Dass die Tagebücher Klemperers wichtig sind, wusste ich spätestens 1999 nach der Lektüre des ZEIT-Artikels, aus dem ich unten zitiere. Ich habe die Bände 1933-1945 wahrscheinlich nicht lange danach angeschafft, wurde aber von ausgiebiger Lektüre aufgrund des deprimierenden Inhalts abgeschreckt. (Dass ich mich als Geschichtslehrer schon jahrzehntelang mit dem Thema beschäftigt hatte, minderte zusätzlich die Neugier.) Jetzt habe ich, bevor ich die Bände ausrangieren muss, noch etwas länger den Blick hineingetan. Wie viele Zitate ich werde anführen können, muss sich noch ergeben.
Victor Klemperer (* 9. Oktober 1881 in Landsberg Wie viele an der Warthe; † 11. Februar 1960 in Dresden) war ein deutscher Literaturwissenschaftler, Romanist und Politiker.
Zu seiner Bekanntheit über die Fachgrenzen hinaus trugen neben seiner Abhandlung LTI – Notizbuch eines Philologen (Lingua Tertii Imperii: Sprache des Dritten Reiches) vor allem seine ab 1995 unter dem Titel Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten (1933–1945) herausgegebenen Tagebücher bei, in denen er akribisch seine Alltagserfahrungen im Zeichen der Ausgrenzung als intellektueller protestantischer Konvertit jüdischer Herkunft aus der deutschen Gesellschaft in der Zeit des Nationalsozialismus dokumentierte. Darüber hinaus vermitteln die Bände Curriculum Vitae (1881–1918), Leben sammeln, nicht fragen wozu und warum (1918–1932) und So sitze ich denn zwischen allen Stühlen (1945–1959) ein intensives Bild von Klemperers Blick auf die Zeit des Deutschen Kaiserreichs, der Weimarer Republik sowie der Deutschen Demokratischen Republik. Klemperer kann damit als einer der wichtigsten Chronisten des Lebens eines Überlebenden des Holocaust durch die deutschen Nationalsozialisten gelten; daneben aber auch als Zeitzeuge der Jahre vor, während und nach der Zeit des Nationalsozialismus. [...] Klemperer heiratete "im Mai 1952[16] die 45 Jahre jüngere Germanistin Hadwig Kirchner, die nach seinem Tod an der Herausgabe seiner Tagebücher mitwirkte. [...]
Im ausführlichen Tagebuch zeigt sich Klemperer als genauer und kritischer, aber auch selbstkritischer Beobachter seiner Zeit und seines Milieus. Während der Zeit der Weimarer Republik betrafen Klemperers Beobachtungen vorwiegend seine wissenschaftliche Karriere und die zahllosen Intrigen an der Universität, beispielsweise die Konkurrenz zu Ernst Robert Curtius. Weiter schrieb er viel über die Beziehung zu seiner ersten, oft kränklichen Frau Eva, beschrieb Personen und Landschaften, notierte auch eifrig die häufigen Kinobesuche. Aufmerksam verfolgte er sein eigenes gesundheitliches Befinden und die Fortschritte seines wissenschaftlichen Schreibens. Häufig wurde er von Selbstzweifeln heimgesucht. Klemperer äußerte sich offen über die Probleme seiner Existenz als konvertierter Jude und vermerkte den nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs im Zusammenhang mit der Dolchstoßlegende und den Wirren um die bayrische Räterepublik virulent um sich greifenden Antisemitismus.
Ab 1933 lässt sich mitverfolgen, wie Klemperer langsam und systematisch ausgegrenzt wurde, zunächst in der Wissenschaft, später auch im privaten Leben. Seine Tagebücher aus der Zeit des Nationalsozialismus sind Zeugnis einer Atmosphäre großer und immer größer werdender Angst. Allerdings schrieb er zur „Röhmrevolte“, sie habe ihm mächtigen Auftrieb gegeben und „Wonne“ verspüren lassen, da man sich in der NS-Führung „gegenseitig auffrißt“. Die Regimekrise hielt er für nicht überwunden; von Hitler glaubte er, „der Mann ist verloren“.[20]
Klemperer und die anderen Bewohner des „Judenhauses“ lebten vor allem in Angst vor der Gestapo. Vor diesem Hintergrund berichtete er von etlichen Selbstmorden und Opfern des Völkermordes an den Juden durch die Nationalsozialisten in seinem persönlichen Umfeld. Gegenüber den häufigen Notizen über antisemitische Äußerungen während der Weimarer Republik vermerkte Klemperers Tagebuch aber eine trotz oder wegen der offiziellen antisemitischen Politik zunehmende Höflichkeit der nichtjüdischen Bevölkerung gegenüber den durch den gelben Stern stigmatisierten Juden – eine Höflichkeit, die in Bezug auf die Vernichtungspolitik folgenlos blieb.
