Posts für Suchanfrage Wolfszeit werden nach Relevanz sortiert angezeigt. Nach Datum sortieren Alle Posts anzeigen
Posts für Suchanfrage Wolfszeit werden nach Relevanz sortiert angezeigt. Nach Datum sortieren Alle Posts anzeigen

24 Februar 2020

Harald Jähner: Wolfszeit - meine Textauszüge

Harald JähnerWolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945 - 1955 Berlin 2019, ISBN 978-3-7371-0013-7.

Ich habe schon viel Lob über dies Buch gelesen und kenne einige Zitate daraus, die ich sehr interessant fand. 
Anarchie des Anfangs, SZ 19.2.19
Das Lachen im Elend, Deutschlandfunk 24.2.19
#Jähner
Andererseits dachte ich, angesichts der vielseitigen Literatur der Nachkriegszeit, "Trümmerliteratur", wie man sie auch nannte, könne das Buch etwas so Außergewöhnliches nicht sein.
Ich habe mein Urteil revidiert.  Von der ganzen Reihe von bemerkenswerten Stellen, die ich beim ersten Blättern gefunden habe, zitiere ich hier:

Stunde Null? (Kapitel 1, S.17-30)
Jähner sagt: Nein, es lief vieles weiter und überhaupt beeinflusst die Vorgeschichte natürlich alles.
In Trümmern (Kapitel 2, S.31-60)
Trümmerfrauen, Frauen kommen allein zurecht.

Das große Wandern (Kapitel 3, S.61-119)
"Insgesamt vierzig Millionen auf die eine oder andere Art Entwurzelte in den vier Besatzungszonen! Geflohene, Obdachlose, Desertierte, Gestrandete – eine erzwungene Mobilität und vorstellbaren Ausmaßes. Das heißt nicht, dass alle tatsächlich in Bewegung waren. Die meisten steckten fest, harrten in Lagern aus, kamen nur qualvoll langsam oder mit Unterbrechungen voran. Die einen mussten möglichst rasch nach Hause gebracht, die anderen erst einmal festgesetzt werden. Versorgt werden mussten sie alle – eine gigantische logistische Leistung, selbst wenn es oft nicht einmal das Nötigste war, das beschafft werden konnte. Die Zahl der vorübergehend zu internierenden deutschen Kriegsgefangenen war nach der Kapitulation derart, dass die Alliierten keine andere Möglichkeit sahen, als etwa eine Million von ihnen in den so genannten Rheinwiesenlagern unter freiem Himmel einzuzäunen und sie über viele Wochen ohne Dach über dem Kopf hinter Stacheldraht hausen zu lassen. Erst im Verlauf des Juni hatten die meisten der 23 Lager Latrinen, überdachte Küchen und Krankenbaracken erhalten. Im September 1945 wurde das letzte dieser Massencamps aufgelöst, nachdem der Großteil der Internierten längst verhört und entlassen oder auf andere Lager verteilt worden war.
Die teils zu Hunderttausenden zusammengepferchten Soldaten, auf dem Boden hockend und schutzlos Wind und Wetter ausgesetzt, boten ein schockierendes Sinnbild der puren Masse, zu der das NS-Regime und der Krieg die Gesellschaft herabgewürdigt hatten. Vielen, die jenseits dieser Zäune lebten, ging es kaum besser. Wer das Wagnis unternahm, in dieser Zeit eine Reise zu machen, obwohl er ein festes Dach besaß, begegnete den Umherziehenden auf den Straßen, den Bahnsteigen und Wartesälen." (Seite 62/63)


Ursula Trautmann wird auf ihrer Flucht von ihrer Mutter getrennt. 
"Die Witwe Harms, bei der sie wohnt, bringt die Flüchtlinge nur auf dem Heuboden im schmutzigen Stroh unter, obwohl ihr halbes Haus leer steht. [...] 
Als die englischen Besatzungssoldaten merken, dass ihre Aufforderungen, die Flüchtlinge menschenwürdig unterzubringen nichts fruchten, lassen Sie die Dorfbewohner auf dem Kirchplatz in Reih und Glied antreten und drohen mit Beschlagnahme und Enteignung der Häuser. Daraufhin kommt Ursula mit acht weiteren Flüchtlingen in einem Zimmer beim Dorfschmied unter. Dafür lässt man sie bei jeder Gelegenheit spüren, dass man sie zum Teufel wünscht. Es seien zu wenig Schiffe mit Flüchtlingen untergegangen, zischt man dem jungen Mädchen hinterher. Zum Glück findet wenigstens die versprengte Familie wieder zusammen. Das enge Netz von Nachrichten, dass die Vertriebenen über weite Entfernungen unterhalten, bewährt sich. [...] 
Da die Wullenkordts geschickte Landwirte sind, gelingt es ihnen, einen heruntergekommenen Hof, den sie 1955 pachten, wieder in Schuss zu bringen. Nun klettert allerdings die Pacht in unbezahlbare Höhen. Die Familie nimmt daraufhin den nächsten bankrotten Hof unter ihre Fittiche und päppelt ihn hoch, bis auch hier die Pacht steigt. Nach dieser Methode sanieren sie durch Fleiß und Geschick einen heruntergekommenen Hof nach dem anderen, ziehen "von Hardissen nach Roth, dann nach Ransbach-Baumbach, danach auf die Rheininsel Königklinger Aue, nach Birkenfeld an die saarländische Grenze, schließlich nach Neukirchen bei St. Wendel und am Ende nach Rheinhausen in der Pfalz" – eine Sanierungsodyssee, die sie durch ganz Westdeutschland führt und viele Leute reich macht, nur sie selbst nicht." (S.92/93)
"Die Einheimischen, ob in Bayern oder Schleswig-Holstein, wehrten sich teilweise so vehement gegen die Einquartierungen, dass die Vertriebenen nur unter dem Schutz von Maschinengewehren in ihre zugewiesenen Behausungen geleitet werden konnten." (S.94/95)
Der Rassismus lebte fort und richtete sich nun munter nach innen. [...] Nach dem Zusammenbruch hatte die Idee der Volksgemeinschaft an Strahlkraft verloren, der Hochmut aber keineswegs abgenommen. Das Volk war desavouiert, nun besann man sich plötzlich wieder auf die Region als das entscheidende Identitätsmerkmal. In der innerdeutschen Migration sahen viele eine Art multikulturellen Angriff auf sich selbst. Der Tribalismus blühte, man grenzte sich als Stammesangehörige durch Sitten, Gebräuche, Glaubensriten und Dialekte von den umliegenden ab und erst recht von den Deutschböhmen, Banater Schwaben, Schlesiern, Pommern und Bessarabiendeutschen – alles 'Polacken'. [...] 
Ob die Maiandacht auf dem Friedhof, im Freien oder in der Kirche gehalten wird, wie ein Maibaum auszusehen hat [...] all das führte zu Reibereien mit den Flüchtlingen (S.97)
"Der Kreisdirektor des bayrischen Bauernverbandes, Dr. Jakob Fischbacher, bezeichnete es in einer viel beachteten Rede als Blutschande, wenn ein bayrischer Bauernsohn eine norddeutsche Blondine heiratete, und forderte die Bauern auf, die eingefallenen Preußen wieder nach Osten zurückzutreiben [...] 
Der Hass auf die Zuwanderer, der solche Hetzreden beflügelte, hatten einen Grund in der unbestreitbaren Erosion der lokalen Traditionen, die der Zuzug ja tatsächlich bewirkte. Jahrhundertelang gewachsene regionale Eigenheiten waren bedroht. [...] Im Krieg waren Massen von ausgebombten und evakuierten Großstädtern aufs Land geströmt und von den Behörden oftmals mit der gleichen Militanz einquartiert worden wie die Vertriebenen. Die Städter hatten mit ihren freizügigen Sitten die Dörfler schockiert, andere aber auch beeindruckt. Die immerhin fünf Millionen Städter, die auf die deutschen Lande verteilt worden waren, darunter viele lebenslustige junge Frauen [...] hatten die tradierten Wertvorstellungen dort irritiert. [...]
Mischehen [...] kamen trotz des erbitterten Widerstands der Pfarrer bald immer häufiger zustande. Der katholische Partner wurde dabei allerdings in der Regel exkommuniziert, wenn der protestantische nicht seinen Glauben wechselte. [...] Manche Gläubige, hin und her gerissen zwischen Liebe und Kirchentreue, litten unter dem Ausschluss aus der Gemeinde ein Leben lang." (S. 98-100)

