14 Dezember 2023

Puschkin: Eugen Onegin (8. Buch/Gesang)

8. Buch/Gesang  (Übersicht)

Motto

 Fare thee well, and if for ever,

Still for ever fare thee well.

Byron

1

Als ich in froher Schulzeit Tagen

Noch im Lyzeumsgarten saß

Und Apulejus mit Behagen,

Doch Cicero nur ungern las,

Damals im Lenz – die Knospen sprangen,

Die Wasser rauschten, Schwäne sangen –

Erschien im goldnen Frühlingsstrahl

Die Muse mir zum erstenmal.

Da füllte sich mit Himmelssonne

Mein enges Stübchen: freudig-hell

Erschloß sich mir der Dichtung Quell,

Ich sang von meiner Kindheit Wonne,

Von Kampf und Sieg der Väterzeit

Und meines Herzens erstem Leid.


2.

Der Beifall kam mir froh entgegen,

Mich hob der jung erstrittne Preis:

Derschawin gab mir seinen Segen,

Der grabesmüde Dichtergreis. [...] 


3.

Allein ich frönte heißbegehrend

Nur zaumlos wilder Leidenschaft

Und tollte, Geist und Herz entehrend,

Mit meiner Muse lasterhaft,

Bei Trinkgelagen, wüsten Feiern,

Nächtlichen Straßenabenteuern:

Und dort im Rausch verstreute sie

Die Gaben, die einst Gott ihr lieh,

Sang lüstern vor den Zechgenossen

Und führte sich bacchantisch auf,

Und unsre Jugend zog zuhauf

Ihr lärmend nach durch alle Gassen ...

Wobei ich Frechling selber gar

Noch stolz auf ihren Leichtsinn war!


4.

Dann trieb das Schicksal hart und feindlich

Mich weit hinweg ... Sie blieb mir treu:

Wie oftmals hat sie sanft und freundlich

In meiner Irrfahrt Ödenei

Durch Trost im Liede mich erhoben,

Mit mir im Kaukasus da droben,

Lenoren gleich, in Vollmondnacht

Zu Roß den wilden Ritt gemacht!

Wie oft mich, wenn des Pontus Rauschen

An Tauris' Strande nächtlich schwoll,

Zum Meer geführt, um andachtsvoll

Der Nereiden Sang zu lauschen,

Der Wogen ew'gem Donnerton,

Dem Hymnus vor des Schöpfers Thron!


5.

Und ferne von der Hauptstadt Freuden,

Entrückt dem Strom der großen Welt,

Gewöhnte sie auf dürren Heiden

Der Moldau im Zigeunerzelt

Sich an nomadisch rauhes Leben,

Vergaß, von niedrem Volk umgeben,

Der Göttersprache hehren Laut

Und schwärmte, fremder Art vertraut,[425]

Für feurig-wilde Steppenweisen ...

Dann riß ein Wirbel jäh mich um –

Worauf ich sie bedrückt und stumm

Als Fräulein aus Landadelskreisen

In meinem Garten auf dem Land

Französisch lesend wiederfand.


6.

Heut stell' ich sie zum ersten Male

Auf einem Rout dem Adel vor

Und weide mich im vollen Saale

An ihrem frischen Jugendflor.

Sie schlüpft behend durch Diplomaten,

Vornehme Fraun, Aristokraten

Und elegantes Militär,

Nimmt sittsam Platz und schaut umher,

Entzückt vom Toilettenreigen,

Dem Stimmgewirr, dem edlen Prunk,

Dem Takt, mit welchem alt und jung

Sich grüßend vor der Hausfrau neigen,

Und all den Schönen, Stern an Stern,

Umrahmt von schwarzbefrackten Herrn.

[...]

"Die Jahre vergehen. Onegin – inzwischen 26 Jahre alt, immer noch gelangweilt und der Gesellschaft überdrüssig, gelangweilt auch von seinem unruhigen Reiseleben, ein Müßiggänger ohne irgendein Ziel im Leben – kehrt nach St. Petersburg zurück."(Wikipedia)

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