Erste Auszüge aus diesen seinen Tagebüchern veröffentlichte die Zeitschrift Neue Deutsche Literatur in Ausgabe Nr. 2, 1985, auf rund 40 Seiten.
Die Dresdner Tageszeitung Die Union veröffentlichte in den Jahren 1987 bis 1989 in 164 Fortsetzungen Auszüge aus den Tagebüchern unter den Titel Victor Klemperer, Alltag einer Diktatur - Aus Tagebüchern 1936–1940 und Victor Klemperer, Aus dem Tagebuch 1941 bis 1945.
Die Tagebücher wurden ab 1995 im Aufbau-Verlag veröffentlicht und wurden zum Bestseller. Die Tagebücher der Jahre 1933 bis 1945 gelten heute als wichtiges Dokument der Zeitgeschichte und sind Standardwerke für Geschichtsunterricht und Deutschunterricht. Auch die Tagebücher aus der Weimarer Republik und aus der Zeit nach 1945 zeigen Klemperer in der Rolle des Beobachters, der auch nicht davor zurückscheut, den eigenen Ehrgeiz oder die „lingua quarti imperii“ (LQI – die Propagandasprache des Westens und des Ostens[21]) kritisch zu thematisieren. 2007 erschien eine ungekürzte und umfangreich kommentierte Fassung der Tagebücher 1933 bis 1945 auf CD-ROM.
Für die Auseinandersetzung mit der sprachlichen Dimension nationalsozialistischer Gewalt bilden die Tagebücher Klemperers bis heute eine Standardreferenz, etwa im Umgang mit der Rhetorik neurechter Bewegungen.[22] Die Forschung hat ferner die sprach- und subjektphilosophischen Implikationen von Klemperers LTI hervorgehoben: Klemperer mache die NS-Sprache nicht nur zum Gegenstand seiner philologischen Forschung, sondern berichte zugleich über eine Erfahrung, die darin bestehe, die Sprache zu erleiden: Die Worte repräsentieren demnach nicht nur die Gewalt, sondern führen sie zugleich aus.[23]"
Zitate:
Band 1:
14. Januar 1933
Die Qualen des neuen Jahres, die gleichen wie vorher: das Haus, Frost, Zeitverlust, Geldverlust, keine Kreditmöglichkeit. Jedenfalls Verbohrtheit in den Hausbau und ihre Verzweiflung immer noch wachsend. [Eva, seine "arische" Frau] Wir werden wirklich an dieser Sache zugrunde gehen. Ich sehe es kommen und fühle mich hilflos. [...]
Am 3. Januar wurde das Nickelchen kastriert, und jetzt sind die beiden Tiere schon viel zusammen. Ich habe manchmal den Eindruck, sie seien das einzige, was für Eva noch einen eine Freude und sichere Lebensverbindung bedeute./
24. Januar
Annemarie, am Sonntag bei uns, erzählte, dass Fritz Kopke gestorben, [...] Kaum über die Vierzig. Das hat mich angefasst. Ich sagte zu Annemarie: Wo ist seine unsterbliche Seele? Es gibt Glückliche, die fest daran glauben. Annemarie, fast entsetzt, sehr lebhaft: 'Aber Victor! Jeder Christ tut das!' Und nachher: 'Wenn man nicht einmal diese Aussicht hätte, dass es später besser kommt!' Also sie, die Chirurgin, die den Kadaver, das Gehirn unterm Messer hat, die eine Gebildete, eine Studierte ist – und doch ganz offenbar, trotz allen ihrer Zynismen und ihrer Unkirchlichkeit – im Kern doch gläubig, mindestens hoffend. - [...]
