31 Januar 2026

Karl Ove Knausgård: Rilke und ich

 https://www.zeit.de/2025/49/rainer-maria-rilke-lyriker-schriftsteller-inspiration/komplettansicht

"Mein ganzes Leben lang habe ich Rainer Maria Rilke gelesen, nie systematisch, immer sporadisch. Ich habe mir während der Lektüre Passagen und Sätze unterstrichen. Hier ein paar Beispiele: "Liebend stieg er hinab in das ältere Blut, in die Schluchten, wo das Furchtbare lag, noch satt von den Vätern", "die herrlichen Überflüsse unseres Daseins, in Parken übergeschäumt", [...] 

Am Anfang meiner Lektüre standen nicht die Gedichte, sondern sein Roman. Als ich Rilke zum ersten Mal las, war ich Anfang zwanzig. Ich besitze das Exemplar der Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge noch und sehe, dass ich fast jede Zeile unterstrichen habe. So gut gefiel mir das Buch. Damals, Ende der Achtziger- und bis zum Ende der Neunzigerjahre, wollte ich Schriftsteller werden. Das Problem war nur, dass ich nicht schreiben konnte, obwohl ich es wollte, und ich war so verzweifelt, dass ich überlegte, zu einem Hypnotiseur zu gehen. [...]

Dass es um eine Art Übertragung von einem Medium in ein anderes ging, aus dem inneren Leben zur Sprache auf dem Papier. So aber funktioniert das nicht. Im Schreiben entsteht etwas Neues, etwas, das vorher nicht da war, und es entsteht in der Begegnung zwischen dem Inneren und der Sprache, die etwas Neues erschafft, das wiederum dem Inneren und der Sprache begegnet, und so, in einer Kettenreaktion, wächst etwas völlig Neues heran. Als ich nicht schreiben konnte, schrieb ich, was ich bereits gedacht hatte, mein Denken und die Sprache des Denkens waren kongruent. Und ausgehend von dieser Voraussetzung erscheint das, was in den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge geschieht, völlig unerreichbar. Wie war er nur auf Sätze gekommen wie diese: "Ich habe eine schwangere Frau gesehen. Sie schob sich schwer an einer hohen, warmen Mauer entlang, nach der sie manchmal tastete, wie um sich zu überzeugen, dass sie noch da sei. Ja, sie war noch da." [...]

Ich war mit meiner früheren Sprache eins gewesen, meine Identität hatte in ihr gelegen, doch als ich sie nun wechselte, entstand ein Abstand, und etwas, das nicht ich war, tauchte selbst in Sätzen auf, in denen ich "Ich" schrieb. Zwischen mir und der Sprache war ein Raum entstanden, und in diesem Raum entstanden Gedanken und Bilder, die ich nie zuvor gedacht oder gesehen hatte. Ich hatte sie geschrieben, besaß sie aber nicht, und erst da, als Schreiben das Gleiche geworden war wie Lesen, war ich ein Schriftsteller. Ein entscheidender Teil der Erfahrung bestand darin, dass ich beim Schreiben verschwand, so wie das Ich verschwindet, wenn man liest. In dem Jahr entstand ein 700 Seiten langer Roman. Und während ich ihn schrieb, lag auf meinem Schreibtisch Rilkes Roman zusammen mit Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Für mich waren es die besten Romane, die jemals geschrieben worden waren, stilistisch waren sie unübertroffen, und wenn ich regelmäßig nach einem von ihnen griff und einige Sätze darin las, tat ich es, um zu prüfen, wie weit entfernt mein Niveau von ihrem war, aber auch aus dem Glauben heraus, dass dieses Niveau auf mich und mein Schreiben abfärben und es verbessern konnte.

[...]

Und hier sind wir am Kern des Problems: Wie soll ich Rilke und seine Literatur lokalisieren können, so wie sie in meinem Inneren existiert? Was geschieht eigentlich in unserem Inneren mit all dem, was wir gelesen haben? Etwas muss damit geschehen, nicht wahr – welchen Sinn hätte es, zu lesen, wenn nichts passiert, wenn es keine Konsequenzen hat, keine Spuren hinterlässt? Alles, was ich gelesen habe, ist offensichtlich ein Teil von mir; alles, was ich gedacht habe, basiert auf dem, was andere gedacht haben, oder ist identisch damit. Und es geht noch weiter, denn auch das, was wir sehen, sehen wir nicht selbst, ohne Hilfe. Ist es nicht so? Sehen wir die Welt nicht so, wie die Menschen vor uns die Welt gesehen haben? Sehen wir nicht mit den Augen der Toten? [...]"

Eugen Ruge: Metropol

 

Klappentext

Moskau, 1936. Die deutsche Kommunistin Charlotte ist der Verfolgung durch die Nationalsozialisten gerade noch entkommen. Im Spätsommer bricht sie mit ihrem Mann und der jungen Britin Jill auf zu einer mehrwöchigen Reise durch die neue Heimat Sowjetunion. Die Hitze ist überwältigend, Stalins Strände sind schmal und steinig und die Reisenden bald beherrscht von einer Spannung, die beinahe körperlich greifbar wird. Es verbindet sie mehr, als sich auf den ersten Blick erschließt: Sie sind Mitarbeiter des Nachrichtendienstes der Komintern, wo Kommunisten aller Länder beschäftigt sind. Umso schwerer wiegt, dass unter den "Volksfeinden", denen gerade in Moskau der Prozess gemacht wird, einer ist, den Lotte besser kennt, als ihr lieb sein kann. "Metropol" folgt drei Menschen auf dem schmalen Grat zwischen Überzeugung und Wissen, Loyalität und Gehorsam, Verdächtigung und Verrat. Ungeheuerlich ist der politische Terror der 1930er Jahre, aber mehr noch: was Menschen zu glauben imstande sind. "Die wahrscheinlichen Details sind erfunden", schreibt Eugen Ruge, "die unwahrscheinlichsten aber sind wahr." Und die Frau mit dem Decknamen Lotte Germaine, die am Ende jenes Sommers im berühmten Hotel Metropol einem ungewissen Schicksal entgegensieht, war seine Großmutter.

