22 Juli 2026

Khaled Hosseini: Drachenläufer (wiederholte Lektüre)

 Dies Buch habe ich 2005 das erste Mal gelesen und 2025 hier vorgestellt. Ein eindrucksvolles Buch von der Personenkonstellation und von der Handlungsführung allemal. Das hat mir schon bei der ersten Lektüre imponiert. Bei der Vorstellung 20 Jahre danach konnte ich auf den 2008 entstandenen Wikipediaartikel zurückgreifen, habe aber zusätzlich aus den Notizen von 2005 und aus dem Roman zitiert, was mir besonders eindrücklich war. 

Jetzt haben mich die ersten Seiten des Buches aus der gegenwärtigen Situation heraus besonders angesprochen: Wieder wegen der Konstruktion des Romans, wegen der Vorausschau und wegen des Blicks auf den Rassismus. Nicht, weil die Unterschiede zwischen den Paschtunen und den Hazara nicht deutlich festzumachen wären. Sie unterscheiden sich - historisch bedingt von der Religion her (Paschtunen Sunniten, Hazara Schiiten) und von der sozialen Rolle im Lande (die Paschtunen stellen die bevorzugte Schicht). Aber an ihren Vertretern im Roman wird deutlich, dass die Paschtunen zwar bevorzugt sind, die Vertreter der Hazara aber größere  menschliche Qualitäten haben. 

Ich möchte dazu noch mehrere Passagen zitieren, vorläufig nur zwei:

Die Vorausdeutung: "An einem eiskalten, bedeckten Wintertag des Jahres 1975 wurde ich - im Alter von zwölf Jahren - zu dem, der ich heute bin." (S.7)

Die Charakterisierung der Personen: Der Erzähler Amir und sein Freund Hassan haben beide sehr früh ihre Mutter verloren und wurden beide (im Abstand von ein paar Jahren) von der gleichen Amme gestillt: 

"Hassan und ich hatten von derselben Brust getrunken. Wir machten unsere ersten Schritte auf demselben Rasen im selben Garten. Und unter demselben Dach sprachen wir unsere ersten Worte.

Meins lautete Baba. [der Name seines Vaters]

Seins lautete Amir." (S.17)

Was das über die beiden aussagt, bedarf einer ausführlicheren Erklärung.

Ali und Baba wuchsen zusammen auf, und sie spielten auch zusammen – zumindest so lange, bis die Polioinfektion Alis Bein verkrüppelte –, genau wie Hassan und ich es eine Generation später taten. Baba erzählte uns immer von dem Unfug, den Ali und er angestellt hatten, und dann schüttelte Ali den Kopf und sagte:/ 'Aber Aga, Sahib, sagt ihnen doch, wer der Baumeister des Unfug gewesen ist und wer der arme Arbeiter.' Und dann lachte Baba und schloss Ali in die Arme.
Aber in keiner seiner Geschichten sprach Baba jemals von Ali als seinem Freund.
Das Seltsame war, dass auch ich Hasan und mich nie als Freunde betrachtete. Zumindest nicht im gewöhnlichen Sinne. Auch wenn wir beide einander beibrachten, freihändig Fahrrad zu fahren oder eine voll funktionsfähige Kamera aus Pappkartons zu bauen. Auch wenn wir ganze Winter damit zubrachten, Drachen steigen zu lassen. Auch wenn für mich das Gesicht Afghanistans, das eines Jungen mit einer zartgliedrige Gestalt, einem rasierten Kopf und tief sitzenden Ohren ist, eines Jungen, dessen chinesisches Puppengesicht ständig von einem Hasenscharten-Lächeln erhellt wird.
All das spielte keine Rolle. Denn es ist nicht so leicht, die Geschichte zu überwinden. Und auch nicht die Religion. Am Ende war ich ein Paschtune und er ein Hazara, ich war Sunnit und er Schiit, und nichts würde das jemals ändern. Nichts. [...]
 Ich verbrachte den größten Teil meiner ersten zwölf Jahre beim Spiel mit Hassan. Manchmal kommt mir meine ganze Kindheit wie ein einziger träger Sommertag mit Hassan vor, an dem wir zwischen dem Gewirr von Bäumen im Garten meines Vaters Fangen und Verstecken, Räuber und Polizist, Cowboy und Indianer spielten [...] "(S. 31/32)
"Während des Schuljahres hatten die Tage ihren festen Ablauf. Wenn ich mich aus dem Bett schleppte und im Badezimmer herum/tapste, hatte sich Hasan bereits gewaschen, mit Ali, das Morgennamaz gesprochen und mein Frühstück bereitet und ordentlich auf den Esstisch gestellt: heißer schwarzer Tee mit drei Stückchen Zucker und eine Scheibe getoastetes naan mit Sauerkirschenmarmelade, meiner Lieblingsmarmelade. Während ich aß und mich über meine Hausaufgaben beschwerte, macht der Hassan mein Bett, putzte meine Schuhe, bügelte meine Kleider für den Tag und packte meine Bücher und Bleistifte zusammen. Ich hörte ihn beim Bügeln in der Halle draußen immer vor sich hin singen. Er sang mit seiner näselnden Stimme alte Hazara- Lieder." (S. 33/34).

