26 September 2015

Religionsgespräch im Lager von Julian Apostata

Wenn Felix Dahn auch das Konzept der translatio imperii vom Römischen Reich auf die Germanen vertritt, so ist er den Germanen gegenüber doch nicht völlig unkritisch. Das zeigt sich auch an dem folgenden Religionsgespräch:

»Es ist, wie ich euch sage«, begann aufs neue der eine von ihnen, den der runde Schädel, die dunkle Farbe von Haar, Haut und Augen als Sproß Italiens kennzeichneten. »Er ist ein Sohn Appollons. In Gestalt eines goldnen Gusses von Sonnenstrahlen nahte der Gott Frau Irenen, als diese einsam am Meeresstrande dahinwandelte, und sie gebar ihm unsern Imperator. Deshalb ja verehrt er mehr denn alle andern Götter den unbesiegten Sonnengott Apoll. Deshalb gewährt ihm dieser Sieg in allen Schlachten, wie ihr's ja miterlebt, Glück auf allen seinen Wegen und den leuchtenden Blick, der ihm die Seelen der Menschen gewinnt.« Der Mann zu seiner Linken machte mit leisem Grauen das Zeichen des Kreuzes über der bleichen Stirn und dem Panzer: »Die Heiligen mögen uns behüten! Welch frevle Rede! Da wär er ja ein Sohn des übeln Höllendämons. Der Bischof meiner Vaterstadt Antiochia hat es gepredigt, ich hab es selbst gehört, Apollon ist Lucifer, der Bringer des Lichts und alles Unheils. Glaubte ich das, heute noch verließ ich seine Fahnen. Was sagst du dazu, Simon? Bist ja ein scharfer Kopf, ein halber Gelehrter!« Der Angeredete schmunzelte wohlgefällig und rieb die scharf gebogene Nase: »Nu, ist's meine Schuld, daß ich nicht bin geworden ein Ganzer? Gar fleißig lernte ich bei dem Rabbi zu Gazza! Auswendig hatte ich gelernt die Hälfte von seinen Rollen, die hebräischen und die griechischen aus Alexandria! War es meine Schuld, daß kamen auf einmal in der Nacht die römischen Kriegsknechte auf der Suche nach einem jüdischen Mann, der sollte gelästert haben den – nu ihr wißt schon – ich nenn ihn nicht gern – den von Golgatha – fanden ihn nicht, und verbrannten in ihrem großen Zorn die Schule und alle Bücher, auch die ich noch nicht hatte gelesen! Und weil ich die guten Rollen hatte wollen schützen vor ihrer Wut, schlugen sie mich – grausam schlugen sie mich – und rissen mich mit sich fort, gebunden, vor ihren Kriegsobersten. Der lachte und sagte: ›Wähle, Jud! Kopf ab, weil du hast trotzen wollen dem Imperator (Gott du gerechter, wer bin ich, zu trotzen dem großmächtigen Imperator?) oder – du hast ja starke, gesunde Knochen – diene dem Imperator mit dem Speer. Wähle.‹ Wie heißt wählen? Nu, ich wählte! Den grauslichen Speer hab ich gewählt! Und so bin ich denn geblieben a halber Gelehrter und geworden a halber Held.« »Nun, so sage, was hältst du von des Cäsars göttlicher Abkunft?« wiederholte der Christ. »Was ich dervon halt? Was werd ich dervon halten! Nix halt ich dervon.« – »Da hörst du's, Torquatus! Da hast du's mit deinem Apollo!« »Frohlocke nix, Christophore!« unterbrach der Jude. »Denn warum halt ich nix dervon? Weil es arge Gotteslästerung ist und arger Greuel vor dem Herrn, von Gott zu sagen, daß er zeuge wie ein Mann oder wie ein Stier. Und weil, weil nur ein Gott ist, nicht zwölf! Aber auch nicht drei! Und weil Gott der Herr nicht hat einen Sohn, sei er nun gezeugt durch einen Sonnenstrahl, Torquate, oder, Christophore, durch einen Taubenvogel. – Nicht! Nicht mich schlagen, Torquate! Gewalt! Gewalt! Schläge sind nicht Gründe. Hilf mir doch, Sigbrand, hilf, Sachse, du langer.« Da warf der vierte, der bisher geschwiegen hatte, die mächtige Sturmhaube aus Büffelleder, aus welcher er soeben einen ganzen Strom Rotwein geschluckt hatte, zu Boden, wischte sich den feuerroten Bart und hielt den gewaltigen nackten Arm über den Juden: »Laßt mir den Klugen in Ruhe. Zwei gegen einen? Schämt euch. Er hat recht in dem einen. Das mit dem Sonnenstrahl und das mit dem Tauberich, das ist dumm. Will ein Gott sich einen Sohn zeugen, hei, da tut er es selbst, braucht dazu keinen Sonnenstrahl und kein Federgeflügel. Was verziehst du das Maul, Jude? Was zuckst du?« – »Wehe, weh geschrien! Was redest du da von einem Gott und einen Sohn zeugen?« – »Wie, du Hund?« schrie der Riese und packte seinen Schützling am spitzigen Bart. »Ist Sassenot vielleicht nicht Wodans Sohn? Sag nein, trau dir! Und dein kluges Hirn spritzt im Zelt umher.«
– »Ja, ja doch! Wie wird er nicht sein, was du so laut sagst? Und so deutlich! Ich kenn ihn nit, den Sassenochs! Er soll sein was de willst! Da! Nu hab ich auch nur noch den halben Bart zu der halben Gelehrtheit.« – »Haltet Friede!« sprach Christophoros. »Nicht mit Gewalt soll man aufzwingen den Glauben, der von selbst kommen muß. So spricht Julianus unser Imperator. Er schützt Christen und Heiden wider Verfolgung.« – »Jawohl«, grollte Torquatus. »Hätten doch auch eure Bischöfe hiernach getan seit Constantin! Aber verbrannt haben sie unter Constantius unsere Haine, sobald ...« – »Sobald man die Bischöfe selbst nicht mehr verbrannt hat«, schloß der Jude. »Nu, etwas muß doch immer brennen bei euch anderen, euch Gewaltmenschen.«
»Überzeugen soll man die Ungläubigen«, begann Christophoros aufs neue. »Kommt, laßt jeden von uns von seinem Gott die stärksten Zeichen der Macht erzählen, die er weiß; und wessen Gott die größten Kräfte bewiesen hat, an den sollen auch die andern glauben. Fang an, Sigbrand.« – »Fällt mir gar nicht ein!« erwiderte dieser, die schon halb leer getrunkene Amphora neigend, die am Eck des Zeltes lehnte, und sich wieder die Sturmhaube füllend. »Schwatzt ihr nur! Seid ihr zu Ende, werd ich entscheiden. Ich weiß doch im voraus, wessen Gott der stärkste ist.« – »Nu, welcher ist es?« forschte neugierig der Jude. – »Der meine, Wodan.«
»Und warum, wenn man darf fragen?« spöttelte Simon. »Warum? Weil ich euch alle drei miteinander aus diesem Zelte werfe, wenn ihr den nicht als den stärksten anerkennt. Er ist stärker als eure Götter, weil ich stärker bin als ihr. Und ich bin stärker als ihr, weil ich sein Enkel bin, wessen Enkel immer ihr sein mögt.«
(Felix Dahn: Julian der Abtrünnige, III 5 (70))

Zur Stellung dieses Romans unter den Romanen F. Dahns sieh hier.

18 September 2015

Felix Dahns Romane aus der Völkerwanderungszeit

Felix Dahns Romane aus der Völkerwanderungszeit gehören zu den Professorenromanen* des 19. Jahrhunderts, kulturhistorischen Romane, die unter möglichst getreuer Berücksichtigung an den (damaligen) Kenntnisstand der Geschichtswissenschaft vergangene Zeiten literarisch zu vergegenwärtigen suchten. 
Dahns erfolgreichster Roman aus diesem Genre ist Ein Kampf um Rom (historischer Roman, 4 Bände 1876) Darin beschreibt er den Untergang des von Theoderich dem Großen begründeten Ostgotenreiches in Italien auf der Grundlage der Geschichte des Gotenkrieges des spätantiken griechischen Geschichtsschreibers Prokop von Caesarea. 

Stilicho, der vorletzte der Romane aus der Völkerwanderungszeit, teilt die Problematik, ob die Germanen sich der römischen Zivilisation anpassen können, so dass eine Mischkultur entsteht, mit dem ersten Werk "Ein Kampf um Rom". Anders als dort kommt Dahn hier aber ohne eine unhistorische Gegenfigur zum germanischen Helden aus. Der Konflikt ist in den germanischen Heermeister Stilicho selbst hinein verlegt. Dabei geht Dahn davon aus, dass dieser in der Tat vom sterbenden Imperator die Verantwortung für das Gesamtreich und eine Art Vormundschaft über die beiden unmündigen Kaiser Ost- und Westroms übertragen bekommen habe. Von daher fühlt er sich für das Römische Reich verantwortlich. Bei seinen germanischen Freunden stößt es bei seiner Werbung für den Reichsgedanken freilich auf wenig Gegenliebe. Insbesondere Alarich, der mit seinen Westgoten schon länger auf römischen Territorium lebt, fühlt sich viel zu eng seinem Volk verbunden, um sich auf Stilichos Werbung einzulassen.
So sehr Dahn seinen Helden mit positiven Eigenschaften ausstattet. In seiner mangelnden Bindung an sein Volk sieht er Stilichos entscheidende Schwäche, und er lässt ihn am Schluss auch einsehen, dass sein Weg ein Fehler war. 
Diese Verherrlichung des Germanentums und die Kritik am Reichsgedankens dürfte ein wichtiger Grund gewesen sein, weshalb Dahn seine Vorliebe für die Behandlung der Völkerwanderungszeit entdeckt hat.

17 Jahre nach seinem Bericht über den Untergang des Ostgotenreiches ("Kampf um Rom", 1876) legt Dahn dann die Anfänge der Translatio imperii vom Römischen Reich zu den Germanen schon in die Zeit kurz vor Beginn der Völkerwanderung im engeren Sinne, nämlich in das Jahr 360 mit der Schilderhebung Julians des Abtrünnigen (Roman 1893). Der geheime Held dieses Romans ist die (erfundene) Gestalt Merowech, der Sohn eines Bataverkönigs, der trotz tiefen Eindringens in die römische, ja sogar die ägyptische Kultur an seiner Bindung an sein Volk (und seiner Vorstellung, dass früher oder später in Gallien die Germanen an die Stelle der Römer treten werden) festhält. Dahn lässt ihn ein Abkomme des Julius Civilis (bei Dahn noch unter dem Namen Claudius Civilis) sein, der im Jahre 69 einen Germanenaufstand gegen die römische Herrschaft unter Führung der Bataver organisierte. (Hier ein Abschnitt aus dem Roman)

Weitere Romane Dahns aus der Völkerwanderungszeit:
    • Bd. I – Felicitas. Historischer Roman aus der Völkerwanderung (a. 476 n. Chr.) 1882
    • Bd. II – Bissula. Historischer Roman aus der Völkerwanderung (a. 378 n. Chr.), 1884
    • Bd. III – Gelimer. Historischer Roman aus der Völkerwanderung (a. 534 n. Chr.), 1885
    • Bd. IV – Die schlimmen Nonnen von Poitiers. Historischer Roman aus der Völkerwanderung (a. 589 n. Chr.), 1885
    • Bd. V – Fredigundis. Historischer Roman aus der Völkerwanderung (Ende VI. Jahrhundert), 1886
    • Bd. VI – Attila. Historischer Roman aus der Völkerwanderung (a. 453 n. Chr.), 1888
    • Bd. VII – Die Bataver. Historischer Roman aus der Völkerwanderung (a. 69 n. Chr.)
    • Bd. VIII – Chlodovech. Historischer Roman aus der Völkerwanderung (a. 481–511), 1895
    • Bd. IX – Vom Chiemgau. Historischer Roman aus der Völkerwanderung (a. 596 n. Chr.), 1896
    • Bd. X – Ebroin. Historischer Roman aus der Völkerwanderung, 1897
    • Bd. XI – Am Hof Herrn Karls. Vier Erzählungen, 1901
    • Bd. XII – Stilicho. Historischer Roman aus der Völkerwanderung, 1900
    • Bd. XIII – Der Vater und die Söhne. Historischer Roman aus der Völkerwanderung, 1901
In das Umfeld dieser Romane gehört auch der Roman Julian der Abtrünnige von 1893.

* Zu dem Professorenroman "Die Ahnen" von Gustav Freytag finden sich acht Artikel auf diesem Blog.

13 September 2015

Was schlimm ist

GOTTFRIED BENN
Was schlimm ist
Wenn man kein Englisch kann,
von einem guten englischen Kriminalroman zu hören,
der nicht ins Deutsche übersetzt ist.
Bei Hitze ein Bier sehn,
das man nicht bezahlen kann. [...]
Meine Empfehlung von Planet Lyrik

Grenzen der Menschheit

Gränzen der Menschheit.

Wenn der uralte
Heilige Vater
Mit gelassener Hand
Aus rollenden Wolken
5
Segnende Blitze
Ueber die Erde sä’t,
Küss’ ich den letzten
Saum seines Kleides,
Kindliche Schauer
10
Treu in der Brust.

Denn mit Göttern
Soll sich nicht messen
Irgend ein Mensch.
Hebt er sich aufwärts,
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Und berührt
Mit dem Scheitel die Sterne,
Nirgends haften dann
Die unsichern Sohlen,
Und mit ihm spielen
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Wolken und Winde.

Steht er mit festen
Markigen Knochen
Auf der wohlgegründeten
Dauernden Erde;
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[82] Reicht er nicht auf,
Nur mit der Eiche
Oder der Rebe
Sich zu vergleichen.

Was unterscheidet
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Götter von Menschen?
Daß viele Wellen
Vor jenen wandeln,
Ein ewiger Strom:
Uns hebt die Welle,
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Verschlingt die Welle,
Und wir versinken.

Ein kleiner Ring
Begränzt unser Leben,
Und viele Geschlechter
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Reihen sich dauernd
An ihres Daseyns
Unendliche Kette.

04 September 2015

Goethe und der Herzog (Ilmenau 1783)

Sei mir gegrüßt, der hier in später Nacht
Gedankenvoll an dieser Schwelle wacht!
Was sitzest du entfernt von jenen Freuden?
Du scheinst mir auf was Wichtiges bedacht.
Was ist's, daß du in Sinnen dich verlierest
Und nicht einmal dein kleines Feuer schürest?
»O frage nicht! denn ich bin nicht bereit,
Des Fremden Neugier leicht zu stillen;
Sogar verbitt ich deinen guten Willen;
Hier ist zu schweigen und zu leiden Zeit.
Ich bin dir nicht imstande, selbst zu sagen,
Woher ich sei, wer mich hierher gesandt;
Von fremden Zonen bin ich her verschlagen
Und durch die Freundschaft festgebannt.

Wer kennt sich selbst?
Wer weiß, was er vermag?
Hat nie der Mutige Verwegnes unternommen?
Und was du tust, sagt erst der andre Tag,
War es zum Schaden oder Frommen.
Ließ nicht Prometheus selbst die reine Himmelsglut
Auf frischen Ton vergötternd niederfließen?
Und konnt er mehr als irdisch Blut
Durch die belebten Adern gießen?
Ich brachte reines Feuer vom Altar;
Der Sturm vermehrt die Glut und die Gefahr,
Ich schwanke nicht, indem ich mich verdamme.


Und wenn ich unklug Mut und Freiheit sang
Und Redlichkeit und Freiheit sonder Zwang,
Stolz auf sich selbst und herzliches Behagen,
Erwarb ich mir der Menschen schöne Gunst:
Doch ach! ein Gott versagte mir die Kunst,
Die arme Kunst, mich künstlich zu betragen.
Nun sitz ich hier, zugleich erhoben und gedrückt,
Unschuldig und gestraft, und schuldig und beglückt.


Doch rede sacht! denn unter diesem Dach
Ruht all mein Wohl und all mein Ungemach:
Ein edles Herz, vom Wege der Natur
Durch enges Schicksal abgeleitet,[374]
Das, ahnungsvoll, nun auf der rechten Spur
Bald mit sich selbst und bald mit Zauberschatten streitet
Und, was ihm das Geschick durch die Geburt geschenkt,
Mit Müh und Schweiß erst zu erringen denkt.
Kein liebevolles Wort kann seinen Geist enthüllen
Und kein Gesang die hohen Wogen stillen.


