16 April 2026

Agnes Sapper: Werden und Wachsen - Marie als Farmerin in Afrika

 In der Fortsetzung der "Familie Pfäffling" ("Werden und Wachsen") bin ich zunächst einfach der Handlung gefolgt, doch die Art, wie sich die deutsche Familie dort in der fremden Umgebung (Deutsch-Südwestafrika) zu bewähren versucht, war mir etwas fremd.

Heute würde ich sie mit der Art, wie in gutefrage.net über die "Almans" gesprochen wird, vergleichen. Die Verunsicherung, die Migranten in einer anderen kulturellen Umgebung erfahren, drückt sich da nicht selten dadurch aus, dass die Almans als eine Art Mangelwesen angesehen werden. Wer sich in fremder Umgebung behaupten will, tendiert vielleicht dazu, um seiner eigenen Verunsicherung zu begegnen.
Agnes Sapper war meiner Kenntnis nach nie in Afrika.

Kapitel 13: Marie als Farmerin in Afrika

"[...] Es war Maries Ehrgeiz, daß alles in guter Ordnung bleibe während ihrer Alleinherrschaft. Zuerst scheute sie sich wohl, den Arbeitern nachzugehen und sich die Aufsicht anzumaßen. Da kam ihr in den Sinn, ihr Söhnlein auf den Arm zu nehmen und so die Aufmerksamkeit von sich abzulenken. Der Kleine war für die Schwarzen ein Wunderkind. Große Weiße, Männer und Frauen, hatten sie alle schon gesehen, aber daß auch das Wochenkind schon so weiß und rosig war, das erregte ihr Staunen. Wenn nun Marie, mit dem Kind auf dem Arm, kam und sagte, der kleine Sohn sehe nach, ob seines Vaters Arbeit gut getan würde, so nahmen sie das nicht als Scherz auf. Wer konnte genau wissen, was für geheimnisvolle Kräfte so ein kleiner Weißer in sich barg?

Unter den Schwarzen, die den Garten besorgten, war einer, der immer mit dem freundlichsten Grinsen und besonderer Bewunderung nach dem Kindlein sah. Er hatte auch, wenn der Korbwagen mit dem Kleinen im Garten stand, beständig ein Auge darauf, kein Insekt durfte ihn plagen, keine Schlange konnte unbemerkt um den Wagen schleichen. Als er so einmal bewundernd dabei stand und Marie das Bettchen aufschütteln wollte, bot sie dem Schwarzen das Kind zum Halten hin. Er nahm behutsam und mit sichtlichem Stolz das weiße Bündelchen in seine schwarzen Arme und dann rannte er plötzlich damit davon. Marie stand sprachlos. Böses konnte sie ihm nicht zutrauen, aber was hatte er vor mit ihrem Kinde? Sie folgte dem behend Dahinspringenden, sah ihn mit dem Kind den Hütten der Eingeborenen zueilen und in seinem Pontok [ein in Namibia verbreiteter Haustyp] verschwinden. Nun war ihr doch angst, sie lief so schnell sie konnte. Als sie in die Hütte trat, war der Mann mit dem Kind der Mittelpunkt eines bewundernden Kreises, alle Familienglieder, der alte Vater, die Brüder und ihre Weiber standen um ihn herum, und deutlich war zu erkennen, wie stolz sich der Schwarze fühlte, daß die junge Frau ihm dies kostbare Gut anvertraut hatte. Er ließ es auch nicht aus den Händen, die andern durften den kleinen Gast nicht berühren.

Dieser Anblick machte die junge Mutter glücklich und stolz, wenn es gleich nur Schwarze waren, die den Kreis der Verehrer bildeten; unvermittelt und erheiternd kam ihr der Gedanke, was für Augen die getreue Walburg machen würde, wenn sie diesen kleinen Pfäfflingsenkel so umgeben sähe von halbnackten Wilden? Sorglich wurde nun das Kind wieder in den Korbwagen zurückgetragen. Freilich war aus diesem inzwischen ein Spitzentüchlein gestohlen worden, aber gegen solche Vorkommnisse war Marie schon abgehärtet, das kleine Kindermädchen mochte es genommen haben, die konnte das Stehlen nicht lassen, aber sie gab alles wieder her, wenn ihr der Gärtner nur mit der Peitsche drohte. [...]"


Anders als in "Die Familie Pfäffling" übernimmt es Sapper in "Werden und Wachsen" eine ihr fremde Welt darzustellen. 

Man kann sich an manchen Formulierungen stoßen: "wenn es gleich nur Schwarze waren", umgeben "von halbnackten Wilden", "die konnte das Stehlen nicht lassen, aber sie gab alles wieder her, wenn ihr der Gärtner nur mit der Peitsche drohte".

