26 Januar 2024

Maxim Gorkij: Erzählungen

 Matriona, die Dulderin

Es war einmal eine Frau, sagen wir, Matriona. Sie arbeitete für einen fremden Onkel, sagen wir Nikita, und für seine Verwandten und seine zahlreichen Leute.

Es ging der Frau schlecht. Onkel Nikita beachtete sie überhaupt nicht, obwohl er vor den Nachbarn prahlte:

»Meine Matriona hat mich sehr lieb. Ich tue mit ihr, was ich will. Ein musterhaftes Arbeitstier ist sie, gehorsam wie ein Gaul.« [...]

Aber der Held quält sie und fragt andauernd:

»Was bin ich für dich?«

Und schlägt sie hinter die Ohren und zaust sie am Zopfe.

Matriona küßt ihn, redet ihm gut zu, spricht freundliche Worte zu ihm:

»Ach, du mein lieber italienischer Garibaldi, o du mein englischer Cromwell, du mein französischer Bonaparte!«

Aber nachts weinte sie leise vor sich hin:

»Herrgott, Herrgott! Ich hatte gedacht, es würde wirklich etwas geschehen. Und das ist nun dabei herausgekommen!«

*

Ich gestatte mir daran zu erinnern, daß das ein Märchen ist.


Das Mädchen

Ein Mädchen singt im schrecklichsten Elendsviertel mit rührend kindlicher Stimme ihrer Puppe, einem Kochlöffel, ein Schlaflied. Der Erzähler ist gerührt.

Da sieht sie ihn - sie ist etwa 11 Jahre - und bietet sich ihm für 15 Kopeken an. "Los, komm schon" Als er nicht darauf eingeht: "Hab dich nicht so! Du glaubst wohl ich würde schreien, weil ich klein bin? Keine Angst, das habe ich früher getan ... während ich jetzt..." [...]

Ich ließ sie stehen und ging; ich trug in meinem Herzen ein böses Entsetzen und den traurigen   Blick der klaren Kinderaugen mit mir davon." (1905)

Bei Storm hieß es noch:

"Die fremde Stadt durchschritt ich sorgenvoll, der Kinder denkend, die ich ließ zu Haus. Weihnachten war’s, durch alle Gassen scholl der Kinder Jubel und des Markts Gebraus. Und wie der Menschenstrom mich fortgespült, drang mir ein heiser Stimmlein in das Ohr: „Kauft, lieber Herr!“ Ein magres Händchen hielt feilbietend mir ein ärmlich Spielzeug vor. Ich schrak empor, und beim Laternenschein sah ich ein blasses Kinderangesicht; wes Alters und Geschlechts es mochte sein, erkannt ich im Vorübergehen nicht. Nur von dem Treppenstein, darauf es saß, noch immer hört ich, mühsam, wie es schien: „Kauft, lieber Herr!“ den Ruf ohn Unterlaß; doch hat wohl keiner ihm Gehör verliehn. Und ich? War’s Ungeschick, war es die Scham, am Weg zu handeln mit dem Bettelkind? Eh’ meine Hand zu meiner Börse kam, verscholl das Stimmlein hinter mir im Wind. Doch als ich endlich war mit mir allein, erfaßte mich die Angst im Herzen so, als säß’ mein eigen Kind auf jenem Stein und schrie nach Brot, indessen ich entfloh."



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