08 August 2010

Emile und der darauf erfolgende Haftbefehl

Außerdem dachte ich seit einiger Zeit über ein Erziehungssystem nach, mit dem Frau von Chenonceaux, der das von ihrem Manne gegen ihren Sohn angewandte Entsetzen einflößte, mich gebeten hatte, mich zu beschäftigen. Die Macht der Freundschaft hatte zur Folge, daß mir dieser Gegenstand, obgleich er mir an sich weniger angenehm war, doch mehr am Herzen lag als alle andere. Auch ist dieses das einzige von allen so eben erwähnten Themata, das ich wirklich ausgeführt habe. Der Zweck, den ich mir bei Bearbeitung dieses Stoffes vorgenommen, hätte dem Verfasser, wie nur scheint, ein anderes Loos zu bereiten verdient. Greifen wir jedoch diesem traurigen Gegenstande nicht vor. Ich werde im Verlaufe dieser Schrift nur allzu sehr gezwungen sein, davon zu reden. [...] (9. Buch)
Nachdem ich von dem Emil, seitdem ich ihn der Frau von Luxembourg übergeben, lange nichts vernommen hatte, hörte ich endlich, daß der Kaufvertrag darüber zu Paris mit dem Buchhändler Duchesne und durch ihn mit dem Amsterdamer Buchhändler Réaulme abgeschlossen war. Frau von Luxembourg sandte mir die beiden Abschriften meines Vertrages mit Duchesne zur Unterzeichnung. Ich erkannte, daß die Schrift von derselben Hand herrührte, von der diejenigen Briefe des Herrn von Malesherbes waren, die er nicht eigenhändig schrieb. Diese Gewißheit, daß mein Vertrag mit der Zustimmung und unter den Augen der Behörde zu Stande gekommen war, ließ mich ihn mit Vertrauen unterzeichnen. [...]
Der »Contrat social« wurde ziemlich rasch gedruckt. Mit Emil, auf dessen Erscheinen ich wartete, um mich meinem Plane gemäß zurückzuziehen, war es nicht der Fall. Duchesne schickte mir von Zeit zu Zeit Druckproben zur Auswahl; hatte ich sie getroffen, so begann er doch nicht, sondern schickte mir noch wieder andere. Als wir endlich über Format und Buchstaben einig waren, und er schon einige Bogen gedruckt hatte, begann er in Folge einer unbedeutenden Veränderung, die ich bei der Correctur vorgenommen hatte, alles von neuem, und nach sechs Monaten waren wir noch nicht so weit gelangt wie am ersten Tage. Während dieses versuchsweisen Vorgehens bemerkte ich deutlich, daß das Werk in Frankreich wie in Holland gedruckt wurde, und man gleichzeitig zwei Ausgaben veranstaltete. Was konnte ich thun? Ich war nicht mehr Herr meines Manuscripts. An der Ausgabe in Frankreich hatte ich nicht nur keinen Antheil gehabt, sondern mich ihr auch stets widersetzt; aber da sie wohl oder übel nun doch einmal gemacht wurde und der andern als Vorbild diente, so durfte ich sie auch nicht aus den Augen lassen und mußte die Correcturbogen durchsehen, um mein Buch nicht verstümmeln und entstellen zu lassen. Uebrigens geschah der Druck des Werkes so vollkommen mit der Genehmigung des Censors, daß er die Unternehmung gewissermaßen leitete, sehr häufig an mich schrieb und mich sogar in Bezug darauf besuchte, bei einer Gelegenheit, von der ich gleich reden werde.
Während Duchesne mit Schildkrötenschritten vorwärts ging, machte Néaulme, den er zurückhielt, noch langsamere Fortschritte. Man schickte ihm die Bogen nicht so regelmäßig zu, wie sie gedruckt wurden. Er glaubte in der Handlungsweise Duchesnes, das heißt Guys, der die Geschäftsführung besorgte, Unredlichkeit zu bemerken, und sobald er sich überzeugte, daß man den Vertrag nicht inne hielt, schrieb er mir Briefe über Briefe voller Klagen und Beschwerden, für die ich noch weniger Abhilfe herbeiführen konnte als für meine eigenen. Sein Freund Guérin, der mich damals sehr oft besuchte, redete mit mir unaufhörlich von diesem Buche, aber stets mit größter Zurückhaltung. [...] Damals war meine Sicherheit so vollständig, daß ich über den bedächtigen und geheimnisvollen Ton, den er bei dieser Angelegenheit anschlug, wie über eine bei Ministern und Beamten, in deren Amtsstuben er häufig zu finden war, vorkommende lächerliche Angewöhnung lachte. Sicher, hinsichtlich dieses Werkes in Ordnung zu sein, vollkommen überzeugt, daß es nicht nur die Billigung und den Schutz des Censors besäße, sondern auch verdiente und sogar von dem Ministerium mit günstigen Augen betrachtet würde, beglückwünschte ich mich wegen meines Muthes, recht zu handeln, und lachte meine kleinmüthigen Freunde aus, die sich um meinetwillen zu beunruhigen schienen. Duclos war einer von ihnen, und ich gestehe, daß mir mein Vertrauen zu seiner Geradheit und Einsicht gleiche Besorgnis wie ihm hätte einflößen müssen, wenn ich ein geringeres auf die Brauchbarkeit des Werkes und auf die Redlichkeit seiner Beschützer gesetzt hätte. Während der »Emil« unter der Presse war, kam er von Herrn Baille zu mir, und redete mit mir von dem Buche. Ich las ihm das Glaubensbekenntnis des Savoyischen Vikars vor; er hörte es in tiefster Ruhe und, wie es mir schien, mit großem Vergnügen an. Als ich geendet hatte, sagte er zu mir: »Wie, Bürger, das ist ein Abschnitt aus einem Buche, das man in Paris druckt?« – »Ja,« erwiderte ich, »und man sollte es im Louvre auf Befehl des Königs drucken.« – »Ich gebe es zu,« versetzte er, »thun Sie mir indessen den Gefallen, niemandem zu erzählen, daß Sie mir diesen Abschnitt vorgelesen haben.« Diese auffallende Art, sich auszudrücken, überraschte mich, ohne mich zu erschrecken. Ich wußte, daß Duclos oft Herrn von Malesherbes sah.
Es war mir schwer begreiflich, wie er über denselben Gegenstand so abweichender Meinung sein konnte. [...] Seit einiger Zeit quälten mich unbestimmte und düstere Ahnungen, ohne daß ich wußte worüber. Ich erhielt ziemlich sonderbare anonyme Briefe und sogar unterschriebene Briefe, die es kaum weniger waren. [...] Diese Voraussicht machte mich sogar selbst mehrmals schwankend, ob nicht auch ich ein Asyl außerhalb des Landes suchen sollte, ehe die dem Anscheine nach es bedrohenden Unruhen hereinbrachen. Allein im Hinblick auf meine Unbedeutendheit und mein friedfertiges Wesen beruhigt, glaubte ich, daß in der Einsamkeit, in der ich zu leben gedachte, kein Sturm bis zu mir dringen könnte. Nur das betrübte mich, daß sich Herr von Luxembourg bei diesem Stande der Dinge zu Diensten hergab, die ihn in seiner Statthalterschaft von manchem Guten zurückhalten mußten. Ich hätte gewünscht, daß er sich dort für jeden Fall eine Zuflucht sicherte, wenn die große Maschine wirklich zusammenbrach, wie es bei der gegenwärtigen Lage der Dinge zu befürchten stand, und noch jetzt scheint es mir zweifellos, daß, wären nicht endlich alle Zügel der Regierung in eine einzige Hand gefallen, die französische Regierung jetzt in den letzten Zügen läge.
Während sich mein Zustand verschlimmerte, wurde der Druck des »Emil« immer langsamer und endlich ganz unterbrochen, ohne daß ich den Grund erfahren konnte, ohne daß mich Guy einer Anzeige oder einer Antwort gewürdigt, ohne daß mich jemand benachrichtigt oder darüber aufgeklärt hätte, was eigentlich vorginge, da sich Herr von Malesherbes gerade auf dem Lande aufhielt. Nie wird mich ein Unglück, welches es auch sein möge, verwirren oder niederschlagen, falls ich weiß, worin es besteht; aber ich habe eine natürliche Angst vor dem Dunkeln; das Schaudrige in demselben fürchte und hasse ich. Das Geheimnisvolle beunruhigt mich stets, es steht in zu grellem Gegensatze zu meiner bis zur Unbesonnenheit offenen Natur. Der Anblick des gräßlichsten Ungeheuers würde mir, wie ich glaube, wenig Angst einjagen; aber würde ich nachts undeutlich eine Gestalt in einem weißen Laken erblicken, so würde mich Furcht befallen. So malte mir denn meine durch das lange Schweigen erhitzte Einbildungskraft lauter Schreckbilder vor. [...] Unglücklicher Weise vernahm ich um dieselbe Zeit, daß der Pater Griffet, ein Jesuit, vom »Emil« geredet und daraus sogar Stellen angeführt hatte. Augenblicklich fährt es mir wie ein Blitzstrahl durch den Kopf, und das ganze Geheimnis der Nichtswürdigkeit steht enthüllt vor mir da: ich sah ihr allmähliches Fortschreiten so klar, so unwiderleglich, als wäre es mir offenbart worden. Ich bildete mir ein, die Jesuiten hätten sich, wüthend über den verächtlichen Ton, in dem ich über ihre Schulen gesprochen, meines Werkes bemächtigt; sie wären es, die die Herausgabe hinderten; sie wollten, von ihrem Freunde Guérin über meinen gegenwärtigen Zustand unterrichtet und meinen nahen Tod, an dem ich nicht zweifelte, voraussehend, den Druck bis dahin verzögern in der Absicht, mein Werk zu verstümmeln und abzuändern und mir, um ihre Zwecke zu erreichen, fremde Ansichten unterzuschieben. [...] Ueberall sah ich nur Jesuiten, ohne zu bedenken, daß sie am Vorabende ihrer Vernichtung und von ihrer eigenen Verteidigung vollständig in Anspruch genommen, anderes zu thun hatten, als sich wegen des Druckes eines Buches, in dem es sich gar nicht um sie handelte, etwas zu schaffen zu machen. Ich habe Unrecht zu sagen, ohne daran zu denken, denn ich dachte sehr wohl daran, und Herr von Malesherbes hat sich sogar, als er von meinem Wahne hörte, die Mühe gegeben, mir den Einwurf zu machen; aber in Folge eines andren Unverstandes bei einem Manne, der aus der Tiefe seiner Zurückgezogenheit über in Geheimnis gehüllte wichtige Staatsangelegenheiten, von denen er nichts versteht, urtheilen will, war es mir unmöglich zu glauben, daß die Jesuiten wirklich in Gefahr waren, und ich betrachtete das Gerücht, das sich darüber verbreitete, als eine von ihrer Seite angewandte List, um ihre Widersacher einzuschläfern. [...]
Ich fühlte mich todtkrank; es ist mir schwer faßlich, wie diese Thorheit mir nicht vollends den Rest gab, so furchtbar war mir der Gedanke, daß nach meinem Tode mein Andenken gerade durch mein würdigstes und bestes Buch entehrt werden sollte. Nie habe ich mich so sehr zu sterben gefürchtet, und ich glaube, wäre ich unter diesen Verhältnissen gestorben, hätte ich in Verzweiflung meine Augen zugedrückt. Selbst heute, wo ich die schwärzeste, schändlichste Verschwörung, die je gegen das Gedächtnis eines Mannes angezettelt worden ist, widerstandslos auf ihr Ziel losgehen sehe, werde ich viel ruhiger sterben, sicher, in meinen Schriften ein Zeugnis über mich zu hinterlassen, welches früher oder später über die Verschwörungen der Menschen triumphiren wird.(11. Buch)
Endlich erschien der »Emil«, ohne daß ich von Auswechselblättern oder einer andern Schwierigkeit noch reden gehört hätte. [...]
Die Veröffentlichung dieses Buches erregte nicht den Beifallssturm, mit dem alle meine übrigen Schriften begrüßt waren. Nie erhielt ein Werk so großes Lob von Einzelnen und einen so geringen öffentlichen Beifall. Was mir die urtheilsfähigsten Leute darüber sagten und schrieben, bestätigte mir, daß es nicht nur die beste, sondern auch die bedeutendste meiner Schriften wäre. Dies alles wurde aber mit der seltsamsten Vorsicht gesagt, als ob das Gute, welches man darüber dachte, die Bewahrung des größten Geheimnisses erforderte. Frau von Boufflers, die versicherte, der Verfasser dieses Werkes verdiente Bildsäulen und die Huldigungen aller Sterblichen, bat mich am Ende ihres Billets ohne Umstände, es ihr zurückzuschicken. D'Alembert, der mir schrieb, dieses Werk entschiede meine Ueberlegenheit und müßte mich an die Spitze aller Gelehrten stellen, unterzeichnete seinen Brief nicht, obgleich er doch alle, die er bisher an mich gerichtet, unterschrieben hatte. Duclos, ein zuverlässiger Freund, ein wahrer, aber vorsichtiger Mann, der diesem Buche einen hohen Werth beilegte, vermied, mir seine Ansicht darüber schriftlich mitzutheilen; La Condamine wies auf das »Glaubensbekenntnis« hin und machte allerlei Umschweife; Clairaut beschränkte sich in seinem Briefe auf den nämlichen Abschnitt, scheute sich aber nicht, die tiefe Bewegung zu schildern, in die er bei der Lectüre versetzt worden wäre; er gestand, um seine eigenen Worte zu wiederholen, diese Lectüre hätte seine alte Seele wieder erwärmt. Von allen, denen ich mein Buch geschickt hatte, war er der Einzige, der alles Gute, was er davon dachte, jedermann laut und offen sagte. [...] Herr von Blaire besaß in Saint-Gratien ein Landhaus, und Mathas, sein alter Bekannter, besuchte ihn dort bisweilen, wenn er gehen konnte. Er ließ ihn den »Emil« vor seinem Erscheinen lesen. Als ihm Herr von Blaire denselben zurückgab, sagte er zu ihm folgende Worte, die mir noch an demselben Tage mitgetheilt wurden: »Herr Mathas, dies ist ein sehr schönes Buch, von dem aber binnen kurzem mehr geredet werden wird, als es dem Verfasser zu wünschen ist.« Als er mir diese Aeußerung anvertraute, lachte ich nur darüber und erblickte darin nichts Anderes als die Wichtigthuerei eines richterlichen Beamten, der bei allem etwas Geheimes wittert. [...]
Ich blieb ruhig. Das Gerücht nahm zu und änderte bald den Ton. Das Publikum und namentlich das Parlament schienen durch meine Ruhe gereizt zu werden. Nach Verlauf einiger Tage wurde die Aufregung furchtbar; die Drohungen wechselten jetzt den Gegenstand und richteten sich unmittelbar gegen mich. Man hörte Mitglieder des Parlaments ganz offen sagen, mit dem Verbrennen der Bücher käme man nicht weiter, man müßte ihre Verfasser verbrennen. Gegen die Buchhändler ließ man sich nichts verlauten. Als mir diese Aeußerungen, die eines Inquisitors von Goa würdiger waren als eines Senators, zum ersten Male zu Ohren kamen, zweifelte ich nicht daran, daß es eine Erfindung der Holbachianer wäre, die darauf ausgingen, mich in Schrecken zu setzen und zur Flucht zu bewegen. [...] Eines Morgens jedoch, als ich mit Herrn von Luxembourg allein war, sagte er zu mir: »Haben Sie in dem »Contrat social« von Herrn von Choiseul etwas Nachtheiliges gesagt?« – »Ich?« erwiderte ich, vor Ueberraschung zurückfahrend, »nein, das kann ich beschwören; ich habe ihm im Gegentheile und noch dazu mit einer Feder, der alle Lobhudelei fremd ist, das glänzendste Lob gespendet, das je einem Minister zu Theil geworden ist,« und sofort sagte ich ihm die Stelle her. »Und im Emil?« fuhr er fort. »Nicht ein Wort,« versetzte ich; »er enthält nicht ein einziges Wort, das sich auf ihn bezieht.« – »Ach,« sagte er mit größerer Lebhaftigkeit als sonst, »Sie hätten es im andern Buche eben so machen sollen oder deutlicher sein müssen.« – »Ich glaubte es zu sein,« entgegnete ich, »meine Achtung vor ihm war dazu hoch genug.« Er wollte weiter reden; ich sah ihn im Begriff, sich ganz gegen mich auszusprechen, als er sich plötzlich bezwang und schwieg. Unglückselige Höflingspolitik, die in den besten Herzen selbst über die Freundschaft die Oberhand gewinnt.
Diese, wenn auch kurze, Unterredung klärte mich doch, wenigstens in gewisser Beziehung, über meine Lage auf und ließ mich erkennen, daß man doch an mich wollte. Ich beklagte dieses unerhörte Verhängnis, das alles, was ich gutes sagte und that, zu meinem Nachtheil ausschlagen ließ. Da ich aber hierbei in Frau von Luxembourg und Herrn von Malesherbes einen Schild zu haben glaubte, sah ich nicht ein, wie man es anfangen wollte, sie bei Seite zu schieben und mir zu Leibe zu gehen, denn im Uebrigen begriff ich jetzt recht gut, daß man sich nicht mehr um Billigkeit und Gerechtigkeit kümmern und es sich nicht groß anfechten lassen würde, erst zu prüfen, ob ich denn wirklich Unrecht hätte oder nicht. [...] Frau von Boufflers schien weniger ruhig. Sie kam und ging mit erregter Miene, machte sich viel zu schaffen und betheuerte mir, der Prinz Conti gäbe sich ebenfalls viel Mühe, den Schlag abzuwenden, der gegen mich im Schilde geführt würde, und den sie immer nur den gegenwärtigen Verhältnissen zuschrieb, unter denen es dem Parlamente darauf ankäme, sich von den Jesuiten nicht religiöser Gleichgültigkeit zeihen zu lassen. Sie schien indessen wenig auf den Erfolg der Schritte des Prinzen wie ihrer eigenen zu rechnen. Ihre mehr beunruhigenden als beruhigenden Mittheilungen hatten sämmtlich den Zweck, mich zur Flucht zu bewegen. Sie rieth mir beständig, mich in England niederzulassen, wo sie mir viele Freunde in Aussicht stellte, unter andern den berühmten Hume, der seit langer Zeit der ihrige war. Als sie wahrnahm, daß ich immer in meiner Ruhe verblieb, wandte sie einen Kunstgriff an, der geeigneter war, mich zu erschüttern. Sie gab mir zu verstehen, wenn ich verhaftet und verhört würde, käme ich in die Nothwendigkeit, Frau von Luxemburg zu nennen, und ihre Freundschaft für mich verdiente doch wohl, daß ich mich nicht der Gefahr aussetzte, sie bloßzustellen. Ich erwiderte, daß sie in einem solchen Falle völlig ruhig sein könnte, da ich sie gewiß nicht in die Angelegenheit verwickeln würde. Sie erwiderte, daß dieser Entschluß leichter zu fassen als auszuführen wäre, und darin hatte sie ja Recht, namentlich bei mir, der entschlossen ist, vor dem Richterstuhle nie falsch zu schwören oder zu lügen, welche Gefahr es auch immer nach sich ziehen könnte, die Wahrheit zu sagen.[...]
Weit davon entfernt, mich zu fürchten und verborgen zu halten, ging ich jeden Morgen nach dem Schlosse und machte Nachmittags meinen gewöhnlichen Spaziergang. Am 8. Juni, dem Vorabende des Haftbefehls, machte ich ihn mit zwei Professoren von den Oratorianern, dem Pater Alamanni und dem Pater Mandard. [...] Da ich an diesem Abende wacher als sonst war, setzte ich meine Lectüre länger fort und las das ganze Buch aus, das am Ende von dem Leviten von Ephraim erzählt. Es ist, wenn ich mich nicht irre, das Buch der Richter, denn seit jener Zeit habe ich es nicht wiedergesehen. Diese Geschichte regte mich sehr auf, und ich beschäftigte mich gerade in einem traumartigen Zustande mit ihr, als ich mit einem Mal durch Geräusch und Licht aus ihm gerissen wurde. Therese, die es trug, leuchtete Herrn La Roche, der, als er sah, wie ich mich rasch in die Höhe richtete, zu mir sagte: »Erschrecken Sie nicht; ich komme von der Frau Marschall, die Ihnen schreibt und einen Brief des Prinzen Conti sendet.« In der That fand ich in dem Briefe der Frau von Luxembourg den inneliegend, den ihr so eben ein besonderer Bote von dem Prinzen gebracht hatte; er theilte ihr darin mit, daß man trotz aller seiner Anstrengungen entschlossen wäre, mit aller Strenge gegen mich vorzugehen. »[...] morgen früh sieben Uhr wird der Haftbefehl gegen ihn erlassen werden, und man wird seine Verhaftung sofort vollstrecken lassen. Ich habe durchgesetzt, daß man ihn nicht verfolgen wird, wenn er sich entfernt; will er sich jedoch durchaus verhaften lassen, so wird er gefänglich eingezogen werden.« La Roche beschwor mich im Namen der Frau Marschall aufzustehen und mich zu einer Berathung zu ihr zu begeben. Es war zwei Uhr; sie hatte sich bereits niedergelegt. »Sie erwartet Sie,« fügte er hinzu, »und will nicht einschlafen, ehe sie Sie nicht gesehen hat.« Ich kleidete mich schnell an und eilte zu ihr.
Sie kam mir aufgeregt vor. Es war das erste Mal. Ihre Unruhe rührte mich. In diesem Augenblicke der Ueberraschung, mitten in der Nacht, war ich selbst von Aufregung nicht frei. Als ich sie aber sah, vergaß ich mich selbst, um nur an sie und die traurige Rolle zu denken, die sie spielen würde, wenn ich mich verhaften ließ; denn fühlte ich auch genug Muth in mir, um nichts als die Wahrheit zu sagen, sollte sie mir auch schaden und mich verderben, so fühlte ich doch nicht genug Geistesgegenwart, noch genug Gewandtheit und vielleicht nicht einmal genug Festigkeit in mir, um sicher zu sein, daß ich die Frau Marschall nicht bloßstellen würde, wenn man mich einem scharfen Verhöre unterzog. Dies bestimmte mich, meinen Ruhm ihrer Ruhe zu opfern, bestimmte mich, bei dieser Gelegenheit für sie das zu thun, was nichts in der Welt von mir erzwungen hätte, für mich selbst zu thun. [...] Herr von Luxembourg schlug mir vor, einige Tage incognito bei ihm zu bleiben, um zu überlegen und meine Maßregeln in größerer Muße zu treffen. Ich ging nicht darauf ein, auch nicht auf den Vorschlag, mich im Geheimen nach dem Temple zu begeben. Ich bestand darauf, noch an demselben Tage abreisen zu wollen, viel lieber als hier noch länger irgendwo versteckt zu bleiben.
Ueberzeugt, daß ich im Königreiche geheime und mächtige Feinde hatte, war ich der Ansicht, daß ich trotz meiner Vorliebe für Frankreich es doch verlassen müßte, wollte ich in Frieden leben. [...] Entschlossen, noch den nämlichen Tag abzureisen, war ich von früh an für jeden abgereist, und La Roche, durch den ich mir meine Papiere holen ließ, wollte nicht einmal Therese sagen, ob ich es wäre oder nicht. [...] Der Herr Marschall sagte nicht eine Silbe; er war leichenblaß. [...]
Als ich das Berner Gebiet betrat, ließ ich anhalten; ich stieg aus, warf mich nieder, breitete die Arme aus, küßte die Erde und rief in meinem Freudentaumel: »Himmel, Beschützer der Tugend, ich preise dich; ein freies Land betritt mein Fuß!« So habe ich mich, voll Blindheit und Zuversicht auf meine Hoffnungen, beständig für das begeistert, was mein Unglück hervorrufen sollte. [...] (11. Buch)
[...] Deshalb war ich völlig überzeugt, mit rother Tinte in die Listen des Königs von Preußen eingetragen zu sein; und da ich überdies annahm, daß er die Grundsätze, die ich ihm zuzuschreiben gewagt hatte, wirklich besäße, konnten ihm meine Schriften und ihr Verfasser schon lediglich um deswillen nur mißfallen, denn man weiß, daß mich die Bösen und die Tyrannen, auch ohne mich zu kennen, auf die bloße Lectüre meiner Schriften hin stets gehaßt haben.
Gleichwohl wagte ich mich in seine Gewalt zu begeben und war überzeugt, wenig Gefahr zu laufen. Ich wußte, daß die niedrigen Leidenschaften nur über schwache Menschen Herr werden und über Seelen von hartem Schlage, und für eine solche hatte ich die seinige erkannt, nichts vermögen. Ich glaubte fest, daß seine Regierungskunst es von ihm verlangte, sich bei einer solchen Gelegenheit hochherzig zu zeigen, und daß sein Charakter groß genug wäre, es wirklich zu sein. Ich war überzeugt, daß eine niedrige und leicht auszuübende Rache nicht einen Augenblick die Ruhmliebe in ihm überwiegen könnte, und wenn ich mich an seine Stelle dachte, hielt ich es nicht für unmöglich, daß er die Gelegenheit benutzen würde, um den Mann, der es gewagt hatte, von ihm schlecht zu denken, durch das ganze Gewicht seines Edelmuths niederzubeugen. So übersiedelte ich denn nach Motiers mit einer Zuversicht, deren Werth ich ihn einzusehen für befähigt hielt, und sagte zu mir: »Wird sich Friedrich, wenn sich Jean-Jacques neben Coriolan erhebt, niedriger zeigen als der Feldherr der Volsker?« (12. Buch)