"Die Härte der Konflikte hing auch damit zusammen, dass die Flüchtlinge Deutschland tatsächlich veränderten. Vor dem Krieg hatten in Westdeutschland 160 Menschen auf einem Quadratkilometer gelebt, jetzt waren es 200. In den Großstädten war davon relativ wenig zu spüren, in Berlin und Hamburg betrug der Anteil der Vertriebenen an der Gesamtbevölkerung gerade mal sechs und sieben Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern aber waren es 45, in Schleswig-Holstein 33 und in Bayern immerhin noch 21 Prozent. Hier nagte die Einwanderung der Fremden beharrlich an der Gewissheit, die eigene Lebensweise sei die einzig gültige." (S.100/101)
Aufgrund der oft revanchistischen Töne ihrer Verbandsfunktionäre wurden die Vertriebenen lange zu den reaktionär Kräften der Bundesrepublik gezählt. Tatsächlich waren sie in hohem Maße bis in die siebziger Jahre hinein verantwortlich für rechtsradikale Umtriebe. (S.102) [...]
Das Paradoxe ist: so rückwärtsgewandt viele Vertriebene auch waren, in der Nachkriegs gesellschaft wirkten sie als Agenten der Modernisierung. Sie verursachten jene kulturelle und soziale Durchmischung maßgeblich mit, auf die die junge Republik sich später so viel einbildete. [...] So waren sie zum Beispiel – neben dem späteren Fernsehen – in vielen Regionen für den Mundartenschwund verantwortlich. [...]
Schnell wurden die Vertriebenen deshalb von einer Last zu einem Gewinn für die deutsche Wirtschaft. Sie waren meist schneller bereit, sich neuen Umständen anzupassen als die Alteingesessenen. [...]
Der rasche Aufschwung nach der Wirtschaftsreform 1948 wäre ohne die Arbeitsemphase der Vertriebenen nicht möglich gewesen. [...]
Trotz aller Integrationserfolge dauerte es bis 1966, bis die letzten großen Barackenlager für Vertriebene aufgelöst werden konnten. (S.103 -104)
Oft erhielten die Siedlungen von den Einwohnern der gewachsenen Stadtteile Spitznamen wie Kleinkorea, Neupolen, Mau-Mau oder kKeinmoskau, womit sie deutlich machten, wohin sie die Menschen dort am liebsten verbannt hätten. [...] Mau Mau markierte auf sprechende Weise den Punkt, an dem die Deutschen sich selber fremd worden, und das war bezeichnenderweise nicht der Moment, als sie den Holocaust begriffen. [...]
Der Historiker Friedrich Prinz resümierte: "Der zufriedene Rückblick auf die geglückte Integration der Vertriebenen verstellt heute manchmal die Einsicht, wie nahe wir der gesellschaftlichen Katastrophe waren (S. 105)
Die Vertreibung der Deutschen war ein gigantisches Enteignungsprogramm [...]" Irgendwie konnte man darin schon eine gerechte Strafe für das Unrecht ansehen, was NS-Deutschland den überfallenen Völkern angetan hatte. Aber: "Die Vertriebenen fragten sich jedoch zu Recht, warum sie diese Bußlast allein tragen sollten. [...] Von den zurechnungsfähigen Politikern verschloss sich auch niemand der abstrakten Einsicht, dass die Lasten gerechter verteilt werden müssten. In welchem Maße allerdings und wie das konkret bewerkstelligt werden könnte, darüber gingen die Meinungen erheblich auseinander.
Leichter hatte es das Regime in der sowjetischen Besatzungszone, weil es dirigistischer verfahren konnte. Der ab Herbst 1945 beschlagnahmte Großgrundbesitz wurde zu mehr als einem Drittel an Vertriebene verteilt. Die neue Bauernstellen die durch die Bodenreform entstanden, gingen sogar zu über 40 Prozent an die Flüchtlinge. Dafür durften sie sich jedoch nicht mehr Vertriebene nennen; das Regime nannte sie Neubürger oder Umsiedler [...] Das gelang relativ gut um den Preis, dass die Vertriebenen ihre Geschichte verleugnen mussten und sich im offiziellen Geschichtsbild der DDR nicht wiederfanden. [...] 400.000 Vertriebene, darunter etliche, die den Verlust ihrer Identität nicht hinnehmen wollten, zogen bis Jahresende 1949 allerdings in die Westzonen weiter – auch das erhöhte die Integrationschancen für die übrigen in der DDR.
In der Bundesrepublik hatte derweil eine quälende Diskussion um den so genannten Lastenausgleich begonnen. Ein entsprechendes Gesetz trat im September 1952 in Kraft. Es regelte, wer welchen Anteil an den Kriegslasten zu tragen hatte. Das Lastenausgleichsgesetz liest sich so trocken und glanzlos, wie es sich anhört, und doch verkleidet der Begriff ein Wunderwerk an politischem Aushandlungsvermögen. [...]
Erich Ollenhauer formulierte: "Es ist das Gesetz der Liquidierung unserer inneren Kriegsschuld gegenüber von Millionen unserer eigenen Volkes genossen." [...]
Das Gesetz bestimmte, dass Eigentümer von Grundstücken, Häusern und sonstigen Vermögen fünfzig Prozent ihres Besitzes, über den sie am Stichtag, dem 21. Juni 1948, verfügt halten, abführen mussten. Die Summe konnte in vierteljährlichen Raten über 30 Jahre hin weg entrichtet werden Nutznießer waren die 'Kriegsgeschädigten': die Ausgebombten, Invaliden und Vertriebenen. [...]
Der Verlust großer Vermögen sollte prozentual weniger entschädigt werden als der Verlust kleineren Besitzes." (S. 106-108)


Tanzwut (4. Kapitel, S.121-148)
[...] Das Gefühl, der Katastrophe entronnen zu sein und die unvorhersehbare, ungeregelte Zukunft führten zu einer gesteigerten Lebensintensität. Viele existierten nur für den Moment; war dieser schön, wollten sie ihn bis zur Neige ausschöpfen." (S.121)


Liebe 47 (5. Kapitel, S.149-206)
"Ohne den Vater waren viele Familien zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammengewachsen, die mehr denn je auf einander angewiesen war (S. 152) 
"Die Entfremdung zwischen Vätern und Kindern, vor allem den Söhnen, nahm oft dramatische Formen an. Kinder, die in den Nachkriegsmonaten beim Hamstern und Schwarzhandeln über sich hinaus gewachsen waren, sahen nicht ein, warum sie sich plötzlich einem nichtsnutzigen, kranken Tyrannen unterwerfen sollten. 
(S. 154/155)
In glücklichen Fällen endete der Ehekrieg in einem langen anhaltenden Waffenstillstand. Man lernt sich zu arrangieren, fügte sich, schloss Kompromisse. Meist ging es nüchtern zu in diesen mühsam konsolidierten Ehen." (Seite 160/161)


Frauenüberschuss

"Weit über fünf Millionen deutsche Soldaten waren im Krieg gefallen. Hinzu kamen 6,5 Millionen Männer, die Ende September 1945 noch in westlicher Kriegsgefangenschaft waren. Über 2 Millionen Gefangene hungerten in sowjetischen Lagern. Noch 1950 entfielen auf 1000 Männer 1362 Frauen.[...] Von den Jahrgängen 1920-1925 kehrten mindestens zwei Fünftel der jungen Männer nicht mehr aus dem Krieg zurück. Besonders spürbar wurde das zahlenmäßige Ungleichgewicht in den Großstädten. [...] 
Es ging ja nicht nur um Liebe, sondern auch um den Lebensunterhalt, und die Erwerbsarbeit erschien nicht allen Frauen als das größte Glück auf Erden, zumal die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt bald wieder schlechter wurden. In der Folge wurde der Frauenüberschuss zu einer Kampfvokabel auf dem Stellenmarkt. Auch hier konkurrierten Frauen gegen Frauen. Die Alleinstehenden wurden gegen die Verheirateten ausgespielt. [...] Mit dem Hinweis auf die Vielzahl unverheirateter Frauen, die zu beschäftigen waren, entspann sich eine staatlich geförderte Kampagne gegen die 'Doppelverdiener', denen man vorwarf, sich überproportional zu bereichern. (S.176/78) 
"In vielen Bundesländern wurden weibliche Beamte, die mit männlichen verheiratet waren, aufgrund ihrer guten Versorgungslage aus dem Dienst entlassen – vorgeblich auch zum Wohl der Kinder und einer  'gedeihlichen Atmosphäre'. [...]
"Die Tochter einer Soldatenwitwe erinnert sich: [...] Die Heilgebliebenen separierten sich von den Blessierten, die mannlosen Frauen gerieten ins Abseits, die Kluft zwischen den Sanierten und den Dauergeschädigten blieb unüberbrückbar. Freundschaften entwickelte meine Mutter nur zu anderen Kriegerwitwen." (Seite 179)
"In Berlin verteilte die Rote Armee zeitweise Tintenfässer an die Frauen mit der Aufforderung, Vergewaltiger zu kennzeichnen, um sie durch ihre Vorgesetzten bestrafen zu lassen. Doch welche Frau traute sich schon, durch solche Maßnahmen die enthemmten Männer zusätzlich zu reizen?" (Seite 187)
"Ein SMS-Obersturmbannführer berichtete im März 1945 während des amerikanischen Vormarschs an seine Dienststelle, was ihm nach der vorübergehenden Rückeroberung eines Ortes durch die Wehrmacht von dessen Bewohnern erzählt worden war: 'Die Amerikaner hätten durchweg versucht, durch Verschenken von Konserven, Schokolade und Zigaretten ein gutes Verhältnis mit der Bevölkerung herzustellen.' [...] Allgemein wird behauptet, dass sie sich besser verhalten hätten als unsere deutschen Truppen." 

(S. 191/92)
Die amerikanische Militärführung hatte "ihre Soldaten auf eine schonungslose Unterwerfung des Feindes eingestimmt und Fraternisierung jedweder Art im April 1944 verboten. Kein Händeschütteln, keine Wortwechsel, nicht die geringste Annäherung sei erlaubt. Umso verblüffter reagierten die einrollenden GIs auf den freundlichen Empfang, der ihnen von hübschen Frauen und staunenden Jugendlichen bereitet wurde, und konnten sich an den dankbaren Reaktionen nicht sattsehen, die sie mit ihren Zigaretten und ihrer Schokolade ausgelösten, welche sie trotz des Verbotes aus den Jeeps reichten." (Seite 193)


"Der 24-jährige Daniel Militello aus Brooklyn war der erste amerikanische Soldat, der nach Kriegsende eine deutsche Frau heiratete". Er hatte freilich allerlei zu erdulden. Als er um Ausreise für seine Frau und den gemeinen Sohn einkam, wurde er verhaftet und in die UC`SA zurück gebracht. Nur dank des Einsatzes einen Kongressabgeordneten wurde nach Monaten erreicht, dass seine Frau ihm folgen durfte. 

"Bis 1988 sollten ihr auf diesem Weg schätzungsweise 170.000 deutsche Soldaten Bräute folgen." (S:201)
"Es waren bezeichnenderweise die Frauenzeitschriften, die sich am vehementesten gegen die Verurteilung der 'Fräuleins' wehrten. In dem Beitrag 'Veronika Dankeschön: Frauen und Mädchen – Die Vorwürfe gegen sie und wen sie in Wahrheit treffen' wendete sich das Blatt Die Frau – ihr Kleid, ihre Arbeit, ihre Freude  gegen die Unterstellung, es ginge Veronika vorrangig um Zigaretten. Vielmehr wolle die Frau, die der Krieg um so viele Tanzbälle, Dampferfahrten, Konzertabende und Liebesabenteuer betrogen habe, nun 'endlich mal leben'." (S.203)

Was Marta Hillers in ihrem Tagebuch beschrieben hatte, als sie in Berlin von mehreren russischen Soldaten vergewaltigt worden war, kommentiert Harald Jähner: 

"Ihr kaltblütiges Bestreben, sich in den oberen Militärrängen einen Leitwolf als Beschützer zu suchen, um fortan vor den Nachstellungen der rohen, einfachen Wölfe bewahrt zu werden, entspricht einer Urszene der Partnerwahl. Sie selbst ist erstaunt, wie das Gefühl der Dankbarkeit, inmitten der Anarchie einen gewissen Schutz gefunden zu haben, zu zärtlicher Anhänglichkeit führt. Es herrscht eben Wolfszeit; [...]" (S. 204)

Rauben, Rationierung, Schwarzhandeln – Lektionen für die Marktwirtschaft (6. Kapitel, S.207-250)
Die meisten Deutschen lernten den Hunger erst nach dem Krieg kennen. Bis dahin hatte man von der Ausplünderung der besetzten Gebiete einigermaßen gut gelebt." (S. 207)


"Besonders schwach ausgeprägt war das Unrechtsbewusstsein beim Verschieben von Kaffee. In den Dörfern an der belgischen Grenze wurde der Schmuggel zu einer Massenbewegung, die sich wegen der hohen Besteuerung in der britischen Zone extrem lohnte. Die polizeilichen Gegenmaßnahmen nahmen dort so militante Züge an, dass man bald von der "Kaffeefront" sprach. 31 Schmuggler und zwei Zöllner kamen bei den Auseinandersetzungen ums Leben. Da die Zöllner Skrupel hatten, auf Kinder zu schießen, kamen sie auch hier überall zum Einsatz. Dabei nutzten sie ihre schiere Überzahl. Zu Hunderten überrannten Kinder und Jugendliche die Grenze, die Taschen voller Kaffee, und wieselten zwischen den Zöllner Beinen hindurch. Gelang es den Grenzen aus dem Schwarm ein Kind herauszugreifen, mussten sie es am Abend wieder ziehen lassen, denn die Heime waren längst mit schweren Fällen überfüllt. Der Film "Sündige Grenze" von Robert A. Stemmle setzte 1951 den Schmuddelkindern von Aachen, die sich selbst "Rabatzer" nannten, ein eindrucksvolles, vom italienischen Neorealismus inspiriertes Spielfilmdenkmal. Stemmler hatte 500 Kinder und Jugendliche rekrutiert, die Hälfte davon aus Berlin, um an der deutsch-belgischen Grenze an den Originalschauplätzen zu drehen. Wie diese verwahrlosten Kindermassen die Bahndämme entern, gejagt von Zöllnern und Polizisten, sich unter anfahrenden Zügen hindurchzwängen und die Grenze befallen wie Heuschrecken, das gehört zu den packendsten Szenen, die der Nachkriegsfilm zustande brachte übrigens auch deshalb, weil er zeigte, wie unsicher die Grenze zwischen den Guten und Bösen verlief.
Ganz im Sinne von Kardinal Frings halten die Aachener Rabatzer das Verständnis der Kirche. Sie wandte sich mehrfach gegen den Schusswaffengebrauch an der

