17 April 2026

Ludwig Uhland: Geschichte der deutschen Poesie im Mittelalter

 Das europäische Mittelalter bildet sich in dem Zusammenstoß und der Verschmelzung des germanisch-heidnischen Lebens mit dem romanisch-christlichen. Der jugendlich-kräftige Germanenstamm zerbricht das morsche Römerreich und gründet auf den Trümmern desselben neue, eigentümliche Staatenbildungen. Aber die Kultur der Besiegten, noch nicht die literarische, sondern die bürgerlich-gesellige, übt rückwirkend ihre Macht auf die Sieger aus. Und eben im Zerfall der alten Welt ist ein neues, geistiges Licht angezündet worden, das Christentum, vor dessen aufglänzendem Strahl die heidnischen Eroberer sich niederwerfen. Die Geisteskräfte nun, welche aus dem Kampf und der Vermittlung jenes weitgreifenden Gegensatzes ein neues Weltalter erschaffen, sind diejenigen, deren vorherrschende Wirksamkeit überall der wissenschaftlichen Bildung, dem Reiche des Gedankens vorangeht, dieselben, welche vorzugsweise das dichterische Vermögen ausmachen, die Kräfte der Phantasie und des Gemüts. Alle größern Erscheinungen des Mittelalters zeigen uns diesen Charakter des Phantastisch-Gemütlichen. Nehmen wir die Kreuzzüge, welche jahrhundertelang die Völker aufgeregt, so werden uns die politischen Triebfedern, welche dabei mitunterliefen, doch nimmer ausreichend bedünken, diese große Bewegung hervorzubringen; selbst die religiösen Antriebe dieser kriegerischen Wallfahrten setzen einen auf das Phantastische gerichteten Glauben voraus.

Indem wir jedoch Phantasie und Empfindung, die wir als dauernde, konstante Seelenstimmung Gemüt nennen, für die auszeichnenden Bestandteile des Dichtervermögens erklärt haben, für diejenigen, wodurch es sich von andern Fähigkeiten und Richtungen des Geistes eigens unterscheidet, so war es keineswegs die Absicht, dem Dichter die Denkkraft abzusprechen oder zu erlassen.
Der Zusammenhang und Fortschritt der Zeiten aber wird uns nicht zu der lieblosen und einbildischen Ansicht der Weltgeschichte verleiten, als wäre je die frühere Periode nur vorhanden gewesen, um die spätere zur Reife zu bringen, so daß gerade nur um unsertwillen, die wir jetzt über dem Boden stehen, alle die gelebt hätten, die darunter liegen. Wir müssen in jedem einzelnen und in jedem Geschlechte der Menschen den Selbstzweck anerkennen;
Das Höchste, was eine Zeit in sich trägt und was sie niemals ganz verwirklicht, ist ihre Ideenwelt: das Mittelalter hat die seinige in der Poesie niedergelegt, nur diese also kann uns seinen innern Gehalt erschließen.
die geschichtliche Auffassung kennt das Werden und das Gewordene, sie unterscheidet das Wesentliche von dem Zufälligen, sie verbindet, was in der Wirklichkeit durch Zeit und Raum getrennt war.
