01 Juni 2024

Han Suyin: Alle Herrlichkeit auf Erden

 Alle Herrlichkeit auf Erden ist ein Roman von Han Suyin, der schon im Erscheinungsjahr 1952 zum Bestseller wurde. 1955 wurde der Film Love Is a Many-Splendored Thing herausgebracht. 

Der Roman handelt von dem britischen Auslandskorrespondenten Mark Elliot, der sich in Hongkong in eine eurasische Ärztin verliebt, die ursprünglich aus Festlandchina stammt. 

Es ist eine Liebesgeschichte mit autobiographischem Hintergrund [Suyin heiratete 1952 Leon Comber und wurde 1958 von ihm geschieden]. Sie schildert China, Hongkong mit seiner multiethnischen Gesellschaft. In der Endphase des chinesischen Bürgerkriegs war es übervölkert mit Flüchtlingen, Chinesen und Europäern, die dem kommunistischen Vormarsch ausgewichen waren.



Zitate:

Ein Missionar spricht: "Wir haben Euren ästhetisierenden Gelehrten das Versemachen abgewöhnt und ihnen beigebracht, Feder und Sprache statt zur Freude des Einzelnen zum Nutzen von Millionen zu gebrauchen. Wir haben in engster Nachbarschaft der dicht bevölkerten Städte, neben all ihrer Unzufriedenheit und Unruhe große Universitäten gebaut. Wir haben Euch aus euren Häusern geholt und in moderne hygienische Schlafsäle gepfercht. [...] Wir haben in Euch ein Pflichtgefühl gegen euer Vaterland angeregt und entwickelt, so lange, bis ihr von einem wahren Sendungsbewusstsein besessen wart.
Die Erziehung, die wir Euch angedeihen ließen, löste Euch von euren Traditionen ab – so wurdet ihr, nun entwurzelt, zum Nährboden für jenen sehr weitläufigen und sehr verwaschenen Humanismus, mit dem die Menschheit sich zu trösten versucht. Ihr lerntet von uns eine Menge abstrakter Begriffe, für die es in Eurer Sprache nicht einmal ein Wort / gibt: Demokratie, Freiheit, Gleichheit – ohne dass wir uns darum kümmerten, was sie für Euch bedeuten, oder auch nur, was sie für uns bedeuten." (S.19/20)
"Überall wird gebaut. Hongkongs Bevölkerung hat sich nahezu verdreifacht, und jede Woche strömen etwa zehntausend Flüchtlinge aus China herein. Tag und Nacht hört man das Springen, Bohren und Hämmern. Selbst die stillen Hügel hallen vom Klirren menschlicher Geschäftigkeit wieder. Auf den Vorgebirgen, Hängen und Hügeln, die sich in der Mitte der Insel erheben, bauen die Reichen ihre Behausungen. Bevor mit dem Bau begonnen werden kann, muss die Auffahrt zu der geplanten Stelle tief in den Berg geschnitten werden. Die Hügelkuppe muss abgetragen werden, um eine genügend große ebene Fläche für den Unterbau zu schaffen. An mehr als einem Dutzend Stellen wird gleichzeitig gebaut. Eine Unzahl schwarzgekleideter Hakka-Frauen unter deren breitbandigen flachen Strohhüten die Fransen schwarzer Tücher vorschauen, trägt in Ameisenprozession einen Korb Humus nach dem anderen fort. Der Gipfel des Hügels wird langsam weggefressen, die nackte Erde erscheint – ein ockerfarbener Fleck zwischen grünen Büschen. Hier und dort auf der ebenen Fläche lassen die Frauen kleine Erdkegel stehen, wie Finger, die zum Himmel zeigen. Ihre Höhe bestimmt die Menge der fortgeschafften Erdmassen und die Bezahlung der Frauen. Zuletzt wird der Boden mit bloßen Füßen und Handpaddeln glatt gestampft – und dann können die Fundamente gelegt werden.
Weil man so viele Bäume gefällt hat, sind die Hänge kahl, und im Sommerregen rutschen große Stücke davon ab. Der / freigelegte Felsen, vom Wasser ausgewaschen und von der Sonne verbrannt, ist verwittert und bröckelt, wenn man ihn belastet. Damit das Haus festen Halt bekommt, muss ein großer pyramidenförmigen Stein- oder Betonuntergrund angelegt werden. Diese Konstruktion ist oft zwei bis drei  Stockwerke hoch und lässt eine gepflasterte Terrasse oder einen flachen Garten entstehen, in die dann das Haus gesetzt wird. [...] Wie sie so gewichtig dastehen, hoch über den Palmen und Bambusstauden ihrer Gärten, beschützt von ihrer blühenden Brustwehr, haben die Häuser der Reichen den Zauber ferner Schlösser. Die älteren rundbogig und pfeilerverziert, durch Feuchtigkeit und Moder sanft ergraut, verschmelzen mit den Linien der sie umgebenden Hügel. Den neuen fehlt die Milderung durch Alter und Witterung, und sie stehen in hartem Rosa und Weiß grell und nackt in der Sonne." (S.23/24)

[Bau- und Umweltsünden in Hongkong von 1949 und von erschreckender Ähnlichkeit mit Bauen in Deutschland 2024, nur dass bei dem verschwindenden Humus die Ameisenprozession der Frauen fehlt.]

"Ich blickte auf. Der Mann war nicht sehr groß, er war schlank, und sein weißer Anzug ließ ihn fast schmächtig erscheinen. Er ging vorsichtig, tastete sich mit seinen Füßen vor, als ob sie Hände seien. Er hob das Bein bei jedem Schritt im Kniegelenk etwas an, wie es Hirsche tun. Und plötzlich wurde ich mir intensiv des Teppichgewebes unter seinen Schuhen bewusst. Als ob ich darauf läge und als ob mir jedes rauhe Haar in den Rücken stäche.  Ich fühlte, über ein genaueres Erkennen hinaus, die blauen Muster auf dem rehfarbenen Grund, die Sinnbilder glücklicher Vorbedeutung, die darin eingewebt waren, die Fledermäuse und Päonien, die Lotosblüten und endlosen knoten, die Pfirsiche und die Welle der Ewigkeit, die den Teppich rundherum einfassten. Es war, als ob sich etwas in mir im Schlafe bewegt und geseufzt habe. Wie ein schüchterner Finger, der mein Herz berührt, oder wie ein schläfriger Vogel, der die Flügel ein wenig spreizt und wieder einschläft, so rührte und bewegte ich mich in mir selbst und ruhte dann wieder. Unerklärlicherweise überkam mich wortlos ein Gefühl für die Materie, aus der die Dinge gemacht sind – in diesem Falle war es der Teppich. Einen Augenblick lang verlor ich, während der Fremde durch das Zimmer auf mich zu ging, den Kontakt zu dem, was wir Wirklichkeit nennen, zu dem Stuhl, auf dem ich saß, zu der Tasse, die ich in der Hand hielt, zu James' Worten. Dann schnellte die Welt zurück an ihren Platz, und ich saß da und lächelte, und Mark setzte sich in den Sessel an meiner Seite." (S. 33)
Hier gerät Han mit dem Auftauchen Marks in einen anderen Seinszustand, wie es die buddhistische Achtsamkeit anstrebt.
Als ein anderes Liebesmodell wird Suzanne angeführt (S.72 ff.), die keine Liebe fürs Leben anstrebt, sondern nach dem französischen Modell in Ehen als Dritte einbricht und unter Lachen stolz berichtet, dass sie - wie Han aus der Klosterschule kommend -  10 Liebhaber gehabt habe.

Schatzsuche: Eine Cocktail und Dinner Party bei Palmer-Jones gerät zu einer Präsentation und Kritik an der Ansammlung der Reichen in Hongkong. (S.79 ff.)

