11 Februar 2026

John Steinbeck: Früchte des Zorns

 John Steinbeck: Früchte des Zorns, 1939

Das Magazin Time zählt  Früchte des Zorns  "zu den besten 100 englischsprachigen Romanen, die zwischen 1923 und 2005 veröffentlicht wurden.

Das sozialkritische und naturalistische Werk schildert am Beispiel der verarmten Farmersfamilie Joad die Folgen einer doppelten, ökonomischen und ökologischen Katastrophe: der Großen Depression, die auf die Weltwirtschaftskrise von 1929 folgte und der zum Teil menschengemachten Dürre, die Mitte der 1930er Jahre weite Teile von Oklahoma und Arkansas heimsuchte. Hochverschuldet verlieren die Joads ihr Farmland an eine Bank. Wie Hunderttausende anderer so genannter Okies ziehen sie von der Dust Bowl über die Route 66 nach Kalifornien, um sich dort als Wanderarbeiter zu verdingen. Doch statt der erhofften, gut bezahlten Arbeit erwartet sie dort nur Ausbeutung, Hunger und Fremdenfeindlichkeit.

Der Roman entstand aus einer Serie journalistischer Artikel, die John Steinbeck 1936 veröffentlicht und für die er Okies auf ihrem Treck nach Westen begleitet hatte. Seine realitätsgetreue Darstellung der Trecks, der Auffanglager und der Lebensumstände der Wanderarbeiter verleiht dem Werk neben seinem literarischen auch einen hohen dokumentarischen Wert. Steinbecks erklärtes Ziel war es, mit „Früchte des Zorns“ Empörung über die sozialen und politischen Missstände zu wecken, die von einer ungerechten Wirtschaftsordnung und der Zerstörung der Umwelt hervorgerufen werden. (Wikipedia)

Kapitel 1:

To the red country and part of the gray country of Oklahoma, the last rains came gently, and they did not cut the scarred earth. The plows crossed and recrossed the rivulet marks. The last rains lifted the corn quickly and scattered weed colonies and grass along the sides of the roads so that the gray country and the dark red country began to disappear under a green cover. In the last part of May the sky grew pale and the clouds that had hung in high puffs for so long in the spring were dissipated. The sun flared down on the growing corn day after day until a line of brown spread along the edge of each green bayonet. The clouds appeared, and went away, and in a while they did not try any more. The weeds grew darker green to protect themselves, and they did not spread any more. The surface of the earth crusted, a thin hard crust, and as the sky became pale, so the earth became pale, pink in the red country and white in the gray country. In the water-cut gullies the earth dusted down in dry little streams. Gophers and ant lions started small avalanches. And as the sharp sun struck day after day, the leaves of the young corn became less stiff and erect; they bent in a curve at first, and then, as the central ribs of strength grew weak, each leaf tilted downward. Then it was June, and the sun shone more fiercely. The brown lines on the corn leaves widened and moved in on the central ribs. The weeds frayed and edged back toward their roots. The air was thin and the sky more pale; and every day the earth paled.

Fortsetzung der Beschreibung in deutscher Übersetzung: 

in den Wasserrinnen zertrocknete die Erde zu Staub, zu trocknen kleinen Strömen. Goffer und Ameisenlöwen setzten kleine Lawinen in Bewegung. Und da die stechende Sonne Tag für Tag herniederbrannte, blieb das Korn nicht mehr steif und aufrecht. Erst beugte es sich nur ein wenig, und dann, als auch die starken Mittelrippen ihrer Kraft verloren, neigten sich die Blätter ganz nach unten. [...] Auf den Straßen, wo die Gespanne entlangzogen, wo die Räder den Boden zermahlten und die Hufe der Pferde den Boden zertraten, brach die Schmutzkruste, und Staub bildete sich. Jedes sich bewegende Ding, hob den Staub in die Luft: bei einem Menschen hob es sich bis zu den Hüften, bei einem Wagen bis über die Plane, und ein Auto wirbelte eine mächtige Wolke hinter sich auf. Es dauerte lange, bis der Staub sich wieder gelegt hatte." (Seite 7) 

Kapitel 2: Wir sehen einen Lastwagen, der Fahrer sitzt in der Kneipe, ein junger Mann kommt über die Straße zu dem neuen Lastwagen, liest ein Schild, zögert und setzt sich dann doch auf das Trittbrett. Er trägt neue Kleidung, billig und neu, in der er sich nicht wohlfühlt.

Als der Lastwagenfahrer aus der Kneipe kommt, folgt diese Szene: 
"Der junge Mann stand auf und blickte durch die Fenster zu dem Chauffeur hinüber. 'Kannst du mich mitnehmen, Kollege?'
Der Chauffeur schaute sich hastig nach dem Gasthaus um. 'Hast du nicht das Schild an meiner Scheibe gesehen?'
'Natürlich hab ich’s gesehen. Aber manchmal gibt es doch noch anständige Kerle, auch wenn so'n reiches Schwein ihnen das Ding an die Scheibe klebt.' /

Der Chauffeur stieg langsam ein und überlegte sich seine Antwort. Wenn er es ablehnte, war er nicht nur kein anständiger Kerl, sondern hatte sich zu dem Verbotsschild zwingen lassen und durfte niemanden mitnehmen. Wenn er den Mann aber mitnahm, war er automatisch ein anständiger Kerl, und einer, mit dem die reichen Schweine nicht machen konnten, was sie wollten. Er wusste, es war eine Falle, aber er sah keinen Ausweg. Und er wollte ein anständiger Kerl sein. Wieder warf er einen Blick zurück zum Gasthaus. 'Quetsch dich aufs Trittbrett, bis wir um die Kurve sind', sagte er. Der Mann ließ sich fallen und umklammerte den Türgriff. Der Motor heulte auf, das Getriebes sprang ein, und der große Lastwagen setzte sich in Bewegung. [...] 
Außensicht wechselt mit Innensicht. Wir hören ein Gespräch zwischen dem Fahrer und dem jungen Mann. Der bedankt sich beim Fahrer, der wiederum spricht den jungen auf seine neuen Schuhe an. Frage wechselt mit Antwort. Ich fühlte mich wie in einem Film, wo ich Bilder sehe, aber noch nichts einordnen kann. Langsam stellt sich heraus, dass der Fahrer weiß, dass in der Nähe eine Haftanstalt ist und der junge Mann weiß, dass seine neue Kleidung ihn verdächtig macht. 
Dann stellt sich heraus, der junge Mann hat jemanden getötet, ist aber wegen guter Führung vorzeitig entlassen worden. Als er nach Hause kommt, freuen sich die Eltern und seine Schwester. Alle sind aber unsicher, ob er freigelassen worden ist oder auf der Flucht. 
Der junge Mann Tom (Sohn/Bruder) kommt in eine Situation, wo die Familie wegen der Trockenheit und ausbleibender Ernte ihr Land und ihr Haus nicht mehr halten können und beschließen, den weiten Weg von der Dust Bowl  (Oklahoma u. Arkansas) nach Kalifornien anzutreten. Kaum nach Jahren der totalen Fremdbestimmung in Freiheit kommt er in eine ökonomische Zwangssituation, die die gesamte Familie ins Elend führt und lebensbedrohlich wird. Der Großvater stirbt auf dem Treck. 

Ein deutlicher  Unterschied zu Ferrantes neapolitanischer Saga. Dort schildert die strebsame, fleißige junge Frau die verwirrende Gefühlszustände, in die sie beim Blick auf ihre geniale Freundin gerät, die ihrem Milieu gefangen ist, aber dank ihrer Genialität ihrer Umgebung in besonderer Weise überlegen ist. Die Erzählerin bewundert sie,  fühlt sich ihr unterlegen, neidet ihr aber gleichzeitig, dass sie sich nicht anzupassen braucht, sich durch die Prügel ihres Mannes nicht unterkriegen lässt.
Hier bei Steinbeck bekommen wir kaum Innensicht, die Gefühle der Personen muss man sich aus der Situation, ihren Handlungen und ihrer Kommunikation selbst erschließen. Wie weit er mit den Personen mitfühlt, bleibt dem Leser überlassen. 

Kapitel 5:

"[...] Eine Bank ist nicht wie ein Mensch. Oder einer, der 50.000 Acker besitzt, ist auch nicht wie ein Mensch. Das ist das Ungeheuer.

Sicher, riefen, die Pächter, aber es ist unser Land. Wir haben es ausgemessen und wir haben es umgepflügt, wir sind darauf geboren, und wir sind darauf getötet worden, wir sind darauf gestorben. Wenn es auch nicht gut ist, es ist doch unser Land. Darauf geboren zu sein, es bearbeitet zu haben, darauf gestorben zu sein – dadurch ist es unser Land geworden. Nur dadurch und nicht durch ein Papier mit Zahlen. Darauf gehört einem das Land.
Tut uns leid. Wir sind's ja auch nicht. Es ist das Ungeheuer. Die Bank ist nicht wie ein Mensch.
Ja, aber die Bank ist ja auch nur von Menschen gemacht.
Nein, da hast du unrecht – völlig unrecht. Die Bank ist etwas ganz anderes als Menschen. Jeder Mensch in der Bank hasst das, was die Bank tut, und doch tut die Bank es. Die Bank ist mehr, als Menschen sind, das sage ich dir. Sie ist ein Ungeheuer. Menschen haben sie gemacht, aber sie können sie nicht kontrollieren. [...]" (S. 39) [Eine ähnliche Situation, wie sich heute die Menschen gegenüber der KI und den Multimilliardären, die der Staat nicht kontrollieren kann/will.]

The bank is something else than men. It happens that every man in a bank hates what the bank does, and yet the bank does it. The bank is something more than men, I tell you. It’s the monster. Men made it, but they can’t control it. The tenants cried, Grampa killed Indians, Pa killed snakes for the land. Maybe we can kill banks—they’re worse than Indians and snakes. Maybe we got to fight to keep our land, like Pa and Grampa did. And now the owner men grew angry. You’ll have to go. But it’s ours, the tenant men cried. We—— No. The bank, the monster owns it. You’ll have to go. We’ll get our guns, like Grampa when the Indians came. What then? Well—first the sheriff, and then the troops. You’ll be stealing if you try to stay, you’ll be murderers if you kill to stay. The monster isn’t men, but it can make men do what it wants. But if we go, where’ll we go? How’ll we go? We got no money.
We’re sorry, said the owner men. The bank, the fifty-thousand-acre owner can’t be responsible. You’re on land that isn’t yours. Once over the line maybe you can pick cotton in the fall. Maybe you can go on relief. Why don’t you go on west to California? There’s work there, and it never gets cold. Why, you can reach out anywhere and pick an orange. Why, there’s always some kind of crop to work in. Why don’t you go there? And the owner men started their cars and rolled away. The tenant men squatted down on their hams again to mark the dust with a stick, to figure, to wonder. Their sunburned faces were dark, and their sun-whipped eyes were light. The women moved cautiously out of the doorways toward their men, and the children crept behind the women, cautiously, ready to run. The bigger boys squatted beside their fathers, because that made them men. After a time the women asked, What did he want? And the men looked up for a second, and the smolder of pain was in their eyes. We got to get off. A tractor and a superintendent. Like factories. Where’ll we go? the women asked. We don’t know. We don’t know. And the women went quickly, quietly back into the houses and herded the children ahead of them. They knew that a man so hurt and so perplexed may turn in anger, even on people he loves. They left the men alone to figure and to wonder in the dust. After a time perhaps the tenant man looked about—at the pump put in ten years ago, with a goose-neck handle and iron flowers on the spout, at the chopping block where a thousand chickens had been killed, at the hand plow lying in the shed, and the patent crib hanging in the rafters over it. The children crowded about the women in the houses. What we going to do, Ma? Where we going to go? [...]

Chapter Six 
The Reverend Casy and young Tom stood on the hill and looked down on the Joad place. The small unpainted house was mashed at one corner, and it had been pushed off its foundations so that it slumped at an angle, its blind front windows pointing at a spot of sky well above the horizon. The fences were gone and the cotton grew in the dooryard and up against the house, and the cotton was about the shed barn. The outhouse lay on its side, and the cotton grew close against it. Where the dooryard had been pounded hard by the bare feet of children and by stamping horses’ hooves and by the broad wagon wheels, it was cultivated now, and the dark green, dusty cotton grew. Young Tom stared for a long time at the ragged willow beside the dry horse trough, at the concrete base where the pump had been. “Jesus!” he said at last. “Hell musta popped here. There ain’t nobody livin’ there.” At last he moved quickly down the hill, and Casy followed him. He looked into the barn shed, deserted, a little ground straw on the floor, and at the mule stall in the corner. And as he looked in, there was a skittering on the floor and a family of mice faded in under the straw. Joad paused at the entrance to the tool-shed leanto, and no tools were there—a broken plow point, a mess of hay wire in the corner, an iron wheel from a hayrake and a rat-gnawed mule collar, a flat gallon oil can crusted with dirt and oil, and a pair of torn overalls hanging on a nail. “There ain’t nothin’ left,” said Joad. “We had pretty nice tools. There ain’t nothin’ left.” Casy said, “If I was still a preacher I’d say the arm of the Lord had struck. But now I don’t know what happened. I been away. I didn’t hear nothin’.” They walked toward the concrete well-cap, walked through cotton plants to get to it, and the bolls were forming on the cotton, and the land was cultivated.
“We never planted here,” Joad said. “We always kept this clear. Why, you can’t get a horse in now without he tromps the cotton.” They paused at the dry watering trough, and the proper weeds that should grow under a trough were gone and the old thick wood of the trough was dry and cracked. On the well-cap the bolts that had held the pump stuck up, their threads rusty and the nuts gone. Joad looked into the tube of the well and spat and listened. He dropped a clod down the well and listened. “She was a good well,” he said. “I can’t hear water.” He seemed reluctant to go to the house. He dropped clod after clod down the well. “Maybe they’re all dead,” he said. “But somebody’d a told me. I’d a got word some way.” “Maybe they left a letter or something to tell in the house. Would they of knowed you was comin’ out?” “I don’ know,” said Joad. “No, I guess not. I didn’ know myself till a week ago.” “Le’s look in the house. She’s all pushed out a shape. Something knocked the hell out of her.” They walked slowly toward the sagging house. Two of the supports of the porch roof were pushed out so that the roof flopped down on one end. And the house-corner was crushed in. Through a maze of splintered wood the room at the corner was visible. The front door hung open inward, and a low strong gate across the front door hung outward on leather hinges. Joad stopped at the step, a twelve-by-twelve timber. “Doorstep’s here,” he said. “But they’re gone—or Ma’s dead.” He pointed to the low gate across the front door. “If Ma was anywheres about, that gate’d be shut an’ hooked. That’s one thing she always done—seen that gate was shut.”

Chapter Seven 
In the towns, on the edges of the towns, in fields, in vacant lots, the used-car yards, the wreckers’ yards, the garages with blazoned signs—Used Cars, Good Used Cars. Cheap transportation, three trailers. ‘27 Ford, clean. Checked cars, guaranteed cars. Free radio. Car with 100 gallons of gas free. Come in and look. Used Cars. No overhead. A lot and a house large enough for a desk and chair and a blue book. Sheaf of contracts, dog-eared, held with paper clips, and a neat pile of unused contracts. Pen—keep it full, keep it working. A sale’s been lost ‘cause a pen didn’t work. Those sons-of-bitches over there ain’t buying. Every yard gets ‘em. They’re lookers. Spend all their time looking. Don’t want to buy no cars; take up your time. Don’t give a damn for your time. Over there, them two people—no, with the kids. Get ‘em in a car. Start ‘em at two hundred and work down. They look good for one and a quarter. Get ‘em rolling. Get ‘em out in a jalopy. Sock it to ‘em! They took our time. Owners with rolled-up sleeves. Salesmen, neat, deadly, small intent eyes watching for weaknesses. Watch the woman’s face. If the woman likes it we can screw the old man. Start’ em on that Cad’. Then you can work ‘em down to that ‘26 Buick. ‘F you start on the Buick, they’ll go for a Ford. Roll up your sleeves an’ get to work. This ain’t gonna last forever. Show ‘em that Nash while I get the slow leak pumped up on that ‘25 Dodge. I’ll give you a Hymie when I’m ready. What you want is transportation, ain’t it? No baloney for you. Sure the upholstery is shot. Seat cushions ain’t turning no wheels over.

16. Kapitel
Al und Tom finden aufgrund des Motorengeräuschs des PKWs (Dodge) der Wilsons heraus, dass die Pleuelstange kaputt ist. Tom schlägt vor, dass die Gruppe sich trennt. Die einen fahren schon weiter, während er mit dem Prediger den Wagen repariert. Die Mutter besteht darauf, dass alle zusammenbleiben. Der Vater protestiert, man könne sich ja wieder treffen.  Tom meint, man dürfe nicht gegen einen (die Mutter) kämpfen. Jetzt planen sie, dass die Hauptgruppe mit dem Lastwagen zur nächsten Stadt fährt und Tom und der Prediger die Reparatur vorbereiten. Bei der Arbeit kommen die beiden ins Gespräch und gestehen sich beide, dass sie zwar ein großes Bedürfnis nach Sex haben, dass sie aber im entscheidenden Moment impotent waren.    
Die Familie hat einen Platz bei einer Gruppe gefunden, wo man pro Tag 50 Cent zahlt und wo es Schatten und Wasser gibt. Denn die Großmutter und die schwangere Rose sind in Weinkrämpfe gefallen.
Al und Tom fahren mit dem LKW in die Stadt zu einem Autohof, um eine Pleuelstange zu bekommen. Der Chef ist unterwegs und der Angestellte mit nur einem Auge, wütend auf seinen Chef, lässt sie suchen und gibt ihnen dann die Stange, die neu 8 $ kosten würde, und einen Schraubenschlüssel für 1,25 $. Sie reparieren den Wagen und fahren beide Wagen dahin, wo sich die Familie befindet.
Zitat:
"Vaters Ton war würdevoll. 'Wir nehmen, was wir kriegen. Es gibt viele Arten von Arbeiter unten." Der zerlumpte Mann kicherte verhalten.
Tom fuhr gereizt herum. 'Was ist denn da so komisch dran?'
Der zerlumpte Mann schloss den Mund und blickte verdrossen auf die Bodenbretter der Veranda. 'Ihr geht alle nach Kalifornien, möchte ich wissen.'
'Das habe ich dir ja eben erzählt', sagte Vater. 'Du hast's nicht erst zu erraten brauchen.' / Der zerlumpte Mann sagte langsam: 'Ich – komme gerade zurück. Ich bin schon da gewesen, da unten.'
Die Gesichter wandten sich ihm zu. Die Männer rührten sich nicht. Das Zischen der Lampe wurde zu einem Seufzen, und der Besitzer ließ die Vorderbeine seines Stuhles auf den Boden, erhob sich und pumpte die Lampe auf, bis das Zischen wieder scharf und laut war. Er setzte sich wieder auf seinen Stuhl, aber er kippte ihn nicht mehr zurück. Der zerlumpte Mann, wandte sich an die Zuhörerenden. 'Jetzt kann ich nur noch verhungern. Aber verhungern ist mir immer noch lieber.' [...] Der zerlumpte Mann, wandte sich an Vater. 'Habt ihr noch was, wo ihr wieder hingehen könnt – ein Zuhause?
'Nein', sagte Vater. 'Sie haben uns fortgejagt. Die Traktoren sind gekommen.'
'Dann wollt ihr also nicht zurück?'
'Natürlich nicht.'
'Schön, dann will ich euch's nicht mies machen', sagte der zerlumpte Mann.
[...] 'Pass auf,' sagte der Mann, 'dieser Kerl braucht 800 Leute. Er druckt 5000 von diesen Dingern, und vielleicht 20.000 Leute sehen sie. Dann machen sich vielleicht zwei bis dreitausend Leute auf den Weg wegen dieses Handzettel. Leute, die weg müssen und schon ganz verrückt sind, weil sie nicht wissen wohin.'
'Aber wozu denn das?' rief Vater.
'Das wirst du kapieren, wenn du den Burschen siehst, der diese Handzettel rausgeschickt hat. Du wirst im Straßengraben übernachten oder irgendwo auf dem Schuttabladeplatz mit fünfzig anderen Familien und er guckt in dein Zelt rein und sieht nach, ob du noch was zu essen hast. Und wenn du nichts hast, dann sagt er: 'Willst du was zu essen? Willst du Arbeit haben?' Und du sagst: 'Und ob ich will, her. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir Arbeit geben würden.' Und er sagt: Ja, ich kann dich verwenden.' Und du sagst: 'Wann kann ich anfangen? 'Und dann sagt er dir, wohin du kommen sollst und um welche Zeit, und dann geht er weiter. Er braucht vielleicht 200 Leute, aber er redet mit 500, und die erzählen uns wieder anderen, und wenn du hinkommst, dann sind 1000 Leute da. Der Bursche sagt: ich zahle 20 Cent pro Stunde. Und vielleicht die Hälfte von den Leuten geht weg. Aber es bleiben immer noch 500 da, die so verdammten Hunger haben, dass sie auch für nichts anderes wie 'n bisschen Zwieback arbeiten würden. Ja, und dieser Bursche hat mit dem Landbesitzer einen Vertrag abgeschlossen, dass die Pfirsiche gepflückt werden oder die Baumwolle oder was ist gerade ist. Verstehst du’s jetzt? Je mehr Leute er kriegt und je hungriger sie sind, desto weniger braucht er zu zahlen. Und er sucht sich Leute mit Kindern aus, wenn er kann, weil… Verdammt, und ich sage, ich will’s euch nicht mies machen. ' " (S.202-204)
  
17. Kapitel (S.207-14)

Steinbeck beschreibt hier, wie sich das Selbstverständnis der Bauern bei ihrer Flucht verändert. Im Grunde verstehen sie sich jetzt nicht mehr als Bauern, die ihre Verhältnisse regeln müssen, sondern als Migranten, die eine neue Lebensform einüben müssen.

Dazu die KI Gemini:

1. Vom Ich zum Wir: Die Lager im Wandel der Nacht

Tagsüber kriechen die Autos der Flüchtlinge wie Käfer (Steinbeck nutzt hier das Bild von „bugs“) nach Westen. Sobald es dunkel wird, suchen sie Schutz und Wasser und sammeln sich an bestimmten Plätzen. Aus anfangs fremden, verängstigten Menschen, die alle ihre Heimat verloren haben, entsteht im Laufe des Abends eine Gemeinschaft: „Aus zwanzig Familien wurde eine einzige Familie.“ Tragödien wie ein krankes Kind oder die Freude über eine Geburt werden augenblicklich zum kollektiven Erlebnis des gesamten Lagers.

2. Ungeschriebene Gesetze und Rechte

Damit dieses Zusammenleben auf engstem Raum funktioniert, entwickeln die Migranten instinktiv ein System aus festen Regeln und Rechten, ohne dass jemals ein geschriebenes Gesetzbuch existierte.

  • Rechte, die geschützt werden: Das Recht auf Privatsphäre im eigenen Zelt, das Recht zu reden oder zu schweigen, das Recht, Hilfe anzunehmen oder abzulehnen. Schwangere und Kranke haben immer Vorrang.

  • Tabus und Gesetze: Es ist streng verboten, das Trinkwasser zu verunreinigen oder in der Nähe des Camps seine Notdurft zu verrichten. Ebenso gilt es als absolut unmoralisch, gutes, reiches Essen (wie Dosenbohnen oder Pfirsiche) offen vor den hungrigen Augen anderer zu verzehren, ohne zu teilen. Wer Geld hat, isst heimlich im Zelt, um die Ärmeren nicht zu beschämen.

3. Justiz und Bestrafung

Es bilden sich spontan interne Regierungen mit Anführern und Ältesten heraus. Verstößt jemand gegen die Gemeinschaftsregeln, gibt es im Grunde nur zwei Konsequenzen: einen schnellen, tödlichen Kampf oder den Sanktionsauschluss (Ostrazismus). Letzteres ist das Schlimmste: Der Name und das Gesicht des Täters wandern im kollektiven Gedächtnis der Straße mit voraus. Er findet in keinem zukünftigen Nachtlager mehr Anschluss und ist isoliert.

4. Der tägliche Kreislauf: Eine Welt wie ein Zirkus

Jeden Abend wird eine komplette soziale Welt aus dem Boden gestampft – mit Freundschaften, Hierarchien, Musik (oft spielt jemand Gitarre am Lagerfeuer, was die Menschen zusammenschweißt) und geteilten Geschichten über die verlorene Heimat und die Hoffnung auf Kalifornien. Jeden Morgen wird diese Welt „wie ein Zirkus“ wieder abgebaut. Die Zelte fallen, die Spuren werden beseitigt, und die Kolonne zieht weiter. Mit jedem Tag, den sie weiter westwärts ziehen, werden die Menschen geschickter darin, diese Welten auf- und abzubauen.

Die tiefere Bedeutung des Kapitels (Analyse)

Der Wandel der Identität: Steinbeck schreibt in diesem Kapitel einen entscheidenden Satz: „Sie waren keine Presseleute [Farmer] mehr, sondern Migranten.“ Die Männer definieren sich nicht mehr über den Boden und die Ernte, sondern über den Zustand ihrer Autos, das Finden von Wasser und das Überleben auf der Straße.

Das 17. Kapitel ist der Wendepunkt für das übergeordnete Thema des Romans: Die Transformation vom „Ich“ zum „Wir“. Steinbeck zeigt hier, dass der Kapitalismus und die Banken zwar die alten Strukturen (die eigenen Farmen) zerstört haben, die Vertriebenen dadurch aber gezwungen werden, eine völlig neue, solidarische Form von Sozialismus und Gemeinschaft zu entwickeln, um zu überleben.



18. Kapitel (S.215 ff.)
Im Laufe der Schilderung immer größerer Entbehrungen folgt diese Szene an einer Tankstelle:

"Der Tankstellenjunge in seiner weißen Uniform schien beunruhigt, bis die Rechnung bezahlt war. Er sagte: 'Ihr habt Mut, das muss man sagen.' / Tom blickte von der Karte auf. 'Wieso? Was meinen Sie damit?'

'Na, in so einer Kutsche rüber zu fahren.'

'Sind Sie schon mal drüben gewesen?'
'Natürlich, oft, aber nicht in so einer Kiste.'
Tom sagte: 'Wenn wir ne Panne haben, hilft uns sicher jemand.'
'Ja, vielleicht. Aber die Leute haben Angst, nachts zu halten. Ich würde es nicht gerne machen. Da braucht man mehr Mut dazu, wie ich habe.'
Tom lachte. 'Wenn einem nichts anderes übrig bleibt, braucht's eben keinen Mut. Na, also danke schön. Wir machen weiter.' Und er stieg ein und fuhr davon.
Der Junge in Weiß ging hinein in das Tankstellengebäude, wo sein Kollege über einem Rechnungsbuch saß. 'Mensch, was für ne Ladung!'
'Die Okies? Die sehen doch alle so aus.'
'Guter Gott, in so 'ner Kutsche möchte ich nicht fahren.'
'Naja, du und ich, wir haben ja auch Verstand. Aber diese gottverdammten Okies    haben keinen Verstand und kein Gefühl. Sind überhaupt keine Menschen. Ein Mensch könnte gar nicht so leben wie sie. Ein Mensch könnte 's auch gar nicht aushalten, so dreckig und elend zu sein. Die sind nicht viel besser wie die Affen.'
'Trotzdem bin ich froh, dass ich kein Hudson-Super-Six 'rüberfahren muss. Das Ding klingt wie 'ne Dreschmaschine.
 Der andere beugte sich wieder über sein Rechnungsbuch. Und ein großer Schweißtropfen rollte ihm die Finger herunter und fiel auf die rosa Rechnungen.  'Ich will dir was sagen – denen macht’s nichts aus. Die sind so kotzdämlich, dass sie gar nicht wissen, wie gefährlich 's ist. Meine Güte, sie können's ja gar nicht besser wissen. Also, was willst du?'
'Gar nichts will ich. Ich habe nur gedacht, ich würde 's nicht so machen.'
'Naja, weil du's besser weißt. Die wissen's aber nicht besser.' Und er wischte den Schweißtropfen von der Rechnung mit seinem Ärmel ab." ( S.235/36) 

"Vater sagte: 'Unser Tommy redet wie'n erwachsener Mann, beinahe wie'n Prediger.
Und Mutter lächelte ein kleines, trauriges Lächeln. 'Er ist auch ein erwachsener Mann. Er ist so gewachsen, unser Tommy, dass ich’s manchmal gar nicht glauben kann.'
Sie rollen bergab, in Windungen und Schleifen verloren das Tal manchmal und fanden es dann wieder. Und der heiße Atem des Tales rang zu Ihnen herauf mit seinen guten grünen Gerüchen. Die Grillen zirpten am Straßenrand. Eine Klapperschlange kroch über die Straße, und Tom überfuhr sie, und sie blieb zuckend liegen.
Tom sagte: 'Ich glaube, jetzt müssen wir erst 'nen Leichenbeschauer suchen. Sie muss doch ein anständiges Begräbnis kriegen. Wieviel Geld haben wir denn noch, Vater?'
'Etwa vierzig Dollars', sagte Vater. Tom lachte. 'Na, dann sind wir ja blank, wenn wir anfangen. Weiß Gott, wir bringen nichts mit.' Er lachte noch einen Augenblick, und dann wurde sein Gesicht ernst. Er zog seinen Mützenschild tief über die Augen. Und der Wagen rollte den Berg hinunter in das große Tal." (S. 246). 

Hier geht es um Binnenmigration aufgrund von Naturkatastrophen und Extremwetterereignissen wie heute etwa in der Sahelzone. 2024 waren noch 9,9 Millionen Menschen betroffen, jetzt sind es 13,6 Millionen. Parallel dazu sank das Budget für Nothilfe um knapp 175 Milliarden US-Dollar. (FR 23.6.26) 
Darüber wird berichtet. Ein Kunstwerk wie "Früchte des Zorns" scheint dazu aber nicht entstanden zu sein. Den Nobelpreis für Literatur erhielt er 24 Jahre später.

Kapitel 19-29
Es wird geschildert, dass Kalifornien zu Mexiko gehörte und dass es Sutters Land war, bis die Goldgräber einbrachen und es für sich in Besitz nahmen.

19. Kapitel: (246 ff.)
"Einst gehörte Kalifornien zu Mexiko und das Land den Mexikanern, und eine Horde von zerlumpten, tollwütigen. Amerikanern brach herein. Und ihr Hunger nach Land war so groß, dass sie sich das Land nahmen, dass sie es stahlen, Sutters Land, Guerreros Land, die Urkunden nahmen und sie zerrissen und sich darüber stritten, diese rasenden, hungrigen Menschen, und mit Gewehren des Land bewachten, das sie gestohlen hatten. Sie bauten Häuser auf und Scheunen, sie pflügten die Erde und legten Samen in das Land. Und diese Dinge waren nun ihr Besitz, und aus dem Besitz wurde Eigentum.
Die Mexikaner waren schwach und wohlgenährt. Sie konnten keinen Widerstand bieten, weil sie nichts auf der Welt so dringend brauchten, wie die Amerikaner das Land gebraucht hatten.
Und mit der Zeit waren die Eindringlinge keine Eindringlinge mehr, sondern Landbesitzer. Ihre Kinder wuchsen auf und gebaren Kinder auf dem Land. Und der Hunger war von ihnen gewichen, der tierische Hunger, der beißende, zehrende Hunger nach Land und Wasser und dem guten Himmel darüber, nach dem grün emporschie/ßenden Gras und den schwellenden Wurzeln. Sie hatten die Dinge diese Dinge alle, sie hatten sie so vollständig, dass sie gar nicht mehr von ihnen wussten. Sie hatten kein Verlangen mehr nach einem fruchtbaren Acker und einem blitzenden Pflug, um ihn zu bearbeiten, nach Samen und einem Windrad, das seine Flügel drehte. Sie standen nicht mehr in der Dunkelheit auf, um das schläfrige Zwitschern der ersten Vogel zu hören und den Morgenwind, der um das Haus strich, während sie auf das Frühlingslicht warteten, um hinauszugehen, auf ihre geliebten Felder. Diese Dinge waren verloren, und die Ernte wurde in Dollars berechnet, und das Land wurde nach Kapital plus Zinsen bewertet, und die Ernten wurden gekauft und verkauft, noch ehe sie überhaupt gepflanzt waren.[...]" (246/47). 




Wikipedia: "Das Schicksal der sogenannten Okies wird anhand der Farmerfamilie Joad, die trotz aller Entbehrungen und Demütigungen ihre Menschlichkeit und Würde bewahrt, exemplarisch geschildert. [...]
Hochverschuldet verlieren die Joads ihr Farmland an eine Bank. Wie Hunderttausende anderer so genannter Okies ziehen sie von der Dust Bowl über die Route 66 nach Kalifornien, um sich dort als Wanderarbeiter zu verdingen. Doch statt der erhofften, gut bezahlten Arbeit erwartet sie dort nur AusbeutungHunger und Fremdenfeindlichkeit.

[...] Das Auseinanderfallen der Familie geht einher mit dem Aufgehen der Einzelschicksale in eine Schicksalsgemeinschaft von Tausenden. Als Rose eine Totgeburt erleidet, kommt es zu einer Schlussszene [...]"

Zitat:
30. Kapitel:
"Mutter sagte: 'Still! Sei nur ruhig. Wir denken uns was aus.'
Plötzlich rief der Junge: 'Er stirbt doch, sag ich Ihnen! Er verhungert! Er stirbt!'
'Still', sagte Mutter. Sie sah Vater und Onkel John an, die hilflos dastanden und den kranken Mann betrachteten. Sie sah Rose von Sharon an, ihre Augen wichen den Augen des Mädchens aus und begegnete ihnen dann wieder. Und die beiden Frauen blicken tief ineinander hinein. Der Atem des Mädchens kam kurz und stoßweise. Sie sagte: 'Ja.'
Mutter lächelte. 'Ich habe’s gewusst. Ich habe gewusst, du wirst's machen! 'Sie blickte herab auf ihre Hände, die sie fest ineinander verschlungen im Schoß hielt.
Rose von Sharon flüsterte: 'Wollt ihr… Wollt ihr dann bitte alle rausgehn?'
[...] Eine Minute lang saß Rose von Sharon still in der Scheune, auf deren Dach leise der Regen flüsterte. Sie ging langsam hinüber in die Ecke und blickte herab in das verwüstete Gesicht, in die großen angstvollen Augen. Und dann legte sie sich neben ihn. Er schüttelte müde den Kopf. Rose von Sharon lockerte ihre Decke an einer Seite und entblößte ihre Brust. 'Du musst', sagte sie. Sie drängte sich dichter an ihn und zog seinen Kopf zu sich heran. 'Komm, hier!' sagte sie. 'So.' Sie schob ihre Hand hinter seinem Kopf und stützte ihn. Ihre Finger fuhren sanft durch sein Haar. Sie blickte auf und durch die Scheune, und ihre Lippen schlossen sich und lächelten geheimnisvoll." (S.477)

Wikipedia: "Steinbecks Roman erschien in den Vereinigten Staaten am 14. April 1939 im Buchhandel.[2][3] Trotz Anfeindungen aus den Reihen der politischen Rechten und der Großgrundbesitzer bis hin zu Verboten und Bücherverbrennungen[4] sowie kontroverser Diskussionen in Fachkreisen wurde der Roman 1940 mit dem Pulitzer-Preis und 1962 Steinbeck mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

Bereits 1940 entstand eine gleichnamige Verfilmung von Regisseur John Ford mit Henry Fonda als Protagonist Tom Joad, John Carradine als Jim Casy und Jane Darwell als Mutter.

Fords Film, der selbst Klassikerstatus erreichte und mehrere Oscars gewann, blieb die bis heute einzige Verfilmung des Romans. Ein Theaterstück von Frank Galati stammt aus dem Jahr 1990.

Der amerikanische Folksänger Woody Guthrie widmete der Romanfigur Tom Joad eine Ballade. Diese wurde später auch von Andy Irvine aufgenommen und abgewandelt. 1991 nahm die englische Band Camel das Konzeptalbum Dust And Dreams auf, das die Handlung des Romans nacherzählt.

Bruce Springsteen benannte 1995 ein Lied und Album, in denen er die sozialen Missstände in Amerika anprangert, The Ghost of Tom Joad. Der Titeltrack wurde fünf Jahre später von Rage Against the Machine gecovert. Den Namen Ghost of Tom Joad gab sich im Jahr 2006 eine Post-Punk-Band in Münster. Im Jahr 2000 benannte sich eine Hamburger Band Früchte des Zorns. Die Alternative-Rock-Band Weezer veröffentlichte 2021 einen Song namens Grapes of Wrath."

Keine Kommentare: