10 November 2020

Fanny Lewald: Wandlungen 1. Band 14. Kapitel: Der Doctor über Wandlungen

 »Abfall von seinem Glauben erhebt den Menschen nicht!« entgegnete Friedrich.

»Und woran bewährt sich der Charakter des Mannes, als in dem eisernen Festhalten dessen, was er einmal als Recht erkannt!« fügte Erich hinzu.

»Eisernes Festhalten an demjenigen, was man einmal als Recht erkannt hat,« wiederholte der Doctor, indem er das Wort ›einmal‹ stark betonte. »Das kann unter Verhältnissen Schwäche und Verbrechen werden, wenn man eines Besseren belehrt wird, denn wie die Blüthe abfällt, wenn die Frucht sich bildet, so muß man abfallen von seiner alten Ueberzeugung, wenn man eine neue bessere gewonnen hat!«

»Mit dieser Anschauung,« meinte Friedrich, »erheben Sie die Unbeständigkeit zur Tugend, rechtfertigen Sie eine beständige Wandlung der Ansichten, und die Inconsequenz wird höchste Consequenz!«

»Und Talleyrand zu einem Mustermenschen,« lachte Erich.

»Wären die Wandlungen, die man ihn durchmachen sah, eine Folge seiner inneren Ueberzeugungen gewesen,« antwortete der Doctor ernsthaft, »so hätte man ihrer nur lobend zu gedenken. Indeß machen Sie sich die Sache einmal klar. Wir Alle glauben an eine Fortentwickelung der Menschheit, Sie so gut als ich. Wie ist eine solche fortschreitende Entwickelung aber möglich innerhalb unwandelbar gezogener Schranken? Wie denken Sie sich die Fortentwickelung der Menschheit, ohne daß der Einzelne in sich die Wandlungen erlebt, aus denen allein eine fortschreitende Umgestaltung der allgemeinen Ansichten hervorgehen kann? Diejenigen Menschen, die in ihren ererbten und anerzogenen Meinungen unwandelbar geblieben sind, haben die Menschheit nicht gefördert, aber Jesus, der Jude, welcher die national-religiösen Satzungen des Judenthums zerstörte, um eine neue, die ganze Menschheit umfassende Lehre auf den Trümmern der alten zu bauen, Luther, der gläubige Catholik, der abfiel von seinem früheren Glauben und vom Papste, seinem Oberhaupte; Mirabeau, der Edelmann, der seine ererbten Ansichten als Vorurtheile von sich warf, und die Fahne seiner Standesgenossenschaft verließ, um gegen diese seine Standesgenossen und ihre volksbedrückenden Privilegien anzukämpfen, sie Alle sind abgefallen von ihrem Glauben, sie Alle haben Wandlungen erlitten, und diese Wandlungen sind um so auffallender gewesen, je bedeutender die Männer waren, an denen sie geschahen. Ja, ich behaupte, daß ein Mensch, der unwandelbar in seinen ererbten Meinungen oder in seinen einmal gefaßten Ansichten beharrt, vollkommen unfähig ist, der fortschreitenden Menschheit irgend wie zu nützen, und es giebt auch kaum einen Menschen, der sich solcher Unwandelbarkeit anzuklagen hätte. Wir Alle ändern uns! Je größer unsere Fähigkeit, um so sichtbarer unsere Wandlungen, und wenn wir uns nach zehn, nach fünfzehn Jahren einmal wieder sehen sollten, so wird, ich hoffe das zu unserm Besten, Jeder von uns seine großen Wandlungen erlitten haben, ohne daß wir uns deshalb des Verrathes an uns selbst und an unserer Ueberzeugung anzuklagen haben werden. Wir sind, ich sagte es Ihnen schon einmal, Theile eines lebendigen, sich stets verwandelnden, sich stets erneuenden Ganzen, es ist also unsere Aufgabe, uns mit offenen Sinnen, mit sittlichem Ernste der allgemeinen Bewegung zu überlassen, damit sie uns umgestalte nach ihrer Notwendigkeit, nicht uns abzusperren und uns ihr hindernd entgegenzustemmen, aus dem thörichten Glauben, daß es von Stärke zeuge, keine Wandlung in sich zu erfahren. Wollen Sie lebloser sein bei lebendigem Leibe, als Ihr Körper, der selbst nach Ihrem Tode noch lebenzeugende Wandlungen erleidet?«

Fanny Lewald: Wandlungen 1. Band 14. Kapitel 

08 November 2020

Fanny Lewald: Wandlungen 2. Band 1. Kapitel

 "Noch war kein Jahr verflossen, seit die beiden ältesten Kinder des Barons aus dem Vaterhause geschieden waren, als auch in diesem der Tod sein Opfer gefordert hatte. Die Baronin war nach kurzem Krankenlager gestorben, und das sonst so heitere, gastliche Familienleben dadurch für immer zerstört worden. Bei der Unterordnung, in welcher der Baron selbst die von ihm innig geliebte Gattin zu halten gewohnt gewesen war, hatte er nie bemerkt, welch segensreichen Einfluß sie auf ihn ausgeübt, wie nöthig ihm ihre Milde gewesen, um die Starrheit seiner Grundsätze mit den Ansprüchen und Forderungen des Lebens zu vermitteln. Jetzt, da sie ihm entzogen war, empfand er es um so tiefer, je mehr die Wendung, welche die öffentlichen Zustände in Europa genommen hatten, seinen Ueberzeugungen widersprach.

Den französischen Julitagen waren die Revolution in Belgien und die Erhebung in Polen gefolgt, ganz Süddeutschland befand sich in lebhafter Gährung, das Hambacher Fest hatte es dargethan, wie verbreitet der Wunsch nach einer ständischen Vertretung, wie weit er eingedrungen sei in die arbeitenden Volksklassen. Die Namen Börne's, Siebenpfeifer's, Wirth's waren in jedem Munde und der Unparteiische konnte es sich nicht verbergen, daß es in Hambach nur an entschlossenen Führern gefehlt habe, um die dort versammelten Massen zu einem Unternehmen für die Befreiung Deutschlands von der absoluten Herrschaft zu bewegen. Auch in der Literatur gab sich eine neue frische Richtung kund. Börne, Heine, Wienbarg stachelten jeder auf seine Weise das erwachte Bewußtsein des Volkes zur Empfindung seiner Knechtschaft auf, andere Talente trugen den Gedanken der Freiheit in die gesellschaftlichen und in das Verhältniß der Geschlechter zu einander über, und forderten, wenn auch oft in mißverstandener Weise, die Wiedereinsetzung des Menschen in einen freieren Genuß der Erdenfreuden.

