09 Januar 2025

Anne Applebaum: Die Achse der Autokraten, 2024

 Anne Applebaum: Die Achse der Autokraten, Siedler Verlag, München 2024   (orig.: Autocracy, Inc.: The Dictators Who Want to Run the World, Doubleday, 2024)

Wikipedia: "Anne Applebaum betrachtet sich selbst als Liberal-Konservative. Sie bejaht Marktwirtschaft,  Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, die NATO und die Europäische Union.[26]

Im Jahr 2002 veröffentlichte sie eine Kolumne, in der sie israelische Angriffe auf die palästinensische Radio- und TV-Station Voice of Palestine verteidigte, weil diese ihrer Meinung nach durch die systematische Verbreitung von anti-israelischen Inhalten und der Befürwortung des Terrorismus, insbesondere von Selbstmordattentaten, ein legitimes Ziel seien.[27]

Russland unter Präsident Wladimir Putin sieht sie als raffinierte Diktatur. Die russische  Gazprom etwa sei kein privatwirtschaftliches Unternehmen, sondern ein Instrument russischer Außenpolitik: „Das ist nicht dasselbe wie – sagen wir – Shell. Gazprom gehört den Leuten, die den Kreml kontrollieren und ist eines ihrer Werkzeuge. Gazproms Aktivitäten in Deutschland – einschließlich des Kaufs eines Fußballvereins – ist russische Propaganda. Es hat alles mit Korruption zu tun, wenn man sich anschaut, wie die russischen Oligarchen reich geworden sind: Die haben fast alle westliches Offshore-Banking benutzt. Sie haben ihr Geld zusammen mit der russischen Mafia angelegt. Die Firmen haben ein Doppelleben geführt – ein legales und ein illegales“, meinte Applebaum in einem Interview mit The European.[28] Putins Krieg in der Ukraine sei zynisch, da er damit versuche, den Westen einzuschüchtern und zu destabilisieren.[29] Nur wenn Russland begreife, dass der Angriff auf die Ukraine ein Fehler war, gebe es eine Chance für dauerhaften Frieden, so Applebaum Anfang 2023. Jede andere Lösung – ein vorausgehender Waffenstillstand oder die Abtretung von Gebieten – berge das Risiko, dass Russland einige Monate oder Jahre warte und dann wiederum eine Invasion beginne. Mit den Waffenlieferungen schicke der Westen „eine klare Botschaft“ an Russland.[30]"


"Autokratische Herrschaft besteht im 21. Jahrhundert nicht länger nur aus einem Tyrannen an der Spitze, der mit Gewalt sein Volk unterdrückt: Heute werden Autokratien durch ausgeklügelte Netzwerke geführt, es hat sich eine neue internationale autokratische Allianz gebildet, wie Bestsellerautorin Anne Applebaum in ihrem neuen Buch zeigt. Von China bis Weißrussland, von Syrien bis Russland unterstützen sich Autokraten von heute gegenseitig mit Ressourcen und Equipment made in Iran, Myanmar oder Venezuela: von Propaganda-Trollfarmen und Bots über Investitionsmöglichkeiten für ihre korrupten Staatsunternehmen bis hin zum Austausch modernster Überwachungstechnologien. Applebaum offenbart, wie die Diktatoren der Welt hinter den Kulissen zusammenarbeiten und sich mit aggressiven Taktiken gegenseitig Sicherheit und Straffreiheit verschaffen. Und sie macht deutlich, wie diese autokratische Allianz unsere Demokratie untergräbt." (Siedler Verlag)

daraus:
"[...] Sieglinde Geisel einen überzeugenden Überblick über die "flexiblen Zweckbündnisse" vor, die Autokratien und Diktaturen weltweit eingehen, um ihre Macht zu erhalten und Demokratien zu zerstören. Von Russland über Syrien bis Venezuela werden die verschiedensten Staaten beleuchtet und aufgezeigt, welche Strategien sie von Waffenlieferungen an Rechtsextremisten bis Finanzspritzen an Terroristen zur Destabilisierung nutzen, so Geisel. Dass Putin und Xi Jinping bestimmt Begriffe nutzen, zum Beispiel von "Souveränität" sprechen statt von Menschenrechten, um sich so weiter gegen demokratische Bestrebungen wehren, kann Applebaum kenntnisreich vermitteln. "

NZZ "[...] Als Beispiele nennt sie iranische Drohnenlieferungen an Russland, so Ribi, oder auch die Hilfe, die der weißrussische Diktator Alexander Lukaschenko von seinesgleichen erhält. Autokraten wie Lukaschenko setzen ihre Machtinteressen inzwischen ganz offen durch, beschreibt Ribi mit Applebaum, auch weil der Westen, der lange vergeblich auf Wandel durch Handel setzte, dem nichts entgegenzusetzen habe. Applebaum plädiert nun für ein Umdenken, und ganz besonders für eine Fortsetzung der Waffenlieferungen an die Ukraine, so Ribi. Neue Erkenntnisse bringt dieses Buch nicht, gesteht er, aber es gelinge Applebaum, ein erfahrungsgesättigtes Gesamtbild von der derzeitigen bedrohlichen Weltlage zu zeichnen."
SZ "[...] Rezensentin Viola Schenz [...] Siegeszug der Autokraten, für den sie keine globale Verschwörung, wohl aber geschickte Kollaborationen von totalitären Regimes verantwortlich macht, die nicht durch eine gemeinsame Ideologie, sondern nur durch ihre Ablehnung des Westens zusammengehalten werden. Als Beispiele nennt Applebaum unter anderem den Gegenwind, den die Ukraine bei ihren Forderungen nach Unterstützung erhält, sowie die Ölverkäufe an China und Indien, die dem Iran dabei helfen, Terrormilizen im Nahen Osten zu finanzieren. Die Autokraten der Gegenwart, liest Schenz, tun nicht einmal mehr so, als würden sie das Beste für ihr Land wollen, stattdessen setzen sie darauf, die eigene Bevölkerung apathisch und hoffnungslos zu machen. Allzu viel Hoffnung macht auch Applebaums stark argumentiertes und angenehm verdichtetes Buch nicht, gesteht die Rezensentin ein, die Hoffnungen auf Wandel durch Handel haben sich inzwischen zerschlagen. Die Demokratien müssten eine Gegenachse bilden, erklärt Schenz, der Westen dürfte nicht immer nur auf den eigenen Vorteil blicken und Freiheitsbestrebungen auch andernorts fordern. [...]"


