14 Januar 2023

Gottfried Keller an Paul Heyse

 3. 11. 1859  Keller an Paul Heyse

<Ms. GK 781 Nr. 1; GB 3.1, S. 9>

Lieber Freund! 
 
Professor Vischer hat mir Ihr neues Novellenbuch freundlich überbracht und mir gleich meinen Namen vorgewiesen, mit welchem Sie Ihr gutes Werk verunziert haben in anmuthiger Laune des Wohlwollens.

     Es ist mir schon mehrmals geschehen, daß ich mich ärgerte über Leute, welche diesem oder jenem Begabten nachrühmten, er sei zugleich auch von freundlicher und guter Gemüthsart und frei von aller Abgunst; denn ich fand jederzeit, daß die Leute, die etwas Rechtes können, selbstverständlich auch sonst ordentliche Menschen seien, weil sie den Grund eines reinen Glückes in sich tragen. Und nun wundere ich mich doch selbst über Ihr gutes Herz, wenigstens insofern ich einen Pfeil desselben auf mich gerichtet sehe, ohne mir sagen zu können, mit was ich denselben mir zugezogen. Nun, ich danke Ihnen für den schönen Gruß und werde meinen Dank mit Werkheiligkeit dadurch bethätigen, daß ich beim Verfertigen meiner eigenen Siebensachen recht fleißig an Sie denke, was freilich nur wieder mein eigener Vortheil ist. Die erste Novelle reiht sich prächtig dem Mädchen von Trepi und der Rabbiata an und ist mit der Mühle zugleich von der schönsten neuen Erfindung. Sie haben mit diesem Genre etwas ganz Neues geschaffen, in diesen italiänischen Mädchengestalten einen Typus antik einfacher ehrlicher Leidenschaftlichkeit im brennendsten Farbenglanze, so daß der einfache Organismus | verbunden mit dem glühenden Kolorit einen eigenthümlichen Zauber hervorbringt. In der zweiten Novelle haben Sie mir ein Motiv wie eine Schnepfe vor der Nase weggeschossen, nämlich das feine Bummeln zweier Verliebter einen schönen Tag hindurch in einer schönen Landschaft, wodurch das bewußte Ende herbeigeführt wird. Damit soll mein nächstes Novellenbüchlein schließen, und es kommt sogar ein altes Kirchlein darin vor, in welchem eine Weinkelter steht und mit großem Geräusch gekeltert wird, während Sie ebenfalls eine mit Wein gefüllte alte Kirche haben. Ich werde das meinige Gotteshäuschen nun abtragen müssen, wenn ich nicht den Reminiszenzenjägern in die Hände fallen will. Alle vier Novellen sind wieder von der soliden selbstgewachsen<en> Erfindung, welche die Frucht der peripatetischen Uebungen ist, die der Kopf mit dem Herzen anstellt. Die letzte, das Bild der Mutter, ist sehr stark gepfeffert und wird in manchem Boudoir etwas unsänftlich anstoßen.

     Ich bin nun zunächst auf Ihr neues Drama begierig. Ich selbst habe nun Zeit, meine laufenden oder eher schleichenden Arbeiten baldigst abzuschließen, sonst muß man sich wieder neu besinnen, was ich eigentlich sonst schon geschustert habe?

     Der Schiller macht uns hier ordentlichen Kummer, weil das Heer der Philister sich in zwei Lager geschieden hat, in einen feindlichen Muckerhaufen und einen hohlen Enthusiastenhaufen, der durch übertriebene und unzweckmäßige Forderungen dem ersten in die Hände arbeitet, so daß wir "Comittirte" welche das Schifflein der Schillerfeier ehrenthalber durchschleppen müssen, den Tag verwünschen, wo wir es bestiegen. Glücklicher Weise hat das Schifflein eine gute Kajütenschenke, d. h. wir halten die Sitzungen in einem Wirthshause, wo wir einen trüblich karneolfarbigen Weinmost trinken, alle Tage frisch vom Lande herein kommend. |

     Burckhardt hat uns, wie Sie wissen, böslich verlassen, und schickt nur zuweilen einen Gruß. Ich hätte fast Lust, ihm ein recht muthwilliges u frivoles Buch zu dediciren, um ihm in seinem frommen Basel eine rechte Unannehmlichkeit zu bereiten, mit einer Anrede, in welcher von nichts, als den Wirthshäusern in der Umgebung Zürichs die Rede ist und etwa noch von einigen fingirten Schenkmädchen. Allein er dauerte mich doch zu sehr.

     Nun seien Sie mir auch herzlichst gegrüßt. Nächstes Jahr werde ich Sie wohl einmal in München sehen, auch müssen Sie etwa wieder einen Schweizer Abstecher machen!

                                               Ihr dankbar ergebener
                                               Gottfried Keller
Zürich d. 3t. Nov. 1859.


 

23. 8. 1860  Keller an Paul Heyse

<ZB: Ms. GK 78c Nr. 1/2; GB 3.1, S. 11>

Lieber Freund!
 
Ich erlaube mir, Herrn Maler J. S. Hegi aus Zürich, der aus Mexiko zurückkehrt, mit einem herzlichen Gruß an Sie zu rekommandiren. Er ist mein ältester Freund und ein vortrefflicher Mensch. Wenn Sie ihm etwa zu einer gelegentlichen Bekanntschaft verhelfen können, im Kunstverein einführen etc. so würde ich dankbarlichst dafür gesinnt sein. Im Uebrigen inkommodiren Sie sich in keiner Weise.

     Was meinen Fleiß betrifft, so hat er sich seit einiger Zeit gebessert und ich glaube mit Zuversicht, dies Jahr noch mit 2 Produkten abzusegeln.

                                               Ihr ergebener Gottfried Keller.
Zürich d. 23 August 1860.


