25 Januar 2026

Marianne Fredriksson: Abels Bruder

 KI:

Marianne Fredriksson hat mit ihrem Werk „Evas Töchter“ die Ur-Familiengeschichte der Bibel (Adam, Eva, Kain und Abel) aus einer psychologischen und feministischen Sicht neu interpretiert.

„Abels Bruder“ erzählt die Geschichte von Kain und Abel, den Söhnen von Adam und Eva, aus einer sehr menschlichen und psychologisch einfühlsamen Perspektive. 

Es ist ein Roman, der die biblische Geschichte von Kain, dem Bruder Abels, neu interpretiert und dabei tief in dessen innere Konflikte und Schuldgefühle eintaucht. Die Erzählung schildert, wie Kain nach dem Mord an seinem Bruder von einer schweren Last der Schuld geplagt wird, die wie ein Fluch auf ihm liegt. Diese Schuldgefühle bestimmen sein Leben und führen ihn schließlich dazu, in ein Paradies zu fliehen, von dem Eva ihm viel erzählt hat – ein Ort der Hoffnung und des Neuanfangs www.fischerverlage.de www.lovelybooks.de www.zvab.com .

Das Buch ist typisch für Fredrikssons Stil, der Spiritualität und Menschlichkeit verbindet und dabei oft Fragen nach dem Sinn des Lebens und der menschlichen Natur stellt.

Zitate:

Kapitel  1, S.9 ff. 
"Ab und zu, unterbrach er seine Arbeit und starrte auf seine Hände. Als ob er sich ihrer plötzlich bewusst wurde, besah er sie prüfend. Einstmals hatten sich diese Hände in rasender Wut um den Hals des Bruders gelegt und ihn so lange umklammert, bis die unselige Tat ausgeführt war. Manchmal klang etwas in ihm an. Dann fühlten die langen, geschickten Finger wieder, was damals geschehen war, Und er dachte, allein die Hände wussten auf dieser Erde, die Wahrheit über ihn. 
Er selbst konnte sich an nichts erinnern. Das hatte er noch nie vermocht. Es war für ihn unmöglich zu verstehen, wie damals, als der Zorn ihn an jenem Morgen überwältigt hatte, auf eine Handlung, die nächste gefolgt war. Alles war in Windeseile geschehen, so schnell, dass er es nie mehr nachvollziehen konnte, weder in den einzelnen Phasen noch als Ganzes.
Manchmal kam ihm der Gedanke, das gesamte Geschehen habe sich außerhalb der Zeit abgespielt.
Das ist der Grund, weshalb es so unwirklich ist, dachte er.
Als hätte es nie stattgefunden.

Wie die Mutter es ausgedrückt hatte – ein unglücklicher Vorfall. Sie hatte die unselige Tat auf sich genommen und seine Schuld zu der ihren gemacht. Damit wurde der Schmerz, der ewige Schmerz, noch schlimmer. Doch nicht unerträglich, oh nein, Kain hielt ihm stand. Selbst die Qual kann zur Gewohnheit werden./ Es gab jedoch auch gute Tage, Tage, an denen die Sonne auf den Acker schien und der Schmerz sich als murrender Begleiteter im Hintergrund hielt. Dann wiederum konnte es passieren, dass der Schmerz Kain unverhofft an der Gurgel packte und er sich sehr zurückhalten musste.
Damit er nicht zuschlug." (S.9/10)

Kapitel 6 S. 47 ff.
"Kain war unterwegs zum Bach, manchmal hatte er selbst den Eindruck zu fliegen, hochgehoben von dem Sturm, der in ihm tobte. Die Wanderung, die für gewöhnlich einen halben Tag dauerte, war bereits zu Ende, noch ehe die Morgensonne um den Bergkamm im Osten herum gekommen war.
Er dachte an nichts. Nur Platz für den Sturm, und die Erleichterung waren in ihm, als wäre er davon gekommen.
Entkommen.
Er begab sich geradewegs unter den Wasserfall auf dem Felsvorsprung und ließ sich sauber waschen. Er lauschte. Der Sturm in ihm hatte sich beruhigt, der Gesang des rauschenden Wassers erfüllte ihn jetzt, hell und verspielt
[...]
Er wusste, was er zu tun hatte. Er würde zu den großen Laubwäldern im Osten gehen, zu dem seltsamen Volk, von dem er so viel hatte berichten hören. Seit den Erzählungen, Vaters Erzählungen aus der Kindheit, hatte er sich nach dem Volkgesehnt. Und immer wieder hatte er Eva, nachdem sie von ihrer Wanderung / zurückgekommen war, bedrängt, noch mehr von dem Licht dort in dem Wald zu berichten, von dem munteren, lüsternen Volk, Ihren Umarmungen und ihrem Lachen.
Dem freien Volk.
Und ihrem Anführer, den sie Satan nannten, mit seiner unbändigen Kraft.
Bei Ihnen gab es keine Erinnerung, hatte Eva gesagt. Jede Handlung war in dem Augenblick, in dem sie ausgeführt wurde, bereits vergessen.
Niemand betrauerte die Toten.
Und es würde keinen Abel geben.
Auch keine Gedanken und keine Worte. Schon immer hatte er sich danach gesehnt, er war nun mal kein Mann der Worte.
Dort konnte er den Sturm in seinem Inneren zulassen. Alle waren sie wie Glieder eines Körpers., so hatte Eva gesagt. Es war nicht leicht zu verstehen, aber es hatte eine eigene Leuchtkraft, zog ihn unwiderstehlich an. Mehr als einmal, hatte Kain gedacht, dort sei sein eigentliches Zuhause. Dort könnte er eins werden mit den vielen, könnte dem Großen Körper in ewiger Gemeinschaft angehören. [...]" (S.48) [...] (S.50:) "Soeben war das geile Volk nach dem Mittagsschlaf aufgewacht. Kain sah sie dort unten ungehemmt kopulieren.
 Und nichts von dem, was er sah, stimmte mit seinem Bild von befreiten, freudigen Umarmungen überein.
Es widerte ihn an.
Wie gebannt blickte Kain diesen Satan an, den Mann, der die Träume seiner Kindheit beherrscht hatte.
Kain schaute zu und verabscheute die Lüsternheit, Rohheit und Gewalttätigkeit. Am schlimmsten von allem war das schlaffe Gesicht mit den halb geschlossenen Augen, irgendwie passte es nicht zu dem muskulösen, kopulierenden Körper.
Einmal hob der Mann den Blick, und Kain sah in seine Augen. Sie waren schwarz, schwermütig – etwas darin erkannte er wieder.
In diesem Moment brach in ihm erneut der Sturm los, ergriff ihn diesmal mit Orkanstärke, riss ihn von der Baumkrone und fegte ihn genau auf den Mann zu. / Durch den Sturm hörte er das wütende Geheul der Horde, als er sein Messer mitten in das Herz des Satans stieß, es hineinbohrte, herauszog, erneut zustieß und dann den Bauch aufschlitzte.

Als die Gedärme herausquollen, kehrte in Kain endlich Ruhe ein. Er nahm sein Messer, strich es im Gras ab und machte sich auf dem Weg zum Waldrand. Das Waldvolk war verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt.

Auf dem Weg nach draußen merkte er, dass das unbewegliche, weiße Licht mit einem schwarzen Schimmer durchzogen war, dunkle Streifen und Flecken tanzten um seine Füße." (S. 47-51)