Wer kann der Raupe, die am Zweige kriecht,
Von ihrem künft'gen Futter sprechen?
Und wer der Puppe, die im Boden liegt,
Die zarte Schale helfen durchzubrechen?
Es kommt die Zeit, sie drängt sich selber los
Und eilt auf Fittichen der Rose in den Schoß.


Gewiß, ihm geben auch die Jahre
Die rechte Richtung seiner Kraft.
Noch ist bei tiefer Neigung für das Wahre
Ihm Irrtum eine Leidenschaft.
Der Vorwitz lockt ihn in die Weite,
Kein Fels ist ihm zu schroff, kein Steg zu schmal;
Der Unfall lauert an der Seite
Und stürzt ihn in den Arm der Qual.
Dann treibt die schmerzlich überspannte Regung
Gewaltsam ihn bald da, bald dort hinaus,
Und von unmutiger Bewegung
Ruht er unmutig wieder aus.
Und düster wild an heitern Tagen,
Unbändig, ohne froh zu sein,
Schläft er, an Seel und Leib verwundet und zerschlagen,
Auf einem harten Lager ein:
Indessen ich hier still und atmend kaum
Die Augen zu den freien Sternen kehre
Und, halb erwacht und halb im schweren Traum,
Mich kaum des schweren Traums erwehre.«

Goethe: Ilmenau (entstanden 3. 9.1783 - Erstdruck 1815), S.372-374

In diesem Gedicht auf den 26. Geburtstag seines Herzogs stellt Goethe in diesen Zeilen sich selbst vor und deutet Jugendsünden an, die er zusammen mit dem Herzog beging,  bevor er ihn in den Schlusszeilen des Gedichts zur Verantwortung als Fürst aufruft. Die Hervorhebungen im Text sind von mir hinzugefügt. 

So mög, o Fürst, der Winkel deines Landes
Ein Vorbild deiner Tage sein!
Du kennest lang die Pflichten deines Standes
Und schränkest nach und nach die freie Seele ein.
Der kann sich manchen Wunsch gewähren,
Der kalt sich selbst und seinem Willen lebt;
Allein wer andre wohl zu leiten strebt,
Muß fähig sein, viel zu entbehren.

So wandle du – der Lohn ist nicht gering –
Nicht schwankend hin, wie jener Sämann ging,
Daß bald ein Korn, des Zufalls leichtes Spiel,
Hier auf den Weg, dort zwischen Dornen fiel;
Nein! streue klug wie reich, mit männlich steter Hand,
Den Segen aus auf ein geackert Land;
Dann laß es ruhn: die Ernte wird erscheinen
Und dich beglücken und die Deinen. (S.375-376)

02 September 2015

Lorenzen und wie ein Pastor sprechen sollte (Stechlin)

»Sonderbar«, sagte der Alte, während er in den Frühlingstag hinausblickte, »dieser Lorenzen is eigentlich gar kein richtiger Pastor. Er spricht nicht von Erlösung und auch nicht von Unsterblichkeit, und is beinah, als ob ihm so was für alltags wie zu schade sei. Vielleicht is es aber auch noch was andres, und er weiß am Ende selber nicht viel davon. Anfangs hab ich mich darüber gewundert, weil ich mir immer sagte: Ja, solch Talar- und Beffchenmann, der muß es doch schließlich wissen; er hat so seine drei Jahre studiert und eine Probepredigt gehalten, und ein Konsistorialrat oder wohl gar ein Generalsuperintendent hat ihn eingesegnet und ihm und noch ein paar andern gesagt: ›Nun gehet hin und lehret alle Heiden.‹ Und wenn man das so hört, ja, da verlangt man denn auch, daß einer weiß, wie's mit einem steht. Is gerade wie mit den Doktors. Aber zuletzt begibt man sich und hat die Doktors am liebsten, die einem ehrlich sagen: ›Hören Sie, wir wissen es auch nicht, wir müssen es abwarten.‹ Der gute Sponholz, der nun wohl schon[389] an der Brücke mit dem Ichthyosaurus vorbei ist, war beinah so einer, und Lorenzen is nu schon ganz gewiß so. Seit beinah zwanzig Jahren kenn ich ihn, und noch hat er mich nicht ein einziges Mal bemogelt. Und daß man dasvon einem sagen kann, das ist eigentlich die Hauptsache. Das andre... ja, du lieber Himmel, wo soll es am Ende herkommen? Auf dem Sinai hat nun schon lange keiner mehr gestanden, und wenn auch, was der liebe Gott da oben gesagt hat, das schließt eigentlich auch keine großen Rätsel auf. Es ist alles sehr diesseitig geblieben; du sollst, du sollst, und noch öfter ›du sollst nicht‹. Und klingt eigentlich alles, wie wenn ein Nürnberger Schultheiß gesprochen hätte.«

 Theodor Fontane: Der Stechlin, 41. Kapitel, S.388-389

30 August 2015

Der Bär in "Lilis Park"

Lilis Park 

Ist doch keine Menagerie
 So bunt als meiner Lili ihre!
Sie hat darin die wunderbarsten Tiere
Und kriegt sie 'rein, weiß selbst nicht wie.
O wie sie hüpfen, laufen, trappeln,
Mit abgestumpften Flügeln zappeln,
Die armen Prinzen allzumal,
In nie gelöschter Liebesqual!


»Wie hieß die Fee? Lili?« – Fragt nicht nach ihr!
Kennt ihr sie nicht, so danket Gott dafür.


Welch ein Geräusch, welch ein Gegacker,
Wenn sie sich in die Türe stellt
Und in der Hand das Futterkörbchen hält!
Welch ein Gequiek, welch ein Gequacker!
Alle Bäume, alle Büsche
Scheinen lebendig zu werden:
So stürzen sich ganze Herden
Zu ihren Füßen; sogar im Bassin die Fische
Patschen ungeduldig mit den Köpfen heraus.
Und sie streut dann das Futter aus
Mit einem Blick – Götter zu entzücken,
Geschweige die Bestien. Da geht's an ein Picken,
An ein Schlürfen, an ein Hacken;
Sie stürzen einander über die Nacken,
Schieben sich, drängen sich, reißen sich,
Jagen sich, ängsten sich, beißen sich,
Und das all um ein Stückchen Brot,
Das, trocken, aus den schönen Händen schmeckt,
Als hätt es in Ambrosia gesteckt.
[334]
Aber der Blick auch! der Ton,
Wenn sie ruft: »Pipi! Pipi!«,
Zöge den Adler Jupiters vom Thron;
Der Venus Taubenpaar,
Ja der eitle Pfau sogar,
Ich schwöre, sie kämen,
Wenn sie den Ton von weitem nur vernähmen.


Denn so hat sie aus des Waldes Nacht
Einen Bären, ungeleckt und ungezogen,
Unter ihren Beschluß herein betrogen,
Unter die zahme Kompanie gebracht
Und mit den andern zahm gemacht:
Bis auf einen gewissen Punkt, versteht sich!
Wie schön und ach! wie gut
Schien sie zu sein! Ich hätte mein Blut
Gegeben, um ihre Blumen zu begießen.


»Ihr sagtet: ich! Wie? Wer?«
Gut denn, ihr Herrn, gradaus: Ich bin der Bär;
In einem Filetschurz gefangen,
An einem Seidenfaden ihr zu Füßen.
Doch wie das alles zugegangen,
Erzähl ich euch zur andern Zeit;
Dazu bin ich zu wütig heut.


Denn ha! steh ich so an der Ecke
Und hör von weitem das Geschnatter,
Seh das Geflitter, das Geflatter,
Kehr ich mich um
Und brumm,
Und renne rückwärts eine Strecke,
Und seh mich um
Und brumm,
Und laufe wieder eine Strecke,
Und kehr doch endlich wieder um.
[335]
Dann fängt's auf einmal an zu rasen,
Ein mächt'ger Geist schnaubt aus der Nasen,
Es wildzt die innere Natur.
Was, du ein Tor, ein Häschen nur!
So ein Pipi! Eichhörnchen, Nuß zu knacken;
Ich sträube meinen borst'gen Nacken,
Zu dienen ungewöhnt.
Ein jedes aufgestutzte Bäumchen höhnt
Mich an! Ich flieh vom Bowlinggreen,
Vom niedlich glatt gemähten Grase;
Der Buchsbaum zieht mir eine Nase,
Ich flieh ins dunkelste Gebüsche hin,
Durchs Gehege zu dringen,
Über die Planken zu springen!
Mir versagt Klettern und Sprung,
Ein Zauber bleit mich nieder,
Ein Zauber häkelt mich wider,
Ich arbeite mich ab, und bin ich matt genung,
Dann lieg ich an gekünstelten Kaskaden
Und kau und wein und wälze halb mich tot,
Und ach! es hören meine Not
Nur porzellanene Oreaden*.