Der erste Abschnitt behandelt das älteste Erbteil der deutschen Poesie, die Heldensage, das Epos, tief im heidnischen Glauben und in der angestammten germanischen Sitte wurzelnd. Der zweite gibt uns in den Heiligensagen und Rittergedichten Erzeugnisse des eingeführten Christenglaubens und seiner Verbindung mit den Begriffen und Angewöhnungen der bekehrten Völker. Der dritte zeigt uns im Minnesang eine Verschmelzung des Naturgefühls und Naturdienstes mit den geistigen Einflüssen des Christentums und den geselligen der romanischen Bildung. Im vierten endlich, unter dem Namen der Lehr- und Zeitgedichte, fassen wir alles das zusammen, was eine unmittelbare praktische Richtung auf das Leben hat: Spruchgedichte, Lehrfabeln, politisch-kirchliche Streitgedichte, Satiren und Schwanke, Sittenschilderungen nach den verschiedenen Ständen und hieran angereiht auch die Lebensverhältnisse der Dichter selbst. Hier werden wir erkennen, wie der Gedanke, die Betrachtung, der gesunde Haus- und Welt- Verstand mitten unter den phantastischen Stimmungen des Mittelalters sein Recht behauptet, wie er mehr und mehr über diese das Übergewicht erlangt hat, und so wird uns dieser letzte Abschnitt den natürlichen Übergang des Mittelalters in die neuere Zeit ausmachen. Aber eben mit dieser Anlage im Größern ist die chronologische Anreihung der einzelnen vorhandenen Werke nicht verträglich. Eine solche literarische Chronologie hat zwar auch ihr besondres Interesse. Sie kann uns zeigen, wie zuerst die Geistlichkeit, der christliche Priesterstand, sich im ausschließlichen Besitze der Schrift befand, so daß alle Schriftwerke von der frühesten Zeit bis in das letzte Viertel des zwölften Jahrhunderts, mit ganz seltener Ausnahme, von Geistlichen verfaßt, daher auch meist geistlichen Inhalts sind oder, sofern ihr Inhalt ein weltlicher ist, die Spur der geistlichen Hand an sich tragen, wie dann um die bemerkte Zeit die Handhabung der Schrift, wenigstens mittels des Diktierens, allmählich auch auf die Laien, den Ritterstand, überging und zuletzt, bei zerfallender Bildung des Adels, der Bürgerstand sich der Literatur bemächtigte. Diesen Gang der literarischen Ausbildung werden wir zwar stets im Auge haben, aber er kann die Anordnung eines Vortrags nicht bestimmen, dem es hauptsächlich um den innern Bestand der Dichtungskreise zu tun ist.
Grundriß zur Geschichte der deutschen Nationalliteratur. Zum Gebrauch auf gelehrten Schulen entworfen von Aug. Koberstein, Professor an der Königl. Landesschule zu Pforta. Leipzig 1827.
Es wird sich dann auch zeigen, wie überall die Volkspoesie in dem Maße zurückgewichen, in welchem die literarische Bildung und die mit ihr verbundene Herrschaft dichterischer Persönlichkeit vorgeschritten, und daß dieselbe nur da noch lebe und blühe, wo eine Literatur noch nicht oder nicht mehr vorhanden ist.
Rother. Über dem Westmeere sitzt König Rother in der Stadt zu Bare (Bari in Apulien). Er sendet Boten, die um die Tochter des Königs Konstantin zu Konstantinopel für ihn werben sollen. Als sie hinschiffen wollen, heißt er seine Harfe bringen. Drei Leiche (Spielweisen) schlägt er an; wo sie diese in der Not vernehmen, sollen sie seiner Hilfe sicher sein. Jahr und Tag ist um, die Boten sind nicht zurück. Konstantin, jede Werbung verschmähend, hat sie in einen Kerker geworfen, wo sie nicht Sonne noch Mond sehen, Frost, Nässe und Hunger leiden sie; mit dem Wasser, das unter ihnen schwebt, laben sie sich. Auf einem Steine sitzt Rother drei Tage und drei Nächte, ohne mit jemand zu sprechen, traurigen Herzens seiner Boten gedenkend. Auf den Rat Berthers von Meran, Vaters von sieben der Boten, beschließt er Heerfahrt, sie zu retten oder zu rächen. Das Heer sammelt sich; da sieht man auch den König Asprian, den kein Roß trägt, mit zwölf riesenhaften Mannen daherschreiten; der grimmigste unter ihnen, Widolt mit der Stange, wird wie ein Löwe an der Kette geführt und nur zum Kampfe losgelassen. Bei den Griechen angekommen, läßt Rother sich Dietrich nennen. Er läßt sich vor Konstantin auf die Knie nieder; vom übermächtigen König Rother geächtet, such' er Schutz und biete dafür seinen Dienst an. Konstantin fürchtet sich, die Bitte zu versagen. Durch Pracht und Übermut erregen die Schützlinge Staunen und Furcht. Den zahmen Löwen, der von des Königs Tischen das Brot wegnimmt, wirft Asprian an des Saales Wand, daß er in Stücke fährt. Wie leid es dem König ist, er rührt sich nicht. Rother verschafft sich, nach Berthers Rat, durch reiche Spenden großen Anhang. Da klagt die Königin, daß ihre Tochter dem versagt worden, der solche Männer vertrieben. Die Tochter selbst möchte den Mann sehen, von dem soviel gesprochen wird. Am Pfingstfeste, wo sie mit ihren Jungfrauen zu Hofe kommt, gelingt ihr dieses nicht vor dem Gedräng der Gaffer um die glänzenden Fremdlinge. Als es still in der Kammer, geht ihre Dienerin Herlind, ihn zu ihr zu bescheiden. Er stellt sich scheu, läßt aber seine Goldschmiede eilend zween silberne Schuhe gießen und zween von Golde. Von jedem Paar einen, beide für denselben Fuß, schickt er der Königstochter. Bald kehrt Herlind zurück, den rechten Schuh zu holen und den Helden nochmals zu laden. Jetzt geht er hin mit zween Rittern, setzt sich der Jungfrau zu Füßen und zieht ihr die Goldschuhe an. Währenddessen fragt er sie, welcher von ihren vielen Freiern ihr am besten gefalle. Sie will immer Jungfrau bleiben, wenn ihr nicht Rother werde. Da spricht er: »Deine Füße stehen in Rothers Schoß.« Erschrocken zieht sie den Fuß zurück, den sie in eines Königs Schoß gesetzt. Gleichwohl zweifelt sie noch. Sie zu überzeugen, beruft er sich auf die gefangenen Boten. Darauf erbittet sie von ihrem Vater, als zum Heil ihrer Seele, die Gefangenen baden und kleiden zu dürfen. Des Lichtes ungewohnt, zerschunden und zerschwollen, entsteigen sie dem Kerker. Der graue…
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Schwanhild Nach solcher Tat will Gudrun nicht länger leben, sie nimmt Steine in den Busen und springt in die See; aber starke Wogen heben sie empor und tragen sie zu der Burg des Königs Jonakur. Dieser nimmt sie zur Frau, und ihre Kinder sind Hamdir, Sörli und Erp. Von Sigurd aber hat Gudrun eine Tochter, die Schwanhild heißt, an Schönheit vor andern Frauen ragend wie die Sonne vor andrem Gestirn. Jörmunrek (Ermenrich), ein gewaltiger König, läßt durch seinen Sohn Randver und seinen Ratgeber Bicki (Sibich) um Schwanhild werben. Sie wird den Boten übergeben und zu Schiffe hingeführt. Der Königssohn sitzt bei ihr im Oberraume des Schiffes. Da spricht Bicki zu Randver, ziemlicher wäre für ihn die schöne Frau als für den alten Mann. Als sie aber heimgekommen, sagt er dem König, Randver habe der Braut volle Gunst genossen. Der zürnende König läßt seinen Sohn zum Galgen führen. Randver nimmt einen Habicht, rupft ihm die Federn aus und schickt ihn so dem Vater. Dieser erkennt in dem Vogel ein Zeichen, wie er selbst aller Ehren entkleidet sei, und will den Sohn noch retten. Aber Bicki hat betrieben, daß Randver bereits tot ist. Jetzt reizt er den König gegen Schwanhilden. Sie wird im Burgtore gebunden, von Rossen soll sie zertreten werden. Als sie aber die Augen aufschlägt, wagen die Rosse nicht, auf sie zu treten. Da läßt Bicki ihr das Haupt verhüllen, und so verliert sie das Leben. Gudruns Söhne Gudrun mahnt ihre Söhne, die Schwester zu rächen. Hamdir und Sörli ziehen aus, wohl gewappnet, daß kein Eisen durchdringt; aber zumeist vor Steinen heißt die Mutter sie auf der Hut sein. Auf dem Wege finden sie ihren Bruder Erp und fragen: wie er ihnen helfen werde? Er antwortet: Wie die Hand der Hand oder der Fuß dem Fuße. Unzufrieden damit, erschlagen sie den Bruder. Bald aber strauchelt Hamdir und stützt die Hände unter, Sörli gleitet mit dem einen Fuß und wäre gefallen, hätt' er sich nicht auf beide gestützt; da gestehen sie, daß sie übel an ihrem Bruder getan. Sie gehen vor König Jörmunrek und fallen ihn an. Hamdir haut ihm beide Hände ab, Sörli beide Füße. Ab müßte nun das Haupt, wenn Erp lebte. Nun dringen die Männer auf sie ein, sie aber wehren sich tapfer. Kein Eisen haftet auf ihnen, da rät ein alter, einäugiger Mann, sie mit Steinen zu werfen. So werden sie getötet. Aslög Aslög, Sigurds Tochter von Brünhild, ist drei Winter alt, als ihre Eltern sterben. Heimer, ihr Pflegvater, fürchtet, daß man sie suchen werde, um das ganze Geschlecht zu vertilgen. Er verbirgt das Mägdlein samt manchen Kleinoden in einer Harfe und trägt es so von dannen. Wenn es weint, schlägt er die Harfe und schweigt es damit. In Norwegen kehrt er in einem kleinen Gehöft ein, wo ein alter Bauer mit seinem Weibe wohnt. Der Mann ist im Walde; das Weib zündet dem Wandrer ein Feuer an, und als er die Harfe neben sich niedersetzt, bemerkt sie den Zipfel eines kostbaren Kleides, der aus der Harfe hervorsteht; als Heimer sich am Feuer wärmt, sieht sie einen Goldring unter seinem…
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Unter den Königen unseres Sagenkreises erscheinen mehrere als Beherrscher ausgebreiteter Reiche.
Die Liebe, die Phantasie der Dichtung zeigt uns jugendliche Edelinge an der Spitze ihrer Gefolgschaften.
Von Odin abstammend, haben die Wölsunge Sicherheit vor Gift (Grimm, Edd. 126), ungemessene Stärke und den durchdringenden Glanz der Augen; Helgi verkleidet sich vor seinen Feinden als Magd und treibt die Handmühle, aber die Steine brechen, die Mühle zerspringt und die scharfen Augen verraten edle Art (Grimm, Edd. 91). Swanhilde schlägt die Augen auf, und die Rosse, die sie zertreten sollen, scheuen zurück, bis ihr Haupt verhüllt wird (Vols. S. Kap. 49, S. 201). Der Augenglanz, als königliches Abzeichen, spielt auch sonst in den Sagen des Nordens. Regner und Thorald, schwedische Königssöhne, sind durch den Haß ihrer Stiefmutter gezwungen, nachts die Herde zu hüten, und werden von Gespenstern umschwärmt; da naht ihnen Swanhwita (die schwanweiße Walküre) und obgleich Regner sich für einen Knecht des Königs ausgibt, erkennt sie am leuchtenden Auge seinen Ursprung und reicht ihm als Brautgeschenk ein Schwert zum Kampfe mit den nächtlichen Unholden.
Sie kämpft hierauf selbst die Nacht hindurch gegen die Ungetüme und erlegt sie, unter ihnen die Stiefmutter Thorilde. Sie heiratet Regner, erscheint in einer Seeschlacht und stirbt aus Trauer über Regners Tod. Das Ganze, ursprünglich in Liedern, erinnert durchaus an die Verhältnisse von Helgi und Swawa, Helgi und Sigrun: Erwecken des Jünglings durch die leuchtende Walküre, Schwertgabe, Verlobung, nächtlicher Schutz vor Zauberweibern, Tod aus Kummer und Sehnsucht. Svanhvit ist auch eine der Walküren, welche Schwanenfittiche trägt, im Wölundsliede zugenannt. (Grimm, Edd. 2. 4. 6. Edda III, 246 f.) Müller, Sagnhist. weiß nichts Näheres über die Sage. Olo, von königlicher Abkunft, sitzt in Bauernkleidung zu unterst im Saale eines wermischen Königs, dessen Tochter durch Kampf vor übermütiger Werbung gerettet werden soll. Die Jungfrau läßt forschend den Schein des Lichtes auf des Fremden Antlitz fallen, als sie plötzlich, von der Schärfe seiner Augen getroffen, zu Boden sinkt. Sie hat in ihm einen Abkömmling von Königen erkannt, durch den sie Rettung hofft. Der Gast wirft die Verhüllung ab, glänzende Locken rollen von seinem Scheitel, aber die schreckenden Augensterne deckt er mit den Wimpern. Denselben Olo, später Dänenkönig, will Starkather im Bad erstechen, aber der vielversuchte Kämpe schrickt zurück vor dem Augenfunkel des Wehrlosen.