Inhalt des Buches

Einleitung: Die Achse der Autokraten

Kapitel 1: In Gier vereint S.25 ff
gegenseitige Unterstützung durch andere Autokraten, ganz unabhängig von Ideologien

Kapitel 2: Das Krebsgeschwür der Kleptokratie S.4 ff.
z.B. arbeiten Venezuela und Iran zusammen

Kapitel 3 Deutungshoheit (S.70 ff.)
Sharp power (S. 84ff.) [Zum Aufkommen des Begriffs im 19. Jh. und schlagartiger  Vervielfachung am Anfang des 21. Jhs: google books]














:
Kapitel 4 Ein neues Betriebssystem (S.103ff) 
Statt Menschenrechte   China: Recht auf Entwicklung, Souveränität

Kapitel 5 Die Verunglimpfung der Demokraten (S.127-154)  
Gene Sharp: Von der Diktatur zur Demokratie. Ein Leitfaden für die Befreiung. Beck, München 2008, 
Dazu Perlentaucher"[...] ein Lehrbuch zum gewaltfreien Sturz von Diktaturen. Der Politikwissenschaftler Gene Sharp hat es ursprünglich für die Demokratiebewegung in Myanmar (Birma) geschrieben. Besonders bei der Befreiung von den Diktaturen in Osteuropa hat es im letzten Jahrzehnt eine wichtige Rolle gespielt. Die serbische Widerstandsbewegung "Otpor" hat es beim Sturz Milosevics im Jahre 2000 benutzt, es wurde von den Befreiungsbewegungen Kmara" in Georgien, "Pora!" in der Ukraine, "KelKel" in Kirgisistan und "Subr" in Belarus (Weißrußland) verwendet.

Die Tageszeitung "Michael Holmes [...] dieser programmatische Klassiker der Widerstandsliteratur aus dem Jahr 1993 [...] analysiere systematisch Schwächen und Stärken von Diktaturen und bespreche Chancen und Risiken von Kommunikations- und Widerstandsstrategien. [...] Autor Gene Sharp sei dabei kein "blauäugiger Pazifist", sondern interessiere sich schlicht für die Frage, wie man Diktaturen effektiv und mit wenigen Opfern "zersetzen" könne. Ziel: Die liberale Demokratie." 







"Keine politische Gruppe hat sich diese neuen Möglichkeiten geschickter zu eigen gemacht als die Demokratiebewegung von Hongkong 2016 und 2019/20 (S.133/34) "Doch obwohl sie eine Schlacht nach der anderen gewannen, verloren sie den Krieg. Während ich dies schreibe, sind alle Führer der Proteste von Hongkong entweder im Gefängnis oder im Exil." (S.135)

Aber es gab auch Erfolge, die von einem einzelnen ausgingen, einem Pastor der Pfingstbewegung in SimbabweEvan Mawarire, der das #ThisFlag movement auslöste (2016). (vgl. S.136-139) 
Darauf reagierte das Regime, indem es "Mawarire als falsch, verlogen und von Ausländern manipuliert (S.139) verleumdete. 
Diese Methode ist alt, schon in der Antike zu Ciceros Zeiten, dann im Kampf von Stalin gegen seine Gegner, vor allem gegen Trotzki, dann 2009 gegen die Proteste im Iran und von Hugo Chávez, der seine Gegner als Agenten des amerikanischen Imperialismus bezeichnete, oder gegen den Investor George Soros, dem allerlei Verschwörungstheorien gelten, die auf die „Spitze des Weltfinanz-Zionismus“ und damit das Judentum allgemein zielen.
Mawarire sagte dazu "Die sozialen Medien, die uns groß gemacht haben, haben uns auch wieder abgeschossen" (S.142)
[Dazu Fontanefan: Ähnlich ist es auch Greta Thunberg gegangen, als sie sich für die Bevölkerung im Gazastreifen einsetzte.]
Auf die Verdächtigungen von US-Einfluss reagierte eine Euromaidan-Demonstrantin: 
" 'Die haben einfach nicht kapiert, dass wir uns selbst organisieren.' Wie Shore erklärt: 'Aus der Kreml-Propaganda, der zufolge amerikanische Geheimdienste oder andere internationale Verschwörer die Fäden ziehen, spricht nicht nur bösartige Absicht, sondern auch die Unfähigkeit, sich vorzustellen, dass es Menschen geben könnte, die eigenständig denken und handeln.' " (S.140)
[Dazu Fontanefan: Indem Applebaum diese Argumentation von Shore nicht kritisiert, gerät sie freilich in den inneren Widerspruch, dass sie bösartige Absicht und gleichzeitig Unfähigkeit, sich selbständiges Handeln vorzustellen, unterstellt. Beides zugleich schließt sich aber aus. Mit dieser überzogenen Kritik nähren Shore und  Applebaum den Verdacht, dass sie von vielleicht wirklich vorhandenen US-Einflüssen ablenken wollen. Der Demonstrantin auf dem Euromaidan darf man zu gute halten, dass sie vielleicht wirklich an die Unfähigkeit des Kreml glaubt. Applebaum hat allzu deutlich gemacht, dass sie nicht daran glaubt, als dass sie Shores unbedachten Satz einfach auf sich beruhen lassen dürfte.]
Diese begründete Kritik  hat mich freilich auf eine falsche Fährte geführt. So habe ich kritisiert: 
Nachdem Applebaum (auf S.144) den Fall Nawalny angesprochen hat, schreibt sie auf S.145: "Deshalb schrecken moderne Autokraten vor Mord zurück. Ein Märtyrer kann eine politische Bewegung beflügeln, doch eine erfolgreiche Schmutzkampagne kann sie zerstören." 
Dabei geht sie auf S.145 ff. , die noch nicht gelesen hatte, darauf ein, dass Autokraten inzwischen Mord und Schmutzkampagne miteinander verbinden, um Kritiker möglichst unglaubwürdig zu machen, bevor sie sie ermorden, damit sie dann nicht zu Märtyrern werden können. Besonders gut funktioniert das freilich, wenn Kritiker aufgrund der Furcht, ermordet zu werden, ins Ausland gehen, weil dann behauptet werden kann, sie seien vom Ausland bestochen.
Hat die DDR vielleicht einen Fehler gemacht,, als sie Biermann 1976 nicht in die DDR hat zurückkehren lassen, weil sie ihn so zum Märtyrer gemacht hat, bevor es ihr gelang, seine Glaubwürdigkeit mit einer Schmutzkampagne zu zerstören?
"Fortschrittliche Autokratien bereiten heute schon im Voraus den legalen und propagandistisch Boden für solche Kampagnen und stellen Demokratieaktivisten Fallen, damit sie erst gar nicht an Glaubwürdigkeit und Beliebtheit gewinnen. Seit dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts haben Autokratien und einige nicht freiheitliche Demokratien sehr ähnliche Gesetze verabschiedet, die der Beobachtung und Kontrolle zivilgesellschaftlicher (auch unpolitischer und sozialer) Organisationen dienen und deren Mitglieder zu Terroristen, Extremisten oder Landesverrätern erklären." (S. 145).
Beispiele sind Jemen 2001, ähnliche Gesetze gibt es in der Türkei, in Eritrea und im Sudan.  "Uganda gründete 2009  eine Aufsichtsbehörde für zivilgesellschaftliche Organisationen, die befugt ist, diese auch aufzulösen." (S.145) Ähnliches geschieht in Äthiopien, in Kambodscha, in Venezuela (2024).
"Kuba, wo seit 1985 keine unabhängigen Organisationen mehr zugelassen wurden, verhaftete unlängst Hunderte von Menschen, die in informellen Gruppen mitwirken.
Besonders im Blickfeld stehen Organisationen, die tatsächlich Beziehung ins Ausland unterhalten. Im Jahr 2012 verabschiedete Russland Gesetze zur Beschneidung der Rechte von Nichtregierungsorganisationen und sozialen Einrichtungen, die Geld aus dem Ausland erhalten, und verlangte von Ihnen, sich öffentlich als ausländische Agenten zu bezeichnen Zwischenraum das belarussische Regime durchsuchte die Wohnungen von Mitarbeitern einer Stiftung, die sich für Menschen mit Behinderung / engagiert, wieder auf der Suche nach Beweisen für ausländische Finanzierung. China verabschiedete 2016 ein Gesetz, das Organisationen mit Beziehungen zum Ausland der Aufsicht durch den Geheimdienst unterstellt, darunter auch medizinische, soziale und kulturelle Einrichtungen mit Verbindungen zur chinesischen Diaspora.
 Diese Gesetze dienen als recht staatliches Feigenblatt für das, was dann folgt: kein politischer Prozess, sondern eine erfundene Anklage wegen Korruption. Selbst hochgradig korrupte Regimes drehen den Spielspieß einfach um und verwischen den Unterschied zwischen sich und ihren Gegnern. [...] In Venezuela wurde Leopoldo Lopez, damals einer der beliebtesten demokratischen Oppositionsführer, 2008 daran gehindert, für politische Ämter zu kandidieren, weil ihm das Regime Veruntreuung und Korruption vorwarf; unter ähnlichem Vorwand wurde Henrique Capriles 2017 von den Präsidentschaftswahlen ausgeschlossen.
Solche Anschuldigungen verfehlen ihre Wirkung nicht, selbst wenn sie falsch oder übertrieben sind [...] Wenn jemand wiederholt verunglimpft wird, dann fragen sich irgendwann sogar engste Vertraute ob die Vorwürfe nicht doch ein Körnchen Wahrheit enthalten. Wenn 'Geheimnisse' über einen Aktivisten [...] publik gemacht werden, zum Beispiel durch Veröffentlichung eines heimlich aufgezeichneten Telefonats [...]  Dann entsteht der Eindruck, dass die betroffene Person eher unehrlich ist und etwas zu verbergen hat, auch wenn sich in dem Gespräch oder den E-Mails nicht der geringste Hinweis auf ein Fehlverhalten findet.
Korruptionsvorwürfe gegen Dissidenten lenken zugleich von der Korruption in der Regierung ab. [...], Vorwürfe vermögen, frei erfunden oder verlogen sein und verlogen sein, doch sie vertiefen den Zynismus in der Bevölkerung und verstärken den Eindruck, dass Politik grundsätzlich ein schmutziges Geschäft ist, auch die Politik der Opposition, und dass man allen Politikern, auch Dissidenten, grundsätzlich misstrauen sollte. [...] 
Die saudische Regierung attackiert ihre Feinde mit tausenden realen und falschen Twitter- Konten. Dieser so genannten Fliegenarmee gehören staatliche Bots ebenso an wie begeisterte Freiwillige. Dank dieser öffentlich-privaten Partnerschaft wurde nach dem Mord an Khashoggi der arabische Hashtag. 'Wir vertrauen. Mohammed bin Salman' mehr als 1,1 Millionen mal verwendet. Das Gefühl der Stärke und Zugehörigkeit, das Menschen in der Masse erleben, können Sie nun auch zu Hause am Computer oder mit dem Handy haben.

Diese neue Art von Massenmobbing kann – gerade wenn sie vom Staat ausgeht, der auch Polizei und Geheimdienste kontrolliert – Leid, Angst und Paranoia in überwältigende Ausmaß verursachen. Opfer von Trollkampagnen werden oft sogar für Angehörige und enge Vertraute zu Unberührbaren. (S.150)
Die Kombination von neusten Technologien aus Silicon Valley, klassischen PR-Techniken und eine diktatorischen Grundhaltung wird seit langem für koordinierte Online-Hetzkampagnen verwendet, nicht nur von Amateuraktivisten und nicht nur für Cancel-Kampagnen oder Shitstorms, sondern auch von demokratisch gewählten Regierungen und Politikern in aller Welt. In der Tat sind sie oft ein Warnsignal, dass sich eine Demokratie im Niedergang befindet. [...]
Die Kampagne gegen die mexikanische Politikwissenschaftlerin Kolumnisten, Feministin und Aktivistin Denise Dresser. Seit 2020 attackierte Präsident [...Obrador] sie regelmäßig während seiner morgendlichen Pressekonferenzen. [...] Sie wurde heimlich in der Öffentlichkeit fotografiert; auf einem der Fotos, das in einem Starbucks aufgenommen wurde, scheint ihre Bluse offen zu stehen. Das Foto verbreitete sich im Internet ,darunter der Kommentar, sie lebe allein und leide unter Demenz. (S.151/152)

"Seit / 2023 spricht Trump davon, im Falle seiner Wiederwahl werde er das Justizministerium auf seine Feinde ansetzen – nicht, weil sie sich etwas hätten zuschulden kommen lassen, sondern weil er 'Vergeltung' wolle. Sollte es ihm jemals gelingen, nicht nur mit massiven Trollkampagnen, sondern auch mit Gerichten und Ermittlungsbehörden gegen seine Feinde vorzugehen, dann wäre die Vermischung aus autokratischer und demokratischer Welt perfekt." (S.153/54) 
[Das wäre eine politische Rechtfertigung für die von Biden vorsorglich ausgesprochenen Begnadigungen, aber eine rechtlich sehr fragwürdige. Es sei denn, man nähme an, die vorsorgliche Amnestie für Trump von Seiten des obersten Gerichtshofes für seine Taten im Amt sei illegal.]


Epilog: Demokraten vereinigt euch (S.155 ff.)

"[...] Von der Leyens Aufruf, diese Beziehungen auf der Grundlage von Transparenz, Berechenbarkeit und Gegenseitigkeit neu auszutarieren, war eine diplomatisch formulierte Forderung nach Zöllen, Einfuhrverboten und Exportkontrollen, die sicherstellen sollen, dass China mit staatlichen Mitteln nicht unsere Industrie ruiniert.
Diese Warnung reicht noch nicht aus, denn die Konkurrenz betrifft nicht nur China und nicht nur die Wirtschaft. Wir stehen heute an einem Wendepunkt, an dem wir dafür Sorge tragen müssen, dass Überwachungstechnologie, Künstliche Intelligenz, das Internet der Dinge, Stimm- und Gesichtserkennungssysteme und andere neue Technologien, den demokratischen Werten, den Menschenrechten und der Transparenz verpflichtet sind. Bei der gesetzlichen Regulierung der sozialen Medien sind wir bereits gescheitert mit fatalen Folgen für die Politik in aller Welt [...] Ein Bündnis aus Demokratien, sollte Transparenz fördern und internationale Standards festlegen,[...] 
Wir können es nicht länger zulassen, dass die Reichsten Geschäfte mit Autokratien machen und sich für deren außenpolitische Ziele einspannen lassen, während sie gleichzeitig Aufträge von demokratischen Regierungen erhalten und den Status, die Privilegien der Staatsbürgerschaft und die Rechtssicherheit der demokratischen Welt genießen.  Es ist Zeit, sie vor die Wahl zu stellen. [...]" (S. 176/77).

Mein Urteil: Ein nützliches Buch, aber indem Applebaum gar nicht auf dieselben Verleumdungsmethoden von Seiten des Westens ("Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst") eingeht, schwächt sie ihre Argumentation.
Die Aussage von Rezensenten, sie habe nicht genügend darauf hingewiesen, was man zur Verteidigung der Demokratie tun könne, lässt fast den Verdacht aufkommen, sie hätten die Seiten ab S.127 nicht gelesen. 
Einen Königsweg zur Verteidigung der Demokratie gibt es freilich in der Tat nicht. Denn fehlerlos regieren und der eigenen Bevölkerung jede Zumutung ersparen, das kann keine Regierung, das ist nicht Menschensache. 

Sieh auch:

LRT (LT)

Bedrohlicher Zusammenschluss von Diktatoren

Für LRT-Kolumnist Rimvydas Valatka ist der Krieg damit ein Stück weiter an Litauen herangerückt:

„Das tapfere ukrainische Volk wird die nächsten tausend Tage dieses Krieges nicht überstehen – zu isoliert, zu ungleich in der Stärke, um dem Zusammenschluss von Diktatoren aus aller Welt standzuhalten. Und wenn das geschieht, wird das faschistische Russland seinen Krieg nach Litauen und nach ganz Europa tragen. Die Bedrohung ist bereits spürbar: Die nahezu zeitgleiche Beschädigung der Kabel zwischen Finnland und Deutschland sowie zwischen Litauen und Schweden ist kein Zufall.“

Rimvydas Valatka

05 Januar 2025

Sabine Bode: Die vergessene Generation – Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen

 Sabine BodeDie vergessene Generation – Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen (Wikipedia), 2004 



Rezension bei Perlentaucher

"[...] Andere Erfahrungen der Kriegskinder, so die Autorin, verhalfen ihnen zu der Bezeichnung der „stillen Generation“, die sich nicht über ihr Schicksal beschwerte, sondern im Gegenteil Deutschland stillschweigend wieder aufbaute, mit gelernter Disziplin und aus dem Bedürfnis nach sicheren Lebensumständen. Besonders tun sich hierbei die Vertreibungs- und Flüchtlingskinder hervor, die, wenn sie Vertreibung und Flucht zusammen mit der Familie überlebten, zu Anpassung und Leistung angehalten wurden. Sie sollten unter allen Umständen Fehler vermeiden und Erwartungen erfüllen, um die Ehre der Familie, teilweise das Einzige was dieser noch geblieben war, nicht zu gefährden; auch aus Gründen einer ständigen Angst vor einer erneuten Vertreibung. [...]"

Ein verdienstvolles Buch. Dennoch scheint mit das Bild, das Bode liefert, etwas verzeichnet. Es stimmt gewiss für Kinder, die während der Flucht 1944/45 und Kinder, die durch Kriegserfahrungen (Bombenangriffe, Vollweisen) traumatisiert worden sind.  

Aber nicht alle Kriegskinder waren dermaßen traumatisiert, und natürlich haben nicht alle 'ihr Schweigen gebrochen'. Sie liefert eindrucksvolle Beispiele von Kriegsfolgen, die sich manchmal erst nach Jahrzehnten zeigen. Aber nicht alle Kinder, die während des Krieges geboren wurden, wurden durch den Krieg traumatisiert. Kinder, die manches nicht bewusst erlebt haben und die von ihren Eltern geschützt wurden, konnten trotz mancher Beschädigungen sogar besser aufwachsen als andere späterer Generationen. 

Nicht aufgrund großflächiger Untersuchungen nur aus dem persönlichen Erleben möchte ich darauf aufmerksam machen, dass Kinder, die Naziherrschaft als glückliche Kindheit erlebt haben und dann vom Autoritätsverlust der älteren Generationen betroffen waren, andere Erfahrungen gemacht haben als die, die über Krieg und Naziherrschaft nur durch Hörensagen wussten. Daher denke ich, dass die Generation der Jahrgänge (freilich nur ungenau zu fassen) etwa von 1928 - 1941 stärker betroffen war als frühere und spätere Generationen. 

Christa Wolf (Jahrgang 1929) hat in ihrem Roman "Kindheitsmuster" schon 1976 eindrucksvoll geschildert, wie stark sie von diesen Erfahrungen geprägt war.

Bericht eines Architekten über ein Schulerlebnis im Kriege:

"Stellen Sie sich ein hässliches kasernenartiges Schulgebäude vor und da den Schulhof während der Pause. Ich prügle mich mit einem Klassenkameraden, und wie das Schicksal es will, liege ich gerade in dem Moment über meinem Gegner, als wir beide in eines der Souterrain-Fenster fallen, dessen Glasscheiben mit lautem Klirren, zu Bruch gehen.

Kaum bin ich wieder auf den Beinen, werde ich von einer schadenfroh grölenden Horde zum aufsichtführenden Lehrer gestoßen. Der nimmt mich wortlos mit in das Klassenzimmer entnimmt dem Schrank einen Rohrstock, schlägt mich aber nicht, fährt nur mit dem Daumen fast liebevoll über das Marterinstrument und sagt: "Morgen, Freundchen…"
Wieder losgelassen, bin ich allein mit meiner Angst und den jagenden herzklopfenden Gedanken, deren Mittelpunkt nicht so sehr die bevorstehende Züchtigung ist wie die Scham, "es" zu Hause erzählen zu müssen.
Zu Hause bringe ich kein Wort heraus.
In der Nacht werden wir von heulenden Sirenen aus dem Schlaf gerissen. Fliegeralarm jagt uns alle in den Keller, fragwürdiger Schutz im Getöse von FLAK- und Bombentreffern.
Unser Block bleibt dieses Mal noch verschont, und ich muss mich am nächsten Morgen mit bleischwerem Herzen auf den Weg zur Schule machen. Von der letzten Straßenbiegung sind es nur noch wenige Schritte bis zur Schule, Als ich aufblicke, kann ich es nicht fassen: die Schule ist weg. Anstelle des gewohnten Backsteinmassivs nur ein Haufen rauchender Trümmer. Ich kann mich nicht erinnern, je wieder ein solches Glücksgefühl gehabt zu haben wie in diesem Moment. (S. 166/167)





Sieh auch: 

 Sabine BodeNachkriegskinderDie 1950er Jahrgänge und ihre Soldatenväter          


Schiller als Philosoph: Gespräch im Geisterseher

 Friedrich Schiller: Der Geisterseher (Gespräch)

"[...]›Gnädigster Prinz‹, fing ich von neuem an, ›hab ich Sie auch recht verstanden? Der letzte Zweck des Menschen ist nicht im Menschen, sondern außer ihm? Er ist nur um seiner Folgen willen vorhanden.‹

»Lassen Sie uns diesen Ausdruck vermeiden, der uns irreführt. Sagen Sie, er ist da, weil die Ursachen seines Daseins da waren und weil seine Wirkungen existieren, oder, welches ebensoviel sagt, weil die Ursachen, die ihm vorhergingen, eine Wirkung haben mußten, und die Wirkungen, die er hervorbringt, eine Ursache haben müssen.«

›Wenn ich ihm also einen Wert beilegen will, so kann ich diesen nur nach der Menge und Wichtigkeit der Wirkungen abwägen, deren Ursache er ist?‹

»Nach der Menge seiner Wirkungen. Wichtig nennen wir eine Wirkung bloß, weil sie eine größre Menge von Wirkungen nach sich ziehet. Der Mensch hat keinen andern Wert als seine Wirkungen.«

›Derjenige Mensch also, in welchem der Grund mehrerer Wirkungen enthalten ist, wäre der vortrefflichere Mensch?‹

»Unwidersprechlich.«

›Wie? So ist zwischen dem Guten und Schlimmen kein Unterschied mehr! So ist die moralische Schönheit verloren!‹

»Das fürcht ich nicht. Wäre das, so wollte ich sogleich gegen Sie verloren geben. Das Gefühl des moralischen Unterschiedes ist mir eine weit wichtigere Instanz als meine Vernunft – und nur alsdann fing ich an, an die letztere zu glauben, da ich sie mit jenem unvertilgbarem Gefühle übereinstimmend fand. Ihre Moralität bedarf einer Stütze, die meinige ruht auf ihrer eigenen Achse.«

›Lehrt uns nicht die Erfahrung, daß oft die wichtigsten Rollen durch die mittelmäßigsten Spieler gespielt werden, daß die Natur die heilsamsten Revolutionen durch die schädlichsten Subjekte vollbringt? Ein Mahomed, ein Attila, ein Aurangzeb sind so wirksame Diener des Universums, als Gewitter, Erdbeben, Vulkane kostbare Werkzeuge[167] der physischen Natur. Ein Despot auf dem Thron, der jede Stunde seiner Regierung mit Blut und Elend bezeichnet, wäre also ein weit würdigeres Glied ihrer Schöpfung, als der Feldbauer in seinen Ländern, weil er ein wirksameres ist – ja was das Traurigste ist, er wäre eben durch das vortrefflicher, was ihn zum Gegenstande unsers Abscheues macht, durch die größre Summe seiner Taten, die alle fluchwürdig sind – er hätte in eben dem Grade einen größern Anspruch auf den Namen eines vortrefflichen Menschen, als er unter die Menschheit herabsinkt. Laster und Tugend –‹

»Sehen Sie«, rief der Prinz mit Verdrusse, »wie Sie sich von der Oberfläche hintergehen lassen, und wie leicht Sie mir gewonnen geben! Wie können Sie behaupten, daß ein verwüstendes Leben ein tätiges Leben sei? Der Despot ist das unnützlichste Geschöpf in seinen Staaten, weil er durch Furcht und Sorge die tätigsten Kräfte bindet und die schöpferische Freude erstickt. Sein ganzes Dasein ist eine fürchterliche Negative; und wenn er gar an das edelste, heiligste Leben greift und die Freiheit des Denkens zerstöret – hunderttausend tätige Menschen ersetzen in einem Jahrhunderte nicht, was ein Hildebrand, ein Philipp von Spanien in wenig Jahren verwüsteten. Wie können Sie diese Geschöpfe und Schöpfer der Verwesung durch Vergleichung mit jenen wohltätigen Werkzeugen des Lebens und der Fruchtbarkeit ehren!«

›Ich gestehe die Schwäche meines Einwurfs – aber setzen wir anstatt eines Philipps einen Peter den Großen auf den Thron, so können Sie doch nicht leugnen, daß dieser in seiner Monarchie wirksamer sei, als der Privatmann bei dem nämlichen Maß von Kräften und aller Tätigkeit, deren er fähig ist. Das Glück ist es also doch, was nach Ihrem Systeme die Grade der Vortrefflichkeit bestimmt, weil es die Gelegenheiten zum Wirken verteilet!‹

»Der Thron wäre also nach Ihrer Meinung vorzugsweise eine solche Gelegenheit? Sagen Sie mir doch – wenn der König regieret, was tut der Philosoph in seinen Reichen?«

›Er denkt.‹

»Und was tut der König, wenn er regieret?«

›Er denkt.‹

»Und wenn der wachsame Philosoph schläft, was tut der wachsame König?«[168]

›Er schläft.‹

»Nehmen Sie zwei brennende Kerzen, eine davon stehe in einer Bauerstube, die andre soll in einem prächtigen Saale einer fröhlichen Gesellschaft leuchten. Was werden sie beide?«

›Sie werden leuchten. Aber eben das spricht für mich – Beide Kerzen, nehmen wir an, brennen gleich lang und gleich helle, und verwechselte man ihre Bestimmung, so würde niemand einen Unterschied merken. Warum soll die eine darum vortrefflicher sein, weil der Zufall sie begünstigte, in einem glänzenden Saal Pracht und Schönheit zu zeigen, warum soll die andre schlechter sein, weil der Zufall sie dazu verdammte, in einer Bauernhütte Armut und Kummer sichtbar zu machen? Und doch folgte dies notwendig aus Ihrer Behauptung?‹

»Beide sind gleich vortrefflich, aber beide haben auch gleichviel geleistet?«

[...]" (Text bei Zeno)


Gegenwärtig fehlt mir die Zeit, mich auf einen Text intensiver einzulassen. Den Geisterseher habe ich wohl zwischen 12 und 17 J. kennengelernt, spannend gefunden und war dann enttäuscht, dass Schiller ihn nicht beendet hat. Zu seiner Stellung in seinem Werk hier in der Wikipedia mehr: Der Geisterseher.
Heute fiel mir unvermutet das Gespräch in die Hand. Bemerkenswert, wie er Philosophie in den Spannungsroman einfügt, den er gebrauchen konnte, um seine Leser/innen an seiner Zeitschrift Thalia festzuhalten.















































04 Januar 2025

Thomas Mann: Der Zauberberg

 Thomas Mann: Der Zauberberg

Kapitel Enzyklopädie: Settembrinis "Internationaler Bund für Organisierung des Fortschritts", der seine Arbeit mit einer Enzyklopädie des Leidens beginnt, um dann gezielt alle Leiden zu beseitigen. 

Dagegen Naphta, der mit gekonnter Sophistik Settembrini Paroli bietet.

Hans Castorps Schneetraum führt ihn zu dem lebenszugewandten Satz: „Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken“. (Das entspricht Manns Lebenshaltung mit Bejahung der Weimarer Republik.)

Doch er verlässt die morbide Atmosphäre des Zauberbergs nur, um in den Krieg zu ziehen: "Und so, im Getümmel [...] kommt er uns aus den Augen." 

Streng genommen ist das kein Bericht vom Untergang; aber dem Leser bleibt kein Anknüpfungspunkt für einen glücklichen Schluss.

Der letzte Satz: "Wird auch aus diesem Weltfest des Todes [...] einmal die Liebe steigen?" bietet dafür nicht mehr als das Fragezeichen. 

Zum Personal: 

30 Dezember 2024

Laozi: Tao-Te-King

 LaoziDaodejing oder Daudedsching, auch: Tao-Te-King

Goldmann 2003 übertragen von Peter Kobbe

















































Laotse:Tao-Te-King

Reclam 1976

Übersetzung Günther Debon





28 Dezember 2024

Herman Melville: Das Paradies der Junggesellen und der Tartarus der Mädchen

 Herman Melville: Das Paradies der Junggesellen und der Tartarus der Mädchen

"[...] Lange Reihen stattlicher Porträts zeigen in den Banketthallen, welche großen Männer von Bedeutung – berühmte Adlige, Richter, Lord Kanzler – zu ihrer Zeit Templer waren. Nicht alle Templer sind berühmt geworden, wenn jedoch ein warmes Herz und noch wärmeres Entgegenkommen, reiche Kenntnisse und noch reichere Keller zu haben, guten Rat und herrliche Diners, gewürzt mit sprühenden Unterhaltungen voll Heiterkeit und Phantasie, zu geben, unsterbliche Verdienste sind, dann, ihr Musen, verzeichnet die Namen von R. F. C. und seinem kaiserlichen Bruder.

Obwohl man, um es zum wirklichen Templer zu bringen, unbedingt Jurist sein oder Jura studieren und feierlich in den Orden aufgenommen werden muß, und während viele, obgleich sie Templer sind, nicht im Bezirk des Tempels wohnen, obschon sie dort vielleicht ihre Kanzlei haben, wohnen doch andererseits manche in den altersgrauen Wohnungen, die keine erklärten Templer sind. Wenn Sie als müßiger Gentleman und Junggeselle oder als stiller, unverheirateter Literat, entzückt von der lieblichen Abgeschiedenheit der Örtlichkeit, den Wunsch haben, Ihr schattiges Zelt zwischen den übrigen in diesem erhabenen Lager aufzuschlagen, dann müssen Sie mit einem Mitglied des Ordens besondere Freundschaft schließen und ihn veranlassen, auf seinen Namen, aber auf Ihre Kosten, irgend ein freies Zimmer zu mieten, das Ihnen gerade zusagt.

So machte es, denke ich, Dr. Johnson, nominell junger Ehemann und Witwer, eigentlich aber Junggeselle, als er eine Zeitlang dort wohnte. So machte es auch jener unbestrittene Junggeselle, Charles Lamb, die vortreffliche gute Seele. Und hundert andere, wackere Leute, Brüder vom Orden des Cölibats, haben von Zeit zu Zeit dort diniert, geschlafen und gewohnt. In der Tat ist das Ganze eine Honigwabe von Kanzleien und Wohnungen. Wie jeder Käse ist es in allen Richtungen durchlöchert von den schmucken Junggesellenzellen. Teurer, geliebter Ort! Ach, wenn ich an die herrlichen Stunden im Genuß so fröhlicher Gastfreundschaft dort unter jenen ehrwürdigen Dächern denke, findet mein Herz nur in der Poesie angemessenen Ausdruck, und mit einem Seufzer singe ich leise: »Bringt mich wieder nach dem alten Virginien zurück!«

So also ist im großen und ganzen das Paradies der Junggesellen. Und so fand ich es eines schönen Nachmittags im lieblichen Monat Mai, als ich mich von meinem Hotel am Trafalgar Square aufmachte, um eine Verabredung zum Essen einzuhalten, die ich mit dem kultivierten Barrister, Junggesellen und Richter, R. F. C. (er ist das erste und zweite und sollte das dritte sein, wozu ich ihn hiermit vorschlage) hatte, dessen Karte ich fest zwischen meinem behandschuhten Daumen und Zeigefinger geklemmt hielt, dann und wann wieder einmal rasch auf die erfreuliche Adresse blickend, die unter dem Namen geschrieben war: ›No –, Elm Court, Temple‹.

Im Grunde war er ein wirklich freimütiger, sorgloser, richtig gemütlicher und sehr umgänglicher Engländer. Wenn er beim ersten Kennenlernen zurückhaltend erschien, geradezu eisig in seinem Wesen – Geduld, dieser Champagner will auftauen. Und tut er es nicht, besser gefrorener Champagner als flüssiger Essig.

Neun Herren nahmen am Essen teil, lauter Junggesellen. Einer war von ›No – King's Bench Walk, Temple‹; ein zweiter, dritter, vierter und fünfter von verschiedenen Höfen oder Passagen, die auf ebenso klangvolle Silben getauft waren. Sie bildeten wirklich eine Art Junggesellensenat, von den weit verstreuten Distrikten zu diesem Essen entsandt, um die gesamte Junggesellenschaft des Tempels zu repräsentieren. Ja, die Gäste stellten sogar als Vertreter ein Großparlament der besten Junggesellen von ganz London dar; einige der Anwesenden waren aus entfernten Stadtvierteln, berühmten, uralten Wohnsitzen von Juristen und unverheirateten Männern – Lincoln's Inn, Furnival's Inn, und ein Gentleman, auf den ich mit einer Art indirekter Ehrfurcht blickte, kam daher, wo Lord Verulam einst als Junggeselle verweilte – aus Gray's Inn. [...]"

"[...] »Die Schneiden dieser Schwerter sind von den Mädchen abgekehrt, wenn ich mich nicht irre; aber die Lumpen und die Finger fliegen so schnell, daß ich es nicht genau sehen kann.«

»Abgekehrt.«

Ja, murmelte ich vor mich hin, abgewendet, jetzt sehe ich es; jedes der aufgerichteten Schwerter steht so da, abgewendet, vor jedem Mädchen. Und wenn mein Wissen mich nicht täuscht, war es früher mit verurteilten Staatsgefangenen, die aus der Gerichtshalle zur Richtstätte schritten, genau so: ein Beamter ging vor ihnen her und trug ein Schwert mit abgewendeter Schneide voran, zum Zeichen ihrer Verurteilung zum Tode. So gehen diese bleichen Mädchen durch die schwindsüchtige Blässe ihres leeren, zerfetzten Lebens ihrem Tode entgegen.

»Diese Sicheln sehen sehr scharf aus«, wandte ich mich wieder an den Jungen.

»Ja, sie müssen sie auch so halten. Sehen Sie!«

Zwei Mädchen ließen gerade ihre Lumpen fallen und führten einen Schleifstein an der Sichelklinge auf und ab. Mein daran nicht gewöhntes Blut erstarrte bei dem scharfen Kreischen des gequälten Stahls.

Ihre eigenen Henker! Sie wetzen selbst die Schwerter, die sie treffen, dachte ich.

»Wovon sind diese Mädchen so kreidebleich, mein Junge?«

»Warum?« antwortete er ahnungslos scherzend mit einem schelmischen Zwinkern voll unbewußter Herzlosigkeit. »Der Umgang mit diesen weißen Fetzen wird sie wohl so blaß machen.«

»Ich denke, wir verlassen jetzt den Lumpenraum, mein Junge.«

Tragischer und undurchdringlich dunkler als irgend ein anderer rätselhafter Anblick in der Fabrik, sei es von einem Menschen oder einer Maschine, war die sonderbare Unschuld und die Herzensgrausamkeit dieses von der Gewohnheit hart gemachten Jungen.

»Und nun«, sagte er aufmunternd, »nehme ich an, daß Sie unsere große Maschine sehen wollen, die wir erst vorigen Herbst für zwölftausend Dollar gekauft haben. Es ist auch die Maschine, die das Papier macht. Hier entlang, Sir.« [...]"

Herman Melville: Weißjacke oder Die Welt auf einem Kriegsschiff

  Herman Melville: Weißjacke oder Die Welt auf einem Kriegsschiff

"Die Erzählung setzt mit der Ankündigung der Heimreise von Callao in Peru aus ein; zu Romanbeginn befindet sich das Kriegsschiff also bereits am Ende der ersten Reisehälfte. Im Laufe der Erzählung werden Kap Hoorn, Rio de Janeiro sowie der Äquator passiert.

Anhand dieses Rahmens behandelt Melville die verschiedenen Aspekte des Lebens auf dem Kriegsschiff. Dazu zählt zunächst die Beschreibung der Hierarchieebenen an Bord sowie der Personen, die sie auf der Neversink bekleiden. Darüber hinaus werden die verschiedensten Situationen dargestellt, die während der Reise auftreten. Dazu zählen beispielsweise die Unterbringung der Mannschaft, die Sauberhaltung des Schiffs, die Freizeitgestaltung der Matrosen, die Vorgänge im Lazarett, die Bestattung auf See, die Bestrafung bei Vergehen und die Trinkgewohnheiten der Mannschaft mitsamt den damit verbundenen Schmuggelaktivitäten. [...] Weißjackes Perspektive ist nicht die von der Kommandobrücke herab, denn er gehört zu den einfachen Matrosen; trotzdem nimmt er auch nicht die Perspektive der Menschen auf dem Mannschaftsdeck ein, sondern betrachtet die Kriegsschiffwelt von seinem Posten an der höchsten Rah der Fregatte aus, was ihm eine freie, breite, ungezwungene und gerechte Darstellung ermögliche.[...]" (Wikipedia)