Rezensionen

Zitat aus den Rezensionen:

"Dieser Roman trägt nach, was Eugen Ruge in seinem preisgekrönten Mehrgenerationenroman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" aussparen musste, erklärt Rezensent Christoph Bartmann. Aus den Daten in der Kaderakte zu seiner Großmutter Charlotte, gemischt mit seiner Fantasie, hat Ruge ein fast schon "süffiges" Buch gemacht, vor allem weil er das Private so detailliert schildert, lobt der Kritiker. Das reale Moskauer Hotel Metropol mit den dorthin verfrachteten ehemaligen OMS-Mitarbeitern, zu denen auch Ruges Großeltern zählen, wird dabei zum Schauplatz für das Oszillieren des Paares "zwischen Lebenslust und Todesangst", denn vielleicht werden die beiden treu zu Stalin stehenden jeden Moment abgeholt - schließlich wurden sie denunziert und die Säuberungen machen schon lange nicht mehr vor den Treuen halt. [...]" (Süddeutsche Zeitung, 15.10.2019)

"[...] Gebannt folgt der Kritiker Ruges emigrierten Großeltern durch ihre Moskauer Jahre, erlebt aus drei Perspektiven den stalinistischen Terror, bangt mit dem Großelternpaar 477 Tage im Hotel Metropol, wo die beiden Mitarbeiter des OMS wegen Verstößen gegen die Parteilinie einsitzen und trifft in "somnambulen" Nächten nicht nur Lion Feuchtwanger, der nebenan übernachtet, sondern erinnert sich mit Ruges Helden auch an die "kommunistische Kampfzeit" in der Weimarer Republik. [...]" (Alexander Cammann, Die Zeit, 30.10.2019)

Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben

 Reich-Ranickis Autobiographie "Mein Leben" ist das wichtigste Werk des hochangesehenen Literaturkritikers.  Nachdem ich ihn als Literaturkritiker in der Wochenzeitung DIE ZEIT schätzen gelernt hatte, ging mir, als er berühmt wurde, seine Eitelkeit auf die Nerven. Doch die Passage, in der er über den Unterschied zwischen der Eitelkeit Canettis (Er wollte verehrt werden wie etwas Übermenschliches) und Adorno (Er wollte anerkannt sehen, dass er etwas Außerordentliches leistete, und gierte in nahezu kindlicher Weise nach Lob) schreibt, hat mich überzeugt, dass er mehr zu Adornos Eitelkeit neigte. Zuviel Elend und Todesangst hatte er erlebt, als dass er nicht auf eine Art Ausgleich hätte hoffen sollen. Er hatte lang genug darauf gewartet. 

Włocławek

Marcel Reich wurde als drittes Kind des Fabrikbesitzers David Reich und dessen Frau Helene, geb. Auerbach, geboren. Er wuchs in einer assimilierten jüdischen deutsch-polnischen Mittelstandsfamilie auf. Seine älteren Geschwister waren Alexander Herbert Reich (1911–1943) und Gerda Reich (1907–2006). Die Mutter war in Deutschland aufgewachsen und kam sich in der polnischen Provinz Kujawiens verloren vor. Ihre große Sehnsucht war eine Rückkehr nach Berlin. Reich-Ranicki beschreibt sie als sehr liebevoll und zugleich „weltfremd“. Ihr Vater war der Rabbiner Menachem Mannheim Auerbach (1848–1937) aus Lezno (Lissa), der in Berlin-Wilmersdorf lebte, im Alter erblindet und von seinen Söhnen finanziell unterstützt.[1][2] Reich-Ranickis Vater besaß eine kleine Fabrik für Baumaterialien. Er war aber im Kaufmannsberuf unglücklich und „vollkommen ungeeignet“. 1929 musste der Vater Insolvenz anmelden. Marcel Reich durfte als einziger seiner Geschwister die deutsche Schule von Włocławek (Leslau) besuchen.

Berlin

Um ihm seine berufliche Zukunft nach dem geschäftlichen Ruin seines Vaters offenzuhalten, schickten ihn die Eltern zu wohlhabenden Verwandten nach Berlin, darunter dem Patentanwalt Max Auerbach (1890–1943) und einem Zahnarzt. Ab 1929 lebte Marcel zunächst in Berlin-Charlottenburg, von 1934 bis 1938 mit seinen Eltern und Geschwistern im Bayerischen Viertel zwischen Berlin-Schöneberg und Berlin-Wilmersdorf, in der Wohnung des Großvaters mütterlicherseits, der 1937 starb:[1] Güntzelstraße 53,[3] im dritten Stock mit Balkon.[4] Dort besuchte er das Werner-Siemens-Realgymnasium, nach dessen Auflösung 1935 das Fichte-Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf.

Gedenktafel Marcel Reich-Ranicki (Wohnhaus 1934 - 38)

Während seine Schulkameraden an Schulausflügen, Sportfesten und nationalsozialistischen Schulversammlungen teilnahmen, war er davon ausgeschlossen. Stattdessen vertiefte er sich in die Lektüre der deutschen Klassiker und besuchte Theater, Konzerte und Opern. Besonders die Aufführungen Wilhelm Furtwänglers und Gustaf Gründgens’ waren ihm Trost und Halt in einer zunehmend restriktiver werdenden Umwelt. Als ihm bekannt wurde, dass sich Thomas Mann von der NS-Herrschaft öffentlich distanziert hatte, wurde dieser nicht nur in literarischer, sondern auch in moralischer Hinsicht sein Vorbild. Trotz vieler nationalsozialistisch orientierter Lehrer galt am Fichte-Gymnasium noch einige Zeit das Gebot der Gleichbehandlung der jüdischen Schüler; so konnte er 1938 noch sein Abitur machen. Sein Antrag auf Immatrikulation an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin wurde am 23. April 1938 wegen seiner jüdischen Abstammung abgelehnt.

Warschau, Ghetto, Untergrund 

Ende Oktober 1938 wurde er nach kurzer Abschiebehaft in der „Polenaktion“ zusammen mit etwa 17.000 polnischen und staatenlosen jüdischen Menschen nach Polen ausgewiesen. Er fuhr mit der Bahn nach Warschau, wo er niemanden kannte. Er musste die polnische Sprache neu erlernen und blieb ein Jahr arbeitslos. Am 1. September 1939 begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg, der seine Arbeitssuche abrupt beendete. Seine spätere Frau Teofila (Tosia) Langnas (12. März 1920 – 29. April 2011) lernte er durch eine Tragödie kennen: Ihre Eltern wurden durch die deutsche Besatzungsmacht aus Łódź vertrieben und enteignet, woraufhin ihr Vater Paweł Langnas am 21. Januar 1940 in Warschau Suizid beging.[5] Reich-Ranickis Mutter, die im selben Haus wohnte, erfuhr von dem Unglück und schickte ihren Sohn dorthin, damit er sich um die Tochter kümmere.

Im November 1940 wurde auch Reich-Ranicki zur Umsiedlung ins Warschauer Ghetto gezwungen. Er arbeitete bei dem von der Besatzungsbehörde eingesetzten Ältestenrat („Judenrat“) als Übersetzer und schrieb unter dem Autoren-Pseudonym Wiktor Hart Konzertrezensionen in der zweimal wöchentlich erscheinenden Ghettozeitung Gazeta Żydowska (Polnisch für Jüdische Zeitung). Gleichzeitig war er Mitarbeiter im Ghetto-Untergrundarchiv des Emanuel Ringelblum. In dieser Zeit von Agonie und allgegenwärtigem Sterben machte er sich Überlebensmaßnahmen zu (später lebenslang beibehaltenen) Gewohnheiten; so pflegte er seitdem zum Beispiel, in Gaststätten immer mit Blickrichtung auf den Eingang zu sitzen oder durch eine zweite Rasur am Nachmittag die Gefahr negativen Auffallens zu verringern.

