14 Oktober 2025

Fontane über seine Arbeitsweise

 An Emilie Zöllner Berlin 5.6.1884

Ich muss die letzten drei Juni-Wochen in Thale zubringen, weil ich dort – im ersten Entwurf – eine Novelle niederschreiben will, deren erste Hälfte in Thale, im Hotel Zehnpfund, spielt. Ich muss dazu das Lokal vor Augen, aber als Zweites, ebenso Wichtiges auch unbedingte Ruhe haben, nicht bloß äußerliche, sondern namentlich auch innerliche. Die hat man aber immer nur in der Einsamkeit als Solo-Krebs. Einmal hab ich es bei meiner guten lieben Rohr in Dobbertin versucht, aus dem harmlosesten und freundlichsten Freundeskreise heraus, etwas zu schreiben, aber ich bin damit gescheitert. Die Menschen, unter denen man lebt, stellen sich zwischen einen und das Papier darauf man schreiben will. Natürlich klingt all dergleichen kindisch und doch es ist eine Tatsache. So denn Pardon nochmals tausend Dank an Sie und den besten und liebenswürdigsten der Brüder und der Obristlieutenants. Auch an die jugendliche Rotblondine herzlichen Gruß. Wie immer ihr treu-ergebenster  Noel  

11 Oktober 2025

Tomer Dotan-Dreyfus: Keinheimisch

 Tomer Dotan-Dreyfus: Keinheimisch: Kindheit in Israel, Leben in Deutschland, 2025 (Perlentaucher)

"[...] Jüdischsein ist für mich das zweite Gebot: man soll sich kein Bild machen. Das bedeutet, alles ist interpretierbar. So wird die Erzählung zur Interpretation und kreiert ganz viele Debatten und Gespräche. Der Zionismus macht genau das Gegenteil. Er versucht, das Gespräch über das Interpretierbare durch die zionistische Deutungshoheit zu verhindern. Gespräche und Debatten, die so zentral sind im Judentum. Der Zionismus negiert damit Kernelemente des Judentums. [...]  

Die Sprache ist zu viel die Sprache von Gewalt, von Macht, von Empathie als Schwäche. Mehr Demut und Verlässlichkeit wird uns gerade nicht schaden. [...]"

"Der Zionismus negiert Kernelemente des Judentums" Interview  Dotan-Dreyfus mit Bascha Mika FR 10.10.2025



09 Oktober 2025

Karl Ove Knausgård

 Karl Ove Knausgård: Die Wiederverzauberung der Welt

Der passende Publikationsort ist die Welt der Literatur in: Welt am Sonntag Nr.40, 5.10.2025, S.3

Alle Besprechungen von Knausgårds Werken machten mich skeptisch: Keine Zeit für so viel Selbstbetrachtung. Dieser Text interessiert mich: Natur wichtiger als umgebende Gesellschaft, daher kein Interesse für Computer.

Und dann: Was ist aus der Welt geworden, die doppelt flach, abstrakt wurde? Was passiert da? Das will Knausgård wissen.

"Die Literatur kann ein Außerhalb errichten. Und sobald es zwei Orte gibt, ist der erste Ort nicht länger gegeben, herrscht er nicht mehr allein, ist er nicht mehr das, was sich von selbst sagt. Mein Problem, mit dem ich nun kämpfe, besteht darin, dass es mir nicht gelingt, ein Außerhalb der Technik zu finden – es kommt mir so vor, als wäre "außerhalb" verschwunden, als wäre es kein möglicher Ort mehr.

Es fühlt sich so an, als wäre die ganze Welt in Bilder von der Welt umgewandelt und auf die Art in das Menschliche hineingezogen worden, das nun alles umfasst. Es gibt keinen Ort, kein Ding, keine Person und kein Phänomen, worüber ich keine Informationen einholen kann. [...]

Entfremdung bedeutet: Distanz zur Welt. Ein fehlender Zusammenhang zwischen ihr und uns. Die Technik kompensiert diesen Realitätsverlust mit Realitätsersatz. Sie kalibriert alle Unterschiede, füllt alle Hohlräume und Risse mit Bildern und Stimmen, bringt alles ganz nah an uns heran – um so den Zusammenhang zwischen uns und der Welt wiederherzustellen. Selbst die Vergangenheit, die noch vor wenigen Generationen für immer verloren war, kann wiederhergestellt werden.

