20 März 2026

Kamel Daoud: Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung

 Die Meursault-Ermittlungen (französisch: Meursault, contre-enquête) sind der erste Roman des algerischen Schriftstellers und Journalisten Kamel Daoud. Es handelt sich um eine Nacherzählung von Albert Camus’ Roman „Der Fremde“ aus dem Jahr 1942. Die Erstveröffentlichung in Algerien erfolgte im Oktober 2013 durch Barzakh Editions, eine Neuauflage in Frankreich durch Actes Sud (Mai 2014). Nach der französischen Veröffentlichung wurde das Buch für zahlreiche Preise und Auszeichnungen nominiert.

Inhalt: Bezug zu Camus’ „Der Fremde“

Meursault, der Protagonist in Albert Camus’ Roman „Der Fremde“, ermordet eine Person, die nur als „der Araber“ bekannt ist. Vor Gericht erklärt er, der Mord sei eine sinnlose Geste gewesen, ausgelöst durch einen Sonnenstich oder Gottes Abwesenheit. Camus lässt Meursaults Opfer namenlos, Kamel Daoud gibt ihm jedoch einen Namen: Musa. Die Meursault-Ermittlungen greifen diese Ereignisse erneut auf, diesmal jedoch aus der Perspektive von Harun, Musas Bruder.

Für Daoud ist die Benennung von Meursaults namenlosem Opfer mehr als nur die Wiederbegegnung mit einer Nebenfigur. In einem Interview mit der Los Angeles Review of Books sagte Daoud: „Seit dem Mittelalter hat der weiße Mann die Angewohnheit, Afrikas und Asiens Berge und Insekten zu benennen, während er den Menschen, denen er begegnet, die Namen verweigert. Indem er ihnen die Namen nimmt, verharmlost er Mord und Verbrechen. Indem man seinen eigenen Namen annimmt, beansprucht man auch seine Menschlichkeit und damit das Recht auf Gerechtigkeit.“[1]

Im selben Interview, auf die Frage nach seiner Motivation zum Schreiben des Buches, betonte Daoud die zentrale Bedeutung von „Der Fremde“ für seine Identität als algerischer frankophoner Schriftsteller.[1] In anderen Publikationen bestätigte Daoud die zentrale Rolle, die „Der Fremde“ bei der Entstehung von „Die Meursault-Ermittlungen“ spielte, und bezeichnete seinen Roman als „Dialog mit Camus“.[2]

Daoud bezieht sich in seinem Roman auch auf einen weiteren Roman von Camus, „Der Fall“.

Kritische Rezeption

Nachdem das Buch 2015 von John Cullen ins Englische übersetzt und von Other Press veröffentlicht worden war, erhielt es positive Kritiken in englischsprachigen Publikationen. Azadeh Moaveni nannte es in der Financial Times „vielleicht den wichtigsten Roman, der in jüngster Zeit aus dem Nahen Osten hervorgegangen ist“.[3] Laila Lalami beschrieb es in der New York Times Book Review als Daouds „vielschichtigen und einfallsreichen neuen Roman“.[4] Michiko Kakutani nannte es „atemberaubend“.[5] Im April 2015 wurde ein Auszug aus „Die Meursault-Ermittlungen“ im New Yorker veröffentlicht.[6]

Religiöse Kontroverse in Algerien

Am 16. Dezember 2014 wurde über eine mittlerweile gesperrte Facebook-Seite eine Morddrohung gegen Daoud ausgesprochen.[2] Abdelfattah Hamadache, der radikal-islamistische Prediger, der die Fatwa erließ, führt eine salafistische Gruppe namens Islamische Erweckungsfront an.[2] Hamadache bezeichnete Daoud als Abtrünnigen, „Feind der Religion“, „Abweichler“ und „Kollaborateur“.[2] Er forderte den algerischen Staat auf, Daoud hinzurichten, da dieser einen „Krieg gegen Gott und den Propheten“ führe.[2]

Daoud erstattete Anzeige wegen Volksverhetzung beim Religionsministerium.[7] Verschiedene Einzelpersonen und Gruppen unterzeichneten Petitionen und veröffentlichten offene Briefe zur Unterstützung Daouds.[2] (en: Wikipedia: https://en.wikipedia.org/wiki/The_Meursault_Investigation)

Albert Camus : Der Fremde

"[...] Der Roman erzählt die Geschichte eines introvertierten Mannes namens Meursault. (Der Name Meursault ist ein Homonym zu „Meurs, sot!“, zu Deutsch etwa „Stirb, (du) Trottel!“). Er hat einen Totschlag begangen und wartet in seiner Gefängniszelle auf die Hinrichtung. Die Handlung spielt im Algerien der  1930er Jahre.