Am 22. Juli 1942 erschien SS-Sturmbannführer Hermann Höfle im Hauptgebäude des „Judenrats“, um die „Umsiedlung“ des Ghettos anzuordnen, die am selben Tag beginnen sollte. Zur Niederschrift der Bekanntgabe wurde Reich-Ranicki herangezogen. Von der Deportation – der Verbringung der Ghettobewohner ins Vernichtungslager Treblinka, wie sich herausstellen sollte – vorerst ausgenommen waren u. a. Beschäftigte des „Judenrats“ und ihre Ehefrauen. Zum Schutze seiner Lebensgefährtin Teofila Langnas arrangierte Reich-Ranicki daher die Eheschließung mit ihr noch am selben Tag durch einen im selben Haus beschäftigten Theologen, der berechtigt war, die Pflichten eines Rabbiners auszuüben.[6]

Der Deportation im Januar 1943 entkam das Ehepaar, indem es auf dem Weg zum Versammlungsplatz floh. Es lebte fortan versteckt. In dieser Zeit unterstützte Reich-Ranicki zusammen mit seiner Frau die Jüdische Kampforganisation (polnisch: Żydowska Organizacja Bojowa, kurz: ŻOB) bei der Beschaffung einer größeren Geldsumme aus der Kasse des „Judenrates“. Als Anerkennung bekamen sie einen kleinen Teil des Geldes; dieser sollte ihnen die Flucht aus dem Ghetto durch Bestechung der Grenzposten ermöglichen,[7] was am 3. Februar 1943 gelang. Sie fanden nach kurzen Zwischenverstecken für sechzehn Monate einen Unterschlupf bei der Familie des arbeitslosen Schriftsetzers Bolek Gawin und seiner Ehefrau Genia, wo sie bis September 1944 nach der deutschen Niederschlagung des Warschauer Aufstands und der Besetzung des rechten Weichselufers durch die Rote Armee ausharrten. Durch seine dramatische Nacherzählung von bedeutenden Romanen der deutschen und europäischen Literatur konnte sich Reich-Ranicki des unbeständigen, stets gefährdeten Mitleids seiner Helfer immer wieder aufs Neue versichern. Je besser er erzählte, desto höher waren auch seine Überlebenschancen. Das Um-sein-Leben-Erzählen[8] wurde auch von ihm selbst[9] als Scheherazade-Motiv bezeichnet. Den beiden Kindern der Familie Gawin halfen sie bei den Schularbeiten und den Eltern beim illegalen Herstellen von Zigaretten. Nach der Befreiung Polens von der NS-Herrschaft bat Gawin die beiden Überlebenden, nirgends zu erwähnen, dass sie mit seiner Hilfe die Besetzung Polens durch die Nazi-Truppen überlebt hatten, weil sich ihr Lebensretter wegen des in Polen verbreiteten Antisemitismus davor fürchtete, mit seiner Rettung von Juden ins Gerede zu kommen." (Wikipedia)

Nach der Befreiung:

"Wir sollten uns so schnell wie möglich von der Front entfernen und nach Lublin fahren. Dort sei belehrt er uns, das Zentrum, die provisorische Hauptstadt des befreiten Teils von Polen, dort würde man uns schon helfen. Fahren – womit denn? Er hielt einen offenen Militärlastwagen an und befahl dem Fahrer, uns mitzunehmen. Wir fragten schüchtern, wo man etwas zu essen bekommen können. Er gab uns je eine dicke Scheibe Brot – mit der Bemerkung: 'Mehr hat euch die große Sowjetunion im Augenblick nicht zu bieten.'

Auf dem Lastwagen, der allerlei Waren transportierte, saßen schon mehrere Leidensgenossen. Man betrachtete uns nicht, gerade mit Sympathie. Aber ein ordentlich gekleideter Pole sprach mich freundlich an. Nach einigen Minuten fragte er mich, den unrasierten und schmutzigen Landstreicher: 'Sie sind wohl Jurist?' So heruntergekommen / ich war, etwas war offenbar geblieben und hatte ihn zu seiner Vermutung veranlasst: die Sprache – oder vielleicht die logische Argumentation. Mein Alter schätzte er auf knapp fünfzig. Ich war damals 24." (Reich-Ranicki: Mein Leben, S. 298/99). 

"Nach dem Krieg bedankten sich die Reich-Ranickis auch mit einer finanziellen Vergütung bei den Gawins. Bis zuletzt überwies das Ehepaar der Tochter Gawins hin und wieder etwas Geld.[10] Das Paar konnte auch eine Mappe mit Zeichnungen von Tosia Reich-Ranicki herausschmuggeln, die erst 1999 veröffentlicht wurden. Die Motive stammten aus dem Alltag des Ghettos und zeigten unter anderem bis auf die Knochen abgemagerte Kinder und prügelnde Nationalsozialisten.[11] Die Gedenkstätte Yad Vashem verlieh der Familie Gawin, die von 1943 bis 1944 das Ehepaar Reich-Ranicki bei sich versteckt hatte, auf Gerhard Gnaucks Antrag 2006 die Auszeichnung „Gerechter unter den Völkern“. " (Wikipedia: Leben)


Eine Begegnung aus den 1960er Jahren:

"Die Journalistin, vermutlich noch keine dreißig Jahre alt, war keineswegs besonders schön aber nicht ohne Reiz. Vielleicht rührte dieser Reiz von ihrem offenkundigen Ernst, der mit ihrer Jugendlichkeit zu kontrastieren schien. Sie wollte ein Dreißig-Minuten-Gespräch aufnehmen. Ihre Fragen waren exakt und intelligent, sie kreisten um ein zentrales Problem: Wie konnte das geschehen? Kein einziges Mal haben wir die Aufnahme unterbrochen. Als das Gespräch beendet war, sah ich zu meiner / Verblüffung, dass wir beinahe fünfzig Minuten geredet hatten. Wozu brauchen Sie so viel? Sie antwortete etwas verlegen: Sie habe zum Teil aus privaten Interesse gefragt. Ich möge ihr den Wissensdurst nicht verübeln. Ich wollte etwas über sie erfahren. Aber sie hatte es jetzt sehr eilig. Ich schaute sie an und sah, dass sie Tränen in den Augen hatte. Ich fragte noch rasch: 'Entschuldigen Sie, habe ich ihren Namen richtig verstanden – Meienberg? – Nein, Meinhof, Ulrike Meinhof.'

Als ich 1968 hörte, dass die inzwischen bekannte Journalistin Ulrike Meinhof in die Illegalität gegangen war und zusammen mit Andreas Baader eine terroristische Gruppe gegründet hatte, als sie polizeilich, gesucht und schließlich gefasst worden war und als sie 1976 im Gefängnis Selbstmord verübt hatte – da musste ich wieder immer wieder an das Gespräch im Café 'Funkeck' denken. Warum hat sich Ulrike Meinhof, deren Zukunft ich nicht ahnen konnte, so tief meinem Gedächtnis eingeprägt? Könnte dies damit zu tun haben, dass sie die erste Person in der Bundesrepublik war, die aufrichtig und ernsthaft wünschte, über meine Erlebnisse im Warschauer Ghetto informiert zu werden? Und wäre es denkbar, dass es zwischen ihrem brennenden Interesse für deutsche Vergangenheit und dem Weg, der sie zum Terror und zum Verbrechen geführt hat, einen Zusammenhang gibt?" ( Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben, S. 459/460) 

28 Januar 2026

Weltwissen der Siebenjährigen

 Donata ElschenbroichWeltwissen der Siebenjährigen





















Die Verfasserin zählt eine Seite lang auf, was ein siebenjähriges Kind schon gemacht haben sollte. Darunter ist manches, was man selbst noch nicht gemacht hat.

Die denkbare Empörung gegenüber solcher Überforderung beantwortet sie mit: Kinder lernen unheimlich viel durch Zufall, aber als Erwachsener sollte man sich ruhig überlegen, was für ein Angebot an Weltwissen ein Kind bekommen sollte. Natürlich wird kaum ein Kind, all das wissen oder getan haben, aber angesichts des Vielen, was Kinder heute lernen, was ihnen nicht viel bringt, sollte doch auch diese Art von Angeboten einmal gemacht worden sein. (S.23-27) 
Fontanefan: Ein siebenjähriges Kind ist in der Regel ein Schulkind. Da ist in geballter Form vieles an es herangetragen worden. Vorher hat es - wie M. - gelernt, was ein Saurier, was ein Komet oder auch, was eine Concorde ist, die die Schallmauer durchbrechen kann.
Warum nicht auch bei passender Gelegenheit auch etwas anderes?

"Die Schule, wie sie ist, in einem bayerischen Dorf, in einer norddeutschen Großstadt, hat diese beiden erwartungsvollen Siebenjährigen, nicht soermutigt, dass die Schule sie nach ihren eigenen Maßstäben für eine höhere Schulform 'weiterempfehlen' konnte. Diese Schulen haben sich nicht als das Milieu bewährt, das die Weltwissensentwicklung dieser Kinder erfolgreich gesteigert hat. Ist es naiv ,das von der Schule zu erwarten zu haben? Schule ist nicht die Verlängerung des Kindergartens. Spätestens nach zwei Grundschulklassen setzen Zeittakt, Fächerkanon, Konkurrenz ein. Manche Kinder können damit umgehen, können extern gesteuerte, sachfremde Fähigkeiten entwickeln, und sie lernen, gewandt zu wechseln zwischen ihrem Schulwissen und ihrem Weltwissen. Freddy und Sabrina gehören nicht zu diesen Kindern. Ihr vorschulisches Weltwissen ist von der Schule nicht hoch geachtet worden, und es ist in der Konkurrenz unterlegen. Diese Ernüchterung muss man mitdenken, wenn man sich begeistert für das Potenzial von Fünfjährigen, für ihre "strahlende Intelligenz". " (S. 167) 

Dazu eine KI:

Donata Elschenbroichs Buch „Weltwissen der Siebenjährigen“ ist ein Standardwerk der modernen Pädagogik. Es bricht mit der Vorstellung, dass Kinder im Kindergartenalter nur „spielen“ sollten, und plädiert stattdessen für eine anspruchsvolle, neugierorientierte Bildung vor der Einschulung.

Angebote von gebrauchten Exemplaren zwischen 1,99€ und 5,€

Hier ist eine Übersicht der Kernbotschaften und des „Bildungskanons“ für Kinder:


Die Kernphilosophie

Elschenbroich argumentiert, dass das Fenster zwischen drei und sieben Jahren die Phase der größten intellektuellen Offenheit ist. Er fordert, Kindern nicht nur einfache Spielzeuge zu geben, sondern sie mit der echten Welt zu konfrontieren.

  • Keine Verschulung: Es geht nicht um Auswendiglernen oder Rechnen unter Druck, sondern um „Erfahrungswissen“.

  • Das Recht auf Komplexität: Kinder können und wollen komplexe Zusammenhänge verstehen (z. B. wie ein Motor funktioniert oder warum Sterne leuchten).

  • Lernen als Abenteuer: Wissen soll als Werkzeug begriffen werden, um die Welt zu meistern, nicht als Last.


Was ein siebenjähriges Kind „wissen“ sollte

Elschenbroich stellt keinen starren Lehrplan auf, sondern definiert Erfahrungsfelder. Ein Kind sollte bis zum siebten Lebensjahr Begegnungen mit folgenden Bereichen gehabt haben:

BereichBeispielhafte Erfahrungen
Natur & KosmosWissen, dass die Erde rund ist; Mondphasen beobachten; den Unterschied zwischen Stein und Pflanze kennen.
TechnikEin Werkzeug benutzen können; verstehen, wie ein Schalter Licht macht; ein einfaches mechanisches Prinzip (Hebel) erleben.
Kultur & GeschichteWissen, dass es eine Zeit vor der eigenen Geburt gab (Großeltern); Museen als Orte der Schätze entdecken.
Sprache & ZeichenDie Magie der Schrift verstehen (dass Zeichen Bedeutungen tragen); Witze und Metaphern begreifen.
MathematikStrukturen und Muster in der Natur erkennen; Mengen schätzen (nicht nur zählen).

Warum das Buch heute noch wichtig ist

In einer Zeit, die stark von digitalen Medien geprägt ist, betont Elschenbroich die Haptik.

„Ein Kind muss den Matsch fühlen, das Gewicht eines Hammers spüren und die Stille im Wald erlebt haben, um ein echtes Fundament für abstraktes Denken zu bauen.“

Er kritisiert eine „pädagogische Bescheidenheit“, die Kindern zu wenig zutraut. Sein Ziel ist das „selbstbewusste Kind“, das weiß, dass es die Welt durch Fragen und Experimente verstehen kann.


Was Sie jetzt tun können

Wenn Sie dieses Thema vertiefen möchten, kann ich Ihnen gezielte Tipps geben:

Soll ich Ihnen eine Liste mit praktischen Aktivitäten erstellen, wie man dieses Weltwissen im Alltag (ohne großen Aufwand) fördern kann?

 Vergleich zu aktuellen frühkindlichen Bildungsplänen:

In den modernen Bildungs- und Erziehungsplänen der 16 Bundesländer findet sich Elschenbroichs Gedanke der „Weltaneignung“ wieder – allerdings ergänzt um heutige Anforderungen wie Digitalisierung und psychische Widerstandskraft.

Während Elschenbroich den Fokus stark auf das Wissen (Natur, Technik, Kultur) legt, konzentrieren sich aktuelle Pläne (Stand 2025/2026) verstärkt auf Kompetenzen und gesellschaftliche Leitwerte.


