23 Juni 2011

Kann man Fontane nahebringen?

"Gideon ist besser als Botho" (Ein Adliger über den Ehemann seiner ehemaligen Geliebten, die er um des Geldes willen verlassen hat.)*

Fontane ist ein "Weites Feld"

Kosthäppchen zu Fontane

Webseiten zu Fontane

Grass zu Fontane

*Anmerkung:
Für die, die Irrungen Wirrungen nicht kennen, ist vielleicht nicht ohne weiteres zu erschließen:
Botho meint nicht allein die Namen Botho und Gideon, sondern auch die Personen. Vor allem aber vergleicht er Botho und Lene, und dabei ist für ihn noch viel klarer, wer besser ist.

Da aus der Sicht der Zeit Lene günstigstenfalls ein "gefallenes Mädchen" war, der Roman aber auch als "Hurengeschichte" bezeichnet wurde, will das etwas heißen.
Der Erzähler hat schon vorher klar gemacht, wem seine besondere Sympathie gilt. Jetzt lässt er spüren, dass Botho sich diesem Urteil anschließt. Aber er sagt es nicht ausdrücklich.
Für mich hat "Gideon ist besser als Botho" die Gewalt Schillerscher Dramenschlüsse ("Dem Mann kann geholfen werden" (Räuber), "Dem Fürsten Piccolomini"(Wallensteins Tod), "Der Lord lässt sich entschuldigen, er ist zu Schiff nach Frankreich" (Maria Stuart)). Aber es fehlt ihm das Pathos, und er bezieht sich nicht nur auf die Schlusssituation, sondern auf den gesamten Text.
Deshalb hat es mir Grass sympathisch gemacht, dass er diese Worte an hervorgehobener Stelle in seinem Fontaneroman "Ein weites Feld" zitiert.
Ich bitte um Antwort, was diese kleinen Hinweise gebracht haben.

20 Juni 2011

An der alten Straße

Die weißen Schwänzchen der Kaninchen schauten ab und zu aus den Hecken hervor, Kröten liefen kurz vor den Füßen der Kinder über die Straße - schnelle, lautlose, heimliche Geschöpfe, die die Kinder schaudern machten; in den Eichen waren Eichhörnchen, und einmal sahen sie sogar einen Fuchs, der sich im Straßengraben unter dichtem überhängenden Efeu zum Schlafen zusammengerollt hatte. Gruppen von kleinen blauen Schmetterlingen huschten hier und da oder schwebten mit zitternden Flügeln an den langen Grashängen; Bienen summten in den weißen Kleeblüten, und über allem lag eine tiefe Stille. Es schien, als wäre die Straße in Vorzeiten gebaut und dann vergessen worden.
Flora Thompson: Lark Rise

19 Juni 2011

King

Was Cäsar im Römischen Reich sein wollte, wollte er in den USA sein, der Erste.
Dass der Präsident in den USA, mögen sie so undemokratisch regiert sein, wie sie wollen, nicht Herrscher, sondern nur "Herrscher" von Gnaden eines Systems von "checks and balances" sein kann, dürfte ihm klar gewesen sein, ihm Richard King.
So schuf er sich - auch er Gewinner in einem Bürgerkrieg, blutiger als der Cäsars, die meisten würden ihn freilich abschätzig Kriegsgewinnler nennen - sein Reich. Nur dass es in den USA nicht Reich hieß, sondern Ranch, King Ranch. Über 3000 km² groß. "Hier habe ich im Frieden eine Provinz erobert", hätte Friedrich II. gesagt. Bloß dass das Oderbruch eine Fläche von nur rund 1000 km² hatte.
Als Büscher nach Kingsville kommt, trifft er Beto und nennt daraufhin das Kapitel über die Ranch "Das Paradies".
(Büscher: Hartland, S.282-292)