Man wollte nicht mehr entbehren und entsagen, man wollte besitzen und des Besitzes froh werden, man war es müde, in müssigem Weltschmerz darüber zu klagen, daß die Wirklichkeit dem Ideale Hohn sprach, man wollte sie idealischer gestalten, aber man hatte kein allgemeines, kein sittliches Ideal, und Jeder versuchte sich seine Grillen oder Leidenschaften zum Ideale zu erheben. Die Literatur der Selbstbespiegelung und mit ihr der Selbstverschönerung begann. Neben der tiefsten und reinsten Poesie machte der Cynismus sich in ekelerregender Weise breit und verlangte Anbetung vom Volke, weil er individuell und das Recht der Individualität nicht länger zu bestreiten sei. Tagebücher, Reiseskizzen und eine große Anzahl phantastischer Productionen überraschten und verwirrten das Publikum, fesselten die Einen verlockend und zur Nachahmung reizend, stießen die Anderen eben so lebhaft ab, und wie immer in solchen Epochen, bemächtigte sich die Menge der technischen Phrase, um sie, verstanden oder nicht, fanatisch als Parteiwort zu gebrauchen. Während es sich darum handelte, den Geist zu befreien, schwor man auf die Emancipation des Fleisches oder kämpfte wider sie, vergessend, daß der Absolutismus dem Sinnengenusse immer volle Freiheit gewährt hatte, daß die orthodoxeste Hierarchie, der Katholicismus, sich leicht mit ihm verständigte, und daß es nur die Emancipation der Geister war, gegen die man mit Censur und Waffen aller Art zu Felde zog.

Auch that die Lehre von der Emancipation des Fleisches und die Leichtfertigkeit, mit denen man sinnliche Ausschweifungen als Gegenstände der Verherrlichung behandelte, im Grunde wenig Schaden. Sie gaben den träge gewordenen Gemüthern einen Anstoß und wirkten fast das Gegentheil von dem, was man gefürchtet hatte. Der Deutsche besitzt im Allgemeinen nicht den Esprit, der im Franzosen die Frivolität erzeugt. Die Sinnlichkeit schlägt bei ihm in Rohheit oder in Sentimentalität um, und endet meist in Verthierung oder in Askese. Mochten Menschen wie Larssen sich auch behaglich dehnen in der Nebelsonne dieser falschen Aufklärung, mochte der Trotz des Lieutenants Alles mit Leidenschaft ergreifen, was sich gegen die bestehende Ordnung richtete, so schuf es in solchen Naturen doch nichts Neues. Wo aber Jugend und Unschuld mit diesen Lehren in Berührung kamen, da entstand höchstens ein Rausch, von dem der Ernst des Lebens sie bald wieder ernüchterte und zur Besinnung brachte.

Neben diesen zum Lebensgenusse ladenden Elementen, mahnte aber jene Zeit auch vielfach an den Ernst des Daseins und an die Vergänglichkeit des Irdischen. Das Schicksal der zum zweiten Male gestürzten französischen Dynastie, die Leiden und die Verbannung, welche die Mehrzahl des polnischen Adels getroffen hatten, von dem Viele durch Preußen geflohen waren, während Andere dort in tiefer Zurückgezogenheit lebten, trauernd um den Tod der Ihrigen und Stärkung suchend in der Religion, das Alles, und endlich das Hereinbrechen der Cholera mit ihrem furchtbaren memento mori, war ganz dazu gemacht, ernste Gemüther grade im Gegensatze zu der neuen Schule der Genußfordernden in eine dem Genuß entsagende Richtung zu treiben."

(Fanny Lewald: Wandlungen 2. Band 1. Kapitel)


Fanny Lewald: Wandlungen 1. Band, 5. Kapitel: Ein Gespräch über Goethes Romane

Fanny Lewald: Wandlungen Roman in 4 Bänden, 1853,  [Digitalisat]
Romantext bei projekt-gutenberg.org (Navigation innerhalb des Romans über "Inhalt" (Link sieh: links oben)


»Ein Graf St. Brezan, ein französischer Gesandtschaftsrath, der eine Mission nach Petersburg hat. Er hat meinen kleinen Vetter von Lissabon mit hieher gebracht.«

Graf St. Brezan mochte ein Mann von vierzig Jahren sein, obschon seine schlanke Gestalt, die Leichtigkeit seiner Bewegungen und die sorgsame Wahl seiner einfachen Kleidung ihn jünger erscheinen ließen. Sein dunkelbraunes, reiches Haar, die schönen Hände, das scharf geschnittene Profil gaben ihm ein Recht, noch immer für einen schönen Mann zu gelten, aber ein Ausdruck hochmüthiger Zurückhaltung mußte sein Aeußeres für Jeden unangenehm machen, dem er Freundlichkeit zu zeigen nicht für nöthig erachtete. So kam es, daß die Einen ihn schön und anziehend, die Anderen ihn unschön und abstoßend nannten, daß er die Männer leicht verletzte, die Frauen leicht gewann.

Mit dem Takte des Weltmannes hatte er die Bemerkung der Baronin verstanden. Er nahm an, daß sie um irgend eines Grundes willen Rücksicht auf Friedrich und auf den Doctor zu nehmen habe, und war augenblicklich bereit, die ihm befreundeten Standesgenossen in ihren Absichten und Plänen nach seinen besten Kräften zu unterstützen.

