Kapitel 6 S. 47 ff.
"Kain war unterwegs zum Bach, manchmal hatte er selbst den Eindruck zu fliegen, hochgehoben von dem Sturm, der in ihm tobte. Die Wanderung, die für gewöhnlich einen halben Tag dauerte, war bereits zu Ende, noch ehe die Morgensonne um den Bergkamm im Osten herum gekommen war.
Er dachte an nichts. Nur Platz für den Sturm, und die Erleichterung waren in ihm, als wäre er davon gekommen.
Entkommen.
Er begab sich geradewegs unter den Wasserfall auf dem Felsvorsprung und ließ sich sauber waschen. Er lauschte. Der Sturm in ihm hatte sich beruhigt, der Gesang des rauschenden Wassers erfüllte ihn jetzt, hell und verspielt
[...]
Er wusste, was er zu tun hatte. Er würde zu den großen Laubwäldern im Osten gehen, zu dem seltsamen Volk, von dem er so viel hatte berichten hören. Seit den Erzählungen, Vaters Erzählungen aus der Kindheit, hatte er sich nach dem Volkgesehnt. Und immer wieder hatte er Eva, nachdem sie von ihrer Wanderung / zurückgekommen war, bedrängt, noch mehr von dem Licht dort in dem Wald zu berichten, von dem munteren, lüsternen Volk, Ihren Umarmungen und ihrem Lachen.
Dem freien Volk.
Und ihrem Anführer, den sie Satan nannten, mit seiner unbändigen Kraft.
Bei Ihnen gab es keine Erinnerung, hatte Eva gesagt. Jede Handlung war in dem Augenblick, in dem sie ausgeführt wurde, bereits vergessen.
Niemand betrauerte die Toten.
Und es würde keinen Abel geben.
Auch keine Gedanken und keine Worte. Schon immer hatte er sich danach gesehnt, er war nun mal kein Mann der Worte.
Dort konnte er den Sturm in seinem Inneren zulassen. Alle waren sie wie Glieder eines Körpers., so hatte Eva gesagt. Es war nicht leicht zu verstehen, aber es hatte eine eigene Leuchtkraft, zog ihn unwiderstehlich an. Mehr als einmal, hatte Kain gedacht, dort sei sein eigentliches Zuhause. Dort könnte er eins werden mit den vielen, könnte dem Großen Körper in ewiger Gemeinschaft angehören. [...]" (S.48) [...] (S.50:) "Soeben war das geile Volk nach dem Mittagsschlaf aufgewacht. Kain sah sie dort unten ungehemmt kopulieren.
Und nichts von dem, was er sah, stimmte mit seinem Bild von befreiten, freudigen Umarmungen überein.
Es widerte ihn an.
Wie gebannt blickte Kain diesen Satan an, den Mann, der die Träume seiner Kindheit beherrscht hatte.
Kain schaute zu und verabscheute die Lüsternheit, Rohheit und Gewalttätigkeit. Am schlimmsten von allem war das schlaffe Gesicht mit den halb geschlossenen Augen, irgendwie passte es nicht zu dem muskulösen, kopulierenden Körper.
Einmal hob der Mann den Blick, und Kain sah in seine Augen. Sie waren schwarz, schwermütig – etwas darin erkannte er wieder.
In diesem Moment brach in ihm erneut der Sturm los, ergriff ihn diesmal mit Orkanstärke, riss ihn von der Baumkrone und fegte ihn genau auf den Mann zu. / Durch den Sturm hörte er das wütende Geheul der Horde, als er sein Messer mitten in das Herz des Satans stieß, es hineinbohrte, herauszog, erneut zustieß und dann den Bauch aufschlitzte.
Als die Gedärme herausquollen, kehrte in Kain endlich Ruhe ein. Er nahm sein Messer, strich es im Gras ab und machte sich auf dem Weg zum Waldrand. Das Waldvolk war verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt.
Auf dem Weg nach draußen merkte er, dass das unbewegliche, weiße Licht mit einem schwarzen Schimmer durchzogen war, dunkle Streifen und Flecken tanzten um seine Füße." (S. 47-51)
Kapitel 7, S.52ff.
"Vierzig Schritte waren es von dem goldenen Thron bis zu dem geflügelten Steinlöwen am Ende des Säulenganges. Sie wusste es genau, denn sie war sie nunmehr viele Jahre lang auf- und abgeschnitten.
Jahrzehntelang hatte der Gott des Schlafes die heilige Königin von Nod gemieden. Die Nächte hindurch wanderte sie über den Mosaikboden, der von Alu-Lims Handwerkern gelegt worden war, dem Stammvater, dem obersten Himmelsgott, der einst den Tempelturm hier auf der Hochebene errichtet hatte. [...].
Vom Dach des Turmgebäudes konnte man die Gebete des Mondpriesters hören, die langen, heiligen Verse, die der Göttervater Alu-Lin, zum Schutz der Menschheit vom Himmel herunter hinunter auf die Erde gebracht hatte. Jetzt wussten alle und manche, ohne darüber nachgedacht zu haben, dass die Gebete des Mondpriesters ihre Kraft aus dem göttlichen Blut erhielten, dass immer langsamer durch die Adern der alten Königin rann. Zwischenraum. Sie machte eine Bewegung, als wollte sie die Bürde von sich abschütteln, die drückende Verantwortung für das fort, bestehendes Volkes, von Not hier auf Erden.
Langsam hob einen Arm gegen das Mondlicht, lange stand sie da und sah auf die durchscheinende Hand. Sie war schmal und von Adern durchzogen, Die Finger leicht gekrümmt vom Alter und der Gicht, die sich mit den Jahren und der Feuchtigkeit des Flusses einstellt.
Wie zerbrechlich ist doch die Verbindung zwischen Göttern und Menschen, dachte sie. Wenn das Blut aufhört, durch meine alten Adern zu rinnen, ist die Verbindung durchbrochen und die Menschen und sind den Dämonen und dem Untergang geweiht. "(Seite 52-54).
S. 59: "[...] Heute war ein Hirtenjunge aus den Flussniederungen im Süden in der Stadt eingetroffen, angeblich nach einem Viehdiebstahl auf der Flucht. Und er hatte in einem der Wirtshäuser innerhalb der Stadtmauern eine merkwürdige Geschichte von einer Königstochter aus Nod erzählt, die gemeinsam mit einem Schamanen ein neues Volk weit oben in den Bergen gegründet hatte.
Ein Ackervolk mit seltsamen Fähigkeiten. Sie konnten Kranke heilen, Tote zum Leben erwecken und den Himmel dazu bewegen, dass es regnete, wenn Trockenheit die Erde zu verwüsten drohte.
Sie hätten nur einen Gott, hatte er berichtet.
Und ein Kind sollte es geben, einen Sohn, mit der besonderen Nase des Geschlechts, von Nod und eigentümlicher Kraft in den Augen.
Nin fühlte nun ihr Herz schlagen.
Eine Lügengeschichte ist das, hatte sie abwehrend gesagt. / Aber während sie durch die Säle in dem leeren Palast zu ihrem Schlafgemach ging, um einige Stunden zu ruhen, hatte sie einen Entschluss gefasst.
Der Sache musste nachgegangen werden.
Und ehe sie zu Bett ging, erteilte sie ihre Befehle. Der Hohepriester sollte zu einem Treffen erscheinen, nachdem sie das Feuer des neuen Tages frühmorgens auf dem Turm entzündet hatte.
Bek-Neti sollte ebenfalls dazu gerufen werden. Er war ihr Befehlshaber und ein Mann, zu dem sie großes Vertrauen hatte. Beruhigt über ihren Entschluss, schlief sie endlich ein." (S. 59/60 )
Kapitel 8, S. 61 ff.
"Unter Alu-Lims Gesetzen, gab es ein Gebot, das niemals laut ausgesprochen wurde. Es besagte: Wenn der letzte Spross des Königsgeschlechts, ohne Erben stirbt, müsste das gesamte Volk am Hofe mit ihm begraben werden./ Trotz allem hatten sie nicht viel zu befürchten, dachte Nin, nachdem sie ihre Fackel entzündet hatte und sich daran machte, die hohe Turmtreppe hinaufzusteigen. Kein Lebender würde die Kraft haben, das Gebot in die Tat umzusetzen.
Vor wenigen Monaten hatte der Bastard heimlich etwas in dieser Richtung verlauten lassen, als er hier am Hof seine verschwörerischen Ränke geschmiedet hatte. Sein Anschlag war missglückt, dank Bek-Netis niemals nachlassender Wachsamkeit. Der Bastard war ein Sohn ihres Mannes, gezeugt mit einer Dirne, an dessen Namen sich nicht mehr erinnern konnte.
Wahrscheinlich hing der Name mit einer traurigen Begebenheit zusammen, die sie vergessen hatte. Eigentlich hätte der Sohn wie alle anderen Kinder von Mätressen, bei der Geburt getötet werden müssen, aber er war gemeinsam mit seiner Mutter entkommen. Jetzt war er hier wieder aufgetaucht, erwachsen und verrückt." (S.61/62)
"[...] Die beiden Männer erwarteten sie vor dem goldenen Stuhl in der Säulenhalle, aber sie schüttelte den Kopf und ging voraus in den geschlossenen Raum, den Raum für geheime Zusammenkünfte in Nod. [...]
Ich hätte es nie zulassen dürfen, dachte die Königin. Im übrigen mochte sie den Priester nicht, hatte ihn nie gemocht. Bis heute / vermeinte sie, den Geschmack der demütigen Nächte zu spüren, in denen er versucht hatte, ein Kind mit ihr zu zeugen.
Bek-Neti war ein ganz anderer Mann, wie immer hellte sich ihr Blick auf, wenn sie ihn sah. Er hatte eine breite Brust und kräftige Schultern und war einen Kopf größer als sie. Der kurze Bart war sorgfältig geflochten, um seinen Mund lag ein schelmischer Zug, und seine hellbraunen Augen waren voller Wärme. [...] Seine Umarmungen hätten die Lust noch gesteigert, sein Same wäre in ihr gewachsen.
Sie wusste aber auch, dass das Kind, das aus dieser Umarmung hervorgegangen wäre, kein Recht auf Nods Thron gehabt hätte. Nur aus einer Geschwisterehe konnte ein Königskind geboren werden, oder aus der Vereinigung zwischen einer Königstochter und dem Mondpriester.
Oder wenn sich Innanas Priesterinnen mit den Söhnen des Königs vereinten, wie es früher geschah.
Jetzt gab es weder Königssöhne noch Priesterinnen. Nur eine gab es noch auf Erden, die Greisin, die in der Höhle hinter dem Tempelturm saß, versunken in ewigen Gebet zu dem Abendstern. Sie war vertrocknet, wie Nin selbst.
Kurz angebunden, um Ihre Erregung zu verbergen, berichtete Nin die Geschichte mit dem Hirtenjungen, der gestern in die Stadt gekommen war und jetzt im Keller des Turms seinen Rausch ausschlief. Seine Lügengeschichte hatte möglicherweise einen wahren Kern, sagte sie und erzählte, wie sie sich in dieser Nacht an die Königstochter zurück erinnerte, die vor langer Zeit mit einem Priester das Weite gesucht hatte. [...] " (S.63/64)