Gesellschaftsvertrag

Von den verschiedenen Werken, an denen ich arbeitete, war das, welches meine Gedanken am meisten in Anspruch nahm, mit dem ich mich am liebsten beschäftigte, an dem ich mein ganzes Leben lang arbeiten wollte, und mit dem ich meinem Rufe die Krone aufzusetzen gedachte, meine »politischen Einrichtungen«. Schon dreizehn oder vierzehn Jahre vorher hatte ich die erste Idee dazu gefaßt, als ich bei meinem Aufenthalte in Venedig Gelegenheit erhalten hatte, die Fehler dieser so hoch gerühmten Regierung zu erkennen. Durch das Studium der Geschichte der Moral hatte sich mein Gesichtskreis seitdem bedeutend erweitert. Ich war zu der Einsicht gelangt, daß im letzten Grunde alles auf die Politik ankäme, und daß jedes Volk, auf welche Weise man es auch immer anstellen möchte, nur das sein würde, was die Natur seiner Regierungsform aus ihm machen mußte. Demnach schien sich mir diese große Frage nach der bestmöglichen Regierungsform auf folgende zurückführen zu lassen: welche Regierungsform ist am meisten geeignet, das tugendhafteste, aufgeklärteste, verständigste, kurz das beste Volk in dem weitesten Sinne des Wortes zu bilden? Ich hatte einzusehen geglaubt, daß diese Frage so ziemlich der andern gleichkäme, wenn überhaupt ein Unterschied zwischen ihnen stattfände: welche Regierungsform steht mit dem Gesetze stets im nächsten Zusammenhange? Ferner: was ist das Gesetz? nebst einer ganzen Reihe von Fragen gleicher Wichtigkeit. Ich erkannte, daß mich dies alles zu großen, für das Glück des menschlichen Geschlechts, besonders aber für das meines Vaterlandes heilsamen Wahrheiten führte. In letzterem hatte sich auf der Reise, die ich vor kurzem dorthin unternommen, die Begriffe von Gesetz und Freiheit meines Erachtens weder richtig noch klar genug gefunden; und diese indirecte Art, sie ihnen beizubringen, war mir am geeignetsten vorgekommen, die Eigenliebe der dabei Betheiligten zu schonen und mir Verzeihung dafür zu erwirken, daß ich in Bezug auf diese Punkte ein wenig weiter sah als sie.

Obgleich ich bereits fünf oder sechs Jahre an diesem Werke arbeitete, war es doch noch wenig vorgeschritten. Bücher dieser Art verlangen Ueberlegung, Muße, Ruhe. Außerdem war ich mit ihm, so zu sagen, im Geheimen beschäftigt und hatte mein Vorhaben niemandem, nicht einmal Diderot mittheilen wollen. Ich besorgte, daß es für das Jahrhundert und das Land, in dem ich schrieb, zu kühn erschiene, und daß mir die Angst meiner Freunde bei der Ausführung hinderlich sein könnte. Ich wußte noch nicht, ob es rechtzeitig und der Art vollendet werden würde, daß es noch während meiner Lebzeiten erscheinen könnte. Ich wollte meinem Gegenstande alles, was er von mir verlangte, ohne Zwang geben können, fest überzeugt, daß mich, da ich keine Neigung zur Satire hatte und nie darauf ausging anzüglich zu werden, bei billiger Beurtheilung kein Tadel treffen werde. Ich wollte von dem Rechte zu denken, das ich durch meine Geburt besaß, in vollem Umfange Gebrauch machen, aber stets mit aller Achtung gegen die Regierung, unter der ich leben mußte, und ohne je ihren Gesetzen ungehorsam zu sein; und sehr darauf bedacht, das Völkerrecht nicht zu verletzen, wollte ich doch auch nicht auf seine Vortheile verzichten.

Ich gestehe sogar, daß ich als ein in Frankreich lebender Fremdling meine Lage für das Wagestück, offen die Wahrheit zu sagen, sehr günstig fand, da ich mir wohl bewußt war, daß ich, wenn ich dabei blieb, nichts ohne Erlaubnis drucken zu lassen, daselbst niemandem Rechenschaft über meine Grundsätze und ihre Veröffentlichung außerhalb des Landes schuldig war. Ich würde selbst in Genf weit weniger frei gewesen sein, wo die Obrigkeit, an welchem Orte auch meine Bücher gedruckt sein mochten, das Recht besaß, den Inhalt derselben ihrer Kritik zu unterwerfen. Diese Erwägung hatte viel dazu beigetragen, daß ich den Bitten der Frau von Epinay nachgab und von der Uebersiedlung nach Genf abstand. Ich fühlte, wie ich es im Emil ausgesprochen habe, daß man, liebt man nicht Intriguen und will man seine Bücher dem wahren Wohle des Vaterlandes widmen, sie nicht im Schooße desselben abfassen darf.

Was mich meine Lage noch glücklicher finden ließ, war die von mir gefaßte Ueberzeugung, daß es sich die französische Regierung, wenn sie mich vielleicht auch nicht mit günstigem Auge betrachtete, doch zur Ehre anrechnen würde, mich zwar nicht zu beschützen, aber doch wenigstens in Ruhe zu lassen. Meines Bedünkens war es eine sehr einfache und gleichwohl sehr geschickte Politik, sich aus der Duldung dessen, was man nicht hindern konnte, ein Verdienst zu machen; weil bei meiner Verbannung aus Frankreich, was alles war, wozu der Regierung das Recht zustand, meine Bücher dessenungeachtet und vielleicht mit weniger Mäßigung geschrieben worden wären, während sie, wenn sie mich in Ruhe ließ, den Verfasser als Bürgschaft für seine Werke behielt und zugleich ein im übrigen Europa tief eingewurzeltes Vorurtheil vernichtete, indem sie sich in den Ruf setzte, das Völkerrecht offenkundig zu achten.

Wer nach dem Erfolge denken möchte, daß mich meine Zuversicht getäuscht habe, könnte sich möglicherweise selbst täuschen. Bei dem Unwetter, das auf mich eingestürmt ist, haben meine Bücher nur als Vorwand gedient, während es in Wirklichkeit auf meine Person abgesehen war. Um den Schriftsteller kümmerte man sich sehr wenig, aber man wollte Jean Jacques verderben, und das größte Unrecht, das man in meinen Schriften gefunden haben mag, war die Ehre, welche sie mir bringen konnten. (9. Buch)

Fußnote Rousseaus zur "Angst meiner Freunde":
Diese Besorgnis flößte mir namentlich Duclos' vernünftige Strenge ein; denn was Diderot anlangt, so weiß ich nicht, wie es kam, daß alle meine Unterredungen mit ihm immer nur den Erfolg hatten, mich satirischer und beißender zu machen, als es mit meiner Natur im Einklang stand. Dies war es eben, was mich davon zurückhielt, ihn über mein Unternehmen um Rath zu fragen, in dem ich lediglich die Macht der Beweisführung zur Geltung bringen wollte, ohne irgend eine Spur von Mißvergnügen und Parteilichkeit. Ueber den Ton, welchen ich in diesem Werke angenommen, kann man nach dem im »contrat social« herrschenden urtheilen, welcher daraus geschöpft ist.

Ich arbeitete noch an zwei Werken. Das erste führte den Titel »Politische Einrichtungen«. Ich prüfte den Fortschritt dieses Buches und erkannte, daß es noch mehrjährige Arbeit verlangte. Ich hatte nicht den Muth, es fortzusetzen und bis zu seiner Vollendung mit der Ausführung meines Entschlusses zu warten. So entschloß ich mich denn, indem ich auf dieses Werk verzichtete, alles, was sich von ihm trennen ließe, herauszuziehen und das Uebrige dann zu verbrennen, und da ich diese Arbeit, ohne die am »Emil« zu unterbrechen, mit Eifer betrieb, legte ich in weniger als zwei Jahren die letzte Hand an den » Contrat social«. (10. Buch)

Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen

[...] in der Vorrede, die ich zu meinen guten Schriften rechne, begann ich meine Grundsätze ein wenig offener und klarer, als ich es bisher gethan, darzulegen.


Ich bekam bald Gelegenheit, sie in einem Werke von größerem Belange vollständig zu entwickeln, denn in eben diesem Jahre 1753 erschien, wie ich denke, das Programm der Akademie von Dijon über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen. Von dieser großen Frage angeregt, war ich überrascht, daß die Akademie den Muth gehabt, sie aufzugeben; aber da sie ihn einmal gehabt hatte, konnte ich auch wohl den haben, sie zu behandeln, und ich unternahm es.

Um über dieses große Thema in Ruhe nachzudenken, machte ich mit Therese, unserer Wirthin, einer höchst gutmüthigen Frau, und mit einer ihrer Freundinnen eine Reise von sieben oder acht Tagen nach Saint-Germain. Ich rechne diesen Ausflug zu den angenehmsten meines Lebens. Das Wetter war sehr schön; die guten Frauen sorgten für alles und trugen die Kosten; Therese war mit ihnen heiter und glücklich, und ich, der ich mich von allen Sorgen frei fühlte, kam, um mich in den Stunden der Mahlzeiten zwanglos zu erheitern. Den ganzen übrigen Tag mitten im Walde weilend, suchte und fand ich das Bild der Urzeit, deren Geschichte ich in kühnen Umrissen entwarf; ich deckte die kleinen Lügen der Menschen auf; ich wagte ihre Natur bis zur Nacktheit bloß zu stellen, ihre fortschreitende Entstellung durch Zeiten und Dinge darzuthun, und indem ich den Menschen, wie er durch seine Mitmenschen geworden, mit dem Menschen der Natur verglich, hatte ich den Muth, ihm gerade in seiner vermeintlichen Vervollkommnung die eigentliche Quelle seines Elends zu zeigen. Meine durch diese erhabenen Betrachtungen beschwingte Seele erhob sich an die Seite der Gottheit und von dort sehend, wie meine Mitgeschöpfe in der Blindheit ihrer Vorurtheile immer auf dem Wege ihrer Irrthümer, ihrer Leiden und ihrer Verbrechen blieben, rief ich ihnen mit einer schwachen Stimme, die sie nicht zu vernehmen vermochten, zu: »Wahnsinnige, die ihr unaufhörlich über die Natur klagt, lernet, daß alle eure Uebel in euch selber ihre Quelle haben.«

Aus diesen Betrachtungen entstand die Abhandlung über die Ungleichheit, ein Werk, das Diderot besser gefiel als alle meine andern Schriften und für das mir seine Rathschläge äußerst nützlich waren, das aber in ganz Europa nur wenige Leser fand, die es verstanden, und unter diesen keinen, der davon reden mochte. Es war zur Preisbewerbung verfaßt; ich sandte es also ein, wenn auch im voraus dessen sicher, daß es den Preis nicht bekommen würde, und in dem Bewußtsein, daß für derartige Arbeiten die Preise der Akademien nicht gestiftet sind. (8. Buch)


Rousseaus Fußnote zu seiner Bemerkung über Diderots Hilfe:

Als ich dies schrieb, ahnte ich das große Complot Diderots und Grimms noch nicht, sonst würde ich leicht erkannt haben, einen wie großen Mißbrauch ersterer mit meinem Vertrauen trieb, um meinen Schriften diese harte Sprache und das düstere Colorit zu geben, die sie nicht mehr hatten, als er mich zu leiten aufhörte. Das Bild des Philosophen, der sich bei seinen hochtrabenden Schlußfolgerungen die Ohren zustopft, um sich gegen die Klagen eines Unglücklichen zu verhärten, hat er mir eingegeben; und auch andere noch stärkere hatte er mir anempfohlen, zu deren Benutzung ich mich jedoch nicht entschließen konnte. Aber da ich seine düstere Stimmung als eine Nachwirkung seines Aufenthaltes im Thurm zu Vincennes betrachtete, von der man noch in seinem Clairval eine ziemlich starke Beigabe findet, so fiel es mir nicht ein, die geringste böse Absicht dabei zu argwöhnen.

Rousseaus Ungeschick im Gespräch

Noch unseliger ist es, daß trotz des richtigen Gefühls, mich schweigend verhalten zu müssen, wenn ich nichts zu sagen habe, mich förmlich die Wuth zu sprechen überfällt, um meine Schuld dadurch gleichsam schneller abzutragen. Ich stottere in größter Hast einige gedankenlose Worte hervor, mit denen sich im glücklichsten Falle gar kein Sinn verbinden läßt. Durch mein Bestreben, meine Albernheit zu besiegen oder zu verdecken, bringe ich sie gewöhnlich erst recht zu Tage. Unter tausend Beispielen, die ich anführen könnte, will ich nur eines herauswählen, welches nicht aus meiner Jugend stammt, sondern aus einer Zeit, in der ich mir die Ungezwungenheit und den Ton der Welt, in welcher ich bereits einige Jahre gelebt hatte, angeeignet haben sollte, wenn es möglich gewesen wäre. Ich befand mich eines Abends in der Gesellschaft zweier vornehmer Damen und eines Herrn, dessen Name Klang hat, nämlich des Herzogs von Gontaut. Keine andere Person befand sich in dem Zimmer, und ich bemühte mich zu einer Unterhaltung zwischen vier Personen, von denen drei meiner Beihilfe sicherlich nicht bedurften, einige Worte, Gott weiß welche, beizutragen. Die Frau des Hauses ließ sich ein Opiat bringen, welches sie für ihren Magen täglich zweimal einnahm. Als die andere Dame sie das Gesicht verziehen sah, fragte sie lächelnd: »Rührt das Opiat von Herrn Tronchin her?« – »Ich meine nicht,« erwiderte erstere in dem nämlichen Tone. »Ich glaube, es ist auch nicht besser,« fügte der geistreiche Rousseau galant hinzu. Alle wurden bestürzt. Kein Wort wurde gesprochen, kein Lächeln zeigte sich, und einen Augenblick später nahm das Gespräch eine andere Wendung. Einer Andern gegenüber wäre diese Dummheit nur lächerlich gewesen; aber an eine Dame gerichtet, die zu liebenswürdig war, um nicht die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt zu haben, und die ich sicherlich nicht beleidigen wollte, war sie geradezu schrecklich; und ich glaube, daß die beiden Zeugen, der Mann sowohl wie die Frau, große Mühe hatten, ihren Unwillen gegen mich nicht sichtbar werden zu lassen. Solche geistreiche Dinge bringe ich zu Wege, wenn ich reden will, ohne daß ich etwas zu sagen habe. Ich werde die erzählte Anekdote nicht leicht vergessen, denn sie ist nicht allein an sich sehr merkwürdig, sondern ich bilde mir auch ein, daß sie Folgen nach sich gezogen hat, die mich nur zu oft an sie erinnern. (3.Buch)

Preisausschreiben der Akademie von Dijon zum Fortschritt der Wissenschaften und Künste

Rousseau besucht Diderot im Schloss von Vicennes, wo der gefangen gehalten wird:
 Dieses Jahr 1749 zeichnete sich durch eine ungewöhnliche Hitze aus. Von Paris nach Vincennes rechnet man zwei Wegstunden. Nicht gut im Stande, Droschken zu bezahlen, machte ich mich, wenn ich allein war, nachmittags zwei Uhr auf den Weg und ging schnell, um früher anzukommen. Die Bäume am Wege, nach Landessitte stets ausgeästet, gaben fast keinen Schatten, und von Hitze und Müdigkeit ermattet, legte ich mich oft, wenn ich nicht weiter konnte, der Länge nach auf die Erde. Um meinen Schritt zu mäßigen, gerieth ich auf den Einfall, irgend ein Buch mitzunehmen. Eines Tages nahm ich den französischen Merkur, und ihn beim Wandern überfliegend, fiel mir die von der Akademie zu Dijon für das nächste Jahr aufgestellte Preisfrage in die Augen, »ob der Fortschritt der Wissenschaften und Künste zum Verderben oder zur Veredelung der Sitten beigetragen hat?«
Beim ersten Durchlesen dieser Worte sah ich eine andere Welt vor mir und wurde ich ein anderer Mann. Obgleich ich eine lebhafte Erinnerung an den dadurch empfangenen Eindruck habe, sind mir die Einzelheiten desselben entschwunden, seitdem ich sie in einem meiner vier Briefe an Herrn von Malesherbes niedergeschrieben habe. Es ist eine der Eigenthümlichkeiten meines Gedächtnisses, die der Erwähnung verdient. Wenn es mir dient, so geschieht es nur, so weit ich mich darauf verlasse; sobald ich dagegen das im Gedächtnis Aufbewahrte zu Papier bringe, verläßt es mich; sobald ich etwas einmal aufgeschrieben habe, erinnere ich mich seiner gar nicht mehr. Diese Eigentümlichkeit macht sich auch in der Musik bemerkbar. Ehe ich sie lernte, wußte ich eine Menge Lieder auswendig; sobald ich verstand, Melodien nach Noten zu singen, habe ich kein Lied behalten können, und ich zweifle, daß ich von denen, die mir am liebsten waren, heute auch nur eine einzige ganz hersagen könnte.
Wessen ich mich bei dieser Gelegenheit noch ganz deutlich erinnere, ist, daß ich mich bei meiner Ankunft in Vincennes in einer wahnsinnartigen Aufregung befand. Diderot nahm sie wahr; ich sagte ihm die Ursache und las ihm die Prosopopoe des Fabricius vor, zu der ich den ersten Entwurf unter einer Eiche geschrieben hatte. Er spornte mich an, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen, und mich um den Preis mitzubewerben. Ich that es und war von diesem Augenblicke an verloren. Mein ganzes übriges Leben mit allen meinen Leiden war die unvermeidliche Folge dieses Augenblickes der Verirrung.
Meine Gefühle richteten sich mit der erstaunlichsten Schnelligkeit nach dem Schwunge meiner Gedanken. Alle meine kleinen Leidenschaften wurden von der Begeisterung für Wahrheit, Freiheit und Tugend erstickt; und noch wunderbarer ist, diese Gährung erhielt sich in meinem Herzen länger als vier oder fünf Jahre in einem so hohen Grade, wie es vielleicht in dem Herzen keines andren Menschen je vorgekommen ist.
Ich arbeitete diese Abhandlung in einer höchst sonderbaren Weise aus, die ich bei meinen andern Werken fast immer beibehalten habe. Ich widmete ihr die schlaflosen Stunden meiner Nächte. Ich überlegte im Bette mit geschlossenen Augen und wendete meine Perioden im Kopfe mit unglaublicher Mühe hin und her; wenn ich dann endlich mit ihnen zufrieden war, behielt ich sie so lange im Gedächtnisse, bis ich sie aufschreiben konnte. Aber während der Zeit des Aufstehens und Anziehens verlor ich alles wieder aus dem Gedächtnisse, und wenn ich mich vor mein Papier gesetzt hatte, fiel mir von all dem so mühsam Eingeprägten fast nichts mehr ein. Ich gerieth auf den Einfall, mir Frau Le Vasseur zum Secretär zu nehmen. Ich hatte sie mit ihrer Tochter und ihrem Manne in meiner Nähe untergebracht, und um mir einen Dienstboten zu ersparen, kam sie jeden Morgen, mir Feuer anzumachen und meine kleinen häuslichen Geschäfte zu besorgen. Bei ihrer Ankunft diktirte ich ihr von meinem Bette aus meine nächtliche Arbeit, und dieses Verfahren, dem ich lange treu blieb, hat mir bei meiner Vergeßlichkeit gute Dienste geleistet.
Nach Vollendung dieser Abhandlung zeigte ich sie Diderot, der mit ihr zufrieden war und mir einige Verbesserungen angab. Trotzdem mangelt es diesem schwungreichen und gewaltigen Werke völlig an Logik und Ordnung; unter allen, die aus meiner Feder geflossen sind, ist es im Folgern das schwächste und an Wohlklang und Harmonie das ärmste; aber mit welchem Talente man auch geboren sein mag, die Kunst zu schreiben lernt sich nicht auf einmal.
Ich handle diese Arbeit ab, ohne mit irgend einem andern davon zu reden, wenn nicht etwa mit Grimm, mit dem ich seit seinem Eintritt bei dem Grafen von Friesen in innigster Freundschaft zu leben begann. Unser Vereinigungspunkt bildete sein Klavier, an welchem ich alle freie Augenblicke mit ihm zubrachte, um italienische Lieder und Barcarolen unermüdlich und rastlos vom Morgen bis zum Abend, oder vielmehr vom Abend bis zum Morgen zu singen; und sobald man mich nicht bei Frau Dupin fand, war man sicher mich bei Herrn Grimm oder wenigstens in seiner Gesellschaft, sei es auf dem Spaziergange oder im Theater, zu finden. Ich hörte auf, die italienische Komödie zu besuchen, zu der ich freien Eintritt hatte, die er aber nicht leiden konnte, um mit ihm für mein Geld in die französische Komödie zu gehen, für die er leidenschaftlich eingenommen war. Kurz, dieser junge Mann übte auf mich eine so mächtige Anziehungskraft aus, und ich wurde so unzertrennlich von ihm, daß selbst die arme Tante darüber vernachlässigt wurde, das heißt, daß ich sie seltener sah, denn meine Liebe zu ihr hat auch nicht einen Augenblick meines Lebens abgenommen.
Diese Unmöglichkeit, die wenige Zeit, die ich frei hatte, zwischen meinen Neigungen zu theilen, erneuerte lebhafter als je den Wunsch, den ich längst hegte, mit Therese nur einen gemeinschaftlichen Haushalt zu führen; [...] (8. Buch)

Als ihr [der Abhandlung für das Preisausschreiben von Dijon] der Preis zuerkannt war, übernahm es Diderot, sie durch die Presse zu veröffentlichen. Während ich noch das Bett hüten mußte, zeigte er mir in einem Billet ihr Erscheinen und ihre Wirkung an. »Sie schwingt sich,« versicherte er mir, »über die Wolken empor; sie hat einen beispiellosen Erfolg.« Diese durch niemanden künstlich hervorgerufene Gunst des Publikums für einen noch unbekannten Schriftsteller gab mir das erste wahre Vertrauen zu meinem Talente, an dem ich trotz der innern Ueberzeugung bis dahin noch immer gezweifelt hatte. 8.Buch

Anmerkung der Ausgabe von Gutenberg.de:
In seinem Briefe an Malesherbes fügt Rousseau dieser Erzählung noch weit auffallendere Umstände hinzu. Sie erregen die Vorstellung einer Eingebung und einer Anwandlung von Verzückung, von der sich, wie man behaupten kann, in den Jahrbüchern der Literatur kein ähnliches Beispiel findet. »Ich fühle meinen Kopf von einem rauschähnlichen Taumel ergriffen. Krampfhafte Zuckungen erfaßten mich... Da ich beim Gehen nicht mehr zu athmen vermag, sinke ich unter einen Baum am Wege hin und verharre dort eine halbe Stunde in einer solchen Erregung, daß ich erst beim Aufstehen bemerkte, wie die ganze Vorderseite meiner Weste von Thränen benetzt war, während ich mir gar nicht bewußt geworden, geweint zu haben.«

Diesem mit so beredten Worten beschriebenen exstatischen Zustande stellt Marmontel das gegenüber, was er die Thatsache in ihrer nackten Einfachheit nennt, so wie sie ihm nach seiner Erklärung Diderot selbst mitgetheilt hat. »Eines Tages,« (es sind Diderots Worte) »als wir zusammen spazieren gingen, sagte er mir, die Akademie von Dijon hätte eine interessante Preisfrage ausgestellt, und er fühlte Lust, sich an sie zu wagen. Diese Preisfrage lautete: ...›Wofür werden Sie sich entscheiden?‹ fragte ich ihn. – »Daß sie zur Veredelung der Sitten beigetragen haben.« – »Das ist die Eselsbrücke. Alle mittelmäßige Geister werden diesen Weg einschlagen. Der entgegengesetzte bietet der Philosophie und der Beredtsamkeit ein neues, reiches und fruchtbares Feld dar.« – »Sie haben Recht,« sagte er nach augenblicklichem Ueberlegen. »Ich werde Ihren Rath befolgen.«

Wäre die Anekdote wahr, so muß man gestehen, daß die Folgen für Rousseau's Namen und Werke furchtbar sein würden, da sie nichts weniger herbeiführen müßten, als seine Leser über die Grundsätze seiner Philosophie, ja selbst über seinen Charakter und über alles, was ihn vor seinen Zeitgenossen so hervorragend auszeichnet, vollkommen zu enttäuschen. Wie? Von jenem Augenblicke an sollte er sein ganzes Leben lang eine Larve getragen haben! Diese Annahme ist zu gräßlich, um nicht zu verdienen, daß man ihre Wahrscheinlichkeit ernstlich bestreitet.

