15 Februar 2011

De Reis' nah Konstantinopel (Fritz Reuter)

Je, Rostock! – Jeden Meckelnbörger geiht dat Hart up un männigmal ok de Geldbüdel, wenn von Rostock de Red' is. Wat in ollen Tiden Tyrus un Sidon was för de Welt wegen den Handel, wat vördem Athen was för de Welt wegen Kunst un Wissenschaft, dat is up Stunns Rostock för den Meckelnbörger, un Warnemünn' is sin Piräus, un 't Spill (Am Rostocker Hafendamm vor Warnemünde steht eine große Winde (Gangspill).  Nach dieser Winde wird auch der ganze Hafendamm Spill genannt.) müßt eigentlich Sunium döfft warden, un dor, wo 't nah Papendörp 'rute geiht, müßt de Akropolis stahn, un unner de Swibbagens von dat Rathhus müßt Aristoteles mit sine Schäulers ümmer up un dal, up un dal gahn, ahn dat em en Krewt (Polizist) wat tau befehlen hadd. [...]
Tau Rostock in de Alexandrinenstrat (Alexandrinenstraße in der Steintorvorstadt) satt an desen Abend in 'ne schöne, warme Stuw' Fru Jeannette Groterjahn – sei heit eigentlich ›Hanne‹, un so was sei ok von lütt up annäumt, æwer sei hadd sick ümdöfft un schrew sick nu ›Jeannette‹ – un bi ehr satt ehre einzige Dochter Helene, de sei ok ümdöfft hadd, denn sei näumte sei bald ›Hella‹, bald ›Ellen‹, wat sick wegen de Afwesselung in 'n Ganzen sihr gaud utnemen ded. Achter 'n Abenkek noch 'ne lütte, stuwe Näs 'rute, de hürte Fru Groterjahnen ehren drütteihnjöhrigen Herrn Sæhn Paul tau, den Fru Groterjahnen ut jichtenseinen vernünftigen Grund ›Poll‹ näumen ded; Herr Groterjahn säd ›Paulus‹, wil dat dordörch up em sick en lichten Schin von sogenannte klassische Bildung smiten künn. –

Buten got (draußen goss) de Regen in Gæten dal, de Wind kloppte an de Finsterladen, as wull hei Jeden vermahnen, sick vör em in Acht tau nemen, un Helene schudderte tausam un slog ehren warmem Daukfaster üm de Schullern. – Dat kunn nu æwer ok en annern Grund hewwen, denn ehr leiw' Mutting hadd ehr eben en langes, frostiges Kapittel von Vörlesung æwer de Frag' hollen (gehalten):woans sick en jung' Mäten in Herren-Gesellschaften tau verhollen hadd, wenn sei tau 'm Klavirspill upföddert würd, un sei slot ehre Reden mit de Würd': »Früher, mein Kind, als Du noch Kind warst, mußtest Du Dir verschiedene Bücher auf den Stuhl legen, um anzukommen; jetzt thut das nicht mehr nöthig, Du setzest Dich auf einen gewöhnlichen Rohrstuhl und läßt Dir die Noten von den Herrn umschlagen. – Aber, Gott im Himmel! – Nein. – Diese Rücksichtslosigkeit von Vater! läßt uns hier in dem Wetter allein sitzen!« – Helene kek von ehr Stickarbeit tau Höchten, as wull sei wat seggen,sweg æwer still, un Paul kreihte achter 'n Aben 'rute: »»Oh, Mutting, wi sitten jo ganz warm.««
[...]