"Wir saßen auf einem breiten, flachen Stein am Weg oberhalb der Leichenhalle. Es war dies der einzige Platz in Hongkong, wo wir uns treffen konnten, um einander in Ruhe kennenzulernen, um zu lernen, was lieben ist, und um einander lieben zu lernen. Denn Liebe ist keineswegs an dem Tage, an dem sie entsteht, vollendet, Liebe ist ein langsam wachsender Baum, ein lebendiges Wesen, und wie bei allem Lebendigen gibt es da keinen Stillstand. Und so ließen wir sie getrost zu einem stark verwurzelten Baum aufwachsen. Mit jedem Tag lernten wir uns noch etwas besser lieben.
Der weiße Stein am Wege oberhalb der Leichenhalle sollte das einzige Zuhause sein, das wir jemals hatten." (S. 117)

"Auf diesem Stein verließen mich die Schatten, vor denen ich mich gefürchtet hatte, für immer. Ich saß bei ihm, durchströmt von Zärtlichkeit. Mein Inneres schmolz, ich spürte seine Leidenschaft, und wie er sie beherrschte, ich unterwarf mich ihr – meine Ängste machten sich davon, lösten sich im Mondlicht, schwanden in der Nacht. Ich blühte auf zu neuer Lust wie die kleinen Papierkügelchen, die die Kinder in eine Schüssel mit Wasser werfen, die sich öffnen und sich entfalten zu vielfarbigen Blumen. Mark erweckte mich zu neuem Leben. (S.121)
"Ich küsste seine Hand, endlich demütig, endlich besänftigt, weil ich mein eigenes Ich gefunden hatte. Zeit und Raum hatten aufgehört.  Nur noch der Himmel war über uns der leichte Lufthauch, das Mondlicht und dieser Stein auf unserer Erde. Wir brauchten nichts weiter. Wir waren überreich. Wir schliefen weder noch wachten wir. Wir lebten. (S.122) 
"In deiner Provinz Sze-tschwan", sagte Mark, "wird das Chinesische in dir Oberhand gewinnen und alles andere ausschließen. Du wirst mich dann ganz mit chinesischen Augen sehen und dir überlegen, ob du überhaupt noch zu mir halten sollst."
"Ja, das werde ich tun, ich will dich von dort aus sehen. Sehen, wie du wirklich bist. Denn wir müssen ja zusammen leben, man chinesisches Ich und dein englisches Du." (S.127)
"Und dann geschah die Umwandlung:  mein Hongkong-Ich war verschwunden, aufgelöst wie eine Wolke, und ich hatte diesen Ort nie verlassen. Ich kannte diesen Flugplatz besser / als mein Zimmer in der Klinik. Meine Zunge begann die Silben zu rollen, meine Stimme war verändert, als ich nach der Rechnung fragte. Ich hatte meine angenommene kantonesische Sprechweise vergessen. Diese Hügel waren die einzigen, die ich je gesehen, mit einem Pelz von Bäumen, wie mit zierlichen Kräutern überwachsen, nicht kahl wie die Hügel von Kaulun, die ich heute morgen verlassen hatte. Das tiefe Schmutzgeleise, das sich Weg nannte und zwischen den Hängen in stetem Auf und Nieder zur fünfundzwanzig Kilometer entfernten Stadt führte, war der einzige Weg, den ich mir überhaupt vorstellen konnte." (S.128/129)
"Der Bus war seit Kriegsende noch nicht wieder gestrichen worden. Nicht nur die Farbe, sondern ganze Teile seiner hölzernen Karosserie splitterte ab. Er hatte sich längst von seinen Fensterscheiben, Türen und Sitzen, ja selbst vom halben Steuerrad trennen müssen. Auch Kühlerhaube, Scheinwerfer und Kotflügel fehlten. Wir sahen uns alle nach etwas anderem um, denn keiner glaubte, dass dieses Wrack uns fahren könnte. Aber es war das einzig vorhandene Transportmittel. Wir wurden von einem fetten Beamten hineingeschnauzt, so wie widerstrebende Gefangene zur Hinrichtung. Und wir hoben und drücken uns gegenseitig hinein, denn es gab keine Trittbretter, saßen auf unserem Gepäck, das auf dem morschen Boden aufgetürmt war  und die Löcher in den Brettern nur ungenügend verdeckte. Als wir alle eingestiegen waren, zu einem wirren Konglomerat zusammengepresst, wurden einige Holzstangen vor die breite Einstiegöffnung gelegt und mit / Stricken festgebunden. Dies besorgten zwei Soldaten mit aufgeschwemmte Gesichtern, Opfer der Hakenwurmkrankheit. (S.129/130)  

Rückkehr nach Tschung-king

"Der Ladeninhaber brachte schwarze Lackschemel herbei und gab uns rauchigen Tsing- Cheng-Tee, der so aromatisch ist, dass er den Durst löscht, ehe man noch davon getrunken hat. Ich war wieder hier. Ich hatte nicht gewusst, dass man so vollständig heimkehren kann. Die Dinge haben sich verändert, aber ich bin wieder da, so fest verwurzelt, so tief eingepflanzt wie immer. Hier bewegt sich mein Leben harmonisch, angeschirrt an die gleiche unendliche Geduld, mit der der langsame Fluss dahinzieht. Ich bin daheim." (S.131)

Meine Schwester Suchen
"Ihre langen Brauen waren sehr dunkel und liefen in Spitzen aus. Ihre großen, sanften Augen, in denen das Licht sich vielfach spiegelte, zeigten um die Iris, das Weiß kostbaren Porzellans. Die gerade Nase war wohlgeformt und ohne den grausamen Schwung der Nüstern, die Dritter Onkel und ich von einem Ahn geerbt hatten, der bestimmt ein Bösewicht gewesen. Ihre Nase war freundlich, ihr Mund weit und großzügig. Er lag weich um ihre tadellosen Zähne. [...] Ich wusste, sie war freundlich, gut und anschmiegsam, für ein normales Leben voller Liebe zu einem guten Mann und vielen Kindern wie geschaffen. Nicht wie ich, die ich herb, und sentimental und voll wilden Lebens war, seit Mark mich aufgeweckt hatte – sie war eine Frau, für die man sorgen musste.  Kein Wunder, dass Dritter Onkel sie nicht mochte und sie ihn dafür hasste." (S.145 )

"Ich ging zurück zu Der Familie. Ich stieg die Verandastufen hinauf. Alle waren aufgeblieben, Dritter Onkel, Dritte Tante und meine zahlreichen Vettern. Dritte Tante schenkte einen ganz besonderen Tee ein. Dritter Onkel nahm eigenhändig eine Uhr aus dem Schrank, wo sie jahrelang gelegen, zog sie extra für mich auf, ging ins Schlafzimmer und stellte sie mir auf den Nachttisch. Ich war sofort eingehüllt in Zuneigung, die niemals zu viel wurde, niemals demonstrativ wirkte und / immer zurückhaltend und höflich ohne große Gesten blieb. Sie liebten mich, sie trösteten mich. Sie erzählten mir komische Geschichten, ebenso wie Mark damals in Macao, als er mich so zart in die in den Armen gehalten.  Damals hatte ich sogar vergessen, dass wir im selben Bett lagen." (S.146/147 )

Acedia

"Sie trug ein europäisches Kleid, rot mit weitem Ausschnitt, und es fiel mir wieder auf, wie schön sie war und wie fehl am Platz auf dem englisch geschorenen Rasen, während der gewaltige, chinesische Fluss zweihundert Schritte entfernt, dahinströmte und die massigen Hügel und den trüben Himmel auf seinen Schultern trug. Sie gehörte nicht hierher. Sie war eine zerbrechliche Natur trotz ihrer Größe. Ich verstand im Bruchteil eines Augenblicks, wie fremd sie hier bleiben musste, obgleich sie hier geboren und meine Schwester war. Sie konnte nichts dafür. Sie war nicht hart genug. 