"[...] Ich las ihm Gedichte und Geschichten vor, manchmal auch Rätsel - hörte aber damit auf, als ich feststellen musste, dass er in der Lage war, sie schneller zu lösen als ich. [...]
Am besten fand ich beim Vorlesen immer die Stellen, an denen Wörter vorkamen, die Hassan nicht kannte. Dann zog ich ihn auf, offenbarte seine Unwissenheit. Einmal, als ich ihm eine Geschichte über Hodscha Nasreddin vorlas, unterbrach er mich. 'Was bedeutet dieses Wort?'
'Welches?'
'Kretin.'
'Du weißt nicht, was es bedeutet?'  fragte ich grinsend.
'Nein, Amir Aga.'
'Aber es ist doch ein so geläufiges Wort!'
'Dennoch kenne ich es nicht.' Falls er die Häme meiner Stimme spürte, so verriet sein lächelndes Gesicht nichts davon.
'Also, jeder in meiner Schule weiß, was es bedeutet', sagte ich.
'Lass mal sehen. Kretin. Das bezeichnet einen Menschen, der klug und intelligent ist. Ich werde dir einen Beispielsatz geben. Wenn es um Wörter geht, dann ist Hassan ein Kretin.'
'Aaah', sagt er nickend.

Später hatte ich deswegen immer Schuldgefühle. Die versuchte ich zu besänftigen, indem ich ihm eins meiner alten Hemden oder ein kaputtes Spielzeug schenkte. Ich versuchte mir einzureden, dass das als Wiedergutmachung für einen harmlosen Streich ausreichte.' (S. 35) 

Fortsetzung der Zitate 7.9.26:
"Farid hatte mich gewarnt. Das hatte er. Vergebens, wie sich herausstellte.
Wir fuhren über die holprige Straße, die sich von Jalalabad nach Kabul schlängelt. Als ich das letzte Mal auf dieser Straße, allerdings in Gegenrichtung, unterwegs gewesen war, hatte ich mich auf einem Lastwagen unter einer Plane gekauert. Fast wäre Baba damals von diesen bekifften, singenden Roussi-Soldaten erschossen worden – Baba hatte mich in der Nacht fast zur Raserei gebracht, mir schreckliche Angst eingejagt und mich am Ende dann doch sehr stolz gemacht. Der Treck von Kabul nach Jalalabad, diese halsbrecherische Fahrt durch scharfe Kurven zwischen Felsen bergab, war jetzt nur noch Erinnerung, ein Überbleibsel aus zwei Kriegen. Vor 20 Jahren hatte ich Szenen des ersten Krieges mit den eigenen Augen gesehen. [...].
Farid war in seinem Element. Scheinbar mühelos wich er den Schlaglöchern aus, die sich mitten auf der Fahrbahn aneinander reiten. Seit unserer nächtlichen Einkehr in Wahids Haus war er sehr viel gesprächiger geworden. Er hatte mich auf dem Beifahrersitz Platz nehmen lassen und sah mich beim Sprechen immer wieder an. Ein- oder zweimal zeigt er sogar ein Lächeln. Während er mit seiner verstümmelten Hand am Lenkrad kurbelte, deutete/er auf kleine, aus Lehmhütten zusammengewürfelte    Dörfer entlang des Weges, wo vor Jahren Bekannte von ihm gewohnt hatten. Die meisten von ihnen, sagte er, seien tot oder Flüchtlingslagern in Pakistan. 'Und manchmal sind die Toten besser dran', sagte er. [...] 'Da hat einmal ein Freund gewohnt', sagte Farid. 'Er hat Fahrräder repariert und gut tabla spielen konnte er. Die Taliban haben ihn und alle Angehörigen umgebracht und das Dorf niedergebrannt.'
Wir passierten die Ruinen der Hund rührt es sich nicht.
Früher hatte die Fahrt von Jalalabad nach Kabul rund zwei Stunden gedauert, vielleicht ein bisschen länger. Jetzt brauchten wir sechs Stunden. Und als wir endlich ankamen – wir hatten gerade den Mahirpar-Damm hinter uns gelassen –, meinte Farid, mich vorwarnen zu müssen.  
'Kabul hat sich sehr verändert', sagte er.
'So hört man.'
Farid warf mir einen Blick zu und erwiderte, dass etwas zu hören und zu sehen, nicht dasselbe sei. Und er hatte Recht. Denn als sich die Stadt vor uns ausbreitete, schien es mir, nein, ich war mir sicher, dass er sich verfahren hatte. Er muss meine verdutzte Miene registriert haben – als Chauffeur war ihm dieser Ausdruck auf dem Gesichtern derer, die Kabul lange Zeit nicht gesehen hatten, vertraut.
Er klopfte mir auf die Schulter. 'Willkommen daheim', grüßte er verdrossen. " (S.255/56)

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