Der Roman ist in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil beginnt mit den Worten: „Heute ist Mama gestorben. Oder vielleicht gestern, ich weiß es nicht.“ Bei der Beerdigung seiner Mutter zeigt Meursault keine Emotionen. Das Fehlen von Anteilnahme beruht offenbar auf einem kühlen Verhältnis, das zwischen Mutter und Sohn herrschte. Der Roman setzt sich mit einer Dokumentation der folgenden Tage von Meursaults Leben aus der Ich-Perspektive fort.

Meursault zeigt sich als Mensch, der antriebslos in den Tag hineinlebt, der zwar Details seiner Umgebung wahrnimmt, jedoch Gewalt und Ungerechtigkeit ungerührt hinnimmt. Kurz nach der Beerdigung seiner Mutter beginnt er eine Liebesaffäre, was später als Beweis für seine emotionale Kälte angeführt wird. Meursault ist offenbar zufrieden, wenn sein Alltag routinemäßig und wie gewohnt verläuft.

Sein Nachbar, Raymond Sintès, der der Zuhälterei verdächtigt wird, freundet sich mit ihm an. Meursault hilft Raymond, eine junge Frau anzulocken, damit dieser sie bestrafen kann - es bleibt unklar, ob die Frau die ehemalige Geliebte des Nachbarn, oder er ihr Zuhälter ist; Raymond bedrängt und demütigt die Frau. Später begegnen Meursault und Raymond dem Bruder der Frau und dessen Freunden am Strand, es kommt zu einer Schlägerei, bei der Raymond mit dem Messer verletzt wird. Kurz danach trifft Meursault auf einen der Araber, der bei seinem Anblick ein Messer zieht und ihn mit dem Glanz der Sonne auf der Messerklinge blendet; daraufhin tötet ihn Meursault mit einem Schuss aus seiner Pistole. Ohne besonderen Grund gibt er unmittelbar darauf vier weitere Schüsse auf den Leichnam ab, was vor Gericht zum Ausschluss von Notwehr und unbeabsichtigtem Totschlag und letztlich zur Verurteilung Meursaults als Mörder führt. Meursaults mögliche Unzurechnungsfähigkeit nach Stunden in praller Sonne steht im Raum.

Der zweite Teil des Buches behandelt den Prozess. Hier wird der Protagonist erstmals damit konfrontiert, wie er durch sein gleichgültiges Verhalten auf gottesfürchtige Menschen wirkt. Den Vorwurf, er sei gottlos, nimmt er kommentarlos hin und verteidigt sich nicht. Sein indolentes Verhalten deutet er selbst als konsequenten Lebensansatz. Meursault wird zum Tod durch die Guillotine verurteilt. Als der Gefängnisgeistliche in der Todeszelle für ihn beten will, wird er wütend, doch zum Schluss zeigt er sich empfänglich „für die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt“.

Beziehung zum Gesamtwerk

Der Roman entstand parallel zu Camus’ philosophischer Abhandlung Der Mythos des Sisyphos und entwickelt die darin essayistisch vorgestellte Philosophie des Absurden in literarischer Form. Dabei diente ihm der zwischen 1936 und 1938 niedergeschriebene und erst postum erschienene Roman Der glückliche Tod gleichsam als Steinbruch. Der Fremde steht zudem in enger thematischer Beziehung zu dem Bühnenstück Caligula (Uraufführung 1945) und zu Die Pest. [...]"


Albert Camus schätze ich aus den Zeiten, als ich mich etwas mehr mit ihm beschäftigt habe, als Person, die sich nicht vereinnahmen ließ. Zu "Der Fremde" habe ich wohl ein Gefühl der Achtung entwickeln können. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass mich das Werk je ergriffen hätte. "Die Pest" hat mich eher angesprochen. Ich nehme "Der Fall Meursault" hier auf, weil es einen Bezug zu dem Werk von Camus hat und ich erstmals die Gelegenheit habe, in den Text hineinzusehen. 

Da "Der Fremde" mir gegenwärtig nicht sagt, bleibt mir "Der Fall Meursault" bei der bisherigen Lektüre aber auch fremd. 

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