Für sie war das starke, erschreckend lebensstarke China, unwirklich und weit weg. Eine langweilige, langatmige Geschichte in schmutzigen Einband. Wo ich mit leidenschaftlichem Herzen die Gewalt des monotonen Flusses wahrnahm, sah sie nur trübes und unbequem breites Wasser. Wo ich im mürrischen Warten der Menschen, in ihren Umherlungern, an den Straßenecken ihre wortlose Hingabe an das Schicksal sah, bemerkte sie nur Schmutz und Gefahr. Während die Familie für mich Zuneigung, Respekt und gegenseitige Hilfe bedeutete, sah sie nur feindliche Absicht, Übelwollen und Zurechtweisung." (S. 154)


"Dies ist disziplinierte Freiheit! Dies ist neue Volksdemokratie! Die Freiheit, nicht mitzumachen, war allerdings dahin. Sie war eingetauscht gegen die Freiheit, auf der Grundlage des Dogmas Kritik zu üben. Sobald es sich um Fragen der allgemeinen Politik handelte, durfte es nur eine Meinung geben. Wo es aber um lokale, näherliegende Fragen ging, wurde zu öffentlicher Diskussion beständig ermutigt.
Es war niemandem möglich, sich auszuschließen Niemand konnte zu Hause bleiben und schweigen. [...] Dies ist die Gerichtsbarkeit des Volkes. In der Vergangenheit wurde die Ungerechtigkeit hinter verschlossenen Türen verhandelt. Wir aber fürchten, die Wahrheit nicht. Das Volk wird richten!
In vielen Fällen wurde tatsächlich Gerechtigkeit geübt, fair und richtig. Aber in anderen Fällen wieder keineswegs. Da war der Fall eines Arztes, der durch seine Nachlässigkeit den Tod zweier Patienten verursacht hatte.  Nun, wurde er vor Gericht gestellt. Die Verhandlung wurde öffentlich geführt, andere Ärzte wurden als Zeugen hinzugezogen. Er wurde verurteilt und bestraft. Es war sehr eindrucksvoll. Da war der Fall eines Patienten, der infolge natürlicher Ursachen gestorben war. Aber er war in einem Missionshospital gestorben. Das Hospital wurde der Nachlässigkeit angeklagt.
"Das bedeutet uns alles nichts", sagte der Volksgerichtshof, als die Fachärzte den Beweis erbrachten, dass der Patient an einer unheilbaren Krankheit gestorben war.
 "Wir verstehen von diesen Dingen nichts. Er ist an Vernachlässigung gestorben." (S.316)

"Wir zogen fröhlich los, als sie [Amah] erzählte, dass wir eine Hinrichtung vor dem Tor des Himmelsfriedens ansehen durften.
"Erzählt es aber nicht eurer Mutter!"
"Sind das schlimme Leute, Amah? 
"Sehr schlimm!" Amah schüttelte den Kopf und rollte die Augen. "Es sind böse Kommunisten. Man wird sie langsam töten."
Ja, man tötete sie langsam, denn sie wurden gefoltert, und ich erinnere mich noch immer an das Brüllen der Menge, an den Geruch nach Schweiß, und an den sauren Geschmack meines Erbrochenen, als man den Verurteilten noch einmal hochhob, damit auch damit alle ihn auch sehen konnten, bevor man ihm den Kopf abschlug. Von Zeit zu Zeit sah ich dann weiter. Hinrichtungen. Sie waren Erinnerungsmale in meinem Leben. Kommunisten, immer Kommunisten, rote Banditen, die in all diesen Jahren in Peking hingerichtet worden. In Peking, in Nanking, in Tschung-king, überall. Und nun hatte er das Rad sich einmal ganz um seine Achse gedreht. [...]
 Doch jetzt waren wir nicht mehr bloße Zuschauer – wir wurden Handelnde, mitsprechende Teilnehmer. Wir waren alle mit einbezogen. Solange die Gerichtsverhandlungen dem Volke unbekannt geblieben waren, hatte es den Kopf geschüttelt und gedacht: "Es war eben nicht genügend Geld da, um dieses Leben zu retten." So tief eingewechselt ist die Gewöhnung an Ungerechtigkeit. Doch nun rettete Geld kein Leben mehr, es brachte das Leben sogar in Gefahr. Geld würde kein Ersatzopfer mehr kaufen können, aber es war / selbst verhängnisvoll für seine Besitzer geworden. Drei Jahrzehnte, Bürgerkrieg, viel vergossenes Blut, das wiederum mit Blut vergolten wurde. Die Parteijustiz hatte viele Ziele: das Entsetzen in den Herzen der noch in Freiheit Lebenden zu schüren,  Die Unerwünschten zu beseitigen, aber auch die letzten Gegner der neuen Ordnung in Reinigungsaktionen auszumerzen, unter dem Druck der Furcht, alles zu einem ergebenen Einverständnis zu zwingen. Das rief eine Flut von den Denunziationen hervor, bis schließlich jedwede Treue zweifelhaft wurde." (S. 317/318) . 

"So ist der Kreislauf der Dinge, und so wächst unsere Welt der Zukunft entgegen. Sie tut es nicht geradeswegs und ungestört, sondern wie ein Baum wächst: im Zusammenwirken von Regen und Sturm, Hitze und Kälte, Licht und Dunkelheit. So müssen wir denn allen Dingen gegenüber Geduld und Zurückhaltung üben und die Vorstellung jener Harmonie in uns tragen, die die Gegensätze verschmelzen wird und das Entgegengesetzte als verschiedene Aspekte der gleichen Sache erkennen lässt. Wie bei einem Rade auch die leeren Zwischenräume und nicht nur die Speichen zur Eigenschaft des Rades gehören, so ist es mit allen Dingen unter dem Himmel, unter dem alle Dinge gleich sind. Daran denke." (S.351/352)





























(Seitenangaben nach der Ausgabe im Bertelsmann Lesering 1957)

Sieh auch: Han Suyin: Bis der Tag erwacht, 1982 (Schilderung Chinas in der Mitte den 20. Jhs)

Die Liebesgeschichte hat mich nicht interessiert, beeindruckt bin ich von der Darstellung der Situation in der Kulturrevolution und Han Suyins Schreibtechnik.
Sie schildert immer wieder anschauliche Szenen aus der Sicht einzelner Personen.
Indem sie die Namen wechselnd mit der Übersetzung bildhafter chinesischer Namen und einzelnen chinesischen Silben wiedergibt (und damit abwechselnd auch jeweils nur mit einem der beiden Bestandteile), erreicht sie einerseits leichte Wiedererkennbarkeit "Hsu Ragende Wolke", "Hsu", "Ragende Wolke" und andererseits Verfremdung. 
Die Heldin ist Mrs. Jen, Frühlingsschnee und Stephanie. Stephanie heißt sie, wenn aus ihrer Sicht geschildert wird. Ihr Sohn heißt Winterschatz, wenn er aus ihrer Sicht geschildert wird.
So ermüdend mir das Liebesverhältnis ist, so sehr berühren mich die Vergegenwärtigungen von Situationen aus der Kulturrevolution. Große Teile des Romans während des Krieges und des Bürgerkrieges spielen in Tschungking.
Inzwischen habe ich doch mitfühlend eine längere Passage zu Stephanies Mann Dr. Jen Yong gelesen. (ab S.563) Gehalten in sozialistischem Realismus. Ganz Pflichterfüllung und Tragen von Schwierigkeiten mit äußerster Disziplin, Bewunderung seiner Leistungen durch die einfacheren Leute von Lingfu. Dann seine Rehabilitierung von seiner vorherigen Stellung als Rechtsabweichler. Zu Stephanie in gefühligem Stil wie in Alle Herrlichkeit, aber nicht wirklich kitschig. Winterschatz, jetzt erwachsen als der in China Gebliebene jetzt Jen Lin genannt, Schwalbe, die Tochter von Jen Yong, kommen nach China im Zuge der Aussöhnung mit den USA. Dass Jen Yong von einer Bande ermordet worden ist, erfahren sie erst jetzt (damit sie nicht allein trauern muss, sondern zusammen mit der chinesischen  Verwandtschaft.) (S.640)
Da Han Suyin 95 oder 96 Jhre alt geworden ist (1916 oder 1917 bis 2012), interessiert mich ihre 7-teilige Autobiographie, auch ihre historische Studie Eldest Son: Zhou Enlai and the Making of Modern China* (1898-1976) von 1994. Wie hat die Autorin von Liebesromanen mit 87 Jahren über selbst erlebte Geschichte berichtet?
* "In den Jahren, als die Kommunistische Partei ihre Basis in Yan’an hatte, kämpfte Zhou für eine vereinigte Front gegen Japan. So spielte Zhou eine wichtige Rolle im Zwischenfall von Xi’an. Er verhandelte im chinesischen Bürgerkrieg mit den Nationalisten. Während des Chinesisch-japanischen Krieges war Zhou Botschafter bei der Kuomintang in deren Übergangshauptstadt Chongqing. Er nahm auch an den gescheiterten Verhandlungen nach Ende des Zweiten Weltkriegs teil.

