24 März 2023

Wieland

Jan Philipp Reemtsma: Christoph Martin Wieland

"Was ist heute an diesem Autor des 18. Jahrhunderts so faszinierend? Ein Gespräch mit dem Biografen Interview: "

"Reemtsma: Wieland war in der Mitte seines Lebens der bekannteste deutsche Autor – und wirkte in seinen Altersjahren schon überlebt, etwa ab 1800. Das dauerte dann bis in die 1980er-Jahre, als Wielands Werke als Reprint wieder aufgelegt wurden. Vieles, wofür Wieland stand, behagte dem 19. Jahrhundert nicht mehr: In der Romantik war die Zeit der Orientierung nicht mehr die Antike, sondern das Mittelalter, man wurde fromm und wurde der Wielandschen Skepsis fremd. Und man wurde deutsch – Wieland hingegen hielt Patriotismus für eine "Modetugend". Wielands Erotik in manchen Werken, seine freie, wie man heute sagen würde, Auffassung der Geschlechterverhältnisse empfand man als ärgerlich. Der politische Autor, der kluge Kommentator der Französischen Revolution wurde erst vor ein paar Jahrzehnten wiederentdeckt. [...]

Er schreibt 1808: "Ich weiß recht gut, daß ich Etwas bin, und, unter uns gesagt, ich bin sogar überzeugt, daß ich, da wo ich stehe, ganz allein stehe, und Niemand unter den Völkern mit mir ist noch war." Das klingt vermessen, aber es meint die Rolle in einer Literatur – der deutschen –, die noch am Anfang steht und mit ihm und Lessing zu dem wurde, worauf dann die nächste Generation aufbaute. Erst mit Wieland wird die deutsche Literatur zur Weltliteratur. Aber er fügt hinzu: Ein "Dichter von der ersten Größe" wie Goethe und Schiller sei er keineswegs, "dazu habe ich weder Genie noch Talent", er sei vielmehr "eine Art von Poet, und das ist ein Macher". [...]

Ich war wohl 13, da las ich Stücke von Dürrenmatt, darunter das Hörspiel Der Prozess um des Esels Schatten, mit der rätselhaften Unterzeile: "Nach Wieland – aber nicht sehr". Da bin ich zu meiner Buchhändlerin gegangen und habe sie gefragt, was das wohl bedeutet und wer das wohl sei, dieser Wieland. Sie gab mir die Reclam-Ausgabe von Wielands Geschichte der Abderiten. Das Buch gefiel mir, aber ich war zu jung. Später stieß ich auf den bahnbrechenden Rundfunkessay Wieland oder die Prosaformen von Arno Schmidt. Ich las dann Wielands großen Roman Aristipp und einige seiner Zeitgenossen und war sofort fasziniert. Und stellte fest, dass Schmidt dessen Bedeutung erkannte, lange vor der traditionellen Germanistik, die ihn fast vollständig ignoriert hatte. Da war also einiges zu tun. 

ZEIT: Sie haben eine Werkausgabe vorangetrieben, Hörbücher eingelesen, Wielands Landgut in Oßmannstedt restaurieren lassen und jetzt auch noch eine 700-Seiten-Biografie geschrieben. Woher diese jahrzehntelange Besessenheit?

Reemtsma: Besessenheit wohl kaum. Wieland ist einer der ganz großen Autoren deutscher Sprache – und wenn man das weiß, wenn man sich ein wenig auskennt, sollte man es auch sagen. Und weil Wielands Leben, bis auf das Jahr 1772, als er nach Weimar kommt, nicht besonders aufregend ist, musste eine Biografie, die die Arbeit lohnt, auch eine Werkbiografie sein. Mehr als ein halbes Leben Vorbereitung, zwei Jahre Schreiben. [...]

Reemtsma: Jean Paul hat ihn wirklich geliebt und verehrt, das sieht man auch in seinen Werken. Bei Kleist lief es in erster Linie persönlich: Sechs Wochen ist der junge Dichter 1803 in Oßmannstedt zu Gast, und Wieland registriert Kleists seltsames Benehmen. Doch als dieser ihm am Kamin endlich aus seinem Dramenfragment Robert Guiskard vordeklamiert, ist Wieland begeistert: Das sei wohl eine Tragödie wie vereint geschrieben von Aischylos, Sophokles und Shakespeare, schrieb er später; Kleist sei derjenige, der "die große Lücke" in der deutschen Literatur füllen könne, die selbst von Goethe und Schiller nicht ausgefüllt worden sei. Größeres Lob ist nicht denkbar – und er hat Kleist verstanden. Fremd ist ihm Kleists Kunst nicht, auch wenn sie Wielands Tonlage nicht nahe war.

ZEIT: In Ihrem Buch spielen Frauen eine zentrale Rolle. In jungen Jahren verliebte er sich in selbstbewusste Intellektuelle.

Reemtsma: Es waren zunächst meist ältere Frauen und ihm irgendwie ebenbürtig. Sophie La Roche, mit der er kurz verlobt war, wurde Autorin, auch mit Wielands Hilfe – für ihn hatte sie zeitlebens eine gewisse Bedeutung, als Erinnerung an eine frühe, platonische Liebe. In Bern war er in die anderthalb Jahre ältere Julie Bondeli verliebt, eine faszinierende, brillante Frau, die später mit Rousseau befreundet war. [...]

ZEIT: Ein interessanter Moment ist die Begegnung mit Napoleon 1808, als er Weimar besucht – wie kam der Kaiser der Franzosen auf diesen deutschen Dichter?

Reemtsma: Man las ihn überall in Europa, seine Werkausgabe stand in den Bibliotheken von London bis St. Petersburg, der spätere amerikanische Präsident John Quincy Adams hat sein Versepos Oberon übersetzt. Mit Sicherheit kannte Napoleon Wielands Prophezeiung aus dem Teutschen Merkur 1798: "durch einen Glücksfall, den man wohl in seiner Art einzig nennen kann", hätten die Franzosen schon einen "Diktator" in Aussicht, der die Krise der Republik beenden könne: "Buonaparte also!" Ein Jahr später putschte sich der 30-jährige General an die Macht. Die politische Diagnosekompetenz Wielands ist wieder einmal verblüffend." (Camman Interview mit Reemtsma: "Was bist du wirklich? Was ist denn dein Werk?" ZEIT 23.3.2023)


Der alte Wieland: "Oh, das stellt kein Menschenkind sich vor, was unsereiner den ganzen langen Tag bis in die späten Nacht zu tun hat! Wie man immer Zehnerei auf einmal tun und immer da und dort und allen Teilen sein soll, oft nicht weiß wo einem der Kopf steht, und am Ende, seht ihr, doch nie fertig wird, doch immer das Nötigste versäumt und überall zu spät kommt bei meiner Treu! Es ist ein saures Leben!" (noch ohne Beleg)

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