Die 4 zentralen Säulen moderner Bildungspläne

1. Basiskompetenzen (Das „Fundament“)

Anstatt reines Faktenwissen abzufragen, zielen aktuelle Pläne (wie der Orientierungsplan BW oder der Bayerische BEP) darauf ab, Kinder „stark“ zu machen.

  • Resilienz: Die Fähigkeit, mit Veränderungen und Stress umzugehen.

  • Partizipation: Kinder sollen den Kita-Alltag aktiv mitgestalten und Demokratie im Kleinen lernen.

2. Querschnittsthemen (Die „Leitprinzipien“)

Diese Themen ziehen sich durch alle Lernbereiche:

  • Sprachliche Bildung: Gilt heute als der wichtigste Schlüssel. Sprachförderung findet nicht mehr in „Stunden“ statt, sondern ist „alltagsintegriert“ (beim Essen, Spielen, Anziehen).

  • Medienbildung: Neuere Pläne (z. B. Baden-Württemberg 2025) haben dies als eigenes Feld aufgenommen. Es geht darum, Technik nicht nur zu konsumieren, sondern sie zu verstehen und kreativ zu nutzen.

  • BNE (Bildung für nachhaltige Entwicklung): Kinder lernen ökologische Zusammenhänge und soziale Gerechtigkeit kennen (z. B. „Woher kommt mein Apfel?“).

3. Bildungs- und Erziehungsbereiche (Die „Inhalte“)

Hier decken sich die Pläne stark mit Elschenbroichs „Weltwissen“:

  • MINT: (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) – Experimentieren und Forschen.

  • Ästhetische Bildung: Kunst, Musik und Theater als Ausdrucksmittel.

  • Gesundheit & Bewegung: Fokus auf Ernährungssouveränität und Körperbewusstsein.

4. Co-Konstruktion

Das ist der pädagogische Goldstandard der aktuellen Pläne: Lernen als sozialer Prozess. Das Kind lernt nicht allein durch Instruktion, sondern indem es mit Erziehern und anderen Kindern gemeinsam Bedeutungen „konstruiert“.


Vergleich: Elschenbroich vs. Aktuelle Pläne

AspektElschenbroich (2001)Bildungspläne (heute)
FokusDer „neugierige Forscher“Das „kompetente, resiliente Kind“
MedienFokus auf Haptik & NaturBalance zwischen Natur & digitaler Welt
MethodeErfahrungswissen & WeltbegegnungCo-Konstruktion & Partizipation
StrukturInhaltsorientierter KanonKompetenzorientierte Entwicklungsfelder

Aktuelle Trends 2025/2026

In den neuesten Überarbeitungen der Länder (z. B. Berlin, Hessen oder Österreichs Neufassung 2026/27) rücken zwei Dinge massiv in den Vordergrund:

  1. Inklusion: Bildungschancen für alle Kinder, unabhängig von Herkunft oder Beeinträchtigung.

  2. Übergangsbegleitung: Eine engere Verzahnung von Kita und Grundschule, um den „Bruch“ bei der Einschulung zu vermeiden.

25 Januar 2026

Marianne Fredriksson: Abels Bruder

 KI:

Marianne Fredriksson hat mit ihrem Werk „Evas Töchter“ die Ur-Familiengeschichte der Bibel (Adam, Eva, Kain und Abel) aus einer psychologischen und feministischen Sicht neu interpretiert.

„Abels Bruder“ erzählt die Geschichte von Kain und Abel, den Söhnen von Adam und Eva, aus einer sehr menschlichen und psychologisch einfühlsamen Perspektive. 

Es ist ein Roman, der die biblische Geschichte von Kain, dem Bruder Abels, neu interpretiert und dabei tief in dessen innere Konflikte und Schuldgefühle eintaucht. Die Erzählung schildert, wie Kain nach dem Mord an seinem Bruder von einer schweren Last der Schuld geplagt wird, die wie ein Fluch auf ihm liegt. Diese Schuldgefühle bestimmen sein Leben und führen ihn schließlich dazu, in ein Paradies zu fliehen, von dem Eva ihm viel erzählt hat – ein Ort der Hoffnung und des Neuanfangs www.fischerverlage.de www.lovelybooks.de www.zvab.com .

Das Buch ist typisch für Fredrikssons Stil, der Spiritualität und Menschlichkeit verbindet und dabei oft Fragen nach dem Sinn des Lebens und der menschlichen Natur stellt.

Zitate:

Kapitel  1, S.9 ff. 
"Ab und zu, unterbrach er seine Arbeit und starrte auf seine Hände. Als ob er sich ihrer plötzlich bewusst wurde, besah er sie prüfend. Einstmals hatten sich diese Hände in rasender Wut um den Hals des Bruders gelegt und ihn so lange umklammert, bis die unselige Tat ausgeführt war. Manchmal klang etwas in ihm an. Dann fühlten die langen, geschickten Finger wieder, was damals geschehen war, Und er dachte, allein die Hände wussten auf dieser Erde, die Wahrheit über ihn. 
Er selbst konnte sich an nichts erinnern. Das hatte er noch nie vermocht. Es war für ihn unmöglich zu verstehen, wie damals, als der Zorn ihn an jenem Morgen überwältigt hatte, auf eine Handlung, die nächste gefolgt war. Alles war in Windeseile geschehen, so schnell, dass er es nie mehr nachvollziehen konnte, weder in den einzelnen Phasen noch als Ganzes.
Manchmal kam ihm der Gedanke, das gesamte Geschehen habe sich außerhalb der Zeit abgespielt.
Das ist der Grund, weshalb es so unwirklich ist, dachte er.
Als hätte es nie stattgefunden.

Wie die Mutter es ausgedrückt hatte – ein unglücklicher Vorfall. Sie hatte die unselige Tat auf sich genommen und seine Schuld zu der ihren gemacht. Damit wurde der Schmerz, der ewige Schmerz, noch schlimmer. Doch nicht unerträglich, oh nein, Kain hielt ihm stand. Selbst die Qual kann zur Gewohnheit werden./ Es gab jedoch auch gute Tage, Tage, an denen die Sonne auf den Acker schien und der Schmerz sich als murrender Begleiteter im Hintergrund hielt. Dann wiederum konnte es passieren, dass der Schmerz Kain unverhofft an der Gurgel packte und er sich sehr zurückhalten musste.
Damit er nicht zuschlug." (S.9/10)