07 August 2010

Therese Levasseur

Während ich in Chenonceaux dick wurde, ging mit meiner armen Therese in Paris dieselbe Veränderung, wenn auch auf andere Weise, vor sich, und als ich zurückkam, fand ich das Werk, das ich in diesem Berufszweige geleistet hatte, weiter vorgerückt, als ich geglaubt. In Anbetracht meiner Lage würde mich dies in unendliche Verlegenheit versetzt haben, wenn mir nicht meine Tischgenossen den einzigen Ausweg, der mich ihr entreißen konnte, gezeigt hätten. Ich habe etwas so Wichtiges zu bekennen, daß ich nicht einfach genug dabei zu Wege gehen kann, weil ich mich durch irgend eine erläuternde Erklärung der zu berichtenden Thatsache entschuldigen oder anklagen müßte und ich hier weder das Eine noch das Andere thun darf.
[...] ich bildete meine Denkweise nach der, welche ich bei sehr liebenswürdigen und im Grunde auch sehr anständigen Leuten herrschen sah, und sagte mir: »Da es einmal Sitte des Landes ist, so kann man sie, wenn man darin lebt, auch befolgen.« Das war der Ausweg, nach dem ich suchte. Ich ergriff ihn entschlossen ohne das geringste Bedenken. Nur Theresens Bedenklichkeit hatte ich zu überwinden, die ich erst mit aller erdenklichen Mühe zur Annahme dieses einzigen Mittels, ihre Ehre zu retten, bewegen konnte. Da mir ihre Mutter, die sich überdies vor neuen Kindersorgen fürchtete, zu Hilfe kam, ließ sie sich endlich besiegen. Man wählte eine gewandte und zuverlässige Hebamme, eine gewisse Gouin, ledigen Standes, die an der Ecke von Saint-Eustache wohnte, um ihr die Ausführung des Planes zu übertragen, und als die Zeit gekommen war, wurde Therese von ihrer Mutter zu der Gouin geführt, um bei dieser ihre Entbindung abzuwarten. Ich besuchte sie dort öfter und brachte ihr zwei Karten mit dem gleichen Namenszuge, deren eine in die Windeln des Kindes gelegt wurde. Darauf wurde letzteres von der Hebamme in der gewöhnlichen Weise auf dem Bureau des Findelhauses abgegeben. Im folgenden Jahre der nämliche Uebelstand und das nämliche Auskunftsmittel, nur der Namenszug wurde fortgelassen; keine größere Bedenklichkeit meinerseits; keine größere Lust seitens der Mutter, auf diesen Wunsch einzugehen; sie gehorchte seufzend. Man wird späterhin alle Wandlungen, welche dieser unselige Schritt in meiner Denkweise wie in meinem Leben hervorgebracht hat, kennen lernen. Halten wir uns für jetzt an diesen ersten Zeitabschnitt. Die eben so bitteren und unerwarteten Folgen desselben werden mich nur zu sehr zwingen, darauf zurückzukommen. [...] (7. Buch)
Diese Unmöglichkeit, die wenige Zeit, die ich frei hatte, zwischen meinen Neigungen zu theilen, erneuerte lebhafter als je den Wunsch, den ich längst hegte, mit Therese nur einen gemeinschaftlichen Haushalt zu führen; [...] als Frau Dupin vernahm, daß ich die Absicht hatte, mir eigene Möbel anzuschaffen, kam sie mir auch hierbei zu Hilfe. Wir legten nun das alles mit den Möbeln, welche Therese bereits besaß, zusammen, und nachdem wir eine kleine Wohnung im Hotel de Languedoc, in der Straße Grenelle Saint-Honoré, bei sehr guten Leuten gemiethet hatten, richteten wir uns darin, so gut wir konnten, ein und haben dort sieben Jahre lang bis zu meiner Uebersiedelung nach der Eremitage friedlich und angenehm gewohnt.

Theresens Vater war ein ältlicher, gutmüthiger und sehr freundlicher Herr, der sich vor seiner Frau außerordentlich fürchtete und ihr den Spitznamen Kriminallieutenant gegeben hatte, eine Benennung, die Grimm späterhin scherzweise auf die Tochter übertrug. Der Frau Le Vasseur fehlte es nicht an Geist; sie war sogar auf ihre Bildung und ihr vornehmes Wesen stolz; aber sie hatte etwas Geheimthuerisches und Einschmeichelndes an sich, das mir unerträglich war, da sie ihrer Tochter ziemlich schlechte Rathschläge ertheilte, sie zur Verstellung gegen mich anhielt und meinen Freunden, einem jeden allein und immer auf meine und der andern Kosten, zu gefallen suchte. Im Uebrigen war sie eine ziemlich gute Mutter, da sie ihre Rechnung dabei fand, es zu sein, und verdeckte die Fehler ihrer Tochter, weil sie von ihnen Nutzen hatte. [...]
Uebrigens kann ich sagen, daß ich während dieser sechs oder sieben Jahre das vollkommenste häusliche Glück, welches die menschliche Schwäche gestattet, genossen habe. Das Herz meiner Therese war das eines Engels; unsere Neigung nahm mit der Innigkeit unserer Verbindung zu, und wir fühlten von Tage zu Tage mehr, wie sehr wir für einander geschaffen waren. Wenn unsere Freuden geschildert werden könnten, würden sie durch ihre Einfachheit Lachen erregen: unsere Spaziergänge im traulichen Zwiegespräche außerhalb der Stadt, wo ich in irgend einer Schenke großartig acht oder zehn Sous verthat; unsere kleinen Abendessen in der Fensternische, bei denen wir auf zwei kleinen Stühlen einander gegenüber saßen. Sie standen auf einem Koffer, der gerade in die Nische hineinpaßte. Das Fensterbrett mußte uns hierbei als Tisch dienen, und bei stetem Essen athmeten wir die frische Luft ein, konnten die Umgegend überschauen, die in ihr Umherwandernden sehen und, obwohl wir im vierten Stock wohnten, auf die Straße hinabblicken. Wer vermag den Reiz dieser Mahlzeiten zu schildern und zu empfinden, deren sämmtliche Gerichte aus einem Viertellaib groben Brotes, einigen Kirschen, einem Stückchen Käse und aus einem halben Schoppen Wein, den wir gemeinschaftlich tranken, bestanden? Freundschaft, Vertrauen, Innigkeit, Seelenruhe, wie lieblich sind eure Reize! (8. Buch)
Während ich über die Pflichten des Menschen philosophirte, brachte mich ein Ereignis zum bessern Nachdenken über meine eigenen. Therese wurde zum dritten Male schwanger. Zu aufrichtig gegen mich selbst, zu stolzen Herzens, um meine Grundsätze durch meine Handlungen verläugnen zu wollen, begann ich das Loos meiner Kinder und mein Verhältnis mit ihrer Mutter nach den Gesetzen der Natur, der Gerechtigkeit, der Vernunft und jener reinen heiligen Religion zu untersuchen, die, trotzdem sie ewig wie ihr Stifter ist, die Menschen befleckt haben, während sie sich stellten, als ob sie sie reinigen wollten, und aus der sie durch ihre Glaubensformeln nur eine Wortreligion gemacht haben, da es ja wenig kostet, das Unmögliche zu befehlen, wenn man sich selbst von der Ausführung desselben entbindet.

Täuschte ich mich in meinen Ergebnissen, so ist dabei nichts erstaunlicher als die Seelenruhe, mit der ich mich ihnen überließ. Wäre ich einer jener schlecht gesinnten Menschen, die taub gegen die süße Stimme der Natur sind, in deren Herzen nie ein wahres Gefühl für Gerechtigkeit und Menschlichkeit erwachte, so würde eine solche Verhärtung ganz einfach sein; aber diese Herzenswärme, diese so lebhafte Menschenfreundlichkeit, diese Leichtigkeit, freundliche Verhältnisse anzuknüpfen, diese Gewalt, mit der sie mich beherrschen, diese bittre Herzenstrauer, wenn ich sie lösen muß, dieses angeborene Wohlwollen für meine Mitmenschen, diese glühende Liebe für das Große, das Wahre, das Schöne, das Rechte; dieser Abscheu vor jeglichem Schlechten, diese Unmöglichkeit zu hassen und zu schaden, ja es auch nur zu wünschen; diese gerührte Stimmung, diese lebhafte und süße Erregung, die ich beim Anblicke von allem, was tugendhaft, edelmüthig und liebenswürdig ist, empfinde: kann sich wohl dies alles in derselben Seele mit der sittlichen Verdorbenheit vertragen, welche die süßeste der Pflichten rücksichtslos mit Füßen tritt? Nein, ich bin davon überzeugt und behaupte es laut: es ist nicht möglich. Nicht einen einzigen Augenblick in seinem Leben hat Jean Jacques ein Mensch ohne Gefühl, ohne Herz, hat er ein unnatürlicher Vater sein können. Ich bin im Stande gewesen, mich zu irren, aber nicht, mich zu verhärten. Wenn ich meine Gründe sagte, würde ich damit zu viel sagen. Da sie mich zu verführen vermochten, würden sie auch viele andere verführen. Ich will junge Leute, die mich lesen könnten, nicht der Gefahr aussetzen, sich von demselben Irrthume täuschen zu lassen. Ich werde mich begnügen zu sagen, er bestand darin, daß ich, als ich meine Kinder der öffentlichen Erziehung überließ, weil ich sie nicht selbst zu erziehen vermochte, und sie lieber dazu bestimmte, Handwerker und Landleute als Abenteurer und Glücksjäger zu werden, als Bürger und Vater zu handeln glaubte und mich als ein Mitglied der Republik Platos betrachtete. Seitdem hat mir die Reue meines Herzens mehr als einmal gesagt, daß ich mich geirrt hatte, aber weit davon entfernt, daß meine Vernunft die gleiche Sprache gegen mich geführt hätte, habe ich oft den Himmel gesegnet, sie dadurch vor dem Loose ihres Vaters und vor dem bewahrt zu haben, das ihnen drohte, wenn ich später gezwungen gewesen wäre, meine Hand von ihnen abzuziehen. Hätte ich sie der Frau von Epinay oder der Frau von Luxembourg überlassen, die sich sei es aus Freundschaft, sei es aus Edelmuth oder aus irgend einem andern Grunde später ihrer haben annehmen wollen, wären sie wohl zu gesitteten und gebildeten Leuten erzogen worden? Ich weiß es nicht; aber davon bin ich überzeugt, daß man sie zum Hasse, vielleicht zum Verrathe ihrer Eltern getrieben hätte; es ist hundertmal besser, daß sie sie gar nicht gekannt haben.

Mein drittes Kind wurde also eben so wie die beiden ersten dem Findelhause übergeben, und auch die beiden folgenden traf dasselbe Loos, denn ich hatte in allem fünf Kinder. Diese Maßregel kam mir so gut, so verständig, so gesetzmäßig vor, daß ich mich ihrer nur aus Rücksicht auf die Mutter nicht offen rühmte; aber ich erzählte sie allen, die um unser Verhältnis wußten; ich erzählte sie Diderot und Grimm, ich setzte später Frau von Epinay und noch später Frau von Luxembourg davon in Kenntnis, und zwar offen, frei, ganz ungezwungen, und während ich sie leicht aller Welt hätte verhehlen können, denn die Gouin war eine ehrliche und sehr verschwiegene Frau, auf die ich mich vollkommen verlassen durfte. [...] Auf die Verschwiegenheit der Frau Dupin und auf die Freundschaft der Frau von Chenonceaux kann ich mich verlassen; ich konnte auch auf die der Frau von Francueil rechnen, die übrigens lange vor dem Bekanntwerden meines Geheimnisses starb. Die Verbreitung desselben konnte nur von den nämlichen Leuten ausgehen, denen ich es anvertraut hatte, und sie geschah auch wirklich erst nach meinem Bruche mit ihnen. Durch diese Thatsache allein sind sie gerichtet; ohne den verdienten Tadel zurückweisen zu wollen, will ich doch lieber die Schwere desselben tragen, als unter der Last des Vorwurfes zusammensinken, den ihre Bosheit verdient. Mein Fehler ist groß, aber er ist die Folge eines Irrthums; meine Pflichten habe ich vernachlässigt, aber von dem Wunsche zu schaden ist meine Seele frei geblieben und das Vaterherz kann für Kinder, die man nie gesehen hat, nicht sehr laut sprechen; aber das Vertrauen der Freundschaft verrathen, den heiligsten aller Verträge verletzen, die uns anvertrauten Geheimnisse veröffentlichen, den Freund, den man getäuscht hat, und der uns noch achtet, wenn er sich auch von uns trennt, entehren, das sind nicht Fehler, das sind Niederträchtigkeiten und Bosheiten.

Ich habe meine Bekenntnisse und nicht meine Rechtfertigung versprochen; deshalb breche ich hier über diesen Punkt ab. Meine Pflicht ist, wahr, die des Lesers, gerecht zu sein. Mehr werde ich nie von ihm verlangen.
(8. Buch 1750-1752)

Auf seinen Reisen trifft Rousseau wieder mit der Geliebten seiner Jugend zusammen:
War das die nämliche, ehemals so glänzende Frau von Warens, an die mich der Pfarrer Pontverre gewiesen hatte? Wie tief mein Herz betrübt war! Ich sah für sie keinen andern Ausweg mehr, als ihre jetzige Heimat zu verlassen. Ich wiederholte ihr auf das lebhafteste, aber vergebens die dringenden Bitten, die ich in meinen Briefen wiederholentlich an sie gerichtet hatte, zu mir zu kommen und in Ruhe bei mir zu leben; ich versprach ihr, meine und Theresens Lebenstage dem Streben zu weihen, die ihrigen glücklich zu machen. Immer nur an ihre Pension denkend, von der sie, obgleich sie pünktlich ausgezahlt wurde, schon lange nichts mehr bezog, hörte sie nicht auf mich. Ich schenkte ihr noch einen kleinen Theil meines Geldes, weit weniger als ich gesollt und ihr auch gewiß gegeben hätte, wenn ich nicht völlig davon überzeugt gewesen wäre, daß sie auch nicht einen einzigen Sou davon für ihren eigenen Nutzen verwenden würde. Während meines Aufenthalts in Genf machte sie eine Reise ins Chablais und besuchte mich in Grange-Canal. Es fehlte ihr an dem nöthigen Reisegelde; ich hatte nicht so viel bei mir, als erforderlich war, und sandte es ihr eine Stunde darauf durch Therese. Arme Mama! Man gestatte mir, noch diesen Zug ihres Herzens zu erzählen. Als letztes Kleinod war ihr nur ein kleiner Ring geblieben. Sie zog ihn vom Finger, um ihn an den Theresens zu stecken, welche ihn sofort wieder auf den ihrigen streifte, wobei sie diese edle Hand, die sie mit ihren Thränen netzte, küßte. Ach, damals war der richtige Augenblick, meine Schuld abzutragen. Ich mußte alles verlassen, ihr zu folgen, mich bis zu ihrer letzten Stunde nicht wieder von ihr trennen und ihr Loos theilen, wie es sich auch gestalten mochte. Ich that nichts davon. Abgezogen durch ein anderes Liebesverhältnis, fühlte ich, wie meine Anhänglichkeit an sie nachließ, da mir die Hoffnung fehlte, daß sie ihr noch zum Heile gereichen könnte. Ich seufzte über sie und folgte ihr nicht. Von allen Gewissensbissen, die ich im Leben empfunden, ist dies der nagendste und am längsten anhaltende. (8. Buch)

