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30 September 2026

Elias Canetti: Die gerettete Zunge und andere Werke

 Elias Canetti: Die gerettete Zunge (1. Band seiner Autobiographie)

Zitate:
"Meine früheste Erinnerung ist in Rot getaucht. A
uf dem Arm eines Mädchens komme ich zu einer Tür heraus, der Boden vor mir ist rot, und zur linken geht eine Treppe hinunter, die ebenso rot ist. Gegenüber von uns, selber Höhe, öffnet sich eine Tür, und ein lächelnder Mann tritt heraus, der freundlich auf mich zugeht. Er tritt ganz nah an mich heran, bleibt stehen und sagt zu mir: 'Zeig die Zunge!' Ich strecke die Zunge heraus, er greift in seine Tasche, zieht ein Taschenmesser hervor, öffnet es und führt die Klinge ganz nah an meine Zunge heran. Er sagt: 'Jetzt schneiden wir ihm die Zunge ab.' Ich wage es nicht, die Zunge zurückzuziehen. Er kommt immer näher, gleich wird er sie mit der Klinge berühren. Im letzten Augenblick zieht er das Messer zurück, sagt: 'Heute noch nicht, morgen.' Er klappt das Messer wieder zu und steckt es in seine Tasche. 

Jeden Morgen treten wir aus der Tür, heraus auf den roten Flur, die Türe öffnet sich, und der lächelnde Mann erscheint. Ich weiß, was er sagen wird, und warte auf seinen Befehl, die Zunge zu zeigen. Ich weiß, dass er sie mir abschneiden wird, und fürchte mich jedes Mal mehr. Der Tag beginnt damit, und es geschieht viele Male.

Ich behalte es für mich und frage erst sehr viel später die Mutter danach. Am Rot überall erkennt sie die Pension in Karlsbad, wo sie mit dem Vater und mir den Sommer 1907 verbracht hatte. Für den Zweijährigen haben Sie ein Kindermädchen aus Bulgarien mitgenommen, selbst keine fünfzehn Jahre alt. In aller Frühe pflegt sie mit dem Kind auf dem Arm fortzugehen, sie spricht nur bulgarisch, findet sich aber überall in dem belebten Karlsbad zurecht und ist immer pünktlich mit dem Kind zurück. Einmal sieht man sie mit einem unbekannten jungen Mann auf der Straße, sie weiß nichts über ihn zu sagen, eine Zufallsbekanntschaft. Nach wenigen Wochen stellt sich/heraus, dass der junge Mann im Zimmer genau gegenüber von uns wohnt, auf der anderen Seite des Flures. Das Mädchen geht manchmal nachts rasch zu ihm hinüber. Die Eltern fühlen sich für sie verantwortlich und schicken sie sofort nach Bulgarien zurück.

Beide, das Mädchen und der junge Mann, gingen sehr früh von zu Hause fort, auf diese Art müssen sie sich zuerst begegnet sein, so muss es begonnen haben. Die Drohung mit dem Messer hat ihre Wirkung getan, das Kind hat zehn Jahre darüber geschwiegen." (S.7/8)

"[...] er bemühte sich sehr um meine Mutter. Sie hatte eine tiefe Neigung in ihm geweckt, wie er ihr sagte – aber das erfuhr ich erst später–, die tiefste seines Lebens? Er wollte sich um ihretwillen von seiner Frau scheiden lassen. Er werde sich der drei Kinder annehmen und ihr bei ihrer Erziehung helfen. [...] Die Mutter war nicht mehr offen zu mir. Sie hütete sich, mir das alles zu sagen. Sie wusste, dass es mich vernichtet hätte. Ich hatte das Gefühl, daß sie zu lange im Sanatorium blieb Er wollte sie nicht weglassen. 'Du bist doch schon ganz gesund', sagte ich ihr bei jeden Besuch. 'Komm nach Hause und ich werde dich pflegen.' Sie lächelte ich sprach, als wäre ich erwachsen, ein Mann und gar ein Arzt dazu, der alles wisse, was zu tun sei. Am liebsten hätte ich sie aus dem Sanatorium getragen, auf meinen eigenen Armen. 'Eines Nachts komm ich dich rauben, sagte / ich. 'Es ist aber zugesperrt unten, du kommst nicht herein. Du musst schon warten, bis der Arzt mir erlaubt, nach Hause zu gehen. Jetzt dauert es nicht mehr lange." 

Als sie nach Hause zurückkam, wurde vieles anders. Der Herr Dozent verschwand nicht mehr aus unserem Leben, er kam sie besuchen, er kam zum Tee, er brachte mir jedes Mal ein Geschenk, das ich dann gleich, kaum war er aus der Wohnung, wegwarf. Kein einziges Geschenk von ihm habe ich länger als für die Dauer seines Besuches behalten. Und es gab Bücher darunter, die ich für mein Leben gern gelesen hätte. Und wunderbare Kristalle, die in meiner Sammlung fehlten. Er wusste schon, was er mir schenkte, denn kaum hatte ich begonnen, von einem Buch zu sprechen, das mich lockte, so war es auch schon da, aus seinen Händen legte sich auf den Tisch in unserem Kinderzimmer Und es war, als sei ein Mehltau auf das Buch gefallen – Nicht nur warf ich es dann fort und musste, was  gar nicht so leicht war die richtigen Orte dafür finden – ich habe auch später das Buch mit diesem Titel nie gelesen. 

Damals setzte die Eifersucht ein, die mich mein Leben lang gequält hat und die Gewalt, mit der sie mich überkam, hat mich für immer geprägt, sie wurde zu meiner eigentlichen Leidenschaft, die sich um Überzeugungen und besseres Wissen nicht im geringsten scherte." (S.142/43.)

Canetti als Vortragskünstler und im Gespräch (Youtube) 

(Youtube) Wikipedia

Canetti: Die Blendung (Youtube)   Wikipedia

Canetti: Die Fackel im Ohr (Wikipedia) 2. Band der Autobiographie Inhalt: D. Wunderlich

Canetti: Das Augenspiel 3. Band der Autobiographie  D. Wunderlich: Inhalt

Canetti: Die Stimmen von Marrakesch   Wikipedia           D.Wunderlich