Die Generation Käfer stellt sich auf (7. Kapitel, S.251-302)
WolfsburgVWVW NachkriegszeitNordhoff

Die Umerzieher
Drei Schriftsteller und Kulturoffiziere arbeiten für die Alliierten am deutschen Geist (8. Kapitel, S.303-336)

Hans Habe schuf rasch ein Zeitungsimperium und mit der Neuen Zeitung ein Blatt von Rang, das viele große Namen anzog und eine erstaunlich freie Diskussionskultur pflegte. Er schrieb Bestseller um Bestseller und leistete sich gegenüber seinen Förderern von der amerikanischen Besatzungsmacht recht große Freiheiten. Einen guten Klang hat sein Name heute wohl aber deshalb nicht mehr, weil er Rudolf Augstein und Heinrich Böll als Verharmloser des RAF-Terrors "abkanzelte" (S.333). - Bemerkenswert, wie es Hildegard Knef gelang, Habe und Henri Nannen, der Habe übel angegriffen hatte, dazu zu bringen, sich in einem "kleinen Atlantikpakt" wieder zu vertragen. (S.331)
Alfred Döblin arbeitete in der französischen Zone, leistete gute Arbeit, wurde aber in der Öffentlichkeit nicht mehr akzeptiert. (Seinen letzten Roman musste er in der DDR anbieten, dort verlangte man von ihm, ihn umzuschreiben. Als man ihn dann in Westdeutschland druckte, nicht in der Originalfassung, sondern in der der DDR.)
Rudolf Herrnstadt wagte es 1948 im Neuen Deutschland etwas über die Barbarei der Roten Armee im Siegesrausch zu schreiben. Aber als idealistischer Kommunist stand er "so zweifelsfrei auf Seiten der Sowjets, dass er von Ulbricht sogar verdächtigt wurde, das Politbüro für die Russen ausgeforscht zu haben" (S.326). Dann setzte er sich für "die Forderungen der Bauarbeiter nach besseren Absprachen und gerechterer Entlohnung" (S.327) ein. Als die am 17. Juni 1953 den Aufstand probten, war sein Schicksal besiegelt. "Die SED war einen ihrer größten Idealisten los." (S.328)

Der Kalte Krieg der Kunst und das Design der Demokratie (9. Kapitel, S. 337-371)
Wie die abstrakte Kunst die soziale Marktwirtschaft ausgestattete
"[...] Bei der Documenta sah man Besucherinnen, deren Kleider so gemustert waren wie die Bilder, die sie betrachteten. Der Kunsthandel wollte jetzt genauer wissen, wer welche Kunst kauft, und beauftragte das junge Allensbach-Institut mit einer Umfrage. Das Ergebnis: Willi Baumeister und seine Kollegen von der tachistischen Avantgarde wurden von den Zukunftsorientierten gekauft, von Industrieunternehmen, Elektroingenieuren, Betriebsdirektoren und Managern. Bedenkentragende Bankdirektoren, Professoren und Anwälte hingegen, das klassische Bildungsbürgertum, kaufte die Moderne moderaten Typs, also Expressionismus und Impressionismus. [...] (S.353)

Kubiceks Wirken ist beispielhaft für die amerikanische Reeducation-Strategie. Eine überaus effektive Linie verläuft vom Genie des Jackson Pollock bis hin zu den Berliner Kindern, die sich in der Malschule des Amerika-Hauses mit großen Gesten buchstäblich frei malten. [...] Pollock [...] schien mit seinen eindrucksvollen, riesigen Tröpfelbildern geeignet, Amerikas beste Seiten zu verkörpern. (S. 358)
"Wenn das Kunst ist, bin ich ein Hottentotte", hatte Präsident Truman 1947 im MoMA gesagt und konnte sich dabei des stürmischen Beifalls der Mehrheit sicher sein. Seine Strategen des Kalten Krieges hinderte das nicht, in genau dieser Kunst das beste Mittel zu sehen, um Amerika wirksam in Szene zu setzen. (S.359)


Wie der Nierentisch das Denken veränderte
[...] 20 Jahre später erschien der fünfziger-Jahre-Chic vielen als verlogen und deplatziert. Und doch gehörte das schräge Mobiliar zur geistigen Gesundung der Deutschen unbedingt hinzu.(S.368)

Der Klang der Verdrängung (10. Kapitel, S.373-403)


Nachwort: Das Glück (S.405-409)


Dass sich trotz der verbreiteten Weigerung, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, und trotz der massiven Rückkehr der NS-Eliten auf ihre alten Positionen in beiden deutschen Staaten vom Nationalsozialismus geläuterte Gesellschaften durchsetzten, ist ein viel größeres Wunder als das so genannte Wirtschaftswunder. Fast so beunruhigend wie die Dimension, in der Deutschland zum globalen Albtraum werden konnte, ist die schlafwandlerische Sicherheit, mit der es danach seine Biederkeit wieder gewann. Das Wunder ist gerade deshalb eines, weil es so unspektakulär ausfiel. (S. 405)

Jaspers forderte auf:
"Wir wollen lernen, miteinander zu reden. Das heißt, wir wollten nicht nur unsere Meinung wiederholen, sondern hören, was der andere denkt. Wir wollen nicht nur behaupten, sondern im Zusammenhang nachdenken, auf Gründe hören, bereit bleiben, zu neuer Einsicht zu kommen. Wir wollen uns innerlich versuchsweise auf den Standpunkt des anderen stellen. Ja, wir wollen das uns Widersprechende geradezu aufsuchen. Das Ergreifen des Gemeinsamen im Widersprechenden ist wichtiger als die voreilige Fixierung von sich ausschließenden Standpunkten, mit denen man die Unterhaltung als aussichtslos beendet." 
(Karl Jaspers: Die Schuldfrage. Von der politischen Haftung Deutschland, 2012, Seite 8 – zitiert nach Harald Jähner: Wolfszeit 2019, S. 409)

Aus den Rezensionen (in der Wiedergabe durch Perlentaucher): 
Melanie Longerich im Deutschlandfunk: "Die Geschichte Deutschlands mit seinen Vertriebenen wiederum schildere Jähner als "Fremdheitserfahrung der Deutschen mit sich selbst" (so Jähners Formulierung), die das Land nach dem Krieg gegen den Nationalismus geimpft habe."
Thomas E. Schmidt in der ZEIT: "Welch große Rolle der Zufall in den ersten Jahren nach dem Krieg spielte, wie soziale Marktwirtschaft aus dem Geist des Schwarzmarktes erwuchs, wie Albernheit und Erotik Urständ feierten und schließlich in Kulturreaktion mündeten - all das kann Jähner zeigen. Laut Schmidt verpasst er dabei nur die Gelegenheit, den "Rückzug ins Verzagte" hinreichend zu erklären."

21 Januar 2020

Harald Jähner: Wolfszeit

Harald Jähner: Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945 - 1955 Berlin 2019, ISBN 978-3-7371-0013-7.

Ich habe schon viel Lob über dies Buch gelesen und kenne einige Zitate daraus, die ich sehr interessant fand. 
Anarchie des Anfangs, SZ 19.2.19
Das Lachen im Elend, Deutschlandfunk 24.2.19
#Jähner
Andererseits dachte ich, angesichts der vielseitigen Literatur der Nachkriegszeit, "Trümmerliteratur", wie man sie auch nannte, könne das Buch etwas so Außergewöhnliches nicht sein.
Ich habe mein Urteil revidiert.  Von der ganzen Reihe von bemerkenswerten Stellen, die ich beim ersten Blättern gefunden habe, zitiere ich hier:

Stunde Null? (Kapitel 1, S.17-30)
Jähner sagt: Nein, es lief vieles weiter und überhaupt beeinflusst die Vorgeschichte natürlich alles.
In Trümmern (Kapitel 2, S.31-60)
Trümmerfrauen, Frauen kommen allein zurecht.

Das große Wandern (Kapitel 3, S.61-119)
"Insgesamt vierzig Millionen auf die eine oder andere Art Entwurzelte in den vier Besatzungszonen! Geflohene, Obdachlose, Desertierte, Gestrandete – eine erzwungene Mobilität und vorstellbaren Ausmaßes. Das heißt nicht, dass alle tatsächlich in Bewegung waren. Die meisten steckten fest, harrten in Lagern aus, kamen nur qualvoll langsam oder mit Unterbrechungen voran. Die einen mussten möglichst rasch nach Hause gebracht, die anderen erst einmal festgesetzt werden. Versorgt werden mussten sie alle – eine gigantische logistische Leistung, selbst wenn es oft nicht einmal das Nötigste war, das beschafft werden konnte. Die Zahl der vorübergehend zu internierenden deutschen Kriegsgefangenen war nach der Kapitulation derart, dass die Alliierten keine andere Möglichkeit sahen, als etwa eine Million von ihnen in den so genannten Rheinwiesenlagern unter freiem Himmel einzuzäunen und sie über viele Wochen ohne Dach über dem Kopf hinter Stacheldraht hausen zu lassen. Erst im Verlauf des Juni hatten die meisten der 23 Lager Latrinen, überdachte Küchen und Krankenbaracken erhalten. Im September 1945 wurde das letzte dieser Massencams aufgelöst, nachdem der Großteil der Internierten längst verhört und entlassen oder auf andere Lager verteilt worden war.
Die teils zu Hundertausenden zusammengepferchten Soldaten, auf dem Boden hockend und schutzlos Wind und Wetter ausgesetzt, boten ein schockierendes Sinnbild der puren Masse, zu der das NS-Regime und der Krieg die Gesellschaft herabgewürdigt hatten. Vielen, die jenseits dieser Zäune lebten, ging es kaum besser. Wer das Wagnis unternahm, in dieser Zeit eine Reise zu machen, obwohl er ein festes Dach besaß, begegnete den Umherziehenden auf den Straßen, den Bahnsteigen und Wartesälen." (Seite 62/63)


Flüchtlinge
Ursula Trautmann wird auf ihrer Flucht von ihrer Mutter getrennt. 