Ich habe den Tag, der mich mit meiner Therese verband, stets als denjenigen betrachtet, der mein sittliches Sein bestimmte. Ich hatte das Bedürfnis nach einem Liebesverhältnis, da das, welches mir hätte genügen müssen, endlich so grausam zerrissen war. Der Durst nach Glück erlöscht im Herzen des Menschen nicht. Mama wurde alt und sank mehr und mehr. Ich hielt es für erwiesen, daß sie hienieden nicht mehr glücklich werden konnte. Folglich mußte ich mir ein eigenes Glück suchen, nachdem ich jede Hoffnung verloren hatte, je das ihrige zu theilen. [...] Der sanfte Charakter dieses guten Mädchens schien mir so wohl zu dem meinigen zu passen, daß ich mich an sie mit einer Liebe anschloß, die Zeit und Anfechtungen nicht zu erschüttern vermochten, und die alles, was sie hätte ertödten müssen, stets nur noch mehr steigerte. Man wird späterhin die Kraft dieser Liebe erkennen, wenn ich die Wunden, das tiefe Weh enthüllen werde, womit man mein Herz auf dem höchsten Punkte meines Elends zerrissen hat, ohne daß mir bis zu dem Augenblicke, da ich dies niederschreibe, gegen irgend jemanden auch nur ein einziges Wort der Klage entschlüpft wäre.
Wenn man erfahren wird, daß ich, nachdem ich alles gethan, allem getrotzt hatte, um mich nicht von ihr zu trennen, nach fünfundzwanzig mit ihr verlebten Jahren, dem Schicksal und den Menschen zum Trotz sie endlich noch in meinen alten Tagen gegen ihre Hoffnung und ohne ihr Verlangen, und ohne meine Zusage oder Versprechen geheirathet habe, so wird man glauben, daß mich eine wahnsinnige Liebe, die mir schon am ersten Tage den Kopf verdreht, schrittweise bis zur letzten Thorheit geführt habe, und man wird es um so mehr glauben, wenn man die besonderen und entscheidenden Gründe vernimmt, welche mich hätten zurückhalten müssen, je dahin zu gelangen. Was wird demnach der Leser denken, wenn ich ihm mit all der Wahrhaftigkeit, die er jetzt an mir kennen muß, versichere, daß ich vom ersten Augenblicke an, da ich sie sah, bis zu dem heutigen Tage nie den geringsten Funken von Liebe für sie gefühlt habe, daß ich kein größeres Verlangen gehegt, sie zu besitzen als Frau von Warens und daß die sinnlichen Bedürfnisse, deren Befriedigung ich bei ihr fand, für mich einzig und allein die des Geschlechtstriebes waren, ohne mit der Person irgend etwas zu thun zu haben? Er wird denken, daß ich, anders organisirt wie andere Männer, unfähig war, Liebe zu empfinden, weil sie nicht in die Gefühle überging, die mich an die mir theuersten Frauen fesselten. Geduld, mein Leser! Der unselige Augenblick naht, wo du nur allzu sehr enttäuscht sein wirst.

Man sieht, ich wiederhole mich, doch es ist nöthig. Das erste, das größte, das stärkste, das unauslöschlichste aller meiner Bedürfnisse erfüllte ganz und gar mein Herz: es war das Bedürfnis eines innigen Anschlusses, so innig, wie er irgend sein konnte. Deshalb bedurfte ich eher einer Frau als eines Mannes, eher einer Freundin als eines Freundes. Dieses eigenthümliche Bedürfnis war so gewaltig, daß es die engste leibliche Verbindung noch nicht zu befriedigen vermochte; ich hätte zwei Seelen in demselben Leibe nöthig gehabt; ohne dies fühlte ich stets eine Leere. Damals glaubte ich sie nicht mehr zu fühlen. Diese junge, durch tausend treffliche Eigenschaften und zu jener Zeit sogar durch ihr Aeußeres liebenswürdige Person, völlig ungekünstelt und ohne alle Koketterie, würde allein mein ganzes Dasein ausgefüllt haben, hätte ich, wie ich gehofft, das ihrige auszufüllen vermocht. Von Seiten der Männer hatte ich nichts zu fürchten; ich bin überzeugt, der einzige zu sein, den sie wahrhaft geliebt hat, und ihre nicht sehr rege Sinnlichkeit hat schwerlich Verlangen nach andern gehabt, selbst als ich bereits aufgehört, in dieser Beziehung für sie ein Mann zu sein. Ich hatte keine Familie, sie dagegen hatte eine, und diese Familie, deren sämmtliche Charaktere zu sehr von dem ihrigen abwichen, zeigte sich nicht der Art, daß ich sie hätte zu der meinigen machen können. Darin lag die erste Ursache meines Unglücks. Was würde ich nicht darum gegeben haben, ihre Mutter als die meinige betrachten zu können! Ich that alles, um dahin zu gelangen und konnte dennoch nicht zum Ziele kommen. Vergeblich hatte ich den Wunsch, alle unsere Interessen zu vereinigen, es war mir unmöglich. Sie verfolgte stets ein anderes, dem meinigen und sogar dem ihrer Tochter entgegengesetztes, das von dem meinigen ja bereits unzertrennlich war. Sie und ihre anderen Kinder und Enkel wurden eben so viele Blutegel, deren geringstes Unrecht, welches sie Therese zufügten, darin bestand, daß sie sie bestahlen. Das arme Mädchen, gewöhnt sich selbst vor ihren Nichten zu beugen, ließ sich, ohne ein Wort zu sagen, ausplündern und beherrschen, und mit Schmerz sah ich, daß ich mein Geld und meine Lehren vergebens verschwendete, da ich damit nichts bei ihr erreichte. Ich suchte sie von ihrer Mutter zu trennen; sie widerstand dem beständig. Ich achtete ihren Widerstand und schätzte sie um so mehr; allein ihre Weigerung gereichte ihr und mir darum nicht weniger zum Nachtheile. Ihrer Mutter und den Ihrigen hingegeben, gehörte sie ihnen mehr als mir, ja mehr als sich selbst. Die Habgier derselben war ihr weniger verderblich als ihre Nachschlage. Wenn sie auch Dank ihrer Liebe zu mir und Dank ihrem guten Charakter nicht vollkommen unterjocht wurde, so war es doch wenigstens genügend, um großentheils die Wirkung der guten Grundsätze zu beeinträchtigen, die ich mich ihr beizubringen bemühte, war genügend, daß wir, wie ich es auch anfangen mochte, nach wie vor stets zwei geblieben sind.

Auf diese Weise wurde bei einer aufrichtigen und gegenseitigen Neigung, in die ich die ganze Zärtlichkeit meines Herzens gelegt hatte, die Leere dieses Herzens doch nie ganz ausgefüllt. Kinder, durch welche es geschehen wäre, kamen; es wurde noch schlimmer. Ich schauderte, sie dieser schlecht erzogenen Familie zu überlassen, um noch schlechter erzogen zu werden. Die Gefahren der Erziehung, welche Findlingen zu Theil wurde, waren weit geringer. Obgleich dieser Grund zu dem von mir gefaßten Entschlüsse stärker war als alle, welche ich in meinem Briefe an Frau von Francueil aufführte, so war er doch der einzige, den ich ihr nicht zu nennen wagte. Lieber wollte ich mich einer so schweren Anschuldigung gegenüber nicht ganz rechtfertigen, um die Familie einer Person, die ich liebte, zu schonen. Aber nach dem Wandel ihres unglücklichen Bruders kann man urtheilen, ob ich, was man auch darüber sagen könnte, meine Kinder dem aussetzen durfte, eine der seinigen ähnliche Erziehung zu erhalten. [...]
Ein zwölfjähriges Liebesverhältnis hatte nicht mehr viele Worte nöthig; wir kannten uns zu genau, um uns noch etwas mitzutheilen zu haben. So sahen wir uns auf Klatschereien, Lästerreden und Gemeinplätze angewiesen. Gerade in der Einsamkeit fühlt man den Vortheil, an der Seite jemandes zu leben, der zu denken versteht. Ich bedurfte dieses Hilfsmittels nicht, um mich bei ihr zu gefallen; sie dagegen würde es bedurft haben, um sich immer bei mir wohl zu fühlen. Das Schlimmste war, daß wir immer nur im Geheimen zusammenkommen konnten; ihre Mutter, die mir unerträglich geworden war, zwang mich, mich heimlich zu ihr zu stehlen. In meinem eigenen Hause lebte ich unter stetem Zwange; damit ist alles gesagt; der freundschaftliche Verkehr litt unter dem Liebesverhältnis. Wir hatten einen vertrauten Umgang, ohne in Vertraulichkeit zu leben.
Sobald ich wahrzunehmen glaubte, daß Therese mitunter Vorwände suchte, um sich den Spaziergängen, die ich ihr vorschlug, zu entziehen, hörte ich auf, sie ihr vorzuschlagen, ohne mich unangenehm berührt zu fühlen, daß sie nicht gleich großes Gefallen als ich daran fand. Die Freude hängt nicht vom Willen ab. Ich war ihres Herzens sicher, und das war mir genügend. So lange meine Vergnügungen die ihrigen waren, genoß ich sie mit ihr; als dies nicht mehr der Fall war, zog ich ihre Zufriedenheit der meinten vor.
Hierin lag der Grund, daß ich in meiner Hoffnung halb getäuscht, obgleich ich ein Leben nach meinem Geschmacke an einem Orte meiner Wahl und noch dazu an der Seite einer Person führte, die mir theuer war, trotzdem dahin gelangte, mich fast alleinstehend zu fühlen. Was ich entbehrte, machte mich unfähig, das zu genießen, was ich hatte. Zum Glücke und zum Genusse hatte ich alles oder nichts nöthig. Man wird sehen, weshalb ich diese ausführliche Darlegung für nothwendig gehalten habe. (9. Buch)

Diderot und Grimm

Obgleich ich seit meiner Rückkehr von Venedig eben so wenig von Diderot wie von meinem Freunde Roguin gesprochen habe, so hatte ich sie gleichwohl beide nicht vernachlässigt, und namentlich mit ersterem wurde das freundschaftliche Verhältnis von Tage zu Tage inniger. Wie ich eine Therese, hatte er eine Nanette; dies gab unserer beiderseitigen Lage eine Aehnlichkeit mehr.[...]
Diese beiden Schriftsteller [Diderot und d'Alembert] hatten vor kurzem das Dictionnaire encyclopédique begonnen, welches anfangs nur eine Art Übersetzung von Chambers sein sollte, ungefähr der des Dictionnaire de Médecine von James ähnlich, welche Diderot so eben beendet hatte. Dieser wollte mich zur Betheiligung an dieser zweiten Unternehmung heranziehen und schlug mir den musikalischen Theil vor, dessen Bearbeitung ich übernahm und in den drei Monaten, die er mir wie allen übrigen Mitarbeitern bewilligt hatte, in höchster Eile und äußerst schlecht ausführte. Aber ich war der einzige, der zu der festgesetzten Zeit fertig war. Ich überreichte ihm mein Manuscript, das ich von einem Lakaien des Herrn von Francueil, einem gewissen Dupont, der sehr gut schrieb, hatte ins Reine schreiben lassen. Ich zahlte ihm dafür zehn Thaler aus meiner eigenen Tasche, die mir nie zurückerstattet sind. Diderot hatte mir seitens der Verleger eine Belohnung versprochen, von der später zwischen uns nie mehr die Rede gewesen ist.
Die Herausgabe der Encyclopädie wurde durch seine Verhaftung unterbrochen. Die »Philosophischen Gedanken« hatten ihm einige Unannehmlichkeiten zugezogen, die jedoch keine Folgen hatten. Einen übleren Erfolg sollte sein »Brief über die Blinden« für ihn haben. Er enthielt nichts, was man ihm hätte zum Vorwurfe machen können, als einige persönliche Anspielungen, über welche sich Frau Dupré von Saint-Maur und Herr von Réaumur beleidigt fühlten und um deren willen er in den vincenner Gefängnisthurm gesperrt wurde. Ich bin nicht im Stande, die Angst zu schildern, die mich beim Unglücke meines Freundes befiel. Meine unselige Einbildungskraft, die alles Ueble gleich von der schlimmsten Seite erblickt, erhitzte sich. Ich sah ihn schon in lebenslänglicher Gefangenschaft. Mir schwindelte fast der Kopf. Ich schrieb an Frau von Pompadour, um sie zu beschwören, ihm die Freiheit zu verschaffen oder mich mit ihm einsperren zu lassen. Ich bekam keine Antwort auf meinen Brief; er war zu wenig vernünftig, um eine Wirkung hervorbringen zu können, und ich schmeichle mir nicht, daß er zu den Erleichterungen beigetragen habe, die man einige Zeit nachher in der Gefangenschaft des armen Diderot eintreten ließ. Wenn sie aber noch einige Zeit mit der nämlichen Strenge gewährt hätte, so würde ich, davon bin ich überzeugt, am Fuße dieses unglückseligen Thurmes vor Verzweiflung gestorben sein. Wenn mein Brief übrigens wenig Erfolg gehabt hat, so habe ich mir auf ihn auch nicht sehr viel zu Gute gethan, denn ich erwähnte seiner nur gegen sehr wenige Leute und nie gegen Diderot selber. [...] (7. Buch)