Im Jahre 1949, nach der Errichtung der Volksrepublik China, war Zhou Premierminister und Außenminister. Im Juni 1953 verkündete er die Fünf Deklarationen für Frieden. Er war Vorsitzender der kommunistischen chinesischen Delegation bei der Genfer Konferenz von 1954 und der Bandung-Konferenz 1955." (Wikipedia) *

*"Zhou ermöglichte die Aufnahme von Beziehungen mit dem Westen in den 1970er Jahren.[6] Er begrüßte im Februar 1972 den amerikanischen Präsidenten Richard Nixon zu seinem Besuch in China und unterzeichnete mit ihm das Shanghai-Kommuniqué.

Bei Zhou wurde erstmals im November 1972 Blasenkrebs diagnostiziert. Das Ärzteteam berichtete, dass er bei sofortiger Behandlung eine 80- bis 90-prozentige Heilungschance hätte, aber die medizinische Behandlung für die höchsten Parteimitglieder musste von Mao genehmigt werden. Mao befahl, dass Zhou und seine Frau nicht von der Diagnose erfahren sollten, keine Operation sollte durchgeführt werden und keine weiteren Untersuchungen sollten erfolgen.[7] Im Jahr darauf hatte Zhou erhebliche Blutungen im Urin. Nach Druck von anderen chinesischen Führern, die von Zhous Zustand erfahren hatten, ordnete Mao schließlich im Juni 1974 eine chirurgische Behandlung an, jedoch hatten sich bereits Metastasen in anderen Organen gebildet.

Daraufhin gab er viele seiner Funktionen an Deng Xiaoping ab. Am 8. Januar 1976 starb Zhou einige Monate vor Mao Zedong. Im April 1976, einen Tag vor dem chinesischen Totengedenktag, wurden Kränze und Blumen zum Gedenken an Zhou von der Polizei entfernt, was allgemein als Tian’anmen-Zwischenfall bezeichnet wird."

Zu diesem Zwischenfall: Dass 100 000 nach einer von der Polizei bekämpften Ehrung Zhou En Lais am 4.4.1976 Regierungsgebäude stürmten, führte zum Vorgehen der Polizei gegen Deng Xiaoping:
"Am 7. April wurde Deng Xiaoping im Namen Maos und des Zentralkomitees aller Parteiposten enthoben und unter Hausarrest gestellt. In den kommenden Monaten wurde die Kampagne gegen ihn fortgesetzt und Deng wurde als ein neuer Imre Nagy attackiert und der Zwischenfall auf dem Tian’anmen-Platz in negativer Weise mit dem ungarischen Aufstand von 1956 verglichen." (Wikipedia) 

Das Schicksal Imre Nagys, der die ungarische Revolution gebilligt hatte, hatte ich vergessen. Als die sowjetischen Truppen anrückten, ließ er "in Westungarn den Widerstand organisieren und einige Fluchtwege nach Österreich offenhalten, auf denen bis zum 21. November 1956 etwa 210.000 Ungarn fliehen konnten. Er selbst floh in die jugoslawische Botschaft" (Wikipedia) Er wurde, nachdem ihm freies Geleit zugesichert worden war, verhaftet und nach einem Geheimprozess hingerichtet. 


30 Mai 2024

Fürst Pückler-Muskau: Andeutungen über Landschaftsgärtnerei

Fürst Pückler-Muskau und die Einrichtung von Parks 

Zitate:

"wenn der Park eine zusammengezogne idealisierte Natur ist, so ist der Garten eine ausgedehntere Wohnung. Hier mag also der persönliche Geschmack aller Art sich wohl ein wenig gehenlassen, ja sogar Spielereien und überhaupt das freieste Hingeben an die Phantasie erlaubt sein." (Andeutungen über Landschaftsgärtnerei) 

"ein Garten im großen Stil ist eben nur eine Bildergalerie, und Bilder verlangen ihren Rahmen" [Im Unterschied zum Park, dessen Grenze möglichst versteckt sein sollte, z.B. durch Ha-Ha-Gräben]

Text:

"[...] Jemand sagt sehr richtig: »Das künstlerische Produzieren ist wie eine Ehren- so auch eine Gewissenssache.«

Daher ist es dem echten Kunstsinn gar nicht möglich, sich mit etwas als nicht entsprechend oder gar völlig mißlungen Erkanntem zu begnügen. Er bringt lieber jedes Opfer, als den schändenden Fleck bestehen zu lassen, wäre es auch an sich nur ein untergeordneter Gegenstand, wie die Natur ja ebenfalls die Kleinste ihrer bewunderungswürdigen Schöpfungen mit eben der Liebe und emsigsten Sorgfalt ausstattet und vollendet, als sie den Größten und Erhabensten angedeihen läßt.

Obgleich ich bei meinen Anlagen in Muskau mich nie einen Augenblick von der Grundidee entfernt habe, die ich später zu entwickeln schicklichere Gelegenheit finden werde, so will ich doch gar nicht leugnen, daß sich viele Partien hier befinden, die nicht nur retouschiert, sondern oft gänzlich, einmal, ja drei und viermal umgeändert worden sind. Man irrt sehr, wenn man glaubt, daß durch dieses mannigfache Ändern Verwirrung entstehe, sobald dasselbe überhaupt nur mit Grund und Verstand, und nicht aus bloßer Laune vorgenommen wird, in welchem letztern Falle man sich allerdings sehr in acht zu nehmen haben würde, nicht bloße Veränderung für Verbesserung anzusehen. Sonst aber ist das Prinzip des nonum prematur in annum auch hier anzuwenden, und nicht mit Korrigieren und Feilen zu ruhen, bis man endlich das möglichst Beste als dabei Festzuhaltendes erreicht hat, welches oft die Zeit erst deutlich einzusehen lehrt; diese uns oft so lang werdende Zeit, deren Erfolge zu beobachten und zu berechnen, andere Künstler durch unbeschränkte Herrschaft über das ihnen zur Ausführung gegebene Material glücklich überhoben sind.

Als ich vor einigen Jahren eine geistreiche Dame in meinen Anlagen herumführte, äußerte sie gegen mich sehr bescheiden, »daß sie zwar nur wenig von der Sache verstehe, sich indes mancher pittoreskeren, grandioseren Gegend erinnere als die hiesige, etwas aber, was ihr immer von neuem wohltuend eben hier auffalle, sei die imposante Ruhe, die in dem Ganzen herrsche«. Nie hätte mir ein Lobspruch schmeichelhafter sein können, und ist er gegründet, so kann ich mein Werk in seiner Art für gelungen erachten. Dies danke ich dann aber hauptsächlich dem doppelten Grundsatze, stets nur einer Hauptidee gefolgt zu sein, und dennoch nie etwas bestehen gelassen zu haben, was im einzelnen früher verfehlt wurde.

Man sieht hieraus, wie mißlich es ist, einen fremden Künstler auf einige Tage oder Wochen, oder auch Monate kommen zu lassen, um sofort einen Plan zu machen, auf dem jeder Weg und jede Pflanzung, das Ganze mit allen Details schon genau angegeben ist; oder gar einem solchen Tausendkünstler nur eine Situationskarte zuzuschicken, worauf dieser frisch zum Werke schreitet und, ohne alle geistige Beziehung, ohne alle Lokalkenntnis der wahren An- und Aussichten, der Effekte von Berg und Tal, von hohen und niederen Bäumen, sowohl in unmittelbarer Nähe, als in der entfernteren Gegend seine Linien auf das geduldige Papier hinzeichnet, die sich zwar sehr sauber und hübsch dort ausnehmen können, in der Ausführung aber gewöhnlich etwas höchst Klägliches, Schales, Unpassendes, Unnatürliches und gänzlich Mißlungenes zur Welt bringen. Wer mit den Materialien der Landschaft selbst diese bilden will, muß nicht nur aufs genaueste mit ihnen bekannt sein, sondern auch überhaupt bei der Anlage wie bei der Ausführung, in gar vielen Dingen ganz anders zu Werke gehen, als der Maler auf der Leinwand. Die Schönheit einer wirklichen Landschaft ist, selbst nach einem möglichst treuen Gemälde, nur teilweise, nach einer Karte aber gar nicht zu beurteilen, und ich möchte im Gegenteil dreist behaupten, daß (außer in einer ganz platten Gegend ohne Aussicht, wo überhaupt nur sehr wenig geleistet werden kann) ein dem Auge ganz wohlgefälliger Plan, mit stets angenehm darauf hingeführten Linien, keine schöne Natur darstellen könne, denn um in dieser eine schöne Wirkung hervorzubringen, muß man grade oft die auf dem Papier am schroffsten und ungeschicktesten sich ausnehmenden Verbindungen wählen. [...]"

4. Sumpfiger Boden muß durchaus erst trockengelegt werden, wozu die englische Art vieler unterirdischer Abzüge aus großen Hohlziegeln, die auf Ziegelplatten gelegt werden, und dann sehr dauerhafte kleine Kanäle bilden, welche sich nicht wie Reisig und Feldsteinzüge alle Augenblicke verstopfen, am zweckmäßigsten sein möchten. Ist gehöriges Wasser, und Gefälle zum raschen Fließen desselben vorhanden, so kann man oft sehr liebliche offene Bäche damit bilden, die noch besser entwässern, und zugleich eine große Verschönerung gewähren. Sie müssen aber dann geschickt und naturgemäß geführt werden, sonst verunstalten sie statt zu zieren. Ich rate, für solche kleine Bäche, sie in großen und kühnen Hauptkrümmungen zu ziehen, mehr spitze als runde Bögen, die Ufer dann so flach als möglich zu planieren, um die Grasebene nicht zu schroff zu unterbrechen und zuviel Wiesenboden zu verlieren, dann aber erst dem Bette des Baches, durch Hinwegnehmen von Erde hie und dort, bald an der obern bald an der untern Kante der Ufer, so wie durch angebrachte Büsche, Steine oder Wasserpflanzen, die nötige Mannigfaltigkeit im Detail zu geben. Bei Übermaß an Wasser, und nur geringem Gefälle auf einer sehr unebnen und torfigen großen Wiese in meinem Park, zu deren Entwässerung viele offne Gräben durchaus nötig wurden, die in gewöhnlicher Art gezogen einen unangenehmen Anblick hervorgebracht hätten, bin ich auf den Gedanken gekommen, aus ihr eine Art Delta zu bilden, wodurch ich, dem früher empfohlenen Prinzip gemäß: Einheit durch Vielheit zu gewinnen – mit Hülfe einzelner Pflanzungen vieler Schilf- und Wassergewächse, wie der Belebung durch allerlei Wasservögel, ein ziemlich originelles, und dennoch ganz natürlich erscheinendes Ganze zuwege zu bringen hoffe. Daß zu gleicher Zeit Bewässerung oder Überrieselung, wo sie nur möglich ist, sorgfältig zu bewerkstelligen gesucht werden muß, versteht sich von selbst, und ist hierbei die gänzliche Überschwemmung auf einmal, einige Tage im Frühling, und nach jedem Grashiebe, wo man sie sich verschaffen kann, wohl der täglichen Überrieselung während der heißen Jahreszeit vorzuziehen, von der ich nie großen Nutzen verspürte. 5. Will man Rasenstücke für pleasureground und Gärten anlegen, so mische man die Grasarten ebenfalls nach Maßgabe des Bodens, jedoch mit Vermeidung aller groben Gräser, wie Honiggras, französisches Raygras, Knaulgras u. s. w. (S.573)

In unserm Boden und Klima wird man jedoch eine möglichst schöne und feste Grasnarbe, in kurzer Zeit, am sichersten durch das Legen oder Pflastern mit ausgesucht feinem Hutungsrasen erhalten, den man auf Feldrainen und Waldrändern wohl überall antrifft. Er wird in langen Streifen abgestochen und aufgerollt, dann auf den gut präparierten Boden ebenso wieder aufgelegt, mit hölzernen Pritschen festgeschlagen, etwaige Zwischenräume mit kleinern Stücken ausgestopft, ein wenig gute Gartenerde darübergestreut, hierauf noch etwas von der erwähnten Grassamenmischung obenaufgesät, und zuletzt alles gut eingewalzt und eingegossen. Dies gibt mit Sicherheit das gewünschte Resultat, und sollte später an ein oder der andern Stelle der Rasen etwas ausgehen, so habe ich oft erfahren, daß es hinlänglich war, solche Stellen nur beide wieder abzuschälen und gegenseitig die Rasen umzuwechseln, um auch beide wieder üppig grünen zu machen. Die spätere gute Behandlung ist jedoch die Hauptsache, ohne welche kein kurzer Rasen lange schön bleiben kann. Er muß nämlich bei nassem Wetter alle acht, bei trocknem alle vierzehn Tage gemäht, und wenigstens ebenso oft gewalzt werden, wobei es zweckmäßig ist, das Walzen dem Hauen vorausgehen zu lassen, einmal um kleine Steine und Erhöhungen, an denen die Sense hängenbleibt, vorher ein- und niederzudrücken, zweitens um die Streifen, welche die Walze auf dem Rasen zurückläßt und die mehrere Tage sehr schlecht aussehen, wieder durch das Mähen verwischen zu lassen. Die gewöhnlichen Kornsensen dienen auch beim Gras; jedoch verlangt die Operation größere Übung und einen sehr egalen Strich. Auch muß man, um alle stehenbleibenden Grasränder zu vermeiden, jeden Strich zweimal, hinauf und herab, mähen lassen. Die Morgenstunden, wo der Tau noch liegt, werden bei trockner Witterung am besten dazu benutzt. (S. 591)

Es ist auch ein Vorurteil, alles Moos in solchem Rasen vertilgen zu wollen. Viele Arten desselben bilden oft im Schatten der Bäume, wo kein Gras aushält, bei der erwähnten Behandlung von selbst einen Teppich, der an Weiche dem Sammet gleichkömmt, und an Frische den Rasen fast noch übertrifft. So erinnere ich mich, auf der Insel Wight eine weite Strecke Moosrasen dieser Art gesehen zu haben, der an Elastizität, Saftgrün und Dichtigkeit alles überbot, was mir je von Rasenstücken in England vorgekommen ist, und auch mir gelang es, unter hohen Bäumen sehr anmutige Plätze dieser Art zu bilden. Gleich nach dem Mähen wird das kurze, oft nur staubartige, Gras abgeharkt und hierauf der Rasen mit langen und scharfen Besen regelmäßig auf und ab gekehrt, bis er… (S. 605)

Zum gesamten Inhalt (projekt-gutenberg.org)



27 Mai 2024

Christa Wolf: Ein Tag im Jahr - 3. Folge

Zum vorigen Artikel zu "Ein Tag im Jahr"

Christa Wolf: Ein Tag im Jahr

Nach einigen Monaten Pause habe ich die Lektüre wieder aufgenommen und zunächst den letzten Artikel etwas ergänzt. Jetzt geht es weiter mit der Lektüre

27.9.1960

"Annette ist endlich fertig. Sie ist ein bisschen bummelig und unordentlich, wie ich als Kind gewesen sein muss. Damals hätte ich nie geglaubt, dass ich meine Kinder zurechtweisen würde, wie meine Eltern mich zurechtwiesen. Annette hat ihr Portmonee verlegt. Ich schimpfe mit dem gleichen Worten, die meine Mutter gebraucht hätte: So können wir mit dem Geld auch nicht rumschmeißen, was denkst du eigentlich?

Als sie geht, nehme ich sie beim Kopf und gebe ihr einen Kuss. Mach’s gut! Wir blinzeln uns zu. Dann schmeißt sie die Haustür unten mit einem großen Krach ins Schloss.  
Tinka ruft nach mir. Ich antworte ungeduldig, setze mich versuchsweise an den Schreibtisch. Vielleicht lässt sich wenigstens eine Stunde Arbeit herausholen. Tinka singt ihrer Puppe lauthals ein Lied vor, dass die Kinder neuerdings sehr lieben: 'Abends, wenn der Mond scheint, ins Städtele hinaus…', die letzte Strophe geht so:
Eines Abends in dem Keller.
aßen sie von einem Teller
eines Abends in der Nacht.
hat der Storch ein Kind gebracht… 

Wenn ich dabei bin, versäumt Tinka nie, mich zu beschwichtigen: sie wisse ja genau, dass der Storch gar keine Kinder tragen könne, das wäre ja glatt Tierquälerei. Aber wenn man es singt, dann macht es ja nichts.

Sie beginnt wieder nach mir zu schreien, so laut, dass ich im Trab zu ihr stürze. Sie liegt im Bett und hat den Kopf in die Arme vergraben.

 Was schreist du so?

Du kommst ja nicht, da muss ich rufen.

Ich habe gesagt, ich komme gleich.

Dann dauert es immer noch lange, lange lange bange, bange, bange. Sie hat entdeckt, dass Wörter sich reimen können. Ich wechsle die Binde von ihrem zerschnittenen Fuß. Sie schreit wie am Spieß. Dann spritzt sie die Tränen mit dem Finger weg.  Beim Doktor wird’s mir auch weh tun.

Willst du beim Doktor auch so schreien? Da rennt ja die ganze Stadt zusammen. – Dann musst du mir die Binde abwickeln. – Ja, ja. – Darf ich heute früh Puddingsuppe? – Ja, ja. – Koch mir welche! – Ja, ja.

Der Fußschmerz scheint nachzulassen. Sie kratzt beim Anziehen mit dem Fingernägeln unter der Tischplatte und möchte sich ausschütten vor Lachen. Sie wischt sich die Nase mit dem Hemdenzipfel ab. He! Schreie ich, wer schneuzt sich da in Hemde? – Sie wirft den Kopf zurück, lacht hemmungslos: wer schneuzt sich da ins Hemde, Puphemde…?

Morgen habe ich Geburtstag, da können wir uns heute schon ein bisschen freuen, sagt sie. Aber du hast ja vergessen, dass ich mich schon alleine anziehen kann. – Hab’s nicht vergessen, dachte nur, dein Fuß tut dir zu weh. – Sie fädelt umständlich ihre Zehen durch die Hosenbeine: ich mach das nämlich viel vorsichtiger als du. – Noch einmal soll es Tränen geben, als der rote Schuh zu eng ist. Ich stülpe, einen alten Hausschuh von Annette über den verletzten Fuß. Sie ist begeistert: jetzt habe ich Annettes Latsch an!

Als ich sie aus dem Bad trage, stößt ihr gesunder Fuß an den Holzkasten neben der Tür. Bomm! ruft sie. Das schlägt ein wie eine Bombe! – Woher weiß sie, wie eine Bombe schlägt? Vor mehr als sechzehn Jahren habe ich zum letzten Mal eine Bombe detonieren hören. Woher kennt sie das Wort? 

Gerd liest in Lenins Briefen an Gorki, wir kommen auf unser altes Thema: Kunst und Revolution, [...]" (S.10/11)


1961:
"Als ich ins Zimmer komme, um sie zum Abendbrot zu rufen, klappt Tinka gerade einen der Bildbände zu: habt ihr nur Bilder von Arbeitern? – Warum? – Die will ich nicht mehr sehen. – Warum nicht? – Weiß nicht. Sie sind langweilig.– aber Arbeiter sind doch sehr wichtig. – Wichtig schon. Aber ich will sie nicht immer zusehen. – Was willst du denn lieber sehen? – Na, andere Menschen. Oder wie ich mit Berit im Kinderzimmer spiele…
Gerd ist entzückt. Literaturkritik auf hohem Niveau, sagt er  Der künftige Leser, meldet seine Ansprüche an. Das lass dir mal gesagt sein, Frau Autorin, keine Arbeiter, wenn’s möglich ist. – Dafür muss ich ihn boxen, Tinka wirft sich sofort auf seine Seite und stellt sich schützend vor ihn, während Annette mit ihrem Gerechtigkeitssinn findet, Vater hätte mir nicht die Freude an den Arbeitern verderben dürfen. Sie weiß, woran ich gerade schreibe. 
Das Abendbrot ist ziemlich turbulent, Tinka, versucht, mit durchsichtigen Tricks nacheinander aus jedem von uns rauszukriegen, was für Geschenke sie morgens zu erwarten hat, wir drei sind eine undurchdringliche Front, Annette hat es gern, wenn sie bei solchen Gelegenheiten zu den Erwachsenen zählt. Sie darf den Geburtstagstisch in meinem Zimmer mit aufbauen,  Die fünf Kerzen in den nassen Sand auf dem Teller stecken und ihn mit Asternblüten schmücken, während Tinka schon im Bett liegt und einsames, verstoßenes Kind spielt. Am Ende kriegen beide noch ihr Gute-Nacht-Lied, am liebsten 'Der Mond ist aufgegangen', weil es so viele Strophen hat. Nach der letzten Strophe sagt Tinka jedesmal: Aber wir haben zum Glück keinen kranken Nachbarn, nicht? " (S.37)

1979.

C. Wolf berichtet über eine Lesung aus 'Kein Ort. Nirgends', das Buch, das sie 1978 während der Arbeit daran noch Günderode-Scheiß genannt hatte. Zusammenfassend schreibt sie über das Gespräch danach und das Gespräch mit einer Lehrerin, zu dem sie mit ihrem Mann Gerd eingeladen wird: "Der Abend war außerordentlich." (S.268)  Es war ein Gespräch, wie man es sich bei Wolf vorstellt.

"Eine andere Bibliothekarin [...] sagte, was mich sehr berührte: Sie empfinde bei der Lektüre solcher Bücher wie der meinen, daß sie, die Leser, in ihren tiefsten Anliegen doch eigentlich wortlos seien und daß da ausgedrückt werde, was sie nicht sagen könnten. [...]

Es bleibt die Erkenntnis, dass Literatur bei uns oft als Ersatz für andere, vorenthaltene Möglichkeiten der Selbstverwirklichung herhalten muss." (S.264)

"Herr St. tritt auf den Plan. Zu tun, was einem Spaß mache, sei nun mal im normalen Alltagsleben selten möglich. Dann müsste man eben tun, was notwendig ist, und man werde merken, es mache einem dann oft auch allmählich Spaß: wenn etwas dabei heraus komme. Auf den Erfolg komme es allerdings an.

Ein schönes blondes Mädchen [... ] widersprach ihm: So sei doch die Frage nicht gemeint gewesen. Gemeint sei, wie man sich verhalten soll, wenn man andauernd etwas gegen seine Überzeugung tun müsse." (S.266)

"Im Raum lag eine deutliche Spannung zwischen der Tendenz, sich an konservativen Normen festzuhalten und einem Drang nach Neuem; einigen Gesichtern sah ich an, dass sie manchen Gedanken zum ersten Mal hörten, verblüfft lachten sie auf. Nicht einer verwahrte sich gegen irgendetwas, dafür war nicht die Atmosphäre. Man merkte, daß sie diese Fragen sonst nirgends aussprachen, daß sie aber auch wussten, wie weit sie gehen, wo sie nicht konkret werden durften." (S.267)

Noch einmal lese ich in den Einträgen ab 1990, besonders 1991, 1992, wo sie in Santa Monica, Californien schreibt und 1993, wo ich schon einiges unterstrichen hatte, um mir den Übergang von der DDR zur Einigung oder Übernahme ins wieder erweiterte Deutschland vor Augen zu führen. Dort finde ich die Verletzungen, die sie erlebt hat, als man ihr ihre IM-Tätigkeit als junge Studentin vorgeworfen hat. (S.471-524) 

Wo ich sonst so sehr die genaue Darstellung aus der jeweiligen Gegenwart heraus zu schätzen weiß: hier vermisse ich etwas dein einordnenden Überblick aus dem Rückblick (so sehr mir klar ist, dass er die "Verfälschung" wäre, die sie mit ihren Tagebucheinträgen gerade zu vermeiden sucht). Bin gespannt auf Einträge im neuen Jahrtausend, wie sie dann zurückblickt oder wie manches ihr unwichtiger geworden sein könnte angesichts der neuen Probleme.

Vorläufig kann ich mich weiterhin nicht entscheiden, was ich daraus hier festhalten will. - Habe ich doch in dieser Zeit mich meinerseits mehr mit ihr identifiziert als je, bevor ich angefangen habe, ihre ausführlichen Tagesberichte zu studieren.


Die 80er Jahre

1982

Wolf ist angefragt worden, jemandem zu helfen, der im Gefängnis sitzt.

"[...] Das führt schon zu den zweiten Grund, der mir solche Briefe so schwer macht: Ich will mit denen nichts mehr zu tun haben, nicht einmal als Intervent für andere. Andererseits ist die Möglichkeit für solche erfolgreichen Interventionen einer der Gründe, dafür, dass ich hierbleibe und mir sagen kann: Ich werde gebraucht. Ich kann, wenn auch in noch so begrenztem Umfang etwas tun. Wenn ich den Faden nach oben vollkommen durchtrennen würde, wären zugleich diese wenigen Möglichkeiten abgeschnitten. Aber ich wäre freier. Ich könnte und müsste meinen Abscheu gegenüber Praktiken, unbekannte Leute für die gleichen Delikte einzusperren, für die man bei uns Bekannteren durch die Finger sieht, offen aussprechen. [...]" (S.325) 
Andererseits sieht sie auch die Möglichkeit, ihre Kinder zu schützen. 
"Gerd gibt eine Sentenz aus seinem  Freeman Dyson zum besten, es sei interessant, ich müßte es auch mal lesen: wie der Mann vom Mitarbeiter an der Neutronenbombe zum Anhänger von Friedenspolitik geworden ist… Einer von den beiden Großen muss anfangen, aufzuhören, sagen wir. Aber besteht dafür irgendeine Chance? Der Kehrreim aller meiner Gedanken." (S.326)
Drei Jahre darauf kam Gorbatschow und 'fing an aufzuhören'. Francis Fukuyama mit seinem Ende der Geschichte überschätzte die möglichen Folgen total. Das Zeitfenster für die deutsche Einigung wurde genutzt, aber die Chancen einer Friedensdividende - wenn sie überhaupt gegeben war - in Überschätzung des erreichten Erfolges vom Westen nicht genutzt.
1983
Gespräch mit Christoph Geiser (S.342u-346oben)

1984
"Helene hat ihre Haltepunkte: der Springbrunnenwasserfall vor dem Hotel Metropol, das Wasser der Spree, und diesmal entdeckt sie auf den Masten der Weidendammer Brücke die golden angemalten Sonnen. 'Eine Sonne!' schreit sie und ich muss lange suchen, ehe ich sie finde, und sehe sie durch Helene zum ersten Mal. Merkwürdig: Sie zeigt mir diese Sonnen, und ich habe ihr den ersten Mond ihres Lebens gezeigt, und das hat sie bis heute nicht vergessen: 'Oma Hond zeiget', sagt sie heute noch, wenn sie einen Mond sieht, ob in Natur oder im Bilderbuch. Sie bildet die Vergangenheitsform durch Anhängen von -et an den Wortstamm: 'zeiget, kommet'. Mich wundert, dass sie überhaupt schon das Bedürfnis hat, verschiedene Zeitformen auszudrücken. Wir gehen noch schnell in den Kosmetik-Intershop, weiche Taschentücher für Tinka kaufen. Auf der Straße sehe ich immer in die Gesichter, unbewusst auf der Suche nach einem, in das ich mich hineinfühlen kann. In letzter Zeit habe ich das Gefühl, die werden wir immer fremder, besonders die auf Punk-Art oder im Fünfziger-Jahre-Look frisierten jungen Leute, von denen wir wohl nichts mehr wissen." (27.9.1984)

Ch. Wolf ist jetzt 55 Jahre, das Alter, wo man durchschnittlich den Höhepunkt seiner Karriere im Berufslaben erreicht hat. Einerseits fühlt sie sich überfordert von der Erwartungshaltung an sie, was man sich von ihrer Intervention verspricht. Andererseits fühlt sie sich bestärkt darin, in der DDR auszuharren, weil sie hier gebraucht werde ("Es bleibt die Erkenntnis, dass Literatur bei uns oft als Ersatz für andere, vorenthaltene Möglichkeiten der Selbstverwirklichung herhalten muss.", S.264) Sicher ist auch die Rolle als mehrfache Großmutter und die Möglichkeit, in Notsituationen eine Bestärkung des Gefühls der Gebrauchtwerdens.

1989 27.9.
Wie so kurz vor dem Wendepunkt zwei deutsche Ehepaare (das westdeutsche: Otl Aicher und Inge Aicher-Scholl) zusammenkommen, die beide unter ihrem Deutschland leiden, zu dem sie sich in Widerstand befinden, dessen Vorteile sie aber auch sehen, die sie in der Zukunft bewahrt sehen wollen, indem beide Teile aufeinander zu wachsen. All das noch ohne Wissen über den 9. November! Dann beide Deutschland, "Rücken an Rücken" nach Westen und nach Osten sehend. Dann die vertraute Kenntnis der in Mecklenburg Lebenden mit dem Werk Barlachs (Güstrow), eingehend auf die eher rundköpfigen Nord ostdeutschen (slawischer Ursprung, Barlach Figuren, Angela Merkel) im Unterschied zu den Nordwestdeutschen.


111


















Rotis im Allgäu, Wohnort der Aichers, nach dem die Schriftart, die Otl A. 1988 veröffentlichte, benannt ist.  
















(S.451)









1990 27.9.
"Schreib alles auf, sagte er noch. Was man nicht aufschreibt, vergisst man. Du sollst das nicht vergessen. [...] In meinem Kalender finde ich, daß wir am 12. Mai an Brechts und Helene Weigels Gräbern auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof standen und Blumen niederlegten. Ihre Grabsteine waren mit Nazisymbolen und der Schmähung 'Saujud' beschmiert worden. Ich wollte mir nicht eingestehen, daß auch dies nun zur Normalität gehören würde." (S.464)

"Unverhohlen verlangte man meinen Schuldbekenntnis als Entreebillet in die westliche Medienlandschaft." (S.465 oben)

"Natürlich handelt es sich um eine Kampagne gegen Sie. Natürlich geht es gar nicht um Ihre Vergangenheit, sondern um Ihre Aktivitäten in der Gegenwart. Das stört. Und natürlich soll bei Ihnen alles, was einen an Hauch von links hat, zerschlagen werden. Die DDR muss unbedingt delegitimiert werden. (S.465 unten)

"Merkwürdigerweise bringt die Art und Weise, wie die Wiedervereinigung betrieben wird, vorher sehr DDR-kritische Leute dazu, sich jetzt gegen die undifferenzierte Verdammung zu wehren. (In der NZZ las ich, dass man 'Reagans Reich des Bösen' nun auch in der DDR ausmachen könne!)" (S.467/468)

1993 27.9.

"[...] erzählen uns Anekdoten von dem Abend, die uns merkwürdigerweise immer erst Tage später einfallen, immer wieder finden wir, wie vorteilhaft es ist, ein Erlebnis miteinander zu teilen, es bekommt noch eine Dimension, mehr Dichte, und sogar unsere oft / unterschiedliche Beurteilung von Leuten, über die wir früher erbittert streiten konnten, lassen wir nun gelten, um sie – was wir erst lange Zeit später bemerken – allmählich in die eigene Sicht mit einfließen zu lassen."   (S.513/514) 


1996: 
"Es stellt sich heraus, dass viele der Anwesenden die meisten meiner Bücher kennen, nicht vergessen haben und immer wieder betonen, sie hätten in der DDR 'mit ihnen gelebt'. Aber eine DDR Nostalgie verspüre ich nur bei der einen Frau, die, wie sie später herausstellt, Theaterwissenschaftlerin war und ihre Arbeit verloren hat, Jetzt arbeitet sie mit Kindern und findet, wie sie später erzählt, dass die nicht mehr richtig lesen, lernen wie zu DDR-Zeiten und auch keine Bücher mehr lesen. Andere widersprachen, wollten auch nicht zugeben, dass in der DDR alle Leute anspruchsvolle Literatur gelesen hätten, sonst wäre der Run auf Trivialliteratur nach dem Mauerfall nicht so stark gewesen. [...]
Die meisten der anwesenden Frauen haben in der DDR eine gute Ausbildung bekommen, machen jetzt etwas Berufsfremdes, sind dabei aber nicht unzufrieden: C. war Informatikerin, die Leiterin des Frauenzentrums Theaterwissenschaftlerin, ihre Stellvertreterin, Naturwissenschaftlerin. – Sie fragen, wie wichtig das intellektuelle Gewissen für eine Gesellschaft ist, reden über die Beliebigkeit der moralischen Werte in der Wissenschaft. 

Die Diskussion dauert über eine Stunde, ich setze mich danach noch mit einem Glas Wein ins Café, wir reden jetzt persönlicher, sechs, sieben Frauen in der Runde, eine gelöste, freundschaftliche Atmosphäre, familiär. So würde es wohl im Westen auch im kleineren Kreis nicht sein können, das liegt daran, dass wir alle / von unseren Erfahrungen wissen, darüber  muss nicht gesprochen werden. Manche erzählen, dass sie mir schon lange schreiben wollten, leider wird es die eine oder andere es nun tun. Die Rede kommt auch auf den Herbst '89, die Jahre seitdem scheinen sich zu verkürzen." (1996 S. 573/74) 

Ich habe nicht mit Christa Wolfs Büchern 'gelebt'. "Der geteilte Himmel" hat mir gefallen, die Einleitung fand ich sprachlich sehr gelungen. Hermann Kants "Die Aula" fand ich gelungener, moderner.  'Nachdenken über Christa T.' fand ich schwierig, 'Kindheitsmuster' hat mich weniger angesprochen als bei jetzigem Hineinsehen. Den 'Störfall' habe ich mit Interesse (wohl Anfang der 1990er Jahre) gelesen, Kleist/Günderode auch, fand aber wohl etwas weniger hinein. Zu 'Medea' habe ich damals keinen Zugang gefunden. - Jetzt bin ich dankbar, dass eine Person von ihrem Rang mich so nah an ihr Leben heran lässt. Es ist ja etwas anderes als kurze Tagebuchnotizen und etwas ganz anderes als eine gestaltete Autobiographie, wo alles eingeordnet ist.
Christa Wolf war mir vor allem, als sie im Westen plötzlich heruntergemacht wurde, menschlich nahe. Bei der Kritik von Biermann an ihr stand ich auf ihrer Seite, obwohl mir Biermanns Werke deutlich besser gefallen als ihre. 

Christa Wolf  Ein Tag im Jahr 2001 - 2011

2001 
27.9. "[...] Während ich dusche, mich anziehe – bequeme Sachen, vorläufig kann ich zu Hause bleiben –, höre ich, Hunderttausende von Flüchtlingen verlassen Afghanistan in Richtung Pakistan, oder sie ziehen sich aus den von Bombardements bedrohten Städten aufs Land zurück – in beiden Fällen haben sie keine Nahrungsmittel, die UNO warnt vor einer humanitären Katastrophe und fordert Millionen, um das Schlimmste zu verhindern, und ich, unverbesserlich, muss ich mir für den Bruchteil einer Sekunde vorstellen, die an dem künftigen, schon als unausweichlich akzeptierten Krieg beteiligten Länder, allen voran die USA, würden die Hälfte der Milliarden Dollar, die dieser Krieg verschlingen wird, nicht auf die Unterstützung ihrer Rüstungsindustrie durch die Erzeugung neuen Bedarfs verwenden, sondern diese Unsummen den von Hungertuch bedrohten Menschen für Nahrungsmittel, Medikamente, für den Aufbau ihres schon jetzt zerstörten Landes / und für die Bestechung ihre anscheinend käuflichen Stammesführer geben und so womöglich künftigen Terroristen Boden entziehen… 
Unrealistisch? Umso schlimmer für die Realität. Rasend schnell, denke ich, gleitet die gute alte Wirklichkeit ins Absurde ab, die Grenzen des Erzählbaren scheinen immer mehr zu schrumpfen. Darüber wäre zu schreiben, denke ich. – Doch wozu? [...]" (S.17/18)

Wolf ist inzwischen 72 Jahre alt. Ihre Gedanken sind im Jahre 2024 genauso aktuell wie 2001. Ein Unterschied: Die israelische Regierung kennt die Erfahrungen, die die USA seit 2001 gemacht hat. 
Andererseits: Die USA haben die Erfahrungen in Afghanistan und dem Irak gemacht, und sie versuchen nicht, sich "am Hindukusch zu verteidigen", sondern eine andere Lösung. Die steht dem Staat Israel nicht zu Gebot.

Joschka Fischer rechtfertigte sich 1999 in Sachen Kosovo* mit "nie wieder Auschwitz". Dieser Gedanke steht in Israel aus verständlichen Gründen so und so an erster Stelle. 
*[Dort ging es um die Rechtfertigung der ersten Beteiligung Deutschlands an einem Krieg und zwar einem Angriffskrieg auf Serbien, der aufgrund eines Ultimatums an Jugoslawien erfolgte, das die Annahme des Vertrages von Rambouillet forderte, der Geheimbedingungen enthielt, die - aus der Sicht Außenstehender - unannehmbar waren. ]