Mit einer geschickten und ganz unmerklichen Wendung brachte er das Gespräch von den deutschen Studenten auf die deutsche Literatur, auf ein Feld, in dem alle Anwesenden, selbst Erich und Friedrich, ihm überlegen sein mußten. Er wußte, wie leicht man Jemand gewinnen kann, der sich uns gegenüber behaglich und als der Gebende empfindet. Für den Grafen beschränkte sich die deutsche Literatur auf Klopstock, Schiller und Goethe. Das Klopstock'sche Deutsch war ihm, wie er offen gestand, vollkommen unverständlich und Klopstock's religiöse' Anschauung dem Verehrer Voltaire's fremd. Schiller, den der Convent würdig geachtet, ein Mitglied der französischen Republik zu sein, hatte von jeher schon um dieses Grundes willen das Mißtrauen des Grafen erregt, und der rücksichtslose Idealismus des Dichters, der über alle Convenienz hinaus den Gedanken freier Menschlichkeit geltend machen wollte, mußte ihm als eine unpraktische Schwärmerei erscheinen, deren Einfluß auf die Jugend er für gefährlich hielt. Goethe allein von allen deutschen Dichtern war ihm ein Gegenstand der Hochachtung.

Mit einer ihm seltenen Wärme pries der Graf den greisen Dichterfürsten als den Dichter der Wirklichkeit, der die Wahrheit und die Schönheit nicht jenseits der Grenzen der Vernunft erblicke. »Was ihn so erhaben macht und was zugleich so wohlthuend, so beruhigend in seinen Schriften wirkt,« sagte er, »das ist die Klarheit, mit der er ›die Welt wie sie ist‹ betrachtet, das richtige Licht, das er über die Gesetze der Gesellschaft verbreitet, in der für Jeden der Platz vorhanden ist, den er einnehmen kann, wenn er eben nur den begehrt, den er auszufüllen bestimmt ist. Er ist der Dichter des Friedens und der Versöhnung, und es ist zweifellos, daß Sie die Weisheit Ihres größten Dichters den wüsten Erfahrungen verdanken, welche unsere unglückliche Revolution ihn machen ließ.«

Trotz der ächt französischen Schlußfolgerung des Grafen, machte sein Lob Goethe's einen guten Eindruck auf den Baron, dessen Anschauungsweise in Betreff der Goethe'schen Werke nahe mit der des Grafen zusammentraf. Er stimmte ihm vollkommen bei, und erklärte, daß der Werther, der Wilhelm Meister und die Wahlverwandtschaften für alle Zeiten Musterromane bleiben und vielleicht niemals ihres Gleichen finden würden.

»Für alle Zeiten?« wiederholte der Doctor im Tone des Zweifels, »es giebt Nichts in der Welt, das für alle Zeiten dasselbe wäre!« Diese Worte wurden mit jener Ruhe gesprochen, welche einen Hauptcharakterzug des Doctors machte, dennoch wirkten sie auf Friedrich wie ein Signal zur Befreiung, wie ein Aufruf zu einem Kampfe, an dem Theil zu nehmen er trotz seines Verlangens sich nicht befugt geglaubt hatte.

»Also leugnen Sie, daß es in der Kunst ein Absolutes giebt?« fragte der Baron.

»Unbedenklich!« entgegnete der Doctor. »Das wirklich Große, das, was in seiner Zeit allen Ansprüchen derselben genügte, was ihren ganzen geistigen Gehalt in sich zur Anschauung brachte, das wird, sei es nun ein Werk der Malerei, der Bildhauerkunst oder der Dichtung, für alle Zeiten eine Bedeutung behalten; wir werden darauf fortbauen, es wird maßgebend, lehrreich, begeisternd für uns bleiben, aber ein unbedingtes Muster, das ewig und allein Berechtigte kann es nicht sein. Das hieße den Fortschritt der Menschheit leugnen!«

Der Baron, der den Doctor sehr verehrte, schwieg einen Augenblick nachdenklich, dann sagte er: »Ich wäre begierig, den Dichter zu kennen, der einst über Goethe hinausgehen wird. Wir werden Muße haben, denke ich, uns an Goethe's Werken zu erfreuen, ehe er sich findet!«

»Er kann sich aber finden,« meinte Friedrich, »wenn die Menschheit im Allgemeinen freier geworden sein wird, als sie es war, da Goethe seine großen Werke schuf!« Diese lebhafte, jugendliche Behauptung stach so auffallend gegen Friedrich's bisherige Zurückhaltung ab, daß die Anderen ihn mit Erstaunen anblickten, während der Doctor ihm zustimmend mit dem Kopfe winkte. 

Dadurch ermuthigt und von seinen Empfindungen hingerissen, fuhr er fort: »Bei aller Wahrheit des Werthers, des Meisters, der Wahlverwandtschaften, deren ganze Tiefe ich wohl nicht einmal ermessen kann, weil mir die Kenntniß der Gesellschaft fehlt, in der sie sich bewegen, sind sie doch eben nur das Bild dieses Theils der Gesellschaft, einer Welt der Ausschließlichkeit, ihrer Leiden und Freuden, und« – – fügte er plötzlich stockend, dann aber sich mit einer scheuen Hast zum Sprechen zwingend hinzu – »und es giebt noch eine andere Welt hienieden außer dieser Einen!« –

Friedrich litt von seinen eigenen Worten, während er sie sprach, und doch vermochte er sie nicht zurückzudrängen. Er empfand es, daß er plötzlich der Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit geworden sei, und diese Beachtung machte ihn verlegen. Die engen Verhältnisse, in denen er erwachsen war, hatten ihn vor Zersplitterung seiner geistigen Kräfte bewahrt, seinen Gedanken Zeit und Ruhe gegeben, sich aus stiller Tiefe auszubreiten, ruhig fortzuschreiten von Schluß zu Schluß, bis er zu jenen Blicken und Zweifeln gekommen war, die ihn das Unhaltbare der bestehenden staatlichen und geselligen Zustände im Gegensatze zu den natürlichen, berechtigten Forderungen des Menschen ahnen ließen. Jetzt indessen, da er auf dem Punkte stand, diese Ueberzeugung in einem Kreise auszusprechen, dessen Vorrechte sie antastete, erschrak er vor dem Unternehmen. Die anerzogene Ehrerbietung vor den Reichen, den Vornehmen lähmte ihn. Eine dunkle Röthe flog über sein Gesicht, aber es war nicht Scham, welche sie hervorgerufen, sondern der Zorn gegen sich selbst, der Zorn gegen die Verhältnisse, welche ihm eine solche sklavische Befangenheit eingeimpft hatten.

Der Doctor errieth den Zustand, in welchem sich Friedrich befand, und kam ihm theilnehmend zu Hülfe. »Sie haben Recht, Herr Brand!« sagte er, »die Goethe'schen Romane haben darin ihre Schranke, daß sie mehr oder weniger auf die Abstraction vom Leben, auf den schönen Schein des Lebens gearbeitet sind. Sie verhalten sich zur Wirklichkeit, wie die griechischen Götterbilder zur menschlichen Gestalt, wie Rafael's typische Menschengestalten zum individuellen Portrait.«

»Sie werden aber zugeben, lieber Doctor,« fiel ihm der Baron in das Wort, »daß diese Behandlungsweise der Wirklichkeit die edelste und angemessenste, die eigentlich klassische ist, wie ja auch Ihre Hindeutung auf die Antike und auf Rafael dies schon zugiebt.«

»Für eine bestimmte Klasse von Romanen,« entgegnete der Doctor, »ist, oder war vielmehr, jene Darstellungsart nicht nur die berechtigte, sondern die geforderte; für den Roman der Bildungsleiden der bevorzugten Stände, um die sich das Interesse jener Zeit fast ausschließlich bewegte. Die Darstellungsweise der Goethe'schen Romane ist ganz und gar aristokratisch, und sie wird unmöglich, sobald man sich von den Leiden und Freuden des Wohlhabenden, des bevorzugten Menschen, zur Bildungsgeschichte der Menschen im Allgemeinen wendet, wie sie sich in den verschiedenen Persönlichkeiten der Stände darstellt, welche noch andere als Seelenkämpfe zu bestehen haben.«

»Aber glauben Sie, Herr Doctor!« fragte der Graf, »daß jene Kämpfe der niederen Stände um ihr äußeres Dasein, daß jene alltäglichen Miseren überhaupt eine poetische Behandlung zulassen, die sich über die Art der skizzenhaften Beleuchtung erheben könnte? Was können die Leiden eines armen Handwerkers, einer kleinen Näherin, die mit der harten Wirklichkeit um ihr täglich Brot zu ringen haben, für eine große, poetische Bedeutung bieten? Goethe hat das wohl gefühlt, und deshalb, dünkt mich, die Behandlung von Motiven vermieden, welche einer Idealisirung, wie die Kunst sie erheischt, nicht fähig waren. Im Kampfe um das tägliche Leben liegt keine Schönheit, keine Poesie.«

Ein Blick des Zornes leuchtete in Friedrich's Augen, und mit fester Stimme sagte er: »Die vornehme Welt, in der die Goethe'schen Romane sich bewegen, weiß freilich von der Sorge um das tägliche Brot noch weniger, als die leichtlebenden Götter Homer's, die denn doch das mühselige Ringen des Erdgebornen wenigstens ihrer Theilnahme nicht für unwerth hielten.«

Und während er das sprach, begegneten sich die Blicke des Studenten und des Grafen mit einem Ausdruck der Abneigung, welche diese beiden durch ihr Alter und ihre Stellung so weit getrennten Männer, seit dem ersten Augenblicke gegen einander empfunden hatten. Es war etwas Unvereinbares zwischen Friedrich's unterdrücktem Selbstgefühl und dem scharf hervortretenden Hochmuthe des Grafen, und der sichtliche Antheil, den die Baronin und ihre Töchter, trotz ihres Schweigens, an dem Jünglinge zu nehmen begannen, trug nicht dazu bei, den Grafen gegen den Freimuth desselben, den er als eine unberechtigte Anmaßung tadelte, milder zu stimmen.

Und wieder war es der Doctor, der die Vermittlung zwischen Friedrich's Worten und den Ansichten des Grafen übernahm. »Ich glaube, Ihr Irrthum, Herr Graf,« sagte er, »besteht darin, daß Sie übersehen, wie die Stimmung und das Interesse unserer Zeit sich gerade den Leiden der Stände zuzuwenden beginnt, welche Sie von demselben ausgeschlossen glauben. Damit aber ist die Aufgabe und die Bedeutung des Romanes eine wesentlich verschiedene geworden. Sobald der Roman sich aus dem Bereich des befriedigten Bedürfnisses in den Bereich des zu befriedigenden wendet, wird der Roman des schönen Scheins, die typische Behandlung desselben, zu einer Unmöglichkeit, der Roman der harten Wirklichkeit und der scharfen Individualisirung zur Nothwendigkeit.«

»Es ist etwas Wahres darin,« pflichtete die Baronin, welche bis dahin eine stumme Zuhörerin geblieben war, dem Doctor bei, »denn wir sehen in den Goethe'schen Compositionen, wie sehr er es vermieden hat, das Bedürfniß an seine Helden und Figuren herantreten zu lassen, um die reine Atmosphäre vornehmer Ruhe zu erhalten, in der sich Alles und Jeder bewegt.«

»Das kannst Du nicht sagen,« wendete der Baron ein. »Du findest den Architekten, Du findest Gärtner, Bauern, Schauspieler, den Harfner und viele andere Gestalten in den Dichtungen, denen die Sorge um des Lebens Nothdurft nicht fremd geblieben sein kann!«

»Aber bei allen diesen Menschen ist das Bedürfniß in dem Augenblicke, in dem wir sie vor uns handelnd erblicken, befriedigt, lieber Vater!« bemerkte Erich, der sich zu den Ansichten des Doctors und seines neuen Freundes neigte.

»Doch nicht bei den Schauspielern und dem Harfner,« wendete der Baron ein.