Kapitel 6 S. 47 ff.
"Kain war unterwegs zum Bach, manchmal hatte er selbst den Eindruck zu fliegen, hochgehoben von dem Sturm, der in ihm tobte. Die Wanderung, die für gewöhnlich einen halben Tag dauerte, war bereits zu Ende, noch ehe die Morgensonne um den Bergkamm im Osten herum gekommen war.
Er dachte an nichts. Nur Platz für den Sturm, und die Erleichterung waren in ihm, als wäre er davon gekommen.
Entkommen.
Er begab sich geradewegs unter den Wasserfall auf dem Felsvorsprung und ließ sich sauber waschen. Er lauschte. Der Sturm in ihm hatte sich beruhigt, der Gesang des rauschenden Wassers erfüllte ihn jetzt, hell und verspielt
[...]
Er wusste, was er zu tun hatte. Er würde zu den großen Laubwäldern im Osten gehen, zu dem seltsamen Volk, von dem er so viel hatte berichten hören. Seit den Erzählungen, Vaters Erzählungen aus der Kindheit, hatte er sich nach dem Volkgesehnt. Und immer wieder hatte er Eva, nachdem sie von ihrer Wanderung / zurückgekommen war, bedrängt, noch mehr von dem Licht dort in dem Wald zu berichten, von dem munteren, lüsternen Volk, Ihren Umarmungen und ihrem Lachen.
Dem freien Volk.
Und ihrem Anführer, den sie Satan nannten, mit seiner unbändigen Kraft.
Bei Ihnen gab es keine Erinnerung, hatte Eva gesagt. Jede Handlung war in dem Augenblick, in dem sie ausgeführt wurde, bereits vergessen.
Niemand betrauerte die Toten.
Und es würde keinen Abel geben.
Auch keine Gedanken und keine Worte. Schon immer hatte er sich danach gesehnt, er war nun mal kein Mann der Worte.
Dort konnte er den Sturm in seinem Inneren zulassen. Alle waren sie wie Glieder eines Körpers., so hatte Eva gesagt. Es war nicht leicht zu verstehen, aber es hatte eine eigene Leuchtkraft, zog ihn unwiderstehlich an. Mehr als einmal, hatte Kain gedacht, dort sei sein eigentliches Zuhause. Dort könnte er eins werden mit den vielen, könnte dem Großen Körper in ewiger Gemeinschaft angehören. [...]" (S.48) [...] (S.50:) "Soeben war das geile Volk nach dem Mittagsschlaf aufgewacht. Kain sah sie dort unten ungehemmt kopulieren.
 Und nichts von dem, was er sah, stimmte mit seinem Bild von befreiten, freudigen Umarmungen überein.
Es widerte ihn an.
Wie gebannt blickte Kain diesen Satan an, den Mann, der die Träume seiner Kindheit beherrscht hatte.
Kain schaute zu und verabscheute die Lüsternheit, Rohheit und Gewalttätigkeit. Am schlimmsten von allem war das schlaffe Gesicht mit den halb geschlossenen Augen, irgendwie passte es nicht zu dem muskulösen, kopulierenden Körper.
Einmal hob der Mann den Blick, und Kain sah in seine Augen. Sie waren schwarz, schwermütig – etwas darin erkannte er wieder.
In diesem Moment brach in ihm erneut der Sturm los, ergriff ihn diesmal mit Orkanstärke, riss ihn von der Baumkrone und fegte ihn genau auf den Mann zu. / Durch den Sturm hörte er das wütende Geheul der Horde, als er sein Messer mitten in das Herz des Satans stieß, es hineinbohrte, herauszog, erneut zustieß und dann den Bauch aufschlitzte.

Als die Gedärme herausquollen, kehrte in Kain endlich Ruhe ein. Er nahm sein Messer, strich es im Gras ab und machte sich auf dem Weg zum Waldrand. Das Waldvolk war verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt.

Auf dem Weg nach draußen merkte er, dass das unbewegliche, weiße Licht mit einem schwarzen Schimmer durchzogen war, dunkle Streifen und Flecken tanzten um seine Füße." (S. 47-51)

Kapitel 7, S.52ff.
"Vierzig Schritte waren es von dem goldenen Thron bis zu dem geflügelten Steinlöwen am Ende des Säulenganges. Sie wusste es genau, denn sie war sie nunmehr viele Jahre lang auf- und abgeschnitten.
Jahrzehntelang hatte der Gott des Schlafes die heilige Königin von Nod gemieden. Die Nächte hindurch wanderte sie über den Mosaikboden, der von Alu-Lims Handwerkern gelegt worden war, dem Stammvater, dem obersten Himmelsgott, der einst den Tempelturm hier auf der Hochebene errichtet hatte. [...]. 
Vom Dach des Turmgebäudes konnte man die Gebete des Mondpriesters hören, die langen, heiligen Verse, die der Göttervater Alu-Lin, zum Schutz der Menschheit vom Himmel herunter hinunter auf die Erde gebracht hatte. Jetzt wussten alle und manche, ohne darüber nachgedacht zu haben, dass die Gebete des Mondpriesters ihre Kraft aus dem göttlichen Blut erhielten, dass immer langsamer durch die Adern der alten Königin rann. Zwischenraum. Sie machte eine Bewegung, als wollte sie die Bürde von sich abschütteln, die drückende Verantwortung für das fort, bestehendes Volkes, von Not hier auf Erden.
Langsam hob einen Arm gegen das Mondlicht, lange stand sie da und sah auf die durchscheinende Hand. Sie war schmal und von Adern durchzogen, Die Finger leicht gekrümmt vom Alter und der Gicht, die sich mit den Jahren und der Feuchtigkeit des Flusses einstellt.
Wie zerbrechlich ist doch die Verbindung zwischen Göttern und Menschen, dachte sie. Wenn das Blut aufhört, durch meine alten Adern zu rinnen, ist die Verbindung durchbrochen und die Menschen und sind den Dämonen und dem Untergang geweiht. "(Seite 52-54). 

S. 59:  "[...] Heute war ein Hirtenjunge aus den Flussniederungen im Süden in der Stadt eingetroffen, angeblich nach einem Viehdiebstahl auf der Flucht. Und er hatte in einem der Wirtshäuser innerhalb der Stadtmauern eine merkwürdige Geschichte von einer Königstochter aus Nod erzählt, die gemeinsam mit einem Schamanen ein neues Volk weit oben in den Bergen gegründet hatte.
Ein Ackervolk mit seltsamen Fähigkeiten. Sie konnten Kranke heilen, Tote zum Leben erwecken und den Himmel dazu bewegen, dass es regnete, wenn Trockenheit die Erde zu verwüsten drohte.
Sie hätten nur einen Gott, hatte er berichtet.
Und ein Kind sollte es geben, einen Sohn, mit der besonderen Nase des Geschlechts, von Nod und eigentümlicher Kraft in den Augen.

