21 Januar 2026

Günther de Bruyn: Vierzig Jahre

 Günter de Bruyn lese ich zwar nicht täglich, aber immer wieder mit Freude und Gewinn, diesmal "Vierzig Jahre" (1996) der Band seiner Autobiographie, der mich noch mehr "anmachte" als "Zwischenbilanz" (1992). 

Als die DDR gegründet wurde, war Günter de Bruyn 22, als der Staat von der politischen Bühne abtrat, 63 Jahre alt. Die vierzig Jahre, die dazwischen liegen und den größten Teil seines bewußten Lebens ausmachen, hat de Bruyn in der DDR verbracht. In diesem Buch berichtet er so offen, so uneitel, ruhig und gewissenhaft, wie dies bislang wohl noch nie geschah, vom Leben eines Bürgers in einem diktatorischen Staat und setzt damit seine vielbeachtete autobiographische Zwischenbilanz fort.

»Wenn man unter den deutschsprachigen Schriftstellern unserer Jahrzehnte denjenigen auszeichnen wollte, der die Arroganz bis zum letzten Hauch aus seiner Sprache getilgt und die Fairneß zur Arbeitsmoral erhoben hat, gehörte Günter de Bruyn der Preis.«
Sibylle Wirsing, "Frankfurter Allgemeine"

YouTube zu de Bruyn                                                 Foto u. Text anlässlich seines Todes  

W.Thierse über de Bruyn besonders Min. 52ff.

Zunächst steht hier nur verkürzt der Text einer KI (hier der vollständige Text), Zitate habe ich schon vorgemerkt, sie folgen, wenn ich Zeit dafür finde.

Über seinem Freund Herbert: das Porträt einer lebenslangen Freundschaft, die von den politischen und gesellschaftlichen Spannungen der DDR geprägt war. Die beiden lernten sich während der Zeit des Nationalsozialismus kennen, überlebten den Krieg und suchten in der frühen DDR nach Orientierung. Während de Bruyn den Weg des Schriftstellers einschlug, blieb Herbert eine Art "Gegenentwurf" – ein Mensch, der versuchte, im Privaten integer zu bleiben, während er im System der DDR zunehmend zerrieb. Herbert verkörpert für de Bruyn das Schicksal derer, die innerlich nicht mit dem System konform gingen, aber auch keinen offenen Widerstand leisteten. Er steht für geistige Unabhängigkeit, die ihn oft in Konflikt mit den Erwartungen der SED-Diktatur brachte, so dass er "Verlierer" der Geschichte wurde.

De Bruyn beschreibt die Beziehung zu Herbert mit einer Mischung aus Bewunderung, Mitleid und Selbstkritik, um die stickige Atmosphäre der DDR-Provinz und die Enge des damaligen Denkens spürbar zu machen.

Zitate:

Herbert: Der Nachtgefährte.

Nach Herberts Tod waren meine Träume von ihm belebt. [...]Seite 51

Da meine Traumerfahrung mit Toten besagte, dass sie sich rar machten, mit den Jahren, um schließlich mit ihrem völligen Wegbleiben den zweiten Tod, den des Vergessens, zu sterben, nahm ich mir vor, ihn im Roman weiterleben zu lassen, Doch wurde nur ein Bündel Fragmente daraus.

In ihnen führte Herbert den Namen Krautwurst, der das seltsame seiner Erscheinung ausdrücken sollte. (S. 52)

"Was unser Verhältnis so fruchtbar machte, war die Verschiedenheit unserer geistigen Wege, auf denen wir zu ähnlichen Positionen gelangt waren. Ihm war meine katholische / Herkunft so fremd wie mir die sozialdemokratischen Einflüsse, die sein Vater auf ihn ausgeübt hatte. Meine religiös-romantisch Jugend bewegte Entwicklungsphase war ihm unverständlich, während ich seine Swing-Begeisterung, zu der auch lange Haare, elegante Sakkos und Nächte im 'Mokka. Efti' gehörten, nur mit Befremden zur Kenntnis nahm. [...] Mit Begeisterung aber hatte er auch die mir nicht vertrauten Grillparzer und Hebbel gelesen, sich mit Malern, die als entartet galten, beschäftigt und sich zum Kenner des literarischen Expressionismus entwickelt, während ich vorwiegend Storm gelesen hatte und nur bis zu Arno Holz gelangt war. Nach dem Krieg trafen sich bei Thomas Mann unsere Interessen, doch wurde dieser bei ihm bald überflügelt durch Kafka, Musil und Joyce. [...] Wir verfolgten beide die westdeutsche Literatur, "in der mich vor allem Böll vom ersten Buch an faszinierte, während Herbert lediglich Nossack gerade noch gelten ließ. In der Ablehnung Brechts waren wir einig, besuchten aber jede seiner Aufführungen. [...]"(S. 55/56)

Umwertung, der Werte

Wie die Demokratie und die Nationalstaaten, die Dampfmaschine, der Jazz und die Jeanesmode, war auch die Freihandbibliothek aus dem Westen gekommen und in Deutschland anfangs vorwiegend auf Ablehnung gestoßen; denn zu den pädagogischen Idealen der Volksbüchereien, wie sie besonders in Leipzig gepflegt worden waren, passte sie schlecht. [...] (S.56)

"Herberts Begabung lag so ausschließlich im Mündlichen und Dialogischen, dass er ohne ein Gegenüber nur wenig zu Stande brachte, kaum einen Brief. [...] Nur im Gegenwart anderer konnte er sich zusammenreißen und sich auf anderes, als ich selbst konzentrieren." (S.59)

Denn in dem politisch und ideologisch belebten Jahr 1956, in dem mit dem Schwinden des / Stalin-Mythos auch Parteiblinde sehend wurden, Starrheiten, sich lösten und antidogomatische Aufsätze von Lucácz und Mayer selbst im Institut diskutiert werden durften, hatte ich nach der blutigen Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes, den Prozessen gegen Intellektuelle und der erneuten Dogmatisierung manches widerliche Zu-Kreuze-Kriechen erlebt.

Als Parteiloser konnte ich wenigstens schweigen. Schon die erste Stufe einer Karriere wäre aber mit Parteimitgliedschaft verbunden gewesen. Die aber lag für mich außerhalb jeder Erwägung. Wenn mir Genossen erklärten, man müsse in die Partei gehen, um sie zu verändern, hatte ich immer den Eindruck von Selbstrechtfertigung oder Selbstbetrug."         (S.61/62)

Wanderungen und Wandlungen

"[...] Dass ich gegen Ende der fünfziger Jahre auch viele Urlaubstage mit Herbert verbrachte, war für Ilse eine Entlastung, geschah aber nicht etwa ihretwegen oder aus Mitleid mit ihm. Unsere gemeinsamen Wochen auf Landstraßen und Waldwegen waren für mich, trotz vieler Regen und / Hungertage, die sorglosesten, heitersten und anregendsten dieser Jahre, und auch er war wohl, wenn wir unterwegs waren, zeitweilig seine Seelenqual los. Da er als Kind weder Schwimmen noch Radfahren gelernt hatte, verzichteten wir auf die Fahrräder und wurden zu Wanderern. Denn erstaunlicherweise war Herbert trotz seiner Lädierung ein ausdauernder Fußgänger, dem aber der Begriff Wandern zu pathetisch und zu altmodisch erschien. Er nannte es Vagabundieren, traf aber damit nur unseren Geldmangel und unsere äußere Erscheinung, nicht aber das Wohlorganisierte und Bildungsbelissene, dass uns zu Kirchen, Schlössern und historisch bedeutsamen Orten trieb.

Sparsame Leute waren wir beide. [...] 

Um nicht zugeben zu müssen, dass er Angst vor Urlaubseinsamkeit hatte, gab Herbert vor, nur der Billigkeit wegen diese Fußmärsche mitzumachen, die er, wenn sie ins Grüne gingen, unsinnig nannte; denn von Natur hielt er angeblich nicht viel. Das entsprach unserer selbstparodistischen Rollenverteilung, die wir uns nach Erzählungen über unsere Jugendentwicklung zurechtgemacht hatten: ich war Romantiker, Vergangenheitsschwärmer, Naturbursche, er Kulturfanatiker, Dekadenter, Swingheini; was ihm Barhocker und Blues waren, waren für mich Waldteiche und Volkslieder. Nur in der Kunst, auch der sakralen, trafen wir uns, ohne aus dem Rollen zu fallen. Sie gab unseren Unternehmungen, Sinn und Ziel."   (S. 65).

"Der aufwändigste Teil der Planung aber war die Reservierung von Schlafplätzen. Noch gab es keine Hotelführer, und als es die ersten gab, waren sie unzuverlässig, weil die größeren Häuser durch Enteignung oder Westflucht ihrer Besitzer zu Betriebsheimen, Büros oder  Parteischulen umfunktioniert wurden und die Dorfgasthäuser ihren Betrieb einstellten, dadurch Steuerdruck und Preisregulierung daran nichts zu verdienen war. Die Vernichtung des privaten Gaststättengewerbes erschwerte das individuelle Reisen. In touristisch erschlossenen Gebieten, wie dem Harz und dem Spreewald, war es manchmal nicht möglich, auch nur einen Kaffee zu trinken; denn in den Gaststätten mussten Kollektive / versorgt werden; da war für 'wilde Reisende', wie wir genannt wurden kein Platz. [...] Wir erlebten zerschlissene Hoteleleganz der Jahrhundertwende, Betriebsheimödnisse und Strohschütten in Sportlerherbergen; und mehr als drei Mark für die Nacht bezahlten wir nie. Z...]. Oft narrten uns unsere Landkarten, entweder weil sie alt waren und beispielsweise die Bodetalsperre im Harzvorland noch nicht verzeichneten, oder weil sie neu und bewusst falsch waren und die Truppenübungsplätze verschwiegen, deretwegen ein Fünftel der Mark abgesperrt war. [...] Zwischen Brennnesseln und Holunderbüschen auf Fundamentresten sitzend, bewunderten wir im Geiste, was wir auf alten Bildern gesehen hatten, und kamen uns donquichotisch vor. Der Schönheit der Vergangenheit wegen, liefen wir uns die Füße blutig und kamen doch immer nur in der tristen Gegenwart an." (S. 66/67).

"Da keiner von uns missionarische oder rechthaberische Neigungen hatte, und jeder neugierig war, auf den anderen, aber nicht urteilen wollte, führten wir eher Vergleichs- als Streitgespräche und verdoppelten unser Wissen und unsere Erfahrung dabei." (S. 68).



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