12 Februar 2016

Bernard: Das totale Archiv

Zur Funktion des Nicht-Wissens in der digitalen Kultur

"In den letzten fünfzehn Jahren, die für die Verfügbarkeit und Zuordnung von Daten vermutlich größere Veränderungen erbracht haben als das halbe Jahrtausend zwischen Gutenberg und Google, wäre dieser Stoff kaum noch Remake-fähig: Die sozialen Netzwerke und Dating-Apps nötigen ihre Nutzer inzwischen zur Echtheit und Einheitlichkeit der Profile. Die bewährte Triebfeder der Filmhandlung ist also blockiert – und es ist vor diesem Hintergrund konsequent, dass der größte Komödienerfolg der letzten Jahre, die Hangover-Trilogie, mit einem Total-Blackout der Helden nach durchzechter Nacht beginnen muss. Wenn das Web 2.0 die Wissenslücken im alltäglichen Handeln der Figuren stopft, bleiben nur noch Alkohol und Drogen, um die unerlässlichen Amnesien herbeizuführen, die Verwicklungskomödien am Laufen halten." (Bernard: Das totale Archiv pdf, S.6)

So bemerkenswert die Entwicklung der Zuordnung von Daten ist, so ungenau sind Bernards Überlegungen an diesem Punkt. So wie Hippias sich über die Identität seines Sklaven Agathon völlig im Unklaren sein kann, so kann heute durch Identitätsdiebstahl ein Wissen vorgetäuscht werden, das weit intensivere Täuschungen als kurzfristige Verwechslungen ermöglicht.

"die Freilegung einer »Ordnung des Diskurses« hat sich auch um das Negativ dieser Ordnung zu kümmern, um das herausgefallene, ausgesonderte, als veraltet, verfehlt, gefährlich oder noch unausgegoren geltende Wissen." (S.11)

"Die »Geltung der Normen« in einem Staat, schreibt Popitz, sei daran gebunden, dass nicht jede einzelne Übertretung aufgedeckt und bestraft werde; dies sei weder in einem verwaltungspraktischen Sinne möglich, weil die »Sanktionsorganisation« überfordert wäre, noch in einem moralischen, weil die Masse der Delinquenten eine allgemeine »Abstumpfung der Sanktionsbereitschaft« herbeiführe und die gesellschaftlichen Normen ihre »Schutzfunktion« verlieren würden. Von diesem Argument leitet Popitz die eminente Notwendigkeit der »Dunkelziff er« für das Funktionieren eines Gesellschaftssystems ab, die dem »Starren« und »Überfordernden« der Norm, wie er schreibt, »Entlastung … durch die Begrenzung der Verhaltensinformation« schaffe." (S.12)

"Der Algorithmus ist eine Autorität, aber ihr Kalkül, ihre Regierungsweise bleibt im Dunkeln. Für große Teile der Internetgemeinschaft, der indiff erent-konsumistischen wie der politisch aktiven, ist die Welt des Digitalen weiterhin ein Raum der Transparenz, der Partizipation, der Freiheit – also modernste Ausprägung der Errungenschaften der Moderne. Wer das Verhältnis von Wissen und Nicht-Wissen, das dieser Raum produziert, aber genauer untersucht, könnte auch zu dem Ergebnis kommen, dass genau jene 250 Jahre alten Elemente einer bürgerlichen Öff entlichkeit angesichts der Funktionsweisen digitaler Kultur auf die Probe gestellt sind." (S.16)

"Die Analyse des Nicht-Wissens hat daher keineswegs, wie es vielleicht bei einem ersten Blick auf diese Kategorie scheinen mag, einen Beigeschmack von Irrationalismus, sondern kann im Gegenteil einen Beitrag zur Analyse von Machtstrukturen im digitalen Zeitalter liefern. Wie Alexander Galloway sagt: »The point of unrepresentability is the point of power. And the point of power today is not the image. The point of power today resides in networks, computers, information, and data.«" (S.17)

10 Februar 2016

Hippias: sinnliches Vergnügen ist erstrebenswert, Schmerz zu vermeiden (Wieland: Agathon)

Es hat Narren gegeben, welche die Frage mühsam untersucht haben, ob das Vergnügen ein Gut, und der Schmerz ein Übel sei? Es hat noch größere Narren gegeben, welche würklich behaupteten, der Schmerz sei kein übel, und das Vergnügen kein Gut; und was das lustigste dabei ist, beide haben Toren gefunden, die albern genug waren, diese Narren für weise zu halten. Das Vergnügen ist kein Gut, sagen sie, weil es Fälle gibt wo der Schmerz ein größeres Gut ist; und der Schmerz ist kein Übel, weil er zuweilen besser ist als das Vergnügen. Sind diese Wortspiele einer Antwort wert? Was würd' ein Zustand sein, der in einem vollständigen unaufhörlichen Gefühl des höchsten Grades aller möglichen Schmerzen bestünde? Wenn dieser Zustand das höchste Übel ist, so ist der Schmerz ein Übel. Doch wir wollen die Schwätzer mit Worten spielen lassen, die ihnen bedeuten müssen was sie wollen. Die Natur entscheidet diese Frage, wenn es eine sein kann, auf eine Art, die keinen Zweifel übrig läßt. Wer ist, der nicht lieber vernichtet als unaufhörlich gepeiniget werden wollte? [...]
Die Freiheit von allen Arten der Schmerzen ist also unstreitig eine unumgängliche Bedingung der Glückseligkeit; allein da sie nichts positives ist, so ist sie nicht so wohl ein Gut, als der Zustand, worin man des Genusses des Guten fähig ist. Dieser Genuß allein ist es, dessen Dauer den Stand hervorbringt, den man Glückseligkeit nennt. [...]
Die Philosophen reden von Vergnügen des Geistes, von Vergnügen des Herzens, von Vergnügen der Tugend. Alle diese Vergnügen sind es für die Sinnen oder für die Einbildungskraft, oder sie sind nichts. [...]
Laß uns also gestehen, Callias, daß alle Vergnügen, die uns die Natur anbeut, sinnlich sind; und daß die hochfliegendste, abgezogenste und geistigste Einbildungskraft uns keine andre verschaffen kann, als solche, die wir auf eine weit vollkommnere Art aus dem rosenbekränzten Becher, und von den Lippen der schönen Cyane saugen könnten. [...]
Allein diese Unterwürfigkeit ist dem Despoten, diese Hochachtung ist dem Republikaner nur darum angenehm, weil sie das Vermögen oder die Gelegenheit gibt, die Leidenschaften und die Begierden desto besser zu befriedigen, welche die unmittelbaren Quellen des Vergnügens sind.  [...] ein Diogenes könnte zu Corinth nicht glücklich sein, wenn er nicht ein Narr wäre. Gewisse poetische Köpfe haben sich ein goldnes Alter, ein Arcadien, ein angenehmes Hirtenleben geträumt, welches zwischen der rohen Natur und der Lebensart des begüterten Teils eines gesitteten und sinnreichen Volkes das Mittel halten soll. Sie haben die verschönerte Natur von allem demjenigen entkleidet, wodurch sie verschönert worden ist, und dieses idealische Wesen die schöne Natur genannt. [...]
Wenn es angenehmer ist in einer bequemen Hütte zu wohnen als in einem hohlen Baum, so ist es noch angenehmer in einem geräumigen Hause zu wohnen, das mit den ausgesuchtesten und wollüstigsten Bequemlichkeiten versehen, und, wohin man die Augen wendet, mit Bildern des Vergnügens ausgeziert ist; und wenn eine mit Bändern und Blumen geschmückte Phyllis reizender ist als eine schmutzige und zottichte Wilde, muß nicht eine von unsern Schönen, deren natürliche Reizungen durch einen wohlausgesonnenen und schimmernden Putz erhoben werden, um eben so viel besser gefallen als eine Phyllis?"

09 Februar 2016

Hippias wirbt für seine Weltanschauung (Wieland: Agathon)

Der Sophist wirbt bei seinem Sklaven Agathon, den er nur unter dem Namen Callias kennt, für seine Weltanschauung:

Wenn wir auf das Tun und Lassen der Menschen acht geben, mein lieber Callias, so scheint zwar, daß alle ihre Sorgen und Bemühungen kein andres Ziel haben als sich glücklich zu machen; allein die Seltenheit dererjenigen die es würklich sind, oder es doch zu sein glauben, beweiset zugleich, daß die meisten nicht wissen, durch was für Mittel sie sich glücklich machen sollen, wenn sie es nicht sind; oder wie sie sich ihres guten Glückes bedienen sollen, um in denjenigen Zustand zu kommen den man Glückseligkeit nennt. Es gibt eben so viele die im Schoße des. Ansehens, des Glücks und der Wollust, als solche die in einem Zustande von Mangel, Dienstbarkeit und Unterdrückung elend sind. Einige haben sich aus diesem letztem Zustand emporgearbeitet, in der Meinung, daß sie nur darum unglückselig seien, weil es ihnen am Besitz der Güter des Glücks fehle. Allein die Erfahrung hat sie gelehrt, daß wenn es eine Kunst gibt, die Mittel zur Glückseligkeit zu erwerben, es vielleicht eine noch schwerere, zum wenigsten eine seltnere Kunst sei, diese Mittel recht zu gebrauchen. 
Es ist daher allezeit die Beschäftigung der Verständigsten unter den Menschen gewesen, durch Verbindung dieser beiden Künste diejenige heraus zu bringen, die man die Kunst glücklich zu leben nennen kann, und in deren würklichen Ausübung, nach meinem Begriffe, die Weisheit besteht, die so selten ein Anteil der Sterblichen ist. Ich nenne sie eine Kunst, weil sie von der fertigen Anwendung gewisser Regeln abhängt, die nur durch die Übung erlangt werden kann: Allein sie setzt wie alle Künste einen gewissen Grad von Fähigkeit voraus, den nur die Natur gibt, und den sie nicht allen zu geben pflegt. Einige Menschen scheinen kaum einer größern Glückseligkeit fähig zu sein als die Austern, und wenn sie ja eine Seele haben, so ist es nur so viel als sie brauchen, um ihren Leib eine Zeitlang vor der Fäulnis zu bewahren. Ein [432] größerer und vielleicht der größte Teil der Menschen befindet sich nicht in diesem Fall; aber weil es ihnen an genügsamer Stärke des Gemüts, und an einer gewissen Zärtlichkeit der Empfindung mangelt, so ist ihr Leben gleich dem Leben der übrigen Tiere des Erdbodens, zwischen Vergnügen, die sie weder zu wählen noch zu genießen, und Schmerzen, denen sie weder zu widerstehen noch zu entfliehen wissen, geteilt. Wahn und Leidenschaften sind die Triebfedern dieser menschlichen Maschinen; beide setzen sie einer unendlichen Menge von Übeln aus, die es nur in einer betrognen Einbildung, aber eben darum wo nicht schmerzlicher doch anhaltender und unheilbarer sind, als diejenigen die uns die Natur auferlegt. Diese Art von Menschen ist keines gesetzten und anhaltenden Vergnügens, keines Zustandes von Glückseligkeit fähig; ihre Freuden sind Augenblicke, und ihre übrige Dauer ist entweder ein wirkliches Leiden, oder ein unaufhörliches Gefühl verworrener Wünsche, eine immerwährende Ebbe und Flut von Furcht und Hoffnung, von Phantasien und Gelüsten; kurz eine unruhige Bewegung die weder ein gewisses Maß noch ein festes Ziel hat, und also weder ein Mittel zur Erhaltung dessen was gut ist sein kann, noch dasjenige genießen läßt, was man würklich besitzt. 
Es scheint also unmöglich zu sein, ohne eine gewisse Zärtlichkeit der Empfindung, die uns in einer weitern Sphäre, mit feinem Sinnen und auf eine angenehmere Art genießen läßt, und ohne diejenige Stärke der Seele, die uns fähig macht das Joch der Phantasie und des Wahns abzuschütteln, und die Leidenschaften in unsrer Gewalt zu haben, zu demjenigen ruhigen Zustande von Genuß und Zufriedenheit zu kommen, der die Glückseligkeit ausmacht. 
Nur derjenige ist in der Tat glücklich, der sich von den Übeln die nur in der Einbildung bestehen, gänzlich frei zu machen; diejenigen aber, denen die Natur den Menschen unterworfen hat, entweder zu vermeiden, oder doch zu vermindern – und das Gefühl derselben einzuschläfern, hingegen sich in den Besitz alles des Guten, dessen uns die Natur fähig gemacht hat, zu setzen, und was er besitzt, auf die angenehmste Art zu genießen weiß; und dieser Glückselige allein ist der Weise.
(Wieland: Geschichte des Agathon, 3. Buch 1. Kapitel, S.431/32)

05 Februar 2016

Die Sophisten, speziell Hippias (Wieland: Agathon)

Die Sophisten und Socrates
Sie wurden von aller Welt mit dem ehrenvollen Namen der Sophisten oder Weisen benennt; allein die Weisheit, von der sie Profession machten, war von der Socratischen, die durch einige Verehrer dieses Atheniensischen Bürgers so berühmt worden ist, so wohl in ihrer Beschaffenheit, als in ihren Würkungen unendlich unterschieden; oder besser zu sagen, sie war die vollkommne Antipode derselbigen. Die Sophisten lehrten die Kunst, die Leidenschaften andrer Menschen zu erregen; Socrates die Kunst, seine eigene zu dämpfen. Jene lehrten, wie man es machen müsse, um weise und tugendhaft zu scheinen; dieser lehrte, wie man es sei. Jene munterten die Jünglinge von Athen auf, sich der Regierung des Staats anzumaßen; Socrates, daß sie vorher die Hälfte ihres Lebens anwenden sollten, sich selbst regieren zu lernen. [...]
Wir würden nicht fertig werden, wenn wir diese Gegensätze so weit treiben wollten, als wir könnten. Genug, daß die Weisheit der Sophisten einen Vorzug hatte, den ihr die Socratische nicht streitig machen konnte; sie verschaffte ihren Besitzern Reichtum, Ansehen, Ruhm, und ein Leben, das von allem, was die Welt glücklich nennet, überfloß. [...]
Hippias
Er war so klug, frühzeitig zu entdecken, wie viel an der Gunst dieser reizenden Geschöpfe gelegen ist, welche in den policierten Teilen des Erdbodens die Macht würklich ausüben, die in den Märchen den Feen beigelegt wird; die mit einem einzigen Blick, oder durch eine kleine Verschiebung des Halstuchs stärker überzeugen, als Demosthenes und Lysias durch lange Reden; die mit einer einzigen Träne den Gebieter über Legionen entwaffnen, und durch den bloßen Vorteil, den sie von ihrer Gestalt und einem gewissen Bedürfnis des stärkern Geschlechts zu ziehen wissen, sich zu unumschränkten Beherrscherinnen derjenigen machen, in deren Händen das Schicksal ganzer Völker liegt. [...]
Er hatte, bevor er sich nach Smyrna begab, um die Früchte seiner Arbeit zu genießen, den schönsten Teil seines Lebens zugebracht, die edelste Jugend der griechischen Städte zu bilden; er hatte Redner gebildet, die durch eine künstliche Vermischung des Wahren und Falschen, und den klugen Gebrauch gewisser Figuren, einer schlimmen Sache den Schein und die Würkung einer guten zu geben wußten; Staats-Männer, welche die Kunst besaßen, mitten unter den Zujauchzungen eines betörten Volks die Gesetze durch die Freiheit und die Freiheit durch schlimme Sitten zu vernichten; um diejenigen, die sich der heilsamen Zucht der Gesetze nicht unterwerfen wollten, der willkürlichen Gewalt ihrer Leidenschaften zu unterwerfen; kurz, er hatte Leute gebildet, die sich Ehren-Säulen dafür aufrichten ließen, daß sie ihr Vaterland zu Grunde richteten. Allein dieses befriedigte seine Eitelkeit noch nicht: Er wollte auch jemand hinterlassen, der seine Kunst fortzusetzen geschickt wäre; eine Kunst, die in seinen Augen allzuschön war, als daß sie mit ihm sterben sollte.

02 Februar 2016

Wieland: Geschichte des Agathon I

Geschichte des Agathon (Wikipedia)

Zitate:

"Weil nach unserm Plan der Charakter unsers Helden auf verschiedene Proben gestellt werden sollte, durch welche seine Denkensart und seine Tugend erläutert, und dasjenige, was darin übertrieben, und unecht war, nach und nach abgesondert würde;[...]"
"Nein, wahre Liebe kann so wenig eifersüchtig sein, als sich selbst fühlende Stärke zittern kann."
"Meine neue Gebieterin war von der guten Art von Geschöpfen, die gemacht sind sich selbst zu gefallen, und sich alles gefallen zu lassen. Ich wurde zu der Ehre bestimmt, den Aufputz ihres schönen Kopfes zu besorgen; und die Art, wie ich dieses Amt verwaltete, erwarb mir ihre Gunst so sehr, daß sie mich beinahe so viel liebte, als ihren Schoßhund."
"Die aufgehende Sonne, die von der rosenfingrichten Aurora angekündiget, das Jonische Meer mit ihren ersten Strahlen vergoldete, fand alle diejenigen, mit dem Virgil zu reden, von Wein und Schlaf begraben, welche die Nacht durch dem Bacchus und seiner Göttin Schwester geopfert hatten. Nur Agathon, der gewohnt war mit der Morgenröte zu erwachen, wurde von den ersten Strahlen geweckt, die in horizontalen Linien an seiner Stirne hinschlüpften."

"Wie begierig hätte ich vor wenigen Stunden einen Augenblick wie diesen mit meinem Leben erkauft! Indem sie dieses sagte, umarmte sie den glücklichen Agathon mit einer so rührenden Zärtlichkeit, daß die Entzückung, die ihre Herzen einander mitteilten, eine zweite sprachlose Stille hervorbrachte; und wie sollten wir beschreiben können, was sie empfanden, da der Mund der Liebe selbst nicht beredt genug war, es auszudrucken?"

"Wie kannst du Verlust nennen, dessen Besitz kein Gut war? Ist es ein übel, deines Ansehens, deines Vermögens, deines Vaterlandes beraubt zu sein? Alles dessen beraubt warst du in Delphi glücklich, und vermißtest es nicht. Und warum nennest du Dinge dein, die nicht zu dir selbst gehören, die der Zufall gibt und nimmt, ohne daß es in deiner Willkür steht sie zu erlangen oder zu erhalten? Wie ruhig, wie heiter und glücklich floß mein Leben in Delphi hin, ehe ich die Welt, ihre Geschäfte, ihre Sorgen, ihre Freuden und ihre Abwechselungen kannte; eh ich genötiget war, mit den Leidenschaften andrer Menschen, oder mit meinen eigenen zu kämpfen, mich selbst und den Genuß meines Daseins einem undankbaren Volke aufzuopfern, und unter der vergeblichen Bemühung, Toren oder Lasterhafte glücklich zu machen, selbst unglücklich zu sein!" [...]
[...] ich genoß die Glückseligkeit, welche Tagen die Schnelligkeit der Augenblicke, und Augenblicken den Wert von Jahrhunderten gibt. [...]"

"Ihre [der Sklavenhändler] erste Sorge war, sie in eines der öffentlichen Bäder zu führen, wo man nichts vergaß, was dazu dienen konnte, sie den folgenden Tag verkäuflicher zu machen. Agathon war noch zu sehr von allem demjenigen, was mit ihm vorgegangen war, eingenommen, als daß er auf das gegenwärtige aufmerksam sein konnte. Er wurde gebadet, abgerieben, mit Salben und wohlriechenden Wassern begossen, mit einem Sklaven-Kleid von vielfarbichter Seide angetan, mit allem was seine Gestalt erheben konnte, ausgeschmückt, und von allen, die ihn sahen, bewundert; ohne daß ihn etwas aus der vollkommnen Unempfindlichkeit erwecken konnte, welche in gewissen Umständen eine Folge der übermäßigen Empfindlichkeit ist".

01 Februar 2016

Christoph Martin Wieland: Nadir und Nadine

Nadir und Nadine

"Zwischen unersteiglichen Felsen, die sich nur auf einer Seite auftun, wo das Meer einen kleinen Busen in das Land hinein macht, zieht sich ein langes, fruchtbares, der Welt unbekanntes Tal, das die Einwohner in ihrer Sprache «die ruhige Aue» nennen. Es wird seit undenklichen Zeiten von einer gutherzigen Art von Hirten bewohnt, die so glücklich sind, keinen andern Gesetzgeber zu kennen als die Natur. Sie haben kein gemeinschaftliches Oberhaupt, weil sie keinen Anführer gegen ihre Feinde und keinen Richter nötig haben, der ihre Händel entscheide oder ihre Verbrechen bestrafe; denn sie haben keinen Feind, fangen keine Händel an und begehen keine Verbrechen: sie sind alle gleich und leben zusammen wie gutartige Geschwister. Ihre Herden geben ihnen Nahrung und Kleidung, sie sind ihr vornehmster Reichtum; und wiewohl jede Familie ihre eigene hat, so werden sie doch von den benachbarten Bergen, die bis auf einen gewissen Grad von Höhe fruchtbar sind, so reichlich mit Weide und Futter versehen, daß nie kein Streit deswegen unter ihnen entstehen kann.
Diese guten Leute stehen, man weiß nicht warum, unter dem Schutze eines Zauberers, der in ihrer Nachbarschaft auf einem hohen Felsen wohnt und dem sie es zuschreiben, daß ihre Täler vor allen Arten von Raubtieren und ihre Herden vor ansteckenden Krankheiten gesichert sind. Indessen muß man gestehen, daß er sie diesen Schutz teuer genug bezahlen läßt, denn alle vier Jahre müssen ihm, vermöge eines Rechtes oder Herkommens, dessen Ursprung und Gültigkeit niemals untersucht worden ist, alle junge Mädchen von vierzehn Jahren vorgeführt werden; er nimmt sie in Augenschein, wählt sich aus, welche ihm am besten gefällt, und fährt sie in seinem Wagen davon, ohne daß man weiter etwas von ihr zu hören bekommt. Weil nun im Tale der Ruhe alle Eltern ihre Kinder sehr zärtlich lieben und jedes Mädchen von vierzehn Jahren, unter den Knaben von sechzehn oder siebzehn, irgendeinen guten Freund hat, der im Notfall seine beiden Augen um sie gäbe, so ist dieser Tribut den guten Hirten überaus lästig; und die Angst, in der sie alle vier Jahre leben, wenn die Zeit des Besuchs von ihrem Beschützer herannahet, verbittert das Glück, dessen sie sonst genössen, nicht wenig. Indessen, da sie es nicht ändern können, begnügen sie sich, darüber zu seufzen, und suchen sich mit dem Gedanken zu trösten, daß der Zauberer noch immer gütig genug sei, sich alle vier Jahre an einem Mädchen zu begnügen; denn, sagen sie, was wollten wir machen, wenn er ihrer zwei oder drei mit sich nähme? Er würde es immer so anzugehen wissen, daß er am Ende recht behielte."

