08 Oktober 2026

Jostein Gaarder: Der seltene Vogel (1997)

 Jostein Gaarder: Der seltene Vogel (1997)

"Es heißt, die Welt sei sehr alt. Doch dauert sie selten länger als hundert Jahre. Wir sind es, die alt werden.

Solange Menschen auf die Welt kommen, wird sie so neu und frisch sein, wie am siebten Tag, an dem der Herr ruhte.
Wir sind jetzt Zeugen einer Schöpfung. Sie entsteht vor unseren Augen, am helllichten Tage, das ist unerhört! Eine Welt taucht auf aus dem Nichts… [...]

'Wer bin ich?' fragt die Welt."

'Woher komme ich?' " (S.7)  

"Der Zeitscanner

Der fiktive Autor dieses Textes stellt eine Fülle von geistreichen Überlegungen an, doch Gaarder sorgt dafür, dass dieser sich nach und nach in deutlich erkennbare innere Widersprüche verwickelt, so dass man erkennen kann, dass der Autor eindeutig eine Fiktion des Verfassers ist.

[...] Begonnen hatte alles in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit den Radioapparaten. Die Vorstellung, welch zitterndes Gefühl von der Qual der Wahl, das Radio den Menschen damals eingeflößt haben muss, finde ich schon rührend. Plötzlich konnte man Signale aus allen Winkeln der Welt in sein Wohnzimmer holen. Doch hätten die Menschen damals gewusst, was alles noch passieren würde… (S.9)
"Aber das ist ja bekannt. Dennoch muss man sich klar vor Augen führen, welche auffälligen Ähnlichkeiten zwischen einem Radioapparat und dem heutigen Zeitscanner bestehen. Im Prinzip war es möglich, Tausende von Radiosendern in Hunderten von Ländern zu empfangen.
Manche Menschen wurden damals zu Amateurfunkern. Das heißt, sie kauften oder bauten sich einen kleinen Sender, um damit die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zu lenken. Eine Weiterentwicklung dieser Möglichkeiten waren die vielen Lokalradios, die zu Beginn der 1980er Jahre wie Pilze aus dem Boden schossen.
Schon durch diese Entwicklung verloren geographische Entfernungen entscheidend an Bedeutung. Gleichermaßen wichtige Faktoren waren neben dem Radio aber auch Telefon und Telegraf – die während des gesamten 20. Jahrhunderts eine erstaunliche Entwicklung durchmachten. [...]" (S. 10)
"Zusammen mit den Videogeräten verbreitete sich auch das so genannte Kabelfernsehen. Noch viel wichtiger aber war der immer dichter werdende Gürtel von Fernsehsatelliten, der die Erde um gab. Von der Mitte der 1990er Jahre an empfing jeder Besitzer eines Fernsehgerätes einige Dutzend Fernsehsender, die meisten Menschen hatten die Wahl zwischen hunderten von Programmen. Nach fünfzig Jahren hatte das Fernsehen die interkontinentale Reichweite der Kurzwellen eingeholt. [...]
Die Möglichkeiten der Fernsehempfänger vergrößerten sich zusätzlich durch die Datenrevolution, die die Welt gegen Ende des 20. Jahrhunderts erlebte. 
Um die Jahrtausendwende dienten die allermeisten Fernsehgeräte gleichzeitig als Computerterminals. Der Ausbau des Telenetzes hatte die Welt zu einem einzigen Kommunikationsnetz zusammengeschlossen. [...] Darüber hinaus scheint erwähnenswert, dass damals an vier- bis fünftausend zentralen Orten auf der ganzen Welt Videokameras aufgestellt wurden, die ohne irgendeinen Text oder Kommentar zeigten, was draußen vor sich ging. Wer wissen wollte, welches Wetter irgendwo auf der Welt war, musste nur den entsprechenden Sender aufrufen. Vom Sofa aus konnte man dann in alle Winkel der Welt blicken.
Nach und nach – und das ist der Kern der Sache – geschah bedauerlicherweise immer weniger unter freiem Himmel. Das Haus zu verlassen, bedeutete seinen Horizont gewaltig einzuschränken." (S.13)
Bereits im 18. Jahrhundert fantasierte der französische Mathematiker Laplace von einer Intelligenz, die die Position aller Stoffpartikel zu einem gegebenen Zeitpunkt kannte. Für diese Intelligenz sei nichts ungewiss, und die Zukunft und Vergangenheit würden ihr offen vor Augen liegen.
Diese Intelligenz, an die Laplace dachte, es gibt sie also wirklich. Wir nennen sie Pleroma– obwohl sie nicht intelligenter ist als eine Datenbank.
Abdullah Ariis im Jahre 2105 nach, dass alle Ereignisse des Universums im Roma gespeichert werden. Von dort können Sie auch zurückgeholt werden.
Bereits 15 Jahre später, im Januar 2120, wurde der erste Prototyp seines Scanners konstruiert. (Seite 16)
Zunächst hielt man die neue Erfindung geheim. Wie würde die Menschheit mit diesem neuen Werkzeug umgehen?
Der Zeitscanner (der Prototyp wurde beim Zahnzentrum in Genf aufgestellt) war natürlich etwas ganz Neues. Aber man darf nicht vergessen, welche Entwicklung im vorausgegangen war." (S.17)
"Zu behaupten, die Pioniere in Genf hätten sich mit Begeisterung über den Scanner her gemacht, wäre eine gelinde Untertreibung. Schließlich hielten sie nicht weniger als die gesamte Weltgeschichte in Händen." (S.18)
"Wie wir wissen, wurden schon nach wenigen Jahrzehnten die Bildschirme in den Privatwohnungen an dem Zeitscanner angeschlossen. [...] Die beiden Sucher des Seitcanners waren nicht schwieriger zu bedienen als die Joysticks der alten Computerspiele. [...] Es wurden bereits Parallelen zu den alten Radiogeräten gezogen. Wer einen bestimmten Kurzwellensender suchte, mußte behutsam vorgehen. Mit einer winzigen Umdrehung konnte man zehn Sender überspringen." (S.18)
"Stellen wir uns vor, wir suchten den französischen Philosophen Jean-Paul Sartre. Wir wissen vielleicht, dass er in Paris gelebt hat. Vielleicht wissen wir auch, dass er um die Mitte des 20. Jahrhunderts in Paris gelebt hat. Dennoch genügt es natürlich nicht, den Zeitscanner auf das Paris des Jahres 1950 einzustellen. Paris! Wo in Paris? Und wann genau lebte er dort? [...] In welchem Café mag Monsieur Sartre sitzen? Schon damals gab es in Paris Tausende von Cafés. [...] Wir brauchen einen Anhaltspunkt. [...] Viele Menschen verirrten sich damals in Zeit und Raum.  Noch immer gibt es Menschen, die willkürlich in der Geschichte herumsuchen, doch die meisten arbeiten heutzutage mit den vielen tausend Suchschlüsseln, die inzwischen entwickelt worden sind. Ich selber habe an die sieben- oder achttausend Schlüssel, vielleicht etwas mehr als allgemein üblich. [...] Ein wichtiges Hilfsmittel ist der Schlüssel >Orte und Städte, heute und gestern< – in Wirklichkeit eine Liste über dreihundert Orte auf der Welt, die sich auf bestimmte Zeitabschnitte beschränkt." (S.19-21) 

"Für uns, und vor allem für die jungen Leute, kann es wichtig sein, die Geschichte der Schlüssel zu kennen.
Zu den allerersten gehörte der Schlüssel >Titanic<. Schon in früheren Zeiten gab es eine große Anzahl von Büchern und Filmen zu diesem Thema. Deshalb bestand ein enormes Interesse daran, den authentischen Schiffbruch zu erleben." (S. 22). 
Natürlich wurde, weil jetzt alle Arten von Grausamkeiten auf dem Bildschirm zu sehen waren, auch über Kinderschutz nachgedacht:
"Auch auf einen eher erkenntnistheoretischen Aspekt ist hingewiesen worden: Die Menschen, insbesondere Kinder, gewöhnen sich an alles. Heute wachsen sie so selbstverständlich mit dem Scanner auf wie die Kinder in früheren Zeiten ohne. Oder wie Ibn Avicenna fast 100 Jahre vor dem Zeitscanner sagte: 'In unseren Bewusstsein existiert nichts, was nicht zuerst im Fernsehen existiert hat.'
Kinder verstehen, dass das, was sie auf dem Bildschirm sehen, nicht real ist. Es ist nichts als Geschichte." (S.25)  
"Der Tod der Wissenschaft [...] 
Wozu braucht man Historiker, wenn es den Zeitscanner gibt? Wenn nicht mehr gerätselt und gefolgert werden kann, ist auch kein Platz mehr für die Geschichtswissenschaft.
Wenn man heute überhaupt noch von der Geschichte als einer eigenständigen Disziplin spricht, dann meint man damit die Arbeit an der Entwicklung neuer Schlüssel für den Scanner. In den alten Geschichtsbüchern wurden die Fußnoten immer länger. Inzwischen ist das ganze Fach zur Fußnote degradiert worden. Zwar hat der historische Riecher – von manchen auch Intuition genannt – durchaus nicht an Wert verloren. Doch braucht man natürlich keine Geschichtsbücher mehr, wenn man auf eigene Faust in der Weltgeschichte herumspazieren kann.
Es gibt keine historischen Unsicherheiten mehr. Alle Fragen können beantwortet werden."     (S. 26). 
Jetzt nimmt Gaarder Gelegenheit, u.a. den Urknall, Hegels Weltgeist, Nietzsches: Vom Nutzen und Nachteil der Historie und Fukuyamas Ende der Geschichte  zu behandeln.
"Für mich ist nun der Zeitpunkt gekommen, an dem ich Flagge zeigen muss. Ich bin natürlich kein Mensch. Das sind wir heutzutage alle nicht mehr. Ich bin Hegels Weltgeist. Ich bin Gott. Ich bin Pleroma.
Wir sind keine Individuen mehr, wenn wir nichts mehr tun. Das Individuum ist eine handelnde Persönlichkeit. Ein Individuum ist per definitionem etwas Begrenztes. Wenn alle überall sind und alles wissen – dann ist alles eins.
Die Geschichte hat ihr Ziel erreicht. Der Kreislauf ist durchbrochen. Alle Bäche sind im großen Ozean zusammengeflossen.
Das alles ist vor vielen Jahrtausenden passiert. Jetzt ist es sicher zehn- oder zwanzigtausend Jahre her, dass der Zeitscanner konstruiert wurde. Aber das spielt wirklich keine Rolle. Ich habe aufgehört, die Jahre zu zählen. Aber ich habe die Weltgeschichte kreuz und quer durchwandert." (S.34)


