24 Januar 2008

Der Wanderer zwischen beiden Welten

"Sein Gehen war federnde, in sich beruhende und lässig bewegte Kraft, jenes Gehen, das »Schreiten« heißt, ein geruhiges, stolzes und in Stunden der Gefahr hochmütiges Schreiten. Der Gang dieses Menschen konnte Spiel sein oder Kampf oder Gottesdienst, je nach der Stunde." Das schrieb Walter Flex über Ernst Wurche und schrieb damit ein Kultbuch der Jugendbewegung.

Zwölf Bismarcks

Zwölf Bismarcks ist eine 1913 erschienene Sammlung von Novellen von Walter Flex, die ähnlich wie Gustav Freytags Die Ahnen an einer Folge von Individuen einer Geschlechterfolge verschiedene Epochen zu vergegenwärtigen sucht.

Walter Flex hatte als Hauslehrer der Famile Bismarck in Varzin und später in Friedrichsruh bei Hamburg eine Beziehung zu Familie und Familiengeschichte der Bismarcks aufgebaut und ähnlich wie sein Veter das Bedürfnis, Otto von Bismarck als Nationalhelden zu verherrlichen. Das versuchte er wie in seinem Drama Klaus von Bismarck und der Erzählung Der Kanzler Klaus von Bismarck durch den Blick auf die Geschichte, die die Bismarcks in der Geschichte der Mark spielten. Anders als in der Darstellung zu Klaus von Bismarck geht es ihm freilich nicht um eine Stilisierung aller dieser Personen zu Nationalhelden. Vielmehr werden einzelne Personen auch etwas kritisch betrachtet. So der Junggeselle Carl Alexander von Bismarck, der sich in den Kopf setzt, eine Verwandte zu heiraten, von deren Existenz er erfahren hat, ohne sich vorher zu informieren, ob sie überhaupt noch lebt.

21 November 2007

Der Freund und der Fremde

Ich bin am Bücher aussortieren. Bisher etwa 20 Kisten. Nicht aussortieren werde ich das Buch, über das ich nach dem Lesen schrieb:

Ich werde es kaufen. Und sei es wegen des Landauerzitats vom Krähen und dem Kikeriki. („Es ist etwas anderes, ob ich das Krähen nachahme oder Kikeriki sage.“ – „So wie ich es heute lese, ist es die kürzeste Beschreibung des Realismusproblems, also dessen, was das Delirium der Nichtadäquanz von Sprache und Dingen ausmacht.“, sagt dazu Uwe Timm.)

Dies Buch, das mich informiert, dass mein Buch über die Studentenbewegung überflüssig ist. Dass ein anderer das verarbeitet hat, was zu verarbeiten ich mir für später einmal vorgenommen hatte.

Der Timm (Uwe Timm: Der Freund und der Fremde – autobiographisch und über seinen Schulfreund Benno Ohnesorg, das Todesopfer vom 2.6. 1967) bietet - seltener geworden - mal wieder das Leseerlebnis, "mehr", "besser", "tiefer" geworden zu sein durch Lektüre.

17 November 2007

Schopenhauer

Safranski hat in Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie eine Erklärung dafür gegeben, wieso für Schopenhauer der Wille das Grundlegende sei. Unabhängig von jeder Anschauungsform, unabhängig von jeder äußeren Welt erlebe der Mensch ihn in sich selbt.
Die Motive, die Bestimmungsgründe, seien von außen beeinflusst. Weil aber der Mensch den Willen als vor und unabhängig von den Reizen der Außenwelt erlebe, könne er sich auch durch noch so zwingende äußere Motivation vor sich selbst nicht als unfrei, von äußeren Zwängen bestimmt sehen, auch wenn er es zur Verteidigung nach außen gern so darstellen werde. Dabei ist der Wille freilich etwas durch den Charakter des Menschen Vorherbestimmtes, so dass Schopenhauer formulieren kann: „Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.“

14 November 2007

Auf den Straßen Roms


Eine junge Frau allein in Rom, nachdem sie drei Tage nach dem Zusammentreffen mit ihrem Mann, erfahren hat, dass er, der Soldat, zum Afrikakorps muss.
Schwanger, vom Arzt aufgefordert, viel zu gehen, immer unterwegs. Mit Blick auf die vielen Adler. Was sollen die deutschen Adler hier? Aber sie sind auch weniger militärisch, natürlicher, streng freilich auch.
Im evangelischen Diakonissenheim auf die Geburt wartend, so war das Arrangement gewesen. Er als Soldat eine halbe Stunde entfert, sie im Heim. Er jetzt in Afrika.

So geht die Mutter von Friedrich Christian Delius durch die Stadt.
Er nennt sein Buch "Bildnis der Mutter als junge Frau". Die Gedanken der jungen Frau bei ihren ständigen Spaziergängen durch eine Stadt, deren Landessprache sie nicht versteht, deren Geschichte sie nur verschwommen kennt, deren Kunstwerke sie nicht einordnen kann, bezeichnet als Bildnis wie das Werk eines Tizian, Botticelli, Lippi oder Cranach.