Nin fühlte nun ihr Herz schlagen.
Eine Lügengeschichte ist das, hatte sie abwehrend gesagt. / Aber während sie durch die Säle in dem leeren Palast zu ihrem Schlafgemach ging, um einige Stunden zu ruhen, hatte sie einen Entschluss gefasst.
Der Sache musste nachgegangen werden.
Und ehe sie zu Bett ging, erteilte sie ihre Befehle. Der Hohepriester sollte zu einem Treffen erscheinen, nachdem sie das Feuer des neuen Tages frühmorgens auf dem Turm entzündet hatte.
Bek-Neti sollte ebenfalls dazu gerufen werden. Er war ihr Befehlshaber und ein Mann, zu dem sie großes Vertrauen hatte. Beruhigt über ihren Entschluss, schlief sie endlich ein." (S. 59/60 )

Kapitel 8, S. 61 ff. 
"Unter Alu-Lims Gesetzen, gab es ein Gebot, das niemals laut ausgesprochen wurde. Es besagte: Wenn der letzte Spross des Königsgeschlechts, ohne Erben stirbt, müsste das gesamte Volk am Hofe mit ihm begraben werden./ Trotz allem hatten sie nicht viel zu befürchten, dachte Nin, nachdem sie ihre Fackel entzündet hatte und sich daran machte, die hohe Turmtreppe hinaufzusteigen. Kein Lebender würde die Kraft haben, das Gebot in die Tat umzusetzen.
Vor wenigen Monaten hatte der Bastard heimlich etwas in dieser Richtung verlauten lassen, als er hier am Hof seine verschwörerischen Ränke geschmiedet hatte. Sein Anschlag war missglückt, dank Bek-Netis niemals nachlassender Wachsamkeit. Der Bastard war ein Sohn ihres Mannes, gezeugt mit einer Dirne, an dessen Namen sich nicht mehr erinnern konnte.
Wahrscheinlich hing der Name mit einer traurigen Begebenheit zusammen, die sie vergessen hatte. Eigentlich hätte der Sohn wie alle anderen Kinder von Mätressen, bei der Geburt getötet werden müssen, aber er war gemeinsam mit seiner Mutter entkommen. Jetzt war er hier wieder aufgetaucht, erwachsen und verrückt." (S.61/62)
"[...] Die beiden Männer erwarteten sie vor dem goldenen Stuhl in der Säulenhalle, aber sie schüttelte den Kopf und ging voraus in den geschlossenen Raum, den Raum für geheime Zusammenkünfte in Nod. [...]
Ich hätte es nie zulassen dürfen, dachte die Königin. Im übrigen mochte sie den Priester nicht, hatte ihn nie gemocht. Bis heute / vermeinte sie, den Geschmack der demütigen Nächte zu spüren, in denen er versucht hatte, ein Kind mit ihr zu zeugen.
Bek-Neti war ein ganz anderer Mann, wie immer hellte sich ihr Blick auf, wenn sie ihn sah. Er hatte eine breite Brust und kräftige Schultern und war einen Kopf größer als sie. Der kurze Bart war sorgfältig geflochten, um seinen Mund lag ein schelmischer Zug, und seine hellbraunen Augen waren voller Wärme. [...]  Seine Umarmungen hätten die Lust noch gesteigert, sein Same wäre in ihr gewachsen.
Sie wusste aber auch, dass das Kind, das aus dieser Umarmung hervorgegangen wäre, kein Recht auf Nods Thron gehabt hätte. Nur aus einer Geschwisterehe konnte ein Königskind geboren werden, oder aus der Vereinigung zwischen einer Königstochter und dem Mondpriester.
Oder wenn sich Innanas Priesterinnen mit den Söhnen des Königs vereinten, wie es früher geschah.

Jetzt gab es weder Königssöhne noch Priesterinnen. Nur eine gab es noch auf Erden, die Greisin, die in der Höhle hinter dem Tempelturm saß, versunken in ewigen Gebet zu dem Abendstern. Sie war vertrocknet, wie Nin selbst.


Kurz angebunden, um Ihre Erregung zu verbergen, berichtete Nin die Geschichte mit dem Hirtenjungen, der gestern in die Stadt gekommen war und jetzt im Keller des Turms seinen Rausch ausschlief. Seine Lügengeschichte hatte möglicherweise einen wahren Kern, sagte sie und erzählte, wie sie sich in dieser Nacht an die Königstochter zurück erinnerte, die vor langer Zeit mit einem Priester das Weite gesucht hatte. [...] " (S.63/64)

Fredriksson lehnt sich bei der Beschreibung dieser städtischen Welt von Nod an die Götterwelt der Sumerer und des Gilgamesch-Epos an.

Kapitel 14, S.117ff.
Zum zweiten Mal an diesem Tag erlebten die Leute aus dem Lager, dass der Stammeshäuptling gegen jeden Brauch und Anstand die Mahlzeit mit seinen Gästen Kain und Bek-Neti in seinem eigenen Zelt einnahmen. Aber in dem großen Speisezelt machte man sich deshalb nicht allzu viele Gedanken, man hatte genug damit zu tun, sämtliche Kriege aus Nod mit dem Besten, was das Lager zu bieten hatte, zu bewirten und zu beschenken. Zudem musste man jedes Wort und jede kleinste Handlung im Gedächtnis behalten, denn man wollte in der folgenden Zeit in Emers Lager neue große Lieder darüber dichten.
Im Zelt des Häuptlings gingen die Verhandlungen unerwartet leicht voran. Emer setzte seine Forderungen nur so hoch an, dass noch Handlungsspielraum möglich war, aber Bek-Neti hatte kein Interesse zu feilschen. [...]
'Uneingeschränktes Recht für Letha, sich einen neuen Ehemann zu suchen', sagte Emer, und Kain nickte.
'Adam und Emer übernehmen die väterliche Verantwortung für den neugeborenen Sohn. Nod müsste sich verpflichten, in Zukunft keinerlei Recht auf ihn anzumelden.'
– Bek-Neti  nickte. 
'Zwei Pferde, ein Hengst und eine Stute, für das Lager', sagte / Emer. Bek-Neti  zögerte, in Nod wollte man nicht, dass man womöglich auch woanders Pferde züchtete.
'Ein Pferd für Eva, die Königstochter dort oben, das muss reichen', sagte er, ob Emer es selbst hinaufbringen könnte?
Natürlich, er würde das Ackervolk höchstpersönlich aufsuchen und berichten, was mit Kain geschehen war, damit sie auch die Vorgänge verstünden. 
'Schmuck für Letha.'
Erneutes Nicken.
Falls der Oberbefehlshaber Geschenke für die Frauen in Emers Lager hätte, so würde man sie gern entgegennehmen, sagte Emer, der jetzt alle Bescheidenheit abgelegt hatte.
Bek-Neti nickte. [...]
Kain beteiligte sich kaum am Gespräch, er saß da und machte sich Sorgen wegen Letha, Sorgen, auch um den Jungen, den er wohl nie wieder sehen würde. Er war auch darüber selbst erstaunt.
Als die Männer aufbrachen, nahm er Emer zur Seite und sagte / sehr leise: 'Ich hatte keine andere Wahl, sag das meinen Leuten auf dem Berg.'
Emer sah verwundert aus, aber er versprach es.
Kain ging zu seinem Zelt und dachte, dass ihnen die Lüge gut tun würde. Und ihm ging auf, dass man auch für einen guten Zweck lügen konnte."(S. 117-119).

