02 Juni 2026

Walter Kempowski: Das Echolot. Ein kollektives Tagebuch

Walter Kempowski: Das Echolot. Ein kollektives Tagebuch

Barbarossa ’41



In chronologischer Hinsicht kann der dritte Teil des Echolots als sein Prolog aufgefasst werden. Er kehrt zurück ins Jahr 1941. Gegenüber den vorigen Veröffentlichungen hat sich der Aufbau verändert: in lediglich einem Band werden drei größere Zeiträume betrachtet: 21. Juni bis 30. Juni 1941, 1. Juli bis 8. Juli 1941 sowie 7. Dezember bis 31. Dezember 1941. Titelgebend ist das Unternehmen Barbarossa, der deutsche Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni samt den Anfangssiegen in den folgenden Tagen. Es folgen der Beginn der Leningrader Blockade und der Rückzug der deutschen Armee im ersten Kriegswinter Ende 1941. Konsequenter als in den vorigen Bänden werden Berichte beider Kriegsparteien einander gegenübergestellt, kommen neben deutschen auch sowjetische Soldaten sowie die leidende Leningrader Bevölkerung zu Wort. Die Tageseinträge beginnen jeweils mit einem Zitat aus der Bibel, darauf folgen Aufzeichnungen berühmter Schriftsteller. Im Zentrum jedes Tageseintrags stehen die wiederkehrenden Tagebucheintragungen einiger direkt vom Krieg betroffener Menschen, etwa einer Mutter, deren Sohn gefallen ist, eines Arztes und mehrerer Soldaten an der Ostfront, darunter auch die Aufzeichnungen Jochen Kleppers. Am Ende stehen Verweise auf die nationalsozialistischen Verbrechen in Form des Tagebuchs von Adam Czerniaków und der Auschwitz-Aufzeichnungen Danuta Czechs, die teilweise etwa vom Tagebuch eines in der Einsatzgruppe A dienenden SS-Mannes ergänzt werden.

21. Juni 1941

"Berija 1899-1953 Moskau 
An Stalin.
In der letzten Zeit lassen sich viele Mitarbeiter von gemeinen Provokationen beeinflussen und geraten in Panikstimmung. Die geheimen Mitarbeiter [...] müssen wegen der systematischen Desinformation als Handlanger der internationalen Provokateure, die uns gegen Deutschland aufhetzen wollen, zu Lagerstaub zerrieben werden. [...] Aber ich und die mir unterstellten Mitarbeiter, Jossif Wissarionowitsch denken immer an die weise Vorhersage, nach der Hitler uns im Jahre 1941 nicht überfallen wird." (S. 12)

General Shukow 1896-1974 Moskau 
"[...] Der Volkskommissar, Generalleutnant Watutin und ich fuhren mit dem Entwurf einer Detektive an die Truppen in den Kreml. Unterwegs verabredeten wir, um jeden Preis den Beschluss durchzusetzen, die Truppen in Gefechtsbereitschaft zu versetzen.
Stalin empfing uns allein. Er war sichtlich besorgt.
'Ob uns die Deutschen Generale diesen Überläufer nicht untergeschoben haben, um einen Konflikt zu provozieren?' fragte er.
'Nein', antwortete Timoschenko. 'Wir meinen, dass der Überläufer die Wahrheit sagt.'
Inzwischen traten die Mitglieder des Politbüros in Stalins Arbeitszimmer. Stalin informierte sie kurz.
'Was werden wir tun?' fragte Stalin.
Niemand antwortete.
'Man muss unverzüglich die Direktive erteilen, alle Truppen der Grenzmilitärbezirke in höchste Geschäftsbereitschaft zu versetzen', sagte Timoschenko. / 'Lesen Sie!' erwiderte Stalin.
Ich lass unseren Entwurf vor. Stalin bemerkte: 'Eine solche Weisung ist jetzt verfrüht, vielleicht lässt sich die Sache noch friedlich regeln. Wir müssen eine kurze Weisung erteilen, die besagt, dass ein Angriff mit provokatorischen Handlungen deutscher Truppenteile beginnen kann. Die Truppen der Grenzmilitärbezirke dürfen sich nicht provozieren lassen, um keine Komplikationen hervorzurufen.' [...] Die Durchgabe war am 22. Juni 1941 um 0:30 Uhr beendet. Eine Kopie erhielt der Volkskommissar der Seekriegsflotte.

