11 März 2014

Schlafe, was willst du mehr? - Wandlung eines Motivs

"Ein garstig' Lied! Pfui! Ein politisch' Lied", erklärt  einer der Studenten in "Auerbachs Keller" in Goethes Faust I. Auch Goethe hat sich stark von der Französischen Revolution und allen Revolutionsgedanken distanziert und doch ist eines seiner Altersgedichte zur Vorlage eines der bekanntesten politischen Gedichte aus dem Vormärz geworden.
Das hat seine literarische Vorgeschichte, die sich aus verschiedenen Umschreibungen des Gedichts (Parodien), die sich immer weiter vom Original entfernen,  erschließen lässt. *


Wiegenlied

„Deutschland - auf weichem Pfühle
Mach` dir den Kopf nicht schwer
Im irdischen Gewühle!
Schlafe, was willst du mehr?
Laß` jede Freiheit dir rauben,
Setze dich nicht zur Wehr,
Du behältst ja den christlichen Glauben;
Schlafe, was willst du mehr?
Und ob man dir alles verböte,
Doch gräme dich nicht zu sehr,
Du hast ja Schiller und Göthe:
Schlafe, was willst du mehr?
Dein König beschützt die Kameele
Und macht sie pensionär,
Dreihundert Thaler die Seele:
Schlafe, was willst du mehr?
Es fechten dreihuntert Blätter
Im Schatten, ein Sparterheer;
Und täglich erfährst du das Wetter:
Schlafe, was willst du mehr?
Kein Kind läuft ohne Höschen
Am Rhein, dem freien, umher:
Mein Deutschland, mein Dornröschen,
Schlafe, was willst du mehr?“

Georg Herwegh, in Lieder eines Lebendigen1841
Interpretation


Wo sind noch Würm' und Drachen,
Riesen mit Schwert und Speer?
Was kannst du weiter machen?
Schlafe! was willst du mehr?

Du hast genug gelitten
Qualen in Kampf und Strauß;
Du hast genug gelitten
Schlafe, mein Volk, schlaf aus!

Wo sind noch Würm' und Drachen,
Riesen mit Schwert und Speer?
Die Volksvertreter wachen:
Schlafe! Was willst du mehr?

Heinrich Hoffmann von Fallersleben, 9. Februar, 1840
aus Unpolitische Lieder, I. Teil
LXII.

     Du hast Diamanten und Perlen,
Hast alles, was Menschenbegehr,
Und hast die schönsten Augen –
Mein Liebchen, was willst du mehr?
5
     Auf deine schönen Augen
Hab’ ich ein ganzes Heer
Von ewigen Liedern gedichtet –
Mein Liebchen, was willst du mehr?

     Mit deinen schönen Augen
10
Hast du mich gequält so sehr,
Und hast mich zu Grunde gerichtet –
Mein Liebchen, was willst du mehr?

Heinrich Heine, Buch der Lieder 62,  1823/24 Wikisource


»Ach, von dem weichen Pfühle
Was treibt dich irr umher?
Bei meinem Saitenspiele
Schlafe, was willst du mehr?

Bei meinem Saitenspiele
Heben dich allzusehr
Die ewigen Gefühle;
Schlafe, was willst du mehr?

Die ewigen Gefühle,
Schnupfen und Husten schwer,
Ziehn durch die nächt'ge Kühle;
Schlafe, was willst du mehr?

Ziehn durch die nächt'ge Kühle
Mir den Verliebten her,
Hoch auf schwindlige Pfühle;
Schlafe, was willst du mehr?

Hoch auf schwindligem Pfühle
Zähle der Sterne Heer;
Und so dir das mißfiele:
Schlafe, was willst du mehr?«

Joseph von Eichendorff in: Ahnung und Gegenwart, 1. Buch, 5. Kapitel (1805)

Nachtgesang

O gib vom weichen Pfühle,
Träumend, ein halb Gehör
Bei meinem Saitenspiele
Schlafe! was willst du mehr?
[61]
Bei meinem Saitenspiele
Segnet der Sterne Heer
Die ewigen Gefühle;
Schlafe! was willst du mehr?

Die ewigen Gefühle
Heben mich, hoch und hehr,
Aus irdischem Gewühle;
Schlafe! was willst du mehr?

Vom irdischen Gewühle
Trennst du mich nur zu sehr,
Bannst mich in diese Kühle;
Schlafe! was willst du mehr?