"Die Witwe Harms, bei der sie wohnt, bringt die Flüchtlinge nur auf dem Heuboden im schmutzigen Stroh unter, obwohl ihr halbes Haus leer steht. [...] 
Als die englischen Besatzungssoldaten merken, dass ihre Aufforderungen, die Flüchtlinge menschenwürdig unterzubringen nichts fruchten, lassen Sie die Dorfbewohner auf dem Kirchplatz in Reih und Glied antreten und drohen mit Beschlagnahme und Enteignung der Häuser. Daraufhin kommt Ursula mit acht weiteren Flüchtlingen in einem Zimmer beim Dorfschmied unter. Dafür lässt man sie bei jeder Gelegenheit spüren, dass man sie zum Teufel wünscht. Es seien zu wenig Schiffe mit Flüchtlingen untergegangen, zischt man dem jungen Mädchen hinterher. Zum Glück findet wenigstens die versprengte Familie wieder zusammen. Das enge Netz von Nachrichten, das die Vertriebenen über weite Entfernungen unterhalten, bewährt sich. [...] 
Da die Wullenkordts geschickte Landwirte sind, gelingt es ihnen, einen heruntergekommenen Hof, den sie 1955 pachten, wieder in Schuss zu bringen. Nun klettert allerdings die Pacht in unbezahlbare Höhen. Die Familie nimmt daraufhin den nächsten bankrotten Hof unter ihre Fittiche und päppelt ihn hoch, bis auch hier die Pacht steigt. Nach dieser Methode sanieren sie durch Fleiß und Geschick einen heruntergekommenen Hof nach dem anderen, ziehen "von Hardissen nach Roth, dann nach Ransbach-Baumbach, danach auf die Rheininsel Königklinger Aue, nach Birkenfeld an die saarländische Grenze, schließlich nach Neukirchen bei St. Wendel und am Ende nach Rheinhausen in der Pfalz" – eine Sanierungsodyssee, die sie durch ganz Westdeutschland führt und viele Leute reich macht, nur sie selbst nicht." (S.92/93)
"Die Einheimischen, ob in Bayern oder Schleswig-Holstein, wehrten sich teilweise so vehement gegen die Einquartierungen, dass die Vertriebenen nur unter dem Schutz von Maschinengewehren in ihre zugewiesenen Behausungen geleitet werden konnten." (S.94/95)
Der Rassismus lebte fort und richtete sich nun munter nach innen. [...] Nach dem Zusammenbruch hatte die Idee der Volksgemeinschaft an Strahlkraft verloren, der Hochmut aber keineswegs abgenommen. Das Volk war desavouiert, nun besann man sich plötzlich wieder auf die Region als das entscheidende Identitätsmerkmal. In der innerdeutschen Migration sahen viele eine Art multikulturellen Angriff auf sich selbst. Der Tribalismus blühte, man grenzte sich als Stammesangehörige durch Sitten, Gebräuche, Glaubensriten und Dialekte von den umliegenden ab und erst recht von den Deutschböhmen, Banater Schwaben, Schlesiern, Pommern und Bessarabiendeutschen – alles 'Polacken'. [...] 
Ob die Maiandacht auf dem Friedhof, im Freien oder in der Kirche gehalten wird, wie ein Maibaum auszusehen hat [...] all das führte zu Reibereien mit den Flüchtlingen (S.97)
"Der Kreisdirektor des bayrischen Bauernverbandes, Dr. Jakob Fischbacher, bezeichnete es in einer viel beachteten Rede als Blutschande, wenn ein bayrischer Bauernsohn eine norddeutsche Blondine heiratete, und forderte die Bauern auf, die eingefallenen Preußen wieder nach Osten zurückzutreiben [...] 
Der Hass auf die Zuwanderer, der solche Hetzreden beflügelte, hatten einen Grund in der unbestreitbaren Erosion der lokalen Traditionen, die der Zuzug ja tatsächlich bewirkte. Jahrhundertelang gewachsene regionale Eigenheiten waren bedroht. [...] Im Krieg waren Massen von ausgebombten und evakuierten Großstädtern aufs Land geströmt und von den Behörden oftmals mit der gleichen Militanz einquartiert worden wie die Vertriebenen. Die Städter hatten mit ihren freizügigen Sitten die Dörfler schockiert, andere aber auch beeindruckt. Die immerhin fünf Millionen Städter, die auf die deutschen Lande verteilt worden waren, darunter viele lebenslustige junge Frauen [...] hatten die tradierten Wertvorstellungen dort irritiert. [...]
Mischehen [...] kamen trotz des erbitterten Widerstands der Pfarrer bald immer häufiger zustande. Der katholische Partner wurde dabei allerdings in der Regel exkommuniziert, wenn der protestantische nicht seinen Glauben wechselte. [...] Manche Gläubige, hin und her gerissen zwischen Liebe und Kirchentreue, litten unter dem Ausschluss aus der Gemeinde ein Leben lang." (S. 98-100)

"Die Härte der Konflikte hing auch damit zusammen, dass die Flüchtlinge Deutschland tatsächlich veränderten. Vor dem Krieg hatten in Westdeutschland 160 Menschen auf einem Quadratkilometer gelebt, jetzt waren es 200. In den Großstädten war davon relativ wenig zu spüren, in Berlin und Hamburg betrug der Anteil der Vertriebenen an der Gesamtbevölkerung gerade mal sechs und sieben Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern aber waren es 45, in Schleswig-Holstein 33 und in Bayern immerhin noch 21 Prozent. Hier nagte die Einwanderung der Fremden beharrlich an der Gewissheit, die eigene Lebensweise sei die einzig gültige." (S.100/101)
Aufgrund der oft revanchistischen Töne ihrer Verbandsfunktionäre wurden die Vertriebenen lange zu den reaktionär Kräften der Bundesrepublik gezählt. Tatsächlich waren sie in hohem Maße bis in die siebziger Jahre hinein verantwortlich für rechtsradikale Umtriebe. (S.102) [...]
Das Paradoxe ist: so rückwärtsgewandt viele Vertriebene auch waren, in der Nachkriegsgesellschaft wirkten sie als Agenten der Modernisierung. Sie verursachten jene kulturelle und soziale Durchmischung maßgeblich mit, auf die die junge Republik sich später so viel einbildete. [...] So waren sie zum Beispiel – neben dem späteren Fernsehen – in vielen Regionen für den Mundartenschwund verantwortlich. [...]
Schnell wurden die Vertriebenen deshalb von einer Last zu einem Gewinn für die deutsche Wirtschaft. Sie waren meist schneller bereit, sich neuen Umständen anzupassen als die Alteingesessenen. [...]
Der rasche Aufschwung nach der Wirtschaftsreform 1948 wäre ohne die Arbeitsemphase der Vertriebenen nicht möglich gewesen. [...]
Trotz aller Integrationserfolge dauerte es bis 1966, bis die letzten großen Barackenlager für Vertriebene aufgelöst werden konnten. (S.103-104)
Oft erhielten die Siedlungen von den Einwohnern der gewachsenen Stadtteile Spitznamen wie Kleinkorea, Neupolen, Mau-Mau oder kKeinmoskau, womit sie deutlich machten, wohin sie die Menschen dort am liebsten verbannt hätten. [...] Mau Mau markierte auf sprechende Weise den Punkt, an dem die Deutschen sich selber fremd worden, und das war bezeichnenderweise nicht der Moment, als sie den Holocaust begriffen. [...]
Der Historiker Friedrich Prinz resümierte: "Der zufriedene Rückblick auf die geglückte Integration der Vertriebenen verstellt heute manchmal die Einsicht, wie nahe wir der gesellschaftlichen Katastrophe waren (S. 105)
Die Vertreibung der Deutschen war ein gigantisches Enteignungsprogramm [...]" Irgendwie konnte man darin schon eine gerechte Strafe für das Unrecht ansehen, was NS-Deutschland den überfallenen Völkern angetan hatte. Aber: "Die Vertriebenen fragten sich jedoch zu Recht, warum sie diese Bußlast allein tragen sollten. [...] Von den zurechnungsfähigen Politikern verschloss sich auch niemand der abstrakten Einsicht, dass die Lasten gerechter verteilt werden müssten. In welchem Maße allerdings und wie das konkret bewerkstelligt werden könnte, darüber gingen die Meinungen erheblich auseinander.
Leichter hatte es das Regime in der sowjetischen Besatzungszone, weil es dirigistischer verfahren konnte. Der ab Herbst 1945 beschlagnahmte Großgrundbesitz wurde zu mehr als einem Drittel an Vertriebene verteilt. Die neue Bauernstellen die durch die Bodenreform entstanden, gingen sogar zu über 40 Prozent an die Flüchtlinge. Dafür durften sie sich jedoch nicht mehr Vertriebene nennen; das Regime nannte sie Neubürger oder Umsiedler [...] Das gelang relativ gut um den Preis, dass die Vertriebenen ihre Geschichte verleugnen mussten und sich im offiziellen Geschichtsbild der DDR nicht wiederfanden. [...] 400.000 Vertriebene, darunter etliche, die den Verlust ihrer Identität nicht hinnehmen wollten, zogen bis Jahresende 1949 allerdings in die Westzonen weiter – auch das erhöhte die Integrationschancen für die übrigen in der DDR.
In der Bundesrepublik hatte derweil eine quälende Diskussion um den so genannten Lastenausgleich begonnen. Ein entsprechendes Gesetz trat im September 1952 in Kraft. Es regeite wer welchen Anteil an den Kriegslasten zu tragen hatte. Das Lastenausgleichsgesetz liest sich so trocken und glanzlos, wie es sich anhört, und doch verkleidet der Begriff ein Wunderwerk an politischem Aushandlungsvermögen. [...]
Erich Ollenhauer formulierte: "Es ist das Gesetz der Liquidierung unserer inneren Kriegsschuld gegenüber von Millionen unserer eigenen Volkes genossen." [...]
Das Gesetz bestimmte, dass Eigentümer von Grundstücken, Häusern und sonstigen Vermögen fünfzig Prozent ihres Besitzes, über den sie am Stichtag, dem 21. Juni 1948, verfügt halten, abführen mussten. Die Summe konnte in vierteljährlichen Raten über 30 Jahre hin weg entrichtet werden Nutznießer waren die 'Kriegsgeschädigten': die Ausgebombten, Invaliden und Vertriebenen. [...]
Der Verlust großer Vermögen sollte prozentual weniger entschädigt werden als der Verlust kleineren Besitzes." (S. 106-108)


Tanzwut (4. Kapitel, S.121-148)
[...] Das Gefühl, der Katastrophe entronnen zu sein und die unvorhersehbare, ungeregelte Zukunft führten zu einer gesteigerten Lebensintensität. Viele existierten nur für den Moment; war dieser schön, wollten sie ihn bis zur Neige ausschöpfen." (S.121)


Liebe 47 (5. Kapitel, S.149-206)
"Ohne den Vater waren viele Familien zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammengewachsen, die mehr denn je auf einander angewiesen war (S. 152) 
"Die Entfremdung zwischen Vätern und Kindern, vor allem den Söhnen, nahm oft dramatische Formen an. Kinder, die in den Nachkriegsmonaten beim Hamstern und Schwarzhandeln über sich hinaus gewachsen waren, sahen nicht ein, warum sie sich plötzlich einem nichtsnutzigen, kranken Tyrannen unterwerfen sollten. 
(S. 154/155)
In glücklichen Fällen endete der Ehekrieg in einem langen anhaltenden Waffenstillstand. Man lernt sich zu arrangieren, fügte sich, schloss Kompromisse. Meist ging es nüchtern zu in diesen mühsam konsolidierten Ehen." (Seite 160/161)


