Tangkiling
Die Straße ins Nichts
"So hoch, so stetig über der Wüste durch die Wolken
schwimmend, verliert man das elementare Gefühl für die
Bewegung. Auf der Erde sind alle Beschleunigungen mit
einer Blickgeschwindigkeit verbunden. Dieses Tauchen
durch die Luft jedoch, das Gleiten über entfernte Muster
und Schraffuren, Wölbungen und Dehnungen, Flächen
und Senken versagt dem Auge die Fähigkeit, den Tempobezeichnungen der Außenwelt, dem Wechsel ihrer Proportionen, dem Schwinden und Entstehen ihrer Farbigkeit zu begegnen." (S.198)
Die Fernsehwerbung war von der Regierung hier
schon Vorjahren abgeschafft worden, um »keine falschen
Bedürfhisse« zu wecken. In den Läden ihrer Dörfer aber
fanden die Siedler die Glanzbildchen der Produkt-PR und
daneben vor allem Rohstoffe, Naturprodukte, nicht-designtes Essen - Früchte, Knollen, Hühner- und grüne
Gänseeier, Dörrfisch, Gewürztütchen und in den Vitrinen das prachtvolle Rot-Gold der Nelkenzigaretten, an
den Wänden einzelne Kalenderblätter mit Ansichten von
Teneriffa oder Garmisch-Partenkirchen." (S.203)
"In
Palangkaraya [220 000 E.] aber, der erst 1957 gegründeten
Hauptstadt von Zentralkalimantan, kann man fotokopieren und technische Apparate kaufen. Hier gibt es vier
Kinos, aber Straßenbeleuchtung noch nicht lange. [...] Es gibt Computerspezialisten und korrespondierende
Mitglieder wissenschaftlicher Zeitschriften, aber nicht
selten sind es dieselben, deren Glaubenspraxis rituelle
Schlachtungen und Trance-Tänze einschließt.
Der letzte Gouverneur der Region, immerhin im Rang
eines Ministerpräsidenten, verfügte testamentarisch, sein
Sarg solle aus dem Holz eines sogenannten »Herzbaums«
gefertigt werden, eines Baums also, bei dessen Pflanzung
in der Wurzel ein menschliches Herz eingesetzt wurde." (S.205)
"Hier, wo mehrere hundert Sprachen und Dialekte vor
kommen, aber kein Englisch und kaum die sterile Amtssprache mit dem Namen Indonesisch, hier kam ich zu
mindest bei den Zahlen mit Indonesisch aus. Fragte ich
aber, wann das Schiff ablegte, streckte mir ein Hafenar
beiter die fünf Finger einer Hand entgegen und sagte
»Empat«, aber »Empat« heißt »vier«. Also »Lima« konterte ich und streckte ihm meine ganze Hand entgegen
für die Fünf. Nein, »Empat« beharrte mein Gegenüber,
wieder seine ganze Hand hinhaltend. [...] Endlich erfuhr ich: Für den Einheimischen Borneos zählt der Daumen nicht als vollständiger Finger.
Also signalisiert man mit zwei vollen Händen die Zahl
Acht, und ich gewann beim Übersetzen einen neuen
Blick auf den Körper."(S.207)
"Am folgenden Tag besuchte ich drei Missionarsschwestern, die unter einem Fliegenfänger am Tisch saßen und karge Mahlzeiten einnahmen. Sie erzählten, wie
sich das indonesische Hausmädchen anfänglich immer
mit zusammengelegten Händen vor dem Fliegenleimband verbeugt habe, hielt sie es doch für ein christliches
Requisit, das es zu achten gelte." (S.208)
"Seine Fruchtbarkeit verdankt der tropische Regenwald
Borneos also nicht primär dem Boden. Sie liegt vielmehr
in der Luft, im Blattgrün, in den zahllosen symbiotischen
Verbindungen zwischen Pflanzen und Tieren. Vierzig Meter über dem Boden wachsen in toten Bäumen Sträucher
und Blumen aus den verlassenen Nestern der Orang
Utans. Kerne, verfaulte Früchte, Kot und vermodernde
Zweige mischen sich zum Kompost und lassen neue Mikrokosmen entstehen mit einem hoch verletzlichen inneren Gleichgewicht.
(S.209)
"Als im Jahr 1982 die Regenzeit jedoch ungewöhnlich lange ausblieb, dörrten die Sümpfe aus und das Feuer
zerstörte ein Stück Regenwald von der Größe Taiwans.
Dieser schlimmste Brand in der Geschichte aller verzeichneten Brände wurde erst 1983 durch die endlich ein
setzenden Regenfälle gelöscht." (S.211)
"So ist der Orang-Utan als das einzige Tier zugleich gierig und stark genug, die schwere
Durian-Frucht - Delikatesse für Einheimische und Menschenaffen - nicht nur zu
ernten, sondern sie viele Meter weit in das heimische
Nest zu schleppen, wo der Kern, in den Kot dieses Nests
eingelassen oder aus den Wipfeln abgeworfen, noch die
Chance des Überlebens und der Fortpflanzung erhält.
Stirbt der Orang-Utan aus, so fallen auch die Kerne der
Durian unter die immer selben Bäume, und so wäre der
legendäre Baum Südostasiens ohne den
Pongo pygmaeus
in dieser Region vom Aussterben bedroht.
Ein ähnlich symbiotisches Verhältnis hat sich zwischen
den Umsiedlern und der Holzindustrie gebildet. Einmal
in die entstandenen Schneisen eingefallen, sengen und
sicheln die Ansiedler Gestrüpp, Kleinholz und
Macchie herunter, den Kahlschlag vollendend, der mittelfristig
auch ihren eigenen Lebensraum zerstören wird." (S.212)
"Nur in Tangkiling, jenem Dorf, zu dem die Straße
von Palangkaraya führt, da gibt es nichts, und nicht einmal die Straße findet einen anständigen Abschluss. Sie
endet, ohne zu enden, sie verläuft sich einfach, als sei
sie bloß zu erschöpft, weiterzumachen. Was sie versammeln konnte, das hat sie versammelt, nun ist sie müde
wie der Boden.
Dies ist allenfalls der Brückenkopf in den Dschungel,
in das Nichts-als-Dschungel. Erst hier öffnet sich das mythische Land der Ureinwohner dieser Wildnis, der Waldmenschen, wie sie wörtlich heißen, der Orang-Utan, die
heute gejagt und vertrieben, von Transmigranten eingekesselt oder als Haustiere missbraucht werden und die
man früher einmal wie eine eigene Bevölkerung ehrte.
Bei den Dayak, den Ureinwohnern Borneos, liegt ein Tabu auf dem Inzest und auf der Lächerlichmachung von
Tieren. (S.218/19)
"Die Straße nach Palangkaraya lag wieder vor mir." (S.221)