Bannst mich in diese Kühle,
Gibst nur im Traum Gehör.
Ach, auf dem weichen Pfühle
Schlafe! was willst du mehr?


*Herweghs Gedicht hat freilich auch seine Nachgeschichte:

Preußen, was willst du mehr?
Hör endlich auf zu streiten,
Mach mir's nicht gar zu schwer!
Wir haben ja gute Zeiten
Preußen, was willst du mehr?

Der Handel steht in Blüte,
Es wimmelt der Verkehr,
Das Defizit wird zur Mythe -
Preußen, was willst du mehr?

Laß dir zu sehr nicht grauen
Vor all dem Militär;
Es kommt ja nicht zum Hauen -
Preußen, was willst du mehr?

Und macht heut oder morgen
Er dir das Herzchen schwer:
Bismarck wird alles besorgen -
Preußen - was willst du mehr?

Verfasser unbekannt, 1863 
bezogen auf den preußischen Verfassungskonflikt 1862-66, Bismarck war 1862 Ministerpräsident geworden

10 März 2014

Mondeinfang oder Gerda II

Kennen Sie« – und er zog sie mit seiner Hand, in der das Gelenk der ihren verschwand wie ein Kind zwischen Bergfelsen, näher an sich heran – »die aufregende Geschichte vom Mondeinfang? Sie wissen doch, daß unsere Erde früher mehrere Monde hatte? Und es gibt eine Theorie, die viele Anhänger besitzt, nach der solche Monde nicht das sind, wofür wir sie halten, erkaltete Himmelskörper, ähnlich der Erde selbst, sondern große, durch den Weltraum eilende Eiskugeln, die der Erde zu nahe gekommen sind und von ihr festgehalten werden. Unser Mond wäre die letzte davon. Sehen Sie ihn sich doch einmal an!« Gerda war ihm gefolgt und suchte im Sonnenhimmel den bleichen Mond. »Sieht er nicht aus wie eine Eisscheibe?« fragte Ulrich. »Das ist nicht Beleuchtung! Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wie es kommt, daß der Mann im Mond uns immer die gleiche Ansicht zukehrt? Er dreht sich nämlich nicht mehr, unser letzter Mond, er ist schon festgehalten! Sehen Sie, wenn der Mond einmal in die Gewalt der Erde gekommen ist, so kreist er ja nicht nur um sie, sondern sie zieht ihn auch immer näher an sich. Wir bemerken es bloß nicht, weil dieses Heranschrauben Jahrhunderttausende dauert oder noch länger. Aber es ist nicht wegzuleugnen, und in der Geschichte der Erde müssen Jahrtausende vorgekommen sein, wo die Monde vor diesem von ihr ganz nah herangezogen worden waren und mit einer ungeheuren Geschwindigkeit um die Erde rasten. Und so wie heute der Mond eine Flutwelle nach sich zieht, die einen Meter oder zwei hoch ist, so schleifte er damals einen Wasser- und Schlammberg so hoch wie ein Gebirge in taumelnder Fahrt um die Erde. Man kann sich eigentlich die Angst kaum vorstellen, in der durch solche Jahrtausende Geschlecht um Geschlecht auf der wahnsinnigen Erde gelebt haben muß –« »Hat es denn damals schon Menschen gegeben?« fragte Gerda. »Gewiß. Denn zum Schluß zerreißt solch ein Eismond, prasselt nieder, und die Flut, die er unter seiner Bahn berghoch zusammengezogen hat, fällt zurück und schlägt mit einer ungeheuren Welle über der ganzen Kugel zusammen, ehe sie sich wieder von neuem verteilt: Das ist nichts anderes als die Sintflut, was so viel heißt wie große allgemeine Überschwemmung! Wie könnten alle Sagen das so übereinstimmend überliefern, wenn die Menschen es nicht wirklich mitgemacht hätten? Und da wir einen Mond noch haben, werden solche Jahrtausende auch noch einmal wiederkommen. Es ist ein sonderbarer Gedanke ...« Gerda blickte atemlos zum Fenster hinaus auf den Mond; sie hatte ihre Hand noch immer in der seinen liegen, der Mond lag als blasser, häßlicher Fleck im Himmel, und gerade dieses unscheinbare Dasein gab dem phantastischen Weltabenteuer, als dessen Opfer sie in irgendeiner Gefühlsverbindung sich selbst empfand, schlichte Alltagswahrheit. »Diese Geschichte ist aber gar nicht wahr« sagte Ulrich. »Die Sachverständigen nennen es eine verrückte Theorie, und in Wirklichkeit kommt der Mond auch nicht der Erde näher, sondern ist sogar um zweiunddreißig Kilometer weiter von ihr entfernt, als es rechnungsgemäß sein sollte, wenn ich mich recht erinnere.«
Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften, Kapitel 73
Ulrich trägt Gerda die Theorie vom Mondeinfang vor, um den Einfluss des national-deutschen, antisemitischen Freundeskreises, mit dem sie sich umgibt, abzuschwächen. Er setzt darauf, dass sie mehr aus Opposition zu ihren Eltern handelt, als dass sie von den antisemitischen Konzepten überzeugt wäre.
Musil hat schon vorher über Gerda geschrieben:
"Gerda, die ein kluges Mädchen war, empfand heimlich nicht wenig Mißtrauen gegen diese übertriebenen Anschauungen, aber sie mißtraute auch diesem Mißtrauen, in dem sie ein Erbteil der elterlichen Vernunft zu erkennen glaubte. So unabhängig sie sich gab, war sie ängstlich bemüht, ihren Eltern nicht zu gehorchen, und litt unter der Bangigkeit, daß ihre Abstammung sie hindern könnte, Hansens Gedanken zu folgen." 
Gerdas Vater ist Jude.