Frauenüberschuss

"Weit über fünf Millionen deutsche Soldaten waren im Krieg gefallen. Hinzu kamen 6,5 Millionen Männer, die Ende September 1945 noch in westlicher Kriegsgefangenschaft waren. Über 2 Millionen Gefangene hungerten in sowjetischen Lagern. Noch 1950 entfielen auf 1000 Männer 1362 Frauen.[...] Von den Jahrgängen 1920-1925 kehrten mindestens zwei Fünftel der jungen Männer nicht mehr aus dem Krieg zurück. Besonders spürbar wurde das zahlenmäßige Ungleichgewicht in den Großstädten. [...] 
Es ging ja nicht nur um Liebe, sondern auch um den Lebensunterhalt, und die Erwerbsarbeit erschien nicht allen Frauen als das größte Glück auf Erden, zumal die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt bald wieder schlechter wurden. In der Folge wurde der Frauenüberschuss zu einer Kampfvokabel auf dem Stellenmarkt. Auch hier konkurrierten Frauen gegen Frauen. Die Alleinstehenden wurden gegen die Verheirateten ausgespielt. [...] Mit dem Hinweis auf die Vielzahl unverheirateter Frauen, die zu beschäftigen waren, entspann sich eine staatlich geförderte Kampagne gegen die 'Doppelverdiener', denen man vorwarf, sich überproportional zu bereichern. (S.176/78) 
"In vielen Bundesländern wurden weibliche Beamte, die mit männlichen verheiratet waren, aufgrund ihrer guten Versorgungslage aus dem Dienst entlassen – vorgeblich auch zum Wohl der Kinder und einer  'gedeihlichen Atmosphäre'. [...]
"Die Tochter einer Soldatenwitwe erinnert sich: [...] Die Heilgebliebenen separierten sich von den Blessierten, die mannlosen Frauen gerieten ins Abseits, die Kluft zwischen den Sanierten und den Dauergeschädigten blieb unüberbrückbar. Freundschaften entwickelte meine Mutter nur zu anderen Kriegerwitwen." (Seite 179)
"In Berlin verteilte die Rote Armee zeitweise Tintenfässer an die Frauen mit der Aufforderung, Vergewaltiger zu kennzeichnen, um sie durch ihre Vorgesetzten bestrafen zu lassen. Doch welche Frau traute sich schon, durch solche Maßnahmen die enthemmten Männer zusätzlich zu reizen?" (Seite 187)
"Ein SMS-Obersturmbannführer berichtete im März 1945 während des amerikanischen Vormarschs an seine Dienststelle, was ihm nach der vorübergehenden Rückeroberung eines Ortes durch die Wehrmacht von dessen Bewohnern erzählt worden war: 'Die Amerikaner hätten durchweg versucht, durch Verschenken von Konserven, Schokolade und Zigaretten ein gutes Verhältnis mit der Bevölkerung herzustellen.' [...] Allgemein wird behauptet, dass sie sich besser verhalten hätten als unsere deutschen Truppen." 

(S. 191/92)
Die amerikanische Militärführung hatte "ihre Soldaten auf eine schonungslose Unterwerfung des Feindes eingestimmt und Fraternisierung jedweder Art im April 1944 verboten. Kein Händeschütteln, keine Wortwechsel, nicht die geringste Annäherung sei erlaubt. Umso verblüffter reagierten die einrollenden GIs auf den freundlichen Empfang, der ihnen von hübschen Frauen und staunenden Jugendlichen bereitet wurde, und konnten sich an den dankbaren Reaktionen nicht sattsehen, die sie mit ihren Zigaretten und ihrer Schokolade ausgelösten, welche sie trotz des Verbotes aus den Jeeps reichten." (Seite 193)


"Der 24-jährige Daniel Militello aus Brooklyn war der erste amerikanische Soldat, der nach Kriegsende eine deutsche Frau heiratete". Er hatte freilich allerlei zu erdulden. Als er um Ausreise für seine Frau und den gemeinen Sohn einkam, wurde er verhaftet und in die USA zurück gebracht. Nur dank des Einsatzes einen Kongressabgeordneten wurde nach Monaten erreicht, dass seine Frau ihm folgen durfte. 

"Bis 1988 sollten ihr auf diesem Weg schätzungsweise 170.000 deutsche Soldaten Bräute folgen." (S:201)
"Es waren bezeichnenderweise die Frauenzeitschriften, die sich am vehementesten gegen die Verurteilung der 'Fräuleins' wehrten. In dem Beitrag 'Veronika Dankeschön: Frauen und Mädchen – Die Vorwürfe gegen sie und wen sie in Wahrheit treffen' wendete sich das Blatt Die Frau – ihr Kleid, ihre Arbeit, ihre Freude  gegen die Unterstellung, es ginge Veronika vorrangig um Zigaretten. Vielmehr wolle die Frau, die der Krieg um so viele Tanzbälle, Dampferfahrten, Konzertabende und Liebesabenteuer betrogen habe, nun 'endlich mal leben'." (S.203)

Was Marta Hillers in ihrem Tagebuch beschrieben hatte, als sie in Berlin von mehreren russischen Soldaten vergewaltigt worden war, kommentiert Harald Jähner: 

"Ihr kaltblütiges Bestreben, sich in den oberen Militärrängen einen Leitwolf als Beschützer zu suchen, um fortan vor den Nachstellungen der rohen, einfachen Wölfe bewahrt zu werden, entspricht einer Urszene der Partnerwahl.Sie selbst ist erstaunt, wie das Gefühl der Dankbarkeit, inmitten der Anarchie einen gewissen Schutz gefunden zu haben, zu zärtlicher Anhänglichkeit führt. Es herrscht eben Wolfszeit; [...]" (S. 204)

Rauben, Rationierung, Schwarzhandeln – Lektionen für die Marktwirtschaft (6. Kapitel, S.207-250)
Die meisten Deutschen lernten den Hunger erst nach dem Krieg kennen. Bis dahin hatte man von der Ausplünderung der besetzten Gebiete einigermaßen gut gelebt." (S. 207)


"Besonders schwach ausgeprägt war das Unrechtsbewusstsein beim Verschieben von Kaffee. In den Dörfern an der belgischen Grenze wurde der Schmuggel zu einer Massenbewegung, die sich wegen der hohen Besteuerung in der britischen Zone extrem lohnte. Die polizeilichen Gegenmaßnahmen nahmen dort so militante Züge an, dass man bald von der "Kaffeefront" sprach. 31 Schmuggler und zwei Zöllner kamen bei den Auseinandersetzungen ums Leben. Da die Zöllner Skrupel hatten, auf Kinder zu schießen, kamen sie auch hier überall zum Einsatz. Dabei nutzten sie ihre schiere Überzahl. Zu Hunderten überrannten Kinder und Jugendliche die Grenze, die Taschen voller Kaffee, und wieselten zwischen den Zöllner Beinen hindurch. Gelang es den Grenzen aus dem Schwarm ein Kind herauszugreifen, mussten sie es am Abend wieder ziehen lassen, denn die Heime waren längst mit schweren Fällen überfüllt. Der Film "Sündige Grenze" von Robert A. Stemmle setzte 1951 den Schmuddelkindern von Aachen, die sich selbst "Rabatzer" nannten, ein eindrucksvolles, vom italienischen Neorealismus inspiriertes Spielfilmdenkmal. Stemmler hatte 500 Kinder und Jugendliche rekrutiert, die Hälfte davon aus Berlin, um an der deutsch-belgischen Grenze an den Originalschauplätzen zu drehen. Wie diese verwahrlosten Kindermassen die Bahndämme entern, gejagt von Zöllnern und Polizisten, sich unter anfahrenden Zügen hindurchzwängen und die Grenze befallen wie Heuschrecken, das gehört zu den packendsten Szenen, die der Nachkriegsfilm zustande brachte übrigens auch deshalb, weil er zeigte, wie unsicher die Grenze zwischen den Guten und Bösen verlief.
Ganz im Sinne von Kardinal Frings halten die Aachener Rabatzer das Verständnis der Kirche. Sie wandte sich mehrfach gegen den Schusswaffengebrauch an der Grenze. Die Schmuggler bedankten sich dafür auf ihre Art. Die Hubertuskirche in Nidegen in der Eifel, direkt an der Kaffeefront, war in der berüchtigten Allerseelenschlacht Anfang November 1944 schwer zerstört worden. Nach einem Spendenaufruf für den Wiederaufbau warfen die Schmuggler so viel Geld in den Opferstock, dass die Kirche sehr bald wieder in alter Schönheit zur Messe laden konnte und fortan St. Mokka genannt wurde." (S. 229/230)

Die Generation Käfer stellt sich auf (7. Kapitel, S.251-302)
Wolfsburg, VW, VW NachkriegszeitNordhoff

Die Umerzieher
Drei Schriftsteller und Kulturoffiziere arbeiten für die Alliierten am deutschen Geist (8. Kapitel, S.303-336)

Hans Habe schuf rasch ein Zeitungsimperium und mit der Neuen Zeitung ein Blatt von Rang, das viele große Namen anzog und eine erstaunlich freie Diskussionskultur pflegte. Er schreib Bestseller um Bestseller und leistete sich gegenüber seinen Förderern von der amerikanischen Besatzungsmacht recht große Freiheiten. Einen guten Klang hat sein Name heute wohl aber deshalb nicht mehr, weil er Rudolf Augstein und Heinrich Böll als Verharmloser des RAF-Terrors "abkanzelte" (S.333). - Bemerkenswert, wie es Hildegard Knef gelang, Habe und Henri Nannen, der Habe übel angegriffen hatte, dazu zu bringen, sich in einem "kleinen Atlantikpakt" wieder zu vertragen. (S.331)
Alfred Döblin arbeitete in der französischen Zone, leistete gute Arbeit, wurde aber in der Öffentlichkeit nicht mehr akzeptiert. (Seinen letzten Roman musste er in der DDR anbieten, dort verlangte man von ihm, ihn umzuschreiben. Als man ihn dann in Westdeutschland druckte, nicht in der Originalfassung, sondern in der der DDR.)
Rudolf Herrnstadt wagte es 1948 im Neuen Deutschland etwas über die Barbarei der Roten Armee im Siegesrausch zu schreiben. Aber als idealistischer Kommunist stand er "so zweifelsfrei auf Seiten der Sowjets, dass er von Ulbricht sogar verdächtigt wurde, das Politbüro für die Russen ausgeforscht zu haben" (S.326). Dann setzte er sich für "die Forderungen der Bauarbeiter nach besseren Absprachen und gerechterer Entlohnung" (S.327) ein. Als die am 17. Juni 1953 den Aufstand probten, war sein Schicksal besiegelt. "Die SED war einen ihrer größten Idealisten los." (S.328)

Der Kalte Krieg der Kunst und das Design der Demokratie (9. Kapitel, S. 337-371)
Wie die abstrakte Kunst die soziale Marktwirtschaft ausgestattete
"[...] Bei der Documenta sah man Besucherinnen, deren Kleider so gemustert waren wie die Bilder, die sie betrachteten. Der Kunsthandel wollte jetzt genauer wissen, wer welche Kunst kauft, und beauftragte das junge Allensbach-Institut mit einer Umfrage. Das Ergebnis: Willi Baumeister und seine Kollegen von der tachistischene Avantgarde wurden von den Zukunftsorientierten gekauft, von Industrieunternehmen, Elektroingenieuren, Betriebsdirektoren und Managern. Bedenkentragende Bankdirektoren, Professoren und Anwälte hingegen, das klassische Bildungsbürgertum, kaufte die Moderne moderaten Typs, also Expressionismus und Impressionismus. [...] (S.353)

Kubiceks Wirken ist beispielhaft für die amerikanische Reeducation-Strategie. Eine überaus effektive Linie verläuft vom Genie des Jackson Pollock bis hin zu den Berliner Kindern, die sich in der Malschule des Amerika-Hauses mit großen Gesten buchstäblich frei malten. [...] Pollock [...] schien mit seinen eindrucksvollen, riesigen Tröpfelbildern geeignet, Amerikas beste Seiten zu verkörpern. (S. 358)
"Wenn das Kunst ist, bin ich ein Hottentotte", hatte Präsident Truman 1947 im MoMA gesagt und konnte sich dabei des stürmischen Beifalls der Mehrheit sicher sein. Seine Strategen des Kalten Krieges hinderte das nicht, in genau dieser Kunst das beste Mittel zu sehen, um Amerika wirksam in Szene zu setzen. (S.359)


Wie der Nierentisch das Denken veränderte
[...] 20 Jahre später erschien der fünfziger-Jahre-Chic vielen als verlogen und deplatziert. Und doch gehörte das schräge Mobiliar zur geistigen Gesundung der Deutschen unbedingt hinzu.(S.368)


Der Klang der Verdrängung (10. Kapitel, S.373-403)


Nachwort: Das Glück (S.405-409)

Dass sich trotz der verbreiteten Weigerung, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, und trotz der massiven Rückkehr der NS-Eliten auf ihre alten Positionen in beiden deutschen Staaten vom Nationalsozialismus geläuterte Gesellschaften durchsetzten, ist ein viel größeres Wunder als das so genannte Wirtschaftswunder. Fast so beunruhigend wie die Dimension, in der Deutschland zum globalen Albtraum werden konnte, ist die schlafwandlerische Sicherheit, mit der es danach seine Biederkeit wieder gewann. Das Wunder ist gerade deshalb eines, weil es so unspektakulär ausfiel. (S. 405)

Jaspers forderte auf:
"Wir wollen lernen, miteinander zu reden. Das heißt, wir wollten nicht nur unsere Meinung wiederholen, sondern hören, was der andere denkt. Wir wollen nicht nur behaupten, sondern im Zusammenhang nachdenken, auf Gründe hören, bereit bleiben, zu neuer Einsicht zu kommen. Wir wollen uns innerlich versuchsweise auf den Standpunkt des anderen stellen. Ja, wir wollen das uns Widersprechende geradezu aufsuchen. Das Ergreifen des Gemeinsamen im Widersprechenden ist wichtiger als die voreilige Fixierung von sich ausschließenden Standpunkten, mit denen man die Unterhaltung als aussichtslos beendet." 
(Karl Jaspers: Die Schuldfrage. Von der politischen Haftung Deutschland, 2012, Seite 8 – zitiert nach Harald Jähner: Wolfszeit 2019, S. 409)

Aus den Rezensionen (in der Wiedergabe durch Perlentaucher): 
Melanie Longerich im Deutschlandfunk: "Die Geschichte Deutschlands mit seinen Vertriebenen wiederum schildere Jähner als "Fremdheitserfahrung der Deutschen mit sich selbst" (so Jähners Formulierung), die das Land nach dem Krieg gegen den Nationalismus geimpft habe."
Thomas E. Schmidt in der ZEIT: "Welch große Rolle der Zufall in den ersten Jahren nach dem Krieg spielte, wie soziale Marktwirtschaft aus dem Geist des Schwarzmarktes erwuchs, wie Albernheit und Erotik Urständ feierten und schließlich in Kulturreaktion mündeten - all das kann Jähner zeigen. Laut Schmidt verpasst er dabei nur die Gelegenheit, den "Rückzug ins Verzagte" hinreichend zu erklären."

09 September 2026

Victor Klemperer: Tagebücher

Dass die Tagebücher Klemperers wichtig sind, wusste ich spätestens 1999 nach der Lektüre des ZEIT-Artikels, aus dem ich unten zitiere. Ich habe die Bände 1933-1945 wahrscheinlich nicht lange danach angeschafft, wurde aber von ausgiebiger Lektüre aufgrund des deprimierenden Inhalts abgeschreckt. (Dass ich mich als Geschichtslehrer schon jahrzehntelang mit dem Thema beschäftigt hatte, minderte zusätzlich die Neugier.) Jetzt habe ich, bevor ich die Bände ausrangieren muss, noch etwas länger den Blick hineingetan. Wie viele Zitate ich werde anführen können, muss sich noch ergeben.

 Victor Klemperer (* 9. Oktober 1881 in Landsberg Wie viele an der Warthe; † 11. Februar 1960 in Dresden) war ein deutscher Literaturwissenschaftler, Romanist und Politiker.

Zu seiner Bekanntheit über die Fachgrenzen hinaus trugen neben seiner Abhandlung LTI – Notizbuch eines Philologen (Lingua Tertii Imperii: Sprache des Dritten Reiches) vor allem seine ab 1995 unter dem Titel Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten (1933–1945) herausgegebenen Tagebücher bei, in denen er akribisch seine Alltagserfahrungen im Zeichen der Ausgrenzung als intellektueller protestantischer Konvertit jüdischer Herkunft aus der deutschen Gesellschaft in der Zeit des Nationalsozialismus dokumentierte. Darüber hinaus vermitteln die Bände Curriculum Vitae (1881–1918), Leben sammeln, nicht fragen wozu und warum (1918–1932) und So sitze ich denn zwischen allen Stühlen (1945–1959) ein intensives Bild von Klemperers Blick auf die Zeit des Deutschen Kaiserreichs, der Weimarer Republik sowie der Deutschen Demokratischen Republik. Klemperer kann damit als einer der wichtigsten Chronisten des Lebens eines Überlebenden des Holocaust durch die deutschen Nationalsozialisten gelten; daneben aber auch als Zeitzeuge der Jahre vor, während und nach der Zeit des Nationalsozialismus. [...] Klemperer heiratete "im Mai 1952[16] die 45 Jahre jüngere Germanistin Hadwig Kirchner, die nach seinem Tod an der Herausgabe seiner Tagebücher mitwirkte. [...]

Im ausführlichen Tagebuch zeigt sich Klemperer als genauer und kritischer, aber auch selbstkritischer Beobachter seiner Zeit und seines Milieus. Während der Zeit der Weimarer Republik betrafen Klemperers Beobachtungen vorwiegend seine wissenschaftliche Karriere und die zahllosen Intrigen an der Universität, beispielsweise die Konkurrenz zu Ernst Robert Curtius. Weiter schrieb er viel über die Beziehung zu seiner ersten, oft kränklichen Frau Eva, beschrieb Personen und Landschaften, notierte auch eifrig die häufigen Kinobesuche. Aufmerksam verfolgte er sein eigenes gesundheitliches Befinden und die Fortschritte seines wissenschaftlichen Schreibens. Häufig wurde er von Selbstzweifeln heimgesucht. Klemperer äußerte sich offen über die Probleme seiner Existenz als konvertierter Jude und vermerkte den nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs im Zusammenhang mit der Dolchstoßlegende und den Wirren um die bayrische Räterepublik virulent um sich greifenden Antisemitismus.

Ab 1933 lässt sich mitverfolgen, wie Klemperer langsam und systematisch ausgegrenzt wurde, zunächst in der Wissenschaft, später auch im privaten Leben. Seine Tagebücher aus der Zeit des Nationalsozialismus sind Zeugnis einer Atmosphäre großer und immer größer werdender Angst. Allerdings schrieb er zur „Röhmrevolte“, sie habe ihm mächtigen Auftrieb gegeben und „Wonne“ verspüren lassen, da man sich in der NS-Führung „gegenseitig auffrißt“. Die Regimekrise hielt er für nicht überwunden; von Hitler glaubte er, „der Mann ist verloren“.[20]

Klemperer und die anderen Bewohner des „Judenhauses“ lebten vor allem in Angst vor der Gestapo. Vor diesem Hintergrund berichtete er von etlichen Selbstmorden und Opfern des Völkermordes an den Juden durch die Nationalsozialisten in seinem persönlichen Umfeld. Gegenüber den häufigen Notizen über antisemitische Äußerungen während der Weimarer Republik vermerkte Klemperers Tagebuch aber eine trotz oder wegen der offiziellen antisemitischen Politik zunehmende Höflichkeit der nichtjüdischen Bevölkerung gegenüber den durch den gelben Stern stigmatisierten Juden – eine Höflichkeit, die in Bezug auf die Vernichtungspolitik folgenlos blieb.

Erste Auszüge aus diesen seinen Tagebüchern veröffentlichte die Zeitschrift Neue Deutsche Literatur in Ausgabe Nr. 2, 1985, auf rund 40 Seiten.

Die Dresdner Tageszeitung Die Union veröffentlichte in den Jahren 1987 bis 1989 in 164 Fortsetzungen Auszüge aus den Tagebüchern unter den Titel Victor Klemperer, Alltag einer Diktatur - Aus Tagebüchern 1936–1940 und Victor Klemperer, Aus dem Tagebuch 1941 bis 1945.

Die Tagebücher wurden ab 1995 im Aufbau-Verlag veröffentlicht und wurden zum Bestseller. Die Tagebücher der Jahre 1933 bis 1945 gelten heute als wichtiges Dokument der Zeitgeschichte und sind Standardwerke für Geschichtsunterricht und Deutschunterricht. Auch die Tagebücher aus der Weimarer Republik und aus der Zeit nach 1945 zeigen Klemperer in der Rolle des Beobachters, der auch nicht davor zurückscheut, den eigenen Ehrgeiz oder die „lingua quarti imperii“ (LQI – die Propagandasprache des Westens und des Ostens[21]) kritisch zu thematisieren. 2007 erschien eine ungekürzte und umfangreich kommentierte Fassung der Tagebücher 1933 bis 1945 auf CD-ROM.

Für die Auseinandersetzung mit der sprachlichen Dimension nationalsozialistischer Gewalt bilden die Tagebücher Klemperers bis heute eine Standardreferenz, etwa im Umgang mit der Rhetorik neurechter Bewegungen.[22] Die Forschung hat ferner die sprach- und subjektphilosophischen Implikationen von Klemperers LTI hervorgehoben: Klemperer mache die NS-Sprache nicht nur zum Gegenstand seiner philologischen Forschung, sondern berichte zugleich über eine Erfahrung, die darin bestehe, die Sprache zu erleiden: Die Worte repräsentieren demnach nicht nur die Gewalt, sondern führen sie zugleich aus.[23]"


Zitate:

Band 1: 
14. Januar 1933
Die Qualen des neuen Jahres, die gleichen wie vorher: das Haus, Frost, Zeitverlust, Geldverlust, keine Kreditmöglichkeit. Jedenfalls Verbohrtheit in den Hausbau und ihre Verzweiflung immer noch wachsend. [Eva, seine "arische" Frau] Wir werden wirklich an dieser Sache zugrunde gehen. Ich sehe es kommen und fühle mich hilflos. [...]
Am 3. Januar wurde das Nickelchen kastriert, und jetzt sind die beiden Tiere schon viel zusammen. Ich habe manchmal den Eindruck, sie seien das einzige, was für Eva noch einen eine Freude und sichere Lebensverbindung bedeute./
24. Januar
Annemarie, am Sonntag bei uns, erzählte, dass Fritz Kopke gestorben, [...] Kaum über die Vierzig. Das hat mich angefasst. Ich sagte zu Annemarie: Wo ist seine unsterbliche Seele? Es gibt Glückliche, die fest daran glauben. Annemarie, fast entsetzt, sehr lebhaft: 'Aber Victor! Jeder Christ tut das!' Und nachher: 'Wenn man nicht einmal diese Aussicht hätte, dass es später besser kommt!' Also sie, die Chirurgin, die den Kadaver, das Gehirn unterm Messer hat, die eine Gebildete, eine Studierte ist – und doch ganz offenbar, trotz allen ihrer Zynismen und ihrer Unkirchlichkeit – im Kern doch gläubig, mindestens hoffend. - [...]
21. Februar
Immer mehr ziehe ich mich auf das Vorlesen zurück. Eigene Arbeit stockt fast ganz. [...] Von dem 'Frankreichbild' habe ich wieder mal Abstand genommen. Vielleicht in den Ferien. Mich quält einerseits der Zeitmangel: Heizen, Abwaschen, Einkaufen, Mädchen für alles, andererseits die Idee der Wertlosigkeit. Wie gleichgültig, ob ich ein Buch mehr oder weniger hinterlasse! Vanitas… [...]
Seit etwa drei Wochen die Depression des reaktionären Regimentes. Ich schreibe hier nicht, Zeitgeschichte. Aber meine Erbitterung stärker, als ich mir zugetraut hätte, sie noch empfinden zu können, will ich doch vermerken. Es ist eine Schmach, die jeden Tag schlimmer wird. Und alles ist still und duckt sich, am tiefsten die Judenheit und ihre demokratische Presse.– Eine Woche nach Hitlers / Ernennung waren wir (am 5. 2.) bei Blumenfelds [...] Raab, Vorsitzender des Humboldtclubs, hielt eine große Rede, erklärte, man müsse die Deutschnationalen wählen, um den rechten Flügel der Koalition zu stärken. Ich trat ihn erbittert entgegen. Interessanter seine Meinung, dass Hitler in religiösen Irrsinn enden werde.… Am meisten berührt, wie man den Ereignissen so ganz blind gegenübersteht, wie niemand eine Ahnung von der wahren Machtverteilung hat. Wer wird am 5. März die Majorität haben? Wird der Terror hingenommen werden, und wie lange? Niemand kann prophezeien sein. – Inzwischen wirkt die Unsicherheit der Lage auf alles einzelne. Jeder Versuch, Geld zum Bauen zu leihen, scheitert. Das lastet schwer auf uns.
[Bericht über Krankheiten]
Der Todesgedanke lässt mich keine Stunde mehr aus seinen Krallen."(Band 1, S. 5-7).
10. März.
30. Januar: Hitler Kanzler. Was ich bis zum Wahlsonntag, 5. März, Terror nannte, war mildes Prélude. Jetzt wiederholt sich haargenau, nur mit anderen Vorzeichen, mit Hakenkreuz, die Sache von 1918. Wieder ist es erstaunlich, wie wehrlos alles zusammenbricht. Wo ist Bayern, wo ist das Reichsbanner usw. usw,? Acht Tage vor der Wahl die plumpe Sache des Reichstagbrandes – ich kann mir nicht denken, dass irgendjemand wirklich ein kommunistische Täter glaubt statt bezahlte [Hakenkreuz]- Arbeit. Dann die wilden Verbote und Gewaltsamkeiten. Und dazu durch Straße, Radio etc. die grenzenlose Propaganda. [...] Am Sonntag wählte ich den Demokraten Eva Zentrum. [...] / Vollkommene Revolution und Parteidiktatur. Und alle Gegenkräfte wie vom Erdboden verschwunden. Dieser völlige Zusammenbruch einer eben noch vorhandenen Macht, nein, ihr gänzliches Fortsein (genau wie 1918) ist mir so erschütternd. [...] Niemand wagt mehr, etwas zu sagen, alles ist in Angst. [...] Wie lange werde ich noch im Amt sein?
Zu dem politischen Druck, die Qual der ewigen Schmerzen im linken Arm, des ewigen Sterbegedankens. Und die marternden und immer erfolglosen und immer erfolglosen Bemühungen um Baugeld. Und das stundenlange Heizen, Abwaschen, Wirtschaften. Und das ständige Zuhausesitzen. Und das Nichtarbeiten- Nichtdenkenkönnen. [...] Ich will, nein: ich muss wieder den Albdruck des 'Frankreichbildes' aufnehmen. Ich will mich jetzt zum Schreiben zwingen und Kapitel um Kapitel die noch fehlende Lektüre nachholen." (S.8-9)

17. März
"[...] Aber leider hatten wir am Dienstagabend Thiemes hier. Das war entsetzlich und war ein Ende. Mit einer solchen begeisterten Überzeugung und Verherrlichung bekannte sich Thieme – er! – zu dem neuen Regime. Alle Phrasen von Einigkeit, Aufwärts usw. gab er mit Andacht wieder./ Trude war viel harmloser. Es sei alles schief gegangen, nun müsse man dies versuchen. 'Jetzt müssen wir eben einmal in dies Horn blasen! 'Er verbesserte heftig: 'Wir müssen nicht', es sei wirklich und frei gewählt, das Richtige. Das verzeihe ich ihm nicht. Er ist ein armer Hund und ängstigt sich um seinen Posten. Er muss also mit den Wölfen heulen. Gut. Aber warum mir gegenüber? [...] Wir haben uns in Thiemes Intellekt geirrt. Er hat die partielle mathematische Begabung. Er ist im übrigen haltlos jedem Einfluss, jeder Reklame, jedem Erfolg hingegeben. Eva hat dies schon seit Jahren erkannt. Sie nennt ihn: 'ohne alle Urteilskraft'. Aber dass er so weit gehen würde… Ich schließe mit ihm ab.
 Die Niederlage 1918 hat mich nicht so tief deprimiert wie der jetzige Zustand. Es ist erschütternd, wie Tag für Tag, nackte Gewalttat, Rechtsbruch, schrecklichste Heuchelei, barbarische Gesinnung ganz unverhüllt als Dekret hervortritt. Die sozialistischen Blätter sind dauernd verboten. Die 'Liberalen' zittern. Neulich war das 'Berliner Tagblatt' zwei Tage verboten; den 'Dresdener NN' kann das nicht geschehen. Es ist gänzlich regierungsfromm, bringt Verse auf 'die alte Fahne' etc.

Einzelberichte: 'Auf Anordnung des Reichskanzlers sind die fünf im Sommer vom Sondergericht in Beuthen wegen Tötung eines kommunistischen polnischen Insurgenten Verurteilten freigelassen worden.' (Die zum Tode verurteilten!)" (S.10/11)
[...] Eigentlich ist es furchtbar leichtsinnig, dies alles in mein Tagebuch zu schreiben. (S.12)
20. März
"Nach langer Zeit im Kino: Hindenburg vor Truppen und Hakenkreuzlern am 12. 3., dem Sonntag der Kriegsgefallenen. Als ich ihn vor etwa einem Jahr gefilmt sah, ging der Präsident etwas steif, die Hand auf dem Handgelenk des Begleiters, aber ganz fest und nicht langsam die Reichstagtreppe hinab, ein Alter, aber kraftvoller Mann. Heute: die winzigen, mühsamen Schritte eines Gelähmten. Nun ist mir alles klar: So ging Vater nach seinem Schlaganfall Weihnachten 1911, bis er am 12.2.12 starb. In der Zwischenzeit war er nicht mehr klar. (Die umgedrehte Zeitung, in der er las!) Es ist mir absolut gewiss, dass Hindenburg nur noch eine Marionette ist, dass ihm schon am 30. Januar die Hand geführt wurde. [...] (S.12)
21. März
Tag des 'Staatsaktes' in Potsdam. [...] (S.13)
30. März.
Gestern bei Blumenfeld mit Sempers zusammen zum Abend. Stimmung wie vor einem Pogrom im tiefsten Mittelalter oder im innersten zaristischen Russland. Am Tage war der Boykott-Aufruf der Nationalsozialisten herausgekommen. Wir sind Geiseln. Es herrscht das Gefühl vor (zumal da eben der Stahlhelmaufruhr in Braunschweig gespielt und sofort vertuscht worden), dass diese Schreckensherrschaft kaum lange dauern, uns aber im Sturz begraben werde. Fantastisches Mittelalter: 'Wir' – die bedrohte Judenheit. Ich empfinde eigentlich mehr Scham als Angst,  Scham um Deutschland. Ich habe mich wahrhaftig immer als Deutscher gefühlt. Und ich habe mir immer eingebildet: 20. Jahrhundert und Mitteleuropa sei etwas anderes als 14. Jahrhundert und Rumänien. Irrtum. [...]
31. März 
Immer trostloser. Morgen beginnt der Boykott. Gelbe Plakate, Wachen. Zwang, christlichen Angestellten zwei Monatsgehälter zu zahlen, jüdische zu entlassen. Auf den erschütternden Brief der Juden an den Reichspräsidenten und die Regierung keine Antwort. – Man mordet kalt oder 'mit Verzögerung'. Es wird 'kein Haar gekrümmt' – man lässt nur verhungern. [...]
Kino in der Prager Straße. Neben mir ein Reichswehrsoldat, ein Knabe noch,  / und ein wenig sympathisches Mädchen. Es war am Abend vor der Boykottankündigung. Gespräch, als eine Alsberg Reklame lief. Er: 'Eigentlich sollte man nicht beim Juden kaufen' Sie: 'Es ist aber so furchtbar billig.' Er: 'Dann ist es schlecht und hält nicht.' Sie, überlegend, ganz sachlich, ohne alles Pathos: 'Nein, wirklich, es ist ganz genauso gut und haltbar, wirklich ganz genauso wie in christlichen Geschäften – und so viel billiger.' Er: schweigt. – Als Hitler, Hindenburg, etc. erschienen, klatschte er begeistert. Nachher bei dem gänzlich amerikanisch jazzbandischen, stellenweise deutlich jüdelnden Film klatschte er noch begeisterter. [Man beachte das Vokabular!]
Es wurden die Ereignisse des 21. März vorgeführt, Stücke aus Reden gesprochen. Hindenburgs Proklamation mühselig, mit Atemnot, die Stimme eines uralten Mannes, der physisch fast zu Ende ist. Hitler pastoral deklamierend. Goebbels sieht ungemein jüdisch aus, Eva sagt mit Recht, dem Schauspieler Deutsch [...] ähnlich. Sachlicher und menschlicher gibt sich im Ton Hugenberg. [...] 
Ein Märchen von Andersen, 'Galoschen des Glücks'. Ein Professor hat in Gesellschaft von den Zuständen des 14. Jahrhunderts gesprochen, denkt im Heimgehen, wie es damals in Kopenhagen ausgesehen habe – und plötzlich ist das Pflaster fort, und er versinkt im Dreck. Manchmal glaube ich, solche Gamaschen anzuhaben. Aber man versinkt auch ohne sie bodenlos." (S.16/17)

Band 2

24. November, Dienstag vormittag 1942

Erster Frosttag, fester Schnee auf Dächern und Straßen).