Kurzes Tagebuch von Paulen.
Triest, den ersten Osterdag: Diese Stadt ist voll von viel Volk, auch voll Snurrers, welche aus kleine Kinder und alte Weiber bestehen. Diese haben den Herrn Studenten Bauer for einen vornehmen Fürsten estimirt, indem er eine bunte Mütze und einen bunten Rock anhatte, dieses hat er mich nemlich erzählt. Den Mittag hat Vating wieder Fische gegessen, sie haben aber so gesmeckt, as wenn die Dirn die Oellamp in die Sauß gegossen hat. Wir Andern aßen Rinderbraten. Wir haben auch ein Kriegsschipp besehen, die alte Dam' hat uns das angeschünnt, und Helening hat viel Schelt von Mutting gekriegt; ich aber auch. Vating un Jochen un der alte Jahn haben sich aber sehr gefreut; Vating sollte eine Buddel Schipander zum Besten geben. –
Triest, den zweiten Osterdag. Herr Nemlich hat viel Schelt gekriegt, weil daß er noch nicht gepackt hätte. Ich habe auch wieder Schelt gekriegt, weil daß ich auf den Fischmark gelaufen war, daß ich da die erbärmlichen wilden Seethiere besehen wollte. Des Mittags haben wir nichts gegessen, indem daß wir schon Vormittags auf das Schipp mußten; es nennt sich ›Bumbi‹. Vating ist aber still weggegangen und hat uns stehen gelassen und hat heimlich in ein Wirthshaus Frühstück mit warme Bratkartoffeln gegessen, un Mutting hat ihn auch dafor orndlich ausgescholten. Auf das Schipp haben wir getroffen 1) Jochen Klæhnen, 2) Unkel Borßen, 3) Unkel Jahnen, 4) den Herrn Studenten Bayer, 5) einen Herrn Avkaten, 6) den Herrn Baron von Unkenstein, den Mutting ganz allein leiden mag, und 7) einen kleinen Komerzionsrath aus Thüringen, der Vating immer den alten und mir den jungen ›Grobian‹ benennt, indem daß er ›Groterjahn‹ in seine Sprache nicht sagen kann. Die Nacht hat sich ein grauwelliger Sturm erhebt, und die Bülgen haben man immer so über das Schipp geslagen. Vating und der kleine Komerzionsrath haben jämmerlich gestæhnt, denn das ist die Seekrankheit, und ich habe man knapp die Stiebel angekrigt. Unkel Jahn und Jochen haben Mutting oben 'rauf getragen, und Vating hat heute Schelt gekrigt, daß er das gelitten hat. Die alte Dam' sah mal putzlistig aus in Unkel Jahnen seinen Pelz.

Ragusa, den Dag nach Ostern. Nu sind wir hier. – –

Kapittel 12.
Ithaka. – Weck seihn vel, un weck seihn nicks. – De oll Dam' vertellt 'ne Geschicht. – Jochen arretirt Paulen, un Herr Nemlich höllt en Vordrag, den kein Minsch glöwen will. – Wat de meckelnbörgische Insel Poel dat ›Land der Phäaken‹ is. – Anton schämt sick nich, sine Fru vör Ogen tau kamen, nimmt dat Bitt mang de Tähnen un ward stüerlos. – De Herr Baron ward drister un redt sogor von sinen erbärmlichen Harten. – Jochen Klæhn stift't Paulen tau wat Slichtes an, weswegen denn Paul ok tau Bedd bröcht ward. – Tanten Line un de oll Jahn, un dat irnsthaft. – Kap Matapan.

