ein Attentat, weil er eine Dolchstoßlegende fürchtet. Doch: "Es könnte sich ergeben, dass es eine Pflicht würde, das Attentat zu wagen." (S.1409)
"Es gab mehr als drei Dutzend dokumentierte Attentatspläne auf Hitler." (S.1413)
Henning von TresckowFabian von Schlabrendorff,
Russlandfeldzug (S.1447ff)
"Es ist noch nicht Juli, und der Raum ist schon jetzt unkontrollierbar." (S.1459)

4.Teil
Claus von Stauffenberg (S.1525), Bomben auf Berlin (S.1564ff), Axel von dem Bussche (S.1575),
S.1637 Sprüche Salomos 31, 10-31 über die gute Frau
S.1640 über das Wirklichwerden eines Stofftieres (Velveteen Rabbit) mit merklichen Parallelen zu  Als Hitler das rosa Kaninchen stahl, wenn man sich erst einmal darauf eingelassen hat, dass der Nationalsozialismus mit der Infektionskrankheit Scharlach zu vergleichen ist. Denn ist das rosa Kaninchen nicht eines der berühmtesten und damit lebendigsten der Welt? (Freilich weit abgeschlagen hinter Pu dem Bären)

Nach dem Einmarsch der Sieger  (S.1969ff)
Fabian von Schlabrendorff erklärt die Todesurteile gegen die Mitglieder der "Roten Kapelle" für rechtens (S.1991f)
Der  deutsche Bundesgerichtshof bestätigt 1956 die Urteile gegen Dohnanyi, Dietrich Bonhoeffer und Oster. (S.1992)
Widerständler, die dem NS-Terror entgangen sind, sterben in russischen Lagern (S.1994)
 Annedore Leber und Brandt verfassen "Das Gewissen steht auf" (S.1999)
Gründung der Stiftung Kreisau 1989 (S.2010)


15 Juni 2013

Friedrich: Wer wir sind - Widerstand gegen das NS-Regime und seine biographischen Hintergründe

Man kann Friedrichs Buch als Ergänzung der Filmreihe "Unsere Mütter, unsere Väter" sehen, weil sie weitere Milieus aus der Zeit der NS-Herrschaft menschlich nahe zu bringen versucht.

Sabine Friedrich selbst hat ihren Roman in einem Interview, wie folgt, charakterisiert:
Wuttke: Diese Lebenserinnerung, die Sie gerade geschildert haben, verstehen Sie deshalb Ihren Roman als einen Wirklichkeitsentwurf, oder als Zeitpanorama?
Friedrich: Ach wissen Sie, das sind Fragen, die sind schwierig zu beantworten. Es ist auf jeden Fall natürlich ein Zeitpanorama, das ist klar. Ich habe versucht, möglichst nahe auch an der Atmosphäre dran zu bleiben. Aber jeder Roman ist ein Wirklichkeitsentwurf, das kann gar nicht anders sein, zumal ein Roman, der ja mit dem Interesse geschrieben worden ist: mein erstes Interesse, daher der Titel, war ja, etwas herauszufinden darüber, wie Menschen sich verhalten in extremen Situationen und was sie dazu bringt, dann so oder so zu handeln, also was sie verkürzt gesagt zu Widerständlern macht. Ist das eine große Entscheidung, ist das eine Summierung vieler kleiner Entscheidungen, die einen plötzlich dort hinträgt, dass man sagt, das ist jetzt die Todeszelle von Plötzensee.    dradio, 11.10.2012
Dazu:
eine lobende Rezension, eine recht kritische, die Lesung eines Textausschnitts durch Sabine Friedrich.

Ich selbst kann nach meiner bisherigen Lektüre nur sagen: Ich freue mich  - ganz unabhängig von einem literarischen Urteil - darüber, dass ich Personen, die ich bisher aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen kenne, in einen  Kontext gestellt sehe, und mag es gar nicht, darüber zu lesen, wenn sie leiden müssen.
So beklage ich mich gar nicht über mangelnde Ausmalung der Unerträglichkeit mancher Situation.
Dass ich besonders über die Familie Bonhoeffer nicht genug lesen kann, hat persönliche Gründe.