Die Diagnose (S.39-101)

Die krebskranke Chemikerin Jenny erkennt, dass sie eins ist mit der Welt, die sie erlebt, dass ihr nichts verloren geht, wenn sie stirbt, weil ihre Welt dann sowieso nicht mehr da ist. 

Theobald  und Theodor (S.105-113)

"[...] Theobald gehört zu jenen ungeheuer selten vorkommenden Figuren, die zu einem Bewusstsein, ihrer Selbst und Erschöpfung gelangen, der sie angehören. Er weiß, dass sein Leben sich in einem Buch aus Papier und Druckerschwärze abspielt. (Den Lasern wird in einem wahrhaft ergreifende Kapitel des Romans, der schmerzhafte und aufreiben der Erkenntnisprozess demonstriert. Wer möchte da noch Romanfigur sein!) Doch kaum hat Theo bald seine fiktive Natur erkannt, da erhebt er sich auch schon im Aufruhr und Protest gegen den Autor.

'Ich weigere mich, deine Marionette zu sein', ruft er schließlich auf Seite 112 gen Himmel.

Ich lasse mir diese Manipulation nicht gefallen! [...]" (S. 106)

"Natürlich wusste der Schriftsteller von den Bestrebungen seiner Figur. [...] Natürlich kann eine Romanfigur vor ihrem Autor nur schwerlich etwas verbergen. Kein Gedanke, keine Handbewegung entgeht der Aufmerksamkeit des Meisters. Andererseits amüsierte sich der Autor über den spitzfindigen Plan seiner Figur. [...] Schon lange, machte es Theodor zu schaffen, dass er seinen Romanfiguren gegenüber zu autoritär auftrat. Dadurch konnte er keine persönliche Beziehung zu ihnen entwickeln– und auch nur selten etwas von ihnen lernen – sein Einfluss war einfach grenzenlos." (S. 107/108) [...]

sieh auch: 

Durchaus informativ, aber vergleichsweise trocken und langweilig stellt die KI Gemini das Buch vor.

Jostein Gaarder:

https://www.perlentaucher.de/autor/jostein-gaarder.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Jostein_Gaarder#In_deutscher Übersetzung

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