Letzten Winter war ich mit meiner Familie in der neuen ABBA-Show in London, saß dort mitten im singenden und jubelnden Publikum und kämpfte mit den Tränen – im Innersten erschüttert. Die vier Mitglieder von ABBA waren als Hologramme wiedererschaffen worden. Sie bestanden aus Licht, sahen aber lebendig aus und stiegen von einer Plattform unter der Bühne auf – wie aus der Unterwelt – während sie sangen. Sie waren wieder jung, bewegten sich auf der Bühne wie die etwas ungelenken Skandinavier, die sie einst gewesen waren: Björn, Benny, Agnetha und Anni-Frid.

Ihre Körper und Stimmen stammten aus den siebziger Jahren – aber sie agierten und sangen in unserer Zeit, begleitet von einer Liveband, die daneben im Schatten spielte, und vom Jubel der Zuschauer. Es kam mir vor, als wäre die Zeit wie ein Teppich unter mir weggezogen worden – denn wenn ich auf einer Zeitebene mit dem war, was ich sah, war ich gleichzeitig acht und vierundfünfzig Jahre alt. Ein Kind – und ein Mann mittleren Alters. Welle auf Welle aus Nostalgie und Sehnsucht durchspülte mich – aber auch aus Furcht. Denn was ich sah, war ja der Tod.

Es war der Tod, zu dem wir in der Konzerthalle klatschten und sangen. Wir waren Doktor Faustus so wie Marlowe ihn beschrieb, als die schöne Helena aus dem Trojanischen Krieg vor seinen Augen heraufbeschworen wurde. Wir waren Odysseus, so wie Homer ihn beschrieb, als er seine tote Mutter aus dem Hades heraufbeschwor – und dreimal ins Leere griff, als er versuchte, sie zu umarmen. [...]"




30 September 2025

Oscar Wilde

Oscar Wilde

Oscar Wilde ist ein erschreckendes Beispiel dafür, wie man die moralischen Kriterien eine Gesellschaft als völlig haltlos durchschauen und kritisieren kann und sich ins Unglück bringen kann, indem man eben diese Kriterien für sich handlungsleitend macht. 

Weil er durch den Vorwurf, er sei homosexuell, seine Ehre angegriffen fühlte, forderte er heraus, dass der gerichtsfähige Beweis für seine Homosexualität erbracht wurde. Das führte nach den Rechtsgrundsätzen der damaligen Gesellschaft zu der zweijährigen Zuchthausstrafe zu den - nach heutigen Kriterien menschrechtsunwürdigen - Bedingungen der damaligen Zeit, die sein Leben als anerkannter Schriftsteller und seine Gesundheit zerstörten.

dazu Wikipedia


Das Bildnis des Dorian Gray (Roman)

Erzählungen und Märchen

Bühnenstücke

  • Vera oder die Nihilisten (Vera; or, the Nihilists, 1880)
  • Salomé (1891), unter anderem: S. Fischer Verlag, Frankfurt 2001, deutsch von Peter Torberg
  • Lady Windermeres Fächer (Lady Windermere’s Fan, 1892), unter anderem: S. Fischer Verlag, 2012, deutsch von Peter Torberg
  • Die Herzogin von Padua (The Duchess of Padua, 1893), unter anderem: S. Fischer Verlag, 2004, deutsch von Peter Torberg
  • Eine Frau ohne Bedeutung, auch: Nur eine Frau (A Woman of No Importance, 1893), S. Fischer Verlag, Frankfurt, 2003, deutsch von Peter Torberg
  • Ein idealer Gatte (An Ideal Husband, 1894), unter anderem: S. Fischer Verlag, Frankfurt 2000, deutsch von Peter Torberg
  • Ernst sein ist alles, alternative deutsche Titel: Bunbury / Die Bedeutung, Ernst zu sein / Bunbury, oder Ernst sein ist alles (The Importance of Being Earnest, etwa 1895), S. Fischer Verlag, Frankfurt 1999, deutsch von Peter Torberg
  • Die fromme Kurtisane (La Sainte Courtisane), 1909 erstmals publiziert
  • Eine florentinische Tragödie (A Florentine Tragedy), 1909 erstmals publiziert
  • Aus Liebe zum König (For Love of the King)

Aufsätze

29 September 2025

Dee Brown: Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses

                                                                                                                                                                        Dee Brown: Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses  (Wounded Knee), 1970. 

Brown "beschreibt die Geschichte der Indianerkriege im Gebiet der heutigen USA von den 1860er Jahren bis zum titelgebenden Massaker von Wounded Knee im Jahr 1890." (Wikipedia)






















Als ich dies Buch das erste Mal las - es war etwa 1994 -,  war ich bewegt, aber ich dachte dabei nicht an den Nahostkonflikt.

Was an der indigenen Bevölkerung begangen wurde, war letztlich ein Völkermord. Aber wie viel weniger waren die weißen Siedler, die die erste weltweit verbreitete Erklärung der Menschenrechte verfassten, sich dessen bewusst, dass sie auf einen Völkermord zusteuerten, als Spätere, die Rivalen beseitigen oder gar bewusst vernichten wollten.

Welcher Zionist der ersten Stunde konnte voraussehen, was 2025 (durchaus bewusst provoziert durch die Hamas) auf dem Gazastreifen geschehen würde?

Heute denkt man bei Berichten über die Navajos und die indigene Bevölkerung unwillkürlich an das Schicksal der Palästinenser auf dem Gazastreifen. 

"Ich lebe geheiligt, ich blicke zu den Himmeln" (S.48)  Welches Schicksal steht mir bevor?

Hier beschreibt eine US-Bürgerin mit palästinensischem Migrationshintergrund (so sagt man das heute wohl) mit stark autobiographischem Hintergrund das Schicksal der Palästinenser. Das Buch sollte ursprünglich "The Scar of David" (Die Narbe Davids) heißen. Das spielt darauf an, das Juden wie Palästinenser gegenüber ihren Gegnern vergleichsweise klein und schutzlos waren und dass Juden wie Palästinenser im Laufe ihrer Geschichte schwere Verletzungen davongetragen haben. Beide ganz andere als ihre Gegner, aber beide ohne Verständnis dafür, wieso das ungeheure Unglück über sie kam und wieso ihnen keine Gerechtigkeit widerfuhr. 

Die Narben sind unterschiedlich alt. Das hier vorgestellte Buch erläutert, wie es zum Schicksal der inndigenen Bevölkerung in Nordamerika kam.

Zunächst Einzelzitate:

"Inzwischen hatte Sibley aus fünf Offizieren ein Militärgericht zusammengestellt, dass alle Santees, die im Verdacht standen, sich an dem Aufstand beteiligt zu haben, aburteilen sollte. Da die Indianer keine gesetzlichen Rechte besaßen, sah er keinen Grund, ihnen einen Verteidiger zu stellen." (S.69)

Kapitel 6 Red Clouds Krieg, S.126-149

Wikipedia1866:

  • 27. März: Präsident Andrew Johnson legt sein Veto gegen den vom Kongress beschlossenen Civil Rights Act of 1866 ein, der allen in den Vereinigten Staaten Geborenen das Bürgerrecht gewährt, es sei denn, dass es sich um Indianer handelt. Am 9. April überstimmt eine Koalition aus radikalen und gemäßigten Republikanern das Veto des Präsidenten.
  • Juni: Der Red-Cloud-Krieg entlang des Bozeman Trails beginnt, nachdem Verhandlungen zwischen Repräsentanten der US-Regierung und der umliegenden Stämme im Fort Laramie gescheitert sind. Die Lakota unter der Führung des Oglala-Häuptlings Red Cloud konzentrieren sich darauf, die Versorgungstrecks der US-Army anzugreifen sowie die entlang des Bozeman-Trails errichteten Forts zu belagern. Einen direkten Angriff auf befestigte Anlagen oder größere Armee-Einheiten vermeiden sie jedoch.
  • 13. Juni: Als weitere Reaktion auf das Veto des Präsidenten beschließt der US-Kongress den 14. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten, der 1868 in Kraft tritt. Er enthält die Gleichbehandlungsklausel, das Recht auf ein ordentliches Gerichtsverfahren in den Bundesstaaten und die Grundlagen des Staatsbürgerschaftsrechts.
  • 20. August: Mit diesem Tag wird offiziell das Ende des Amerikanischen Bürgerkrieges angegeben. Es wird von US-Präsident Andrew Johnson im Act of 2 March, 1867 festgehalten.
  • 21. Dezember: Beim Fetterman-Gefecht im Red-Cloud-Krieg vernichten Krieger der Lakota, Arapaho  und Cheyenne eine Abteilung der US-Armee unter der Leitung von Captain William Judd Fetterman. Eine zehnköpfige Gruppe von aus den beteiligten Stämmen ausgesuchten Indianern unter Crazy Horse lockt Fetterman über den Hügelkamm des Lodge Trail Ridges in einen Hinterhalt ins Peno-Tal hinein, wo etwa 1500 Krieger unter Little Wolf und High Backbone Fettermans Männer erwarten. Aus Rache für das Sand-Creek-Massaker kommt es im Anschluss zu Verstümmelungen der getöteten Soldaten. [im Buch S.138-141]
  • Als Folge der Niederlage wird Colonel Henry B. Carrington, der eine friedliche Koexistenz mit den Indianern angestrebt hat und gegen dessen ausdrücklichen Befehl Fetterman gehandelt hat, seines Kommandos über Fort Phil Kearny enthoben. Die bis dahin nur unzureichend bewaffneten Einheiten in Fort Kearny erhalten zudem moderne Springfield-Hinterladergewehre.
  • Der Montana Gold Rush im Montana-Territorium erreicht seinen Höhepunkt.
[...] 

Kapitel 7 "Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer", S.151-175

Wikipedia 1868:

Angriff am Washita, Frederic Remington


  • Kapitel 8 Donehogawas Aufstieg und Fall,

Wikipedia 1869: 


Wikipedia: "Ely Samuel Parker, geboren als Hasanoanda und später bekannt als Donehogawa (* 1828; † 30. August 1895 in FairfieldConnecticut), war ein Häuptling des Wolf-Clans der Seneca-Indianer und Offizier des US-Heeres unter General Ulysses S. Grant. Sein Vater Jonoestowa oder William Parker war ein Häuptling der Tuscarora, seine Mutter Goongwutwus oder Elizabeth eine Nachfahrin von Handsome Lake und Red Jacket. [...] Nach Kriegsende zum Oberst und Brevet-Brigadegeneral befördert, diente Parker weiterhin als Grants Adjutant, bis dieser 1869 zum US-Präsidenten gewählt wurde und seinen alten Weggefährten zum Kommissar für indianische Angelegenheiten bestellte. Er war der erste Ureinwohner, der dieses Amt ausübte. Parker widmete sich dieser Aufgabe zunächst mit großem Enthusiasmus, musste aber bald erkennen, dass die Schwerfälligkeit der Bürokratie und die Engstirnigkeit der Beamten in Washington alle Bemühungen, die Situation für die Indianer zu verbessern, zunichtemachten. Im August 1871 trat er von seinem Amt zurück, nachdem ihm Unregelmäßigkeiten beim Kauf von Lebensmitteln für vom Hunger bedrohte Stämme vorgeworfen worden waren."

1870 lud Parker Red Cloud durch einen Vermittler zu einem Gespräch nach Fort Laremie ein.
 "Eine solche Reise reizte Red Cloud; sie würde ihm die Gelegenheit bieten, mit dem Großen Vater zu sprechen und ihm zu sagen, dass die Sioux kein Reservat am Missouri wollten. Außerdem konnte er den Kleinen Vater der Indianer kennen lernen, diesen Kommissar namens Parker, der Indianer war und wie ein Weißer schreiben konnte.
Als Parker erfuhr, dass Red Cloud nach Washington kommen wollte, schickte er Colonel John E. Smith mit dem Auftrag, ihn abzuholen, nach Fort Laremie. Red Cloud wählte 15 Oglalas als Begleiter aus und am 26. Mai bestieg die Gruppe einen Sonderwagen der Union Pacific und trat die weite Reise in den Osten an.
Für die Indianer war es ein großes Erlebnis, auf ihrem alten Feind, dem eisernen / Pferd zu reiten. Omaha (eine nach Indianern benannte Stadt) war ein Bienenstock voller Weißer, und Chicago (ebenfalls ein Indianername), erschreckte sie mit seinem Lärm und Wirrwarr und seinen Gebäuden, die bis zum Himmel zu reichen schienen. Die Weißen waren dicht und zahlreich und ziellos wie Heuschrecken und immer in Eile, schienen aber nie dorthin zu kommen, wohin sie wollten.

Nach einer anstrengenden fünftägigen Fahrt lief das eiserne Pferd in Washington ein. Außer Red Cloud waren die Mitglieder der Delegation benommen und schlecht gelaunt. Kommissar Parker, der tatsächlich ein Indianer war, empfing sie herzlich: "Ich freue mich sehr, euch hier heute hier begrüßen zu dürfen. Ich weiß, dass ihr von weit her gekommen seid, um den großen Vater, den Präsidenten der Vereinigten Staaten, zu sehen. Ich bin froh, dass ihr keinen Unfall hattet und alle gesund angekommen seid. Ich möchte hören, was Red Cloud für sich und sein Volk zu sagen hat." (S. 183/184) 

"In den nächsten Tagen hatte Parker viele Besprechungen mit Cloud und Spotted  Tail. Um einen dauerhaften Frieden zu erreichen, mußte er genau wissen, was sie wünschten, um den Politikern, die jene Weißen vertraten, die das Land der Indianer wollten, entsprechend entgegentreten zu können. Er arrangierte einen Empfang im Innenministerium, zu dem er Vertreter aller Regierungsstellen einlud, um sie mit den Sioux bekannt zu machen. Innenminister Jakob Cox eröffnete die Verhandlungen mit einer Rede, wie die Indianer schon allzu oft gehört hatten. Die Regierung würde den Indianern gern Waffen und Munition für die Jagd geben, sagte Cox, doch sie könne dies erst tun, wenn sie sicher sei, dass die Indianer Frieden wollten. 'Haltet Frieden', schloss er dann werden wir das Rechte für euch tun.' Das Sioux-Reservat am Missouri erwähnte er nicht." (S. 185) 
Aus Red Clouds Antwort:
" 'Der Große Vater sagt, er ist uns gut und freundlich gesonnen. Ich glaube das nicht. Ich bin seinem weißen Volk gut gesonnen. Auf eure Einladung hin bin ich von weit her in dieses Haus gekommen. Mein Gesicht ist rot, dass eure ist weiß. Der Große Geist hat euch lesen und schreiben gelehrt; mich nicht. Ich bin hierhergekommen, um meinem Großen Vater zu sagen, was mir in meinem Land nicht gefällt. Ihr steht dem Großen Vater alle nahe, und ihr seid viele Häuptlinge. Die Männer, die uns der Große Vater schickt, haben keinen Verstand – kein Herz.
Ich mag mein Reservat am Missouri nicht; es ist jetzt das vierte Mal, dass ich dies sage.' 
Er schwieg einen Moment und deutete auf Spotted Tail und die Boulé-Delegation.  'Hier sind einige Leute von dort. Ihre Kinder sterben wie die Schafe; das Land behagt ihnen nicht. Ich wurde am Platte geboren, und man hat mir gesagt, das Land gehöre mir, im Norden, Süden, Osten und Weste … Wenn ihr mir Waren schickt, dann werden sie auf der Straße gestohlen, und wenn ich sie bekomme, ist es nur eine Handvoll. Man hat mich ein Papier unter/schreiben lassen, und das ist alles, was ich für mein Land bekommen habe. Ich weiß, dass die Leute, die ihr uns geschickt habt, Lügner sind. Seht mich an. Ich bin arm und nackt. Ich will keinen Krieg mit meiner Regierung… Ich möchte, dass ihr dies alles meinem Großen Vater sagt.'
Kommissar Parker antwortete: 'Wir werden dem Präsidenten berichten, was Red Cloud heute gesagt hat. Der Präsident hat mir gesagt, er möchte bald mit Red Cloud sprechen.' " (S. 185/186)

21 September 2025

Lektüre 1974ff.

Im Unterschied zu meinem Lektüretagebuch von damals kann ich hier viele Werke verlinken, so dass der/die Leser/in und ich sich über die Werke informieren können, die ich damals gelesen habe und die den meisten von uns weitgehend aus dem Gedächtnis entschwunden sind.

1974: IllichDie sogenannte Energiekrise oder die Lähmung der Gesellschaft

 Illich vertritt die These, es gebe ein sozialkritisches Quantum der Energie, und er setzt es für den Verkehr bei 25 km/h an, d.h. beim Fahrrad, jenseits dessen es zur Ausbeutung kommen muss und "die technische Struktur der Produktionsmittel die soziale Struktur vergewaltigen muss" (S.15) Jenseits dieser Schwelle korrumpiert Energie. Die Armen gewinnen nichts, nur werden große Privilegien geschaffen.

[Die gesellschftl. Arbeitszeit, die für die Herstellung und den Verkauf sowie die Herstellung und den Verkauf der Treibstoffe gebraucht wird, ist damit eingerichtet - die Reichen gewinnen dabei Zeit, die Armen müssen sie dafür in entfremdeter Arbeit verbringen statt auf Wegen zur Arbeit, wo sie Zeit für ihre eigenen Gedanken und Beobachtungen haben. - Zusatz von 2025]

"Der typische amerikanische arbeitende Mann wendet 1600 Stunden auf, um sich 7500 Meilen fortzubewegen. Das sind weniger als 5 Meilen pro Stunde. In Ländern, in denen eine Transportindustrie fehlt, schaffen die Menschen dieselbe Geschwindigkeit und bewegen sich dabei, wohin sie wollen – und sie wenden für den Verkehr nicht 28 %, sondern nur 3-8 % ihres gesellschaftlichen Zeitbudgets auf." (S. 27) 
"Gleichzeitig will er auf die Konsequenzen eines falsch eingesetzten technischen Fortschritts aufmerksam machen: „Wenn eine Gesellschaft, ganz gleich welcher Art,[13] die Konvivialität unter ein gewisses Niveau drückt, dann wird sie dem Mangel anheimfallen; denn keiner noch so hypertrophierten Produktivität wird es jemals gelingen, die nach Belieben geschaffenen und multiplizierten Bedürfnisse zu befriedigen.“[14]

Ditfurth: Der Geist fiel nicht vom Himmel (Die Evolution unseres Bewusstseins, Hamburg 1976)

Kissinger: The White House Years (1979/80 ca. 160 S.
in Sölle: Wählt das Leben
Jurek Becker: Jakob der Lügner Sommer 1980 (für die Schule Abi '82); Isländische Sagas, H. Kuhn: Das alte Island (So/Herbst 1980) 
Schlaflose Tage [Herbst 1980]
Ende: Momo [Herbst 1980],
A. Muschg: Baiyun oder die Freundschaftsgesellschaft (deutl. früher: Erinnerung 2025: Sommer des Hasen)
Fontane: Wanderungen (erhebliche Passagen)
wiederholt: Benn Gedichte u. Briefwechsel mit Klaus Mann.
G. Kunert: Englisches Tagebuch (bes. Cornwall-Kapitel sehr anrührend - 
[Erinnerung: englische Kinder im Winter unter einem Wasserfall, wir erlebten sie damals im Winter in der Sonne barfuß und in kurzen Kleidchen]
Ende: Unendliche Geschichte - Es geschieht, was du willst, kindliche Kaiserin, Phantásien
Herbst 1981: Jane Austen: Sense and Sensibility (Ich freue mich, erstmals englische Literatur auf englisch mit großer Spannung zu lesen. - bei Lord of the Rings ging es noch nicht so selbstverständlich. Erinnerung 2025: Dafür war es entspannend, im warmen Bett von den gefährlichen Wanderungen der Hobbits zu lesen, und die Handlung ging angenehm langsam mit gewisser Anspannung auf das Textverständnis und dadurch ermüdend voran. Heute könnte ich ein so dickes Buch ohne Brille nicht mehr so leicht im Liegen lesen.)
in: Anderson: The Upper Thames
in: Hoskins: The Making of the English Landscape. Wie Fontanes Erfahrungen in Schottland sich in den "Wanderungen" niederschlugen, so lässt mich The Making of the English Landscape nach der deutschen Landschaft fragen. Public footpaths lassen mich die offene deutsche Landschaft und die deutschen Wälder schätzen. Zusatz 2025: Andererseits hat das Wandern auf dem vom landwirtschaftl. Verkehr getrennten Weg mit dem Übersteigen der Zäune und Feldbegrenzungen auf den dafür vorgesehenen Stufen im Rückblick etwas Nostalgisches. 

Christa Wolf: Kein Ort. Nirgends Aufbau Verlag, zweite Auflage 1980.[1979 veröffentlicht]
"Die Ideen, die folgenlos bleiben. So wirken auch wir mit an der Aufteilung der Menschheit in Tätige und Denkende. Merken wir nicht, wie die Taten derer, die das Handeln an sich reißen, immer unbedenklicher werden? Wie die Poesie, der Tatenlosen den Zwecken, der Handelnden, immer mehr entspricht? Müssen wir, die wir uns in keine praktische Tätigkeit schicken können, nicht fürchten, zum weibischen Geschlecht der Lamentierenden zu werden, unfähig zu dem kleinsten Zugeständnis, das die alltäglichen Geschäfte einem jeden abverlangen, und verrannt in einen Anspruch, den auf Erden keiner je erfüllen kann: Tätig zu werden und dabei wir selber zu bleiben."(S. 165). 
Zum Vergleich Wolf: Kleiner Ausflug nach H. [Heldenstadt], 1971 entstanden, 1980 in BRD publiziert. Die Satire von 1971 [in der Hoffnung auf eine Öffnung in der Literaturszene entstanden, die 1976 mit der Ausbürgerung Biermanns endgültig verloren ging, schildert Wolf einen fiktiven Ort für die Helden der DDR, wo die sich unglücklich fühlen - kein Ort für sie.
1979 schreibt sie darüber, indem sie die Handlung in der engen Welt seit Napoleons Machtübernahme spielen lässt.
Frisch: Mein Name sei Gantenbein (Zweitlektüre, diesmal mit Genuss)
Thackeray: Vanity Fair
Grass: Das Treffen in Telgte- mit erfreulich viel Interesse (bin ich bei Grass gar nicht gewohnt). Er schildert erstaunlich einfühlsam Barockdichter (und die Aufnahme ihrer Werke durch Kollegen) à la Gruppe 47
Frisch: Montauk
Jurek Becker: Lenchen ....
Goethe: Die Kampagne in Frankreich (sieh auch mein Artikel im Blog)

 

10 September 2025

Tilmann Lahme: Thomas Mann

 Tilmann Lahme: Thomas Mann  (Perlentaucher)

Für die Forschung ist diese Studie gewiss wertvoll. Für den informierten Thomas-Mann-Leser enthält sie aber nur die Information, dass Manns Leistung nicht wirklich ein "strenges Glück" (Königliche Hoheit) war, sondern auch von ihm selbst teurer bezahlt war, als dass sie ein Glück hätte bedeuten können. Für Katja Pringsheim, die statt sich selbst verwirklichen zu können, zu "Frau Thomas Mann" wurde, ihre enormen Anstrengungen und ihren Verzicht mit Gesundheitsverlusten bezahlen musste; aber auch von den Kindern. (Selbsttötung ist kein Zeichen für ein glückliches Leben.)

Für Deutschland und seine Literatur war diese Familie freilich ein Gewinn. Für die unfreiwilligen Opfer sehr hart, für die Literatur , die Geschichtsschreibung (Golo) und die Ozeanographie (Elisabeth) ein Gewinn.

Klappentext
Er ist der literarische Magier des 20. Jahrhunderts: Nobelpreisträger und gefeiertes Genie und zugleich so unglücklich, wie man nur sein kann. Er liebt und darf nicht lieben, die Vorstellungen seiner Zeit stehen ihm im Weg. Was für ein Antrieb zu großer Literatur - und was für ein leidvolles Leben. Seit seinem frühen Welterfolg mit den 'Buddenbrooks' und zwei Jahrzehnte später mit dem 'Zauberberg' öffnen sich ihm alle Türen, bis hin zu der im Weißen Haus. Keine deutsche Stimme kämpft so hörbar gegen Hitler wie seine, kein anderer häuft Ehrungen auf sich wie er. Seine Frau Katia und seine sechs Kinder umringen ihn dabei wie eine Festung. Doch der Abgrund ist immer nur einen Schritt entfernt.

Leseprobe (bis S.59)

INHALT

Vorspiel, 1903, S. 7

Anfänge und frühe Schrecken (18751894) S.12

II Die Hunde im Souterrain (1894-1896) S.70

III Liebe, Geld und ein Blick in den Abgrund (1897-1901) S.128

IV Das Herz in der Hand (19011905) S.188

Die große Gereiztheit (19051924) S.244

In 3 Jahren und 3 Monaten notiert TM 6 Mal erfolgreichen Sex und 4 Beischlafversuche, die misslingen. (S.277)

Masturbation (S.278o)

Prozesse u. Oscar Wilde (S.279)

VI Glanz und Finsternis (19251941) S.322

VII  Letzte Dinge (19421955) S. 406

Nachspiel oder Der geopferte Freund S.490

ANHANG

Susan Sontag: Bei Thomas MannS.510  Thomas Mann an Otto Grautoff S.522 Hinweise zur Literatur über Thomas Mann S.529