Auf einmal! Ach, es dringt
Ein seliges Gefühl durch alle meine Glieder!
Sie ist's, die dort in ihrer Laube singt!
Ich höre die liebe, liebe Stimme wieder,
Die ganze Luft ist warm, ist blütevoll.
Ach, singt sie wohl, daß ich sie hören soll?
Ich dringe zu, tret alle Sträuche nieder,
Die Büsche fliehn, die Bäume weichen mir,
Und so – zu ihren Füßen liegt das Tier.
[336]
Sie sieht es an: »Ein Ungeheuer! doch drollig!
Für einen Bären zu mild,
Für einen Pudel zu wild,
So zottig, täpsig, knollig!«
Sie streicht ihm mit dem Füßchen übern Rücken;
Er denkt im Paradiese zu sein.
Wie ihn alle sieben Sinne jücken!
Und sie – sieht ganz gelassen drein.
Ich küß ihre Schuhe, kau an den Sohlen,
So sittig, als ein Bär nur mag;
Ganz sachte heb ich mich und schwinge mich verstohlen
Leis an ihr Knie – am günst'gen Tag
Läßt sie's geschehn und kraut mir um die Ohren
Und patscht mich mit mutwillig derbem Schlag;
Ich knurr, in Wonne neu geboren;
Dann fordert sie mit süßem, eitlem Spotte:
»Allons tout doux! eh la menotte!
Et faites serviteur
Comme un joli seigneur.«*
So treibt sie's fort mit Spiel und Lachen!
Es hofft der oft betrogne Tor;
Doch will er sich ein bißchen unnütz machen,
Hält sie ihn kurz als wie zuvor.

*Hallo, ganz lieb sein! Gib Pfötchen! Und mach einen Diener wie ein feiner Herr!


Doch hat sie auch ein Fläschchen Balsamfeuers,
Dem keiner Erde Honig gleicht,
Wovon sie wohl einmal, von Lieb und Treu erweicht,
Um die verlechzten Lippen ihres Ungeheuers
Ein Tröpfchen mit der Fingerspitze streicht
Und wieder flieht und mich mir überläßt,
Und ich dann, losgebunden, fest
Gebannt bin, immer nach ihr ziehe,
Sie suche, schaudre, wieder fliehe –
So läßt sie den zerstörten Armen gehn,
Ist seiner Lust, ist seinen Schmerzen still;[337]
Ha! manchmal läßt sie mir die Tür halb offen stehn,
Seitblickt mich spottend an, ob ich nicht fliehen will.


Und ich! – Götter, ist's in euren Händen,
Dieses dumpfe Zauberwerk zu enden,
Wie dank ich, wenn ihr mir die Freiheit schafft!
Doch sendet ihr mir keine Hülfe nieder –
Nicht ganz umsonst reck ich so meine Glieder:
Ich fühl's! Ich schwör's! Noch hab ich Kraft!

Goethe: Gedichte, Zeno, S.433-437

Der Bär ist Goethe. Das Gedicht ist 1775 entstanden. 
"Heinrich Düntzer kommentierte in seiner Ausgabe der Gespräche Goethes   mit   Eckermann  (Leipzig 1885) dessen Feststellung (vom 5. März 1830), seine „erste und letzte“ Liebe sei Lili Schönemann gewesen, mit der Anmerkung (S. 283): „Auch dies konnte Goethe nicht mit Recht behaupten.“ In seinem Kommentar zu Die natürliche Tochtervon Goethe (Jena 1859) bemerkte er (S. 16): „Das ist irrig“." (Wikipedia)
Der Leser dieses Gedichts kann den Eindruck bekommen, vielleicht habe Goethe zumindest für 1775 doch Recht gehabt, auch wenn er seine Abhängigkeit scherzhaft behandelt, als sei sie rein höfliche Huldigung.