21. Februar
Immer mehr ziehe ich mich auf das Vorlesen zurück. Eigene Arbeit stockt fast ganz. [...] Von dem 'Frankreichbild' habe ich wieder mal Abstand genommen. Vielleicht in den Ferien. Mich quält einerseits der Zeitmangel: Heizen, Abwaschen, Einkaufen, Mädchen für alles, andererseits die Idee der Wertlosigkeit. Wie gleichgültig, ob ich ein Buch mehr oder weniger hinterlasse! Vanitas… [...]
Seit etwa drei Wochen die Depression des reaktionären Regimentes. Ich schreibe hier nicht, Zeitgeschichte. Aber meine Erbitterung stärker, als ich mir zugetraut hätte, sie noch empfinden zu können, will ich doch vermerken. Es ist eine Schmach, die jeden Tag schlimmer wird. Und alles ist still und duckt sich, am tiefsten die Judenheit und ihre demokratische Presse.– Eine Woche nach Hitlers / Ernennung waren wir (am 5. 2.) bei Blumenfelds [...] Raab, Vorsitzender des Humboldtclubs, hielt eine große Rede, erklärte, man müsse die Deutschnationalen wählen, um den rechten Flügel der Koalition zu stärken. Ich trat ihn erbittert entgegen. Interessanter seine Meinung, dass Hitler in religiösen Irrsinn enden werde.… Am meisten berührt, wie man den Ereignissen so ganz blind gegenübersteht, wie niemand eine Ahnung von der wahren Machtverteilung hat. Wer wird am 5. März die Majorität haben? Wird der Terror hingenommen werden, und wie lange? Niemand kann prophezeien sein. – Inzwischen wirkt die Unsicherheit der Lage auf alles einzelne. Jeder Versuch, Geld zum Bauen zu leihen, scheitert. Das lastet schwer auf uns.
[Bericht über Krankheiten]
Der Todesgedanke lässt mich keine Stunde mehr aus seinen Krallen."(Band 1, S. 5-7).
10. März.
30. Januar: Hitler Kanzler. Was ich bis zum Wahlsonntag, 5. März, Terror nannte, war mildes Prélude. Jetzt wiederholt sich haargenau, nur mit anderen Vorzeichen, mit Hakenkreuz, die Sache von 1918. Wieder ist es erstaunlich, wie wehrlos alles zusammenbricht. Wo ist Bayern, wo ist das Reichsbanner usw. usw,? Acht Tage vor der Wahl die plumpe Sache des Reichstagbrandes – ich kann mir nicht denken, dass irgendjemand wirklich ein kommunistische Täter glaubt statt bezahlte [Hakenkreuz]- Arbeit. Dann die wilden Verbote und Gewaltsamkeiten. Und dazu durch Straße, Radio etc. die grenzenlose Propaganda. [...] Am Sonntag wählte ich den Demokraten Eva Zentrum. [...] / Vollkommene Revolution und Parteidiktatur. Und alle Gegenkräfte wie vom Erdboden verschwunden. Dieser völlige Zusammenbruch einer eben noch vorhandenen Macht, nein, ihr gänzliches Fortsein (genau wie 1918) ist mir so erschütternd. [...] Niemand wagt mehr, etwas zu sagen, alles ist in Angst. [...] Wie lange werde ich noch im Amt sein?
Zu dem politischen Druck, die Qual der ewigen Schmerzen im linken Arm, des ewigen Sterbegedankens. Und die marternden und immer erfolglosen und immer erfolglosen Bemühungen um Baugeld. Und das stundenlange Heizen, Abwaschen, Wirtschaften. Und das ständige Zuhausesitzen. Und das Nichtarbeiten- Nichtdenkenkönnen. [...] Ich will, nein: ich muss wieder den Albdruck des 'Frankreichbildes' aufnehmen. Ich will mich jetzt zum Schreiben zwingen und Kapitel um Kapitel die noch fehlende Lektüre nachholen." (S.8-9)
17. März
"[...] Aber leider hatten wir am Dienstagabend Thiemes hier. Das war entsetzlich und war ein Ende. Mit einer solchen begeisterten Überzeugung und Verherrlichung bekannte sich Thieme – er! – zu dem neuen Regime. Alle Phrasen von Einigkeit, Aufwärts usw. gab er mit Andacht wieder./ Trude war viel harmloser. Es sei alles schief gegangen, nun müsse man dies versuchen. 'Jetzt müssen wir eben einmal in dies Horn blasen! 'Er verbesserte heftig: 'Wir müssen nicht', es sei wirklich und frei gewählt, das Richtige. Das verzeihe ich ihm nicht. Er ist ein armer Hund und ängstigt sich um seinen Posten. Er muss also mit den Wölfen heulen. Gut. Aber warum mir gegenüber? [...] Wir haben uns in Thiemes Intellekt geirrt. Er hat die partielle mathematische Begabung. Er ist im übrigen haltlos jedem Einfluss, jeder Reklame, jedem Erfolg hingegeben. Eva hat dies schon seit Jahren erkannt. Sie nennt ihn: 'ohne alle Urteilskraft'. Aber dass er so weit gehen würde… Ich schließe mit ihm ab.