Den annern Dag führten sei an 'ne Insel vörbi, de utsach as en groten, riesigen Reis'kuffert, de unverseihns in de See follen was, mit en hogen Deckel, von den all de Hor afschürt wiren, un unsere beiden meckelnbörgschen Landlüd', Groterjahn un Jahn, kemen stillswigend in Gedanken mit ehren Ansichten æwerein: wo dat mæglich wir, dat so 'n Land in de Welt afsistiren künn, wo sick nich mal Buck un nich mal Snuck dorup ernähren künn; æwer in de Schippsgesellschaft gung de Red' hen un her: »Ithaka, das ist Ithaka, Ithaka.« – Allens was niglich, Allens drängte sick an de linke Burt un kek henæwer nah de olle, nakte Insel, as wir dor gräune Wald un gräune Wisch tau seihn, un Gorens un Feller un frische Borns un Beken, de von de Höh' as Sülwerfaden, Fall up Fall, herunnerstrudelten bet in de blage See. [...]
As sei vörn ankemen, begegnete ehr Jochen Klæhn, de Paulen an den Kragen fat't hadd un mit em furt slepte: »»Dat helpt Di nu All nich! Din Vater hett dat nu einmal seggt, ick sall Di bringen, un süh, dor kümmt nu ok Din Helene.«« – »Was soll er, Jochen?« frog Helene. – »»Je, nu seihn S' mal! Franz Nemlich sall Herr Groterjahnen dat hir von dese olle, verwunschene Insel erklären, un dat sall hei mit anhüren, dat hei dor nahsten Bescheid von weit, un dat will hei nich.«« – »Nein!« rep Paul un wennte sick an Helene, »was Herr Nemlich da sagen kann, das weiß ich schon, das haben wir All schon beim Herrn Subrektor gehabt, von Odysseussen und Telemachen und all die Andern, und da brauch ich nicht hinzugehen.« – »»Na,«« säd Jochen un nickte Helene tau, »»süh dor! Nu hüren Sei 't! – 'T is einen gottlosen Slüngel. – Sin Vater . . . .«« – »Ja, Paul,« föll Helene irnsthaft in, »Vater hat's nun einmal gesagt, und Du gehst gleich auf der Stelle.« – »»Oh, Lening . . . .«« – »Nein, auf der Stelle!« dormit gung sei af. – »»Sett Di in kein Unverlegenheit,«« säd Jochen un fot em wedder in den Kragen, »»pariren möst Du. – Ick wull blot, Du wirst ein acht Dag' bi min Mutter, de würd Di 't bibringen. – Wenn ick mi noch so schön in den Dörp 'rüm driwen ded un minen Lust doran hadd, un ick sull nah Hus kamen, meinst, dat s' mi rep? ne, sei fläut't mi blot (flötet mir bloß). Denn stunn s' in de Husdör un fläut't up ehren ollen, hollenKuffertslætel (hohlen Kofferschlüssel) un gnad' mi Gott, wenn 'ck nich kamm. – Nu kumm!«« un Paul folgte. –  [...]
Türken Teaki genannt, eine kleine Felseninsel zwischen Kephalonia und der Küste, mit dem Vorgebirge Neïon und dem Hafen Rheitron, einst das Reich des Ulysses . . .« – »»Nein,«« rep Paul dormang, »»er heißt Odysseus.«« – Jochen lachte un plinkte em tau: so wir 't Recht. – Herr Groterjahn kek irst Paulen un nahsten Herr Nemlichen an: »Woher weißt Du das, Paulus?« – »»Der Herr Subrekter hat 's uns so gesagt.«« – »Im Cannabich steht ›Ulysses,‹ säd Herr Nemlich. – »»Na,«« säd Herr Groterjahn, »»das hat nu woll weiter nicht viel zu bedeuten, dieser kann möglicher Weise ein Sohn von dem andern König sein; in Preußen heißen sie ja auch bald ›Friedrich‹ und denn ›Friedrich Wilhelm‹ un denn man slechtweg ›Wilhelm‹. – Na man weiter!«« – Herr Nemlich gung nu von de Geographie tau de Geschicht æwer un fung an: »Wenn wir uns nun diesen Ulysses betrachten, so stellt sich uns zuerst der Trojanische Krieg vor, von dem der Herr Professor Petiscus uns in seinen Werken berichtet. – Ulysses war ein Sohn des Laërtes und der Anticilia und war König von Ithaka und den umliegenden Gegenden. Die Geschichte dieses Heroen ist mit manchem Fabelhaften durchwebt.« – »»Ja,«« säd Herr Groterjahn, »»Lügen sind woll viele damang.«« »Ja, Herr,« föll Jochen ganz drist in, »un wat anner Lüd' nich lagen hewwen, dat lüggt Franz Nemlich dortau.«

(Fritz Reuter: De meckelnbörgschen Montecchi un Capuletti oder De Reis' nah Konstantinopel)

weitere charakteristische Passagen des Romans und ein kurzer Text über den Roman insgesamt findet sich im ZUM-Wiki

12 Februar 2011

Kriegs- und Nachkriegszeit in Deutschland: "Am Beispiel meines Bruders"