18 Juni 2011

Nicht ganz nach Plan

Er war gewarnt worden, und doch hatte er sich nicht abschrecken lassen. Doch nun:
"Minot betreten hieß hin und her zu springen, links, rechts - rechts, links, einen Fuß im Autoverkehr, den anderen in Vorgärten, an Böschungen, in einer Einfahrt. Noch schwerer passierbar waren Straßenkreuzungen und Überführungen. Wer zu Fuß hinübermußte, nahm sich besser am Hasen ein Beispiel. Hakenschlagend kam ich voran. [...] Sturmböen rasten mir entgegen. Schnee trieb, heftiger als draußen in Hartland, der Blizzard machte Ernst."
Da sieht er ein Auto, das darauf wartet, nach Süden überführt zu werden. Kurz darauf sitzt er am Steuer. Der Pickup hat seinem Namen Ehre gemacht und ihn aufgenommen. Aus dem Fußgänger ist doch ein Fahrer geworden.
Büscher: Hartland, Kap. Rotes, rotes Auto, S.39-41

Medizinpfeife zum Bund mit dem "Herrn des Lebens"

Wied und seine Gefährten zogen 1833 den Nátka-pássahä (Herzfluss) flussaufwärts durch das Land der Mandan. 1838 kam ein Pelzhändlerschiff dorthin. Die Indianer kamen zum Pelzhandel an Bord. Dort gab es einige Pockenkranke. Als Wied wieder in die Gegend kam, war kein Mandan mehr zu finden, nur noch die Geschichte vom Untergang des Stammes.
Aber Wied hatte schon 1833 den Schöpfungsmythos der Mandan aufgezeichnet:
Der "Herr des Lebens" und der erste Mensch stritten sich darüber, wer der Vater und wer der Sohn sei.
Als der Mensch zweimal - zuletzt in einem Schöpfungswettstreit - verloren hat, fertigen sie beide Medizinpfeifen an. Und der Herr gibt dem Land den Namen: "Dies soll das Herz, der Mittelpunkt der Welt sein."

Wolfgang Büscher: Hartland, S.49-57

Beatrice

Eine verrückte Stadt. Vor 20 Jahren ist da ein Mord passiert und jetzt sind die sechs Verurteilten freigekommen. "...die sechs hatten sich eingeredet, sie seien wirklich die Mörder. Sie haben es selbst geglaubt."  (S.161) "Sie haben jetzt diesen DNA-Test, damals gab es den nicht." (S.171)

Zeizefoun, ein Araberhengst, den der Sultan von Konstantinopel Ulysses Grant geschenkt hatte, war über dessen Sohn nach Beatrice gekommen. So wurde es berühmt als Pferdezuchtort. Als Zeizefoun 1902 starb erhielt er ein "fürstliches Begräbnis."
Das "Grand Hotel" der Stadt ist zum Altersheim geworden. Nebendran ein Opernhaus mit 750 Plätzen. Und dann ist da noch der Brief von Reagan über Robert Taylor, seinen Freund.

Über die Altersheimbewohner: "Sie kamen mir vor wie Fische in einem Aquarium, nur dass sie nicht von dort draußen betrachtet wurden, sondern ihrerseits die Welt außerhalb des Aquariums betrachteten." (S.172)

Wolfgang Büscher: Hartland. Zu Fuß durch Amerika, S.161-172

17 Juni 2011

Flora Thompson: Kinder und Milch

Milch war ein seltener Luxus, da sie vom anderthalb Meilen entfernten Gut geholt werden musste. Sie kostete nicht viel. Ein Penny pro Krug oder Kanne, unabhängig von der Größe. Es war natürlich Magermilch, aber die Sahne war nur von Hand abgeschöpft, so dass noch ein kleiner Anteil davon in der Milch enthalten war. Ein paar Familien holten täglich Milch, aber viele kümmerten sich nicht darum. Die Frauen sagten, sie zögen klaren Tee vor, und dass Kinder Milch brauchten, schien niemandem in den Sinn zu kommen. Manche bekamen nie welche von der Zeit, wo sie abgestillt wurden, bis sie das Haus verließen. Aber sie waren kräftig gebaut, rotbäckig und voll von Leben und Schabernack.