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26 Oktober 2017

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (Kap.2), Elternhaus

Zweites Kapitel 
"Mein Elternhaus hatte zwei Daseinsformen, die so voneinander verschieden waren wie voll und leer, Wärme und Kälte, Lärm und Stille, Leben und Tod. Damit ist nur das Gebäude, der Gasthof zur Preußischen Krone gemeint, der dem Verkehr nur im Sommer geöffnet war und im Winter geschlossen blieb. Ende April bezog ihn zunächst ein recht zahlreiches Personal: Köche, Küchenmädchen, Hausmamsell, sogenannte Schleußerinnen, Oberkellner, Kellner und einige Hausdiener. Dann füllten sich bald alle Zimmer mit Kurgästen. Für den Gasthof also war das die lebendige, der Winter die tote Zeit, für die Familie dagegen war der Sommer die tote, der Winter die lebendige. Vater und Mutter gehörten sommers der Öffentlichkeit, sie waren den Winter über Privatleute. Die zweite Daseinsform meines Geburtshauses verband sich am tiefsten mit meinem Wesen und prägte es in frühen, entscheidenden Zeiten aus. In dieser stillen, leeren Verfassung gehörte das Haus uns, im Sommer war es uns gänzlich entzogen und uns Kindern auch Vater und Mutter. Sie gehörten mit allem, in allem der Öffentlichkeit. [...]
Der durch Jahre vorausgeworfene Schatten des ersten Schultags verdichtete sich. Eines Tages nach Weihnachten sagte meine Mutter zu mir: »Wenn das Frühjahr kommt, mußt du in die Schule. Ein ernster Schritt, der getan werden muß. Du mußt einmal stillsitzen lernen. Und überhaupt mußt du lernen und lernen, weil auf andere Weise nur ein Taugenichts aus dir werden kann.« Also du mußt! du mußt! du mußt! Ich war sehr bestürzt, als mir diese Eröffnung gemacht wurde. Daß ich erst etwas werden solle, da ich doch etwas war, begriff ich nicht. [...]
Etwas auf andere Weise zu lernen als die, welche mir halb bewußt geläufig war, hatte ich weder Lust, noch fand ich es zweckmäßig. War ich doch durch und durch Energie und Heiterkeit. Ich beherrschte den Dialekt der Straße, so wie ich das Hochdeutsch der Eltern beherrschte. Erst heute weiß ich, welch eine gigantische Geistesleistung hierin beschlossen ist und daß sie, geschweige von einem Kinde, nicht zu ermessen ist. Spielend und ohne bewußt gelernt zu haben, hantierte ich mit allen Worten und Begriffen eines umfassenden Lexikons und der dazugehörigen Vorstellungswelt. Ob ich mich nicht wirklich vielleicht ohne Schule schneller, besser und reicher entwickelt hätte? Vielleicht aber war das Schlimmste ein Seelenschmerz, den ich empfand. Meine Eltern mußten doch wissen, was sie mir antaten. Ich hatte an ihre unendliche, uferlose Liebe geglaubt, und nun lieferten sie mich an etwas aus, ein Fremdes, das mir Grauen erzeugte. [...]
Nein, die Dorfschule mit dem alten, immer mißgelaunten Lehrer Brendel zerbrach mich nicht. Kaum wurde mir etwas von meinem Lebensraum und meiner Freiheit weggenommen und gar nichts von meiner Lebenslust."
Gerhart HauptmannDas Abenteuer meiner Jugend, 1937

16 März 2015

Heinrichs Vater besucht mit ihm sein Elternhaus (Nachsommer)

Obwohl ich immer wieder zu Adalbert Stifters "Der Nachsommer" greife, sind mir manche Passagen durchaus noch unvertraut. Sie passen gar nicht in die von Alltagsproblemen klinisch rein gehaltene Bildungssphäre von Aspernhof (Rosenhaus des Freiherrn von Risach) und Sternenhof. 
Das sind vor allem die Reisen, die Heinrich mit Mitgliedern seiner Familie unternimmt, um vor der endgültigen Entscheidung für die Ehe mit Natalie Abstand zu gewinnen. 

Eines der Häuser, halb aus Holz gezimmert und halb gemauert, war das Geburtshaus meines Vaters. Es stand am Rande eines Wäldchens, das von dem großen Walde herstammte, der einst diese ganzen Gegenden bedeckt hatte. Es war gegen West durch eine Gruppe sehr großer und dicht stehender Buchen gedeckt. daß ihm die Winde von dorther wenig anhaben konnten, hatte gegen Ost den Schutz eines Felsens, im Norden den des großen Waldbandes und schaute gegen Süden auf seine nicht unbeträchtlichen Wiesen und Felder, deren Ergiebigkeit in Getreide gering, in Futterkräutern außerordentlich war, weshalb der größere Reichtum auch in Herden bestand. Wir fuhren in das Gasthaus des Tales, ließen unsere Reisedinge abpacken, bestellten uns auf einige Tage Wohnung und besuchten dann die sehr entfernten Verwandten, welche jetzt des Vaters Stammhaus bewohnten. Es war gegen Mittag. Sie nahmen uns, da wir uns entdeckt hatten, sehr freundlich auf und verlangten, daß wir unser Gepäcke holen lassen und bei ihnen wohnen sollten. Nur auf die dringenden Vorstellungen des Vaters, daß wir ihnen die Bequemlichkeit nähmen und selber keine gewännen, gaben sie nach und verlangten nur noch, daß wir zum bevorstehenden Mittagessen bei ihnen bleiben sollten, was wir annahmen. Da wir nun in der großen Wohnstube saßen, zeigte mir der Vater den geräumigen Ahorntisch, bei dem er und seine Geschwister ihre Nahrung eingenommen hatten. Der Tisch war alt geworden, aber der Vater sagte, daß er noch in derselben Ecke stehe, von den zwei Fenstern beglänzt und von der hereinscheinenden Sonne beleuchtet wie einst. Er zeigte mir seine gewesene, neben der Stube befindliche Schlafkammer. Dann gingen wir hinaus, er wies mir die Treppe, die auf den hölzernen Gang führte, welcher rings um den Hof lief, und den Quell, der sich noch immer mit hellem Wasser in den Granittrog ergoß, welchen schon sein Urgroßvater hatte hauen lassen, er wies mir den Stall, die Scheune und hinter ihr den Waldweg, auf dem er, noch ein halbes Kind, mit einem Stabe in der Hand die Heimat verlassen habe, um in der Fremde sein Glück zu suchen. Wir gingen sogar in das Freie und dort herum. Der Vater blieb häufig stehen und erinnerte sich noch der Fruchtgattungen, welche auf verschiedenen Stellen gestanden waren, als er mit einem Täfelchen, darauf sich rote und schwarze Buchstaben befanden, in das eine Viertelstunde entlegene hölzerne Haus ging, das an der Straße stand, von Buchen umgeben war und die Schule für alle Kinder des Tales vorstellte. Er sagte, es sei alles noch wie zur Zeit seiner Kindheit, die nehmlichen Begrenzungen, die nehmlichen kleinen Feldwege und dieselben Wassergräben und Quellrinnsale. Er sagte, es sei ihm, als ständen sogar dieselben Arnicablumen auf der Wiese, die er als Knabe angeschaut habe, und da er mich zu dem Steinbühl geführt hatte, der am Rande der Felder lag, so ragten die Himbeerzweige empor, rankten sich die dornenreichen Brombeerreben um die Steine und wucherten die Erdbeerblätter, gerade wie die, von denen er als Knabe gepflückt hatte.
(Stifter: Der Nachsommer)

21 Februar 2015

Rudolf Pörtner: Mein Elternhaus

Rudolf Pörtner: Mein Elternhaus
42 Berichte über Elternhäuser vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg liefern ein erstaunlich vielgestaltiges Bild:

Bittere Armut im Arbeiterhaushalt von Loki Schmidt, geb. Glaser (*1919), die aber durch vielseitige Fähigkeiten, Charakterstärke und hohes Bildungsinteresse der Eltern und einen guten Familienzusammenhalt sowie durch eine gute Schule einen fruchtbaren Bildungshintergrund schufen.
"Die Sommerferien verbrachte die ganze Familie in der Heide. Dort hatten meine Großeltern sich vor der Stadt am Nordrand der Lüneburger Heide (heute gehört es zum Stadtgebiet Hamburg) ein Grundstück gekauft (zwei Pfennig pro Quadratmeter). Die Heidetrockentäler mit kleinen Moorlöchern waren unser Spielplatz." (S.228)
Natürlich hatte der Vater dort ein kleines Holzhaus mit vier Schlafgelegenheiten gebaut, zwei Tanten wohnten nebenan in einem entsprechenden Holzhäuschen. Und der Geburtstag der Großmutter wurde am 28.7. von den 25 Mitgliedern der Familie mit einem selbstgemachten Theaterstück oder Singspiel gefeiert.

Bürgerliche Atmosphäre bei Egon Bahr (*1922), der als Grundschüler beim Zuhören und Zusehen beim väterlichen Stenographieunterricht für Erwachsene spielerisch lernte, was ihn dann von der Sekundarschule bis ins Alter selbstverständlich begleitete.
Er erhielt 50 Pfennig Taschengeld in der Woche und als Sänger des Torgauer Kirchenchores in der Oberstufe 27,50 Reichsmark "Chorgeld" (unklar, auf welchen Zeitraum bezogen). "Wir verreisten zweimal im Jahr", zu Verwandten in Schlesien oder Ostpreußen. (S.241)

Iring Fetscher (*1922) erlebte im bürgerlichen Dresden 1933 die Vertreibung seines Vaters von der Universität und seine Einstufung als "wehrunwürdig", was ihn nicht hinderte, seinerseits an eine Offizierslaufbahn zu denken. Als Arzt hat sein Vater an maßgeblicher Stelle mit der Versorgung der Bombenopfer zu tun, bemüht sich aber in vielen riefen, die Verbindung seines Sohnes zur Familie zu halten. Anfang April wurde der Vater "von einer SS-Streife erschossen, als er - zusammen mit anderen Nazigegnern - auf dem Weg zum sowjetischen Kommandanten war, um ihm die Zusammenarbeit der Antifaschisten anzubieten und so der Stadt Leiden zu ersparen." (S.253)

Der erste Bericht, der der Schauspielerin Ida Ehre, setzt kräftig ein: Nach dem Tod ihres Mannes mit nur 38 Jahren steht die Ungarin Bertha Ehre ohne Versorgung da. Sie entschließt sich aber, sich und ihre sechs Kinder mit Näharbeiten durchzubringen. Das gelingt ihr, auch wenn sie dafür u.a. ihren Ehering ins Pfandhaus tragen muss. So - hält Ida Ehre fest - ist sie nicht in einem Elternhaus aufgewachsen, sondern in ihrem Mutterhaus.
Ida kommt über eine Schauspielerin in höchst prominente Kreise (Grafen, Minister und andere Berühmtheiten) und erhält schließlich ein Stipendium für eine Ausbildung an der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien.
Zu ihrem Standardsatz bei der Ausbildungssuche "Bezahlen kann ich aber nicht." tritt in der Nazizeit der Satz "Ich lebe in einer privilegierten Mischehe." (S.19)
Ihr Mutterhaus verliert Ida, als sie ihre Mutter in der Nazizeit nicht mehr zu sich einladen kann. Aus innerem Drang fährt sie 1938 nach Wien, erfährt, dass ihre Mutter in einem Gestapogefängnis auf ihre Deportation wartet. Ida kann sie noch bei ihrem Abtransport sehen ("Auf Wiedersehen, meine geliebten Kinder").

Der letzte schriftliche Gruß der Mutter enthält den Satz:
"Mein geliebtes Kind - die Welt kann nur miteinander leben, wenn das Wort Liebe groß geschrieben ist - Liebe und Toleranz - nicht hassen - nur lieben."
(Zweite Lektüre nach 1999) 

sieh auch: 
"Meine Heimat ist mein Elternhaus", Interview mit der Armenierin Sesede Terziyan, 6.3.15