Ich hatte eine ziemlich große Anzahl von Bekannten, aber nur zwei Freunde eigener Wahl, Diderot und Grimm. Ich war allzu sehr beider Freund, um nicht bei dem lebhaften Wunsche, den ich stets hege, alles, was mir theuer ist, zusammen zu führen, dahin zu trachten, daß sie es auch bald unter einander würden. Ich sorgte für ihre gegenseitige Bekanntschaft; sie gefielen sich und schlossen einen noch engeren Freundschaftsbund unter einander, als sie mit mir unterhielten. Diderot hatte zahllose Bekannte, aber Grimm, der ein Fremdling und erst vor kurzem angekommen war, hatte das Bedürfnis, Bekanntschaften zu machen. Ich verlangte nichts Besseres, als ihm solche zu verschaffen. Hatte ich ihn mit Diderot befreundet, so gewann ich ihm nun auch die Freundschaft Gauffecourts. Ich führte ihn zu Frau von Chenonceaux, zu Frau von Epinay und zu dem Baron von Holbach, mit dem ich fast wider Willen in freundschaftlichem Verkehre stand. Alle meine Freunde wurden die seinigen; das war ja ganz einfach. Aber keiner der seinigen wurde je der meinige, und das war befremdender. (8. Buch 1750-52)

Unter andern war ich bei Frau Dupin mit dem jungen Erbprinzen von Sachsen-Gotha und dem Baron von Thun, seinem Hofmeister, bekannt geworden. [...]  In dem Gefolge des Prinzen befanden sich noch zwei Deutsche, der eine, welcher Klüpffell hieß und viel Geist besaß, war sein Kaplan und wurde später, nachdem er den Baron verdrängt hatte, sein Hofmeister, und der andere war ein junger Mann, Namens Grimm, der ihm, bis er eine Stelle fände, als Vorleser diente. [...]  Als ich mich zwei Tage später abends gegen neun Uhr zu Frau von Epinay begab, bei der ich zu Nacht speisen wollte, kreuzte unmittelbar vor ihrer Hausthür ein Fiaker meinen Weg. Der darin sitzende Fahrgast winkte mir zu ihm hineinzusteigen; ich stieg ein; es war Diderot. Er redete mit mir von der Pension mit einem Feuer, das ich in Betreff eines solchen Gegenstandes von einem Philosophen nicht erwartet hätte. Er legte es mir nicht als Verbrechen aus, daß ich dem Könige nicht hatte vorgestellt werden wollen, erblickte aber ein ganz erschreckliches in meiner Gleichgiltigkeit gegen die Pension. Er erklärte mir, daß, wenn ich auch für meine Person uneigennützig wäre, ich es doch im Hinblick auf Frau Le Vasseur und ihre Tochter nicht sein dürfte; daß ich ihnen schuldig wäre, kein ehrliches Mittel zu ihrem Unterhalte unbenutzt zu lassen, und da man nach allem nicht behaupten könnte, ich hätte die Pension abgelehnt, so beharrte er dabei, daß ich bei der offenbaren Geneigtheit, sie mir zu bewilligen, mich um sie bewerben und sie um jeden Preis zu erlangen suchen müßte. Obgleich ich von seinem Eifer gerührt wurde, konnte ich seinen Grundsätzen doch nicht beistimmen, und wir hatten hierüber einen sehr lebhaften Streit, den ersten, den ich mit ihm hatte. Alle unsere späteren Zwistigkeiten entstanden übrigens auf dieselbe Weise, indem er mir vorschreiben wollte, was ich seiner Ansicht nach thun müßte, während ich mich dagegen verwahrte, weil ich es nicht thun zu müssen glaubte. [...]
Seit jener Zeit schienen es sich Diderot und Grimm zur Aufgabe zu machen, mir Therese und ihre Mutter zu entfremden, indem sie ihnen zu verstehen gaben, daß es, wenn sie nicht in angenehmeren Verhältnissen lebten, lediglich in meinem üblen Willen läge, und daß sie von mir nie etwas zu hoffen hätten. Sie suchten sie zu veranlassen, sich von mir zu trennen, [...] (8. Buch 1752)

Nach Marmontel verbreitete Diderot eine Darstellung, wonach er Rousseau erst auf den Gedanken gebracht habe, die Preisfrage von Dijon so zu beantworten, dass Künste und Wissenschaften schädlich gewesen seien: »Eines Tages, als wir zusammen spazieren gingen, sagte er mir, die Akademie von Dijon hätte eine interessante Preisfrage ausgestellt, und er fühlte Lust, sich an sie zu wagen. Diese Preisfrage lautete: ...›Wofür werden Sie sich entscheiden?‹ fragte ich ihn. – »Daß sie zur Veredelung der Sitten beigetragen haben.« – »Das ist die Eselsbrücke. Alle mittelmäßige Geister werden diesen Weg einschlagen. Der entgegengesetzte bietet der Philosophie und der Beredtsamkeit ein neues, reiches und fruchtbares Feld dar.« – »Sie haben Recht,« sagte er nach augenblicklichem Ueberlegen. »Ich werde Ihren Rath befolgen.« (wiedergegeben nach einer Anmerkung im 8. Buch)
Dies widerspricht Rousseaus eigener Darstellung so diametral, dass dieser eine solche Darstellung als heimtückisch verstanden haben muss (unabhängig davon, wer mit seiner Darstellung im Recht ist).


In Ermangelung eines Freundes, der ganz mein gewesen wäre, hatte ich Freunde nöthig, deren Antrieb meine Trägheit überwand. Deshalb behielt ich nicht nur mein altes freundschaftliches Verhältnis mit Diderot und dem Abbé von Condillac bei, sondern knüpfte es noch enger, schloß eine neue, noch innigere Freundschaft mit Grimm [...] (9. Buch)

Noch weit mehr überraschte es mich indessen zu vernehmen, daß außer den geheimen Unterredungen, welche Diderot und Grimm oft mit der einen wie der andern gehabt, um sie mir abwendig zu machen, was jedoch an Theresens Widerstand gescheitert war, beide seitdem mit ihrer Mutter häufig im Geheimen unterhandelten, ohne daß sie über den Gegenstand dieser Abmachungen etwas hätte erfahren können. Sie wußte nur, daß es dabei kleine Geschenke gegeben hätte und ein öfteres Gehen und Kommen stattfände, daß man ihr zu verheimlichen suchte und dessen Beweggrund ihr völlig unbekannt war. Schon lange vor unserem Scheiden von Paris pflegte Frau Le Vasseur Grimm monatlich zwei- oder dreimal zu besuchen und bei ihm einige Stunden in so geheimer Unterredung zuzubringen, daß selbst Grimms Lakai regelmäßig fortgeschickt wurde. (9. Buch)
Seit meiner Beziehung der Eremitage hatte Diderot nicht aufgehört mich zu quälen, sei es persönlich oder durch Deleyre, und aus des letzteren Witzeleien über meine Waldausflüge entnahm ich bald, mit welcher Lust sie den Einsiedler in einen galanten Schäfer verkleidet hatten. Aber nicht darum handelte es sich bei meinen Reibereien mit Diderot; diese hatten ernstere Ursachen. Nach der Veröffentlichung des »Natürlichen Sohnes« hatte er mir ein Exemplar desselben übersandt, das ich mit dem Interesse und der Aufmerksamkeit, die man den Werken eines Freundes zollt, gelesen hatte. Als ich die Art dialogisirter Poetik las, die er als Anhang hinzugefügt hat, wurde ich überrascht und sogar ein wenig unangenehm überrascht, darin unter mehreren nicht sehr höflichen, aber doch erträglichen Stellen gegen die Freunde der Einsamkeit auf jene bittre und harte, in schroffster Form aufgestellte Sentenz zu stoßen: »Nur der Böse ist gern allein.« Diese Sentenz ist meines Erachtens doppelsinnig und läßt eine mehrfache Deutung zu, eine sehr wahre und eine sehr falsche, da es völlig unmöglich ist, daß ein Mensch, der allein ist und sein will, jemandem schaden kann und will, und folglich auch unmöglich schlecht sein kann. Der Spruch an sich erheischte also eine Erklärung; noch mehr erheischte er sie von Seiten eines Schriftstellers, der, als er diesen Spruch niederschrieb, einen in die Einsamkeit zurückgezogenen Freund hatte. Es schien mir beleidigend und unredlich, daß er bei der Veröffentlichung an diesen einsamen Freund nicht gedacht hatte, oder daß er, wenn er seiner nicht vergessen, nicht wenigstens im Allgemeinen die ehrenwerthe und gerechte Ausnahme gemacht hatte, die er nicht allein diesem Freunde, sondern so vielen geachteten Weisen schuldig war, die zu allen Zeiten in der Zurückgezogenheit Ruhe und Frieden gesucht haben und die zum ersten Mal seit Erschaffung der Welt sich ein Schriftsteller herausnimmt, mit einem einzigen Federstriche unterschiedslos in eben so viele Verbrecher zu verwandeln.

Ich liebte Diderot zärtlich, ich achtete ihn aufrichtig und verließ mich mit vollem Vertrauen auf die nämlichen Gefühle seinerseits. Aber gelangweilt von seiner unermüdlichen Hartnäckigkeit, meinem Geschmack, meinen Neigungen, meiner Lebensweise, kurz allem, was mich allein anging, ewig entgegenzutreten; empört zu sehen, wie ein Mann, der jünger war als ich, mich mit aller Gewalt wie ein Kind leiten wollte; angewidert von seiner steten Bereitwilligkeit, Versprechungen zu machen, und von seiner Saumseligkeit, sie zu halten; überdrüssig der vielen zwischen uns verabredeten und von ihm stets versäumten Zusammenkünfte und seiner Geneigtheit, immer neue zuzusagen, um abermals auszubleiben; peinlich davon berührt, ihn drei oder vier Mal im Monat an den von ihm selbst bestimmten Tagen vergeblich zu erwarten und dann am Abende allein zu speisen, nachdem ich ihm bis Saint-Denis entgegen gegangen war und den ganzen Tag auf ihn gewartet hatte: war mir das Herz von seinen sich stets mehrenden Kränkungen schon voll genug. Die letzte schien mir ernster und betrübte mich mehr. Ich schrieb an ihn, um mich darüber zu beklagen, aber mit einer Sanftmuth und Rührung, die mich das Papier mit meinen Thränen netzen ließ; und mein Brief war rührend genug, um ihm selbst Thränen zu entlocken. Man wird nie errathen, wie seine Antwort auf diese Klage lautete. Ich gebe sie hier wörtlich wieder (Heft A, Nr. 33): »Ich freue mich, daß mein Werk Ihnen gefallen, daß es Sie gerührt hat. Sie theilen meine Ansicht über die Einsiedler nicht. Sagen Sie ihnen soviel Gutes nach, wie Sie wollen; Sie werden der Einzige in der Welt sein, von dem ich es ebenfalls denken werde. Es ließe sich noch viel darüber sagen, wenn man mit Ihnen reden könnte, ohne Sie zu erzürnen. [...] (9. Buch)
Frau von Houdetot, Diderots begeisterte Anhängerin, verlangte, daß ich ihn in Paris besuchen und alle entgegenkommenden Schritte zu einer Versöhnung thun sollte, die, so aufrichtig und vollkommen sie von meiner Seite auch war, sich dennoch als wenig dauerhaft erwies. Das von ihr angewendete Mittel, durch welches sie den Sieg über mein Herz gewann, war, daß Diderot in diesem Augenblick unglücklich wäre. Außer dem gegen die Enzyklopädie erregten Sturm hatte sich damals noch ein sehr heftiger gegen sein Stück erhoben, welches man ihn trotz der voraufgeschickten kleinen Geschichte von Anfang bis zu Ende aus Goldoni entlehnt zu haben beschuldigte. Diderot, der noch empfindlicher gegen Kritiken war als Voltaire, war zu jener Zeit davon ganz niedergeschmettert. Frau von Graffigny hatte sogar die Bosheit gehabt, das Gerücht zu verbreiten, daß ich bei dieser Gelegenheit mit ihm gebrochen hätte. Ich hielt es für gerecht und edelmüthig, öffentlich das Gegentheil nachzuweisen, und ich brachte zwei Tage nicht allein mit ihm, sondern auch bei ihm, in seinem eigenen Hause zu. Dies war seit meiner Uebersiedlung nach der Eremitage meine zweite Reise nach Paris. Die erste hatte ich unternommen, um zu dem armen Gauffecourt zu eilen, der einen Schlaganfall, von dem er sich nie wieder völlig erholte, gehabt hatte, und von dessen Bette ich erst nach Beseitigung jeglicher Gefahr wich.