Andererseits ist erkennbar, dass sie mit diesen Formulierungen die Vorstellungen ihrer Zeit aufgreift, aber vorführen will, dass die Angst, bestohlen zu werden, sich zwar nahe legt, aber auch unbegründet sein kann.

Wenn sie formuliert "Wenn nun Marie, mit dem Kind auf dem Arm, kam und sagte, der kleine Sohn sehe nach, ob seines Vaters Arbeit gut getan würde, so nahmen sie das nicht als Scherz auf. Wer konnte genau wissen, was für geheimnisvolle Kräfte so ein kleiner Weißer in sich barg?" unterstellt sie nur den Schwarzen das, was Kipling als Weißer dem im Dschungel aufgewachsenen Menschen Mogli im Dschungelbuch zuschreibt:  dass "so ein kleiner [Mensch] geheimnisvolle Kräfte" hat, so dass er die Sprache aller Tiere beherrscht. 

Freilich, dass sie die Bedrohung mit der Peitsche als normal unterstellt, passt nicht in unsere Zeit. Es befremdet zu recht. Doch Sapper gesteht hier  der ihr unbekannten Gesellschaft eine ihr eigene Wertvorstellung zu.

Zum vollständigen Text von Werden und Wachsen.

 Werden und Wachsen (erschienen 1910) ist der Fortsetzungsband zu Agnes Sappers wohl berühmtestem Werk Die Familie Pfäffling. Während der erste Teil den Fokus auf die Kindheit der sieben Geschwister und das turbulente, liebevolle Familienleben legt, begleitet dieses Buch das „Großwerden“ der Kinder.

1. Inhalt und Handlung

Der Roman schildert den Übergang der Pfäffling-Kinder vom Jugendalter in das Berufsleben und die Selbstständigkeit. Sapper führt die Leser durch die verschiedenen Lebenswege der Geschwister, die nun mit den Herausforderungen des Erwachsenwerdens konfrontiert sind:

  • Berufliche Ausbildung: Es geht um das Finden einer „tüchtigen“ Tätigkeit. Besonders modern für die damalige Zeit war Sappers Einstellung zur Ausbildung von Mädchen. Sie vertrat die Ansicht, dass auch junge Frauen eine solide Ausbildung brauchen, um unabhängig von einer späteren Heirat ein wertvolles Leben zu führen.

  • Charakterbildung: Wie der Titel schon sagt, liegt der Fokus auf dem inneren Wachstum. Die Protagonisten müssen lernen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen, Rückschläge zu verkraften und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.

  • Einzelschicksale: Das Buch ist episodisch aufgebaut. Es werden Geschichten erzählt wie „Wie Johannes Ruhn Kaufmann wurde“ oder „Mutter und Tochter“, die jeweils eine spezifische moralische oder lebenspraktische Lektion enthalten.

2. Zentrale Themen und Werte

Agnes Sappers Werk ist stark geprägt von den bürgerlichen und christlichen Werten des frühen 20. Jahrhunderts:

  • Arbeitsethos: Arbeit wird als Quelle von Zufriedenheit und Selbstwertgefühl dargestellt.

  • Gehorsam und Liebe: Anders als die oft autoritäre Pädagogik der Kaiserzeit (der „Rohrstock“), plädierte Sapper für eine Erziehung durch Liebe und Einsicht.

  • Gottvertrauen: Eine unaufdringliche, aber stete religiöse Grundstimmung zieht sich durch die Erzählungen.

3. Literarische Einordnung

  • Stil: Sapper schreibt schlicht, klar und verzichtet auf komplexe psychologische Analysen. Das machte ihre Bücher besonders bei jungen Lesern und Familien extrem populär.

  • Bedeutung: Zusammen mit dem Vorband gehörte Werden und Wachsen jahrzehntelang zum Standardrepertoire deutscher Kinder- und Jugendliteratur. Es bietet heute einen faszinierenden (wenn auch idealisierten) Einblick in das bürgerliche Familienideal der Wilhelminischen Ära.

4. Ein Zitat als Leitmotiv

Ein bekannter Satz aus dem Buch illustriert Sappers damals fortschrittliche Sicht auf die Rolle der Frau:

„Wenn ein Mädchen (…) fest in seiner Arbeit steht mit dem Gedanken: kommt das Liebesglück, so ist’s gut, kommt es nicht, so ist mein Leben doch von Wert, so bleibt es fröhlich, geht sicher seinen Weg und wird dadurch nur liebenswerter.“


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