 

2. 4. 1871  Keller an Paul Heyse

<ZB: Ms. GK 78c Nr. 1/8; GB 3.1, S. 18>

Lieber Freund!
 
Lassen Sie ja den abgehauenen Schwanz wie er ist und brennen Sie den Stumpf mit glühendem Eisen, damit nichts mehr heraus wächst.

     Warum man sich nicht sieht? Weil man faul u resignirt lebt u das am Ende noch für eine Tugend hält. Ich nehme mir jedes Jahr vor, nach München u der Enden zu gehen, endlich wird's doch einmal dazu kommen. In zwei Monaten wird es sich entscheiden, ob ich meine Amtsstelle, welche Einen doch vor Mangel u den Wechselfällen des Bücherschicksals schützt, noch länger behalten oder wieder in | die Linie der Literaturbeflissenen rücken werde. Auch im erstern Falle werde ich eine definitive Zeitanwendung einführen und mir die rechtmäßige Muße nicht mehr durch Geschäft oder unsere verfluchte südgermanische Kneiperei, die ich satt habe, rauben lassen. Schon letzten Winter hat mir die Lampe fleißig gebrannt u ich bin fast fertig mit einem 2t. Bande von den Leuten von Seldwyla. Auch habe ich eine Anzahl Novellchen ohne Lokalfärbung liegen, die ich alle 1½ Jahr einmal besehe u ihnen die Nägel beschneide, sodaß sie zuletzt ganz putzig aussehen werden.

     Kinkel hat sich von der deutschen Friedensfeier, der ich auch beiwohnte, ich weiß nicht in welcher Laune fern gehalten u hätte deswegen Herrn Kurz wohl antworten | können. Wenn ich ihn sehe, so will ich ihm davon sprechen.

     Die Franzosen, die mit ihren rothen Hosen unsern feinern u gröbern Pöbel toll gemacht haben, sind wir nun los. Das Geheimniß der dicken Freundschaft liegt darin, daß leider ein Theil unsers Volkes sich selber für solche Teufelskerle hält, wie die Franzosen seien, und zwar weil sie ahnen, daß es leichter ist, denselben zu gleichen, als den Preußen. Die Zeit muß da das ihrige thun und ad oculos demonstriren. Meinerseits gedenke ich, auch poetisch-schriftstellerisch vorzugehen u den Patriotismus einmal in Tadel statt in Lob zu exerciren und will sehen, ob mir die Bestien auch die Fenster einwerfen werden.

     Ihr für alle Freundlichkeit dankbarer
                                               G. Keller
Zürich 2 April 1871


 

25. 3. 1872  Paul Heyse an Keller

<ZB: Ms. GK 79c Nr. 186; Heyse, S. 68>

 Lieber Freund!
 
Ich will meine Freude und Dankbarkeit nicht kalt werden lassen, zunächst auch, um den vielen Andern, die Ihnen ihr großes Ergötzen an dem kleinen Büchlein bezeigen werden, den Rang abzulaufen, da ich sonst als Ihr allergeneigtester Leser, der mit Ihnen durch Dick und Dünn geht, kein anderes Verdienst und Würdigkeit aufweisen kann, was Ihnen meine kritischen i. e. kritiklosen Zurufe werth machen könnte. In diesen selben Tagen habe ich zufällig eine andere Herzstärkung kennen und schätzen lernen, die in ihrer geistlich-profanen, magenwärmenden und adernbefeuernden Kraft die merkwürdigste Ähnlichkeit mit Ihren Legenden hat: jenen hochwürdigen Schnaps, Benedictine genannt, der Ihnen hoffentlich nicht unbekannt ist. Wenn ja, so möchte ich Ihnen ein Fläschchen schicken, damit Sie die überraschende Ähnlichkeit | studiren und den Vergleich hernach nicht mehr für eine Sottise halten. Eben so tropfen- oder doch gläschenweise habe ich Ihr Büchlein genossen und gleich letzten Samstag, da ich es erhielt, meine "Krokodile" damit bewirthet, die über den "Vitalis" in ein unisones Schnalzen und Schmatzen ausbrachen.

     Und nun ist denn doch endlich auch Ihr Siebenschlaf vollbracht und Sie werden fortfahren uns mitzutheilen, was Sie sich inzwischen Schönes haben träumen lassen. Ich für mein armes Theil bin eines dreiköpfigen Ungeheuers von Roman genesen und liege noch in Wöchnerschwäche danieder, was Sie auch diesen dürftigen Zeilen anmerken werden. Aber Niemand entgeht seinem Schicksal, und ich Ungeduldigster aller schreibenden Sterblichen bin durch die Hammerschläge des vorigen April so mürbe geworden, daß ich ohne zu murren still gehalten habe, als diese langathmige Plage über mich kam. Mit dem festen Versprechen, es nie wiederzuthun, grüßt Sie herzlichst Ihr

                                               sehr getreuer
                                               PaulHeyse
München. 25 März. 72.


 

13. 12. 1876  Paul Heyse an Keller

<ZB: Ms. GK 99c Nr. 188; GB 3.1, S. 24 z. T.>

                                            München. 13. Dec. 76.

 
Wenn Sie mir's nur in diesem Leben verzeihen, lieber Freund, was ich nolens nolenti Ihnen - im eigentlichsten Sinne - auf den Hals gezogen habe, so will ich mit dem Jenseits schon fertig werden. Übrigens warten Sie nur, bis Sie das Kleinod mit Augen gesehen und unter irgend einem weiblichen Beistand "anprobirt" haben. Sie werden sich wundern, wie gut es Ihnen zu Gesicht steht. Das erste u. letzte Mal daß ich mich, nur um meinen alten Freund Liebig nicht ernstlich böse zu machen, dazu bewegen ließ, den Kopf durch diese Schlinge zu stecken, machte ich auf meine Frau einen solchen Effect, daß ich in der That unsre schnöde Cravatten-Mode beklagte, die uns nicht erlaubt, dergleichen im Laden zu kaufen und uns bei hohen Gelegenheiten wie die Biedermänner im 16. u. 17ten Jahrhundert einmal schön zu machen.

     Nun habe ich mich heut erst genau erkundigen können, wie Ihnen am | wenigsten Unbequemlichkeiten mit den Formalitäten erwachsen könnten. Ich musste damals einen Schreibebrief an seine Majestät, mit welcher ich über den Geibel'schen Fuß gespannt war, verfassen und zog mich möglichst ungeschickt aus der Affaire, da ich viel zu weitläufig und aufgeknöpft mich äußerte. Wie mir aber der Secretär des Ordens, Staatsrath Daxenberger (als Carl Fernau unser College à la mode de Bretagne), heut Nachmittag an einem feierlichen Ort vertraute - wir hatten eben einem alten Schauspieler die letzte Ehre erwiesen -, brauchen Sie nur an den bayrischen Gesandten in Bern, der Ihnen das corpus meines delicti und das Brevet zustellen wird, den Empfang zu melden und ihn zu ersuchen, Sr. Majestät Ihren ehrfurchtsvollen Dank in Ihrem Namen zu wissen zu thun, worauf Ihr Gewissen sich auf die andere Seite legen und ruhig weiter schnarchen mag. |

     Stehen Sie mit dem Dichter des Georg Jenatsch in mündlichem oder brieflichem Verkehr, so erweisen Sie mir einen großen Gefallen, wenn Sie nun auch mir einen Dank abnehmen. Das Buch hat mich aufs Tiefste ergriffen, die prächtigen Figuren, der herbe Erzklang des Stils, die wundersame Scenerie. (Der Schluß allein, der Vollzug der Rache nach alle dem, was inzwischen vorgegangen, trübte mir den Genuß.) Dergleichen sagt sich so bequem hinterm Rücken und sieht pedantisch oder gespreizt aus, wenn man es in einem eigenen Brief zu Protokoll geben soll. Auch in der neuesten "Dichterhalle" schwimmt ein Meyersches Gedicht als Fettauge auf der salzlosen Wassersuppe.

     Und wie bin ich nach Ihrer Minnesangnovelle < FACE="Arial">No II lüstern worden durch No I, und gerade dies Heft ist lange heraus und mir noch nicht zugekommen. Ich werde Freund Rodenberg dieser Tage mahnen.

     Freundlichste Grüße von meinen Frauenzimmern und dem Bübchen, das einen Abscheu gegen das Abece zu erkennen giebt, der zu schönen Hoffnungen berechtigt. Wir sind leidlich wohl und denken Ihrer getreulich.

                                  Ihr alter
                                  P. H.


 

26. 12. 1876  Keller an Paul Heyse

<ZB: Ms. GK 78c Nr. 1/12; GB 3.1, S. 25>

                                            Zürich-Enge
                                           26 Dec. 1876.

Lieber Freund!
 
Ich danke Ihnen tausendmal für die hülfreiche Hand. Das Kleinod u Dekret war schon da und ich befolgte augenblicklich Ihren Rath. Ich bin durch den Witz veranlaßt worden, zum ersten Mal einen letzten Willen zu redigiren, indem ich einen Zettel zu der kleinen Schachtel legte des Inhalts, daß dieselbe nach meinem Tode nach München zurückzusenden sei, nach Maßgabe der Ordensstatuten. So kommt man in die Gewohnheit des Testirens hinein.

     Nun sollte aber wohl auch etwas dem Capitel gegenüber geschehen, was aber nur stattfinden kann, wenn dasselbe über solche Gegenstände Verhandlungen pflegt und ein Archiv hat, überhaupt Eingaben entgegennimmt. Sollte letzteres der Fall sein, so spannen Sie den Schirm Ihrer Güte nochmals über mir | auf und geben mir einen Wink.

     Im Januar werden Sie also mit einer Novelle meine neue Sandfuhre wie eine Dynamitpatrone auseinandersprengen in der Rundschau; doch wird es nicht so grauslich aussehen, wie wenn eine Geyerwalli dazwischen gekommen wäre, denn da kann gar keiner mehr aufkommen.

     Ihre Mittheilung für C. F. Meyer habe ich mit Vergnügen besorgt. Wegen der Exekution am Schlusse bin ich auch Ihres Geschmacks. Er hat sich die Gruppe nicht plastisch vorgestellt, sonst hätte er den Beilschlag vermieden u die Sache zwischen den Männern austragen lassen. Der rasende Ritt der Bluträcher durch das Land, welcher historisch ist, hätte ihm den richtigen Stil angeben sollen.

                                            den 1 März 1877.

Sie sehen an Vorstehendem, daß es wenigstens am guten Willen nicht | gefehlt hat; ich lasse das Veraltete stehen und ergänze es durch den Dank für Ihre neuen Novellen in der Rundschau u Westermann, für das cicisbeische Epos und die Sonette. Sie machen ja Verse, wie am ersten Maimorgen Ihres ersprießlichen Lebens.

     Das meinige (Sonett) betreffend, hat es mir sofort einen zierlichen Vorfall eingetragen. Obiger C. Ferdinand Meyer, welcher eine Art pedantischer Kauz ist bei aller Begabung, schrieb mir, in der Befürchtung daß ich die Charge mit dem Shakespeare der Novelle als baare Münze aufnehmen und so das Wohl meiner Seele und der Kanton Zürich Schaden leiden könnte, augenblicklich einen allerliebsten feierlichen Brief, in welchem er mir die Tragweite und insoferne Anwendbarkeit des Tropus auseinandersetzte und zwischen den Zeilen Grenzen und nöthigen Vorbehalt diplomatisch säuberlich punktirte, ein wahres Meisterwerklein allseitiger Beruhigung. Meine Antwort war aber nicht minder kunstreich und darf | sich gewiß sehen lassen. Daß ich dabei einen mißbilligenden Seitenblick auf Sie werfen mußte, werden Sie wohl begreifen!

     Uebrigens häufen sich Ihre Uebelthaten gegen mich in so erschreckender Weise, daß ich nun ernstlich auf einen Rachefeldzug denken muß.

     Den Nolten Mörikes habe ich seither auch und zwar zum ersten Male gelesen. Ich war in einer fortwährenden Sonntagsfreude über all das Schöne u all die Specialschönheiten, bis am Schluß ich in das tiefste und traurigste Mißbehagen gerieth wegen der mysterios dubiosen Weltanschauung einer Dämonologie, die nicht einmal religiöser Art ist. Was soll denn um Gottes Willen das Auge voll Elend des gespenstisch abziehenden Helden sagen? Und wo geht er denn hin mit der Zigeunerin? Das berechtigte Geheimniß einer solchen Tragödie haben Sie meines Erachtens in Ihrem Jugendperseus klassisch und harmonisch einfach und gut ausgedrückt u s. w.

     Grüßen Sie doch gütigst die Familie Fries von mir; ich werde dem Meister Bernhard bald einmal schreiben.

     Sie empfehlen mich gewiß auch der eigenen hochverehrten Sippe u bleiben gut Ihrem

                                  G. Keller


 

28. 5. 1878  Paul Heyse an Keller

<ZB: Ms. GK 79c Nr. 189; GB 3.1, S. 27>

Als ich nach Hause kam, lieber Keller, und mit Seufzen den Berg aufgestapelter Novitäten betrachtete, der in sieben Monaten zu einer bedenklichen Höhe angewachsen war, begrüßten mich trostreich in dem Wust die beiden neuen Bände der Zürcher Novellen. Nun haben mich in dieser wunderlichen Stimmung, aus der ich noch immer nicht wieder auftauchen kann, immer noch von Stimmen des Verlorenen umklungen und von fast spukhaften Gesichten auf Schritt und Tritt begleitet, Deine schönen festen Gestalten zum ersten Mal wieder mit einem warmen Antheil an etwas Fremdem durchdrungen, und heute die lieblichen und ganz mit Deinem Blute getränkten Verse | in der Rundschau, und ich will es nicht länger aufschieben, Dir die Hand zu drücken. Ich setzte mehr als Einmal an, in dem römischen Winter Dir einen Gruß zu schicken; aber so sehr ich von dem guten Willen guter Menschen, und dem Deinen insbesondere, mit mir Geduld zu haben, überzeugt bin, so klar bin ich doch auch über die Unmöglichkeit, meinen gebundenen und zusammengeschnürten Zustand einem Freunde verständlich zu machen, der nichts Ähnliches besessen und verloren hat. Ich merke es nur zu deutlich meinen ältesten Intimen an, daß sie die Köpfe schütteln und die Achseln zucken, weil die ganze Apotheke von philosophischen Hausmitteln mir nicht auf die Beine helfen will. Ich bin aber leider so mürbe geworden, daß selbst das Aufrütteln durch die Scham vor mannhafteren | Kreuzträgern nicht mehr bei mir verfängt. Mein armes Weib schleppt zu allem Andern ihre physischen Leiden hin, bei mir ist wieder der alte Nerven-Belagerungszustand ausgebrochen und hält jede rüstige Arbeit nieder. Nun sollen wir im Juli Hochzeit halten, dann ins Engadin zum heiligen Moritz wallfahrten, der schon einmal ein Wunder an uns gethan hat. Aber wenn wir uns auch ein wenig zusammengeflickt haben, am Besten wird es darum immer noch fehlen.

     Ich merke jetzt erst, daß ich ins Du hineingerathen bin. Es wäre schön, wenn auch Du es so natürlich fändest, wie es mir war und ist. Ein leichtsinniges Smolliren ist's doch wahrhaftig nicht, wenn Du bedenkst, wie lang es her ist, daß wir den ersten Trunk Wein mit einander gethan haben. |

     Ich habe die sieben Aufrechten wiedergelesen, mit jener allerwohlthätigsten Rührung, die aus dem einfach Echten und Liebenswürdigen quillt. Die Ursula war mir zuerst fremder, die schönen scharfen Züge des ersten Theils gingen mir gleich ins Blut, dann verkühlte sich etwas der Antheil, da die Hauptfiguren zurücktraten, nun aber blieb auch hier eine ganze, reine und starke Nachwirkung zurück und ich finde, daß Alles so sein muß. Du hast Alles, was mir fehlt, lieber Theuerster. Niemand betrachte ich mit wärmerem, froherem Neide, der Eins ist mit dem herzlichsten Gönnen, da alles Gute des Andern auch uns zu Gute kommt. Lebe wohl und laß einmal von Dir hören. Mein "Frauenzimmer" grüßt schönstens und hofft Dich bald einmal wiederzusehen.

                                                Treulichst Dein
                                                PaulHeyse
München. 28. Mai 78.


 

9. 6. 1878  Keller an Paul Heyse

<ZB: Ms. GK 78c Nr. 1/14; GB 3.1, S. 29>

Zürich 9 Juni 78.

Dein Brief, lieber Freund, ist mir mit dem angebotenen Du ein rechtes Maigeschenk gewesen. Du wirst gedacht haben "Ich habe schon so viel für ihn gethan, daß mir zu thun fast nichts mehr übrig bleibt" u s w. Nun, unsereins nimmt und frißt alles dankbarlich, was er bekommt, wie ein schmunzelndes Bettelweib. Deine leidenden Zustände will ich weder betrösten noch anzweifeln; wenn es Dir vergnüglich zu Muth wäre, würdest Du nicht klagen und jeder hat die Seite, wo ihn das Unheil packen kann. Ich kann mir auch denken, daß das zu Zweitsein von Mann und Frau gewisse Leidenskategorieen verdoppelt, wenigstens erscheinen diese dadurch nach außen hin feierlicher und tiefer oder mit einer Art von Erhöhung u. s. f. Gewiß ist nur, daß ich herzlich Theil nehme und Besserung wünsche. |

     Indessen nimmt mich Wunder, was Du schaffen willst, wenn Dir wieder wohl sein wird, da du so schon fleißiger oder productiver bist, als mancher gesunde Kaffer. Uebrigens, was mich betrifft, bist du ein bischen ein Schmeichelkater mit nicht undeutlichen Krallen. Wenn ich alles habe, was Dir fehlt, so braucht Dir blos nichts zu fehlen, und ich habe säuberlich gar nichts. Solche Vexirbouquets kann Jeder dem Andern unter der Nase wegziehen. So verhält es sich auch mit der Anführung meines Winterliedchens in deinem meisterhaften Seeweib. Das Buch kam mir erst vor vier Wochen in die Hände und als ich an die Stelle kam, war ich ganz verblüfft und dachte nur: Donnerwetter! Als aber nachher das Buch bei Seite geschafft wurde in der Novelle, hatte ich | genau das Gefühl eines hospitirenden Nachbarknäbleins, das wegen begangener Unnützlichkeiten aus der Stube gebracht wird und heult. Dessen ungeachtet erfreute mich an den "neuen Moralischen" der schon von Georg Brandes hervorgehobene Falke, der wiederum durch alle diese Novellen so ungebrochen weiter fliegt.

     Mit meiner letzten Zürcher Geschichte, der Ursula, hat dich der ahnungsvolle Engel nicht betrogen bezüglich des ersten Eindruckes. Das Ding ist einfach nicht fertig, die zweite Hälfte mit sehenden Augen nicht ausgeführt, weil mir der Verleger wegen des üblichen Weihnachtsgeschäftes auf dem Nacken saß. Das Versespektakel in der Rundschau wird sich leider noch einmal wiederholen, obgleich du, wie mir Rodenberg schreibt, mit wohltönenden Sonetten dazwischen fahren wirst. Ich muß eben noch einiges der Art fortsündigen, damit ich eine Nothausgabe meiner "sämmtlichen Gedichte" zuweg bringe. |

     Die Verlobungsanzeige aus Rom habe ich s. Z. erhalten und wünsche nun dem Fräulein und den Eltern das landesübliche Maß von Glück und noch eine gute Handvoll als Zugabe. Alle zehn Finger halte ich ausgespreizt wie eine Höckerin, die eine Metze Kirschen generös aufgethürmt hat. Nachher wünsche ich eine fröhliche Hochzeit.

     Wenn Ihr Euch nicht vorher in der Schweiz sichtbar macht, so komme ich vielleicht im September für ein par Tage nach München, wo ich inzwischen zu grüßen bitte, wer sich etwa hiefür darbietet, Fries, Schneegans etc.

     Vor allem aber die verehrten Inhaberinnen des Frauenzimmers.

     Wegen der Berliner Ereignisse brauche ich nicht extra zu condoliren, da man hier ebenso consternirt und Böses fürchtend ist, als draußen im Reiche. In einem Bierlokal wurde dieser Tage ein social demokr. deutscher Literat der sich in spöttischem Sinne äußerte, von hiesigen Bürgern hinausgeschmissen, tout comme chez vous. Viele Grüße

                                                G. Keller.


 

9. 7. 1880  Keller an Paul Heyse

<ZB: Ms. GK 78c Nr. 1/20; GB 3.1, S. 42>

Zürich 9 VII 1880.

Lieber Freund! Tausendfältigen Dank für Brief und Weiber von Schondorf. Ich will nun trachten, meine "schonende Freude" (ein ingeniöser Ausdruck!) mit deinem dramatischen Hypochondrismus möglichst zärtlich zu vermählen, ohne der Aufrichtigkeit Eintrag zu thun. Da muß ich denn zuvorderst bekennen, daß Du mit der gewählten Auffassung und Behandlung Recht hast. Der erste flüchtige Eindruck war bei mir, es dürfte ein bischen bunter und breitspuriger sein; allein am gleichen Tag noch, eh' der Brief nachkam, fand ich, dadurch käme man sogleich in's sogenannte Shakespearisiren hinein, im bekannten Stil der bekannten Uebersetzung, und dann würden alle feineren Leute sagen: connu! So aber hast Du ganz das Richtige getroffen, indem Du das Motiv aus sich selbst heraus sich hast entwickeln lassen und nichts dazu gethan, als die höhere ethische Frage. Eine gute Ausstattung und Inscenirung, welche ja auf jeder Seite mitdichtend vorgesehen ist, muß das deutlich herausstellen. Beim Lesen hat mir, beiläufig gesagt, in ein par Interjectionen und proverbialen Wendungen die Manier etwas zu tief gegriffen erscheinen wollen. Da ich aber auf der Bühne | nicht zu Hause bin, so mag diese Bemerkung nichtig sein. Die Charaktere des Bürgermeister-Paares, der Tochter u Abels sind gewiß durchaus glücklich und das Uebrige entsprechend daran gewachsen. Nur die eigentlich militärische Aktion der Weiber ist mir, für jetzt noch, zu unvermittelt. Selbst der Commandant scheint mir zu wenig verwundert über das Phänomen. Die Wahrscheinlichkeit hätte gewonnen, wenn die Handlung in Einem Zuge, während die Rathsherren eingeschlossen blieben, vor sich gegangen wäre; aber dann hätte die Unterwerfung und Reue der Weiber, das beidseitige Rechthaben etc nicht herbeigeführt werden können, und so zeigt es sich wieder, daß der Herr und Dichter Recht hat.

     Wegen des Erfolges solltest Du dich doch endlich nicht mehr grämen, sofern Du's überhaupt je gethan hast. Ich habe neulich wieder deinen Hadrian und die Sabinerinnen gelesen und mich abermals gewundert, daß die Hamletspieler und die virtuosischen Heroinen sich nicht längst auf die Prachtsrollen, die in diesen Werken bereit liegen, geworfen haben. Es ist | eben heutzutage alles dummes Viehzeugs, das nur durch einen Zufall mit der Nase auf das grüne Kraut gestossen wird. Doch statte ich meine Glückwünsche unverfroren jetzt schon ab! Mit aller Glut meiner schonenden Freude!

     Betreffend einen Luftkurort, wie Ihr ihn wünscht, wüßte ich zur Stunde mit einiger Sicherheit nur den Ort "auf dem Stoß" eine von gesunder und milder Luft umspielte Höhe bei Brunnen am 4 Waldstättersee zu nennen. Ich war noch nie dort; aber viele Zürcher und andere Schweizer gehen gerne hin und rühmen den Aufenthalt. Ein anderer beliebter Luftort ist Schwarzenberg in der Pilatusgegend. Da aber die Gäste dort zahlreich aus der Classe der Schullehrer und kleinen Geschäftsleute stammen, die gewöhnlich nicht wissen was gut ist, so fürchte ich, die Verpflegung könnte nicht ganz nach Wunsch sein. Aber fröhlich muß es dort zugehen; denn im Winter bilden sich in den Städten Vereine ehemaliger Schwarzenberg-Gäste, die kleine Erinnerungsfeste | mit Tanzvergnügen für die Frauen abhalten und also nicht warten mögen, bis es wieder Sommer ist. Ueber die Nahrung habe ich indessen nie klagen gehört. Der "Stoß" aber wird mehr gerühmt.

     Wenn ich die Freude haben soll, das genesende Königspaar Ende dieses Monates zu sehen, so kann ich den Grünspecht unseligen Andenkens persönlich überreichen. Ich habe ein Schmerzensjahr darüber zugebracht. Die Geld- und Hungersachen z. B. waren mir so zuwider, daß ich sie monatelang liegen ließ, wie wenn sie mir in natura bevorständen. Unverdienter Weise bleibt der Kerl jetzt leben u. s. w. Deinen Fleiß in Novellen und andern Dingen beobachte ich sehr wohl, verspare aber das Lesen auf die Buchform, da ich auf dem Museum keine Novellen lese. Mit meinen neuen oder alten Novellchen will Rodenberg im Novemberheft anfangen. Es giebt wieder Lalenburgergeschichten, wie Storm meine göttl. Erfindungen nennt. Dein G. Keller.


 

13. 11. 1880  Keller an Paul Heyse

<ZB: Ms. GK 78c Nr. 1/24; GB 3.1, S. 48>

nach Martini 1880

Du hast mich nicht wenig beruhigt, liebster Freund; denn wenn ich von dem Tenor deines lieben Briefes auch abziehen muß, was billigermaßen nur deinem eigenen edeln Wesen innewohnt und gutzuschreiben ist, so bleibt mir noch genug übrig, um mich vor mir selbst bestehen zu lassen. Die beiden Grundübel des Grünlings: die unpoetische Form der Biographie und die untypische Specialität der Landschaftsmalerei, bleiben freilich als Kielwasser unverändert und lassen das Schiff nie fröhlich fahren.

     Auch danke ich Dir feierlichst, daß Du mich so freundschaftlich ein bischen mit unterstehen lässest unter den Poetensegen deiner Mutter.

     Deine Novelle ist im Novemberheft der Rundschau wieder nicht gekommen; | dafür die hübsche Geschichte Wilbrandts, an der mich nur die kühle Verniade mit der Venus etwas chokirt. Indessen werde ich immer begieriger auf die neuen Provençalen deiner Muse. (Wilbrandts Haman aus dem Abendstern ist zum Theil von ungewöhnlicher Energie und tiefer Wahrheit in der Schilderung; nur scheint mir das Ende nicht ganz entsprechend: diese sanften Nazarener Gesichter sind in der Regel nicht so unglücklich, sondern werden öfter dick u fett.)

     Ein weiteres Vergnügen hatte ich neulich daran, daß dein Herr Verleger Wilhelm Herz mir im Voraus den Verlag der von der Rundschau angekündigten Novellen anbot, was mich Deiner guten Gesellschaft wegen eitel machen würde. |

     Grüße und empfehle mich freundlich der verehrten Gemahlin und schätzbarsten Fräulein Tochter. Noch schäme ich mich, wie ich mich letzthin verleiten ließ, Euch im Gasthof um Abendessen und einen Schoppen Extrawein zu schinden. Einstweilen konnte ich sagen:

                        Mit Euch, Frau Doctor, zu soupiren,
                        Ist ehrenvoll und ist Gewinn!

     Und das, nachdem Ihr so schmälich Hunger gelitten in meinem schönen Vaterlande.

     Nächstes Jahr wollen wir's besser machen.

     Dein dankbares Christengemüth, das Dich allen bekannten u unbekannten Göttern Athens anempfiehlt

                                               G Keller


 

4. 1. 1881  Paul Heyse an Keller

<ZB: Ms. GK 79c Nr. 201; Heyse, S. 143>

München. 4. Jan. 81.

Wir sind längst wieder unter eignem Dach und Fach, liebster Freund. Meine "kleine Gesundheit" war Anfangs November schon wieder so eingeschrumpft, daß sie gänzlich zu verschwinden drohte. Da sprach meine kluge Frau ein Machtwort und entschloß uns von heut auf übermorgen zu dieser Fahrt. Es galt aber nur, überhaupt einmal zu kosten, wie Paris schmeckt, um auch dieses Gericht auf der großen Weltspeisekarte zu kennen. Nun, es schmeckt freilich nach Mehr, aber ein Erstgeburtsrecht würde ich nicht darum hingeben. Es fehlt ganz und gar dort an jenen feierlich stillen Erinnerungswinkeln, in denen sich wie in Rom, Florenz, Venedig die Seele einnistet wie der Vogel im Busch, an dem warmblütigen, kindischen und erhabenen Volksstil, der einem Menschenfreunde da unten das Herz gewinnt, am Schönen und Unschuldigen der südlicheren Romanen, und eine bis ins Kolossale u. Unabsehliche gesteigerte Eleganz ist kein Ersatz dafür. Aber ich will Dir keinen "Pariser Brief" schreiben. Wie ich zurück war, fielen die neuen Eindrücke so kühl und platt von mir ab, daß ich die Feder wieder ansetzen konnte, wo ich sie vor 14 Tagen niedergelegt hatte. Da hätte ich nun | <für> Deinen letzten Brief vor Allem danken sollen, verlor mich aber richtig ins Altgriechische und blieb so rüstig dabei, daß ich am 2ten Weihnachtsfeiertag einem sterbenden Alkibiades die letzte Ehre erweisen konnte. Ob er nun friedlich in der Familiengruft meines Pultes, ove sono i piu, beigesetzt werden wird, oder ob er sein Bett aufnehmen und über die Bretter der k. k. Hofburg wandeln soll, habe ich noch nicht überlegt. Es eilt auch nicht. Auf "Stücke mit nackete Füß" wartet in Deutschland kein Mensch.

     Und jetzt will ich einen langen langen Winterschlaf thun und mir von jenem Buch, das ich Dir in unserer letzten Mitternachtsstunde ankündigte, Einiges träumen lassen. Seltsam! daß Du nicht den Kopf dazu geschüttelt hast, ist dem alten Project so in die Glieder gefahren, daß es sie gereckt u. gestreckt hat und plötzlich zu einer ganz gesunden Gestalt zusammenwuchs. Dabei haben sich alle überflüssigen Extremitäten abgesondert, und ich kann hoffen, das Ganze in Einen starken Band zusammenzudrängen. Hiefür braucht es freilich rüstigere Kräfte, als der alte anbrüchige Sohn meiner lieben Mutter einstweilen einzusetzen hat, | und darum will ich probiren, ob ich mich noch einmal durch eine tiefe Ruhe so weit bringen kann, daß es nicht einem Selbstmordsversuch gleicht, wenn ich mich in den Abgrund einer solchen Aufgabe stürze.

     Nun erwarte ich mit Ungeduld Deine neuen Rundschau-Gaben, und fahre inzwischen fort, die alten immer wieder durchzunaschen und mir, wenn mein Mund davon überfließt, Haß u. Mißvergnügen meiner theuren Collegen zuzuziehen. Desto wohliger konnte ich vor kurzem meiner Grünen Heinrichs-Wonne Luft machen gegen einen ganz unconcurabeln Keller-Enthusiasten, Ernst Fleischl. Laß Dich aber nicht irren des Germanistenpöbels Geschrei. Diese Leute sind wie die Schlangen, die ein Lebendiges nur genießen und verdauen können, wenn sie es vorher mit ihrem Schleim überzogen haben. Da sie einem Dichtergebilde nichts abgewinnen können, wenn es ihre "Methode" nicht in Bewegung setzt, so beginnt ihr Interesse erst mit den Varianten. Und auch hier wäre ja Manches für eine tiefere Betrachtung zu holen, wenn das ewige Starren durch ihre Goethebrille die Guten nicht myopisch gemacht hätte. |

     Was Du über die Laokoonfrage schreibst ist ganz nach meinem Herzen. Ich habe längst erwartet, daß einer der modernen Experimental-Aesthetiker eine Abhandlung schreiben würde über den Einfluß der Photographie auf unsere Kunst u. Literatur, da ich in derselben die Erzeugerin u. Amme unseres heutigen Realismus erblicke. Aber jene Herren haben wichtigere Dinge zu thun und schreiben selbst realistische Romane, in denen sie den Ekel unters Mikroskop bringen. - Freund Petersen hab' ich jene Stelle Deines Briefes mitgetheilt, als Antwort auf seine Frage, warum ich bei meiner Hexe von der guten alten Gepflogenheit abgewichen, den Leser sich allein etwas malen zu lassen. Übrigens hat er auch übersehen, daß in diesem Falle das Unterschlagen des Portraits eine pure Affectation gewesen wäre. Mein Held wacht ja aus der Ohnmacht auf u. entdeckt Zug für Zug das Gesicht u. die Gestalt, die sich's an seinem Fußende bequem gemacht hat.

     Lebewohl, Geliebter! Und empfange die schönsten und herzlichsten Neujahrswünsche von meiner Frau und dem langen Fräulein. Grüße auch Dr. Bächtold, von dem Du wohl schwerlich je eine Vergewaltigung zu befahren hast. Und schließlich kannst Du jeden Augenblick den "Haftbanden entfahren" und in die Arme flüchten Deines getreuesten

                                               P. H.

Auch an Prof. Meyer einen freundlichen Gruß, u. an die Meise!


 

8. 4. 1881  Keller an Paul Heyse

<ZB: Ms. GK 78c Nr. 1/26; GB 3.1, S. 51>

Zürich 8 April 1881.

Endlich komme ich herangeschlichen, lieber Paul, wie das schlechte Gewissen selbst, mich endlich wieder bei Dir einzustellen. Das Erbübel, das wirklich niederschreiben zu müssen, auf eine Anzahl periodischer Termine, was man sich peripatetisch zurechtgeträumt hat, plagte mich seit dem letzten Dezember, und wenn ich auch die Hauptsache immer in acht Tagen jeden Monats zuwege brachte, so ließ ich doch dabei alles Briefschreiben. Jetzt bin ich Gott sei Dank wieder aus der Rundschau heraus, drin ich mich habe herumdrehen müssen, wie der Hund im Kegelspiel, und kann wieder an Anderes denken.

     Für Deinen guten Brief vom 4 Januar herzlich dankend, bezeuge ich nachträglich meine Theilnahme an Eueren Pariser Genüssen, die ich wol auch einmal goutiren möchte, wenn der Aberwitz der Leute dort mich nicht ein wenig abschreckte. Doch stört das außerhalb vielleicht mehr, als wenn man mitten drin ist, und wer weiß, wie froh die Welt gelegentlich wieder über das Nest wird, cum grano salis genommen. |

     Jetzt habe ich aber einen moralischen Abgrund schüchtern vor Dir zu entschleiern, theuerster Herr und Freund! der Dich kurios angähnen wird: Ich habe den Gegenstand des neuen Romanes, von dem Du mir letzten Herbst auf der Meise hier gesprochen, gleich am andern Tag vergessen, d. h. das Gespräch steigt mir erst mit deinem Briefe in der Erinnerung wieder auf und ich weiß nicht mehr, welches Problem es ist, von dem Du sprachst, ich weiß nur noch, daß es mich sogleich anmuthend frappirte. Durch irgend welche psycholog. Vorgänge ist das infame Symptom beginnender Alterszustände möglich geworden. Spring' also über die schwarze Spalte hinweg und sag' mir's nochmals, was es ist. Ich hoffte immer, das Gedächtniß daran würde sich unerwartet einmal einstellen; allein es ist und bleibt verschwunden. Was es aber auch sein mag, so denke ich hinsichtlich der gesundheitl. Anstrengung, Du werdest doch ganz gemächlich damit anfangen können oder es schon gethan haben, und die Bogen ruhig auf einige Zeit weglegen, so wie es zu viel wird, so kann es unvermerkt doch fertig werden und plötzlich da sein.

     Freilich scheint Dein rastloser Fleiß ein so halbwegs philisterliches Verfahren nicht zuzulassen. Mit Bewunderung sehe ich überall | die Früchte desselben, lese die prächtigen Anfänge auf dem Museum und freue mich auf den häuslichen Genuß in meinem Sorgenstühlchen. Und dabei legst Du zwischenhinein immer neue Tragödien und andere Dramen in's Pult. An meinem unliterarischen Wohnort habe ich nicht vernehmen können, ob der sterb. Alcibiades wirklich dort geblieben ist. Nämlich unliterarisch sind die Bürgersleute mit denen ich verkehre; sonst wächst hier ein wildes Literatenthum heran, schöner als irgendwo, nur geht man nicht mit um.

     Verfeinde Dich doch nicht zu sehr wegen meiner cryptogamen Verdienste mit deinen Genossen, sie hauen sonst schließlich nur mich auf den Kopf. Die Schelle des Shakespere der Novelle, die Du mir an den Hals gehenkt, wird da und dort angezogen; ich werde nächstens einen Commentar liefern. Auf dem Münch. Kupferstichkabinet findest Du vielleicht die Blätter des längst verstorbenen Berner Malers Gottfried Mind, der ein halber Idiot war, aber drollige Katzengruppen zeichnete. Diesen nannte man auch den Katzenraphael. Die kindische Anwendung der philol. historischen Methode der jungen Germanisten (deren Feld schon abgewirthschaftet scheint) auf unsere allerneusten | Hervorbringungen ist allerdings etwas ärgerlich. Die Lächerlichkeit wird den Spaß aber nicht alt werden lassen, besonders wenn man ihn gelegentlich etwa ad absurdum führt.

     Petersens Reaktion gegen das malerisch beschreibende Element ist mir nicht auffallend; er will als Dilettant mitthätig sein und selbst malen, liebt daher nur andeutende "Drucker" und leichte "Touchen". Wäre er nicht ein so enthusiastisch freundlicher Kerl nach verschollenen Mustern, so müßte man ihm einmal Goethes Untersuchung über den Dilettantismus empfehlen, den der Alte so schalkhaft als ein gemüthliches Schema hinstellte. Etwas störender war mir in seinem letzten Briefe das Lob der Resignation des Grün. Hch. u der Judith am Schlusse meines Vierspänners, indem er mit elegischer Klage grundsätzlich das pathologische Concretum als das allgemein Richtige und Bessere anpries und den unschönen Gemeinplatz des "entzweigerissenen Wahns" auftischte. Es paßt das nicht recht zu dem Vergnügen, das er sich immer mit seinen Kindern macht und besingt, wie billig. Von den Experimental-Aesthetikern ist so wenig Gutes zu erwarten, als von den philologischen germanist. Realkritikern, weil beide bereits die Seele des Geschäftes verloren oder nie gekannt haben. Die innige Verbindung von Inhalt und Form ist aber für die Untersuchung so unentbehrlich, wie für die Produktion, und zwar subjektiv wie objektiv. Die allerschönsten Grüße an die verehrte Frau Doctorin und das der Verehrungswürdigkeit immer länger entgegen wachsende lange Fräulein.

                                               Dein G. Keller

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