15 Juli 2026

Claude Njiké-Bergeret und die Bamiliké

Claude Njiké-Bergeret  wurde in Kamerun geboren und wuchs dort auf. Mit drei Jahren zog sie mit ihren Eltern in die Nähe von Bangangté, die dort ein christliches Mädcheninternat leiteten. In den engen Grenzen der Internatsschule Mfetom wuchs Njiké-Bergeret unter strenger Aufsicht ihrer Eltern auf. Sie nahm an dem Schulunterricht in Mfetom teil und baute dort Freundschaften zu Einheimischen auf. Sie erlernte die Sprache der Chefferie (Königreich) Bangangté. Die Bangangté werden den Bamileke zugeordnet. Ihr Oberhaupt, der Fon, hat ungefähr 60.000 Untertanen. 1956 zog Njiké-Bergeret mit ihrer Familie nach Frankreich, wo sie ihr Abitur ablegte. Nach abgebrochenem Studium der Philosophie und ihrer ersten Heirat begann sie ein Geografiestudium an der Universität Aix-en-Provence. Während dieser Zeit brachte sie zwei Kinder zur Welt (Serge 1966, Laurent 1968). Sie erlebte an der Universität die Studentenunruhen in Frankreich mit. Ihre erste Ehe wurde 1972 geschieden. 1974 verpflichtete sie sich für die Missionsgesellschaft, für die bereits ihr Vater arbeitete, für drei Jahre nach Kamerun zu gehen. Dort arbeitete sie als Lehrerin. Später trat sie die Nachfolge ihrer Eltern an, die ebenfalls nach Kamerun zurückgekehrt die Leitung der Schule in Mfetom wieder übernommen hatten. In dieser Zeit integrierte sie sich zunehmend ins gesellschaftliche Leben von Bangangté. Sie heiratete 1978 den Fon Francois Njiké Pokam, obwohl dieser bereits mit über zwei Dutzend Frauen verheiratet ein polygames Leben führte. Mit ihm bekam sie zwei weitere Kinder (Sophia 1978, Rudolf 1980). Nach dem Tod Njikés zog sie sich mit ihren vier Kindern auf ein kleines Stück Land zurück, das sie bis heute (2007) eigenhändig bestellt.[1]

Claude Njiké-Bergeret ist zu einer lokalen Bekanntheit avanciert und unter dem Namen Reine blanche (‚weiße Königin‘) bekannt. Nach Eigendarstellung dürfte die Heirat einer diplomierten protestantischen Mitarbeiterin einer Missionsgesellschaft mit einem einheimischen Stammeshäuptling ein einmaliger Vorgang sein. Er löste landesweite Aufmerksamkeit aus und sorgte für Erklärungsnot bei der Protestantischen Kirche Kameruns.

Claude Njiké-Bergeret bemühte sich um die Vermittlung zwischen europäischen und afrikanischen Werten. Sie orientierte ihren Unterricht stärker an den Bedürfnissen der Einheimischen, indem sie kamerunische Geschichtsbücher sowie afrikanische Literatur in das Unterrichtsprogramm aufnahm. Sie machte sich bereits in den 1970er Jahren für ein verändertes Afrikabild in Frankreich stark. Aber erst ab 1997 konnte sie mit ihren Forderungen nach mehr Verständnis für die Eigenheiten der Afrikaner durch ihre autobiografischen Aufzeichnungen eine breitere Öffentlichkeit erreichen. 


Zitate aus: " Meine afrikanische Leidenschaft"

"Für den Afrikaner ist niemand, Herr seines Schicksals. Er braucht keine Erklärung, keine Begründungen – Gott allein weiß es. Weisheit ist weit wichtiger als Wissen. Und im übrigen: Bin ich wirklich weiß, bin ich wirklich Französin? 

