02 Oktober 2017

Euripides: Iphigenie in Aulis (Iphigenie)

Als deutlich wird, dass das gesamte Griechenheer von Agememnon fordert, er solle Iphigenie opfern, damit sie guten Wind für die Fahrt nach Troja bekommen, ringt sich Iphigenie zu einer neuen Haltung durch. Sie rät Klytämestra und Achilles, dem Heer keinen Widerstand zu leisten, und sagt:

"Mutter, höre mich,
Höret meine Wort: ich seh dich deinem Gatten ohne Grund
Aufgebracht sein, und erzwingen läßt sich nichts Unmögliches.
Dieses Freundes edler Eifer zwar ist alles Lobes wert,
Doch auch du mußt dies verhüten, daß das Heer ihn nicht verkenn
Und wir doch nichts weiter wirken, während er es büßen muß.
Nun vernimm, was Überlegung mir in meine Seele gab:
Sieh, ich bin zu sterben willens; aber dieses eben soll
Schön und rühmlich, mit Verbannung niedrer Sinnesart, geschehn.
Komm und prüf, o Mutter, mit mir, wie mein Ratschluß richtig sei!
Sieh, das ganze große Hellas richtet seine Blick auf mich;
Denn die Überfahrt der Flotte ruht auf mir und Trojas Sturz,
Und daß künftig keine Frauen aus dem seligen Hellas mehr
Werden weggeführt, wenn diese Leides tun den Welschen dort
Und den Raub Helenens strafen mit des Landes Untergang.
Allem diesem bring ich sterbend Schutz und Heil, und herrlich wird
So mein Tod sein; denn ich heiße Griechenlands Befreierin.
Ja, auch ich darf nicht am Leben hängen, Mutter, gar zu fest;
Dir allein gehör ich nicht an, sondern auch dem Vaterland.
Wo so viele tausend Männer, angetan mit Stahl und Erz,
Viele tausend Ruderschwinger sind bereit, des Vaterlands
Schmach zu rächen an den Feinden und zu sterben für sein Wohl,
Dürfte da mein einzig Leben allem dem im Wege stehn?"
[...]
IPHIGENIE.
Weinen sollst du nicht!
Ihr aber, Jungfraun, stimmet an ein Jubellied
Bei meinem Untergange! »Singet Artemis,
Zeus' Tochter!« schalle Segensruf im Danaerheer!
Herbei die Opferkörbe, laßt die Flamme glühn
Vom Sühnungsguß des Grieses! Und mein Vater soll
Rechtshin den Herd umwandeln! Denn Triumph und Heil
Dem Vaterland und Ruhm zu bringen, zieh ich hin!

So führt mich hin, mich, der Burg, Trojas Überwinderin!
Bringt Binden her – hier ist die Locke! –, bringt den Kranz
Und die Weihungssprengen!
Schlingt Reigen um den Altar,
Tanzt der Fürstin Artemis, der selgen!
Perlentau von Vaters Hand
Und heilige Sprenge harrt mein,
Daß mein Blut, mein Opfertod, weil es sein
Muß, den Schicksalsbeschluß entrolle!
[...]

Der echte Schluß des Dramas ist verloren. In unseren Handschriften folgt ein Botenbericht, der mindestens größtenteils Ergänzung ist. Durch ein antikes Zitat ist gesichert – was ohnehin von der Anlage des Stücks gefordert wird –, daß Artemis erschien und die Rettung Iphigenies ankündigte. Aus ihrer Rede, in der sie zweifellos auch begründete, warum sie gerade Agamemnons Tochter als Opfer verlangt habe, werden folgende Verse angeführt.

(ARTEMIS.)
Und einen hochgehörnten Hirsch den Griechen will
Ich in die Hände spielen, welchen schlachtend, sie
Dein Kind zu schlachten träumen ..."



Offensichtlich gibt es Gemeinsamkeiten von dieser Forderung eines Kindesopfers zu der Forderung an Abraham, seinen Sohn Isaak zu opfern, bis hin zu dem Opfertier, das der Gott im letzten Augenblick als Ersatz für das Kind zur Verfügung stellt.

Wie weit Schiller in seiner Darstellung der bewussten Annahme des Todesurteils durch Maria Stuart von Euripides beeinflusst war, möchte ich nicht bestimmen. Sicher ist, dass er dessen Iphigenie bereits 12 Jahre vor Abfassung seiner Maria Stuart übersetzt hat.

Keine Kommentare: