27 August 2019

Texte als Hilfe in schwierigen Lebenslagen

"Sie kennen das wahrscheinlich auch: Wenn wir was brauchen, wir sind irritiert oder haben eine schwierige Entscheidung vor uns – und plötzlich fällt uns ein Buch auf, oder es fällt uns ein Gedicht auf. Mir ist es vor vielen, vielen Jahren so gegangen: Da war durch Krankenkassenreformen meine Praxis für drei Monate in Gefahr, überhaupt nicht mehr weiter zu existieren. Und ich bin einfach auf das Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse gestoßen. Ich hatte das vorher schon gekannt, aber da hat es plötzlich gezündet.
Ellmenreich: Ein einzelnes Wort? Ein einzelnes Bild? Reicht das?
Wilhelm: Ja! Es war einfach dieses „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, dass ich dachte: Ja, und im Notfall fängst du neu an. Diese Ermutigung war in diesem Fall mein Thema – und nicht zu resignieren. So kenne ich eigentlich sehr häufig bei Klientinnen und Klienten, dass sie irgendwie einen Umbruch im Leben haben, und die Literatur ihnen hilft – egal, ob die hohe Literatur oder die „Romänschen“ oder Gedichte – diese Situation zu meistern, weil es etwas Kontinuierliches ist." 
(Alexander Wilhelm über Bibliotherapie: Das richtige Buch zur richtigen Zeit, Deutschlandfunk 27.8.2019)

Hermann Hesse: Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

[...]

25 August 2019

Wilhelm Speyer: Der Kampf der Tertia revisited


Die Handlung spielt in einem Internat wie bei Harry Potter (übrigens einzügig).
Die 9. Klasse mit sehr guter Klassengemeinschaft, damals noch Obertertia genannt, stand in Konkurrenz zur 10. Klasse, der Untersekunda, die sich sehr viel erwachsener vorkam.

Bei der Klassensprecherwahl hatte Daniela, das einzige Mädchen der Klasse, nur zwei Stimmen bekommen, alle anderen der Große Kurfürst. Seinen Namen trug er nach dem Großen Kurfürsten von Brandenburg-Preußen, der dort den Absolutismus durchgesetzt hatte. Der Schüler der Große Kurfürst war redegewandt und diplomatisch und konnte Strategien entwickeln.

Daniela grollte nach dieser Wahlniederlage der Klasse, entzog sich der Klassengemeinschaft und lebte in ihrer Freizeit von da ab in einem selbst gebauten Baumhaus im Wald. Am Rande des Wäldchens hatte sie Schilder aufgehängt: "Wer weitergeht, wird erschossen." Sie verteidigte sich mit ihren zwei Doggen und Pfeil und Bogen.

Meine große Schwester Elisabeth identifizierte sich mit Daniela. Meine Schwester Gertrud schwärmte für Otto Kirchholtes, einen von den beiden, die Daniela gewählt hatten. Ich selbst identifizierte mich zum Teil mit Lüders, dem Stärksten aus der Klasse, zum Teil mit Borst, einem Namenlosen, der Daniela die andere Stimme gegeben hatte, weil ich wie er der Kleinste war und um Anerkennung lang. (Natürlich hatte Borst wie alle Schüler einen bürgerlichen Namen, aber er hatte sich in der Klassengemeinschaft noch keinen Namen gemacht. Freilich, im Unterschied zu den anderen Schülern, die in dieser Erzählung namenlos bleiben, hat er eine Sonderrolle, dank der ihm in der Erzählung eine Name zusteht.

Daniela liebte Otto Kirchholtes (wie er sie) und nahm Borst nicht ernst, doch benutzte sie ihn, um der Klasse Botschaften zu überbringen, und so wird er zu einem wichtigen Handlungsträger.

Daniela war naturverbunden wie die Indianer (Pfeil und Bogen) und genoss den Schutz des Doktors, des Leiters der Schulstaates.

Im Zentrum der Erzählung stehen ein Fußballspiel der Tertia gegen die 10. Klasse und eine Tierschutzaktion der Tertia, bei der die Schulregeln durchbrochen wurden (wie bei Fridays for Future), die Tertia aber das Wohlwollen der jüngeren Lehrer genießt und wohl die stillschweigende Billigung durch den Direktor.
(Die Tertianer retteten die Katzen von Maineweh, die alle getötet werden sollten, weil eine Tollwut vermutet wurde, die es aber nicht gab. Insofern "reagiert" Speyer schon auf das Töten von Millionen von Nutztieren, das heute bei Seuchen praktiziert wird.)
Folgendes möchte ich noch hinzufügen: Noch heute gefallen mir am Kampf der Tertia die Anspielungen auf die Indianer, auf Preußen, auf Napoleon und nicht zuletzt auf Shakespeare wie gegen Schluss der Folgeerzählung des Kampfes "Die goldene Horde", wo es heißt:

" 'Bestimme du, Borst! Du bist nun einmal unser Häuptling!'
'Sollte ich nicht doch erst Rechenschaft ablegen?' fragte Borst mit einem Blick zum Kurfürsten, und er war bescheiden wie Mark Anton vor den Römern am Sarge des großen Cäsar." 

Thomas Mann hat sich für Wilhem Speyer sehr eingesetzt und eins seiner Werke sehr gelobt, freilich nicht den Kampf der Tertia, sondern den 1947 erschienenen Roman "Das Glück der Andernachs".

Wer mehr über die Handlung des Buches erfahren will, kann hier nachlesen.

Zitate:
"Die Tertianer hatten sich noch eben gewaltig gestritten. [...]  Man stritt sich [...] aus Müßiggang, aus nichts und wieder nichts, sozusagen um einen Dreck. So hatten die Truppen des Hannibal in Capua* und die Ostgoten in der Romagna gehadert, wenn es nichts zu erschlagen, zu stürmen und zu plündern gab... (S.9)

* "Die Römer hatten ihre anfängliche Strategie unter Einfluss des „Zauderers“ Fabius Maximus gewechselt und griffen die Karthager in Italien und Spanien nur noch in Hannibals Abwesenheit an. Als Capua 211 v. Chr. durch römische Truppen belagert wurde, unternahm Hannibal doch noch einen Scheinangriff auf Rom, um dadurch die Belagerer Capuas zum Rückzug zu bewegen. Laut Cicero (der rund hundert Jahre später lebte) soll dabei der berühmte Ausruf Hannibal ad portas ertönt sein („Hannibal bei den Toren“), der meist als Hannibal ante portas zitiert wird („Hannibal vor den Toren“).[4]Hannibal konnte jedoch den Fall Capuas nicht verhindern, was schon von antiken Historikern als Wendepunkt des Krieges angesehen wurde." (Hannibal)

20 August 2019

Joachim Ringelnatz, geb. Hans Gustav Bötticher

Abendgebet einer erkälteten Negerin
Ich suche Sternengefunkel.
All mein Karbunkel
Brennt Sonne dunkel.
Sonne drohet mit Stich.
Warum brennt mich die Sonne im Zorn?
Warum brennt sie gerade mich?
Warum nicht Korn?
Ich folge weißen Mannes Spur.
Der Mann war weiß und roch so gut.
Mir ist in meiner Muschelschnur
So negligé zu Mut.
Kam in mein Wigwam
Weit übers Meer,
Seit er zurückschwamm,
Das Wigwam
Blieb leer.
Drüben am Walde
Kängt ein Guruh – –
Warte nur balde
Kängurst auch du.

Man kennt meist nur die heiteren oder die Blödsinnsgedichte. Ringelnatz ' Gedichte  sind nicht nur gekonnt, sondern recht gesellschaftskritisch. 

18 August 2019

Mühlenweg: Großer Tiger und Christian

Großer-Tiger, ein junger Chinese, und sein deutscher Freund Christian werden mit einer geheimen Mission durch die Wüste Gobi geschickt. Um ans Ziel ihrer Reise, nach Urumtschi, zu gelangen, müssen die Jungen sich mit asiatischen Lebens- und Denkgewohnheiten auseinandersetzen.Fritz Mühlenwegs atemberaubender und gleichermaßen fantasievoll-poetischer Roman zählt zu den schönsten klassischen Reise-Abenteuer-Büchern! 
(bücher.de)

"Ein Junge, der in Peking auf die Welt gekommen ist, muß vieles wissen. Christian war zwölf Jahre alt, und er wußte schon allerlei. Er konnte Deutsch so gut sprechen wie Chinesisch, und obendrein kannte er Tom, mit dem er englisch redete. Weil er ihn aber selten traf, fehlte ihm manchmal ein Wort. Andere Dinge, wie Trense, Steigbügel und mexikanischer Sattel, kannte Christian gut, denn er war oft auf dem Glacis, wo man reiten konnte, wenn man ein Pferd hatte.
Die Hauptsache war, man kam eine oder zwei Stunden von daheim fort, und das war weit schwieriger als alles, weil die alte Ama aufpaßte. Die alte Ama war das Kindermädchen. Sie hatte Christian aufgezogen, und darum tat sie so, als ob er noch ein Baby wäre. Dabei war er ein Junge, der schon in die Lateinschule ging und sich in Peking auskannte.
„Die Ama ist nicht recht gescheit“, sagte Christian zu seinem Freund Großer-Tiger, mit dem er sich auf der Stadtmauer traf, „sie sollte lieber auf meine Schwester aufpassen; die ist noch klein.“
Hu-Ta, der Große-Tiger, nickte.
„Du mußt öfter Sie zu ihr sagen, oder: Ehrwürdiger Wagen.“
„Hilft das was?“
„Ja“, sagte Großer-Tiger, „du wirst sehen, das hilft.“ [...]

Der Mittagschuß hallte über Peking, und wer eine Uhr hatte, die falsch ging, konnte sie richten. Die meisten Leute in Peking haben keine Uhr, und sie brauchen auch keine. Sie brauchen nicht einmal den Mittagschuß, denn die Sonne geht auf und unter, und wer ein bißchen Übung hat, sieht, wo die Sonne steht, und weiß dann, wie spät es ist.

„Wo steht die Kanone, mit der man Mittag schießt?“ fragte Christian, als Großer-Tiger mit seinem Drachen kam.

„Ich weiß es nicht, und es ist mir auch gleich“, sagte Großer-Tiger. „Hast du mit meinem Lehrer gesprochen?“

„Ich habe ihm alles gesagt, und er bedauert dich.“

„Das glaube ich nicht. Wahrscheinlich war er nur höflich gegen dich, weil dein Vater ein Arzt ist, der mehr kann, als nur sagen: Streck die Zunge heraus.“

„So ist es nicht, Großer-Tiger. Es ist anders. Dein Lehrer blickte mich freundlich an, und er seufzte sogar. ‚Großer-Tiger‘, sagte er, ‚ist ein Stück Mensch, das man bedauern muß.‘“

„Verstehst du das nicht?“ rief Großer-Tiger. „Es heißt, daß er mich morgen prügeln wird.“

„Ach so“, sagte Christian, „jetzt verstehe ich.“

„Da gibt es keine Hilfe“, sagte Großer-Tiger gleichmütig. „Jetzt wollen wir zum Bahnhof gehen.“

 [...]


"Hier galoppierten die Pferde bereits", sagte Großer-Tiger und wie es auf die Straße der Nachdenklichkeit.
"Oh, ihr Teufelsbraten", rief Glück, "ihr seid wie echte Rotbärte und besser. Es sollte mich nicht wundern, wenn die Herren der Berge euch eines Tages kniefällig bäten, Hauptleute zu werden."
"Zuviel der Ehre", sagte Großer-Tiger.
"Wir müssen noch wachsen", sagte Christian. [...]" (Bd.2, S.144)
„Verbrecher fangen ist immer so“, beruhigte ihn Mondschein; „in einem Melonengarten kann man es nicht. Geh jetzt und sage deinen Männern, daß wir Grünmantel fangen wollen. Sie sollen die Gewehre laden und die Roßhaarbüsche aus den Läufen nehmen. Eine dicke Belohnung kannst du ihnen obendrein versprechen.“ [...]
„Grünmantel ist dicht vor uns“, flüsterte er frohlockend, „gleich reiten wir weiter, und dann haben wir ihn.“
„Aber unser Wagen?“ warf Großer-Tiger schüchtern ein.
„Keine Bedenken deswegen“, sagte Mondschein, „ich trete Schong-Ma die Rippen ein, bis er gesteht, wo er den Wagen hat.“
„Nichts von alledem geschieht“, sagte Dampignak streng. Er war unbemerkt herbeigekommen, und er stand aufrecht neben Mondschein. Er war der gleiche Uralte-Herr, wie Christian und Großer-Tiger ihn kannten, seit sie ihn zum erstenmal am Verdeckten-Brunnen im Zelt sitzen sahen, und doch war er ein anderer. Seine Hand lag ruhig am Gürtel, und seine Augen flackerten nicht, obwohl er geradeaus ins Helle blickte. Der Zorn ist aus ihm gewichen, dachte Großer-Tiger.
(Mühlenweg: Großer Tiger und Christian  - leicht gekürzter Text des Buches)


Großvaterworte

„Räuber sein ist ein ehrenwerter Beruf“, sagte Großer-Tiger, „und Ehrenmännern muß man Wort halten. Zudem hat Glück Geheimnisse vor uns. Warum sollten wir nicht auch Geheimnisse vor Glück haben? Wir wollen warten; im Warten liegt Heil.“ „Sagt das dein Lehrer?“ „Nein, das sagt mein Großvater. Er sagte auch oft: Jugendtorheit ist rasch, sie bringt Durcheinander.“
„Meine Ama sagte anders“, warf Christian ein; „sie schüttelte vielmal den Kopf, wenn sie mich sah, und sie sprach: Kindliche Torheit hat Gelingen.“
„Das ist längst vorüber“, widersprach Großer-Tiger ernst, „jetzt sind wir Männer. Wir müssen tun, was Männern zu tun geziemt.“ [...]

Die Klugheit verbietet den Zorn“, wandte Großer-Tiger ein. „Das ist ein Spruch deines Großvaters“, höhnte Glück.
„Mein Großvater sagt, man bekommt keine jungen Tiger, wenn man die alten Tiger vorzeitig umbringt. [...]

„Es heißt“, sprach Großer-Tiger, „daß, wer sich nicht rühmt und wer sich seine Verdienste nicht anrechnet, wahrhaft bescheiden sei. Wer sich aber Untaten anrechnet, die er nicht begangen hat, frevelt an sich selbst.“
„Wer sagt das?“ knurrte Ohnezehen. „Mein Großvater sagt es“, erwiderte
Großer-Tiger. [...]



17 August 2019

Murakami nach einem Wagnererlebnis in Bayreuth


"Der verstorbene Wolfgang Wagner, Enkel des großen Richard Wagner und langjähriger Intendant der Bayreuther Festspiele, gab der japanischen Tageszeitung Yomiuri Shimbun vor 40 Jahren ein Interview über das Besondere an seiner Stadt. "Bayreuth ist eine Kleinstadt. Es gibt kaum Ablenkung, und die Besucher kommen allein in der Absicht, Wagners Stücke in sich aufzunehmen und zu verstehen. Deshalb sind wir hier in der Lage, uns ganz auf sein Werk zu konzentrieren, uns ihm fern aller alltäglichen Probleme zu widmen."
Aber warum habe ich diese Ausgabe der Yomiuri Shimbun von vor 40 Jahren so lange aufbewahrt? Wegen der kleinen Notiz, die daneben steht: "Haruki Murakami erhält für seinen Roman Wenn der Wind singt den 22. Gunzo-Preis für Nachwuchsschriftsteller. Herr Murakami ist 29 Jahre alt und hat an der Waseda-Universität Literatur studiert ..." Als ich kürzlich alte Unterlagen sortierte, fiel mir zufällig der Artikel mit dem Interview in die Hände. Wahrhaftig ein seltsamer Zufall. [...]

Herausragende Kunst, meine ich, besteht in originären Texten, die uns mit profunden Fragen konfrontieren. Und in den meisten Fällen steht keine eindeutige Antwort bereit. So bleibt uns nichts anderes übrig, als dass jeder für sich eine Antwort findet. Darüber hinaus ist ein Werk – wenn es gut ist – in ständiger Bewegung und verändert unablässig seine Form. Die Möglichkeiten der Deutung sind unendlich. Auch die Gefahr falscher Antworten ist stets gegeben. Schließlich sind die Begriffe "Möglichkeit" und "Gefahr" so etwas wie Synonyme. Mit tief greifenden Fragen, einigen persönlichen Antworten und ganz erfüllt von meinem starken musikalischen Erlebnis fliege ich nach Japan zurück.

Wahn, Wahn!
Überall Wahn!"




13 August 2019

anerkannte Flüchtlinge bei Mieten von Kommunen abgezockt?

Dieser Artikel war für meinen Schnipselblog gedacht, bleibt aber, weil er schon mehrmals gelesen wurde, auch hier stehen.
"Flüchtlinge mit eigenem Einkommen werden über Gebühren an den Wohnkosten in Großeinrichtungen beteiligt. Hunderte von Euro in einem Mehrbettzimmer sind normal.
Die Verwaltung nennt sie „Fehlbeleger“. Und bittet sie per Gebührensatzung zur Kasse: anerkannte Flüchtlinge, die auf dem Wohnungsmarkt keine Bleibe finden und deshalb weiter in den Gemeinschaftsunterkünften leben. Mehrere Hundert Euro für einen Schlafplatz im Vier-Bett-Zimmer sind keine Seltenheit. Zahlen, wie viele Personen bundesweit davon betroffen sind, gibt es nicht. „Dieses Spannungsfeld ist nicht neu“, sagte Bernd Mesovic, Leiter der Abteilung Rechtspolitik bei Pro Asyl, dem epd.

Die Kommunen sind durch Landesrecht verpflichtet, von allen anerkannten Flüchtlingen und denen, die bereits in Arbeit sind, Gebühren für die Unterbringung in Heimen oder angemieteten Wohnungen zu verlangen. Die sind im Vergleich zu ortsüblichen Mieten sehr hoch, weil die meisten Satzungen Pauschalbeträge pro Person festlegen. Und wenn alle Kosten für den Betrieb umgelegt werden, etwa für den Sicherheitsdienst, Personalkosten, soziale Angebote, Instandhaltung und Abschreibung, wird es pro Kopf teuer. [...]
In Garbsen bei Hannover stehen bis zu 855 Euro in der Gebührensatzung, im nahen Hemmigen gar 930 Euro.  [...]
„Die Betroffenen haben gemäß des Landesaufnahmegesetzes keinerlei Einfluss darauf, wo und wie sie untergebracht werden“, rügt Timmo Scherenberg vom Hessischen Flüchtlingsrat. Weil sie in den Ballungsgebieten nur schwer eine eigene Wohnung fänden, „bleibt den Flüchtlingen häufig selbst nach einer Anerkennung keine andere Wahl als in der zugewiesenen Gemeinschaftsunterkunft wohnen zu bleiben - zu relativ absurden Preisen“.
Er plädierte dafür, als Kostenobergrenze den Betrag anzusetzen, den das Sozialamt im Hartz-IV-Bezug übernehmen würde. Die heutige Regelung sei ein „deutlicher Negativanreiz für eine Arbeitsaufnahme“. Denn warum sollte jemand versuchen, seinen Lebensunterhalt selbst zu sichern, wenn er den kompletten Verdienst für ein winziges Zimmer, das er mit anderen teilen muss, wieder abgezogen bekommt?
„Das Problem besteht in allen Bundesländern so lange, wie Geflüchtete in Unterkünften statt in Wohnungen untergebracht sind“, sagte die Berliner Sozialwissenschaftlerin Ulrike Hamann dem epd. Das liege am System selbst, „denn die Geflüchteten haben keine Mietrechte, sondern sind den undurchsichtigen Kosten, die der Betreiber veranschlagt, ausgeliefert, ohne eigene Rechte geltend machen zu können“. (Wohngebühren für Flüchtlinge: Monatlich bis zu 930 Euro, FR 12.8.19)

12 August 2019

Goethe: Italienische Reise

"J.W. Goethes Italienische Reise ist primär der Bericht über das BildungserlebnisWikipedia-logo.png, das er nach seiner ersten Weimarer Zeit suchte, um die Erfahrungen zu sammeln, die seine von Kindheit durch die Berichte des Vaters angeregte ItaliensehnsuchtWikipedia-logo.png zu befriedigen und die eine wichtige Voraussetzung für die Weimarer KlassikWikipedia-logo.png bedeutete.
Für diese Reise musste er seine Aufgaben als Minister seines Herzogs Karl AugustsWikipedia-logo.png im Stich lassen. Er entschied sich aber dafür, weil ihm klar geworden war, dass sein Ministeramt seine dichterische Produktivität lähmte. Er hatte zehn Jahre nichts Neues mehr veröffentlicht. Er erbat und erhielt vom Herzog Urlaub auf unbestimmte Zeit, doch hatte er ihm sein Reiseziel nicht verraten und reiste inkognito.
Eine Karte von Goethes Reise und der vollständige Text seines Reisebuchs findet sich bei Gutenberg.de." (ZUM-Unterrichten "Italienische Reise" - mit Auszügen von charakteristischen Passagen )

Zitate:

"Nun soll es gerade auf Innsbruck. Was lass' ich nicht alles rechts und links liegen, um den einen Gedanken auszuführen, der fast zu alt in meiner Seele geworden ist!" (München 6.9.1786)

"Von Innsbruck herauf wird es immer schöner, da hilft kein Beschreiben" S. 16 (Auf dem Brenner, den 8.9..1786)