Ich schätze Uwe Timm und wundere mich, dass ich die Bücher von ihm, die meine Vorliebe begründeten, schon 2007 und 2008 gelesen habe. Jetzt ist mir Die Entdeckung der Currywurst unter den von meiner Tochter aussortierten Büchern begegnet. Von meinem Freund erhielt ich dazu, aus Rezensionen mir schon lange als sehr gehaltvoll bekannt, Am Beispiel meines Bruders.
Wieder die höchst genaue Beobachtung, die die kritische Sicht auf sich selbst nicht ausschließt. Nun ist beim "Beispiel Bruder" durchaus nicht nur der Bruder im Blick, sondern mit nahezu unbarmherzig objektivierenden Blick die ganze Familie.
Dagegen leistet sich die Entdeckung der Currywurst, da sie weitgehend fiktiv ist, weit mehr Empathie.
Zu bemerken noch, dass es Entdeckung, nicht Erfindung heißt. Soll doch alles durch einen Sturz auf der Treppe in Gang gekommen sein.
Die Wikipedialinks mögen auf Weiteres verweisen.
Den existentiellen Ernst des Buches über Bruder und Familie kann man dem Artikel zur diesem Buch freilich nicht entnehmen.
Zwei Zitate aus dem Kriegstagebuch der 16 Jahre älteren Bruders wiederholt Timm mehrmals, weil sie über reines Notieren von Geschehen hinaus gehen:
"75 m raucht Iwan Zigarretten, ein Fressen für mein MG"
"Hiermit schließe ich mein Tagebuch, da ich für unsinnig halte, über so grausame Dinge wie sie manchmal geschehen, Buch zu führen."

Mit dem zweiten Zitat schließt er auch das Buch, in dem er versucht hat, aufzuzeigen, wie viel wichtiger Mut zur Verweigerung ist als Tapferkeit beim Ertragen von auf Befehl erlittenen Schmerzen und Leid.

09 Februar 2011

Monika Maron: Stille Zeile sechs

"Es können aber doch nicht beide Recht haben!"

Vielleicht doch.  -  Ihr Recht.

Der alte Kommunist, der sich sagt: "Nie wieder Opfer!"
Die Frau im mittleren Alter, die sich sagt: "Ihr habt uns am Leben gehindert. Ich will selbst denken dürfen." (Monika Maron: Stille Zeile sechs)

Der Jude, der sagt: "Nie wieder Opfer!"
Der Palästinenser im Lager, der sagt: "Ihr habt uns unser Leben genommen. Im Lager existieren wir nur ."

Letzte Sätze

Ich werde es auf keinen Fall öffnen. (Monika Maron: Stille Zeile sechs)

Damit wollen wir uns bescheiden. (Heinrich Spoerl: Die Feuerzangenbowle)

Und das ist bekanntlich die Hauptsache dabei. (Erich Kästner: Das fliegende Klassenzimmer)

"Ach, Luise, laß .... das ist ein zu weites Feld." (Theodor Fontane: Effi Briest)

Und sie sah nicht aus wie eine, die geweint hat; das wollen wir doch einmal sagen. (Uwe Johnson: Mutmaßungen über Jakob)

16 Januar 2011

Bettine von Arnim, geb. von Brentano

Dass Bettines Buchtitel "Dies Buch gehört dem König" auf einen Briefwechsel mit Friedrich Wilhelm IV. aus der Zeit, als er Kronprinz war, aufbauen konnte, war mir nicht klar.
Was in der Wikipedia noch heißt: "1840 bewirkte ihr Einfluss, dass die Brüder Grimm – wegen der Zugehörigkeit zu den Göttinger Sieben seit 1837 mit Berufsverbot belegt – einen Ruf an die Berliner Universität annehmen konnten", ist ungenau. Sie wurden aus der Privatschatulle des Königs bezahlt. Bettine hatte ihren Freund Savigny in hochemotional-aggressiven Schreiben aufgefordert, etwas für die Grimms zu tun,  und Friedrich Wilhelm selbst angeschrieben, so dass dieser nach dem Tode seines Vaters als einen Programmpunkt aufnahm, Berlin bedeutende Gelehrte zuzuführen.

15 Januar 2011

Dichters Ort

Über zwei Jahrzehnte hat das Buch in meinem Bücherregal gestanden und ich habe es nicht beachtet. Jetzt habe ich etwas länger hinein gesehen und bin sehr beeindruckt: „Dichters Ort” von Werner Liersch.

Es ist eine Literaturgeschichte, die von Regionen und Orten ausgeht. Da sie zur Zeit der DDR geschrieben worden ist, ist sie nach Bezirken gegliedert.

