23 März 2008

Geschlechtsrollen

Eine junge Frau macht den von ihr geliebten Mann, einen Medizinstudenten, bei ihrer seit Jahren ersten Begegnung darauf aufmerksam, dass eine andere Frau seiner Hilfe bedarf. Unaufgeklärt, wie sie ist, erfährt sie erst während der Geburtshilfe, dass es sich um Wehen handelte.
Dass sie sexuellen Missbrauch und Nötigung nicht zu verhindern versteht, wird ihr negativ angerechnet. Die richtige Partnerin des Mediziners ist eine unberührte adlige Bankierstochter, deren Vater nach der Zurückweisung des Arztes Konkurs macht und Selbstmord begeht. So lesen sich Frauenromane von Marie Louise Fischer.

22 März 2008

Templer und Johanniter

Ludovica Hesekiel, Tochter eines guten Bekannten Fontanes schrieb diesen Roman 1887.
Rezension von Jörn Napp (pdf mit genauerer Inhaltsangabe und Einordnung soeie einem kurzen Textausschnitt) 
 
Held ist der Sohn eines Rittergeschlechts, das in Köln ansässig geworden ist, und der sich bei der Schlacht von Worringen seine ersten militärischen Verdienste erwirbt. Auf der Seite der Stad Köln kämpfend erreicht er doch, dass der Hauptgegner, der Erzbischof Siegfried von Westerburg, nicht getötet, sondern nur gefangen genommen wird.
Später wird er Tempelritter. Seine Unruhe treibt ihn in ungezählte Fehden, in denen er immer wieder der gerechten Seite zum Siege zu helfen versucht. So fällt er schließlich in einer Fehde des Kölner Erzbischofs als dessen Feldhauptmann.
Als Frauenroman erscheint er mir erkennbar an der ausgesprochenen Liebe für die Beschreibung von Textilien. Ambitioniert erscheint er mir, weil er die verschiedenen Stände der Stadt Köln und ihre Situation im 13. und 14. Jahrhundert recht genau in den Blick nimmt.

21 März 2008

Märchen

Wenn man in einer Erzählung von einer Prinzessin hört, die in einen Prinzen verliebt ist, von dem sie weder seinen Namen noch den Namen seines Herkunftslandes kennt, so wird man annehmen, dass die Erzählung ein Märchen ist.
Wenn diese Prinzessin ihre Dienerin erschlägt, am Hals angekettet wird und sich nach Jahren durch eine kräftige Bewegung des Halses befreit, wird die Annahme zur Gewissheit.

Was hat man danach zu erwarten?
Dass ihr Geliebter, als er „von noch heftigerer Liebesleidenschaft“ zu ihr ergriffen wird, sie verlässt und einen Tag lang einem Stein nachläuft, bis er nicht mehr zurückfindet. Dass sie, als sie ihn nach Monaten wieder ausfindig macht, „um Lust und Freude noch zu erhöhen“, sich ihm gegenüber als Mann ausgibt und dass er bereit ist, mit diesem unbekannten Mann zu schlafen.
Wenn sie darauf gemeinsam ein Gedicht von 24 Zeilen sprechen, dann darf man getrost darauf warten, dass es weiter geht: „Es ist mir berichtet worden, o glücklicher König, dass“ er darauf den Plan entwickelt, eine andere Frau zu heiraten, und sie deren Dienerin werden will, sich in deren Sohn verliebt, ihm einen Liebesbrief überbringen lässt und ihr Mann darauf beschließt, diesen seinen Sohn zu töten. Als Märchenkenner erwartet man nun, dass dieser nicht getötet wird. Doch warum? Weil „plötzlich sein Pferd scheute und in die Wüste davon rannte. Jenes Pferd aber hatte tausend Goldstücke gekostet, und es trug einen prächtigen Sattel, der viel Geld wert war. Darum warf der Schatzmeister das Schwert aus der Hand und eilte seinem Rosse nach. --“
„Da bemerkte Scherezad, dass der Morgen begann, und sie hielt in der verstatteten Rede an.“ Und der Leser, der es bis dahin nicht bemerkt haben sollte, weiß jetzt, dass er in einer der Erzählungen aus Tausendundeine Nacht liest.
Ich aber gestehe, dass ich in dieser Erzählung mehrmals in meinen Leseerwartungen getäuscht wurde.

Borodino

Die Schlacht bei Borodino entwickelte sich hauptsächlich auf einer Strecke von tausend Faden zwischen Borodino und den Schanzen Bagrations. Auf dem übrigen Schlachtfeld wurden auf dem einen Flügel durch die Russen während der Hälfte des Tages Demonstrationen von der Kavallerie Uwarows gemacht, und auf dem anderen Flügel bei Utiza fand der Zusammenstoß Poniatowskys mit Tutschkow statt. Aber das waren zwei getrennte und schwache Vorgänge im Vergleich mit dem, was in der Mitte des Schlachtfeldes vorging. Die Schlacht begann mit Geschützfeuer von beiden Seiten aus einigen hundert Kanonen. Dann, als der Rauch das ganze Feld bedeckte, rückten von französischer Seite zuerst zwei Divisionen, Dessaix und Compans, gegen die Schanzen vor und zur Linken die Regimenter des Vizekönigs Eugen gegen Borodino. Von der Redoute bei Schewardino, auf welcher Napoleon stand, waren die Schanzen nur eine Werst entfernt, Borodino aber mehr als zwei Werst, und deshalb konnte Napoleon nicht sehen, was dort vorging, weil der Rauch alles verhüllte. Die Soldaten der Division Dessaix, welche gegen die Schanzen vorrückten, waren nur so lange sichtbar, bis sie die Schlucht erreichten, die sie von den Schanzen trennte. Sobald sie die Schlucht hinabstiegen, war der Rauch so dicht, daß die andere Seite der Schlucht ganz verhüllt war.
Die Sonne brach hell hervor und traf mit ihren schiefen Strahlen gerade das Gesicht Napoleons, welcher unter der Hand nach den Schanzen blickte. Bald hörte man aus den Rauchwolken vor den Schanzen hervor Zurufe der Leute, aber man konnte nicht wissen, was sie dort taten. Napoleon stand auf dem Hügel und blickte durch ein Fernrohr, ohne etwas deutlich wahrnehmen zu können. Er ging auf und ab, horchte zuweilen auf die Schüsse und blickte wieder nach dem Schlachtfeld.
Beständig kamen zu Napoleon Adjutanten und Ordonnanzen seiner Marschälle mit Meldungen über den Verlauf der Schlacht. Aber alle diese Meldungen waren falsch, sowohl deshalb, weil man in der Hitze des Gefechts nicht sagen konnte, was in einem gegebenen Augenblick vorging, als auch deshalb, weil viele Adjutanten nicht bis zum wirklichen Kampfplatz gekommen waren und nur berichteten, was sie von anderen gehört hatten, und endlich auch deshalb, weil in der Zeit, während der Adjutant zwei bis drei Kilometer weit ritt, die Umstände sich veränderten und die Nachrichten, die er brachte, schon wieder unrichtig waren. So brachte ein Adjutant vom Vizekönig Eugen die Nachricht, Borodino und die Brücke über die Kolotscha seien genommen und in den Händen der Franzosen. Der Adjutant fragte, ob Napoleon befehle, den Fluß zu überschreiten. Napoleon befahl, an dem eroberten Ufer sich festzusetzen und zu warten. Aber schon als der Adjutant von Borodino wegritt, war die Brücke von den Russen wieder genommen und verbrannt worden bei jenem Angriff, an welchem Peter am Anfang der Schlacht teilgenommen hatte.
(Tolstoi: Krieg und Frieden, 2. Band, 2. Teil, Kap.33)

12 März 2008

Tausendundeine Nacht

Orientalische Erzählungen im weitesten Sinne sind es. Indischen Ursprungs ist der Kern, dann wurde er persisch überformt, die älteste überlieferte Handschrift aus dem 15. Jahrhundert (jetzt neu übersetzt) ist arabisch. Der erste Herausgeber, der französische Orientalist Antoine Galland, steuerte die getrennt überlieferten Erzählungen von Sindbad und Ali Baba und manches nur mündlich überlieferte Erzählgut, das er 1709 in Paris bei einem syrischen Erzähler kennenlernte, bei. Ein großer Teil der Erzählungen, die handschriftlich erst nach Gallands Ausgabe auftauchten, ist ägyptischen Ursprungs.
Was sich den Europäern des 18. und 19. Jahrhunderts darbot und ihnen so anziehend fremdländisch orientalisch vorkam, war in der Tat ein auch bis heute kaum zu scheidendes Gemisch, das zudem bei der Übersetzung auch dem jeweiligen Zeitgeschmack angepasst wiedergegeben wurde.
Dass solche Erzählungen - wie auch Grimms Märchen - ursprünglich keine Kindergeschichten, sondern volkstümliche Erwachsenenliteratur waren, wird freilich erst in einer unverkürzten Fassung deutlich. Dabei wird auch das Eigentümliche des jeweiligen Ursprungslandes und damit der große Abstand zur europäischen Tradition in Ansätzen so deutlich, dass man merkt, dass es erheblicher Bildungsanstrengungen bedürfte, dem als Europäer des 21. Jahrhunderts auch nur halbwegs gerecht zu werden.

1001 Nacht aus Tunesien (übersetzt von Habicht)

10 März 2008

Tausendundeine Nacht – Geschlechterverhältnis

Eindrucksvoll ist, was die Geschichten von Tausendundeine Nacht über die männliche Sicht auf das Geschlechterverhältnis in der patriarchalisch muslimischen Gesellschaft aussagen.

Die Rahmenerzählung weist auf die Angst des Mannes hin, der fürchtet, von seiner Frau trotz ihrer Einschließung im häuslichen Bereich betrogen zu werden. Der König Scherijar und sein Bruder Schahzaman erleiden dies Schicksal. Bezeichnenderweise erholt sich Schahzaman von der daraus entstandenen Depression erst, als er erfährt, dass es seinem Bruder genauso ergeht.
Dieser, der König Scherijar, beschließt auf Nummer sicher zu gehen und sich gleichzeitig am gesamten weiblichen Geschlecht zu rächen, indem er seine Frauen von jetzt ab in der Nacht ihrer Entjungferung töten lässt. Die Tochter seines Wesirs Schehrezad löst dies, sein Problem, indem sie stets an seiner Seite bleibt und die Zeit, in der er nicht sexuell mit ihr verkehren will oder kann (noch kein Viagra erfunden), durch ihre Geschichten ausfüllt.

In einigen der Einzelgeschichten wird die Angst des Mannes noch deutlicher zum zentralen Thema.
Ein Dämon führt seine Frau ständig in einem verschlossenen Kasten mit sich, damit sie ihn nicht betrügen kann, und sie weist zum Beweis, wie oft es ihr dennoch gelungen ist, stolz 570 Ringe ihrer Sexualpartner vor.
Ein König wird von seiner Frau sogar mit einem abgrundtief hässlichen Schwarzen betrogen und wie zum Beleg, dass ihm damit seine Geschlechtsrolle genommen wird, von ihr an seinem gesamten Unterleib versteinert. Die Frau, die ihren Mann betrügt, erscheint somit als Hexe. Auch hier wird der Mann erst vom Bann gelöst und wieder normal, als seine Frau und ihr Geliebter getötet sind.
In der Geschichte des Lastträgers und der drei Damen wird die Eifersucht des Mannes dargestellt, die er nicht nur gegenüber seiner Frau, sondern gegenüber der gesamten Frauengemeinschaft, mit der zusammen sie von der Welt der Männer abgeschlossen ist, empfindet. Denn diese drei Damen der Erzählung vergnügen sich miteinander und nutzen die kleinste Gelegenheit beim Einkaufen, um sich einen Mann als Spielzeug zu verschaffen. Ihr rechtmäßiger Herrscher, in diesem Fall durch den Kalif Harun er Raschid verkörpert, kommt nur als Gast in diese Welt und wird, als er versucht, in die Geheimnisse der Frauenwelt einzudringen, mit dem Tode bedroht.

03 März 2008

Tausendundeine Nacht - mittelalterlicher Ritterroman

Wenn man nur die gängigen Geschichten kennt, ist man über den "Realismus" der Geschichte von 'Adschib und Gharib überrascht. Ein Feldherr, der sich vor Angst die Hosen beschmutzt, gegnerische Könige, die gegeißelt werden, bis das Winseln aufhört, oder in zwei Hälften neben einem Tor aufgehängt werden. Tausende von Geistern, die in Geisterschlachten ganz normal mit Schwertern aufeinander einhauen und sich töten. Ein Kämpfer, der, auch nachdem er sich zum Islam bekehrt hat, nicht von seiner Gewohnheit ablässt, sich Gegner, die er besiegt hat, rösten zu lassen, um sie dann zu verspeisen.

Da reicht die Beschreibung des Prunks von Palästen Thronen und Zelten nicht aus, um sich ganz bei der Wunderlampe und Harun Er-Raschid zu fühlen.
Bemerkenswert, dass immer wieder die rechtgläubigen Muslime des Irak die feueranbetenden Heiden Persiens schlagen, ihnen "den Koran darlegen" und die, die ihn nicht annehmen, dann erschlagen.