Dabei sieht sie viele Bilder, den grüngrauen Tiber mit prächtigen hellen Mauern gerahmt. Aber ein Bild ihrer selbst?

Rezension von Katharina Döbler
in der ZEIT, 8.11.2006

01 November 2007

Entstehung des Doktor Faustus

"[...] ich muß darin Bescheid gewußt haben, so weit, daß es mir möglich war, sofort mit seinem Motiv-Komplex in toto zu arbeiten, den Anfängen gleich die Tiefenperspektive des Ganzen zu geben ..." (Thomas Mann: Schriften u. Reden zur Literatur, Kunst u. Philosophie Bd 3, Fischer Bücherei Moderne Klassiker 115, S. 105)

Während des Vordringens der Alliierten - nach Abfassung seines Vortrages "Deutschland und die Deutschen" - ist Mann durchaus nicht euphorisch. "Sieghafte Hoffnungslosigkeit" notiert er im Tagebuch und über ein Gespräch mit zwei Schweizern die Befürchtung "Der Sieg wird ärger verspielt werden als das vorige Mal." (S.144)

31 Oktober 2007

Doktor Faustus: Vereinnahmung - Montage-Technik

Kunstvoll, viele Ebenen ineinanderschiebend, anspruchsvoll in der Verabeitung des politischen Gegenstandes, der ethischen Frage, sowie der dämonisch-religiösen-antichristlichen Dimension der Kunst ist Thomas Manns Doktor Faustus auch ein Werk, das in manchem die Herübernahme des im realen Leben Geliebten in die Sphäre des literarisch Teuflischen sehr weit treibt.
Der geliebte Enkel, den er im Roman unter gräßlichen Schmerzen sterben lässt, seine Geliebten, die er porträtiert und durch die Art seiner Darstellung auch wieder herabsetzt, schließlich die Zwölftonmusik Schönbergs, von der er in der "Entstehung des Doktor Faustus" zu Recht sagt, dass es "fast etwas von Kränkung gehabt hätte, im Text seinen Namen zu nennen".
Ob mit Namen oder ohne Namen, der Zusammenhang, in den ein Mensch oder das Lebenswerk eines Menschen hier gestellt wird, hat etwas Kränkendes. Auch wenn Kunstnotwendigkeit es befiehlt und hohe Kunst das Ergebnis ist.
Ist aber nicht das Auslassen des Holocaust, die Parallelisierung des deutschen Geschehens von 1933 bis 1945 mit dem Teufelspakt eines Künstlers eine unzulässige Stilisierung des Banal-Bösen?
Doch darf andererseits die Verarbeitung (nicht die "Bewältigung") von Gegenwart durch Kunst dem Künstler verboten sein? Wenn die Satire alles darf, sollte die Kunst es nicht auch dürfen?
Was dürfen Satire und Kunst wirklich?

Thomas Mann hat selbst in der "Entstehung" von der "mich dauernd bestürzenden Rücksichtslosigkeit im Aufmontieren von faktischen, historischen, persönlichen, ja literarischen Gegebenheiten" gesprochen, wobei diese "Montage-Technik" aber zur "Idee des Buches" gehört habe. Möglich sei ihm diese Technik geworden, wegen des Charakters des Buches "als Geheimwerk und Lebensbeichte, der die Vorstellung seines öffentlichen Daseins überhaupt von mir fernhielt, solange ich daran schrieb". (Die Entstehung des Doktor Faustus, Schriften u. Reden zur Literatur, Kunst u. Philosophie Bd 3, Fischer Bücherei Moderne Klassiker 115, S.103)
Wir brauchen diese Äußerung freilich nicht für mehr zu nehmen als als Rechtfertigung der Kunstnotwendigkeit. Denn vorher hat er schon gesagt, dass sein "Lebensplan, der immer ein Arbeitsplan gewesen war" dies Thema "an das Ende gestellt hatte".
Alle seine vollendeten Arbeiten hatte er veröffentlicht. Der Plan sah mit der Verschränkung der Zeitebenen von Biographie und Erzählzeit Zeitblooms eine Abrechnung mit dem Nationalsozialismus vor. Die sollte der Öffentlichkeit vorenthalten werden?
Das ist nicht zu glauben, eher, dass Thomas Mann den Gedanken an die Veröffentlichung fernhielt, damit er "Gegebenheiten" einbringen könne, die bewusst der Öffentlichkeit vorzustellen, er sich nicht gestattet hätte. Wusste er doch, dass er die Episode mit Frido, "die Geschichte des Gotteskindes" in einer Sphäre der "Unmenschlichkeit" ("Entstehung des Doktor Faustus", S.101) erzählen würde.