Die Niederlage 1918 hat mich nicht so tief deprimiert wie der jetzige Zustand. Es ist erschütternd, wie Tag für Tag, nackte Gewalttat, Rechtsbruch, schrecklichste Heuchelei, barbarische Gesinnung ganz unverhüllt als Dekret hervortritt. Die sozialistischen Blätter sind dauernd verboten. Die 'Liberalen' zittern. Neulich war das 'Berliner Tagblatt' zwei Tage verboten; den 'Dresdener NN' kann das nicht geschehen. Es ist gänzlich regierungsfromm, bringt Verse auf 'die alte Fahne' etc.
Einzelberichte: 'Auf Anordnung des Reichskanzlers sind die fünf im Sommer vom Sondergericht in Beuthen wegen Tötung eines kommunistischen polnischen Insurgenten Verurteilten freigelassen worden.' (Die zum Tode verurteilten!)" (S.10/11)
[...] Eigentlich ist es furchtbar leichtsinnig, dies alles in mein Tagebuch zu schreiben. (S.12)
20. März
"Nach langer Zeit im Kino: Hindenburg vor Truppen und Hakenkreuzlern am 12. 3., dem Sonntag der Kriegsgefallenen. Als ich ihn vor etwa einem Jahr gefilmt sah, ging der Präsident etwas steif, die Hand auf dem Handgelenk des Begleiters, aber ganz fest und nicht langsam die Reichstagtreppe hinab, ein Alter, aber kraftvoller Mann. Heute: die winzigen, mühsamen Schritte eines Gelähmten. Nun ist mir alles klar: So ging Vater nach seinem Schlaganfall Weihnachten 1911, bis er am 12.2.12 starb. In der Zwischenzeit war er nicht mehr klar. (Die umgedrehte Zeitung, in der er las!) Es ist mir absolut gewiss, dass Hindenburg nur noch eine Marionette ist, dass ihm schon am 30. Januar die Hand geführt wurde. [...] (S.12)
21. März
Tag des 'Staatsaktes' in Potsdam. [...] (S.13)
30. März.
Gestern bei Blumenfeld mit Sempers zusammen zum Abend. Stimmung wie vor einem Pogrom im tiefsten Mittelalter oder im innersten zaristischen Russland. Am Tage war der Boykott-Aufruf der Nationalsozialisten herausgekommen. Wir sind Geiseln. Es herrscht das Gefühl vor (zumal da eben der Stahlhelmaufruhr in Braunschweig gespielt und sofort vertuscht worden), dass diese Schreckensherrschaft kaum lange dauern, uns aber im Sturz begraben werde. Fantastisches Mittelalter: 'Wir' – die bedrohte Judenheit. Ich empfinde eigentlich mehr Scham als Angst, Scham um Deutschland. Ich habe mich wahrhaftig immer als Deutscher gefühlt. Und ich habe mir immer eingebildet: 20. Jahrhundert und Mitteleuropa sei etwas anderes als 14. Jahrhundert und Rumänien. Irrtum. [...]
31. März
Immer trostloser. Morgen beginnt der Boykott. Gelbe Plakate, Wachen. Zwang, christlichen Angestellten zwei Monatsgehälter zu zahlen, jüdische zu entlassen. Auf den erschütternden Brief der Juden an den Reichspräsidenten und die Regierung keine Antwort. – Man mordet kalt oder 'mit Verzögerung'. Es wird 'kein Haar gekrümmt' – man lässt nur verhungern. [...]
Kino in der Prager Straße. Neben mir ein Reichswehrsoldat, ein Knabe noch, / und ein wenig sympathisches Mädchen. Es war am Abend vor der Boykottankündigung. Gespräch, als eine Alsberg Reklame lief. Er: 'Eigentlich sollte man nicht beim Juden kaufen' Sie: 'Es ist aber so furchtbar billig.' Er: 'Dann ist es schlecht und hält nicht.' Sie, überlegend, ganz sachlich, ohne alles Pathos: 'Nein, wirklich, es ist ganz genauso gut und haltbar, wirklich ganz genauso wie in christlichen Geschäften – und so viel billiger.' Er: schweigt. – Als Hitler, Hindenburg, etc. erschienen, klatschte er begeistert. Nachher bei dem gänzlich amerikanisch jazzbandischen, stellenweise deutlich jüdelnden Film klatschte er noch begeisterter. [Man beachte das Vokabular!]
Es wurden die Ereignisse des 21. März vorgeführt, Stücke aus Reden gesprochen. Hindenburgs Proklamation mühselig, mit Atemnot, die Stimme eines uralten Mannes, der physisch fast zu Ende ist. Hitler pastoral deklamierend. Goebbels sieht ungemein jüdisch aus, Eva sagt mit Recht, dem Schauspieler Deutsch [...] ähnlich. Sachlicher und menschlicher gibt sich im Ton Hugenberg. [...]
Ein Märchen von Andersen, 'Galoschen des Glücks'. Ein Professor hat in Gesellschaft von den Zuständen des 14. Jahrhunderts gesprochen, denkt im Heimgehen, wie es damals in Kopenhagen ausgesehen habe – und plötzlich ist das Pflaster fort, und er versinkt im Dreck. Manchmal glaube ich, solche Gamaschen anzuhaben. Aber man versinkt auch ohne sie bodenlos." (S.16/17)
Band 2
24. November, Dienstag vormittag 1942
Erster Frosttag, fester Schnee auf Dächern und Straßen).
'Judenlager Hellerberg'. Eva sagte, diese neue Art der Evakuierung sei deshalb so schamlos, weil alles so offen vor sich gehe. Das Neue daran ist jedenfalls, dass wir diesmal Einblick in das Inferno haben und mit ihm in Konnex bleiben. Ist es eine gemäßigte Hölle? Das muss sich herausstellen. Der junge Eisenmann, der am Auffüllen der Bettsäcke mitgeholfen hat, sagte: 'Katastrophal!' Unvorstellbar eng und barbarisch primitiv, besonders die Aborte (wandlos nebeneinander und viel, viel zu wenige), aber auch die schmalen Betten usw. Die Zimmerleute hätten gesagt, sie seien am Barackenbau für russische und polnische Gefangene beschäftigt gewesen– Luxushotels gegen dies Judenlager in Sand und Schlamm! Andererseits hört man von Vergünstigungen wie Postverkehr, Urlaub nach Dresden, eine Lagerbibliothek, Spielzeugerlaubnis für die Kinder… Man muss abwarten. Sonntag und Montag (außer von Appelius und Galsworthy), ganz erfüllt von diesem Hellerberg. Für Frau Ziegler, die uns sehr vieles hinterließ, karrte ich am Sonntagnachmittag eine schwere Last bei streikenden Herzen, das Hindenburgufer entlang zur Gemeinde. (2. Band, S. 280/81)
28. November, Sonnabend vormittag
[...] Und dann etwas Groteskes: einen Zigarettenkarton mit Zähnen. Zähne sind Mangelware, Eichler hat längst keine mehr, so läuft Eva seit vielen Monaten mit der großen Lücke im Mund herum; er wollte Eva schreiben, sobald er Material hätte, und schrieb nie. Ein Zahntechniker, der beim Friedhofsgärtner arbeitete, hat diesen Karton dort deponiert – nun soll sich Eichler Brauchbares auswählen und es nach dem Tagespreis bezahlen. Er darf aber nicht wissen, wo die Ware herkommt. Heimliche Zähne vom Judenfriedhof, es klingt / märchenhaft schauerlich – es ist aber auch real gesehen toll genug, und vielleicht kann es zu einer Katastrophe führen.(S.283/284)
"Heute morgen kam Frau Eger zu uns, wir möchten ihr mit einem Judenstern aushelfen. Auf eine Jacke ihres Mannes zu nähen, die sie ihm als warmes Zeug mitgeben wolle. Sie habe erfahren (sie hat einen Bruder bei der SS), dass er morgen in ein KZ abtransportiert werde. Es sei das letzte, was sie für ihn tun könne; noch eine Mütze gebe sie ihm mit, in deren Futter sie Abschiedsgrüße genäht habe. Aber werde er den Brief finden? Sie habe keine Hoffnung, den Mann wiederzusehen. (S.284)