Kapitel 7, S.52ff.
"Vierzig Schritte waren es von dem goldenen Thron bis zu dem geflügelten Steinlöwen am Ende des Säulenganges. Sie wusste es genau, denn sie war sie nunmehr viele Jahre lang auf- und abgeschnitten.
Jahrzehntelang hatte der Gott des Schlafes die heilige Königin von Nod gemieden. Die Nächte hindurch wanderte sie über den Mosaikboden, der von Alu-Lims Handwerkern gelegt worden war, dem Stammvater, dem obersten Himmelsgott, der einst den Tempelturm hier auf der Hochebene errichtet hatte. [...]. 
Vom Dach des Turmgebäudes konnte man die Gebete des Mondpriesters hören, die langen, heiligen Verse, die der Göttervater Alu-Lin, zum Schutz der Menschheit vom Himmel herunter hinunter auf die Erde gebracht hatte. Jetzt wussten alle und manche, ohne darüber nachgedacht zu haben, dass die Gebete des Mondpriesters ihre Kraft aus dem göttlichen Blut erhielten, dass immer langsamer durch die Adern der alten Königin rann. Zwischenraum. Sie machte eine Bewegung, als wollte sie die Bürde von sich abschütteln, die drückende Verantwortung für das fort, bestehendes Volkes, von Not hier auf Erden.
Langsam hob einen Arm gegen das Mondlicht, lange stand sie da und sah auf die durchscheinende Hand. Sie war schmal und von Adern durchzogen, Die Finger leicht gekrümmt vom Alter und der Gicht, die sich mit den Jahren und der Feuchtigkeit des Flusses einstellt.
Wie zerbrechlich ist doch die Verbindung zwischen Göttern und Menschen, dachte sie. Wenn das Blut aufhört, durch meine alten Adern zu rinnen, ist die Verbindung durchbrochen und die Menschen und sind den Dämonen und dem Untergang geweiht. "(Seite 52-54). 

S. 59:  "[...] Heute war ein Hirtenjunge aus den Flussniederungen im Süden in der Stadt eingetroffen, angeblich nach einem Viehdiebstahl auf der Flucht. Und er hatte in einem der Wirtshäuser innerhalb der Stadtmauern eine merkwürdige Geschichte von einer Königstochter aus Nod erzählt, die gemeinsam mit einem Schamanen ein neues Volk weit oben in den Bergen gegründet hatte.
Ein Ackervolk mit seltsamen Fähigkeiten. Sie konnten Kranke heilen, Tote zum Leben erwecken und den Himmel dazu bewegen, dass es regnete, wenn Trockenheit die Erde zu verwüsten drohte.
Sie hätten nur einen Gott, hatte er berichtet.
Und ein Kind sollte es geben, einen Sohn, mit der besonderen Nase des Geschlechts, von Nod und eigentümlicher Kraft in den Augen.

Nin fühlte nun ihr Herz schlagen.
Eine Lügengeschichte ist das, hatte sie abwehrend gesagt. / Aber während sie durch die Säle in dem leeren Palast zu ihrem Schlafgemach ging, um einige Stunden zu ruhen, hatte sie einen Entschluss gefasst.
Der Sache musste nachgegangen werden.
Und ehe sie zu Bett ging, erteilte sie ihre Befehle. Der Hohepriester sollte zu einem Treffen erscheinen, nachdem sie das Feuer des neuen Tages frühmorgens auf dem Turm entzündet hatte.
Bek-Neti sollte ebenfalls dazu gerufen werden. Er war ihr Befehlshaber und ein Mann, zu dem sie großes Vertrauen hatte. Beruhigt über ihren Entschluss, schlief sie endlich ein." (S. 59/60 )

Kapitel 8, S. 61 ff. 
"Unter Alu-Lims Gesetzen, gab es ein Gebot, das niemals laut ausgesprochen wurde. Es besagte: Wenn der letzte Spross des Königsgeschlechts, ohne Erben stirbt, müsste das gesamte Volk am Hofe mit ihm begraben werden./ Trotz allem hatten sie nicht viel zu befürchten, dachte Nin, nachdem sie ihre Fackel entzündet hatte und sich daran machte, die hohe Turmtreppe hinaufzusteigen. Kein Lebender würde die Kraft haben, das Gebot in die Tat umzusetzen.
Vor wenigen Monaten hatte der Bastard heimlich etwas in dieser Richtung verlauten lassen, als er hier am Hof seine verschwörerischen Ränke geschmiedet hatte. Sein Anschlag war missglückt, dank Bek-Netis niemals nachlassender Wachsamkeit. Der Bastard war ein Sohn ihres Mannes, gezeugt mit einer Dirne, an dessen Namen sich nicht mehr erinnern konnte.
Wahrscheinlich hing der Name mit einer traurigen Begebenheit zusammen, die sie vergessen hatte. Eigentlich hätte der Sohn wie alle anderen Kinder von Mätressen, bei der Geburt getötet werden müssen, aber er war gemeinsam mit seiner Mutter entkommen. Jetzt war er hier wieder aufgetaucht, erwachsen und verrückt." (S.61/62)
"[...] Die beiden Männer erwarteten sie vor dem goldenen Stuhl in der Säulenhalle, aber sie schüttelte den Kopf und ging voraus in den geschlossenen Raum, den Raum für geheime Zusammenkünfte in Nod. [...]
Ich hätte es nie zulassen dürfen, dachte die Königin. Im übrigen mochte sie den Priester nicht, hatte ihn nie gemocht. Bis heute / vermeinte sie, den Geschmack der demütigen Nächte zu spüren, in denen er versucht hatte, ein Kind mit ihr zu zeugen.
Bek-Neti war ein ganz anderer Mann, wie immer hellte sich ihr Blick auf, wenn sie ihn sah. Er hatte eine breite Brust und kräftige Schultern und war einen Kopf größer als sie. Der kurze Bart war sorgfältig geflochten, um seinen Mund lag ein schelmischer Zug, und seine hellbraunen Augen waren voller Wärme. [...]  Seine Umarmungen hätten die Lust noch gesteigert, sein Same wäre in ihr gewachsen.
Sie wusste aber auch, dass das Kind, das aus dieser Umarmung hervorgegangen wäre, kein Recht auf Nods Thron gehabt hätte. Nur aus einer Geschwisterehe konnte ein Königskind geboren werden, oder aus der Vereinigung zwischen einer Königstochter und dem Mondpriester.
Oder wenn sich Innanas Priesterinnen mit den Söhnen des Königs vereinten, wie es früher geschah.

Jetzt gab es weder Königssöhne noch Priesterinnen. Nur eine gab es noch auf Erden, die Greisin, die in der Höhle hinter dem Tempelturm saß, versunken in ewigen Gebet zu dem Abendstern. Sie war vertrocknet, wie Nin selbst.


Kurz angebunden, um Ihre Erregung zu verbergen, berichtete Nin die Geschichte mit dem Hirtenjungen, der gestern in die Stadt gekommen war und jetzt im Keller des Turms seinen Rausch ausschlief. Seine Lügengeschichte hatte möglicherweise einen wahren Kern, sagte sie und erzählte, wie sie sich in dieser Nacht an die Königstochter zurück erinnerte, die vor langer Zeit mit einem Priester das Weite gesucht hatte. [...] " (S.63/64)

Fredriksson lehnt sich bei der Beschreibung dieser städtischen Welt von Nod an die Götterwelt der Sumerer und des Gilgamesch-Epos an.

Kapitel 14, S.117ff.
Zum zweiten Mal an diesem Tag erlebten die Leute aus dem Lager, dass der Stammeshäuptling gegen jeden Brauch und Anstand die Mahlzeit mit seinen Gästen Kain und Bek-Neti in seinem eigenen Zelt einnahmen. Aber in dem großen Speisezelt machte man sich deshalb nicht allzu viele Gedanken, man hatte genug damit zu tun, sämtliche Kriege aus Nod mit dem Besten, was das Lager zu bieten hatte, zu bewirten und zu beschenken. Zudem musste man jedes Wort und jede kleinste Handlung im Gedächtnis behalten, denn man wollte in der folgenden Zeit in Emers Lager neue große Lieder darüber dichten.
Im Zelt des Häuptlings gingen die Verhandlungen unerwartet leicht voran. Emer setzte seine Forderungen nur so hoch an, dass noch Handlungsspielraum möglich war, aber Bek-Neti hatte kein Interesse zu feilschen. [...]
'Uneingeschränktes Recht für Letha, sich einen neuen Ehemann zu suchen', sagte Emer, und Kain nickte.
'Adam und Emer übernehmen die väterliche Verantwortung für den neugeborenen Sohn. Nod müsste sich verpflichten, in Zukunft keinerlei Recht auf ihn anzumelden.'
– Bek-Neti  nickte. 
'Zwei Pferde, ein Hengst und eine Stute, für das Lager', sagte / Emer. Bek-Neti  zögerte, in Nod wollte man nicht, dass man womöglich auch woanders Pferde züchtete.
'Ein Pferd für Eva, die Königstochter dort oben, das muss reichen', sagte er, ob Emer es selbst hinaufbringen könnte?
Natürlich, er würde das Ackervolk höchstpersönlich aufsuchen und berichten, was mit Kain geschehen war, damit sie auch die Vorgänge verstünden. 
'Schmuck für Letha.'
Erneutes Nicken.
Falls der Oberbefehlshaber Geschenke für die Frauen in Emers Lager hätte, so würde man sie gern entgegennehmen, sagte Emer, der jetzt alle Bescheidenheit abgelegt hatte.
Bek-Neti nickte. [...]
Kain beteiligte sich kaum am Gespräch, er saß da und machte sich Sorgen wegen Letha, Sorgen, auch um den Jungen, den er wohl nie wieder sehen würde. Er war auch darüber selbst erstaunt.
Als die Männer aufbrachen, nahm er Emer zur Seite und sagte / sehr leise: 'Ich hatte keine andere Wahl, sag das meinen Leuten auf dem Berg.'
Emer sah verwundert aus, aber er versprach es.
Kain ging zu seinem Zelt und dachte, dass ihnen die Lüge gut tun würde. Und ihm ging auf, dass man auch für einen guten Zweck lügen konnte."(S. 117-119).

Kapitel 15, 
"Vor dem Einschlafen wollte Kain noch ein langes Gespräch mit Eva führen, wollte Klarheit in all die unerwarteten Ereignisse dieses merkwürdigen Tages bekommen und sie um Rat fragen. Vor allem aber musste er sich gegen die Vorwürfe wappnen, die nicht ausbleiben würden.
Aber dazu kam es nicht.
Sobald Kain den Kopf auf das Kissen gelegt hatte, war er auch schon eingeschlafen, und als hätte er einen Schlag mit dem Hammer bekommen, war er in Bewusstlosigkeit versunken.
Er fällt in rasender Geschwindigkeit, der Abgrund, der sich unter ihm auftut, ist schwindelerregend, und als er schreit, hört er das Echo von den schwarzen, kaum auszumachen, den Felsen wieder Hallen. Eiskalter Schrecken überkommt ihn, er fällt immer weiter.
Da taucht ein Licht auf, es sieht die dunklen Vorsprünge entlang des Abgrundes und weiß, er würde an ihnen zerschmettern, wenn er versuchte, den Fall aufzuhalten. Trotzdem tut er es, und die Hände brennen wie Feuer vor Schmerz, als er einen hervor stehenden Baum zu fassen bekommt, an dem er hängen bleibt.
An dem Baum steht ein Mann, und kein weiß, dass es Abel ist, weiß auch, er wird ihm keine helfende Hand reichen. Dann ist er wieder auf dem Weg abwärts, zum Boden des Abgrunds, wo in Satan mit einem Messer erwartet. Es ist das göttliche Blut, auf das es Satan abgesehen hat. Kein soll lebendig aufgegessen werden, soll langsam sterben. Gleich darauf steht er auf dem/Boden der Felsschlucht und zieht den Wild Menschen das Wasser heben.
Er sieht in Satans Augen, sie sehen traurig aus. 