Ich kannte das Bauprinzip von Drabble: A Writer's Britain.* Aber während es dort primär um Autoren geht, die ihre Landschaft beschrieben haben, hält Liersch für jeden Ort fest, welcher Schriftsteller von einigem Rang sich dort aufgehalten hat.
So geben sich bei ihm in Erfurt Personen ein Stelldichein, die nicht nur durch die Zeit weit getrennt waren, die aber zum Teil auch gut befreundet waren.
Meister Eckhart, Crotus Rubeanus (mit Luther und von Hutten befreundet), Luther, Eobanus Hessus (Eoban Koch), Ulrich von Hutten, Kaspar Stieler, Wieland, Goethe, der hier mit Napoleon sprach, Schiller, Wilhelm von Humboldt.

Zu Magdeburg nennt er u.a. Georg Rollenhagen, Immermann, Spielhagen, Raabe, Georg Kaiser und Erich Weinert.
Er legt Wert darauf, keine Porträts der Dichter versucht, sondern sich strikt auf Ortsbezogenes beschränkt zu haben. Doch die Tagebuchpassagen, Briefauszüge, Kurzangaben den verschiedenen Besuchen am Ort und - im Fall von unbekannteren Schriftstellern - zum Leben sind gerade weil sie sich des Urteils über den Rang eines Dichters oder einer Dichtung enthalten, höchst lebendig und persönlich anrührend, den Autor charakterisierend.

Seinen charakteristischen Reiz entfaltet das Werk freilich vor allem bei kleinen Orten. So, wenn man erfährt, dass Nennhausen im Kreis Rathenow vor allem der Ort Friedrich de la Motte Fouqués war, und Liersch über ihn berichtet:
Friedrich de la Motte Fouque bewohnte nach seiner Heirat mit Karoline v-Briest, verw. Rochow im Januar 1803 bis zum Tode seiner Frau Gut und Schloß Nennhausen mit seinem ausgedehnten und vielgerühmten Park.
[...] Hier weilten u. a. A. W. Schlegel, Wilhelm von Humboldt, Adelbert von Chamisso, E. T. A. Hoffmann, Varnhagen von Ense, Willibald Alexis.
(Dichters Ort, S.98/99)
Und dann Varnhagen von Ense zitiert:
Die üppigste Fruchtbarkeit und anmutigste Leichtigkeit ließen ihm alles zu Gedichten und Reimen werden, was er nur berührte und diese Art von Stegreifgedichten, die stete Gegenwart dieser poetischen Regung und Äußerung erhöhte für seine nähern Freunde, die das Hervorbringen mitansahen, den Reiz und die Wärme seiner Dichtergebilde, welche, für sich allein und von ihrem Entstehen getrennt betrachten, allerdings etwas zu stark in die grünen Blätter geschossen dünkten. Mich aber bezauberte dieses reiche Wachstum, das sich gleichsam unter meinen Augen entfaltete und mehrte, denn Fouque hatte nicht nur ganze Schubladen mit schon abgeschlossenen Handschriften gefüllt, sondern in der kurzen Zeit unserer Anwesenheit sahen wir den Vorrat um große und kleine Stücke bereichert; jeder Tag und jede Stunde, besonders aber regelmäßig der frühere Nachmittag, fand Fouque zum Schreiben aufgelegt,  und dann schrieb er seine Sachen, Lyrisches und Dramatisches und gleicherwreise epische Prosa, fast ohne auszustreichen, ununterbrochen hin, so schnell die Feder laufen mochte. (zitiert nach Liersch: Dichters Ort, S.99) 
Fouqué hatte großen Erfolg, und sein Vielschreiben störte nur seine Konkurrenten, bis er dann außer Mode geriet und sich traurig vereinsamt fand. Uns bleibt von seinen Werken die "Undine".
Günter de Bruyn merkt an, dass Fouqué fast 50 Jahre im Havelland lebte, "dreißig davon schreibend; in seinen Werken aber war es so gut wie nicht erschienen. Das Havelland war die Wirklichkeit. Aus ihr aber war Fouqués Dichtung nicht gemacht." (de Bruyn: Mein Brandenburg, S.90)
Fouqué war also ein Autor, der nie in Drabbles: A Writer's Britain aufgenommen worden wäre, in diesen Dichterorten der DDR aber seinen angemessenen Platz fand.

