11 Oktober 2026

Moderne Märchen für Erwachsene

 Die von Elisabeth Borchers 1972 im insel taschenbuch13 zusammengestellten Erzählungen des 20. Jahrhunderts sind, wie man sich denken kann, meist nicht rückwärts gewandt in eine "Zeit, wo das Wünschen noch geholfen hat", sondern zu einem nicht geringen Teil Parabeln, die in unseren Tagen eine erschreckende Aktualität gewinnen.

Da ist Georg Kaisers "Die Insel der tausendjährigen Menschen", die vorführt, wie ein Traum von Unsterblichkeit ins Unglück führt oder Erich Kästners "Das Märchen von der Vernunft", wo die Kosten für eine Welt ohne Krieg auf eine Billon Dollar geschätzt wurden.

Mit dem Dollarbillionär Musk sind solche utopischen Dimensionen für Einzelpersonen - theoretisch! - machbare Ziele geworden. Er hat ein Vermögen von einer Billion Dollar und strebt wie sein Multimilliardärskollege Peter Thiel für sich und die Menschheit eine Art Unsterblichkeit an, so dass der Kampf gegen den Klimawandel auf der Erde durch eine Auswanderung auf den Mars überflüssig werden könnte. 

So investiert Thiel schon seit langem in Unsterblichkeitsforschung und Musk gelingt es, für seine Weltraumunternehmen Investitionen  in zweistelliger Milliardenhöhe zu finanzieren, in einer Zeit, wo manche Staaten, die lange Zeit als höchst kreditwürdig galten (AAA und negative Zinsen) sich zu überschulden drohen. Die Finanzierung einer Umsiedlung der Menschheit auf den Mars gilt als kreditwürdiger als die Instandhaltung von Infrastruktur auf der Erde.

Angesichts des gegenwärtigen Finanzmarktes ist das sogar realistisch. (Natürlich  beschwören solche Spekulationen neue Finanzkrisen herauf; aber die Finanzkrise ab 2007 hat ja gezeigt, dass zwar nicht alle Staaten, aber durchaus viele privaten Unternehmen aufgrund ihrer Vernetzung "too big to fail" sind.)

Zitate:

Kästner:

"Da brachen die Staatshäupter und Staatsoberhäupter in tobendes Gelächter aus. Man brüllte geradezu. Man schlug sich untereinander auf die Schenkel, krähte wie am Spieß und wischte sich die Lachtränen aus den Augen./ Der nette alte Herr schaute ratlos von einem zum anderen. 'Ich begreife ihre Heiterkeit nicht ganz', sagte er. Wollen Sie mir gütigst erklären, was Ihnen solchen Spaß macht? Wenn ein langer Krieg, eine Billion gekostet hat, warum sollte dann ein langer Frieden nicht dasselbe wert sein? Was, um alles in der Welt, ist denn daran komisch?"

 Nun lachten sie alle noch lauter. Es war ein rechtes Höllengelächter. Einer konnte es im Sitzen nicht mehr aushalten. Er sprang auf, hielt sich die schmerzenden Seiten und rief mit der letzten, ihm zur Gebote stehenden Kraft: 'Sie, alter Schafskopf! Ein Krieg – ein Krieg ist doch etwas ganz anderes!' 
Die Staatsoberhäupter, der nette, alte Herr und ihre lustige Unterhaltung sind völlig frei erfunden. Dass der Krieg eine Billion Dollar gekostet hat und was man sonst für denselben Betrag leisten könnte, soll, versichert eine in der 'Frankfurter Neuen Presse' zitierte amerikanische Statistik, hingegen zutreffen." (S.156/57)




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