Wie in Eden, denkt Kain noch, und dann ist er wach, dem furchtbaren Traum, dem unerträglichen Schrecken entkommen. [...]
Zur Hölle, zur Hölle auch, denkt er, während die Tränen strömen und das nach Heu duftende Kissen des Hirtenvolkes durchnässen. So viele Tage war ich dich nun los, beinah hatte ich geglaubt, du würdest mich nie wieder finden.
Und es musste genau an diesem Tag passieren, dem Tag, an dem er mit Nods Kriegern über die sonnenbeschienenen Ebenen zu dem sagenhaften Reich hinaufreiten wollte, zu dem Land, in dem man ihn erwartete und brauchte.
Niemand darf es mir anmerken, dachte er. [...] /
Er sieht einen Wächter vor seinem Zelt.
Als Kain im Gästezelt Bek-Neti auftauchen sah, ging er schnurstracks auf ihn zu, verbeugte sich hastig und wünschte schroff einen guten Morgen. Dann fragte er unvermittelt: 'Bin ich dein Gefangener, Bek-Neti?
Bek-Neti sah den jungen Mann verwundert an, bemerkte das leuchtende Feuermal auf der Stirn und dachte: Die Narbe, von der die Priesterin gesprochen hatte, gestern ist sie ja gar nicht aufgefallen. Und weiter dachte er: Was hat ihn so aufgebracht? [...]
'Und was hättest du gemacht, wenn ich mich mit der Wache nicht abgefunden hätte? Mich ermorden lassen?'
Bek-Neti merkte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss, er fühlte sich ertappt.
'Ich hatte keine bestimmten Absichten', sagte er. 'Du musst verstehen, wir sind nahezu ohne Hoffnung aufgebrochen, um herauszufinden, ob an dem Gerücht etwas Wahres sei. Man hat wohl kaum einen Plan, wenn man losreitet, den Ursprung eines Liedes zu suchen, das ein umherziehendes / Hirtenvolk singt. Bis gestern habe ich noch gezweifelt, ob es dich überhaupt gibt.'
'Du machst viele Worte, aber du antwortest nicht auf meine Frage', sagte Kain.
'Reicht ein Versprechen, dass ich nie Hand an dich legen würde, jetzt, wo ich dich gefunden habe?'
Die warmen Worte und der freundliche Ton der Stimme besänftigt die Wut des jungen Mannes, trotzdem saß noch immer die Unruhe in den fast schwarzen Augen.
'Etwas sollst du von mir wissen, Bek-Neti', erwiderte er. 'Du kannst mir niemals drohen. Das Leben, verstehst du, ist mir nicht wichtig. Ich habe mir den Tod immer gewünscht. Siehst du, und damit bin ich dir gegenüber im Vorteil. Mein Leben ist für dich viel wichtiger als für mich.'
Bek-Neti hörte nicht die Drohung, vielmehr die Verzweiflung und handelte ganz nach seinem Herzen. Mit einer kraftvollen Bewegung hob er Kain von der Pritsche, schlang die Arme um ihn und sagte: 'Was hat das Leben dir bloß angetan, dass du keinen Sinn in ihm siehst, dabei bist du noch so jung.'
Kain kam nicht dazu, in seiner gewohnten Rückzurückhaltung zu antworten, er wurde festgehalten wie ein Kind. Und etwas geschah mit ihm, als die Wärme des Kriegers auch auf seinen Körper überging. Etwas in ihm wurde weich, er konnte sich gehen lassen.
Zum ersten Mal in seinem Leben spürte Kain Vertrauen zu jemandem.
Er weinte jetzt, schämte sich, wollte die Tränen zurückhalten, gab ihnen dann aber doch nach.
Schließlich  ließ Bek-Netii den Jungen mit den Worten los:
'Bei Sin, ich werde deinem Leben einen Inhalt geben.'
Da ging ein Sonnenstrahl wie an einem grauen Tag über Kains Gesicht, und ein Lächeln zeigte sich in seinen dunklen Augen./  Noch immer hielt Bek-Neti Kains Schultern umfasst als sich beide setzten, diesmal nebeneinander. [...]
Aber Kain fühlte nur die Wärme, hörte gar nicht richtig zu.
'Du wirst mein Lehrer sein', sagte er nur, und das Vertrauen machte seine Stimme stark.
'Ich hoffe, dass ich es sein kann. Ich und mein Sohn. Weißt du, ich habe einen Sohn in deinem Alter, erwiderte Bek-Neti. [...] Kain saß schweigend da und spürte eine ungewohnte Hoffnung in der Herzgegend aufkeimen. Ein Bruder, dachte er ein neuer Bruder. Kein kleines Kind diesmal, sondern ein gleichaltriger Kamerad.
Im selben Moment wusste er, was an dem Traum heute Nacht falsch war. Abel, der dort im Licht auf dem Felsvorsprung stand, hätte ihm geholfen, er hätte seine Hand nach ihm ausgestreckt. Kain wusste es, er kannte Abel." (S.120-124). 


Keine Kommentare: