16 Januar 2022

Multatuli über sein Werk Max Havelar

"Ja, ich, Multatuli, »der ich viel getragen habe,« ich nehme jetzt die Feder in die Hand! Ich verlange keine Nachsicht für die Form meines Buches ... diese Form schien mir geeignet, mein Ziel zu erreichen.

Dies Ziel ist doppelt.

Zum ersten wollte ich etwas schaffen, was als heilige Pusaka wird bewahrt werden können von dem »kleinen Max« und seinem Schwesterchen, wenn ihre Eltern werden umgekommen sein vor Elend.

Ich wollte diesen Kindern einen Adelsbrief geben von meiner Hand.

Und zum zweiten: ich will gelesen werden!#

Ja, ich will gelesen werden! Ich will gelesen werden von Politikern, deren Pflicht ist, auf die Zeichen der Zeit zu achten, – von Litteraten, die doch wohl auch einmal das Buch zur Hand nehmen müssen, von dem man so viel Schlechtes spricht; – von Händlern, die Interesse haben an den Kaffeeversteigerungen; – von Kammerjungfern, die mich für wenige Cent aus der Leihbibliothek entnehmen, – von General-Gouverneuren im Ruhestande und von Ministern im Amte, – von den Lakaien dieser Excellenzen, – von Bittpredigern, die »nach altem Brauche« sagen werden, daß ich den allmächtigen Gott angreife, wo ich doch nur gegen den Gott ausstehe, den sie sich machten nach ihrem Vorbild, – durch die Mitglieder der Volksvertretung, die wissen [292] müssen, was da vorgeht in dem großen Reiche über See, das gehört zu dem Reiche Niederland ..

Ja, ich werde gelesen werden!

Wenn das Ziel erreicht ist, werde ich zufrieden sein. Denn es war mir nicht darum zu thun, gut zu schreiben – ich wollte schreiben, sodaß es gehört wird; – wie einer, der »Halt den Dieb!« ruft, sich wenig um den Stil seiner improvisierten Anrede an das Publikum kümmert, so ist es auch mir ganz gleichgültig, wie man die Art und Weise beurteilen wird, auf die ich mein »Halt den Dieb!« hinausgeschrien habe.

 »Das Buch ist bunt zusammengewürfelt – es fehlt an Disposition – Effekthascherei – der Stil ist schlecht – der Schreiber ist ein Anfänger – kein Talent – keine Methode –«

Schön! schön! alles sehr schön – aber der Javane wird mißhandelt!

Denn eine Widerlegung der Tendenz meines Werkes ist unmöglich!

Je lauter übrigens der Tadel, die Mißbilligung meines Buches, je lieber soll es mir sein, desto größer wird ja die Aussicht, gehört zu werden – und das will ich. 

Doch ihr, die ich störe in eurer »Überlastung« und in eurer »Ruhe,« Minister und General-Gouverneure! rechnet nicht so stark auf die Ungeübtheit meiner Feder. Sie kann sich vielleicht noch üben, und mit einiger Anstrengung kann sie es vielleicht zu einer Fertigkeit bringen, die dem Volk selbst die Wahrheit glaubhaft machen könnte. Dann werde ich vielleicht das Volk um einen Sitz in der Volksvertretung bitten, und wäre es auch nur, um die Zeugnisse der Rechtschaffenheit zu beleuchten, die die indischen Spezialitäten und Autoritäten sich gegenseitig austeilen, vielleicht um sich schließlich den sonderbaren Gedanken einzuimpfen, daß sie selber auf diese Qualität Wert legen; – um zu protestieren gegen die endlosen Feldzüge und Heldenthaten gegen arme elende Geschöpfe, die man vorher durch Mißhandlung zum Aufstand zwang; – um zu protestieren gegen die schandbare Feigheit der Cirkulare, die die Ehre der Nation beflecken, indem sie die öffentliche Liebesthätigkeit aufrufen für die Opfer des chronischen Seeraubs!

Freilich, die Aufständischen waren arme verhungerte Gerippe und die Seeräuber sind wehrhafte Männer ...[293]

Und wenn man mir den Sitz verweigerte – wenn man mir fortgesetzt nicht glaubte? ...

Dann werde ich mein Buch übersetzen in die wenigen Sprachen, die ich kenne – und in die vielen, die ich noch lernen kann, und ich werde von Europa verlangen, was ich in Niederland vergeblich gesucht habe.

Und in allen Hauptstädten werden Lieder gesungen werden mit Refrains wie der:

»Es liegt ein Raubstaat an der See, zwischen Ostfriesland und der Schelde!«

Und wenn das auch nicht hülfe? ...

Dann werde ich mein Buch übersetzen in das Malayische, Javanische, Sundasche, Alfursche, Bugineesche, Battahsche ...

Und ich werde Klewang-wetzende Kriegslieder in die Gemüter der Märtyrer werfen, denen ich Hilfe zugesagt habe, ich, Multatuli.

Rettung und Hilfe, auf rechtmäßigem Wege, wenn es sein kann, – auf dem gesetzlichen Wege der Gewalt, wenn es sein muß.

Und das würde dann sehr nachteilig wirken auf die Kaffeeversteigerungen der Niederländischen Handelsgesellschaft!

Denn ich bin kein fliegenrettender Dichter, kein sanfter Träumer, wie der getretene Havelaar, der seine Pflicht that mit Löwenmut, und Hunger litt mit der Geduld eines Murmeltiers im Winter.

Dies Buch ist eine Einleitung ...

Ich werde zunehmen an Kraft und Waffen, je nachdem es nötig sein wird.

Gebe Gott, daß es nicht nötig sei! ...


* * *


Nein! es wird nicht nötig sein! Denn vor Dir lege ich mein Buch nieder, Willem der Dritte, König, Großherzog, Prinz – mehr als Prinz, Großherzog und [294] König: Kaiser des prächtigen Reiches Insulinde, das sich, wie ein Gürtel von Smaragd, um den Äquator schlingt! ...

Dich frage ich mit Vertrauen, ob es Dein kaiserlicher Wille ist:


Daß die Havelaar beschmutzt werden durch den Schlamm der Slijmeringe und Droogstoppel; –


und daß da drüben Deine mehr als dreißig Millionen Unterthanen mißhandelt und ausgesogen werden in Deinem Namen? ...[295]" (20. Kapitel)

"The Lebak Regency is the Regency to which the Dutchman Eduard Douwes Dekker, better known by his pseudonym (Multatuli), was appointed in 1856 as Assistant Resident. Douwes Dekker observed that the local regent exploited the local population and requested his removal. He made a few mistakes in this. He bypassed his direct chief and overlooked the size of abuse by the regent. The regent being of local nobility but paid the colonial government was regularly in poor circumstances having to keep up with demands of patronage for his large family, according to the adat, the traditional law. Bad practices were known and condoned to a certain extent by the colonial administration. Governmental research that same year showed however more serious abuse by the lesser local officials. The Governor-General disapproved of Dekker's tactless conduct and ordered his replacement, which Dekker refused. He resigned after three months of duty in Lebak. Home he published four years later 'Max Havelaar, or the Coffee Auctions of the Dutch Trading Company', a pamphlet-novel, which had great influence on later administrators, less by force of analysis than by the vigour of its language, setting a new standard for Dutch literature." (Lebak)


Max Havelaar (5. Kapitel)

Hier beginnt die Kernerzählung über die niederländische Kolonie:

Kurzinhalt: Stern beginnt seine Erzählung. Von Türmen, vom Adel, von Residenten, Adsistent-Residenten, Regenten und Regierten auf Java.

Eines Morgens um zehn Uhr herrschte auf dem großen Weg, der den Bezirk Pandeglang mit Lebak verbindet, eine ungewöhnliche Bewegung. 

