03 Februar 2026

Weiter Ausschnitte aus Copperfield (ohne präzise Angaben)

 53. Kapitel

Ich muß wieder eine Pause machen. In dem Gedränge der Gestalten in meiner Erinnerung steht ruhig und still mein kindisches Frauchen und sagt in ihrer lieblichen unschuldsvollen Schönheit: »Bleib stehen und denk an mich! – Sieh herab auf die kleine Blüte, wie sie zu Boden flattert.« Alles andere verblaßt und verschwindet. Ich bin wieder mit Dora in unserm Landhäuschen. Ich weiß nicht, wie lange sie krank gewesen ist. Ich bin so daran gewöhnt, daß ich die Tage nicht mehr zählen kann.

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Ich setze mich ans Feuer und denke mit Reue an alle jene heimlichen Gefühle, die ich während meiner Ehe empfunden habe. Ich denke an jede Kleinigkeit, die zwischen mir und Dora vorgefallen ist, und fühle die Wahrheit, daß Kleinigkeiten die Summe des Lebens ausmachen. Und immer steigt aus dem Meer meiner Erinnerungen das Bild des lieblichen Kindes auf, wie ich sie zuerst kennen lernte; verschönt durch unsere jugendliche Liebe, – mit all den Reizen geschmückt, an denen eine solche Liebe so reich ist. Würde es in der Tat nicht besser gewesen sein, wenn wir wie Kinder einander geliebt und wieder vergessen hätten? Wie die Zeit dahin geht, weiß ich nicht, bis mich der alte Gefährte meines kindischen Frauchens aus meinen Gedanken aufschreckt. Ruheloser noch als vorhin kriecht er aus seiner Hütte heraus und schleppt sich nach der Tür und winselt und will hinaufgelassen werden. »Heute Nacht nicht, Jip. Heute nicht.« Er schleicht langsam zu mir zurück, leckt mir die Hand und sieht mich mit seinen glanzlosen Augen an. »O Jip! Vielleicht nie, nie wieder.«

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Er legt sich zu meinen Füßen nieder, streckt sich aus wie zum Schlafen und ist mit einem Winseln – tot. »Ach Agnes! Sieh, sieh hier!« Und ihr Gesicht! So voll Mitleid und Gram, von Tränen überströmt, der stumme schreckliche Blick und die feierlich nach oben deutende Hand! »Agnes?« »Es ist vorbei!« Es wird Nacht vor meinen Augen, und für eine Zeitlang ist alles aus meinem Gedächtnis ausgelöscht.   

Vierzehntes Kapitel 

Ich will nicht auf die Schilderung meines Gemütszustandes während der Last meines Kummers eingehen.

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Wann zuerst der Vorschlag auftauchte, ich sollte Wiederherstellung meines Seelenfriedens in Ortsveränderung und Abwechslung suchen oder eine große Reise machen, weiß ich nicht mehr genau. Agnes Geist durchdrang so sehr alles, was wir dachten, sagten, taten, in jener Zeit des Kummers, daß ich wohl recht haben werde, wenn ich den Plan ihrem Einflusse zuschreibe.

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möchte Solawechsel mit achtzehn, vierundzwanzig und dreißig Monaten Ziel vorschlagen. Meine ursprüngliche Proposition war zwölf, achtzehn und vierundzwanzig Monate Ziel, aber ich bin nicht ohne Besorgnis, ob ein solches Arrangement genügend Zeit gibt, bis zum Augenblick, wo – sich etwas findet. Es wäre wohl möglich,« sagte Mr. Micawber mit einem Blick, als habe er einige hundert Äcker trefflich angebauten Landes um sich, »daß zur Verfallzeit des ersten Papieres die Ernte noch nicht gut ausgefallen oder unter Dach und Fach ist. Wenn ich nicht irre, sind Arbeiter in dem Teil unserer Kolonien, den das Geschick uns vorschreibt, dem üppigen Boden die Frucht zu entwinden, manchmal schwierig zu erlangen.« »Richten Sie es sich ganz ein, wie Sie wollen, Sir,« sagte meine Tante. »Maam! Mrs. Micawber und ich empfinden aufs tiefste die außerordentliche Güte unserer Freunde und Gönner. Ich wünsche vor allen Dingen als Geschäftsmann hinsichtlich Pünktlichkeit makellos dazustehen. Da wir jetzt ein ganz neues Blatt im Leben umzuwenden im Begriffe stehen und zurückgetreten sind, um einen Anlauf von nicht unbedeutender Länge zu nehmen, so gebieten mir das Gefühl der Selbstachtung und außerdem das Bestreben, meinem Sohne ein Beispiel zu geben, daß dieses Arrangement getroffen werde, wie es Männern geziemt.«