Die Wunder des Ursprungs setzen sich fort in den Schicksalen der ersten Kindheit, welche unsern Helden mit denen vieler Völker gemein sind. Wolfdietrich hat kaum das Licht erblickt, als der Wolf ihn zu seinen Jungen in die Höhle trägt, die jedoch, nicht klüger als das Kind, ihm keines Leides tun. [Fußnote: Wolfd. 37d: Der wölff witz und des kindes waren geleich gestalt.] Nach der andern Erzählung wird er am Waldbrunnen den wilden Tieren ausgesetzt, von den Wölfen aber nicht beschädigt, sondern gehütet. [Fußnote: Kasp. v. d. R. Wolfd. 40: Die wolf sasen geringe vnd hüten des kindes wol.] Der neugeborne Siegfried wird, nach der Wilkinensage (Kap. 139, II, 20; Kap. 142, II, 23 f.), bei dem Tode seiner verfolgten Mutter, dadurch gerettet, daß er, in ein gläsernes Gefäß verschlossen, in die See treibt; dann säugt eine Hindin ihn zwölf Monden lang, daß er so groß und stark wird, als andre Knaben vier Winter alt. Derlei Sagen können in mehrfacher Bedeutung aufgefaßt werden: als Beweis, daß der Göttersohn im Schütze höherer Macht gestanden, als Erklärung der gewaltigen Körperkraft des von Waldtieren großgesäugten Wunderkindes, besonders aber als Verherrlichung des Helden, der aus dem Zustande der Verwerfung und tiefsten Erniedrigung um so glänzender in der Kraft und Schönheit seiner erhabenern Natur hervorgeht. Gleichwie die altdeutsche Poesie in der Darstellung der Natur den Frühling liebt, so denkt sie ihre Heldenkönige sich überall in der Blüte jugendlicher Schönheit, Diese Voraussetzung findet durchaus statt, sie ist, wenn auch ausgeführte Gemälde nicht leicht vorkommen, schon in der allgemeinen Farbe der epischen Bezeichnungen angedeutet, die Schönheit ist überhaupt weniger beschrieben, als in Handlung gesetzt, und erscheint oft überraschend in lichten Punkten der Geschichte. Hugdietrich kann sich wohl als Jungfrau verkleiden, denn sein Antlitz ist rosenfarb, gelbe Locken schwingen sich ihm über die Hüfte nieder, und als er in Frauengewand zur Kirche geht, fragen die Leute, wer die Minnigliche sei. Soviel schöne Jungfrauen an Helkens Hofe sind, doch wird der junge Dietleib noch schöner gefunden; goldfarbe, magdliche Haare hängen ihm über die Schwertfessel herab, mit denen er sich vor Regen decken kann, wie ein Falke mit den Fittichen.
Jener innern Verhüllung entspricht der gedrückte Zustand, darein der Jüngling gewöhnlich versetzt ist, wie dort die Königssöhne als Hirtenknaben dienen. Der Heldengeist scheint einem besonderen Gesetze der Entwicklung zu folgen; erst wenn der urkräftige Stamm in die Höhe geschossen, breitet er die Äste aus; zur gewöhnlichen Tätigkeit ungeschickt, bleibt die dämonische Kraft für übermenschliche Werke aufgespart. Wir beschränken uns auf Beispiele des heimischen Sagenkreises. Die Wilkinensage berichtet, abweichend vom Gedichte, wie Dietleib bis in die Jünglingsjahre blöd und verachtet am Feuerherd in der Asche gelegen. Auf einmal, als sein Vater zum Feste reiten will, erhebt er sich, schüttelt die Asche ab, richtet die verwirrten Haare, verlangt Roß und Waffen, deren Gebrauch er wohl beachtet hat, und vollbringt auf dieser ersten Ausfahrt gewaltige Taten (Wilk. S. Kap. 91–4).

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