»Gewiß nicht!« sagte der Doctor, »aber gerade aus der Wahl dieser Gestalten können Sie sehen, wie Goethe es zu vermeiden wußte, die Noth bitter erscheinen zu lassen. Jene Architekten, Bauern, Gärtner, deren Sie erwähnten, sind, wie Erich richtig bemerkte, Alle wohlversorgt im Dienste großer Herren; der Harfner ist ein Geisteskranker, der stumpf geworden ist gegen die äußere Noth des Lebens, und die Schauspieler wissen sich durch Schuldenmachen und Nichtbezahlen vor eigentlichem Mangel zu schützen. So tief Goethe als Mensch für die Noth seiner Mitmenschen empfand, so sehr er in seinem Amte als Minister ihr stets abzuhelfen suchte, so entschieden hat er die Welt der Dichtkunst in der Welt der satten Bildung gesucht, und darin liegt sein Zusammenhang mit der romantischen Schule, die Anschauung, welche ihn in gewissem Sinne von den Bestrebungen der Nachwelt trennen könnte.«

Der Baron gab das, wenn auch mit Bedingungen zu, und die Baronin, welche stets einen ausgleichenden und versöhnenden Abschluß der Unterhaltung herbeizuführen liebte, sagte: »Was Sie auch gegen die Goethe'schen Schöpfungen, als Musterromane, einzuwenden haben, so werden sie dieselben doch als ewige Vorbilder eines klassischen Styls stehen lassen müssen.«

»Unbedenklich!« rief der Graf; und der Doctor sagte: »Dieser abstracte klassische Styl wird aber für den Roman eine Unmöglichkeit werden, wenn wir anfangen, das allgemeine Leben zum Vorwurf des Romans zu benutzen. Die Harmonie des gleichmäßigen Styls, der hochgebildeten Sprechweise, wie wir ihr in allen Figuren Goethe's begegnen, hört auf, sobald der Ungebildete in den Kreis der Dichtung gezogen wird.«

»Dadurch wird der Styl also buntscheckig werden,« meinte der Baron, »und einen untergeordneten Ton annehmen müssen.«

»Ja und nein!« sagte der Doctor. »Die Wirklichkeit hat gegen das Ideal anscheinend oft etwas Untergeordnetes, die Sprechweise des Arbeiters, der Bürgersfrau etwas Unschönes, wenn wir sie mit der glatten, durch keine persönliche Unart unterbrochenen Schönheit des Goethe'schen Styls vergleichen, und doch wird man diesen nicht überall anwenden, jene nicht entbehren können; aber ein strenges Maßhalten wird die Buntscheckigkeit und Kleinlichkeit, die Sie fürchten, leicht vermeiden lassen. Faßt der Dichter die Menschen mit jener großen Anschauung auf, mit welcher die Rafael, Tizian, Van Dyk, Murillo ihre Portraits erschufen, so wird das Bild jedes Menschen eine ewige Wahrheit und selbst das scheinbar Unbedeutende, Unschöne bedeutend und erfreulich; während das tägliche Leben uns überall Karikaturen bieten würde, wenn man kleinlich jede Art und Unart, jedes Fleckchen und jede Warze der Originale festzuhalten suchte.«

»Diese Dinge zugegeben,« meinte der Baron, »so wird aber Ihr humaner Roman der Zukunft eine maßlose Ausdehnung haben müssen, wenn er alle Stände in seinen Bereich ziehen will, und wir werden wieder zwölfbändige Werke wie die alten englischen erleben, wenn Sie sie nicht in zwei bestimmte Klassen, in aristokratische und Volksromane scheiden wollen.«

»Was sicher nothwendig sein wird, wenn sie haltbar und in sich abgeschlossen, das heißt ein Kunstwerk sein sollen,« fügte der Graf hinzu.

»Keinesweges!« meinte der Doctor. »Im Roman eine Trennung der Stände aufstellen, die im Leben immer mehr und mehr zu verbannen unser Bestreben ist, wäre kein richtiger Grundsatz, und die Länge eines Romans wird durch das Zusammenwirken der Stände so wenig bedingt, als seine künstlerische Einheit dadurch gehindert. Beschäftigt sich der Roman, wie es seine Aufgabe ist, mit der psychologischen Entwickelung einzelner Charaktere, so ist dem Zufall jeder Spielraum in demselben genommen. Er ist bedingt durch den Charakter der Helden, und mögen dann auch, wie im Leben selbst, Personen der verschiedensten Klassen an den Helden herantreten und zu seiner Bildung mitwirken, mag er sich in den entgegengesetztesten Sphären bewegen, dem Roman wird in dem Raume eines solchen Bildungsprocesses immer eine Schranke gesetzt sei, die ihn vor übermäßiger Länge bewahrt. Beschäftigt der Roman sich aber mit Vorgängen, macht er die Entwickelung spannender Ereignisse zu seiner Hauptaufgabe, so sinkt er zur Erzählung herab, hat keine innere Nothwendigkeit und kann so unermeßbar werden, als die Möglichkeit der Ereignisse selbst.«

(Fanny Lewald: Wandlungen 1. Band, 5. Kapitel)


Fanny Lewald: Wandlungen 1. Band, 1. - 6. Kapitel

 "Wie die Söhne aller Stände sich unter dem Schutze der alma mater zu einer Corporation zusammenfanden, so begegneten sich Kaufmannschaft, Adel, Militair, Beamte und Handwerker in den Gartenconzerten sowohl als auf den Bällen der Studenten, und die Universität trug auf diese Weise zur Ausgleichung der Standesunterschiede bei, während sich hinwieder das Leben in den verschiedenen Familienkreisen für die Gesittung der Studirenden förderlich bewies. Der Geist der Stadt war aufgeklärt und duldsam. Man hob es gern hervor, daß die kritische Philosophie von hier ihren neuen Aufschwung genommen habe, und von jener kirchlichen, mystischen Richtung, welche später in ganz Deutschland so bedenklich um sich griff, war zu Ende der zwanziger Jahre in dem Orte wenig zu bemerken, der als Handels- und Hafenstadt das Gepräge eines gesunden, tüchtigen Wesens an sich trug. [...]

»Der Heidenbruck ist famos,« meinte in einem Kreise von Litthauern ein schlanker, blonder Student, dessen scharfe Aussprache den Kurländer verrieth. »Er ist ein flotter Tänzer, fest auf der Mensur, ein hübscher Kerl und er hat Geld. Der Brand hingegen – –« »Was hast Du gegen Brand, Ruthenberg?« unterbrach ihn ein Borusse, der die letzten Worte vorübergehend gehört hatte, und stille stand, die Sache aufzunehmen. Ruthenberg hätte einlenken mögen, denn er hatte im Grunde Nichts gegen den Genannten einzuwenden, als daß er einer Partei angehörte, mit der die Litthauer eben erst behufs der Bälle Frieden geschlossen hatten. Indeß der Gedanke, man könne ihm dies Einlenken für Feigheit auslegen, machte ihn trotzig. Mit allem Hochmuthe eines kurländischen Grafensohnes warf er also die Oberlippe unter dem blonden Schnurrbart in die Höhe, und sagte trocken: »Was ich gegen ihn habe? Er gefällt mir nicht!« Kaum aber hatte er die Worte ausgesprochen, als er sie bereute, denn der Borusse sowohl als seine eigene Partei empfanden es übel und wendeten sich mit Heftigkeit gegen ihn. Die Ausdrücke ihres Mißfallens wurden nicht sorgfältig gewählt, der Zorn der Jugend ist rückhaltlos, jeden Augenblick konnte es zu einem Duelle kommen, das der Senior grade jetzt zu vermeiden wünschte; er selbst also nahm lebhaft Partei für den mit großer Stimmenmehrheit erwählten Brand, und fragte gegen den Borussen gewendet: »Glaubst Du, daß Brand die Wahl annehmen wird?« »Warum zweifelst Du daran?« fragte Jener immer noch gereizt. »Weil er Ostern das Examen machen will!« »Heidenbruck will das auch!« entgegnete der Borusse. »Ja!« sagte der Senior, »aber fällt der durch, so fällt er in seines Alten Geld- und Kornsäcke; Brand – –« »Steht im Examen fest wie auf der Mensur, das solltest Du wissen!« fiel ihm Jener in's Wort, und wieder hing eine Forderung in der Luft, als ein Student, bedeutend älter als die Uebrigen, der bisher theilnahmlos auf- und abgegangen war, an den Kreis herantrat. Er zog eine große silberne Uhr aus der Tasche, hielt sie den Andern vor und sagte mit einer starken, aber heisern Stimme: »Wie wäre es, wenn Ihr Brand sein Examen selbst überließet und wir Mittag essen gingen, lieben Söhne! Es ist spät! Schon acht und eine halbe Minute über Eins!« Larssen's Vorliebe für behaglichen Tischgenuß, wie seine zum Gespött gewordene Pünktlichkeit bei demselben, die mit der Unregelmäßigkeit seines übrigen Lebens in grellem Widerspruche stand, rief auch jetzt wieder ein so lautes Gelächter unter den Studenten hervor, daß man des Streites in der Heiterkeit vergaß. [...] 

Larssen war drei Jahre auf der Universität, als sein Vater durch unglückliche Speculation sein Vermögen verlor. Beide Eltern überlebten dies Unglück nur eine kurze Zeit, und der Sohn sah sich plötzlich auf sich selbst gewiesen. Für eine energische Natur wäre der Druck der Verhältnisse eine Triebkraft gewesen, um so schneller und höher zu steigen; nicht so für ihn. Er wollte dem Menschenkreise entgehen, der ihn beklagen konnte, er wollte sich den drohenden, augenblicklichen Entbehrungen entziehen, und eine Hauslehrerstelle in einer adligen Familie, die ein Freund derselben ihm anbot, schien ihm dazu der geeigneteste Ausweg. Betroffen von dem Vertrauen seines Freundes, das nicht zu verdienen er sich bewußt war, hatte Larssen es als eine Ehrensache angesehen, seine Verpflichtungen im Hause des Baron von Heidenbruck mit höchster Pünktlichkeit zu erfüllen. Der älteste Sohn des Barons, Erich, den man eben jetzt zum Entrepreneur der Bälle ernannt hatte, war damals bereits in einem Erziehungsinstitute, und nur Georg noch im Hause gewesen, der bald darauf einem Cadettenhause übergeben worden war. Larssen hatte also nur den wissenschaftlichen Unterricht der Töchter zu besorgen gehabt, der ihn wenige Stunden des Tages beschäftigte. Die ganze übrige Zeit hatte er sich selbst und seinen Neigungen gelebt, die in dem hochgebildeten, gastfreien Hause mit denen der Besitzer glücklich genug zusammenfielen. Seine literarische Bildung, feine guten Umgangsformen, sein Geist und seine Anspruchslosigkeit, seine Theilnahme für jeden Vorgang des menschlichen Lebens, hatten ihn dem Baron und seiner Gattin zu einem angenehmen Hausgenossen gemacht, dem man jede Bequemlichkeit bereitwillig gewährte und manche Unregelmäßigkeit der Sitten verzieh. Fünf Jahre waren für Larssen in diesen Verhältnissen unter dauerndem Wohlbehagen dahingeschwunden, als die Ernennung zum Landforstmeister den Baron nach Königsberg berief, wo man des Hauslehrers für die Töchter nicht mehr benöthigt war. Wohlmeinend drang man in ihn, sich einem Examen zu unterwerfen, der Baron erbot sich, ihm beim Beginne jeder zu erwählenden Laufbahn mit seinem Einflusse förderlich zu sein; Larssen konnte zu keinem Entschlusse kommen. Seine Lässigkeit war in den fünf Jahren des Wohllebens, bei den Studien, die er als Dilettant betrieb, gewachsen, und obschon er dabei dem erstrebten Ziele einer universellen Bildung näher gekommen war, als er selbst es wußte, hatte er alle Kraft verloren, seine Kenntnisse fleißig zum eigenen Besten zu verwerthen." (Fanny Lewald: Wandlungen 1. Band, 1. Kapitel)

Larssen über die Töchter Heidenbruck:

»Es sind sonderbar geartete Naturen, diese Mädchen. Beide idealistisch, Beide dem Gewöhnlichen feind, Helene aus Liebebedürfniß, Cornelie aus Verstand und Herzensgüte. Helenens Phantasie trägt sie weit hinaus über die Beengung des conventionellen Lebens, in dem sie erwachsen ist. Sie glaubt an ein Ideal von Liebesglück und möchte dies erreichen, während Cornelie von Kindheit an sich skeptisch verhalten hat gegen Alles, was sie umgab, und von geläuterten Weltzuständen phantasirte, in denen es keine Noth und kein Elend geben sollte. Helene wollte immer einen Feenprinzen heirathen und überirdisch glücklich werden, Cornelie eine Fee sein und alle Armen glücklich machen. Ich habe viel Noth mit ihnen gehabt, bis ich sie zur Wirklichkeit gewöhnte.« »Und ist Dir das gelungen?« fragte Friedrich mit reger Theilnahme. »Allerdings! Es steckt zwar in Beiden noch die eigene Richtung, die ja dem Menschen angeboren ist wie sein Blut und seine Haut, aber sie haben gelernt sich in die Welt zu fügen und vom Leben keine Ideale zu verlangen. Es sind eben vernünftige Frauenzimmer geworden, und die kluge Mutter wird für sie auch die richtigen Lebenswege bahnen. Ich sehe das im Werden!« (1. Band, 5. Kapitel)

Da kam die treue, so oft verspottete Gefährtin unseres Lebens, die Gewohnheit, ihm zu Hülfe. Der Schlag der Thurmuhr schreckte ihn erlösend aus seiner Verzagtheit empor. [...]

Die Jugend hat das Vorrecht, an die Erfüllung ihrer idealen Wünsche zu glauben, darin liegt ihre Kraft und ihr Glück, und wer ein Ideal im Herzen trägt, nach dessen Erlangung er trachtet, hat an demselben einen mächtigen Bundesgenossen gewonnen. [...]

Helene antwortete nicht gleich. Erst nach einer langen Pause sagte sie: »Er selbst, Friedrich, muß der Dichter werden, der das Volk schildert in seiner Schönheit! Wer hat je mit dieser Einfachheit von seinem Leben, mit solcher Liebe von seinen Entbehrungen, mit solcher Schönheit von Schmerz und Leid zu uns gesprochen, als er? Es ist mir überhaupt, als hätte ich heute zum ersten Mal erfahren, wie Menschen zu einander reden sollten, und was es heißt mit einem Menschen sprechen!« [...] 

Ruhiger, als die nur mit dem Herzen lebende Helene, sah Cornelie, mit Angst der Schwester plötzlich auflodernde Liebe für Friedrich, und suchte sie durch den Hinweis auf das arme Mädchen zu zerstreuen. Als aber Helene ihr Lager gesucht hatte, da kniete Cornelie neben demselben nieder, faßte die Hände der Schwester und sagte, das Gesicht an ihre Wange geschmiegt: »Sprich vor Niemand, vor Niemand, Helene! wie Du vorhin zu mir gesprochen hast, und bete um Selbstüberwindung, denn es wäre ein Unglück, hättest Du sie nicht!« (1. Band, 6.Kapitel)

27 Oktober 2020

Melville: Moby Dick Kapitel 81 - 84

 CHAPTER 81 

The Pequod Meets The Virgin 

The predestinated day arrived, and we duly met the ship Jungfrau, Derick De Deer, master, of Bremen. At one time the greatest whaling people in the world, the Dutch and Germans are now among the least; but here and there at very wide intervals of latitude and longitude, you still occasionally meet with their flag in the Pacific. For some reason, the Jungfrau seemed quite eager to pay her respects. While yet some distance from the Pequod, she rounded to, and dropping a boat, her captain was impelled towards us, impatiently standing in the bows instead of the stern. "What has he in his hand there?" cried Starbuck, pointing to something wavingly held by the German. "Impossible!—a lamp-feeder!" "Not that," said Stubb, "no, no, it's a coffee-pot, Mr. Starbuck; he's coming off to make us our coffee, is the Yarman; don't you see that big tin can there alongside of him?—that's his boiling water. Oh! he's all right, is the Yarman." "Go along with you," cried Flask, "it's a lamp-feeder and an oil-can. He's out of oil, and has come a-begging." [...]

CHAPTER 82 

The Honor and Glory of Whaling 

There are some enterprises in which a careful disorderliness is the true method. The more I dive into this matter of whaling, and push my researches up to the very spring-head of it so much the more am I impressed with its great honorableness and antiquity; and especially when I find so many great demi-gods and heroes, prophets of all sorts, who one way or other have shed distinction upon it, I am transported with the reflection that I myself belong, though but subordinately, to so emblazoned a fraternity. The gallant Perseus, a son of Jupiter, was the first whaleman; and to the eternal honor of our calling be it said, that the first whale attacked by our brotherhood was not killed with any sordid intent. [...]

Every one knows the fine story of Perseus and Andromeda; how the lovely Andromeda, the daughter of a king, was tied to a rock on the sea-coast, and as Leviathan was in the very act of carrying her off, Perseus, the prince of whalemen, intrepidly advancing, harpooned the monster, and delivered and married the maid. It was an admirable artistic exploit, rarely achieved by the best harpooneers of the present day; inasmuch as this Leviathan was slain at the very first dart. And let no man doubt this Arkite story; for in the ancient Joppa, now Jaffa, on the Syrian coast, in one of the Pagan temples, there stood for many ages the vast skeleton of a whale, which the city's legends and all the inhabitants asserted to be the identical bones of the monster that Perseus slew. When the Romans took Joppa, the same skeleton was carried to Italy in triumph. What seems most singular and suggestively important in this story, is this: it was from Joppa that Jonah set sail. [...]

Akin to the adventure of Perseus and Andromeda—indeed, by some supposed to be indirectly derived from it—is that famous story of St. George and the Dragon; which dragon I maintain to have been a whale; for in many old chronicles whales and dragons are strangely jumbled together, and often stand for each other. "Thou art as a lion of the waters, and as a dragon of the sea," said Ezekiel; hereby, plainly meaning a whale; in truth, some versions of the Bible use that word itself. Besides, it would much subtract from the glory of the exploit had St. George but encountered a crawling reptile of the land, instead of doing battle with the great monster of the deep. Any man may kill a snake, but only a Perseus, a St. George, a Coffin, have the heart in them to march boldly up to a whale. [...]

Thus, then, one of our own noble stamp, even a whaleman, is the tutelary guardian of England; and by good rights, we harpooneers of Nantucket should be enrolled in the most noble order of St. George. [...]

Nor do heroes, saints, demigods, and prophets alone comprise the whole roll of our order. Our grand master is still to be named; for like royal kings of old times, we find the head-waters of our fraternity in nothing short of the great gods themselves. That wondrous oriental story is now to be rehearsed from the Shaster, which gives us the dread Vishnoo, one of the three persons in the godhead of the Hindoos; gives us this divine Vishnoo himself for our Lord;—Vishnoo, who, by the first of his ten earthly incarnations, has for ever set apart and sanctified the whale. When Brahma, or the God of Gods, saith the Shaster, resolved to recreate the world after one of its periodical dissolutions, he gave birth to Vishnoo, to preside over the work; but the Vedas, or mystical books, whose perusal would seem to have been indispensable to Vishnoo before beginning the creation, and which therefore must have contained something in the shape of practical hints to young architects, these Vedas were lying at the bottom of the waters; so Vishnoo became incarnate in a whale, and sounding down in him to the uttermost depths, rescued the sacred volumes. Was not this Vishnoo a whaleman, then? even as a man who rides a horse is called a horseman? Perseus, St. George, Hercules, Jonah, and Vishnoo! there's a member-roll for you! What club but the whaleman's can head off like that? [...]

Jonah Historically Regarded 

Reference was made to the historical story of Jonah and the whale in the preceding chapter. Now some Nantucketers rather distrust this historical story of Jonah and the whale. But then there were some sceptical Greeks and Romans, who, standing out from the orthodox pagans of their times, equally doubted the story of Hercules and the whale, and Arion and the dolphin; and yet their doubting those traditions did not make those traditions one whit the less facts, for all that. [...]

CHAPTER 84 

Pitchpoling 

To make them run easily and swiftly, the axles of carriages are anointed; and for much the same purpose, some whalers perform an analogous operation upon their boat; they grease the bottom. Nor is it to be doubted that as such a procedure can do no harm, it may possibly be of no contemptible advantage; considering that oil and water are hostile; that oil is a sliding thing, and that the object in view is to make the boat slide bravely. [...]

26 Oktober 2020

Wade Davis

 Wade Davis : "Als ich [...] aus einem kleinen Flieger wankte, waren meine Kleider zerlumpt und durchweicht vom Erbrochenen meiner Mitreisenden; ich besaß ganze drei Dollar und fühlte mich lebendiger als je zuvor." (S.281)

"Nichts ist Zeitverschwendung, es sei denn, wir machen es dazu. Ein alter Taxífahrer in Bogota kann uns so viel lehren wie ein wandernder Sadhu in Indien oder ein mystischer Heiliger in der Sahara. Da draußen waren Zehntausende von Lehrern, von denen ich nicht einmal wusste, dass ich sie hatte." (S.282)

24 Oktober 2020

Hansjürgen Günther: Theologie im Kloster, 2020

 An Günthers Antworten auf kritische Fragen an die kirchliche Glaubenslehren beeindruckt mich, wie kurz er sich (trotz Einbeziehung verschiedener theologisch-philosophischer Ansätze) zu fassen weiß.

Manchmal hilft dafür auch ein geschickt ausgewähltes Zitat. 
Mit der Aussage, Paul Tillich verstehe Gott als die Tiefe, kann man zunächst nicht viel anfangen. 
Tillichs Ergänzung hilft weiter: 

"Und wenn das Wort für euch nicht viel Bedeutung besitzt, so übersetzt es und sprecht von der Tiefe in eurem Leben, vom Ursprung eures Seins, von dem, was euch unbedingt angeht, von dem, was ihr ohne irgendeinen Vorbehalt ernst nehmt. [...] Ihr könnt euch dann nicht mehr Atheisten oder Ungläubige nennen, denn ihr könnt nicht mehr denken oder sagen: das Leben hat keine Tiefe, das Leben ist seicht, das Sein selbst ist nur Oberfläche. Nur wenn ihr das in voller Ernsthaftigkeit sagen könnt, wäret ihr Atheisten, sonst seid ihr es nicht. Wer um die Tiefe weiß, der weiß auch um Gott!" (Th. i. K., S.11)

So gewinnt Tiefe Bezug zur Mystik und wird, verkürzt gesagt, das Gegenteil alles Oberflächlichen. Das sagt mir etwas. Da ist Gott nicht "die Tiefe", sondern da, wo "Tiefe" ist.

Dazu passt das von Günther zitierte Gebet von Kurt Marti:

"Noch bevor wir Dich suchen, Gott,
Warst Du bei uns.
Wenn wir Dich als Vater anrufen,
hast Du uns längst schon wie eine Mutter geliebt.
Wenn wir Herr zu Dir sagen,
gibst Du Dich als Bruder zu erkennen.
Wenn wir Deine Brüderlichkeit preisen,
kommst Du uns schwesterlich entgegen.
Immer bist Du es,
der uns zuerst geliebt hat.
Darum sind wir jetzt hier,
Nicht weil wir besonders gut und fromm wären,
Sondern weil Du Gott bist
Und weil es gut ist, Dir nahe zu sein." 
(Th. i. K., S.18)


Gut gefallen mir auch die drei Entstehungserklärungen des Feuers: 
Einerseits die chemische, dann die lebensweltlich-kausale, dann die zweckorientierte. (Th. i. K., S.27)

Das ist eine neue Art das Gleichnis vom 'Elefanten der Blinden' aufzugreifen: Dasselbe ist etwas anderes, je nachdem, wie man es angreift, auffasst oder einsetzen will.