Blogartikel zu Rousseaus Bekenntnissen
Werke:
Antwort aus Preisausschreiben zum Fortschritt der Wissenschaft und Künste
Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen
Julie oder die neue Héloise
Gesellschaftsvertrag
Emile
Frauen:
Frau von Warens
Frau von Epinay
Therese Levasseur
Frau von Houdetot
Freunde/Feinde:
Diderot und Grimm
Selbstreflexionen Rousseaus:
Erklärung seiner Darstellungsweise
Denk- und Arbeitsweise
Ungeschick im Gespräch
Verhältnis zu Frauen
Peinliche Geständnisse
Sekundärliteratur:
Volker Reinhardt: Rousseau. Auf der Suche nach der verlorenen Natur (Perlentaucher)
"Das Erweckungserlebnis kommt unerwartet. An einem heißen Sommertag
des Jahres 1749 macht sich der siebenunddreißigjährige Jean-Jacques Rousseau (1712–1778), bislang als Musiktheoretiker, Komponist, Verseschmied
und Publizist ziemlich erfolglos, auf den langen und schweißtreibenden
Fußmarsch von Paris nach Vincennes, um seinen Freund Denis Diderot zu
besuchen, der im Turm des Schlosses wegen kritischer Schriften gegen
Monarchie und Kirche inhaftiert ist. Auf dem Weg dorthin oder während
einer kurzen hitzebedingten Ruhepause – in diesem Punkt gehen die Darstellungen der Lebenswende auseinander – wird ihm eine plötzliche Erleuchtung zuteil. Sie klärt ihn darüber auf, wie er die von der Akademie zu
Dijon ausgeschriebene Preisfrage zu beantworten hat, ob die Sitten der
Menschen durch den Fortschritt der Wissenschaften und Künste schlechter oder besser geworden sind. Die Eingebung, die nur aus höchsten, das
heißt: himmlischen Sphären kommen kann, sagt ihm: Die unaufhaltsam
fortschreitende Zivilisation hat die Menschheit unglücklich gemacht und
moralisch verdorben! Mit dieser Botschaft, die er sich rückhaltlos zu eigen
macht, fühlt sich Rousseau fortan zum warnenden und mahnenden Propheten seines Jahrhunderts berufen und begründet damit nach eigener
Einschätzung sein Unglück, denn die irregehenden Menschen hassen diejenigen, die ihnen die Augen öffnen wollen, und verfolgen sie unbarmherzig
mit perfiden Machenschaften aller Art.
Als Prophet ist Jean-Jacques Rousseau auch vom 21. Jahrhundert vereinnahmt worden, denn er verkündete in hymnischer Sprache auch beglückende Nachrichten: Der Mensch ist von Natur aus gut, weil ihm die Anlagen zu Mitleid und Nächstenliebe angeboren sind; [...]" (S.13)
"Der für Rousseaus Leserinnen und Leser seit jeher bestürzendste
Widerspruch zwischen Lehre und Leben besteht darin, dass er nach eigenem Bericht seine fünf Kinder, die er mit seiner Lebensgefährtin Thérèse
Levasseur zeugte, ins Findelhaus von Paris gab, wo ihre Überlebenschancen
gering waren, und sich trotzdem einige Jahre später traute, die Prinzipien
einer umstürzend neuen Pädagogik zu verkünden. Für seine zahlreichen
ideologischen Gegner und persönlichen Feinde war das ein willkommenes
Argument, um den selbsternannten Tugendprediger der Heuchelei zu bezichtigen, und das mit beträchtlichem Erfolg bis heute. Von diesem bittersten Bekenntnis der «Bekenntnisse» ausgehend, entfaltete sich schon
zu Rousseaus Lebzeiten ein ausgeprägter Nachforschungsdrang in Sachen
seiner angeblichen Sprösslinge, der im 19. Jahrhundert in einen regelrechten Forschungszweig überging: Hat es diese Kinder überhaupt gegeben,
und wenn ja, stammten sie wirklich von Rousseau? Eine definitive Antwort ist bis heute nicht gefunden, allerdings sind die Indizien ziemlich eindeutig.
Ausgedehnte detektivische Untersuchungen hat auch die zweite große
Frage an Leben und Werk angeregt: Wurde Rousseau tatsächlich verfolgt,
oder litt er an Verfolgungswahn – oder trifft beides zu? Bald nach seinem
sensationellen Durchbruch zu Prominenz und Umstrittenheit im Jahr 1750
glaubte Rousseau zu erkennen, dass ein immer dichteres Netz der Bespitzelung und Verleumdung um ihn geknüpft wurde. Mit der unerwartet hereinbrechenden Verfemung im Jahr 1762 wurde diese Annahme zu der düsteren Gewissheit, dass gegen ihn ein kolossales Komplott gesponnen
wurde, das am Ende die ganze Welt einschloss und nur ihm allein undurchdringlich und unerklärlich blieb. Diese Verschwörungstheorie hat bis heute
ihre Anhänger, die sich dabei auf einige unbestreitbare Fakten stützen können, die mit den daraus gezogenen Schlussfolgerungen allerdings zu immer
luftigeren Hypothesen führen. Rousseaus Konspirationsphobie, die zeitweise zu extremen Hysterie-Ausbrüchen führte, hat auf der anderen Seite
psychologische und speziell psychoanalytische Deutungen hervorgebracht,
die auf frühkindliche Traumata und tief verwurzeltes Schuldbewusstsein
abheben. So scharfsinnig solche Analysen auch sein mögen, so problematisch sind sie aufgrund der Tatsache, dass sie sich fast ausschließlich auf die
Aussagen eines Probanden bzw. «Patienten» stützen, der bestrebt war,
mit jedem geschriebenen Wort ein Denkmal für die Nachwelt und damit
für die Ewigkeit zu errichten. Nachdenklich stimmt weiterhin, dass sich
Rousseau von seinem zwanzigsten Lebensjahr bis zum Schluss fast durchgehend als krank betrachtet, aber von seiner Umwelt – und zwar nicht nur
von den damals nicht sonderlich kompetenten Ärzten – ebenso regelmäßig
als gesund, ja robust beschrieben, in realen Gefahrensituationen sogar als
ausgesprochen gelassen und mutig wahrgenommen wird und somit, um es
mit einem Modewort auszudrücken, sehr resilient erscheint.
Im Anschluss an diese Beobachtungen stellt sich die Frage, ob ein psychisch Kranker Generationen von Europäerinnen und Europäern ein neues
Lebensgefühl vermitteln konnte. Ein vorsichtiger Versuch einer Antwort
lautet: Rousseau litt an den Widersprüchen seiner Zeit, und dieses Leiden
hat er, wie es bei jedem Leidenden der Fall ist, in sehr unterschiedlicher und
manchmal widersprüchlicher Art und Weise artikuliert. Sein beispielloser
Erfolg über zweieinhalb Jahrhunderte beruht zum großen Teil darauf, dass
sich seine Nachfahren mir ihrem Leiden an ihrer Gegenwart in seinem Leiden wiederfanden und sich mit diesem Leiden identifizieren konnten. Das
gilt in besonderem Maße für das frühe 21. Jahrhundert, das seine schwerste
Bedrohung in der Zerstörung der Natur und des Klimas und damit der
natürlichen Lebensgrundlagen sieht. Deshalb ist Rousseaus Botschaft, dass
es noch nicht zu spät ist, diese verhängnisvollen Entwicklungen rückgängig
zu machen oder zumindest zurückzuschrauben, heute so wirkungsvoll.
Der Seelenverfassung der 2020er-Jahre entspricht perfekt, dass Rousseau
diese Mahnungen in das hohe Pathos einer naturreligiösen Verkündigung
kleidet und mit diesen Tönen die Menschheit zum solidarischen Handeln
aufruft. Im Gegensatz zu Voltaire, dem kritischen Hinterfrager und Sezierer
aller Ideologien und Weltanschauungen, wirkt er damit der Entzauberung
der Welt entgegen, ja er verzaubert sie durch diese neu gestellte Menschheitsaufgabe neu.
Ob die von Rousseau gegen die Gefahren und Miseren seiner Zeit gefundenen Heilmittel für das 21. Jahrhundert taugen, hat jede Leserin, jeder
Leser nach der Lektüre dieses Buches selbst zu entscheiden. (S.20-22)