Ich betrachte Bangangté als mein Geburtsland, obwohl ich im Juni 1943 ungefähr dreihundert Kilometer südwestlich davon, in / Duala, dem großen Hafen von Kamerun, auf die Welt kam. Als ich drei Jahre alt war, gingen meine Eltern nach Bangangté, und hier verbrachte ich meine gesamte Kindheit. Anschließend lebte ich 1achtzehn Jahre, meine Jugendzeit eingeschlossen, in Frankreich. Dann endlich bin ich nach Hause zurückgekehrt, nach Afrika, mit einem Universitätsdiplom, geschieden und Mutter von zwei Kindern. Hier habe ich das Oberhaupt meines Dorfes geheiratet, zehn weitere Jahre meines Lebens verbrachte ich an seinem Hof, in Gesellschaft meiner Mitfrauen. Heute bin ich Witwe und bebaue ein Stück meines Geburtslandes wie Voltaires 'Candide' seinen Garten. Der Name leitet sich übrigens von dem lateinischen 'candidus' ab und bedeutet 'weiß'. Meine Haut ist eigentlich weiß, nun ja, nicht ganz weiß, ein bisschen gebräunt und vom Arbeiten unter der afrikanischen Sonne gegerbt. Damals, als ich noch ein Kind war – und manchmal auch heute noch –, unterhielten wir uns mit Freunden über die 'Weißen', machten uns über sie lustig, weil uns ihr Benehmen, ihre Art zu leben und ihr Wesen so eigentümlich, so unbegreiflich erschienen. Aber das Wort 'weiß' bezeichnet nicht nur ihre Hautfarbe. Ich denke, es bedeutete eher 'fremd' oder 'europäisch'. Meine Haut ist weiß, aber seit meiner Kindheit fühlte und betrachtete ich das Leben wie eine Schwarze. Ich sprach Bangangté , also war ich schwarz. Ich empfand mich nicht anders als meine Freundinnen in der Schule, meine 'Schwestern'. Und vor allem hatte ich nicht die geringste Lust, jemals wie die Weißen zu leben." (S.9/10). 

"Die Bamileke-Ebene in der Provinz West Kamerun erstreckt sich über achttausendzweihundert Quadratkilometer, fast so groß wie das Elsaß. Das Land selbst erinnert dagegen eher an die französische Region des Massif Central, die allerdings auf einer Höhe zwischen tausendvierhundert und zweitausend Meter ein Gewirr bewaldeter Hügel, karger Steilhänge und flacher Täler mit ruhig dahinziehenden Flüssen, deren Wasser in Teichen und toten Flussarmen versickert. Manchmal verschwinden diese Gewässer in der Trockenzeit ganz. Dann erhebt sich die rote Erde in Staubwirbeln, setzt sich in den Mauern der Häuser fest und überzieht Bäume und Pflanzen mit einer dünnen Ockerschicht. Der westliche Rand dieses buckligen Plateaus fällt in relativ sanften, mit hohen Gras oder Bäumen bewachsenen Hängen zum Fluss hin ab. Das Land ist dicht besiedelt, im Durchschnitt hundertvierzig Einwohner pro Quadratkilometer. Einst, vor der Kolonialisierung, konzentrierte sich ein Großteil der Bevölkerung – ebenso wie die Markt- und Handelsplätze – um die Höfe der Stammesführer. Die Macht dieser sozialpolitischen, religiösen und völlig unabhängigen Einheiten, die im 14.  Jahrhundert entstanden, wuchs ständig und erreichte zwei / Jahrhunderte später ihren Höhepunkt. Sie bildeten damals kleine voneinander unabhängige Staaten mit sehr ähnlichen Sitten und Gebräuchen, jedoch mit eigenen Sprachen. Daher konnten die Bewohner der Nachbarhöfe die Sprache von Bangangté  nur verstehen, wenn sie sie gelernt hatten. Heute zählt das Land noch immer genau sechshundert solcher Höfe.
Als die ersten Weißen kamen, schenken ihnen die traditionellen Herren, die 'Verwalter' der Erde ihrer Väter, die höher gelegten Flächen, auf einigen Hügeln. Die Kolonialmacht setzte die Stammesoberhäupter nicht ab, sondern nahm ihnen ganz allmählich die Macht und vermied damit die direkte Konfrontation. Heute, nach über einem Jahrhundert europäischer Anwesenheit und sechsunddreißig Jahren Unabhängigkeit unter der Schirmherrschaft eines Zentralstaats, sind die Bindungen der Stammesführer zu ihrem Volk, noch immer sehr tief, unwandelbar und unvergänglich, auch wenn der irdische Teil ihrer Macht deutlich geschrumpft ist." (S. 15/16). 



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