Kapitel 15, 
"Vor dem Einschlafen wollte Kain noch ein langes Gespräch mit Eva führen, wollte Klarheit in all die unerwarteten Ereignisse dieses merkwürdigen Tages bekommen und sie um Rat fragen. Vor allem aber musste er sich gegen die Vorwürfe wappnen, die nicht ausbleiben würden.
Aber dazu kam es nicht.
Sobald Kain den Kopf auf das Kissen gelegt hatte, war er auch schon eingeschlafen, und als hätte er einen Schlag mit dem Hammer bekommen, war er in Bewusstlosigkeit versunken.
Er fällt in rasender Geschwindigkeit, der Abgrund, der sich unter ihm auftut, ist schwindelerregend, und als er schreit, hört er das Echo von den schwarzen, kaum auszumachen, den Felsen wieder Hallen. Eiskalter Schrecken überkommt ihn, er fällt immer weiter.
Da taucht ein Licht auf, es sieht die dunklen Vorsprünge entlang des Abgrundes und weiß, er würde an ihnen zerschmettern, wenn er versuchte, den Fall aufzuhalten. Trotzdem tut er es, und die Hände brennen wie Feuer vor Schmerz, als er einen hervor stehenden Baum zu fassen bekommt, an dem er hängen bleibt.
An dem Baum steht ein Mann, und kein weiß, dass es Abel ist, weiß auch, er wird ihm keine helfende Hand reichen. Dann ist er wieder auf dem Weg abwärts, zum Boden des Abgrunds, wo in Satan mit einem Messer erwartet. Es ist das göttliche Blut, auf das es Satan abgesehen hat. Kein soll lebendig aufgegessen werden, soll langsam sterben. Gleich darauf steht er auf dem/Boden der Felsschlucht und zieht den Wild Menschen das Wasser heben.
Er sieht in Satans Augen, sie sehen traurig aus. 

Wie in Eden, denkt Kain noch, und dann ist er wach, dem furchtbaren Traum, dem unerträglichen Schrecken entkommen. [...]
Zur Hölle, zur Hölle auch, denkt er, während die Tränen strömen und das nach Heu duftende Kissen des Hirtenvolkes durchnässen. So viele Tage war ich dich nun los, beinah hatte ich geglaubt, du würdest mich nie wieder finden.
Und es musste genau an diesem Tag passieren, dem Tag, an dem er mit Nods Kriegern über die sonnenbeschienenen Ebenen zu dem sagenhaften Reich hinaufreiten wollte, zu dem Land, in dem man ihn erwartete und brauchte.
Niemand darf es mir anmerken, dachte er. [...] /
Er sieht einen Wächter vor seinem Zelt.
Als Kain im Gästezelt Bek-Neti auftauchen sah, ging er schnurstracks auf ihn zu, verbeugte sich hastig und wünschte schroff einen guten Morgen. Dann fragte er unvermittelt: 'Bin ich dein Gefangener, Bek-Neti?
Bek-Neti sah den jungen Mann verwundert an, bemerkte das leuchtende Feuermal auf der Stirn und dachte: Die Narbe, von der die Priesterin gesprochen hatte, gestern ist sie ja gar nicht aufgefallen. Und weiter dachte er: Was hat ihn so aufgebracht? [...]
'Und was hättest du gemacht, wenn ich mich mit der Wache nicht abgefunden hätte? Mich ermorden lassen?'
Bek-Neti merkte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss, er fühlte sich ertappt.
'Ich hatte keine bestimmten Absichten', sagte er. 'Du musst verstehen, wir sind nahezu ohne Hoffnung aufgebrochen, um herauszufinden, ob an dem Gerücht etwas Wahres sei. Man hat wohl kaum einen Plan, wenn man losreitet, den Ursprung eines Liedes zu suchen, das ein umherziehendes / Hirtenvolk singt. Bis gestern habe ich noch gezweifelt, ob es dich überhaupt gibt.'
'Du machst viele Worte, aber du antwortest nicht auf meine Frage', sagte Kain.
'Reicht ein Versprechen, dass ich nie Hand an dich legen würde, jetzt, wo ich dich gefunden habe?'
Die warmen Worte und der freundliche Ton der Stimme besänftigt die Wut des jungen Mannes, trotzdem saß noch immer die Unruhe in den fast schwarzen Augen.
'Etwas sollst du von mir wissen, Bek-Neti', erwiderte er. 'Du kannst mir niemals drohen. Das Leben, verstehst du, ist mir nicht wichtig. Ich habe mir den Tod immer gewünscht. Siehst du, und damit bin ich dir gegenüber im Vorteil. Mein Leben ist für dich viel wichtiger als für mich.'
Bek-Neti hörte nicht die Drohung, vielmehr die Verzweiflung und handelte ganz nach seinem Herzen. Mit einer kraftvollen Bewegung hob er Kain von der Pritsche, schlang die Arme um ihn und sagte: 'Was hat das Leben dir bloß angetan, dass du keinen Sinn in ihm siehst, dabei bist du noch so jung.'
Kain kam nicht dazu, in seiner gewohnten Rückzurückhaltung zu antworten, er wurde festgehalten wie ein Kind. Und etwas geschah mit ihm, als die Wärme des Kriegers auch auf seinen Körper überging. Etwas in ihm wurde weich, er konnte sich gehen lassen.
Zum ersten Mal in seinem Leben spürte Kain Vertrauen zu jemandem.
Er weinte jetzt, schämte sich, wollte die Tränen zurückhalten, gab ihnen dann aber doch nach.
Schließlich  ließ Bek-Netii den Jungen mit den Worten los:
'Bei Sin, ich werde deinem Leben einen Inhalt geben.'
Da ging ein Sonnenstrahl wie an einem grauen Tag über Kains Gesicht, und ein Lächeln zeigte sich in seinen dunklen Augen./  Noch immer hielt Bek-Neti Kains Schultern umfasst als sich beide setzten, diesmal nebeneinander. [...]
Aber Kain fühlte nur die Wärme, hörte gar nicht richtig zu.
'Du wirst mein Lehrer sein', sagte er nur, und das Vertrauen machte seine Stimme stark.
'Ich hoffe, dass ich es sein kann. Ich und mein Sohn. Weißt du, ich habe einen Sohn in deinem Alter, erwiderte Bek-Neti. [...] Kain saß schweigend da und spürte eine ungewohnte Hoffnung in der Herzgegend aufkeimen. Ein Bruder, dachte er ein neuer Bruder. Kein kleines Kind diesmal, sondern ein gleichaltriger Kamerad.
Im selben Moment wusste er, was an dem Traum heute Nacht falsch war. Abel, der dort im Licht auf dem Felsvorsprung stand, hätte ihm geholfen, er hätte seine Hand nach ihm ausgestreckt. Kain wusste es, er kannte Abel." (S.120-124).