Vielleicht haben Sie jetzt Lust das ganze Kapitel zu lesen, das beginnt:
In diesem Getriebe fand Ulrich lange nicht Zeit, das Versprechen, das er Direktor Fischel gegeben hatte, einzulösen und dessen Familie zu besuchen. Ja, recht gesagt, er fand die Zeit überhaupt nicht, ehe ihn nicht ein unerwartetes Ereignis traf; es war der Besuch von Fischels Gattin Klementine.
Sie hatte sich telefonisch angemeldet, und Ulrich sah ihr nicht ohne Besorgnis entgegen. [...]


09 März 2014

Leo Fischels Tochter Gerda

Sie war eines jener reizend zielbewußten heutigen Mädchen, die auf der Stelle Omnibusschaffner würden, wenn eine allgemeine Idee dies verlangte. [...]
 [...] man redet sich in die Liebe hinein wie in den Zorn, wenn man ihre Gebärden macht. [...]
Genügt es Ihnen, wenn ich beschwöre, daß das Wissen mit der Habsucht verwandt ist; einen schäbigen Spartrieb darstellt; ein überheblicher innerer Kapitalismus ist? [...]
Wäre Gerda einige Jahre später geboren worden, so wäre ihr Papa einer der reichsten Männer der Stadt gewesen, wenn auch gerade dann kein besonders gut angesehener, und ihre Mutter würde ihn wieder bewundert haben, ehe Gerda in die Lage hätte kommen können, die Streitigkeiten zwischen ihren Erzeugern als Zwiespalt in sich selbst zu empfinden. Sie würde sich dann wahrscheinlich mit Stolz als ein Rassenmischwesen gefühlt haben; wie die Verhältnisse aber in Wirklichkeit waren, lehnte sie sich gegen ihre Eltern und deren Lebensprobleme auf, wollte nicht von ihnen erblich belastet sein und war blond, frei, deutsch und kraftvoll, als hätte sie mit ihnen nichts zu tun. Das besaß, so gut es aussah, den Nachteil, daß sie nie dazu gekommen war, den Wurm, der an ihr fraß, ans Licht zu befördern. [...]
Sie waren keine Rasseantisemiten, sondern Gegner der »jüdischen Gesinnung«, worunter sie Kapitalismus und Sozialismus, Wissenschaft, Vernunft, Elternmacht und -anmaßung, Rechnen, Psychologie und Skepsis verstanden.
Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften, Kapitel 73