»Großer Weg« ist ein bißchen viel gesagt für den breiten Fußpfad, den man aus Höflichkeit und in Ermangelung eines besseren den »Weg« nannte; aber wenn man mit einem vierspännigen Wagen von Serang, dem Hauptorte von Bantam, wegfuhr, mit der Absicht, sich nach Rangkas-Betung, dem neuen Hauptort des Lebakschen, zu begeben, konnte man einigermaßen darauf rechnen, nach einiger Zeit dort anzukommen. Es war also ein Weg. Man blieb zwar fortwährend in dem Sumpfboden stecken, der in den Bantamschen Tiefländereien schwer, lehmig und kleberig ist, man sah sich zwar öfters genötigt, die Bewohner der in der Nähe gelegenen Dörfer zu Hilfe zu rufen – auch waren sie oftmals nicht in der Nähe, denn die Dörfer sind in der Gegend nicht sehr zahlreich – aber wenn man es dann geschafft hatte, so zwanzig Landbewohner aus der Umgegend zusammen zu bringen, dauerte es gewöhnlich nicht mehr lange, bis man Pferde und Wagen wieder auf festen Grund gebracht hatte. Der Kutscher klatschte mit der Peitsche, die Läufer – in Europa würde man sie, glaube ich, Palefreniers nennen, oder besser gesagt, in Europa giebt es nichts, was sich mit diesen Läufern vergleichen ließe – diese unvergleichlichen Läufer also, mit ihren kurzen dicken Peitschen, sprangen wieder an der Seite des Viergespanns einher, kreischten wieder unbeschreibliche Töne und schlugen den Pferden zur Ermutigung unter den Bauch. So ratterte man denn einige Zeit weiter, bis der ärgerliche Augenblick wieder da war, daß man bis über die Achsen in den Modder versank. Dann begann das Hilferufen aufs neue – man wartete, bis die Hilfe kam, man jockelte weiter. 

Oftmals, wenn ich diesen Weg entlang ging, war mir, als müßte ich da einen Wagen mit Reisenden aus dem vorigen Jahrhundert finden, der in den Sumpf gesunken und vergessen worden war. Aber das ist mir doch niemals passiert. Ich nehme daher an, daß alle, die diesen Weg jemals gefahren sind, endlich dahin gelangt sein müssen, wohin sie wollten.

Man würde sich sehr täuschen, wenn man sich von dem ganzen großen Weg auf Java nach dem Maßstabe dieses Weges ins Lebaksche eine Vorstellung machen würde. Die eigentliche Heerstraße mit ihren vielen Seitenzweigen, die der Marschall Daendels mit großer Aufopferung von Menschen[56] herstellen ließ, ist in der That ein prächtiges Stück Arbeit, und man staunt über die Geisteskraft dieses Mannes, der, ungeachtet aller Schwierigkeiten, die seine Neider und Widersacher im Mutterlande ihm in den Weg legten, dem Unwillen der Bevölkerung und dem Mißvergnügen der Stammeshäupter zu trotzen wagte, um etwas zustande zu bringen, was heute noch die Bewunderung jedes Besuchers hervorruft und verdient.

Keine Pferdepost in Europa, auch nicht in England, Rußland oder Ungarn, kann mit der auf Java in Vergleich gestellt werden. Über hohe Bergrücken, an Abgründen, die dich grausen machen, fliegt der schwerbepackte Reisewagen in einem Galopp dahin. Der Kutscher sitzt auf dem Bock wie angenagelt, Stunden, ja ganze Tage hintereinander, und schwingt die schwere Peitsche mit eisernem Arm. Er weiß genau zu berechnen, wie stark er die scheuenden Pferde halten muß, um nach fliegender Thalfahrt, von einem Bergesabhang herab, dort an jener Ecke ...

»Mein Gott, der Weg ist ... wir stürzen in den Abgrund,« schreit der unerfahrene Reisende, »da ist kein Weg ... da ist die Tiefe!«

Ja, so scheint es. Der Weg biegt sich, und gerade, wie ein Galoppsprung mehr das Vorspann den festen Grund und Boten soll verlieren lassen, wenden sich die Pferde und schleudern den Wagen um die Kante herum. Sie fliegen die Höhe hinauf, die du einen Augenblick zuvor nicht gesehen hast, ... und der Abgrund liegt hinter dir. [...]

Max Havelaar (Kapitel 4)

Kurzinhalt:  Herr Batavus Droogstoppel findet in dem Paket des Shawlmanns allerlei, was für den Kaffeehandel von Belang ist. Er entschließt sich, »sein Buch« zu schreiben, und schließt zu diesem Zwecke mit Stern einen Vertrag. Sein Besuch bei einer unzufriedenen Familie. 

[...] Ich wollte nicht, daß Fritz bemerkte, daß mich das Paket zu interessieren begann, weshalb ich ihn wegschickte. Mir wurde tatsächlich schwindlig, wie ich so ein Bündel nach dem anderen nahm und die Aufschriften las. Es ist wahr, es waren viel Verse darunter, aber ich fand auch viel Nützliches, und ich war erstaunt über die Verschiedenheit der behandelten Gegenstände. Ich gebe zu, – denn ich halte auf Wahrheit, – daß ich, der ich stets in Kaffee gehandelt habe, nicht imstande war, alles nach seinem Wert zu beurteilen, aber, selbst ohne diese Beurteilung, waren die Aufschriften allein schon seltsam genug. Da ich Euch die Geschichte von dem Griechen erzählt habe, wißt Ihr schon, daß ich in meiner Jugend etwas Latein getrieben habe, und wie sehr ich mich auch in meiner Korrespondenz aller Zitate enthalten, – die ja in einem Makler-Kontor durchaus nicht am Platze wären, – fiel mir doch beim Lesen von all diesen Sachen ein: multa, non multum Wörtlich: Vieles, nicht vielerlei., oder: de omnibus aliquid, de toto nihil Von allem etwas, doch nichts ganzes.. Aber das geschah eigentlich nur aus einem kleinen Anfall von Bosheit heraus, und um das gelehrte Zeug, das da vor mir lag, lateinisch anzusprechen, als daß ich es in Wirklichkeit so meinte. Denn sowie ich mich mit dem einen oder anderen Stück etwas eingehender beschäftigte, mußte ich erkennen, daß der Schreiber über seine Sache Bescheid zu wissen schien, und daß seine Angaben und Meinungen solid und zuverlässig begründet waren. 

Ich fand da folgende Abhandlungen und Aufsätze:

[Die Liste ist gekürzt, nur die Titel, die der Erzähler kommentiert, sind mehr oder minder vollständig aufgenommen.

[...] Über den Rückgang der Zivilisation seit der Entstehung des Christentums. (Nanu?)!

 Über die Isländische Mythologie. Über Rousseaus » Emile«. Über die Zivilklage im Handelsrecht. Über den Sirius als Mittelpunkt eines Sonnensystems. 

Über Einfuhrzölle und ihre Unzweckmäßigkeit, ihr Unrecht und ihre Unsittlichkeit. (Das ist mir neu.) 

Über die Verse als älteste Sprache. (Das glaube ich nicht.) 

Über weiße Ameisen. Über das Widernatürliche von Schuleinrichtungen. 

Über die Prostitution in der Ehe. (Das ist ein schändliches Kapitel.) 

Über hydraulische Bewässerung im Zusammenhang mit den Reispflanzungen. Über das scheinbare Übergewicht der westlichen Zivilisation. Über Kataster, Registratur und Stempel. 

Über Bilderbücher, Fabeln und Sinnsprüche. (Das werde ich mal lesen, denn er dringt darin auf Wahrheit.) 

Über den Zwischenhandel. (Das gefällt mir ganz und gar nicht. Ich glaube, er will die Makler abschaffen. Aber ich habe es mir doch zur Seite gelegt, weil verschiedenes darin vorkommt, was ich für mein Buch gebrauchen kann.) 

Über das Erbrecht als bester Steuerquell. 

Über die Erfindung der Keuschheit. (Das ist mir unverständlich.) 

Über Vervielfältigung. (So einfach dieser Titel ist, ich habe tatsächlich eine Menge darin gefunden, woran ich früher nie gedacht habe.) 

Über eine gewisse Art von Geist bei den Franzosen, als Folge ihrer Spracharmut. (Das lass' ich gelten! Geist und Armut – er scheint Bescheid zu wissen.) 

Über den Zusammenhang zwischen Romanen von August Lafontaine und der Schwindsucht. (Das werde ich einmal lesen, weil nämlich ein paar Bücher von diesem Lafontaine bei uns auf dem Boden liegen. Aber er sagt, der Einfluß offenbare sich erst im zweiten Gliede. Mein Großvater las nicht.) 

Über die außereuropäische Macht der Engländer. Über das Gottesgericht im Mittelalter und heute. Über die Rechenkunst der Römer. Über den Mangel an Poesie bei Komponisten. [...]

Über die Macht der Vorurteile, ersichtlich aus den vielen Krankheiten, die ihre Ursache in Luftzug haben sollen. (Ich sagte ja gleich, es ist eine sonderbare Aufstellung.) 

Über die deutsche Einheit. 

Über die Länge auf See. (Ich vermute, daß auf See alles genau so lang ist, wie an Land.) 

Über die Pflichten der Regierung bezüglich öffentlicher Lustbarkeiten. Über die Verwandtschaft der schottischen und friesischen Sprache.  [...]

Über die Perkussion bei Handgranaten. (Anmerkung: Das Kapitel stammt aus dem Jahre 1847, ist also vor Orsini Graf Orsini, der 1858 ein Bombenattentat auf Napoleon III. beging. Der Kaiser blieb unverletzt. entstanden.)  [...]

Über die Kaffeekultur in Menado. (Habe ich schon erwähnt.) 

Über den Verfall des Römischen Reichs. Über die deutsche Gemütlichkeit. Über die skandinavische Edda. 

Über die Pflicht Frankreichs, sich im Indischen Archipel ein Gegengewicht gegen die Engländer zu schaffen. (Das war französisch geschrieben, warum weiß ich nicht.) [...]

Über die Rechte des Menschen auf Glück. 

Über das Recht des Aufstandes bei Unterdrückung. (Das war auf Javanisch, ich habe den Titel erst später erfahren.) [...]

Über die berechtigte Forderung eines Volkes, daß die von ihm aufgebrachten Steuern zu seinem Wohle angewandt werden. (Das war wieder auf javanisch.) 

Über das doppelte A und das griechische ETA. 

Über die Existenz eines unpersönlichen Gottes im Herzen der Menschen. (Eine ganz infame Lüge.) [...]

Über eine Verfassung des Reiches »Insulinde« [Anmerkung: Insulinde, die von Multatuli stammende und heute in den Niederlanden sehr gebräuchliche Bezeichnung des holländischen Kolonialbesitzes in Ostindien.. (Von einem solchen Reich hab' ich noch nie etwas gehört.) 

Über Pedanterie. (Ich glaube, dieses Kapitel hat er mit viel Sachkenntnis geschrieben.) [...]

Über bevorzugte Handelsgesellschaften. (Hierin kommt verschiedenes vor, das ich für mein Buch benötige.) [...]

Über persönliche Begriffe als Maßstab der Verantwortlichkeit in der sittlichen Welt. (Lächerlich! Er sagt, jeder müsse sein eigener Richter sein. Wohin würde das denn führen?) [...]

Über die nicht-essende Bevölkerung der Insel Rotti bei Timor. (Da muß es sich billig leben lassen.) 

Über die Menschenfresserei der Battah's und die Kopfjägerei der Alfuren. 

Über das Mißtrauen gegen die öffentliche Sittlichkeit. (Er will, vermute ich, die Türschlösser abschaffen. Ich bin jedenfalls dagegen.) [...]

Über die Zukunft des Niederländischen Handels. (Das ist eigentlich das Kapitel, das mich veranlaßt hat, dieses Buch zu schreiben. Er sagt, daß die Kaffeeversteigerungen nicht immer in so großem Stil abgehalten werden würden wie jetzt, und ich lebe für mein Fach.) 

Über Genesis. (Ein tolles Stück.) 

Über die Geheimbünde der Chinesen. Über das Zeichnen als natürliche Schrift. (Er behauptet, ein kaum zur Welt gekommenes Kind könne schon zeichnen.) 

Über die Wahrheit in der Poesie. (Stimmt!) 

Über die Unbeliebtheit der Reisschälmühlen auf Java. Über den Zusammenhang der Poesie und der Mathematik. Über den Preis von Java-Kaffee. (Das habe ich beiseite gelegt.) [...]

Über Gleichgewicht im Handel. (Er spricht darin vom Wechsel-Agio; ich habe es für mein Buch vorgemerkt.) 

Über die Beständigkeit asiatischer Gewohnheiten. (Er behauptet, Jesus hätte einen Turban getragen.) 

Über die Lehren Malthus' über Bevölkerungsziffern im Verhältnis zur Nahrungsbeschaffung [...]

Über das Verhalten europäischer Beamten gegenüber den eingeborenen Fürsten auf Java. (Hiervon beabsichtige ich, einiges in mein Buch aufzunehmen.) [...]

Und das war noch nicht alles. Ich fand, von den Versen abgesehen – Verse waren in allen Sprachen da – eine Anzahl Hefte, bei denen die Aufschrift fehlte; – Romanzen auf malayisch, Kriegsgesänge auf javanisch, und was nicht alles! Auch fand ich Briefe, viele davon in Sprachen, die ich nicht[44] verstand. Einige waren an ihn gerichtet, einige von ihm geschrieben, oder besser gesagt: es waren nur Abschriften; doch schien er damit eine Absicht zu haben, denn alles war durch andere Personen als »gleichlautend mit der Urschrift« beglaubigt. Dann fand ich noch Auszüge aus Tagebüchern, Bemerkungen und lose Gedanken, einige wirklich sehr lose!

Ich hatte, wie ich schon sagte, einige Stücke zur Seite gelegt, weil sie mir schienen in mein Fach zu schlagen, und für mein Fach lebe ich; – aber ich muß gestehen, daß ich um den Rest verlegen war. Ihm das Paket zurücksenden konnte ich nicht, denn ich wußte nicht, wo er wohnte. Es war nun einmal geöffnet; ich konnte es nicht leugnen, daß ich es eingesehen hatte, und das würde ich auch nicht gethan haben, weil ich die Wahrheit liebe und erfolglos versucht hatte, es wieder so zuzumachen, wie es gewesen war. Dazu konnte ich mir nicht verhehlen, daß einige Stücke, die über Kaffee handelten, mir Interesse abnötigten, und daß ich gern davon Gebrauch gemacht hätte. Ich las täglich hier und da einige Seiten und kam, je länger, je mehr, zu der Ueberzeugung, daß man Makler in Kaffee sein muß, um zu solcher Kenntnis zu kom men, was in der Welt vorgeht. Ich bin überzeugt, daß die Rosemeyers, die in Zucker machen, so etwas noch nie zu Gesicht bekommen haben.

Nun fürchtete ich, daß der Shawlmann eines Tages wieder vor mir stehen würde, und daß er mir wieder etwas zu sagen hätte. Ich ärgerte mich jetzt, daß ich jenen Abend den Kapelsteeg gegangen war, und ich sah ein, man soll nie den anständigen Weg verlassen. Natürlich hätte er mich um Geld gebeten und von seinem Paket gesprochen. Ich hätte ihm dann vielleicht etwas gegeben, und wenn er mir dann tags darauf den Packen Schreiberei zugeschickt hätte, wäre es mein gesetzliches Eigentum gewesen. Ich hätte dann die Spreu vom Weizen sondern können; ich hätte die Nummern, die ich für mein Buch gebrauchen konnte, herausgesucht, und den Rest verbrannt oder in den Papierkorb geworfen, was ich nun jetzt nicht thun konnte. Denn wenn er wiederkam, hatte ich es ihm zu liefern, und wenn er nun sah, daß ich für ein paar Schriften von ihm Interesse hatte, konnte er nun leicht zu viel dafür fordern. Denn nichts giebt dem Verkäufer mehr Übergewicht als die Entdeckung, daß der Käufer die Ware wünscht oder braucht. So eine Situation wird denn auch durch einen Kaufmann, der sein Fach versteht, nach Möglichkeit vermieden. [...]

Dieser Shawlmann schreibt eine gute Hand, dachte ich, er sah armselig aus, er wußte nicht, wie spät es ist – wie wäre es, dachte ich, wenn ich ihm Bastiaans' Stelle gäbe? Ich würde ihm in dem Falle sagen, daß er zu mir »Mijnheer« sagen müßte: das würde er wohl einsehen; ein Buchhalter kann doch seinen Chef nicht mit Namen anreden, und ihm wäre vielleicht fürs Leben geholfen. Er könnte mit vier- oder fünfhundert Gulden anfangen; Bastiaans hat auch lange gearbeitet, bis er zu siebenhundert aufstieg – und ich hätte eine gute That gethan. Ja, mit dreihundert Gulden hätte er wohl anfangen können; denn da er nie im Geschäft gewesen ist, könnte er die ersten Jahre als Lehrzeit ansehen, was ja auch billig ist, denn er kann sich nicht mit Leuten vergleichen, die schon viel gearbeitet haben. Ich bin sicher, er würde mit zweihundert Gulden zufrieden sein ...

Aber ich war nicht beruhigt über seine Lebensführung ...[46] er hatte einen Shawl um; und schließlich wußte ich auch nicht, wo er wohnte.

Ein paar Tage darauf waren der junge Stern und Fritz zusammen auf einer Bücherauktion im »Wappen von Bern« gewesen. Ich hatte Fritz verboten, etwas zu kaufen; aber Stern, der reichlich Taschengeld hat, kam mit einigen Fetzen nach Haus, das ist seine Sache. Aber sieh da, Fritz erzählte, daß er Shawlmann gesehen hätte, der bei dem Bücherverkauf angestellt schien. Er hatte die Bücher aus den Kisten genommen und sie auf der langen Tafel zu dem Auktionator hingeschoben. Fritz sagte, er sah sehr bleich aus, und ein Herr, der die Aufsicht zu führen schien, hatte ihn gescholten, weil er ein paar Jahrgänge der »Aglaja« hatte fallen lassen. Ich finde das auch sehr ungeschickt, denn es ist eine allerliebste Sammlung von Damen-Handarbeiten; Marie hält es zusammen mit den Rosemeyers, die in Zucker machen; sie häkelt daraus, aus der »Aglaja« meine ich. Aber bei dem Schelten hatte Fritz gehört, daß er fünfzehn Stüber täglich verdiente. »Denken Sie, daß ich Lust habe, fünfzehn Stüber täglich an Sie wegzuwerfen?« hatte der Herr gesagt. Ich rechnete aus, daß fünfzehn Stüber täglich – Sonn- und Festtage werden wohl nicht zählen, sonst hätte er ein Monats- oder Jahresgehalt genannt – zweihundertfünfundzwanzig Gulden aufs Jahr machen. Ich bin schnell in meinen Beschlüssen – wer so lange im Geschäft ist, weiß sofort, was er zu thun hat – und am folgenden Morgen fragte ich bei Gaafzuiger an – das ist der Buchhändler, der den Verkauf abgehalten hatte; ich fragte nach dem Mann, der die »Aglaja« hatte fallen lassen.

»Der hat seine Entlassung,« sagte Gaafzuiger, »er war träge, schwerfällig und kränklich.«

Ich kaufte eine Schachtel Mundoblaten und beschloß sofort, es mit Bastiaans noch etwas anzusehen; ich konnte mich nicht dazu entschließen, einen alten Mann so auf die Straße zu setzen. Streng, aber, wo es sein kann, sanft – ist immer mein Prinzip gewesen. Ich versäume indessen nie, mich nach etwas zu erkundigen, was in den Geschäften zu paß kommen kann, und fragte deshalb Gaafzuiger, wo der Shawlmann wohnte. Er gab mir die Adresse, und ich schrieb sie auf.[47]

Ich dachte fortwährend an mein Buch, aber da ich die Wahrheit liebe, muß ich geradeweg sagen, daß ich nicht wußte, wie ich damit zustande kommen sollte. Ein Ding stand fest: die Baustoffe, die ich in Shawlmanns Paket gefunden hatte, waren für Makler in Kaffee von Interesse. Die Frage war indessen, wie ich handeln mußte, um die Baustoffe ordentlich zu schichten und zusammenzubringen. Jeder Makler weiß, wie wesentlich eine gute Sortierung der Haufen ist.

Aber schreiben, abgesehen von der Korrespondenz mit den Prinzipalen, liegt nicht in meiner Thätigkeit, und doch fühlte ich, daß ich schreiben mußte, weil vielleicht die Zukunft der Branche davon abhängt. [...]

Mein Buch muß in die Welt. Daran ist nichts zu ändern – mögen dann Büsselinck & Waterman es auch zu lesen bekommen ... Mißgunst ist meine Sache nicht; aber Pfuscher und Schleicher sind sie, das sage ich. Ich habe es noch heute dem jungen Stern gesagt, als ich ihn in »Artis« einführte; er kann's seinem Vater schreiben.

So saß ich vor ein paar Tagen wieder da und brütete über meinem Buche, und sieh, Fritz hat mich auf den Weg gebracht. Ich habe es ihm selbst nicht gesagt, denn man muß keinen merken lassen, daß man Verpflichtungen gegen ihn hat, das ist ein Prinzip von mir, aber wahr ist es. Er sagte, daß Stern so ein heller Bursche wäre, daß er so schnelle Fortschritte im Holländischen mache, und daß er deutsche Verse von Shawlmann ins Holländische übersetzt habe. Ihr seht, es war verkehrte Welt in meinem Hause: der Holländer hatte deutsch geschrieben, und der Deutsche übersetzt es ins Holländische; hätte sich jeder bei seiner Sprache gehalten, wäre Arbeit gespart worden. Aber, dachte ich, wenn ich nun mein Buch durch diesen Stern schreiben ließe! – wenn ich etwas hinzuzufügen habe, schreibe ich selber von Zeit zu Zeit ein Kapitel. Fritz kann auch helfen; er hat eine Liste von Wörtern, die mit zwei e geschrieben werden, und Marie kann es ins Reine schreiben. Da hat der Leser gleich eine[49] Gewähr gegen alle Unsittlichkeit, denn das versteht sich doch, daß ein anständiger Makler seiner Tochter nichts in die Hände geben wird, was nicht mit Sitte und Anstand zusammenstimmt. 

Ich habe dann mit den beiden Jungen über meinen Plan gesprochen, und sie fanden ihn gut. Nur schien Stern, der, wie alle Deutschen, einen Stich ins Litterarische an sich hat, in der Art und Weise der Ausführung eine Stimme zu verlangen. Das gefiel mir nun nicht, aber weil die Frühjahrsversteigerung noch bevorsteht und ich von Ludwig Stern noch keine Aufträge habe, wollte ich im nicht zu stark widersprechen. Er sagte: »wenn die Brust ihm glühe für das Wahre und Schöne, solle keine Macht der Welt ihn hindern, die Töne anzuschlagen, die mit solch einem Gefühl übereinstimmten, und er wolle lieber schweigen, als seine Worte umklammert zu sehen von den entehrenden Fesseln der Alltäglichkeit.« Ich fand das ganz verrückt von Stern, aber mein Fach geht mir über alles, und der Alte ist ein gutes Haus.


Wir setzten also fest:

1. daß er alle Woche ein paar Kapitel für mein Buch liefern sollte;

2. daß ich in seinem Geschreibe nichts ändern sollte;

3. daß Fritz die Sprachfehler verbessern sollte;

4. daß ich das Recht haben sollte, von Zeit zu Zeit ein Kapitel zu schreiben, um dem Buche einen soliden Charakter zu geben;

5. daß der Titel sein sollte: Die Kaffeeversteigerungen der Niederländischen Handelsgesellschaft;

6. daß Marie eine saubere Abschrift machen sollte vor der Drucklegung; daß man aber mit ihr Geduld haben sollte, wenn die Wäsche käme;

7. daß die fertiggearbeiteten Kapitel alle Woche in der Gesellschaft vorgelesen werden sollten;

8. daß alle Unsittlichkeit vermieden werden sollte;

9. daß mein Name nicht auf dem Titel stehen sollte, weil ich Makler bin;

10. daß Stern eine deutsche, eine französische und eine englische Übersetzung sollte herausgeben dürfen, weil man, wie er behauptet, sich im Auslande auf solche Werke besser verstände als bei uns;

11. daß ich (darauf drang Stern sehr stark) Shawlmann ein Ries Papier, ein Groß Federn und eine Kruke Tinte schicken sollte.
[50]

Ich ließ mir alles gefallen, denn es war Eile nötig Stern hatte den folgenden Tag sein erstes Kapitel fertig, – und so kommt es, lieber Leser, daß ein Makler in Kaffee (Lauriergracht Nr. 37) ein Buch schreibt, das wie ein Roman aussieht.

Kaum aber hatte Stern seine Arbeiten angefangen, da stieß er auch schon auf Schwierigkeiten. Außer der Schwierigkeit, aus so vielen Baustoffen das Nötige auszusuchen und zu ordnen, kamen fortgesetzt in den Manuskripten Wörter und Ausdrücke vor, die er nicht verstand, und die auch mir fremd waren. Meist war es javanisch oder malayisch; auch waren hie und da Abkürzungen angebracht, die schwer zu entziffern waren. Ich sah ein, daß wir Shawlmann brauchten, und da ich es nicht gut finde, wenn ein junger Mensch verkehrte Beziehungen anknüpft, wollte ich weder Stern noch Fritz hinschicken. Ich nahm etwas Zuckerzeug mit, was vom letzten Gesellschaftsabend übrig geblieben war, denn ich denke immer an alles, und suchte ihn auf. Blendend war seine Behausung nicht; aber die Gleichheit aller Menschen, was auch ihre Wohnung angeht, ist ein Hirngespinst. Er hat das selbst gesagt in seiner Abhandlung über das Recht auf Glück. Übrigens, ich liebe Menschen nicht, die immer unzufrieden sind.

Es war in einem Hinterzimmer in der Lange-leidschen Querstraße. Im unteren Stock wohnte ein Trödler, der allerlei Dinge verkaufte, Tassen, Schüsseln, Möbel, alte Bücher, Glassachen, Bilder von van Speijk und dergleichen. Ich hatte Furcht, etwas zu zerbrechen, denn in solchem Falle fordern die Menschen immer mehr Geld für das Zeug, als es wert ist. Ein kleines Mädchen saß auf der Schwelle und kleidete ihre Puppe an. Ich fragte, ob Herr Shawlmann da wohne; sie lief davon, und die Mutter kam hervor.

»Ja, der wohnt hier, M'neer. Gehn Se man die Treppe ruf nach's erste Portal, un denn die Treppe nach's zweete Portal, un denn noch 'ne Treppe, denn sin Se da. Mijntje, geh, sag', es ist 'n Herr da. Wer soll se sagen, daß da is?«

Ich sagte, daß ich Mijnheer Droogstoppel wäre, Makler in Kaffee, von der Lauriergracht, aber ich wollte mich schon[51] selbst anmelden. Ich kletterte so hoch, als sie gesagt hatte, und hörte auf dem dritten Flur eine Kinderstimme singen: »Bald kommt der Vater, der süße Papa.« Ich klopfte, und die Thür wurde geöffnet durch eine Frau oder Dame – ich wußte selbst nicht recht, was ich aus ihr machen sollte. Sie sah sehr bleich aus, und ihre Züge trugen Spuren von Übermüdung: ich mußte an meine Frau denken, wenn sie die Wäsche hinter sich hat. Sie hatte ein weißes langes Hemd oder Jacke ohne Schoß an, die ihr bis an die Knie reichte und vorn mit einer schwarzen Nadel festgemacht war. Anstatt eines anständigen Rocks oder Kleides trug sie darunter ein Stück dunkler geblümter Leinwand, das einigemal um den Leib gewickelt schien und ihre Hüften und Knie ziemlich eng umschloß. Da war keine Spur von Falten, Weite oder Umfang, wie sich das bei einer Frau doch gehört. Ich war froh, daß ich Fritz nicht geschickt hatte; denn ihre Kleidung kam mir sehr ungeziemend vor, und ihre Fremdartigkeit wurde noch erhöht durch die Ungezwungenheit, mit der sie sich bewegte, als fühlte sie sich so ganz in Ordnung. Sie schien durchaus nicht zu wissen, daß sie anders aussah als andere Frauen; – auch hatte ich das Gefühl, als wäre sie durch mein Kommen gar nicht in Verlegenheit gesetzt; sie versteckte nichts unter dem Tisch, schob nicht mit den Stühlen, kurz, sie that nichts, was doch die Sitte ist, wenn ein Fremder von einem würdigen Aussehen kommt. [...] 

Ich sagte also kurzweg, »daß ich Mijnheer Droogstoppel[52] wäre, Makler in Kaffee, Lauriergracht Nr. 37, und daß ich ihren Mann sprechen wollte.«

Sie wies auf einen Mattenstuhl und nahm ein kleines Mädchen, das auf dem Fußboden spielte, zu sich auf den Schoß. Der kleine Junge, den ich hatte singen hören, sah mich an und beguckte mich von Kopf zu Fuß. Der schien auch nicht verlegen. Es war ein Knäbchen von etwa sechs Jahren, auch ziemlich auffallend gekleidet; sein weites Höschen reichte mit knapper Not bis zur Hälfte des Schenkels, und von da waren die Beinchen nackt bis an die Knöchel. Sehr indecent, finde ich. [...] 

Ich sagte, Shawlmann möge nur kommen; aber er solle nicht klingeln, weil das für das Mädchen lästig ist; wenn er wartete, sagte ich, würde sich die Thür wohl einmal öffnen, wenn jemand heraus müßte.

Und dann ging ich hin und nahm mein Zuckerbrot wieder mit; denn kurz gesprochen, es gefiel mir da nicht. Ich fühlte mich nicht gemütlich. Ein Makler ist doch kein Arbeitsmann, und ich denke, daß ich anständig aussehe; ich hatte meine Jacke mit Pelzwerk an, und doch saß sie so gleichgültig da und schwatzte so ruhig mit ihren Kindern, als ob sie allein wäre. Auch schien sie geweint zu haben, und unzufriedene[54] Menschen kann ich nicht vertragen. Dann war es kalt und unfreundlich, natürlich, weil die ganze Wirtschaft weggeholt war, und ich bin für freundliches Aussehen in der Wohnung. [...]

Jetzt folgt die erste Woche von Stern. Es versteht sich von selber, daß viel drin vorkommt, was mir nicht gefällt; aber ich muß mich an Artikel zwei halten, und die Rosemeyers haben es gut gefunden, – aber ich glaube, daß sie nach Stern angeln, weil er in Hamburg einen Onkel hat, der in Zucker macht.

Shawlmann war in der That dagewesen; er hatte Stern gesprochen und diesem einige Worte und Dinge ausgelegt, die er nicht verstand – die Stern nicht verstand, meine ich. Ich lade nun die Leser ein, sich durch die folgenden Kapitel durchzubeißen; dann verspreche ich später wieder etwas soliderer Natur von mir, Batavus Droogstoppel, Makler in Kaffee (Firma Last & Co., Lauriergracht Nr. 37).

(4. Kapitel)

zum Anfang

zur Fortsetzung

Max Havelaar (3. Kapitel)

 "[...] die gnädige Frau dachte, daß das, was Luise zum Weinen gebracht hatte, auch uns unterhalten würde und bat Fritz, der ganz rot geworden war, um eine Wiederholung. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, was er da bloß ausgekramt haben mochte, denn ich kannte sein Repertoire ganz genau. Das war: Die Goldene Hochzeit »Gouden Bruiloft«, Die Goldene Hochzeit, ein Gedicht Meschaerts, das sehr umständlich und weitschweifig die fraglichen Reize des Familienlebens jener Zeit preist., die Bücher des Alten Testamentes in Reimen und eine Episode aus der Hochzeit von Kamacho »De Bruiloft van Kamacho«, eine zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts von Langendyk unter starker Anlehnung an Cervantes verfaßte Komödie., was die Jungens immer so begeisternd finden, weil etwas von Kriegslist darin vorkommt. [...]

Also schließlich trug Fritz etwas vor, das eigentlich bloß aus lauter Blödsinn zusammengesetzt war. Nein, das Zeug hatte überhaupt keinen Zusammenhang. Ein Jüngling schrieb an seine Mutter, er sei verliebt gewesen, aber das Mädchen hätte einen anderen geheiratet, – womit sie meiner Meinung nach ganz recht getan hatte, – und daß er trotzdem stets seine Mutter über alles liebte. Sind diese drei Sätze klar ausgedrückt oder nicht? Findet Ihr, daß da besonders viel Umstände nötig sind, um das zu sagen? Also, ich habe erst mal ein Käsebrötchen gegessen, danach zwei Birnen geschält, und ich war schon fast fertig mit dem Verzehren einer dritten, ehe Fritz fertig war mit seinem Gedicht. Aber Luise weinte schon wieder, und die Damen fanden es sehr schön. [...]

Der Schluss des Gedichts:

Endlich zeig' die letzte Stunde. 

Wenn mein Mut am tiefsten sank 

In des Lebens ärgsten Nöten, 

Wohl zu Gott ein brünstig Beten 

Dann von meinen Lippen drang: 

Laß den Todesengel schweben, 

Nimm von mir die schwere Last, 

Nimm von mir das bitt're Leben, 

Gib mir Frieden, gib mir Rast! 

Doch kaum war es mir entglitten, 

Setzte sich das Herz zur Wehr, 

Und ich beugt' die Kniee nieder: 

Gott erhöre nicht mein Bitten, 

Laß mich leben noch, o Herr, 

Gib mir erst die Mutter wieder.

(3. Kapitel)

zum Anfang des Romans

zur Fortsetzung

Max Havelaar (Einführung sowie Kapitel 1-2)

Multatuli (Eduard Douwes Dekker) "<: span="">Unter dem Pseudonym Multatuli veröffentlichte er Bücher, die sich kritisch mit der Kolonialpolitik, aber auch – zum Teil sehr sarkastisch in Form von Parabeln – mit Autorität, Religion und Kirche auseinandersetzten. Er veröffentlichte unter diesem Pseudonym, da er infolge seiner sehr kritischen Schilderungen der Verhältnisse in den niederländischen Kolonien Repressalien fürchtete. Sein bekanntestes Werk ist der 1860 in Brüssel erschienene Roman Max Havelaar oder Die Kaffeeversteigerungen der Niederländischen Handelsgesellschaft." (WikipediaMultatuli))

Kurzkostprobe:

Max Havelaar oder Die Kaffee-Versteigerungen der Niederländischen Handels Gesellschaft (http://www.zeno.org/Literatur/M/Multatuli/Roman/Max+Havelaar+oder+die+Kaffee-Versteigerungen)

"Buch und Hauptfigur sind in den Niederlanden bis heute sehr populär; der „Max Havelaar“ gilt heute als das wichtigste niederländische Buch seiner Zeit. Seinen literarischen Rang verdankt der „Havelaar“ paradoxerweise dem Umstand, dass er nicht nur Literatur ist: Indem Multatuli die Form des Romans auf den letzten Seiten durchbricht, wächst er über die Nachahmung literarischer Vorbilder und über seine Zeit hinaus" (Wikipedia: Max Havelaar).

Der ungewöhnliche Roman beginnt mit einer Rahmenerzählung, deren Erzähler in satirischer Übertreibung deutlich macht, dass er mit der Haupterzählung nichts zu tun hat. Sie sei ihm von einem ehemaligen Klassenkamerad zugespielt worden, zu dem er keinerlei Verständnis mehr habe (obwohl er ihm damals geholfen hat), weil er arm geworden sei. Denn für sein Schicksal sei man immer selber schuld.

"Ich bin Makler in Kaffee, und wohne auf der Lauriergracht Nummer 37. Es ist eigentlich nicht mein Fall, Romane zu schreiben oder dergleichen, und es hat auch ziemlich lange gedauert, bis ich mich entschloß, ein paar Ries Papier extra zu bestellen und das Werk anzufangen, das ihr, liebe Leser, soeben zur Hand genommen habt, und das ihr lesen müßt, ob ihr Makler in Kaffee seid, oder ob ihr irgend etwas anderes seid. Nicht allein, daß ich niemals etwas geschrieben habe, was nach einem Roman aussah – nein, ich bin sogar nicht einmal ein Freund davon, solches Zeug zu lesen, denn ich bin ein Geschäftsmann. Seit Jahren frage ich mich, wozu so etwas gut sein kann, und ich stehe verwundert über die Unverschämtheit, mit der die Dichter und Romanerzähler euch allerlei weißmachen dürfen, was niemals geschehen ist, und was überhaupt niemals vorkommen kann. Wenn ich in meinem Fach – ich bin Makler in Kaffee und wohne auf der Lauriergracht Nummer 37 – einem[13] Prinzipal – ein Prinzipal ist jemand, der Kaffee verkauft – eine Deklaration machte, in der nur ein kleiner Teil der Unwahrheiten vorkäme, die in Gedichten und Romanen die Hauptsache sind, er würde zur Stunde sicher Büsselinck & Waterman nehmen. Das sind auch Makler in Kaffee, doch ihre Adresse braucht ihr nicht zu wissen. Ich passe deshalb wohl auf, daß ich keine Romane schreibe oder andere falsche Angaben mache.

Ich habe auch die Erfahrung gemacht, daß Menschen, die sich mit so etwas einlassen, meistenteils schlecht wegkommen. Ich bin dreiundvierzig Jahre alt, seit zwanzig Jahren besuche ich die Börse, und ich kann daher wohl vortreten, wenn man jemand ruft, der Erfahrung hat. Ich habe schon etwas von Häusern fallen sehen! Und meistens, wenn ich der Sache nachging, kam es mir vor, daß der Grund in der verkehrten Richtung lag, die die meisten in ihrer Jugend empfingen.

Ich sage: Wahrheit und gesunder Menschenverstand, und dabei bleib ich. Für die heilige Schrift mache ich natürlich eine Ausnahme. Der Unsinn beginnt schon mit van Alphen, und gleich bei der ersten Zeile über die »lieben Kleinen«. Was Teufel kann den alten Herrn veranlassen, sich für einen Anbeter meiner Schwester Trude auszugeben, die schlimme Augen hatte? Oder meines Bruders Gerrit, der immer die Finger in der Nase hatte? – und doch sagte er: »daß er die Verschen sang, durch Lieb' dazu gedrungen.« Ich dachte mir oft als Kind: »Mann, ich möchte dich gern einmal treffen, und wenn du mir dann die Marmeln abschlägst, um die ich dich bitten will, oder meinen Namen in Zuckergebäck – ich heiße Batavus – dann halte ich dich für einen Lügner.« Aber ich habe van Alphen niemals gesehen.[14] Er war, glaube ich, schon tot, als er uns erzählte, daß mein Vater mein bester Freund wäre, – ich hielt Paulchen Winser mehr dafür, der in unserer Nähe wohnte, in der Batavierstraat; – und daß mein kleiner Hund so dankbar wäre, – wir hielten keine Hunde, weil sie so unreinlich sind.

Alles Schwindel. So geht nun die Erziehung weiter. [...] (1. Kapitel)


Kurzinhalt: Herr Batavus Droogstoppel thut einen großen Schachzug gegen die Konkurrenz. Er trifft einen alten Bekannten, der sich gern in Sachen mischte, die ihn nichts angingen z.B. das Abenteuer mit dem Griechen.


Es war flau auf der Börse, die Frühjahrsversteigerung muß es wieder gutmachen. Denkt nicht, daß bei uns kein Umsatz ist – bei Büsselinck & Waterman ist es noch flauer. Es ist eine sonderbare Welt; man erlebt schon was, wenn man so an zwanzig Jahre die Börse besucht. Denkt euch, daß sie danach getrachtet haben – Büsselinck & Waterman, meine ich – mir Ludwig Stern abzunehmen. Da ich nicht weiß, ob ihr an der Börse Bescheid wißt, will ich euch sagen, daß Stern ein erstes Haus in Kaffee ist, in Hamburg, welches stets durch Last & Co. bedient worden ist. Ganz zufällig kam ich dahinter – ich meine hinter die Pfuscherei von Büsselinck & Waterman. Sie würden ein Viertel Prozent von der Courtage fallen lassen – Schleicher sind sie, weiter nichts – und nun seht, was ich gethan habe, im diesen Schlag abzuwehren. Ein anderer an meiner Stelle hätte vielleicht an Ludwig Stern geschrieben, daß er auch etwas ablassen wolle, und daß er auf Berücksichtigung hoffe wegen der langjährigen Dienste von Last & Co. (ich habe ausgerechnet, daß die Firma, seit rund fünfzig Jahren, vier Tonnen an Stern[20] verdient hat: die Beziehung datiert von der Kontinentalsperre her, als wir die Kolonialwaren von Helgoland einschmuggelten) und solche Dinge mehr. Nein, schleichen thue ich nicht. Ich bin nach »Polen« gegangen, ließ mir Feder und Papier geben, und schrieb:


»Daß die große Ausbreitung, die unsere Geschäfte in der letzten Zeit genommen haben, besonders durch die vielen geehrten Aufträge aus Norddeutschland« (es ist die reine Wahrheit), »eine Vermehrung des Personals nötig machte;« (es ist die Wahrheit, – gestern noch war der Buchhalter nach elf auf dem Kontor, um seine Brille zu suchen); »daß vor allem sich das Bedürfnis geltend mache nach anständigen, wohlerzogenen jungen Leuten für die Korrespondenz im Deutschen. Daß zwar viele deutsche junge Männer in Amsterdam vorhanden wären, die auch die gewünschten Fähigkeiten besäßen, daß aber ein Haus, das auf sich hält« (es ist die reine Wahrheit), »bei dem zunehmenden Leichtsinn und der Leichtlebigkeit der Jugend, bei dem täglichen Anwachsen der Zahl der Glücksjäger, und mit Rücksicht auf die Notwendigkeit eines soliden Lebenswandels, um Hand in Hand zu gehen mit der Solidität in der Ausführung erteilter Aufträge« (es ist wahrhaftig alles die lautere Wahrheit), »daß solch ein Haus – ich meine Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht Nr. 37 – nicht umsichtig genug sein könne beim Engagieren von Personen ...«


Das ist alles die reine Wahrheit, Leser. Weißt du wohl, daß der junge Deutsche, der auf der Börse bei Pfeiler 17 stand, mit der Tochter von Büsselinck & Waterman davongelaufen ist? Unsere Marie wird im September auch bereits dreizehn.


»Daß ich die Ehre gehabt hätte, von Herrn Saffeler« – Saffeler reist für Stern – »zu vernehmen, daß der geschätzte Chef der Firma Stern einen Sohn habe, den Herrn Ernst Stern, der zur Vervollständigung seiner kaufmännischen Kenntnisse einige Zeit in einem holländischen Hause arbeiten möchte.«

»Daß ich mit Rücksicht auf« – (hier wiederholte ich die Sittenlosigkeit und erzählte die Geschichte von Büsselinck &[21] Watermans Tochter; es kann nicht schaden, wenn man das weiß;) »daß ich mit Rücksicht darauf nichts lieber sehen würde, als Herrn Ernst Stern mit der deutschen Korrespondenz unseres Hauses betraut zu sehen.«


Aus Zartgefühl vermied ich alle Anspielung auf Gehalt oder Salair, ich fügte aber bei:


»Daß, falls Herr Ernst Stern mit dem Aufenthalt in unserem Hause – Lauriergracht Nr. 37 – vorlieb nehmen wollte, meine Frau sich bereit erklärte, wie eine Mutter für ihn zu sorgen, und daß seine Wäsche im Hause besorgt werden würde.« (Das ist die reine Wahrheit, denn Marie stopft und strickt ganz nett. Und zum Schlusse:) »Daß bei uns dem Herrn gedient wird.«


Das kann er in seine Tasche stecken, denn die Sterns sind lutherisch.

Und den Brief schickte ich ab. Ihr begreift, daß der alte Stern nicht gut zu Büsselinck & Waterman übergehen kann, wenn der junge bei uns auf dem Kontor ist. Ich bin sehr neugierig auf die Antwort.

Um nun wieder auf mein Buch zurückzukommen. Vor einiger Zeit komme ich des Abends durch die Kalverstraat, und ich blieb vor dem Laden eines Krämers stehen, der sich gerade beschäftigte mit dem Sortieren einer Partie »Java, ordinär, schön, gelb, Sorte Cheribon, etwas gebrochen und Kehricht dabei,« was mich sehr interessierte, denn ich merke auf alles. Da fiel mir auf einmal ein Herr ins Auge, der in der Nähe vor einem Buchladen stand und mir bekannt vorkam. Er schien mich auch zu erkennen, denn unsere Blicke begegneten sich fortwährend. Ich muß bekennen, daß ich zu sehr vertieft war in die Betrachtung des Kehrichts, um sofort zu merken, was ich später sah, daß er nämlich ziemlich ärmlich in den Kleidern stak, sonst hätte ich die Sache laufen gelassen; aber mit einem Male schoß mir der Gedanke durch den Kopf, es könnte ein Reisender eines deutschen Hauses sein, das einen soliden Makler sucht. Er hatte wohl auch etwas von einem Deutschen an sich, und von einem Reisenden auch; er war sehr blond, hatte blaue Augen, und[22] in Haltung und Kleidung etwas, was den Fremden verriet. Anstatt eines gehörigen Winterüberziehers hing ihm eine Art von Shawl über die Schulter, als ob er so von der Reise käme. Ich meinte einen Kunden zu sehen und gab ihm eine Geschäftskarte, Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht Nr. 37. Er hielt sie an die Gasflamme und sagte:

»Ich danke Ihnen, aber ich habe mich geirrt; ich dachte das Vergnügen zu haben, einen alten Schulkameraden vor mir zu sehen, indessen ... Last, das ist der Name nicht ...«

»Pardon,« sagte ich, denn ich bin stets höflich, »ich bin Mijnheer Droogstoppel, Batavus Droogstoppel ... Last & Co. ist die Firma, Makler in Kaffee, Lauriergr ...«

»Gut, Droogstoppel, kennst du mich nicht mehr? Sieh mich einmal gut an.«

Je mehr ich ihn ansah, je mehr erinnerte ich mich, ihn öfter gesehen zu haben; aber merkwürdig, sein Gesicht hatte auf mich die Wirkung, als ob ich fremde Parfümerien röche. Lach nicht darüber, Leser, du sollst später sehen, wie das kam. Ich bin sicher, daß er keinen Tropfen Räucherwerk bei sich trug, und doch roch ich etwas Angenehmes, etwas Starkes, etwas, das mich erinnerte an ... da hatte ich's!

»Sind Sie es,« rief ich, »der mich von dem Griechen befreit hat?«

»Natürlich,« sagte er, »und wie geht es Ihnen?«

Ich erzählte ihm, daß wir insgesamt dreizehn auf dem Kontor wären, und daß viel zu thun wäre. [...] (2. Kapitel)

Der Klassenkamerad des Erzählers lässt ihm Manuskripte in großem Umfang zukommen in der Hoffnung, dass der Erzähler einen Verlag dafür findet und er (der Klassenkamerad. den der Erzähler immer nur "Schalmann" nennt) dadurch die Möglichkeit erhält, etwas für die Erhaltung seiner Familie zu tun.

Der Text des Romans wird im wesentlichen nach der Übersetzung von Karl Mitschke bei Zeno.org zitiert, zum Teil nach der von Erich M. Lorebach 1927 im Verlag Die Brücke, die mir in der elektronischen Ausgabe von Kindle vorliegt.

06 Januar 2022

Dagmar von Gersdorff: Die Schwiegertochter. Ottilie von Goethe.

 Dagmar von Gersdorff: Die Schwiegertochter.  Das Leben der Ottilie von Goethe (Perlentaucher)

Ottilie von Pogwisch bei der alleinerziehenden Mutter Henriette aufgewachsen, sehr schön, anziehend, geistreich, literarisch gebildet, schreibt Gedichte u. Tagebuch. "Urfreundin" Adele Schopenhauer. Fühlt sich von Goethe angezogen, heiratet seinen Sohn August. Dieser sieht gut aus, ist naturwissenschaftlich interessiert, sehr ordnungsliebend (ganz im Gegensatz zu Ottilie), schreibt aber auch mal Gedichte (z.B. zum Hochzeitstag zusammen mit weißen Rosen). Er kann aber Ottilie nicht halten, die sich immer wieder neu verliebt, vorwiegend in jüngere Engländer.

"Die geistreiche Schwiegertochter entwickelte sich rasch zum Anziehungspunkt der internationalen Gästeschar des alten Goethe. 1829 gründete sie die Zeitschrift Chaos, in der neben Goethe und den Weimarer Freunden auch zahlreiche berühmte Zeitgenossen vertreten waren. Mit Ottilie wohnte auch ihre Schwester Ulrike zehn Jahre lang unter Goethes Dach. August starb 1830 in Italien. Nach Augusts Tod lebte Ottilie weiterhin bei ihrem Schwiegervater, dem sie unter anderem bei der Ausarbeitung des Fausts (2. Teil) half. Obwohl sie sich gelegentlich von Goethe überfordert fühlte, gehörte er, den sie liebevoll „Vater“ nannte, zu den wenigen stabilen Größen in ihrem Leben. Goethe starb 1832. Das Testament des Schwiegervaters machte Ottilie eine zweite Heirat  finanziell unmöglich.[3]  (Wikipedia)

"Nach Goethes Tod musste sich Ottilie neu erfinden. Sie führte ein unstetes Leben zwischen Weimar, Wien und Italien. Den geistigen Größen ihrer Zeit durch Freundschaften verbunden, genoss sie, nicht nur als "Goethes Schwiegertochter", bis zuletzt hohes Ansehen." (Perlentaucher)


05 Januar 2022

Jonathan Safran Foer : We Are the Weather: Saving the Planet Begins at Breakfast

 Foer greift zurück auf eines der 30 Kamingespräche F.D. Rosevelts, wo er forderte, dass alle solidarisch zusammenstehen sollten im Kampf gegen die Nazis, auch wenn der einzelne von einem so entfernten Feind in Deutschland sich nicht bedroht fühle,  weil  es in dem - unwahrscheinlichen - Fall, dass Hitler in die USA käme zu spät sei. (Foer: Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können. Kiepenheuer&Witsch, 2019, ISBN 3462053213)

Damit rechtfertigte er hohe Steuern von 96% für Reiche, Energieeinsparung  von allen usw., auch wenn der einzelne damit nur wenig beitrage, um den schlimmeren Verlust für alle zu verhindern. Verzicht sei in dieser Situation kein Opfer, sondern eine Methode, die Gesamtheit vor der Katastrophe zu retten.

So galt es, Fahrgemeinschaften zu bilden, um Benzin für den Kampf gegen die Nazis einzusparen, und der Slogan dafür lautete  „Wer allein fährt, fährt mit Hitler“.(FR 15.10.2019)

"Simon Hadler fasste den Inhalt [des Buches] in folgenden zwei Fragen zusammen: „Warum bleibt trotz der schrecklichen Fakten eine Massenpanik aus? Und bringt es überhaupt irgendetwas, wenn Individuen einen kleinen Beitrag leisten?“[8]"(Wikipedia)

"So kritisiert der Verfasser die Massentierhaltung, die durch ihren hohen Ausstoß von Treibhausgasen einen substanziellen Beitrag an der globalen Erwärmung habe. Das Buch ist eine persönliche Annäherung an den Themenkomplex der Klimakrise und enthält zugleich eine realistische Sicht auf das Handeln. So empfiehlt der Verfasser einen pragmatischen Lösungsansatz, nämlich tierische Produkte nur einmal täglich während der Hauptmahlzeit zu konsumieren. [...] 

Die Aufgabe, die der 42-Jährige sich gestellt hat, lautet: ein Buch zu schreiben, das Verhalten ändert. Dafür, so meint Foer, bedürfe es einer Erzählweise, einer Narration, die darzustellen vermag, dass die Menschheit den Massenselbstmord wählt und warum es so viel schöner wäre, den nahenden Tod abzuwenden und sich am Leben zu freuen.“

– Elisabeth von Thadden, Die Zeit, 4. September 2019[2]" ("Wir sind das Klima!")

"The task of saving the planet will involve a great reckoning with ourselves—with our all-too-human reluctance to sacrifice immediate comfort for the sake of the future. Only collective action will save our home and way of life. And it all starts with what we eat—and don’t eat—for breakfast." (https://www.goodreads.com/book/show/43565381-we-are-the-weather)