Diderot nahm mich gut auf. Viel, viel Kränkungen kann die Umarmung eines Freundes vergessen machen! Welcher Groll kann da noch in einem Herzen haften! Wir gaben uns nur kurze Erklärungen. Bei gegenseitigen Verletzungen sind sie unnöthig. Es handelt sich dabei nur um eins, nämlich sie zu vergessen. Es waren, wenigstens meines Wissens, keine heimlichen Ränke vorgekommen; es verhielt sich nicht wie mit Frau von Epinay. Er zeigte mir den Entwurf des Familienvaters. »Das ist,« sagte ich zu ihm, »die beste Verteidigung des ›Natürlichen Sohnes‹. Beobachten Sie darüber Stillschweigen, arbeiten Sie dieses Stück sorgfältig aus und schleudern Sie es dann Ihren Feinden statt jeglicher Antwort plötzlich ins Gesicht.« Er that es und es war ihm nicht leid. Vor fast sechs Monaten hatte ich ihm die beiden ersten Abtheilungen der »Julie« zugesandt, um mir sein Urtheil darüber mitzutheilen. Er hatte sie noch nicht gelesen. Wir lasen ein Heft derselben zusammen. Er fand alles feuillet, dies war seine Bezeichnung, nämlich mit Worten überladen und phrasenreich. Ich hatte es schon selbst sehr wohl gefühlt; aber es war das Geplauder des Fiebers; ich habe es nie verbessern können. Die letzten Abtheilungen sind nicht so. Namentlich die vierte und sechste sind stilistische Meisterwerke. (9. Buch)
Selbst Diderot machte mich im Anfange mehrmals darauf aufmerksam, daß Grimm, dem ich so großes Vertrauen schenkte, nicht mein Freund wäre. Späterhin, als er selbst aufgehört hatte, der meinige zu sein, führte er eine andere Sprache.
Bei der Art der Verfügung über meine Kinder bedurfte ich niemandes Beihilfe. Ich machte indessen meine Freunde damit bekannt, lediglich um sie damit bekannt zu machen, damit ich in ihren Augen nicht besser erschien als ich war. Diese Freunde waren ihrer drei: Diderot, Grimm, Frau von Epinay; Duclos, meines Vertrauens am würdigsten, war der einzige, dem ich es nicht schenkte. Er erfuhr trotzdem meine Handlungsweise. Durch wen? Ich weiß es nicht. Es läßt sich nicht gut annehmen, daß diese Treulosigkeit von Frau von Epinay ausgegangen sein sollte, die wußte, daß, wenn ich Gleiches mit Gleichem vergelten wollte, (wenn ich dessen überhaupt fähig gewesen wäre), ich mich grausam hätte rächen können. Es bleibt demnach nur Grimm und Diderot übrig, die damals in so vielen Dingen, namentlich wenn es wider mich ging, eng verbündet waren, daß sie, wie es mehr als wahrscheinlich ist, dieses Verbrechen gemeinschaftlich begangen haben. Ich möchte darauf wetten, daß Duclos, dem ich mein Geheimnis nicht anvertraut habe und der folglich nicht gebunden war, der einzige ist, der es mir bewahrt hat.
Bei ihrem Vorhaben, mir Therese und ihre Mutter zu nehmen, hatten sich Grimm und Diderot Mühe gegeben, ihn zum Eingehen auf ihren Plan zu bewegen; er weigerte sich beständig mit Verachtung. Erst später erfuhr ich von ihm alles, was in dieser Hinsicht zwischen ihnen vorgefallen war; aber schon damals erfuhr ich von Therese genug, um daraus zu ersehen, daß es sich bei dem allen um einen geheimen Plan handelte, und daß man, wenn auch nicht gegen meinen Willen, so doch ohne mein Wissen über mich verfügen wollte, oder daß man sich dieser beiden Personen als Werkzeuge zu einer geheimen Absicht bedienen wollte. Dies alles war sicherlich kein Zeichen von Redlichkeit. Duclos' Widerstand beweist es unwiderleglich. Möge es glauben, wer da wolle, daß es Freundschaft gewesen sei.
Diese vorgebliche Freundschaft war mir innerhalb des Hauses eben so verderblich wie außerhalb desselben. Die langen und zahlreichen Unterredungen mit Frau Le Vasseur hatten diese Frau seit mehreren Jahren merklich gegen mich verändert, und diese Veränderung war mir sicherlich nicht günstig. Was besprachen sie denn bei diesen sonderbaren Zusammenkünften? Weshalb dieses tiefe Geheimnis? War denn die Unterhaltung mit dieser alten Frau so angenehm, um jede Gelegenheit dazu wahrzunehmen, und so wichtig, um sie in ein so tiefes Geheimnis zu hüllen? Während der drei oder vier Jahre, daß diese Zwiegespräche dauerten, waren sie mir lächerlich vorgekommen; als ich jetzt wieder ihrer gedachte, fing ich mich darüber zu wundern an. Dieses Wundern wäre bis zur Unruhe gestiegen, hätte ich schon damals gewußt, welche Veranstaltungen diese Frau gegen mich traf.
Trotz des vergeblichen Eifers für mich, mit dem sich Grimm nach außen hin brüstete, und der sich mit dem Tone, den er mir gegenüber annahm, schwer vereinigen ließ, kam mir von keiner Seite etwas von ihm zu, das mir zum Vortheil gereicht hätte, und seine heuchlerische Theilnahme für mich hatte weit weniger den Zweck, mir zu dienen, als mich zu erniedrigen. So weit es in seiner Macht lag, nahm er mir sogar die Einnahmen aus dem Geschäfte, das ich mir gewählt hatte, indem er mich als schlechten Abschreiber ausschrie; allerdings sagte er darin die Wahrheit, aber es war nicht seine Sache, sie zu sagen. [...]
Alles dies zusammengenommen brachte endlich meine Vernunft dahin, meiner alten Voreingenommenheit, die noch immer sprach, Schweigen zu gebieten. Ich hielt seinen Charakter wenigstens für sehr verdächtig und was seine Freundschaft anlangte, so war sie meines Erachtens falsch. In Folge dessen entschlossen, ihn nicht mehr zu sehen, setzte ich Frau von Epinay von dieser Absicht in Kenntnis, indem ich meinen Entschluß auf mehrere unwiderlegliche Thatsachen gründete, die ich jetzt jedoch vergessen habe.
Sie bekämpfte diesen Entschluß heftig, ohne gegen die Gründe, auf welche er sich stützte, etwas Bestimmtes anführen zu können. Sie hatte sich mit ihm noch nicht besprochen; am nächsten Tage überreichte sie mir aber, anstatt sich mündlich mir gegenüber zu erklären, einen sehr geschickt abgefaßten und von ihnen gemeinschaftlich entworfenen Brief, in welchem sie ihn, ohne auf die einzelnen Thatsachen einzugehen, durch seinen verschlossenen Charakter rechtfertigte und indem sie meinen Verdacht seiner Treulosigkeit gegen einen Freund mir als ein Verbrechen auslegte, mich zur Versöhnung mit ihm aufforderte. Dieser Brief machte mich schwankend. In einer Unterredung, die wir darauf hatten und in der ich sie besser als das erste Mal vorbereitet fand, ließ ich mich vollends besiegen. Ich kam dahin zu glauben, daß ich falsch geurtheilt haben könnte und daß ich in diesem Falle einem Freunde wirklich schweres Unrecht zugefügt hätte, das ich wieder gut machen müßte. Kurz, wie ich schon Diderot und dem Baron Holbach gegenüber halb aus gutem Willen, halb aus Schwäche gethan hatte, so ließ ich mich auch diesmal wieder zu einem freundlichen Entgegenkommen verleiten, welches ich mit Recht hätte verlangen können. Ich ging wie ein zweiter George Dandin, um mich bei ihm wegen der Beleidigungen, die er mir zugefügt hatte, zu entschuldigen, immer in der falschen Ueberzeugung, die mich mein Lebenlang zu tausend Demüthigungen vor meinen falschen Freunden getrieben hat, daß es keinen Haß gebe, den man nicht durch Sanftmuth und freundliches Benehmen entwaffnen könne; während im Gegentheile der Haß der Bösen durch die Unmöglichkeit, einen Grund zu ihm zu finden, nur noch mehr zunimmt, und das Gefühl ihrer eigenen Ungerechtigkeit nur eine neue Quelle ihres Hasses wird. (9.Buch)
[...] seit zwei Jahren in die Einsamkeit zurückgezogen, ohne schriftlichen Verkehr, ohne Beziehung zu den Welthändeln ohne von etwas unterrichtet oder aus etwas neugierig zu sein, lebte ich vier Meilen von Paris, von dieser Hauptstadt durch meine Sorglosigkeit eben so getrennt, wie ich es auf der Insel Tinian durch das Meer gewesen wäre.

Grimm, Diderot, von Holbach dagegen, im Mittelpunkte des Strudels, lebten in den Kreisen der vornehmsten Welt, die sie fast alle unter sich vertheilt hatten. Große, Schöngeister, Schriftsteller, Juristen, Frauen, alle schenkten ihnen offenes Ohr. Man sieht schon den Vortheil, welchen diese Stellung drei gegen einen Vierten in der meinigen fest verbundenen Menschen giebt. Allerdings waren Diderot und Holbach (ich kann es wenigstens nicht glauben) nicht die Leute, um ganz schändliche Verschwörungen anzuzetteln, der Eine besaß nicht die dazu nöthige Bosheit,  und der Andere nicht die Geschicklichkeit, aber gerade das war für das Gelingen des Planes nur um so günstiger. Grimm allein entwarf ihn in seinem Kopfe und zeigte den beiden anderen von ihm nur soviel, als sie zur Mitwirkung bei der Ausführung sehen mußten. Das Uebergewicht, welches er über sie gewonnen hatte, erleichterte diese Mitwirkung und die Wirkung des Ganzen entsprach der Ueberlegenheit seines Talentes.

Da er den Vortheil einsah, welchen er aus unsern beiderseitigen Stellungen ziehen konnte, entwarf er mit diesem überlegenen Talente den Plan, meinen Ruf völlig zu vernichten und mir den gerade entgegengesetzten zu verschaffen, ohne sich bloßzustellen, indem er rings um mich her eine Wand von Finsternis zu errichten begann, die es mir zu durchdringen unmöglich war, um seine Kunstgriffe aufzuhellen, und ihn zu entlarven.

Dieses Unternehmen war insofern schwierig, als er dessen Schlechtigkeit in den Augen derjenigen, welche dabei seine Helfershelfer sein sollten, bemänteln mußte. Er mußte die Ehrenmänner täuschen; er mußte jedermann von mir entfernen, mir nicht einen einzigen Freund lassen, weder einen großen noch einen kleinen. Was sage ich? Er durfte nicht ein einziges Wort der Wahrheit zu mir dringen lassen. Wäre ein einziger edelgesinnter Mann zu mir gekommen, um mir zu sagen: »Sie spielen den Tugendhaften, aber hören Sie, wie man Sie behandelt und wie man über Sie urtheilt. Was sagen Sie dazu?« Die Wahrheit hätte triumphirt, und Grimm wäre verloren gewesen. Er wußte es; aber er hat sein eigenes Herz geprüft und die Menschen nur nach dem geschätzt, was sie werth sind. Um der Ehre der Menschheit willen betrübt es mich, daß er so richtig gerechnet hat.

Wollte er auf solchen Schleichwegen einhergehen, mußten seine Schritte, um sicher zu sein, langsam sein. Seit zwölf Jahren verfolgt er seinen Plan, und das Schwierigste, das ganze Publikum zu betrügen, bleibt noch zu thun. Es giebt noch Augen, die ihm in größerer Nähe gefolgt sind, als er denkt. Er befürchtet es und hat noch nicht den Muth, seinen Anschlag offen dem hellen Tageslichte auszusetzen. (1) Aber er hat das wenig schwierige Mittel gefunden, die Macht zum Beitritt zu bestimmen, und diese Macht hat das Verfügungsrecht über mich. Von diesem Beistand unterstützt, schreitet er mit weniger Gefahr vorwärts. Da sich die Satelliten der Macht für gewöhnlich nicht viel auf ihre Redlichkeit und noch viel weniger auf ihren Freimuth etwas zu Gute thun, so hat er die Unbedachtsamkeit eines Ehrenmannes nicht leicht zu befürchten, denn er hat vor allem nöthig, daß ich von undurchdringlicher Finsternis umgeben und mir seine Verschwörung fortwährend verborgen sei, weil er wohl weiß, daß sie, wie künstlich er sie auch angezettelt haben möge, meine Blicke doch nie aushalten würde. Seine große Geschicklichkeit besteht darin, daß er unter dem Scheine der Schonung meinen Ruf untergräbt und seiner Treulosigkeit noch den Anschein des Edelmuthes giebt. (10. Buch)
Fußnote Rouseeaus:
(1)Seitdem dies geschrieben ist, hat er den Schritt mit dem vollsten und unbegreiflichsten Erfolge gethan. Ich glaube, daß ihm Tronchin den Muth und die Mittel gegeben hat.