John Rittmeister, Mitglied der Roten Kapelle*, entdeckt für sich in der Todeszelle die "Unendlichkeitsperspektve" (S.738)
"Seit ich die Dinge aus dieser Todesperspektive betrachte, denke ich ganz Unerhörtes. Ich fühle mich innerlich reicher als je zuvor. Was einem alles nimmt, macht einen reich. [...] Ich würde natürlich gern leben bleiben. Aber auch wenn ich sterbe, nehme ich nun alle diese Dige, die ich vorher gar nicht besessen habe, mit in den Tod hinein." (S.738)

*"Das von der Gestapo geschaffene Organisationskonstrukt Rote Kapelle hat in dieser Form nie existiert.“(Wikipedia)

In Oxford: Sabine Bonhoeffer-Leibholz' Töchter bitten um Geld für eine Sammelaktion in der Schule. "Und welchem guten Zweck sollen die Einnahmen dienen? Der Bombardierung Berlins." Dort erlebt Sabines Bruder Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis in Tegel die Luftangriffe. (S.860)

Kreisauer Kreis, Helmuth James Graf von Moltke, Löwenberger Arbeitsgemeinschaft, Eugen Rosenstock-Huessy,  Freya von Moltke, geb. Deichmann

Preußenschlag (S.1000)
Hans von Dohnanyi warnte davor, ihn rechtlich anzufechten: "Die Regierung Papen hat sich des verfassungsmäßig korrekten Instruments der Reichsexekution* bedient [...]" (S.1001)

*Die Verfassungsmäßigkeit der jeweiligen Maßnahmen ist bis heute umstritten. Ein Ausnahmezustand nach Art. 48WRV wäre nur durch die Bedrohung der Verfassung selbst zu rechtfertigen – jedoch wurden in Sachsen, Thüringen und Preußen jeweils demokratisch gewählte Regierungen abgesetzt, die sich zu keinem Zeitpunkt in offener Rebellion gegen die Weimarer Reichsverfassung befanden. (Wikipedia)

Julius Leber (S.1003ff), Carlo Mierendorff (S.1012ff), Adolf Reichwein (S.1022ff)
Bund der Köngener, Harald Poelchau  (S.1036)

Helmuth v. Moltkes positive Staatslehre (S.1250ff) Über den Kreisauer Kreis: "Sie sind keine Verschwörer. [...] Ihre Treffen basieren auf alten Freundschaften, gemeinsamer Schulzeit, beruflichen und verwandtschaftlichen Beziehungen." (S.1269)
Einigkeit über den anzustrebenden Staat: "demokratisch und sozialistisch und außenpolitisch auf eine völkerverbindende Friedensordnung ausgerichtet" (S.1276)
Grundsatztexte des Kreisauer Kreises, allgemeine Prizipien (S.1519)
Julius Leber über den Kreisauer Kreis (in Friedrichs Darstellung): "Aber sie sind recht abgehoben, diese Leute. Sie brüten über detaillierten Programmen von solch verworrener Gründlichkeit, dass man sich fragt, wer außer ihnen sich jemals damit beschäftigen soll." (S.1519)
Hans Bernd von Haeften

Fritzi von Schulenburg an der Ostfront. "Fritzi hat alle Furcht überwunden: Todesfurcht, Tötungsfurcht, er ist ganz bei sich, wenn der Angriff beginnt." (S.1288)

Helmuth v. Moltke: "Wir tragen Verantwortung für uns selbst [...] Vor allem anderen müssen wir uns doch fragen, wer wir sind." (S.1315)
Erschießungen (S.1360-1369),
"Die Treue zu den Kameraden steht über jedem anderen Wert." (S.1371)
Moltke ist gegen ein Attentat, weil er eine Dolchstoßlegende fürchtet. Doch: "Es könnte sich ergeben, dass es eine Pflicht würde, das Attentat zu wagen." (S.1409)
"Es gab mehr als drei Dutzend dokumentierte Attentatspläne auf Hitler." (S.1413)
Henning von Tresckow, Fabian von Schlabrendorff,
Russlandfeldzug (S.1447ff)
"Es ist noch nicht Juli, und der Raum ist schon jetzt unkontrollierbar." (S.1459)

4.Teil
Claus von Stauffenberg (S.1525), Bomben auf Berlin (S.1564ff), Axel von dem Bussche (S.1575),


Nach der Kapitulation (S.1969ff)