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»Lieber Copperfield,« begann Traddles, als sie fort waren, und lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah mich mit einem Mitgefühl an, das seine Augenlider rötete und sein Haar nach allen Richtungen zu Berge stehen machte, »ich entschuldige mich nicht bei dir, wenn ich dir mit Geschäftsangelegenheiten komme, da ich weiß, wie sehr die Sache zu deiner Zerstreuung dienen wird. Lieber Freund, ich hoffe, du bist nicht zu abgespannt?« »Nein,« sagte ich nach einer Pause. »Wir haben mehr Ursache, an meine Tante zu denken als an jeden andern. Du weißt, wieviel sie getan hat.« »Gewiß, gewiß! Wer könnte das vergessen.« »Aber das ist noch nicht alles. Während der letzten vierzehn Tage hat irgendein neuer Kummer sie heimgesucht, und täglich war sie in London und manchmal ging sie sehr früh aus und kam erst abends wieder. Gestern, Traddles, kam sie trotz der bevorstehenden Reise hierher erst kurz vor Mitternacht nach Hause. Du weißt, wieviel Rücksichten sie immer auf andere nimmt. Sie will mir die Ursache ihres Kummers nicht sagen.«

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»Nachdem wir die vorhandenen Kapitalien und eine Unmasse unabsichtlicher Verwirrungen und ebensoviel absichtlicher Irrtümer und Verfälschungen in Ordnung gebracht haben, können wir als ausgemacht annehmen, daß Mr. Wickfield sein Geschäft ohne Defizit zu liquidieren imstande ist.« »Gott sei gepriesen!« rief Agnes voll Innigkeit aus. »Aber,« fuhr Traddles fort, »der zu seinem Lebensunterhalt unentbehrliche Überschuß, selbst den Erlös aus dem Hausbesitz mit eingerechnet, wäre so unbedeutend, wahrscheinlich kaum ein paar hundert Pfund, daß man bedenken muß, Miß Wickfield, ob er nicht lieber die Verwaltung der Grundstücke, die er so lange inne hatte, behalten sollte. Seine Freunde könnten ihm jetzt, wo er frei ist, mit Rat zur Seite stehen. Sie selbst, Miß Wickfield, – Copperfield, – ich –« »Ich habe es mir überlegt, Trotwood,« sagte Agnes und sah mich an, »und fühle, daß es besser nicht sein sollte, ja, nicht sein darf, selbst nicht auf die Empfehlung eines Freundes hin, dem ich soviel verdanke.« »Ich will nicht sagen, daß ich es empfehle,« bemerkte Traddles. »Ich hielt es nur für meine Pflicht, es zu erwähnen. Weiter nichts.«

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Aber ich glaube, du würdest finden, Copperfield, wenn du Gelegenheit hättest seinen Lebenslauf zu verfolgen, daß diesen Menschen Geld nicht vor Mißgeschick schützen wird. Er ist ein so eingefleischter Heuchler, daß er alles, was er verfolgt, auf krummen Wegen verfolgen muß. Das ist sein Lohn für den Zwang, den er sich auferlegt. Da er immer auf dem Boden kriecht, wenn er das eine oder andere kleine Ziel verfolgt, so muß ihm unterwegs alles vergrößert erscheinen, und er wird daher jeden hassen und im Verdacht haben, der in der unschuldigsten Weise zwischen ihn und sein Ziel tritt. So werden notwendigerweise seine Wege immer krummer und krummer werden beim geringsten Anlaß.« »Er ist ein Ungeheuer an Niederträchtigkeit,« bemerkte meine Tante. »Das weiß ich nicht so genau,« meinte Traddles gedankenvoll. »Viele Leute können sehr niederträchtig sein, wenn sie sich solchen Angewohnheiten einmal hingegeben haben.«

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Siebzehntes Kapitel 

Noch eins blieb mir zu tun. Ich mußte das Geschehene den Abreisenden verheimlichen und sie in glücklicher Unwissenheit scheiden lassen. Es galt keine Zeit zu verlieren. Ich nahm Mr. Micawber noch am selben Abend beiseite und betraute ihn mit dem Auftrag, von Mr. Peggotty jede Nachricht von dem neuen Unglück fern zu halten. Er übernahm das Amt mit großem Eifer und versprach jede Zeitung zu beseitigen, die unsere Maßnahme hätte vereiteln können. »Wenn er eine in die Hand bekommt, Sir,« sagte Mr. Micawber und schlug sich auf die Brust, »so muß sie erst durch diesen Leib gehen.«

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Mrs. Traddles, aus deren gemütvollen Augen eitel Freude und stille Ruhe strahlten, bereitete den Tee und röstete dann ruhevoll in ihrer Ecke am Feuer den Toast. Sie hätte Agnes besucht, erzählte sie mir dabei. Tom und sie hätten eine Hochzeitsreise nach Kent gemacht und bei dieser Gelegenheit auch meine Tante besucht, die sich, wie auch Agnes, wohl befände, und sie hätten von nichts als von mir gesprochen. Tom hätte überhaupt an nichts anderes als an mich gedacht während meiner ganzen Abwesenheit. Tom war die Autorität für alles. Tom war offenbar der Abgott ihres Lebens, der durch nichts von seinem Throne gestürzt werden konnte;

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Die Ehrerbietung, die sowohl sie wie Traddles vor der »Schönheit« an den Tag legten, machte mir viel Spaß. Es kam mir zwar nicht sehr verständig vor, aber erfreulich, und paßte sehr gut zu ihnen. Gewisse Anzeichen von Launenhaftigkeit, die ich an der »Schönheit« bemerkte, betrachteten er und seine Gattin offenbar als ein angestammtes Recht und eine Gabe der Natur. Wären sie selbst als Arbeiterbienen geboren worden und die »Schönheit« als Bienenkönigin, so hätten sie nicht zufriedener sein können. Und diese Selbstlosigkeit freute mich an ihnen. Ihr Stolz auf die Mädchen und ihre Nachgiebigkeit allen ihren Launen gegenüber waren das hübscheste Zeugnis ihres eignen Wertes, das man sich nur wünschen konnte. Wenigstens zwölfmal in jeder Stunde wurde der »gute, liebste Traddles« von einer oder der andern seiner Schwägerinnen gebeten, das oder jenes zu reichen, wegzustellen oder aufzuheben, etwas zu holen oder zu suchen. Ebensowenig konnte etwas ohne Sophie geschehen. Der einen fiel der Zopf herunter, und bloß Sophie konnte ihn wieder aufstecken. Die eine konnte sich nicht auf eine bestimmte Melodie erinnern, und nur Sophie konnte sie richtig summen.

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Sie waren vollständig Herrinnen im Hause, und Sophie und Traddles warteten ihnen auf. Wieviel Kinder Sophie auf einmal hätte unter ihre Obhut nehmen können, kann ich mir nicht vorstellen, aber sie schien jedes Lied zu kennen, das einem Kinde in englischer Sprache je vorgesungen worden war, und sie sang auf Wunsch Dutzende hintereinander mit der hellsten, lieblichsten Stimme der Welt – jede Schwester bestellte ein anderes, und die »Schönheit« kam meistens zuletzt –, so daß ich ganz entzückt war.

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Der Gedanke an diese Mädchen aus Devonshire, mitten unter den vertrockneten Federfuchsern und Advokatenbureaus, an die Kinderlieder in der gestrengen Atmosphäre von Radierpulver und Pergament, rotem Band, staubigen Oblaten, Tintenkrügen, Aktenpapier und Gerichtsschreiben, erschien mir so märchenhaft, als ob die berühmte Familie des Sultans von Tausendundeiner Nacht samt dem singenden Baum, dem redenden Vogel und dem goldnen Wasser mit nach Grays Inn übergesiedelt wäre.

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ich kam in die stillen Straßen, wo jeder Stein ein Kinderbuch für mich war.

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Sie war so schön, so gut, so offen, – ich schuldete ihr so viel Dank, daß ich keine Worte für meine Empfindungen zu finden vermochte. Ich versuchte ihr zu sagen und zu danken, wie schon so oft in meinen Briefen, welchen Einfluß sie auf mich gehabt habe; aber vergebens. Meine Liebe und meine Freude waren stumm. Mit der ihr eignen lieblichen Ruhe besänftigte sie meine Aufregung, führte mich zurück zu der Zeit unseres Abschieds, erzählte mir von Emly, die sie vor der Auswanderung im geheimen viele Male besucht hatte, sprach mit zartsinnigem Mitleid von Doras Grab. Mit dem niemals irrenden Instinkt ihres Herzens berührte sie die Saiten in meiner Erinnerung so sanft und harmonisch, daß auch nicht eine einzige verstimmt erklang. Ich konnte der trauervollen fernen Musik zuhören, ohne Schmerz zu empfinden. Wie hätte es auch anders sein können, wo alles von ihr, dem guten Engel meines Lebens, durchdrungen war. »Und du, Agnes?« fragte ich endlich, »erzähl mir von dir! Du hast mir noch kein Wort gesagt, wie es dir die ganze Zeit über ergangen ist.« »Was soll ich dir erzählen!« gab sie mit ihrem strahlenden Lächeln zur Antwort. »Papa ist wohl. Du findest uns hier still und friedlich in unserm eignen Hause; unsere Sorgen sind zu Ende, unsere alte Umgebung ist wieder, wie sie war, und wenn du das weißt, lieber Trotwood, dann weißt du alles.«

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»Weiter nichts, Schwester?« Das Rot in ihren Wangen, das einen Augenblick verschwunden war, kehrte zurück und schwand wieder. Sie lächelte stilltraurig, wie mir schien, und schüttelte den Kopf. Ich hatte sie auf das bringen wollen, was meine Tante angedeutet; so tief schmerzlich es auch für mich sein mußte, das Geheimnis zu erfahren, so mußte ich doch mein Herz bezwingen und meine Pflicht gegen sie erfüllen. Doch als ich sah, daß sie unruhig wurde, gab ich es auf. »Du bist sehr beschäftigt, liebe Agnes?« »Mit meiner Schule?« fragte sie und blickte mich wieder mit ihrer alten heiteren Fassung an. »Ja. Es ist eine anstrengende Arbeit, nicht wahr?« »Die Arbeit ist so angenehm, daß es fast undankbar ist, sie eine solche zu nennen.« »Nichts Gutes ist schwer für dich,« sagte ich. Abermals wechselte sie die Farbe, und wieder sah ich dasselbe trübe Lächeln, als sie den Kopf neigte. »Du bleibst jetzt doch hier und wartest auf Papa?« fragte sie heiter, »und wirst den ganzen Tag mit uns verleben; vielleicht in deinem alten Zimmer schlafen. Wir nennen es immer noch dein Zimmer.«

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mit Freuden wollte ich den Tag über da bleiben. »Ich habe noch eine kleine Weile zu tun,« sagte sie, »aber hier sind die alten Bücher, Trotwood, und die alten Musikalien.« »Selbst dieselben Blumen sind noch da, wenn auch nicht die alten.« »Ich habe während deiner Abwesenheit ein Vergnügen darin gefunden,« gab Agnes lächelnd zur Antwort, »alles so zu erhalten wie in unserer Kinderzeit. Damals waren wir sehr glücklich, nicht wahr?« »Das weiß Gott.« »Und jede Kleinigkeit, die mich an meinen Bruder erinnerte,« und ihre herzlichen Augen ruhten fröhlich auf mir, »war mir ein willkommener Gefährte. Selbst dieses,« – sie zeigte auf das Schlüsselkörbchen an ihrer Seite, – »scheint mir eine Art vertraute Melodie zu klimpern.« Sie lächelte wieder und verließ durch die kleine Tür das Zimmer. Ich empfand es als Pflicht, ihre schwesterliche Liebe mit frommer Sorgfalt zu hüten. Sie war alles, was mir noch blieb, und ein Schatz. Wenn ich ihr ein einziges Mal die… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits.

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»Aber niemand weiß, wieviel sie getan, wieviel sie gelitten, wie sehr sie gekämpft hat. Gute Agnes!« Sie legte bittend die Hand auf seinen Arm, damit er schweige, und war ganz blaß geworden. »Nun, sei es,« sagte er mit einem Seufzer und, wie ich wohl merkte, über etwas hinweggehend, was mit dem von meiner Tante Geäußerten in Verbindung stehen mußte. »Ich habe wohl noch nie etwas von ihrer Mutter erzählt?« »Niemals, Mr. Wickfield.« »Es ist nicht viel zu erzählen, – obgleich sie viel zu leiden hatte; sie heiratete mich gegen ihres Vaters Willen, und er verstieß sie. Sie bat ihn ihr zu verzeihen, ehe Agnes auf die Welt kam. Er war ein sehr harter Mann, und ihre Mutter lag schon lange im Grabe. Er wies sie zurück. Er brach ihr das Herz.« Agnes lehnte den Kopf an ihres Vaters Schulter und schlang sanft den Arm um seinen Hals. »Sie hatte ein liebevolles und weiches Herz,« fuhr er fort, »und es brach. Ich wußte wohl, wie zart es war. Niemand konnte es so gut wissen wie ich. Sie liebte mich innig, fühlte sich aber nie ganz glücklich. Sie litt immer im geheimen unter diesem Kummer, und da sie zart war und schwermütig zur Zeit dieser letzten Abweisung – denn es war nicht das erste Mal –, siechte sie hin und starb. Sie hinterließ mir Agnes, zwei Wochen alt, und graues Haar – –.« Er küßte Agnes auf die Wange.

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»Beabsichtigst du England wieder zu verlassen?« fragte sie mich, als ich dann neben ihr stand. »Was meinst du darüber?« »Ich hoffe nicht.« »Dann beabsichtige ich es auch nicht, Agnes.« »Ich denke, du solltest es nicht tun, wenn du mich schon frägst,« sagte sie sanft. »Dein wachsender Ruf erschließt dir die Möglichkeit Gutes zu wirken, und wenn ich auch meinen Bruder entbehren könnte,« – ihre Augen ruhten still auf mir – »so könnte es vielleicht unsere jetzige Zeit nicht.« »Nur du hast mich zu dem gemacht, was ich bin, Agnes. Das weißt du am besten.« »Ich dich dazu gemacht, Trotwood?« »Ja, meine liebe Agnes!« sagte ich und beugte mich über sie. »Als wir heute beisammen saßen, versuchte ich, dir etwas zu sagen, was mir im Kopf herumging seit Doras Tod. Weißt du noch, als du zu mir in unser kleines Zimmer tratest, wie du aufwärts wiesest, Agnes?«

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»So, wie du damals vor mir standest, Schwester, habe ich deiner oft gedenken müssen. Du zeigtest mir immer nach oben, Agnes, und führtest mich zu immer Besserem und Höherem.« Sie, schüttelte nur den Kopf; durch ihre Tränen sah ich wieder das alte trübe Lächeln. »Und ich bin dir so dankbar dafür, Agnes, daß ich keinen Ausdruck dafür finde. Wenn ich es dir auch nicht sagen kann, wie ich möchte, so will ich, daß du weißt, wie ich mein ganzes Leben lang zu dir aufblicken und mich von dir leiten lassen möchte, wie damals durch die Dunkelheit, die jetzt vorüber ist. Was auch geschehen mag, welche neue Bande du knüpfen wirst, welche Veränderungen zwischen uns treten mögen, immer werde ich zu dir aufblicken und dich lieben wie von jeher. Bis ich sterbe, meine liebe Schwester,

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»Weißt du, Agnes, daß das, was ich eben von deinem Vater hörte, seltsamerweise ein Teil des Gefühls zu sein scheint, mit dem ich dich schon betrachtete, als ich dich das erste Mal sah und dann neben dir saß in meinen ungestümen Schuljahren?« »Du wußtest, daß ich keine Mutter hatte, und fühltest dich zu mir hingezogen.« »Mehr als das, Agnes. Ich wußte fast, als ob ich diese Geschichte gekannt hätte, daß etwas unerklärlich Mildes dich umgibt, etwas, was bei einer andern traurig gewirkt hätte, nur an dir nicht.« Sie spielte leise weiter und sah mich immer noch an dabei. »Du lächelst vielleicht darüber, daß ich solchen Phantasien nachhänge, Agnes?« »Nein.« »Oder wenn ich dir sage, daß ich damals schon fühlte, du werdest trotz aller Entmutigungen getreulich ausharren in deiner Liebe und nie damit aufhören bis zum Tod?« »O nein, o nein!« Einen Augenblick flog ein kummervoller Schatten über ihr Gesicht, aber noch während des Schreckens, den ich darüber empfand, war er bereits verschwunden.

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Einundzwanzigstes Kapitel 

Eine Zeitlang wohnte ich bei meiner Tante in Dover und schrieb dort ungestört und eifrig an meinem Roman an demselben Fenster, von dem aus ich einst auf den Mondschein auf dem Meere draußen geblickt hatte, als dieses Haus mir das erste Mal Obdach gewährte.

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An dem bestimmten Tag begaben wir uns nach dem Gefängnis, wo Mr. Creakle allmächtig war. Es war ein riesiges solides Gebäude, das unendlich viel Geld gekostet hatte. Ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, wieviel Geschrei wohl im Lande gewesen wäre, würde jemand vorgeschlagen haben, auch nur halb soviel zur Errichtung einer Industrieschule für die Jugend oder einer Stiftung für alte verdiente Bedürftige auszugeben. In einem Amtszimmer, das gerade so gut für das Erdgeschoß des Turms zu Babel gepaßt hätte, so fest war es, wurden wir unserm alten Schulmeister vorgestellt. Inmitten einer Gruppe von zwei oder drei geschäftseifrigen Beamten und einigen Gästen empfing mich Mr. Creakle wie ein Mann, der meinen Geist in früheren Zeiten gebildet und mich immer zärtlich geliebt hätte.

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Er sah viel älter aus als damals, aber keineswegs angenehmer.

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Als wir durch die prächtig gewölbten Gänge schritten, fragte ich Mr. Creakle und seine Freunde, worin denn eigentlich die Hauptvorzüge dieses alles überragenden »Systems« beständen. Die Vorzüge waren: vollständige Isolierung der Gefangenen, so daß keiner das geringste von den andern wüßte, und allmähliche Erziehung zu einem gesunden Gemütszustand, der schließlich zu aufrichtiger Reue führen sollte. Aber, als wir einzelne Zellen besichtigten und uns erklären ließen, wie die Gefangenen dem Gottesdienst beiwohnten, da kam es mir sehr wahrscheinlich vor, daß sie ziemlich viel voneinander wüßten und ein recht vollständiges System des Gedankenaustausches besäßen. Inzwischen ist das, glaube ich, nachgewiesen worden.

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Ich hörte so oft einen Numero 27 als Mustergefangenen erwähnen, daß ich mein Urteil verschob, bis ich ihn zu Gesicht bekäme. Numero 28 sei ebenfalls ein besonders heller Stern, hieß es, aber er hatte das Unglück, daß sein Glanz durch Numero 27 verdunkelt wurde. Ich hörte soviel von Nummer 27, seinen frommen Ermahnungen an alle, die in seine Nähe kämen, und von den schönen Briefen, die er rastlos an seine Mutter, die er auf sehr schlechtem Wege zu glauben schien, schriebe, daß ich darauf brannte, ihn kennen zu lernen.

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Um diesem Übelstande abzuhelfen und uns Gelegenheit zu geben, mit Numero 27 in seiner ganzen Reinheit sprechen zu können, ließ Mr. Creakle die Zelle aufsperren und den Gefangenen herauskommen. Wen anders erkannten Traddles und ich zu unserm größten Erstaunen in dem bekehrten Numero 27 als – Uriah Heep. Er bemerkte uns sofort und sagte schon beim Heraustreten mit seiner alten kriecherischen Verrenkung: »Wie geht es Ihnen, Mr. Copperfield und Ihnen, Mr. Traddles?« Die Erkennungsszene erregte die Verwunderung aller Anwesenden. Mir schien es, als seien alle tief ergriffen darüber, daß er nicht stolz war und uns beachtete. »Nun 27,« sagte Mr. Creakle mit schwermütiger Teilnahme, »wie befinden Sie sich zur Zeit?« »Ich bin sehr demütig, Sir.« »Das sind Sie immer, 27,« bestätigte Mr. Creakle. Ein Herr fragte angelegentlichst: »Befinden Sie sich wirklich recht wohl hier?« »Ja, ich danke Ihnen, Sir,« gab Uriah Heep zur Antwort und blickte den Fragenden an. »Ich fühle mich hier viel wohler als jemals draußen. Ich erkenne jetzt meine Fehler, Sir, und das ist so tröstlich.« Viele der Herrn waren tief ergriffen, einer drängte sich vor und forschte gefühlvoll: »Wie finden Sie das Rindfleisch?« »Ich danke Ihnen, Sir! Es war gestern zäher als wünschenswert, aber es ist meine Pflicht, zu dulden. Ich habe Torheiten begangen, meine Herrn,« sagte Uriah und blickte mit demütigem Lächeln umher, »und muß jetzt die Folgen ohne Murren tragen.«

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Damit auf uns Laien ein Übermaß von Licht herabstrahle, wurde auch 28 herausgelassen. Ich war schon so erstaunt, daß ich es nur noch zu einer Art resignierter Verwunderung bringen konnte, als Mr. Littimer heraustrat, in der Hand ein gutes Buch. »28,« sagte ein Herr mit Brillen, »Sie klagten vorige Woche über den Kakao, mein Bester. Wie ist er seitdem gewesen?« »Ich danke Ihnen, Sir,« entgegnete Mr. Littimer. »Er war besser zubereitet. Wenn ich mir die Freiheit nehmen darf, es zu erwähnen, Sir, so glaube ich nicht, daß die Milch, mit der er gekocht wird, ganz echt ist, aber ich weiß recht gut, Sir, daß man sie in London sehr verfälscht und daß dieser Artikel in reinem Zustand nur schwierig zu erlangen ist.«