Über die Gemeinde (und über Simon) kommuniziert man mit den Interessierten. Die Leute in der Gemeinde scheinen darauf abgestimmt, scheinen –
LTI! – Eine
verschworene Gemeinschaft zu sein, das Lagerleben als glimpflich darzustellen. Es sei erträglich, einige gewöhnten sich rascher, einige langsamer um. Es klingt so, als wenn die unzufriedenen verwöhnte und undankbare Geschöpfe wären. In dieser Tonart äußern sich außer Reichenbach, die Sekretärin Judenkirsch, die freilich im Gemeindehaus wohnt und nur auf Amtswegen ins Lager kommt.[...] aber das Gros der Lagerinsassen ist doch streng gefangen, erhält spärlichsten Stadturlaub, hockt immer aufs engste beisammen usw. usw. Es ist gar zu jämmerlich, dass diese Gefangenschaft schon als halbes Glück gilt. Es ist nicht Polen, es ist nicht das KZ! Man wird nicht ganz satt, aber man verhungert nicht. Man ist noch nicht geprügelt worden. Usw. usw." (S.285).
"Eine besondere Lagergefahr scheint der Neid der Zusammengedrängten zu sein. Wenn dem einen etwas zugesteckt wird, muss er sich vor allen anderen hüten." (S. 286).
8. April.
"[...] Der biedere Mann half mir manchmal mit Brotmarken, steckte mir gelegentlich einen Bonbon zu – ich beneidete ihn ein bisschen, weil er ja einige Erleichterungen genoss. Ich hörte dann nichts mehr von ihm. Jetzt: Er wurde vorige Woche verhaftet - Grund unbekannt; es heißt, aber ohne Gewissheit, eine neue Bestimmung zwinge solche privilegierten, deren arische Kinder im Ausland, zum Sterntragen, und das habe er nicht beizeiten erfahren –, zwei Tage später hatte er im Polizeipräsidium sich erhängt (oder ist erwürgt worden). Die Leiche wurde Jacobi nackt überliefert, außer den Würgemalen, wies sie keine Verletzung auf. Der Fall hat mich wieder furchtbar durchschauert." (S.348)
"Aus Berlin kam ein [...] Brief, der auch wieder sub specie LTI gewertet sein will. Es ergab sich nach einigem Rätseln, dass die Absenderin eine geborene Meyerhof aus Hildesheim und uns dort [...] als Kind einmal begegnet ist. E.N. schreibt einen Stil, der aus 'enzyklopädischem' und Berliner Stil gemischt ist. Das Berlinische betont, überbetont (eben dadurch witzig und affektiert in sein Gegenteil umschlagend), antiheroische, antisentimentale, in jeder Beziehung unberührte Haltung. 'Außerdem haben sich die bitterbösen Engländer ausgerechnet mein Wohnviertel ausgesucht, um ihre Eier zu legen.' (wieder nicht bloß Berlinisch. Frau N. teilt mit, was sie eigentlich nicht mitteilen darf, und sie deutet ihre Stimmung, um nicht zu sagen Zustimmung, dem englischen Verhalten gegenüber durch das komische, 'bitterböse' an.) Ein PS lautet: 'Existiert der alte Professor Pöppelmann noch in irgendeiner Form? [...] Eva deutet aus: 'Steht der Zwinger noch, hat Dresden schon ernste Luftangriffe gehabt?' Selbst wenn diese Deutung nicht zutreffen sollte – aber sie wird wohl zutreffen –, ist es zeitcharakteristisch, dass sofort solche Deutung gesucht und gefunden wird. Wir rechnen eben gar nicht mehr mit wörtlichem, nicht hinterhältigem Sinn einer brieflichen Mitteilung. Dieser Brief der E. N. ist also ein ganz besonders wertvolles Dokument für die LTI." (S. 350)
27..9.1944
"[...] Annemarie ist nicht gut angeschrieben, hat mehrmals angeeckt. Gewiss, sie ist allmählich vorsichtig geworden: seitdem September 41 trage ich den Stern, am 9. Oktober 1941 war sie das letzte Mal bei uns. Trotzdem! Und ich will nicht verkennen, wie sehr sie sich für uns exponiert. Sie weiß nicht nur, dass sie meine Manuskripte aufbewahrt, sie weiß auch, dass es sich um Tagebücher handelt. Sie weiß seit Monaten, dass es sich bei solchen Verhalten nicht mehr um Gefängnis, sondern ganz eindeutig um den Kopf handelt.