Timoschenko und ich verließen die Stalin mit gemischten Gefühlen." (S. 12/13) 

26.6.1941  Der Leutnant Walter Melchinger 1908 - 1943                      Ukraine
Die Soldaten treffen auf keinen Widerstand und werden von der Bevölkerung freundlich begrüßt.
"Was keiner von uns für möglich hielt, hat unsere unwahrscheinlich große Politik nun möglich gemacht. Und jetzt denkt jeder, was sind wir für Stümper gegenüber der Größe unserer Führung. Wir sollten nichts mehr vermuten mit unserem kleinen Verstand, wir sollten nur noch von einem bedingungslosen Vertrauen erfüllt sein. Das /[Fotos]/ sind wir auch. Trotzdem blühen die Gerüchte wie das Unkraut, wo doch keiner etwas weiß.
Die Russen waren vollkommen überrascht. Kein einziger Bunker war fertig, überall stehen die Verteidigungsanlagen in den allerersten Anfängen. [...] Das Wetter ist herrlich. Sind wir nicht in den Fahrzeugen, laufen wir in der Badehose herum. Namentlich die Abende sind sehr schön, die untergehende Sonne, das heimkehrende Vieh. Dann der Gesang meiner Leute zur Ziehharmonika. Die Dorfbevölkerung steht dabei.
Dass wir diese Zeit erleben dürfen!" (S.107-09)

27.6.1941 Oberst von Bischoffshausen                                                                     Kowno
"[...] Der immer wieder aufbrausende Beifall – Bravo-Rufe, Händeklatschen und Lachen – ließ mich zunächst eine Siegesfeier oder ein Art sportliche Veranstaltung vermuten. Auf meine Frage jedoch, was hier vorgehe, wurde mir geantwortet, dass hier der 'Totschläger von  Kowno'  am Werk sei. Kollaborateure und Verräter fänden hier endlich ihre gerechte Bestrafung! Nähertretend aber wurde ich Augenzeuge wohl des furchtbarsten Geschehens, dassich im Verlaufe von zwei Weltkriegen gesehen habe.
Auf dem betonierten Vorplatz dieser Tankstelle stand ein mittelgroßer, blonder und etwa 25jähriger Mann, der sich gerade ausruhend, auf einem armdicken Holzprügel stützte, der ihm bis zur Brust reichte. Zu seinen Füßen lagen etwa 15 bis 20 Tote oder Sterbende. Aus einem Wasserschlauch floss ständig Wasser und spülte das vergossene Blut in ein Abflussgulli. / Nur wenige Schritte hinter diesen Mann standen etwa zwanzig Männer, die – von einigen bewaffneten Zivilisten bewacht– in stummer Ergebenheit auf ihre grausame Hinrichtung warteten. Auf einen kurzen Wink trat dann jeweils der Nächste schweigend vor und wurde auf die bestialischste Weise mit dem Holzknüppel zu Tode geprügelt, wobei jeder Schlag von begeisterten Zurufen seitens der Zuschauer begleitet wurde.
Beim Armeestab erfuhr ich sodann, dass diese Massen-Exekutionen dort bereits bekannt waren, und dass diese selbstverständlich das gleiche Entsetzen und die gleiche Empörung wie bei mir hervorgerufen hatten. Ich wurde jedoch darüber aufgeklärt, dass es sich hier anscheinend um ein spontanes Vorgehen der litauischen Bevölkerung handele, die an Kollaborateur der vorausgegangenen russischen Besatzungszeit und an Volksverrätern Vergeltung übe. Mithin müssten diese grausamen Exzesse als rein innenpolitische Auseinandersetzungen angesehen werden, mit denen – wie auch 'von oben' angeordnet worden, sei – der litauische Staats selber, d.h. ohne Eingreifen der deutschen Wehrmacht, fertig zu werden hätte.
Die öffentlichen Schau-Hinrichtungen wären bereits verboten worden, und man hoffe, dass dieses Verbot ausreiche, um Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. [...] Am nächsten Tag sah ich keine solchen Hinrichtungen mehr in den Straßen, wie ich diese am Vortag erlebt hatte. Stattdessen aber wurden lange Kolonnen von jeweils 40 bis 50 Männern, Frauen und Kindern, die man aus ihren Wohnungen zusammengetrieben hatte, von bewaffneten Zivilisten durch die Straßen getrieben.
 Aus einer dieser Kolonnen trat eine Frau heraus, warf sich vor mir auf die Knie, und bat mit erhobenen Händen, bevor sie in rüdester Weise zurückgestoßen werden konnte, um Hilfe und um Erbarmen. Man sagte / mir, dass diese Menschen in das Stadtgefängnis geführt wurden würden. Ich nehme jedoch an, dass deren Weg unmittelbar zur Hinrichtungsstätte geführt hat." (S. 129-131)

1.7.1941 Josef Goebbels 1897 bis 1945                                                                Berlin
"Die Dinge stehen im Allgemeinen gut, allerdings leisten die Russen mehr Widerstand, als man zuerst vermutete. Unsere Verluste an Menschen und Material sind nicht ganz unbedeutend. Jetzt erst sieht man, wie notwendig der Angriff war. Noch eine längere Zeit warten, was wäre dann geschehen? Der Führer hat wieder mal den richtigen Instinkt gehabt." (S.169)

3.7.1941  Wilhelm Muehlon 1878-1944                       Klosters/Graubünden                       Mussolini besichtigte in Rom wieder einmal Truppen, die an die russische Front gehen, und hielt ihnen eine Rede über die ungeheure Bedeutung des Kampfes der Achsenmächte gegen den Kommunismus. Unter sämtlichen Hilfsvölkern der Deutschen sind die Italiener am wenigsten geeignet, es mit den Russen aufzunehmen. Ich bin gespannt, an welcher / Front oder in welchem Hinterland sie sich herumtreiben werden. Auch Francos Freiwillige werden im Russland lächerlich sein. (S. 196/97)

Der Leutnant Georg Kreuter 1913-1974                                                   Borissow
Das Regiment soll bis 30 km vor Borissow als Vorausabteilung einen Vorstoß führen. Bleiben jedoch nach 10 km in starkem Sch[ützen]-Feuer liegen. – Ich ziehe die Einschläge bis 100 m vor mich. Die Kerle sind nicht aus ihren Löchern zu kriegen! 10 m vor mir steckt auch einer. Es werden Handgranaten in die Nähe geworfen, aber als einer von uns rankommt, schießt er ihn ab! Erst einige Schüsse mit der Pistole über den Deckungsrand, machen ihm den Garaus! Solches geschieht mehrmals heute! Die 8. Kompanie, bei der ich vorn liege, hat 5 Tote und 24 Verwundete! – Erst die Panzer schaffen uns Luft. Unter ihrem Schutz kommen wir an die Löcher heran. Jetzt laufen sie wie die Hasen." (S. 201)

4. 7.1941 Der Divisionspfarrer Alphons Satzger                                      Lemberg, 
"[...] Die Fahrt geht über Jaworow u. Janow. Unendlicher Staub! Marschierende Infanterie. Um 10:00 Uhr in Lemberg. Quartier in der Universität. Die Tscheka hat in den Gefängnissen furchtbare gehaust. Etwa 2000 ukrainische Geiseln wurden ermordet. Sie lagen im Hof umher, die meisten im Keller des Gefängnisses, alle in Verwesung, Backofenhitze, [b]etretbar nur mit Gasmaske! Ein furchtbares Bild! [...] Heute erfahre ich von Feldwebel Bömisch, dass die Juden, die die Toten ausgraben mussten, nach 2 Stunden sich selbst mit einem Prügel totschlagen mussten. Die ersten 2 waren erst nach 2 Stunden tot. Ich freue / mich, dass es bald aus dieser Totenstadt weggeht: Blut, Mord, Bestialität u. Tränen! Die Leute stehen die ganze Nacht vor dem Brotläden. Tagelang hängt der Leichengeruch in unseren Uniformen!" (S.227/28)

5.7.1941

 Der SS-Mann Felix Landau *1910                                                               Lemberg    

"[...] Heute haben wir Aussicht, das erste Mal ein warmes Essen zu bekommen. 
RM. 10,- erhielten wir, damit wir uns einige notwendige Kleinigkeiten kaufen können. Ich habe mir eine Peitsche um RM. 2,- gekauft. / Überall ist Leichengeruch, wo man an verbrannten Häusern vorbeikommt. Die Zeit ist ausgefüllt mit Schlafen.