08 März 2014

Jäger und Wild

In meinem Kommentar zum Storchenzitat habe ich ein Gedicht über Jäger und Wild zitiert.
Hier folgt ein Volkslied:
1. Es blies ein Jäger wohl in sein Horn, wohl in sein Horn,
und alles, was er blies, das war verlorn, das war verlorn.
Halia Husasa tiralala,
und alles, was er blies, das war verlorn.
2. Soll denn mein Blasen verloren sein?
Viel lieber will ich kein Jäger sein.
Halia Husasa tiralala,
und alles, was er blies, das war verlorn.
3. Er zog sein Netz wohl über den Strauch,
da sprang ein schwarzbraunes Mädel heraus.
Halia Husasa tiralala,
und alles, was er blies, das war verlorn.
4. Ach schwarzbraunes Mädel, entspring mir nicht!
Ich habe große Hunde, die holen dich.
Halia Husasa tiralala,
und alles, was er blies, das war verlorn.
5. Deine großen Hunde, die holen mich nicht.
Sie wissen meine hohen weiten Sprünge nicht.
Halia Husasa tiralala,
und alles, was er blies, das war verlorn.
6. Deine hohen weiten Sprünge, die wissen sie wohl,
sie wissen, daß du heut noch sterben sollst.
Halia Husasa tiralala,
und alles, was er blies, das war verlorn.
7. Und sterb ich heut, bin ich morgen tot,
begräbt man mich unter Rosen rot.
Halia Husasa tiralala,
und alles, was er blies, das war verlorn.
8. Er warf ihr's Netz wohl um den Fuß,
auf daß die Jungfrau fallen muß.
Halia Husasa tiralala,
und alles, was er blies, das war verlorn.
9. Er warf ihr's Netz wohl um den Arm,
da war sie gefangen, daß Gott erbarm.
Halia Husasa tiralala,
und alles, was er blies, das war verlorn.
10. Er warf ihr's Netz wohl um den Leib,
da ward sie des jungfrischen Jägers Weib.
Halia Husasa tiralala,
und alles, was er blies, das war verlorn.
Dass ich das Volkslied in einer anderen Version im Kopf habe, als die hier aus dem Internet gezogene, wird wohl nicht verwundern. Meine Version ähnelt sehr der im "Liederquell" veröffentlichten.

  Das Gedicht:
(Sie:)
Wär' ich ein muntres Hirschlein schlank,
Wollt' ich im grünen Walde gehn,
Spazierengehn bei Hörnerklang,
Nach meinem Liebsten mich umsehn.

Ein junger Jäger, der seitwärts an einem Baume gelehnt stand und ihren Gesang mit dem Waldhorne begleitete, antwortete ihr sogleich nach derselben Melodie:
Nach meiner Liebsten mich umsehn
Tu ich wohl, zieh ich früh von hier,
Doch sie mag niemals zu mir gehn
Im dunkelgrünen Waldrevier.

Sie sang weiter:
Im dunkelgrünen Waldrevier,
Da blitzt der Liebste rosenrot,
Gefällt so sehr dem armen Tier,
Das Hirschlein wünscht, es läge tot.

Der Jäger antwortete wieder:
Und wär' das schöne Hirschlein tot,
So möcht ich länger jagen nicht;
Scheint übern Wald der Morgen rot:
Hüt schönes Hirschlein, hüte dich!

Sie:
Hüt schönes Hirschlein, hüte dich!
Spricht's Hirschlein selbst in seinem Sinn,
Wie soll ich, soll ich hüten mich,
Wenn ich so sehr verliebet bin?

Er:
Weil ich so sehr verliebet bin,
Wollt ich das Hirschlein, schön und wild,
Aufsuchen tief im Walde drin
Und streicheln, bis es stille hielt'.

Sie:
Ja, streicheln, bis es stille hielt',
Falsch locken so in Stall und Haus!
Zum Wald springt's Hirschlein frei und wild
Und lacht verliebte Narren aus.

Hier ließen sich einige Reflexionen über die Frauenrolle im Volkslied und in der Romantik anschließen.
Ich überlasse sie den Lesern, doch darf ich anmerken, dass Hermann Löns schwerlich einen Storch, der auf einem Bein zu stehen pflegt, auf einem Bein sitzen ließe. Was in der Romantik Naturschwärmerei ohne Kenntnis war, ist bei Löns Naturromantik ohne Emanzipation. Oder ist das zu verallgemeinert und überspitzt?

07 März 2014

Wissenschaft - Wahrheit - Desillusion

Fragt man sich unbefangen, wie die Wissenschaft ihre heutige Gestalt bekommen hat – was an und für sich wichtig ist, da sie uns ja beherrscht und nicht einmal ein Analphabet vor ihr sicher ist, denn er lernt es, mit unzähligen gelehrt geborenen Dingen zusammenzuleben –, so erhält man schon ein anderes Bild. Nach glaubwürdigen Überlieferungen hat das im sechzehnten Jahrhundert, einem Zeitalter stärkster seelischer Bewegtheit, damit begonnen, daß man nicht länger, wie es bis dahin durch zwei Jahrtausende religiöser und philosophischer Spekulation geschehen war, in die Geheimnisse der Natur einzudringen versuchte, sondern sich in einer Weise, die nicht anders als oberflächlich genannt werden kann, mit der Erforschung ihrer Oberfläche begnügte. Der große Galileo Galilei, der dabei immer als erster genannt wird, räumte zum Beispiel mit der Frage auf, aus welchem in ihrem Wesen liegenden Grund die Natur eine Scheu vor leeren Räumen habe, so daß sie einen fallenden Körper solange Raum um Raum durchdringen und ausfüllen lasse, bis er endlich auf festem Boden anlange, und begnügte sich mit einer viel gemeineren Feststellung: er ergründete einfach, wie schnell ein solcher Körper fällt, welche Wege er zurücklegt, Zeiten verbraucht und welche Geschwindigkeitszuwüchse er erfährt. Die katholische Kirche hat einen schweren Fehler begangen, indem sie diesen Mann mit dem Tode bedrohte und zum Widerruf zwang, statt ihn ohne viel Federlesens umzubringen; denn aus seiner und seiner Geistesverwandten Art, die Dinge anzusehen, sind danach – binnen kürzester Zeit, wenn man historische Zeitmaße anlegt, – die Eisenbahnfahrpläne, die Arbeitsmaschinen, die physiologische Psychologie und die moralische Verderbnis der Gegenwart entstanden, gegen die sie nicht mehr aufkommen kann. [...]
so anstößig das heute klingt, jemand von Nüchternheit beseelt zu nennen, wo wir davon schon zu viel zu haben glauben, damals muß das Erwachen aus der Metaphysik zur harten Betrachtung der Dinge nach allerhand Zeugnissen geradezu ein Rausch und Feuer der Nüchternheit gewesen sein! Aber wenn man sich fragt, was der Menschheit nun eigentlich eingefallen sei, sich so zu verändern, so ist die Antwort, sie tat damit nichts anderes, als jedes vernünftige Kind tut, wenn es zu früh versucht hat, zu laufen; sie setzte sich auf die Erde und berührte diese mit einem verläßlichen und wenig edlen Körperteil, es muß gesagt werden: sie tat es mit eben jenem, auf dem man sitzt. Denn das Merkwürdige ist, daß sich die Erde dafür so ungemein empfänglich gezeigt hat und seit dieser Berührung sich Erfindungen, Bequemlichkeiten und Erkenntnisse in einer Fülle entlocken läßt, die ans Wunder grenzt. Man könnte nach dieser Vorgeschichte nicht ganz mit Unrecht meinen, es sei das Wunder des Antichrist, in dem wir uns mitten darin befinden; denn das gebrauchte Berührungsgleichnis ist nicht nur in der Richtung der Verläßlichkeit zu deuten, sondern ebensosehr in der Richtung des Anstandslosen und Verpönten. Und wirklich haben, ehe geistige Menschen ihre Lust an den Tatsachen entdeckten, nur Krieger, Jäger und Kaufleute, gerade also listige und gewalttätige Naturen, diese besessen. Im Kampf ums Leben gibt es keine denkerischen Sentimentalitäten, sondern nur den Wunsch, den Gegner auf dem kürzesten und tatsächlichsten Wege umzubringen, da ist jedermann Positivist; [...]