Meine Tagebücher und Aufzeichnungen! Ich sage mir immer/wieder und wieder: sie kosten nicht nur mein Leben, wenn sie entdeckt werden, sondern auch Evas und das mehrerer anderer, die ich mit Namen genannt habe, nennen musste, wenn ich dokumentarischen Wert erreichen wollte. Bin ich dazu berechtigt, womöglich verpflichtet, oder ist es verbrecherische Eitelkeit? Und immer wieder: seit zwölf Jahren habe ich nichts mehr publiziert, nichts mehr zu Ende führen können, nur immer gespeichert und gespeichert. Hat es irgendwelchen Sinn, wird irgendetwas von alledem fertig werden? Die Engländer, die Gestapo, die Angina, die dreiundsechzig Jahre. Und wenn es fertig wird und wenn es Erfolg hat, und wenn ich 'in meinem Werk fortlebe'– welchen Sinn hat das alles 'an und für mich'? (S. 594/95)
26. Mai 1945
"Unser Fluchtversuch hat fraglos weniger Aussicht auf Gelingen als der damalige. Nur steht auf Scheitern nicht wie damals der Tod. Dafür aber schwere Lächerlichkeit und Demütigung. Kommen wir nicht durch, so muss ich mich an die Kaulbachstraße wenden, und das wird sehr bitter . [...] Wir kamen beide zu dem gleichen Ergebnis: Müssen wir aus Nahrungsmangel umkehren oder schicken uns die Amerikaner zurück, dann sind wir wenigstens eine Weile außerhalb Münchens gewesen.
Im übrigen ist das Unternehmen natürlich ein fast irrsinniges: ohne ordentliche Wanderausrüstung, ohne Gewissheit der Lebensmittelmarken des Quartiers, drei-, vierhundert Kilometer zurücklegen zu wollen. [...] "
Die Rückreise dauert von 26. Mai bis zum 10. Juni. Es ist ein Beispiel dafür, was für Strapazen den Überlebenden des Holocaust noch nach dem Sieg ihrer Sache bevorstanden. (Displaced Persons) Klemperer hat zwar meist Empfehlungen und kann immer wieder einmal mit einem amerikanischen Laster oder mit einem Zug mitgenommen werden, muss aber ganz große Strecken zu Fuß gehen zusammen mit seiner Frau Eva. Als Essen gibt es äußerst wenig. Ein Rübenschnitz pro Tag muss oft ausreichen. (S.798-830)
Über Klemperers Tagebücher:
Volker Ulrich "Der Chronist des Jahrhunderts" ZEIT 25.3.1999:
"Das Ende war trostlos: 'Ich habe allen Glauben an Wirkungsmöglichkeiten verloren. Allen Glauben an rechts und links. Ich lebe und sterbe als einsamer Feuilletonist' (29. April 1959). Selten hat sich ein Autor so über seine Bedeutung getäuscht. [...] weiterleben wird Victor Klemperer vor allem als Schreiber seiner Tagebücher. Durch vier Epochen deutscher Geschichte – Kaiserreich, Weimarer Republik, Nazizeit, DDR – führt sein unvergleichliches Oevre. Fast beiläufig, ohne es zu wollen und zu wissen, ist er zum großen Chronisten des Jahrhunderts geworden."