11 September 2026

Raymond Aron: Erkenntnis und Verantwortung. Lebenserinnerungen 1985

 norberto42:

Raymond Aron: Erkenntnis und Verantwortung. Lebenserinnerungen 1985


"Die Lebenserinnerungen Arons sind ein imposantes Buch. „Meine politische Erziehung“ behandelt sein Leben bis 1939, sein Studium und seine Freundschaft mit Sartre, seine Entdeckung Deutschlands und seines Judentums, das dem französischen Staatsbürger nichts bedeutet hatte. In „Die Versuchung der Politik“ spricht er von seinem Leben bis 1955, wo er zunächst in England in der Nähe de Gaulles und dann im befreiten Frankreich als Journalist gearbeitet hat. „Ein Professor im Sturm der Zeit“ (1955-1969), das war er als Soziologieprofessor an der Sorbonne, der das Industriezeitalter und die Ost-West-Konfrontation sowie die Theorie des Krieges durchdachte und die Studentenunruhen miterlebte. „Die Jahre des Mandarins (1969-1977)“ gelten der Auseinandersetzung mit dem späten Sartre und seinem verbohrten Marxismus, der Freundschaft mit Henry Kissinger, dem Nachdenken über Clausewitz und die Dekadenz des Westens. Im letzten Teil spricht er von seinem Leben nach einer Embolie und blickt zurück auf seine Bücher, sein Wirken, seine Freunde und Gegner.

Sein Leben war das „eines französischen Bürgers, der Jude war und den eine halbfreie französische Regierung aufgrund eines auf rassischen Kriterien beruhenden Status aus seinem Vaterland ausgeschlossen hatte; Bürger eines Frankreich, das Mitglied der Europäischen Gemeinschaft ist und eines der vier Zentren der Wissenschaft und Wirtschaft in der Welt, das sich dennoch als unfähig erweist, sich selbst zu verteidigen und sich nicht entscheiden kann zwischen der amerikanischen Protektion und der pax sovietica, die Moskau ihm um den Preis seiner Freiheit bietet; Bürger eines liberaleren und freieren Europas als je zuvor, das jetzt von der Auflehnung gegen die Zwänge der Industriegesellschaft heimgesucht wird; vielleicht eines dekadenten Europa, weil die Zivilisationen in der Freiheit erblühen und im Unglauben verwelken; ein Europa in einer Menschheit, die trotz der Verlangsamung des wirtschaftlichen Wachstums bis zum Ende dieses Jahrhunderts zum weiteren Ausbau der Wissenschaft und der Produktion verurteilt sein wird“. Und er plädiert entschieden für den Pluralismus und für den Zweifel an letzten Wahrheiten. „Tragisch ist die Notwendigkeit, unsere Sicherheit auf die Drohung mit Atombomben zu gründen; tragisch ist die Entscheidung zwischen der Anhäufung von konventionellen Waffen und der nuklearen Bedrohung; tragisch die Zerstörung der alten Kulturen durch die industrielle Zivilisation. (…) Ich glaube weiterhin, dass ein glücklicher Ausgang denkbar ist, er liegt jenseits des politischen Horizonts in der Idee der Vernunft (im Sinne Kants).“

Bemerkenswert ist Arons Hinweis auf die niedrige Geburtenrate in Europa, die es nötig macht, auf fremde Arbeitskräfte zurückzugreifen, wodurch es dann beinahe zwingend zu Spannungen mit der alteingesessenen Bevölkerung kommt – wer dächte da nicht an die AfD und ihre Hetze gegen Ausländer?

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