Hermann Hesse: Demian, 1919
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„Mancher wird niemals Mensch, bleibt Frosch, bleibt Eidechse, bleibt Ameise. Mancher ist oben Mensch und unten Fisch. Aber jeder ist ein Wurf der Natur nach dem Menschen hin. Und allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir alle kommen aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und Wurf aus den Tiefen, seinem eigenen Ziel zu. Wir können einander verstehen; aber deuten kann jeder nur sich selbst.“[2]
Zwei Welten
Im frühesten Kindesalter spürt Sinclair die Existenz zweier Welten in seinem Leben: Die eine ist die warme, lichte, geborgene, saubere und liebe Vater- und Mutterwelt. Ihr gegenüber steht die andere, die verbotene, dunkle, böse, allgemein gegensätzliche Welt, die ihm spannender und verlockender erscheint. Diese fremde Welt begegnet dem sozial höhergestellten Lateinschüler Sinclair in dem drei Jahre älteren Volksschüler und Schneidersohn Franz Kromer. Mit einer erfundenen kleinen Räubergeschichte von einem Apfeldiebstahl, mit der er seinen Kameraden imponieren will, kommt er in die Knechtschaft Kromers. Dieser droht ihm, ihn anzuzeigen, wenn er kein Schweigegeld zahlt. Da er es nicht aufbringen kann – Sinclair bekommt, obwohl seine Eltern wohlhabend sind, zur Verwunderung Kromers kein Taschengeld –, lässt dieser ihn andere, demütigende Dinge tun. Der naive Sinclair fühlt sich immer mehr in die dunkle Welt hineingezogen, weil er zu Hause Geld stiehlt und sich nicht traut, seinen Eltern die Wahrheit zu beichten. In den kommenden Wochen wird er von Albträumen und Angstzuständen geplagt, seinen Eltern gegenüber verhält er sich zunehmend verschlossen. Sinclair bekennt: „Was ich in diesen Träumen erlebte und was in der Wirklichkeit, das kann ich längst nicht mehr genau trennen.“ Er wird immer mehr von Kromer unter Druck gesetzt und ausgenutzt und sieht angstvoll der Zerstörung seiner bisher heilen Welt entgegen.
Kain
Die Rettung aus dieser Zwangssituation kommt von einem neuen Schüler, dem mehrere Jahre älteren Max Demian. Dieser weckt das Interesse der Mitschüler durch sein intelligentes und erwachsenes Auftreten. Bei einem Spaziergang erzählt Demian Sinclair seine eigene Interpretation der Geschichte von Kain und Abel, wonach das Kainsmal keine offen sichtbare, also körperliche Markung seiner Schuld sei, sondern ein Zeichen von Überlegenheit und Charakterstärke. Er erkennt, dass Sinclair unter der Macht Kromers leidet, und schlägt ihm vor, die Kunst des „Gedankenlesens“ auszuprobieren. Dieser fragt sich verwundert: „Sprach da nicht eine Stimme, die nur aus mir selber kommen konnte? Die alles wusste? Die alles besser, klarer wusste als ich selber?“ Demian spricht mit Kromer und dieser lässt von da an sein Opfer in Ruhe. Sinclair verfällt in Euphorie, vermag aber nicht, gegenüber Demian Dankbarkeit zu empfinden. Stattdessen zieht er sich wieder in die heile Welt des Elternhauses zurück.
Der Schächer
In der Pubertät angekommen, spürt Sinclair Triebe aufkeimen, die er auf die dunkle Welt zurückführt. Er erkennt schließlich, dass auch diese in ihm stecken und er sie nicht einfach vergessen oder verdrängen kann. Im Konfirmationsunterricht trifft Sinclair erneut auf Demian. Die beiden kommen sich wieder näher, und es entwickelt sich eine Freundschaft. Ausgangspunkt ihrer weltanschaulichen Gespräche ist die Kreuzigungsgeschichte und die unterschiedliche Beurteilung der beiden mit Jesus hingerichteten Verbrecher. Hier zieht Demian eine Parallele zu seiner „Kain und Abel“-Interpretation. Sinclair sieht in Demian zunehmend einen Seelenbruder. Unter anderem zeigt dieser ihm, wie sich Menschen allein durch einen eigenen, starken Willen steuern lassen. Vor allem beeinflusst Demian ihn mit seinen kritischen Ansichten von Einseitigkeit des christlichen Gottes- und Weltbildes. Den biblischen Gott hält er für unvollkommen, da er nur die gute offizielle Hälfte vertrete, während die andere Hälfte, v. a. der sexuelle Bereich des normalen Lebens, dem Teufel zugeschrieben und von der Gesellschaft ohne Differenzierung totgeschwiegen werde. Sinclair erkennt in dieser Sicht seinen eigenen Widerspruch zwischen den zwei Welten und wird gewahr, dass dies kein persönlicher, sondern ein kulturell bedingter Konflikt ist. „In mir trafen diese Worte das Rätsel meiner ganzen Knabenjahre, das ich jede Stunde in mir trug und von dem ich nie jemandem ein Wort gesagt hatte.“ Demian sieht sich und seinen Freund als Vorbilder für eine andere Art zu leben, denn auch die Gedanken der anderen Hälfte müssten gelebt werden. Jeder müsse selbst für sich entscheiden, was ihm erlaubt und was verboten ist, da sich Regeln genauso wie gesellschaftliche Konventionen mit der Zeit ändern und Verbote nur in ihrer jeweiligen Zeitspanne gelten würden. Kurz vor der Konfirmation scheint sich Demian von Sinclair zu distanzieren. Emil sieht Max zum ersten Mal im Zustand der Meditation, seine eigenen Versuche gelingen ihm jedoch nicht. Nach der Konfirmation beginnt für ihn eine Zeit, in der die Kindheit um ihn her in Trümmer fällt.
Beatrice
Mit etwa 14 Jahren wechselt Sinclair auf das Gymnasium in St. und wohnt in der Knabenpension eines Lehrers. Fern von Demian nehmen seine seelischen Probleme wieder zu. Er wird durch Alfons Beck, den ältesten seiner Pension, zum Trinker und erlebt seine ersten Alkoholexzesse, so dass er mit der Zeit als berühmter Kneipenbesucher bekannt wird und ein immer selbstzerstörerischeres Verhalten an den Tag legt. Indes herrscht in seinem Innersten ein zwiespältiges Gefühlschaos: Während er sich zum Teufel und zur dunklen Welt abgeglitten sieht, sehnt Sinclair sich nach einer neuen Liebe und nach seinem Freund Demian. Auch anderen Leuten erscheint Sinclair als ein seelisches Wrack, allen voran seinen Eltern, die ihn bei einem Besuch kaum wiedererkennen und befürchten, dass er von der Schule verwiesen wird. Sein innerer Konflikt beginnt sich zu lösen, als er einer jungen Frau begegnet, die er heimlich verehrt. Er nennt sie Beatrice, in Anlehnung an ein englisches Gemälde, das er stets bei sich trägt und das Dantes Jugendliebe Beatrice Portinari zeigt. Er verklärt sie zu einem Heiligtum und kehrt der bösen Welt schlagartig den Rücken. Manchmal ganz in einer Traumwelt lebend, beginnt er, Zeichnungen von seiner Beatrice anzufertigen. In diesen erkennt er Merkmale und Gesichtszüge von Demian und später auch von sich selbst: „Das Bild glich mir nicht – das sollte es auch nicht, fühlte ich – aber es war das, was mein Leben ausmachte, es war mein Inneres, mein Schicksal oder mein Dämon.“ Durch eine innere Verbundenheit mit den Bildern entwickelt er ein neues Ideal, das ihn leitet. Seine Schulnoten verbessern sich wieder, aber seine Wandlung isoliert ihn von den Kameraden. Er lebt „in einer ganz unwirklichen Welt“ mit Träumen und Erwartungen. Schließlich zeichnet der jetzt 16-Jährige nach dem Vorbild des Wappenvogels über dem Portal seines Elternhauses, auf den ihn einst Demian aufmerksam gemacht hat, das Traumbild eines Vogels, der aus einer Weltkugel hervorkommt, und sendet es an seinen Freund.
Der Vogel kämpft sich aus dem Ei
Bald darauf findet Sinclair in seiner Schulklasse einen kleinen Zettel in seiner Mappe, auf dem Demians Worte stehen: „Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muss eine Welt zerstören. Der Vogel fliegt zu Gott. Der Gott heißt Abraxas.“ Schon in der nächsten Unterrichtsstunde erfährt Sinclair, dass Abraxas der Name einer Gottheit ist, die Göttliches und Teuflisches vereint. Sein Interesse an dieser mysteriösen Göttergestalt ist augenblicklich geweckt. Nach erfolgloser Suche in der Bibliothek gelangt Emil, von seinem Verlangen nach Musik geleitet, zu dem Organisten namens Pistorius, einem ehemaligen Theologiestudenten. Dieser erzählt Sinclair einerseits von Abraxas als dem Einenden der zwei gegensätzlichen Welten, andererseits von dem „großen Menschheitsbesitz“, den jeder Mensch mit sich trage. All das, was jemals in einer Menschenseele gelebt habe, befinde sich auch in jedem einzelnen Individuum. Wer sich dessen bewusst sei, sei Mensch im eigentlichen Sinn. Pistorius hegt Zweifel am christlichen Gottesbild, verweist auf Abraxas und bestärkt Sinclair darin, sich mehr auf die eigene Stimme zu verlassen als auf die Meinung anderer.
Jakobs Kampf
Unterdessen zieht Sinclair durch seine Ausstrahlung den spirituell suchenden Mitschüler Knauer an, doch er kann ihm nicht helfen und sagt ihm, er müsse seinen eigenen Weg suchen. Knauer ist verzweifelt und Emil verhindert, von einer inneren Macht an den Unglücksort gezogen, seinen Selbstmord. Gegen Ende seiner Gymnasialzeit trennt sich der inzwischen 18-jährige Sinclair von seinem Führer Pistorius, der sich trotz seiner Botschaft zur Selbstfindung an traditionelle Werte, die Tradition seiner Musik, gebunden fühlt und Sinclairs radikalen Schnitt für sich nicht vollziehen kann. Der individuelle Weg, schicksalhaft nur den inneren Bedürfnissen entsprechend zu leben und auch Verbrechen nicht auszuschließen, bedeute die extreme Einsamkeit: „Wer wirklich gar nichts will als sein Schicksal, der hat nicht seinesgleichen mehr, der steht ganz allein und hat nur den kalten Weltenraum um sich. […] das ist Jesus im Garten Gethsemane.“ Emil dagegen hat erkannt, dass es für erwachte Menschen wichtig ist, dem ureigenen Weg zu folgen, indem man auf sein Inneres hört. Für jeden existiere ein eigenes „Amt“, das ihm das Schicksal zuweise, und dem er nachgehen müsse.
Frau Eva
Mit 18 Jahren beginnt Sinclair das Studium der Philosophie an der Universität H. Er betrachtet nun die Kneipengänger aus einer vollkommen anderen Perspektive und fühlt sich dieser Welt nicht mehr zugehörig. Er trifft – durch sein inneres Verlangen geleitet – wieder auf Demian und dieser lädt ihn in das Haus seiner Mutter ein. In der Halle hängt sein Sperberbild, das er dem Freund geschickt hat, und Sinclair erkennt, dass Demians Mutter, von ihren Vertrauten „Frau Eva“ genannt, dem oft von ihm gezeichneten Traumgesicht gleicht. Sie wird zu seinem neuen Leitbild, ist für ihn Dämon und Mutter, Schicksal und Geliebte, schön und verlockend, und gibt ihm die Kraft, ohne Angst und Unsicherheit auf sich selbst vertrauen zu können: „Meine Liebe zu Frau Eva schien mir der einzige Inhalt meines Lebens zu sein. Aber jeden Tag sah sie anders aus. Manchmal glaubte ich bestimmt zu fühlen, dass es nicht ihre Person sei, nach der mein Wesen hingezogen strebte, sondern sie sei nur ein Sinnbild meines Innern und wolle nur tiefer in mich selbst hinein führen. Oft hörte ich Worte von ihr, die mir klangen wie Antworten meines Unbewussten auf brennende Fragen, die mich bewegten.“ Frau Eva, Sinclair und Demian bilden in den kommenden Monaten eine enge, harmonische Gemeinschaft und den Kern eines Kreises „Suchende[r] von sehr verschiedener Art“, die sich durch das Kainszeichen und durch ihre Kritik an der „schreiende[n] Verödung des Geistes“ im jetzigen Europa verbunden fühlen. Gemeinsam bereiten sie sich auf den Zusammenbruch und die Neugeburt Europas vor, die sie erfühlen und für notwendig halten. Frau Eva spürt Sinclairs Liebe zu ihr und erklärt ihm, dass sie sich ihm nicht verschenken, sondern von ihm gewonnen werden will, indem seine Liebe sie zu ihm zieht.
Anfang vom Ende
Nach einigen Monaten des Glücks in der „Trauminsel“ in H. ahnt Sinclair, dass dieser Zustand nicht anhalten wird und er wieder in der kalten Welt der anderen stehen würde. Er sucht Hilfe bei Frau Eva und fasst sein ganzes Bewusstsein zusammen, um die Geliebte zu sich zu ziehen. Doch sie folgt ihm nicht, sondern schickt ihm Demian, der ihm die Wende verkündet: Die Welt scheint zusammenzustürzen, der Erste Weltkrieg hat begonnen. Die Freunde werden Soldaten und kämpfen an der Front. Sinclair spürt, dass der von dem Kreis der Erleuchteten ersehnte Zusammenbruch des alten Systems beginnt, und deutet dementsprechend den Hass der Gegner aufeinander: „Die Urgefühle, auch die wildesten, galten nicht dem Feinde, ihr blutiges Werk war nur Ausstrahlung des Innern, der in sich zerspalteten Seele, welche rasen und töten, vernichten und sterben wollte, um neu geboren werden zu können. Es kämpfte sich ein Riesenvogel aus dem Ei, und das Ei war die Welt, und die Welt musste in Trümmer gehen.“ In einer Vision sieht Sinclair in einer Wolke Frau Eva als mächtige Muttergöttin, die die Menschheit in sich aufnimmt, um sie neu zu gebären. Aus ihrer Stirn löst sich ein Stern. Es ist ein Geschoss, das Sinclair schwer verwundet. Im Lazarett liegt der sterbende Demian neben ihm und sagt ihm, dass er ihn nicht mehr wie damals vor Kromer beschützen kann. Aber er sei in ihm und er müsse in sich hineinhorchen. Dann gibt er dem Freund einen Kuss von Frau Eva. Sinclair findet fortan den Freund und Führer in sich selbst, dort „wo im dunkeln Spiegel die Schicksalsbilder schlummern“, und dieser ist eins mit ihm geworden."
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