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»Haben Sie irgend etwas auf dem Herzen? Dann sprechen Sie es aus, 28.« »Sir,« sagte Mr. Littimer, ohne aufzublicken, »wenn mich meine Augen nicht täuschen, so ist ein Gentleman hier, der in meinem früheren Leben mit mir bekannt war. Es kann diesem Herrn vielleicht von Nutzen sein, wenn er erfährt, Sir, daß ich meine früheren Torheiten lediglich dem Umstand zuschreibe, daß ich ein gedankenloses Leben im Dienste junger Leute geführt habe und mich von ihnen zu Schwächen habe hinreißen lassen, denen zu widerstehen ich nicht stark genug war. Ich hoffe, der Gentleman wird das als Warnung annehmen und es mir nicht als Anmaßung auslegen. Es geschieht zu seinem Besten. Ich bin mir meiner früheren Torheit bewußt. Ich hoffe, er wird all die Schlechtigkeit und Sünde bereuen, an der er teilgenommen hat.«

Yellow highlight | Location: 4,619

»Sie sind also ganz verändert?« fragte Mr. Creakle. »Der Himmel weiß es, Sir,« rief der hoffnungsvolle Büßer. »Sie würden nicht rückfällig werden, wenn Sie hinauskämen?« fragte jemand. »O Gott im Himmel nein, Sir.« »Das ist hocherfreulich,« triumphierte Mr. Creakle. »Sie haben vorhin Mr. Copperfield angesprochen, 27. Wünschen Sie ihm noch etwas zu sagen?« »Sie kannten mich lange Zeit, bevor ich hierher kam und mich änderte, Mr. Copperfield,« sagte Uriah mit seinem allerniederträchtigsten Blick, dessen er fähig war. »Sie kannten mich, als ich demütig war unter denen, die da stolz sind, und sanft unter den Gewalttätigen. Sie selbst waren einmal gewalttätig gegen mich, Mr. Copperfield. Einmal schlugen Sie mich ins Gesicht. Sie wissen doch.« Allgemeines Mitleid. – Verschiedne unwillige Blicke richteten sich auf mich. »Aber ich verzeihe Ihnen, Mr. Copperfield. Ich vergebe Ihnen allen. Es würde mir schlecht anstehen, Groll im Herzen zu hegen. Ich vergebe Ihnen aus eignem Antrieb und hoffe, Sie werden in Zukunft Ihre Leidenschaften bezähmen. Ich hoffe, Mr. W. wird bereuen und Miß W. und die ganze sündhafte Rotte.

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Es war ein charakteristischer Zug in dieser Besserungsanstalt, daß ich erst nach der Ursache der Gefängnisstrafe der beiden Verbrecher fragen mußte. Wie es schien, war das ein nebensächlicher Punkt, und ich wendete mich an einen der beiden Gefangenwärter, die, wie ich nach gewissen leisen Andeutungen in ihren Gesichtern merkte, sehr wohl wußten, wie sie mit den Sträflingen dran waren. »Wissen Sie vielleicht?« fragte ich, als wir den Gang entlang schritten, »aus welchem Verbrechen Numero 27s ›letzte Torheit‹ bestand?« Die Antwort war, es sei eine Banksache gewesen. »Ein Betrug gegen die Bank von England?« »Ja, Sir! Betrug, Fälschung, Komplott. Er und noch ein paar andere. Er war der Anstifter. Es war ein groß angelegter Plan, und es handelte sich um eine bedeutende Summe. Das Urteil lautet auf lebenslängliche Deportation. 27 war der schlauste Vogel von der ganzen Bande und log sich beinah heraus; aber nicht ganz. Die Bank war gerade noch imstande, ihn bei einem Fittich zu erwischen. – Aber nur mit knapper Not.«

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Zweiundzwanzigstes Kapitel 

Weihnachten kam heran, und ich war bereits über zwei Monate in England. Ich hatte Agnes oft gesehen. So laut mich auch die Stimme der Öffentlichkeit in der Schriftstellerei ermutigte und zu immer eifrigeren Anstrengungen anstachelte, das leiseste Wort ihres Lobes ging mir doch über alles. Wenigstens einmal in der Woche ritt ich nach Canterbury und brachte den Abend bei ihr zu. Meistens kehrte ich nachts zurück und war froh, mir körperliche Bewegung verschaffen zu können, denn das alte Leidgefühl überkam mich noch stärker, wenn ich lange mit Agnes beisammen gewesen war. Mit diesen Ritten verbrachte ich den längsten Teil manch trüber, trauriger Nacht, und die Gedanken, die mich während meines langen Aufenthalts im Auslande beschäftigt hatten, lebten dabei wieder in mir auf. Sie sprachen zu mir wie aus weiter Ferne, und ich hatte mich in mein Schicksal ergeben. Wenn ich Agnes meinen Roman vorlas, ihre aufmerksame Miene sah, sie zu Lächeln oder Tränen bewegte und ihre liebe Stimme so ernst sprechen hörte über die schemenhaften Ereignisse der phantastischen Welt, in der ich lebte, da dachte ich manchmal, welches Los mir hätte werden können. Ich wußte, ich hatte kein Recht zu murren, und mußte ruhig tragen, was ich mir selbst geschaffen. Aber ich liebte sie.

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Ich fand Agnes allein. Die kleinen Mädchen waren nach Hause gereist, und sie saß am Kamin und las.

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»Du hast ein Geheimnis,« sagte ich. »Laß es mich mit dir teilen, Agnes!« Sie schlug die Augen nieder und zitterte. »Es würde mir kaum entgangen sein,« sagte ich, »auch wenn ich es nicht gehört hätte – von andern Lippen als den deinen, Agnes, befremdlicherweise –, daß du jemand dein Herz geschenkt hast. Schließ mich nicht aus von dem, was dein Glück so nahe angeht! Wenn du mir so vertraust, wie ich weiß und wie du sagst, so laß mich dein Freund und Bruder in dieser Sache vor allen andern sein!« Mit einem flehentlichen, fast vorwurfsvollen Blick stand sie vom Fenster auf, eilte verwirrt in den Hintergrund des Zimmers, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und brach in Tränen aus, daß es mir das Herz zerriß. Und doch erweckten diese Tränen etwas in mir wie leise Hoffnung. Ohne daß ich mir darüber klar werden konnte, warum, brachte ich sie mit jenem stillen, trüben Lächeln, das ich so gar nicht vergessen konnte, in Verbindung, und mehr Hoffnung als Besorgnis oder Schmerz durchbebte mich.

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»Ich muß dir alles sagen, so darfst du mich nicht verlassen!« rief ich. »Um Himmels willen, Agnes, laß kein Mißverständnis zwischen uns treten nach so vielen Jahren. Ich muß offen sprechen. Wenn du noch einen Gedanken hast, daß ich jemand das Glück, das du ihm gibst, neiden, daß ich nicht einem andern, den du liebst, weichen und aus der Ferne Zeuge deines Glücks sein könnte, so vergiß diesen Gedanken, denn ich verdiene ihn nicht. Ich habe nicht umsonst Leid ertragen. Es ist nichts Selbstsüchtiges in dem, was ich für dich fühle.« Sie war jetzt ruhiger geworden. Nach einer kleinen Pause wandte sie mir ihr blasses Gesicht zu und sagte mit leiser deutlicher, wenn auch stockender Stimme: »Ich schulde es deiner reinen Freundschaft, Trotwood, in die ich nicht den geringsten Zweifel setze, – dir zu sagen, daß du dich irrst. Mehr kann ich nicht tun. Wenn ich manchmal im Lauf der Jahre Hilfe und Rat gebraucht habe, so sind sie mir immer zuteil geworden. Wenn ich manchmal unglücklich gewesen bin, so ist es vorübergegangen. Habe ich jemals eine Last auf dem Herzen gehabt, so ist sie leichter geworden. Wenn ich ein Geheimnis habe, so ist es – kein neues und ist nicht – was du vermutest. Ich kann es nicht offenbaren oder mit dir teilen. Es ist lange mein gewesen und muß mein bleiben.« »Agnes! Bleib! Einen Augenblick!« Sie wollte weggehen, aber ich hielt sie zurück. Ich legte meinen Arm um sie. »Im Lauf der Jahre?« – »Es ist kein neues?« Neue Gedanken und Hoffnungen stürmten mir durch die Seele, und alle Farben meines Lebens veränderten sich. »Liebste Agnes! Die ich dich so verehre und achte, – so innig liebe! Als ich heute hierherkam, glaubte ich, daß mir nichts dieses Bekenntnis entreißen würde. Ich glaubte, ich könnte es in meiner Brust verschlossen halten, bis wir alt sein würden. Aber Agnes, wenn ich wirklich noch zu einer Hoffnung berechtigt bin, dich jemals anders nennen zu dürfen als Schwester! ...« Sie weinte wieder, aber nicht mehr wie vorhin, und ich sah meine Hoffnungen heller werden.

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ich glaube, mein achtlos blindes Herz hätte sich nie weg von dir verirrt. Aber du warst soviel besser als ich, mir so unentbehrlich in meinen knabenhaften Hoffnungen und Irrtümern, daß es mir zur zweiten Natur wurde, in allen Dingen dir zu vertrauen und meinen Halt an dir zu finden. Und so wurde die Liebe für jene Zeit in den Hintergrund gedrängt.« Sie weinte immer noch, aber nicht aus Schmerz, – sondern vor Freude.

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