 Im Laufe des Nachmittags wurden nun noch ungefähr 300 Juden und Polen umgelegt. Abends fuhren wir nochmals flüchtig auf eine Stunde in die Stadt. Hier erlebten wir Dinge, die man kaum schildern kann. Wir fuhren an einem Gefangenenhaus vorbei. Dass auch hier gemordet wurde, sah man schon einige Straßen weit. Wir wollten es besichtigen, doch hatten wir keine Gasmasken bei uns, so war es unmöglich, die Kellerräume und Zellen zu betreten. Dann ging es wieder unserem Quartier zu. An einer Straßenecke sahen wir einige Juden über und über mit Sand bedeckt. Einer blickte den anderen an. Alle hatten das gleiche vermutet.

Die Juden sind aus dem Grab der Erschossenen gekrochen. Wir hielten einen schwankenden Juden an. Unsere Vermutung war nicht richtig. Bei der ehemaligen GPU-Zitadelle hatten die Ukrainer Juden hingebracht, die der GPU bei Verfolgung von Ukrainer und Deutschen behilflich gewesen sein sollen. 800 Juden hatte man dort zusammengetrieben. Auch diese sollten morgen von uns erschossen werden. Diese hatte man nun freigelassen.
Wir fuhren weiter die Straße entlang. Hunderte von Juden mit blutüberströmten Gesichtern, Löchern in dem Kopf, gebrochenen Händen und heraushängenden Augen laufen die Straßen entlang. Einige blutüberströmte Juden tragen andere, die zusammengebrochen sind. Wir fuhren zur Zitadelle, dort sahen wir Dinge, die bestimmt noch selten jemand gesehen hat. Am Eingang der Zitadelle stehen Soldaten mit faustdicken Knüppeln und schlagen hin, wo sie treffen. Am Eingang drängen die Juden heraus, daher liegen Reihen von Juden übereinander wie Schweine und wimmern sondergleichen, und immer wieder traben die hochkommenden Juden blutüberströmt davon. Wir bleiben noch stehen und sehen, wer das Kommando führt. 'Niemand'. Irgendjemand hat die Juden freigelassen. Aus Wutund Hassgefühl werden nun die Juden getroffen.
Nichts dagegen, nur sollten sie die Juden in diesem Zustand nicht herumlaufen lassen. Anschließend erfahren wir von den dort stehenden Soldaten, dass sie eben Kameraden, und zwar Flieger in einem Lazarett hier in Lemberg besucht hätten und gesehen haben, wie man diese bestialisch zugerichtet hatte. [...]. " (S.143/44)                        

7.7.1941

 Der SS-Mann Felix Landau, geboren 1910             Drohobycz/Bezirk Lemberg. 

"[...] Vor allen Geschäften stehen hunderte von Menschen, um irgendwelche Lebensmittel zu erhalten. Unterwegs wurden zwei Juden angehalten. Sie erzählten, dass sie vor der russischen Armee geflüchtet waren. Ihre Angabe war ziemlich unglaubhaft. Sechs Mann sitzen von uns ab, laden durch, und in der nächsten Minute sind beide tot. Der eine Jude, ein Ingenieur, ruft noch, als das Kommando 'legt an' gegeben wird, 'es lebe Deutschland'. Eigentümlich, das waren meine Gedanken. Mit welchen Plänen im Kopf mag wohl dieser Jude geflüchtet sein. "(S. 283) 

Zwischentext: Deportiert nach Sibirien

Albin Eisenstein, geboren 1911 Czernowitz – Jasowka 

Beschrieben wird eine Deportation auf einem Gebiet, das sich vom baltischen bis zum Schwarzen Meer erstreckt.
"[...] Unverständlich und unerklärt bleibt, wer Interesse daran gehabt hatte, knapp vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, wichtige Eisenbahnknotenpunkte mit derartigen Deportationszügen zu blockieren.
Überlassen wir es den Historikern, diese sinnlose, politisch unbegründete und militärisch destruktive Aktion zu klären. Die meisten der Betroffenen mussten diesen Wahnsinnsakt mit ihrem Leben bezahlen." (S.313) [...]
Den Deportierten fällt auf, dass der Kommandant der staatlichen Aktion mit einer Gruppe von Sträfling n viel freundlicher umgeht als mit ihnen und dass ein Mann aus der Gruppe der Sträflinge von ihm besonders gut behandelt wird und seinerseits den Sträflingen Anordnungen geben kann, die sofort befolgt werden. Die Deportieren bezeichnen diesen Mann als Ataman.
Einige der erfahrenen Männer unserer Gruppe schlugen vor, und direkt mit dem "Ataman" in Verbindung zu setzen. Wir taten es und nach einer recht temperamentvollen Unterredung kam eine Übereinkunft zustande. Mit einem Obolus, bestehend aus einigen Wertgegenständen und einigen Flaschen Spirituosen, war unsere Sicherheit gewährleistet. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass der Ataman mehr menschliches Verständnis für uns zeigte als der Kommandant.
Erschöpft vor Angst, Ungewissheit und Übermüdung übermannte uns tiefer Schlaf. Beim ersten Morgengrauen erwarten wir. Der Gesundheitszustand meiner Frau schien sich zu bessern. Voller Neugier betrachten wir die Ufer des Ob, dieses gewaltigen sibirische Stromes / eintönig und kahl waren die Uferlandschaften, [...] (S.313/14)
Unsere Gruppe der Verbannten bestand aus 24 Personen. Der Kolchospräsident teilte uns verschiedenen Bauern zu. Diesen wurde befohlen, uns Unterkunft zu gewähren. Wir würden es Zwangseinquartierung nennen. Überrascht waren wir, als uns diese armen und eingeschüchterten Menschen, hilfsbereit und freundlich in ihren armseligen Behausungen aufnahmen. Wir hatten den Eindruck, als gehöre das zu ihrer Vorstellung von Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft gegenüber Menschen, die in Not sind. [...] Alles war ganz anders, als wir es erwartet hatten. Belastet von westeuropäischen Vorstellungen über Gastfreundschaft, erschien uns ein solcher Empfang in dieser so armseligen Umgebung völlig unerwartet. Dies umso mehr, als wir doch wussten, dass der Kommandant diffamierende Informationen über uns Verbannte verbreitete. Er beschwor unsere staatsfeindliche Gesinnung und sprach uns auch jede Ehrlichkeit ab. Das / sollte dazu dienen, die einheimische Bevölkerung uns gegenüber feindlich und misstrauisch zu stimmen.
Unser Hausherr erzählte uns, wie auch sie vor etlichen Jahren, als sie es als Mittel- und Großbauern ablehnen, sich den landwirtschaftlichen Kollektivwirtschaften 'Kolchos' anzuschließen, eines Nachts von der NKWD verhaftet und in die sibirische Taiga deportiert worden waren. Bis auf kleine Lebensmittelvorräte und landwirtschaftliche Geräte hatte man ihr gesamtes Hab und Gut weggenommen. Als sie hierher gebracht wurden, gab es hier, bis auf einzelne, kleine Behausungen von einheimischen Nenzen, keine Ansiedlungen, geschweige denn Unterkunftsmöglichkeiten. Die Nenzen gehören zur Volksgruppe der Samojeden einem Volk ugro-finnischer Abstammung, und lebten allein von der Jagd. Unter schwierigsten Bedingungen mussten sie sich selbst ihre Wohnbaracken zimmern. Um das Notwendigste anbauen zu können, musste Boden durch Rodung des Urwaldes erschlossen werden. Die Versorgung mit Lebensmitteln war ungenügend. Auch fehlte ärztliche Betreuung. Es war nur wenigen vergönnt, diese qualvolle Zeit zu überleben.

Prokofjef [der Hausherr] sagte: 'Die meisten von uns kamen um, aber die wenigen, die überlebten, waren von Gott auserkoren, den Glauben an Gott und seine zehn Gebote weiterzutragen. Dies tun wir und werden auch unsere Nachkommen tun.' " (S. 313-317). 

Januar und Februar 1943



Der erste Teil des Echolots konzentriert sich in insgesamt vier Bänden auf den Zeitraum 1. Januar bis 28. Februar 1943. Kempowski kommentierte die Terminierung: „Damals hatte das Dritte Reich nach innen und außen den Höhepunkt seiner Macht erreicht und war im Begriff, ihn zu überschreiten […] – es ist überraschend, wie oft sich in Notizen und Briefen aus dieser Zeit schon die Frage findet: Ob das gut geht? Man hatte das Gefühl, daß der Bogen überspannt war: Und genau hier setze ich mit dem Echolot ein.“[1] In den Zeitraum der Bände fällt die Casablanca-Konferenz, der Untergang der 6. Armee in der Schlacht von Stalingrad, die Sportpalastrede Joseph Goebbels’ mit dem Aufruf zum Totalen Krieg sowie die Hinrichtung der Geschwister Scholl aus der Widerstandsgruppe Weiße Rose.

Die Aufzeichnungen sind chronologisch geordnet, jeder Tag ergibt ein Kapitel. Dadurch liegt der Fokus weniger auf dem Verfolgen eines Einzelschicksals als in der vom Autor arrangierten Gegenüberstellung ganz unterschiedlicher Erfahrungen der verschiedenen Menschen. Längere Zwischentexte trennen die einzelnen Kapitel, auch sie nicht aus der Feder Kempowskis, von dem nur das Vorwort stammt. Der erste Eintrag jeden Tages stammt aus dem Bulletin von Adolf Hitlers Leibarzt Theo Morell. Die letzten Einträge sind den Notizen Heinrich Himmlers und dem Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau von Danuta Czech entnommen.


Textausschnitte (wird nachkorrigiert:)

Stalingrad 17.1.1943

"[...] Und dieser jungen Soldat hat halt angefangen, zu flehen, immer wieder zwischendurch ist, wie soll man sagen, der Code durch die Gewänder auf die untere Pritsche durch und – es waren so Anfälle – und er hat gejammert und geschrien und gesagt: Kamerad, erlöse mich doch! Meine Mutter, die wär dir ewig dankbar. Gib mir eine Kugel, du machst ein gutes Werk. Natürlich – was soll ich machen? Das ist eine schwere Frage. Ich habe versucht zu trösten, ich hab ihm zugesprochen und es dauert nicht mehr lange, dann kommt dieser Sanitäter herein und schreit – das muss so in der Früh. Ich weiß nicht, so 7, 8 Uhr gewesen sein–: Kamerad, komm, komm schnell, es kommen noch ein paar Maschinen. Das ist die letzte Möglichkeit, dass du wegkommst. Und da hab ich mich halt verabschiedet und mit ein paar Trost warten und hab mich davon geschlichen.  [...]" (Band IV, 1.1.-17.1.1943, S.776)


Ein Bericht vom Vormarsch der deutschen Truppen 21.2.1943

"[...] Es sei ein Krieg ebenso so sehr gegen das Gelände, wie gegen die Russen gewesen. Daß Munition von einer Trägerreihe knie- und hüfttief durch den Morast geschafft werden müsse, sei eine Mühe eigener Art, zumal wenn man überdies den Schutz der Nacht mit schlechten Sichtverhältnissen dazu brauche. Abgeschnittene und umzingelte Truppen von Russen hätten sich bis zu ihrer Ergebung oder Vernichtung von dem Fleisch Gefallener ernährt. Er zog aus seiner Brieftasche Aufnahmen von Menschenbeinen, deren Ober-  und Unterschenkelknochen der Muskeln entblößt, deren Füße hingegen vollständig verblieben waren; sogar von rings geöffneten Schädeln, denen das Gehirn entnommen, so das Gesicht belassen worden war. Ich konnte so Entsetzliches kaum fassen. 

Eine Weile hingen wir schweigend Vorstellungen nach, die uns in ähnliche Lagen versetzten, wie Soldaten sie erfahren hatten. [...]" (Band IV 16.-28.2.1943, S.296)


Görings Sonderzug                                                         März 1943 Karinhall 

"[...]Göring benutzte zwei Wagen des Sonderzug. Diese waren, wie alle anderen, Spezialanfertigungen. Sie waren mit Bleiplatten belastet, um dem Oberbefehlshaber das Schleudern zu ersparen. Jeder dieser zwei Wagen kostete, ohne seine Einrichtung, 680.000 DM, die anderen 300.000 DM. Absatz im ersten Wagen, von der Lokomotive gerecht her gerechnet, befand sich die fürstliche Garderobe, die unzähligen Uniformen, die Zivilanzüge, die berühmten Leder Wense, an denen er einen Narren gefressen hatte, die Morgen Röcke aus Brokat und Seide. Auch wurden hier die Degen aufbewahrt, die Schulterstücke und die Orden. Auch das Badezimmer enthielt dieser Wagen. Es war weiß gekachelt, daneben lag die Toilette. Wenn der Monarch dieses üppigen Zuges sich morgens zum Bad und nachfolgenden Frühstück an Sickte, musste der Zug, und natürlich auch der Vorzug, So lange stehen bleiben, bis beides erledigt war. Der eiserne liebt es nicht, wenn das Wasser in der Wanne schwappt. So blockierten wir hier oft ganze Strecken, und wenn es eine lange Strecke war, wie jene von Berchtesgaden nach Rastenburg in Ostpreußen, dann blockierten wir auch Hauptstrecke. Es spielte nicht die geringste Rolle, ob durch das Bad und Frühstück des Herrn Reichsmarschall hinter uns Transportzüge, Lazarett Züge und später die Flüchtlings für lange Stunden liegen geblieben; es war alles gleichgültig, und alles hat sich den persönlichen Wohl dieses Mannes und zu ordnen. Die Fahrpläne, die dann mit den zunehmenden Fliegerangriffen und den Zerstörungen der Bahnanlagen ohnehin nur noch mit unerhörten Schwierigkeiten und nur durch sagenhafte Pflichttreue und Aufopferung des Bahners also, durch dich aufrecht zu erhalten. Warenkorb wurden durch dieses Bad so verwirrt, das ist Tage brauchte, um wieder Ordnung zu schaffen. Ich sprach einige Male mit Übernächtigten, Erschöpften und Verzweifelten, mit jenen unbekannten Helden, die mit Zähnen und Klauen den ordnungsgemäßen Betrieb ihres Bereiches gegen alle Unordnung verteidigten. "Der ganze Fahrplan ist dahin", sagten sie. Sie fügten aber hinzu: "Das macht nichts. Wir werden es wieder hinkriegen. Hermann muss arbeiten können." [...]"(Band IV Epilog März 1943, S. 668/69 )


Fuga furiosa. Winter 1945



Der zweite Teil des Echolots ist erneut auf vier Bände aufgeteilt und behandelt den Zeitraum vom 12. Januar bis zu den Bombenangriffen auf Dresden am 13. und 14. Februar 1945. Dazwischen liegen Hitlers Rückzug in den Führerbunker, die Großoffensive der Roten Armee, die darauf folgende Flucht und Vertreibung aus den Ostgebieten sowie die Vergewaltigungen der deutschen Zivilbevölkerung, die Todesmärsche von KZ-Häftlingen und die Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau, der Untergang der Wilhelm Gustloff und die Konferenz von Jalta.

Kempowskis Absicht war, „Ursache und Wirkung direkt nebeneinander zu stellen. [Es] kreuzen sich die Flüchtlingszüge aus Ostpreußen mit den langen Elendszügen der Häftlinge“, um die Leidenden zusammenzuführen. Dabei sah er sich als Chronist der in der deutschen Literatur zuvor wenig thematisierten Bombenangriffe und Flüchtlingsströme auch als Tabubrecher: „Wir müssen auch das erzählen dürfen.“[2] Neben den Einzelberichten aus dem ersten Teil sind auch offizielle Quellen in die Bände eingearbeitet: Zeitungsmeldungen, das Rundfunkprogramm und Wehrmachtberichte. Zudem wird die deutsche Perspektive um zahlreiche ausländische Aufzeichnungen ergänzt, die Kempowski seit Erscheinen des ersten Teils ausfindig gemacht hatte.


Abgesang ’45



Auch der letzte Teil des Echolots beschränkt sich auf einen Band und wird in der ausführlichen Darstellung weniger letzter Kriegstage zum Epilog des Projekts. Der Band beginnt mit dem letzten Führergeburtstag am 20. April 1945. Es folgen der 25. April, der Elbe Day mit dem ersten Zusammentreffen alliierter Truppen, und der 30. April, der Tag des Suizids Adolf Hitlers. Beschlossen wird der Band durch ein umfangreiches Kapitel zum Kriegsende durch die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht sowie die Reaktionen bei den Siegermächten und der deutschen Bevölkerung am 8. und 9. Mai 1945.

Eingerahmt sind die Ereignisse durch zwei Gedichte, Ludwig Uhlands Frühlingsglaube („Nun muß sich alles, alles wenden.“) und Friedrich Hölderlins Der Frühling („Der Menschen Thätigkeit beginnt mit neuem Ziele,/ So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.“)

Leseproben zu allen Bänden bei Penguin (Verlage)


Buchausgaben von Echolot


Zitat von Kempowski:

„Ich bin konservativ und liberal, und das darf man in Deutschland nicht sein. […] Man darf ja auch heute nicht seine Meinung sagen in Deutschland. Versuchen Sie das doch mal! Ein Schritt vom Wege, und Sie sind erledigt.“

Walter Kempowski, 2007[23]

sieh auch: 

Deutsche Chronik 

(wird ergänzt)

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