Man kann gleich mit der eigenartigen Vorliebe beginnen, die das wissenschaftliche Denken für mechanische, statistische, materielle Erklärungen hat, denen gleichsam das Herz ausgestochen ist. Die Güte nur für eine besondere Form des Egoismus anzusehen; Gemütsbewegungen in Zusammenhang mit inneren Ausscheidungen zu bringen; festzustellen, daß der Mensch zu acht oder neun Zehnteln aus Wasser besteht; die berühmte sittliche Freiheit des Charakters als ein automatisch entstandenes Gedankenanhängsel des Freihandels zu erklären; Schönheit auf gute Verdauung und ordentliche Fettgewebe zurückzuführen; Zeugung und Selbstmord auf Jahreskurven zu bringen, die das, was freieste Entscheidung zu sein scheint, als zwangsmäßig zeigen; Rausch und Geisteskrankheit als verwandt zu empfinden; After und Mund als das rektale und orale Ende derselben Sache einander gleichzustellen –: derartige Vorstellungen, die im Zauberkunststück der menschlichen Illusionen gewissermaßen den Trick bloßlegen, finden immer eine Art günstiger Vormeinung, um für besonders wissenschaftlich zu gelten. Es ist allerdings die Wahrheit, was man da liebt; aber rings um diese blanke Liebe liegt eine Vorliebe für Desillusion, Zwang, Unerbittlichkeit, kalte Abschreckung und trockene Zurechtweisung, eine hämische Vorliebe oder wenigstens eine unfreiwillige Gefühlsausstrahlung von solcher Art. Mit einem anderen Wort, die Stimme der Wahrheit hat ein verdächtiges Nebengeräusch, aber die am nächsten Beteiligten wollen nichts davon hören. Nun, die Psychologie kennt heute viele solcher unterdrückten Nebengeräusche, und sie hat auch den Rat bereit, daß man sie hervorholen und sich so deutlich wie möglich machen solle, um ihre schädlichen Wirkungen zu verhindern. Wie wäre es also, wenn man die Probe machen wollte und sich versucht fühlte, den zweideutigen Geschmack an der Wahrheit und ihren boshaften Nebenstimmen des Menschengehässigen und Höllenhundsmäßigen offen zur Schau zu tragen, ihn gleichsam vertrauend ins Leben zu wenden? Nun, es käme ungefähr jener Mangel an Idealismus heraus, der unter dem Titel einer Utopie des exakten Lebens schon beschrieben worden ist, eine Gesinnung auf Versuch und Widerruf, aber dem eisernen Kriegsgesetz der geistigen Eroberung unterstehend. Dieses Verhalten zur Lebensgestaltung ist nun freilich keineswegs pflegend und befriedend; es würde das Lebenswürdige keineswegs nur mit Ehrfurcht ansehen, sondern eher wie eine Demarkationslinie, die der Kampf um die innere Wahrheit beständig verschiebt. Es würde an der Heiligkeit des Augenblickszustandes der Welt zweifeln, aber nicht aus Skepsis, sondern in der Gesinnung des Steigens, wo der Fuß, der fest steht, jederzeit auch der tiefere ist. Und in dem Feuer einer solchen Ecclesia militans, welche die Lehre haßt um des noch nicht Geoffenbarten willen und Gesetz und Gültiges beiseite schiebt im Namen einer anspruchsvollen Liebe zu ihrer nächsten Gestalt, würde der Teufel wieder zu Gott zurückfinden, oder, einfacher gesprochen, die Wahrheit wäre dort wieder die Schwester der Tugend und müßte nicht mehr gegen sie die versteckten Bosheiten verüben, welche eine junge Nichte gegen eine altjüngferliche Tante ausheckt. Alles das nimmt nun, mehr oder weniger bewußt, ein junger Mensch in den Lehrsälen des Wissens in sich auf, und er lernt dazu die Elemente einer großen konstruktiven Gesinnung kennen, die das Entfernte wie einen fallenden Stein und einen kreisenden Stern spielend zusammenbringt und etwas, das scheinbar eins und unteilig ist, wie das Entstehen einer einfachen Handlung aus den Zentren des Bewußtseins, in Ströme zerlegt, deren innere Quellen um Jahrtausende voneinander verschieden sind. Wollte sich aber jemand einfallen lassen, von so erworbener Gesinnung außerhalb der Grenzen besonderer Fachaufgaben Gebrauch zu machen, so würde ihm alsbald begreiflich gemacht werden, daß die Bedürfnisse des Lebens andere seien als die des Denkens. Im Leben spielt sich ungefähr von allem, was der ausgebildete Geist gewohnt ist, das Gegenteil ab.  [...]
Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften, Kapitel 72

Im Hintergrunde saß ein Storch auf einem Beine ...

... und sah melancholisch in die weite Gegend hinaus."

Von welchem Dichter stammt der Satz?

Hermann Löns

Joseph von Eichendorff

Christian Morgenstern

.......

SAŠA STANIŠIĆ: Vor dem Fest

SAŠA STANIŠIĆ

Vor dem Fest: Buchvorstellung mit sehr kurzer Leseprobe

STANIŠIĆs literarischer Blog

Besprechung 1

Besprechung 2