Unter den Mädchen, die das nächste Mal dem Zauberer zugeführt werden, ist Nadine. Nadir, der sie unendlich liebt, muss erleben, dass der Zauberer sie entführt, und versucht sie zu retten.
Er braucht keine Heldentaten und Guttaten zu vollbringen, um die Hilfe zweier mächtiger Zauberer zu gewinnen. Er erhält einen Ring, der über alle Macht von Zauberern hinaus geht, und die Geschichte geht gut aus.
Man kann die Erzählung nachlesen oder sich überlegen, welche Eigenschaften der Ring haben muss, was Nadir tun muss und wer ihm vielleicht helfen könnte, damit die Erzählung gut ausgeht und sie dennoch weder langweilig noch sehr kurz zu sein braucht. 

Welche Motive Wieland in seiner Märchensammlung Dschinnistan einsetzt, zu der auch "Nadir und Nadine" gehört, kann man hier nachlesen
Interessant ist auch die Wirkungsgeschichte der Märchensammlung, in der Mozart und Karl May eine Rolle spielen. 

Wie erklärt sich aber, dass Wieland "schon im 19. Jahrhundert unter den deutschen Klassikern der am wenigsten Gelesene" war? Und welcher Schriftsteller des 20. Jahrhunderts hat ihm wohl neue Leser zugeführt?

Wer eine Hilfe braucht: Er hat eine Schule der Atheisten geschrieben.

Lahme: "Die Manns" III - Golo und die beiden Nesthäkchen

Golo Mann ist Tilmann Lahmes Liebling in der Familie. Nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass er zunächst eine Biographie über Golo schrieb, bevor er sich der Gesamtfamilie zuwendete.
Doch auch der Leser wird ihm Sympathie nicht versagen können, da seine großen Fähigkeiten zunächst allgemein - auch ihm selbst - verborgen blieben.

Elisabeth Mann Borgese war das erste Kind, das Thomas Mann schon als Säugling sehr intensiv wahrnahm. Sein Gesang vom Kindchen legt davon beredtes Zeugnis ab. Zwar kommt sie auch in der Erzählung Unordnung und frühes Leid vor, wird da aber durchaus nicht kritisch gesehen, sondern ist als früh verliebtes "Lorchen" durchaus Sympathieträger. Sie ist das einzige der Kinder Thomas Manns, das unter seiner Berühmtheit und seiner privilegierten Rolle in der Familie nicht merklich gelitten hat. Schon als Kind war sie unglücklich verliebt in Fritz Landshoff, der an Erika Mann interessiert war und ging auch danach wiederholt Beziehungen zu deutlich älteren Männern ein. Von ihr beschrieben als eine Weise, als Frau vom Mann lernend über ihn hinauszuwachsen. Sie erwarb sich große Verdienste als  Seerechtsexpertin und Ökologin. - Im 2001 erschienenen Film Die Manns - Ein Jahrhundertroman ist sie als einzige noch lebende Vertreterin der Familie, die zudem dem großen Vater keine Vorwürfe macht, eindeutig die Sympathieträgerin.  

Michael Mann tritt bei Lahme stereotyp als der Geld fordernde  Briefschreiber auf, der sich als erstes Auto gleich einen Bugatti leistet und auch sonst hemmungslos in seinen Erwartungen an Geschenkzuwendungen ist. Freilich gibt seine sonst so beherzt auftretende Mutter Katja seinen Forderungen trotz wiederholter Kritik daran doch immer wieder nach. 
Für mein Gefühl wird die Energieleistung, die er vollbringt, als seine Karriere als Musiker (an seinen Unbeherrschtheiten) scheitert, von Lahme nicht genügend gewürdigt. Als Umsteiger von der Musik zur Literaturwissenschaft noch ein beträchtliches Renommee zu gewinnen, scheint mir doch bemerkenswert. Freilich, seine Begleiterin Yaltah Menuhin, Schwester Yehudi Menuhins, hatte er aufgrund seiner Unbeherrschheit wohl zu Recht verloren.   

Lahme macht deutlich, dass die Familie Thomas Manns, die früh schon als amazing family gesehen wurde, in der Tat ungewöhnlich viele beeindruckende Individuen zählte.