Genauso wie Bodo Uhse, heute fast vergessen, dessen Erwähnung bei Groß Glienicke, Kreis Potsdam, aber deutlich macht, was die Kulturlandschaft der DDR ausmachte: Emporheben sozialistischer Schriftsteller und Pflege des ideologisch ungefährlichen Erbes. Autoren wie de Bruyn und Christa Wolf kommen freilich nur als Zeugen vor, an ihren Lebensorten werden sie nicht erwähnt. Wolf Biermann durfte freilich gar nicht auftauchen.
Über Uhse schreibt Liersch:
Im September 1948 kehrte Bodo Uhse aus dem mexikanischen Exil zu­rück. Die Hejmkehr hatte sich u. a. dadurch verzögert, daß Uhse das Rei­segeld für seine Familie fehlte. Die erste Notiz auf deutschem Boden schrieb Uhse am 14. September 1948 im Gästehaus der SED in der Berli­ner Wallstraße:
»Es ist nach zwölf Uhr nachts. Ich sitze in einem recht kahlen Raum der Wallstraße und versuche Klarheit zu bekommen über diese ersten Eindrücke, die wie Bruchstücke eines Mosaiks vor mir liegen, dabei weiß ich nicht, daß ich sie noch gar nicht einmal zusammenfügen kann, denn so vieles noch fehlt, so vieles, das ich noch gar nicht kennen kann: darunter das Wesentlichste: der deutsche Mensch dieser Zeit — an ihn heranzukommen ist das Wichtigste und Dringendste.
Um ihn habe ich schließlich all diese Jahre im Auslande gerungen. Ich habe viele bittere Worte über ihn gehört — und selber manches Bittere über ihn geschrieben, denn ich kenne ja den Unbekannten gut, er lebt ja in mir, und der Sinn meiner Rückkehr ist, sein Schicksal wieder zu mei­nem Schicksal werden zu lassen. [...] (Dichters Ort, S.94)
Dann zitiert Liersch Uhses Tagebuchnotizen  vom 9.2.1953, die deutlich machen, was die stalinistische DDR eben auch war:
Nur gut, daß es zuvor reichlich Schnee gegeben hat, der die Wintersaat in der Erde schützt. Aber in der Laube will es nicht recht warm werden, trotz des Ofens. Ich fühle die Kälte auf den Knien, immer wieder muß ich aufspringen und mir die Hände reiben. Die Arbeit leidet darunter. Von morgens um acht bis abends um sieben sitze ich in der Laube. Verliere nur mittags eine Stunde. Aber am Freitag kamen trotzdem nicht mehr als zwei Seiten heraus.
Bei der Durchsicht der Tagesnotizen dieser letzten Wochen fällt eines auf: das Verlangen nach gefühlsmäßiger Wärme, nach Nähe und Identifizierung mit den handelnden Menschen, nach ihrer Durchdringung. Also nach Naivität, nach Aufhebung der Distanz. [...] (Dichters Ort, S.95)
* Drabble auf Youtube über ihr Buch

08 Dezember 2010

Moses und Homer

Peter Bamm denkt sich Moses und Homer als zwei historische Personen und den Auszug aus Ägypten als knapp 30 Jahre vor dem Trojanischen Krieg erfolgt. Gern hätte er Homers Kunst auf die Darstellung der Szene angewendet gesehen, wie Mose vom Schiff aus den Griechen die zehn Gebote verkündet.
Im Gefolge von Cyrus H. Gordon (Geschichtliche Grundlagen des Alten Testaments, 2. Aufl., Einsiedeln 1961) sieht er viele Ähnlichkeiten zwischen dem heroischen Zeitalter der Griechen und der Juden.
Da Moses nach dem Auszug aus Ägypten  ja 40 Jahre durch die Wüste zog, musste er sich beeilen, um auch noch rechtzeitig zum Ende des Krieges an die Dardanellen zu kommen ...
Schade, dass Bamm die Szene nicht an Stelle Homers geschildert hat.
Soll ich's versuchen?

Singe, o Muse, die göttlichen Taten des Irrläufers Mose,
wie er die Tafeln mit zehn der Gebote geschleppt durch die Wüste
wandernd nach Troja und dorten verkündend Gesetze den Griechen. ...