'Judenlager Hellerberg'. Eva sagte, diese neue Art der Evakuierung sei deshalb so schamlos, weil alles so offen vor sich gehe. Das Neue daran ist jedenfalls, dass wir diesmal Einblick in das Inferno haben und mit ihm in Konnex bleiben. Ist es eine gemäßigte Hölle? Das muss sich herausstellen. Der junge Eisenmann, der am Auffüllen der Bettsäcke mitgeholfen hat, sagte: 'Katastrophal!' Unvorstellbar eng und barbarisch primitiv, besonders die Aborte (wandlos nebeneinander und viel, viel zu wenige), aber auch die schmalen Betten usw. Die Zimmerleute hätten gesagt, sie seien am Barackenbau für russische und polnische Gefangene beschäftigt gewesen– Luxushotels gegen dies Judenlager in Sand und Schlamm! Andererseits hört man von Vergünstigungen wie Postverkehr, Urlaub nach Dresden, eine Lagerbibliothek, Spielzeugerlaubnis für die Kinder… Man muss abwarten. Sonntag und Montag (außer von Appelius und Galsworthy), ganz erfüllt von diesem Hellerberg. Für Frau Ziegler, die uns sehr vieles hinterließ, karrte ich am Sonntagnachmittag eine schwere Last bei streikenden Herzen, das Hindenburgufer entlang zur Gemeinde. (2. Band, S. 280/81) 
28. November, Sonnabend vormittag

[...] Und dann etwas Groteskes: einen Zigarettenkarton mit Zähnen. Zähne sind Mangelware, Eichler hat längst keine mehr, so läuft Eva seit vielen Monaten mit der großen Lücke im Mund herum; er wollte Eva schreiben, sobald er Material hätte, und schrieb nie. Ein Zahntechniker, der beim Friedhofsgärtner arbeitete, hat diesen Karton dort deponiert – nun soll sich Eichler Brauchbares auswählen und es nach dem Tagespreis bezahlen. Er darf aber nicht wissen, wo die Ware herkommt. Heimliche Zähne vom Judenfriedhof, es klingt / märchenhaft schauerlich – es ist aber auch real gesehen toll genug, und vielleicht kann es zu einer Katastrophe führen.(S.283/284)

"Heute morgen kam Frau Eger zu uns, wir möchten ihr mit einem Judenstern aushelfen. Auf eine Jacke ihres Mannes zu nähen, die sie ihm als warmes Zeug mitgeben wolle. Sie habe erfahren (sie hat einen Bruder bei der SS), dass er morgen in ein KZ abtransportiert werde. Es sei das letzte, was sie für ihn tun könne; noch eine Mütze gebe sie ihm mit, in deren Futter sie Abschiedsgrüße genäht habe. Aber werde er den Brief finden? Sie habe keine Hoffnung, den Mann wiederzusehen.  (S.284)
Über die Gemeinde (und über Simon) kommuniziert man mit den Interessierten. Die Leute in der Gemeinde scheinen darauf abgestimmt, scheinen – LTI! – Eine verschworene Gemeinschaft zu sein, das Lagerleben als glimpflich darzustellen. Es sei erträglich, einige gewöhnten sich rascher, einige langsamer um. Es klingt so, als wenn die unzufriedenen verwöhnte und undankbare Geschöpfe wären. In dieser Tonart äußern sich außer Reichenbach, die Sekretärin Judenkirsch, die freilich im Gemeindehaus wohnt und nur auf Amtswegen ins Lager kommt.[...] aber das Gros der Lagerinsassen ist doch streng gefangen, erhält spärlichsten Stadturlaub, hockt immer aufs engste beisammen usw. usw. Es ist gar zu jämmerlich, dass diese Gefangenschaft schon als halbes Glück gilt. Es ist nicht Polen, es ist nicht das KZ! Man wird nicht ganz satt, aber man verhungert nicht. Man ist noch nicht geprügelt worden. Usw. usw." (S.285).
"Eine besondere Lagergefahr scheint der Neid der Zusammengedrängten zu sein. Wenn dem einen etwas zugesteckt wird, muss er sich vor allen anderen hüten." (S. 286).
8. April.
"[...] Der biedere Mann half mir manchmal mit Brotmarken, steckte mir gelegentlich einen Bonbon zu – ich beneidete ihn ein bisschen, weil er ja einige Erleichterungen genoss. Ich hörte dann nichts mehr von ihm. Jetzt: Er wurde vorige Woche verhaftet - Grund unbekannt; es heißt, aber ohne Gewissheit, eine neue Bestimmung zwinge solche privilegierten, deren arische Kinder im Ausland, zum Sterntragen, und das habe er nicht beizeiten erfahren –, zwei Tage später hatte er im Polizeipräsidium sich erhängt (oder ist erwürgt worden). Die Leiche wurde Jacobi nackt überliefert, außer den Würgemalen, wies sie keine Verletzung auf. Der Fall hat mich wieder furchtbar durchschauert." (S.348)
"Aus Berlin kam ein [...] Brief, der auch wieder sub specie LTI gewertet sein will. Es ergab sich nach einigem Rätseln, dass die Absenderin eine geborene Meyerhof  aus Hildesheim und uns dort [...] als Kind einmal begegnet ist. E.N. schreibt einen Stil, der aus 'enzyklopädischem' und Berliner Stil gemischt ist. Das Berlinische betont, überbetont (eben dadurch witzig und affektiert in sein Gegenteil umschlagend), antiheroische, antisentimentale, in jeder Beziehung unberührte Haltung.  'Außerdem haben sich die bitterbösen Engländer ausgerechnet mein Wohnviertel ausgesucht, um ihre Eier zu legen.'  (wieder nicht bloß Berlinisch. Frau N. teilt mit, was sie eigentlich nicht mitteilen darf, und sie deutet ihre Stimmung, um nicht zu sagen Zustimmung, dem englischen Verhalten gegenüber durch das komische, 'bitterböse' an.) Ein PS lautet: 'Existiert der alte Professor Pöppelmann noch in irgendeiner Form? [...] Eva deutet aus: 'Steht der Zwinger noch, hat Dresden schon ernste Luftangriffe gehabt?' Selbst wenn diese Deutung nicht zutreffen sollte – aber sie wird wohl zutreffen –, ist es zeitcharakteristisch, dass sofort solche Deutung gesucht und gefunden wird. Wir rechnen eben gar nicht mehr mit wörtlichem, nicht hinterhältigem Sinn einer brieflichen Mitteilung. Dieser Brief der E. N. ist also ein ganz besonders wertvolles Dokument für die LTI." (S. 350) 

27..9.1944

"[...] Annemarie ist nicht gut angeschrieben, hat mehrmals angeeckt. Gewiss, sie ist allmählich vorsichtig geworden: seitdem September 41 trage ich den Stern, am 9. Oktober 1941 war sie das letzte Mal bei uns. Trotzdem! Und ich will nicht verkennen, wie sehr sie sich für uns exponiert. Sie weiß nicht nur, dass sie meine Manuskripte aufbewahrt, sie weiß auch, dass es sich um Tagebücher handelt. Sie weiß seit Monaten, dass es sich bei solchen Verhalten nicht mehr um Gefängnis, sondern ganz eindeutig um den Kopf handelt.
Meine Tagebücher und Aufzeichnungen! Ich sage mir immer/wieder und wieder: sie kosten nicht nur mein Leben, wenn sie entdeckt werden, sondern auch Evas und das mehrerer anderer, die ich mit Namen genannt habe, nennen musste, wenn ich dokumentarischen Wert erreichen wollte. Bin ich dazu berechtigt, womöglich verpflichtet, oder ist es verbrecherische Eitelkeit? Und immer wieder: seit zwölf Jahren habe ich nichts mehr publiziert, nichts mehr zu Ende führen können, nur immer gespeichert und gespeichert. Hat es irgendwelchen Sinn, wird irgendetwas von alledem fertig werden? Die Engländer, die Gestapo, die Angina, die dreiundsechzig Jahre. Und wenn es fertig wird und wenn es Erfolg hat, und wenn ich 'in meinem Werk fortlebe'– welchen Sinn hat das alles 'an und für mich'? (S. 594/95)
26. Mai 1945
"Unser Fluchtversuch hat fraglos weniger Aussicht auf Gelingen als der damalige. Nur steht auf Scheitern nicht wie damals der Tod. Dafür aber schwere Lächerlichkeit und Demütigung. Kommen wir nicht durch, so muss ich mich an die Kaulbachstraße wenden, und das wird sehr bitter . [...] Wir kamen beide zu dem gleichen Ergebnis: Müssen wir aus Nahrungsmangel umkehren oder schicken uns die Amerikaner zurück, dann sind wir wenigstens eine Weile außerhalb Münchens gewesen.
Im übrigen ist das Unternehmen natürlich ein fast irrsinniges: ohne ordentliche Wanderausrüstung, ohne Gewissheit der Lebensmittelmarken des Quartiers, drei-, vierhundert Kilometer zurücklegen zu wollen. [...] "

Die Rückreise dauert von 26. Mai bis zum 10. Juni. Es ist ein Beispiel dafür, was für Strapazen den Überlebenden des Holocaust noch nach dem Sieg ihrer Sache bevorstanden. (Displaced Persons) Klemperer hat zwar meist Empfehlungen und kann immer wieder einmal mit einem amerikanischen Laster oder mit einem Zug mitgenommen werden, muss aber ganz große Strecken zu Fuß gehen zusammen mit seiner Frau Eva. Als Essen gibt es äußerst wenig. Ein Rübenschnitz pro Tag muss oft ausreichen. (S.798-830) 
Dazu sieh auch Jähner: Wolfszeit

Über Klemperers Tagebücher:
Volker Ulrich "Der Chronist des Jahrhunderts" ZEIT 25.3.1999:
"Das Ende war trostlos: 'Ich habe allen Glauben an Wirkungsmöglichkeiten verloren. Allen Glauben an rechts und links. Ich lebe und sterbe als einsamer Feuilletonist' (29. April 1959). Selten hat sich ein Autor so über seine Bedeutung getäuscht. [...] weiterleben wird Victor Klemperer vor allem als Schreiber seiner Tagebücher. Durch vier Epochen deutscher Geschichte – Kaiserreich, Weimarer Republik, Nazizeit, DDR – führt sein unvergleichliches Oevre. Fast beiläufig, ohne es zu wollen und zu wissen, ist er zum großen Chronisten des Jahrhunderts geworden."