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27 September 2019

Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel

"[...] Der eigentlichen Handlung geht ein Kapitel voran, das in Form einer historischen Abhandlung abgefasst ist und die Entwicklung der von Hesse entworfenen Welt darstellt 
(Das Glasperlenspiel. Versuch einer allgemeinverständlichen Einführung in seine Geschichte). Nach der Handlung (Lebensbeschreibung des Magister Ludi Josef Knecht) folgen kleinere literarische Werke, deren Autorschaft Hesse der Hauptfigur Josef Knecht zuschreibt: einige Gedichte (Die Gedichte des Schülers und Studenten) sowie Die drei Lebensläufe, die Knechts Leben in verschiedene geschichtliche Epochen zurückprojizieren sollen (Der Regenmacher, Der Beichtvater und Indischer Lebenslauf). Wie auch im Hauptteil variiert Hesse hier sein altes Thema von Meister und Jünger, und zwar vorwiegend in der Form, dass der zeitweise ungetreue Jünger am Ende reuig zu seinem Meister zurückkehrt, um dessen Nachfolge anzutreten.[...]" (https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Glasperlenspiel)

"[...] Darum dürfen die Kastalier in keiner der Kulturdisziplinen, die sie so meisterhaft durchschreiten, Inhalte schaffen, denn solche würden erneute Fragmentierung bedeuten. Dem kastalischen Orden ist das archetypische Zeugungsverbot auferlegt³. Auf der Suche nach dem übergeordnet Gemeinsamen untersuchen die Ordensbrüder Musik oder Literatur von Epochen, komponieren selbst aber kein Blockflötenstück, und auch ernsthaftes Dichten ist seit Jahrhunderten verpönt. Den Studenten ist jede künstlerische Eigenschöpfung untersagt, mit Ausnahme des Schreibens fiktiver Lebensläufe. [...]
Gilt es ein Vorbild für Josef Knechts Lebenslauf zu finden, so ist es das Leben des Kung Fu Tse: Er lebte in einer Zeit der Auflösung, der sich bekämpfenden Reiche. Die Rettung sah er im Studium des Altertums, in dem er den zeitlosen Gehalt suchte und in ein Neues wandelte. Er war Zeremonienmeister; bekleidete hohe Ämter, entsagte ihnen und starb unbeachtet und zurückgezogen im Kreise seiner Schüler. Gegenüber Frauen war Kung Fu Tse gleichgültig; drei Dingen maß er höchsten Wert bei: der Pädagogie, der Musik und dem Spiel des I-Ging. Sein vornehmes Ziel galt der Heranbildung einer aristokratischen Elite; im Lernen sieht Kung Fu Tse den einzigen Weg zur Vollkommenheit, der Sinn alles Lernens ist die Praxis. Er glaubte an eine höchste Ordnung; nie glaubte er, dass vollendetes Wissen in der Welt möglich sei. Menschenliebe und Gerechtigkeitssinn hielten ihn an, über das Tao in einem Maße zu schweigen, dass ihn die Legende zum Kontrahenten von Laozi machte. [...]
Seine bemerkenswerte Komplexität verdankt das Glasperlenspiel zum guten Teil der sorglosen Versammlung verschiedener Philosophien. Stets bleibt Hesse unscharf, behauptet, wo er erweisen müsste, beschreibt, wo er gestalten sollte und woran sich die literarische Qualität eines Werkes bemisst. [...]
Hesses Romane erfuhren in den 60er Jahren eine zweite, unerwartete Rezeptionswelle. Was die Literaturwissenschaft so erstaunte, war, dass die euphorischsten Reaktionen nicht von Hesses traditioneller Zielgruppe kamen, sondern von Teenagern aus den Vereinigten Staaten bis Japan, denen der Bildungsroman und die deutsche romantische Subjektivität unbekannt waren. Was Hesse von anderen Autoren der Vor- und Nachkriegszeit jedoch abhebt und so modern macht, ist der Selbsterfahrungsstil seiner Werke.
    Die Selbstsuche und Selbsterfahrung, schon immer vorhanden als Privileg von wenigen, ist als Massenerscheinung ein Phänomen der Moderne. Wo der Glaube verloren geht, beginnt die Suche. [...]
Der überschwängliche Prophet Timothy Leary erkannte im Glasperlenspiel sogar die hellsichtig scharfe Vorwegnahme des digitalen Zeitalters. [...]
Damit hat die digitale Maschinerie in einer pervertierten Form erschaffen, wonach Platoniker und Mystiker sich Jahrhunderte gesehnt haben und was die alten „Spiele“ wie Astrologie oder I-Ging nur ungenügend vermochten: eine geistig erfahrbare Welt aus Symbolen und Regeln, in der nichts ohne Sinn ist. So wie der Glasperlenspieler, erlebt auch der zwanghafte Programmierer oder Computerspieler einen beglückenden Zustand der Versenkung – Syntax und Regeln seines magischen Kosmos sind alles, was er zur Lösung seiner Probleme benötigt, die äußere Welt wird zur Zwischenwelt. [...]"
(Ivor Joseph Dvorecky: Hermann Hesses „Glasperlenspiel“, 2015, signaturen-magazin.de)

Von Hesses Werken haben mich Demian und Siddharta am meisten beeindruckt, das war in meiner Jugend. Zu den anderen Werken habe ich nicht so den Kontakt gefunden. Das Glasperlenspiel habe ich zwar geduldig durchgelesen, aber ohne große Anteilnahme. 
Die Darstellung des "feuilletonistischen Zeitalters" konnte ich mit keiner mir bekannten Wirklichkeit in glaubhafte Verbindung bringen. Die digitale Repräsentation Welt durch Computersimulation und Computerspiel hat es zur Zeit meiner Lektüre noch nicht gegeben. Die Vorformen, die existierten, waren mir noch unbekannt, auch wenn ich übungshalber in der 9. Klasse eine Bewerbung als Programmierer bei der Zuse KG geschrieben habe.

Insgesamt habe ich die Hesse-Verehrung als Bewunderung für sein Werk nicht nachvollziehen können. Imponiert hat mir die persönliche Haltung, sein Pazifismus und seine - freilich recht einzelgängerische - Selbständigkeit.
Hesse hat keine lebensvollen Gestalten geschaffen wie etwa das Personal der Buddenbrooks oder das der Fontaneschen Romane, das einen als vertraute Bekannte durch das Leben begleitet. Schon gar nicht in seinem "Glasperlenspiel". Josef Knecht bleibt sehr abstrakt, so wie das Spiel, das er spielt.
Aber mit dem Älterwerden interessiert mich das Biographische und Autobiographische mehr. Und da hat Hesse viel zu bieten.
Bei Betrachtung eines Bildbandes über sein Leben und Werk beeindruckt mich sehr die Vielseitigkeit seiner Tätigkeit und seiner Kontakte. Und eindrucksvoll ist, wie offen er sein Lebensgefühl in allen Krisen dargestellt hat. Nicht als Vorbild, aber als Stärkung für seine Leser. Und dann seine Persönlichkeit und seine Bereitschaft, die Flüchtlinge der Nazizeit zu unterstützen und seine Leser ernst zu nehmen.
Nicht wegen der Sprachkraft, nicht wegen eines Realismus, aber wegen der Person, die dahinter steht, werde ich ihn wieder lesen. Auch weil ich sein Gedicht "Stufen" - ganz im goethe-epigonalem Stil geschrieben - halb widerwillig - wegen der Aussage mehr und mehr zu schätzen gelernt habe.

Zwei Bemerkungen von Dvorecky möchte ich noch hervorheben:
"Stets bleibt Hesse unscharf, behauptet, wo er erweisen müsste, beschreibt, wo er gestalten sollte [...]
Der überschwängliche Prophet Timothy Leary erkannte im Glasperlenspiel sogar die hellsichtig scharfe Vorwegnahme des digitalen Zeitalters."
Als ich jetzt wieder in das Glasperlenspiel hinein gesehen habe, habe ich den Eindruck gewonnen, als habe Hesse sich sogar ausdrücklich bemüht, dem Grundsatz "Bilde Künstler, rede nicht." entgegen zu handeln. So wie Stifter sich in Nachsommer und Witiko bemüht, nicht den charakteristischen, treffenden Ausdruck zu gebrauchen, sondern einen möglichst allgemeinen. 
Hesse verzichtet freilich nicht ganz auf Gestaltung. Und ein Teil der Abstraktheit ist auch dem Gegenstand geschuldet, dem Gasperlenspiel, das gleichsam von allen Wissenschaften und Künsten nur die inhaltsfreien Strukturen übernimmt, so wie Algorithmen nicht Handlungen wiedergeben, sondern nur Handlungsrezepte sind. (Daher scheint mir der Bezug auf das "digitale Zeitalter" treffend.)
Aber das abstrakte Spiel, die Ordenswelt Kastaliens sollen Hesse ja auch ermöglichen, die Abgrenzung vom nationalsozialistischen Terrorsystem in einem Maße aufrechtzuerhalten, wie es der Schweiz nicht gelungen ist.
Thomas Mann hat in Doktor Faustus seinen Helden vom Bösen erfassen lassen und darunter gelitten, dass er sich beschreibend so nah auf das Böse einließ, dass es ihm zur Qual wurde. 
Das Böse ist aus dem Glasperlenspiel hinausabstrahiert. 


03 März 2024

Wieder ein Blick ins Glasperlenspiel

 Es ist bekannt, dass Hesse mit der Charakteristik des Vorgängers von Josef Knecht als Glasperlenspielmeister, als mit der von Thomas von der Trave, auf Thomas Mann anspielt.

Bei neuerlicher Lektüre des Abschnitts, wo Bertram, der Vertreter von Thomas von der Trave bei der Ausübung seines Amtes so versagt, dass er flieht und offenbar den Freitod sucht, kommt der im Sterben liegende Thomas nicht gut weg. Ob es eine Anspielung auf Goethes Ausnutzung seines Sohnes August sein könnte? Dann wäre es zwar ein sehr kritisher, aber für Thomas Mann sehr ehrenvoller Vergleich.

Ich denke dabei einerseits daran, wie Th. Mann Gerhart Hauptmann im Zauberberg eine eindrucksvolle, aber sehr unschmeichelhafte Rolle spielen lässt, und auch daran, wie er im Dr. Faustus seinen eigenen Liebling Frido in der Gestalt des Echo einen grausamen Tod sterben lässt. 

Mag sein, der Künstler braucht eine Figur und nimmt aus seinem Leben eine, die für die  Figur passt, die er an dieser Stelle des Werks braucht. Ist das wirklich zwingend notwendig? Welche Grenzen sollte literarische Fiktion einhalten? Wird seine Gestaltung nicht zu blutleer, wenn er seine eigensten Erfahrungen nicht einbringen darf?

Böse gesagt: Ist das Glasperlenspiel nicht ohnehin so abstrakt, dass solche Grenzüberschreitung des Bezugs auf reale Personen den Charakter des Werks sowieso nicht mehr wesentlich verändern kann.

Die Buddenbrooks sind voller lebensvoller Gestalten, dies nobelpreiswürdige Meisterwerk war einem jungen Autor nur möglich, indem er viel von seiner Erfahrungswelt möglichst unverändert aufnahm. Aber das Glasperlenspiel als ein für die gedankliche Aussage konstruiertes Werk hat diese Rechtfertigung nicht.

Doch, dass ich inzwischen wieder auf das Alterswerk Hesses zurückkomme, lässt erkennen, dass ich es doch immer wieder lesenswert finde. 

04 September 2026

Hermann Hesse: Die Morgenlandfahrt

Hermann Hesse: Die Morgenlandfahrt, 1932

Zitate:

 "[...] habe ich mich entschlossen, den Versuch, einer kurzen Beschreibung dieser unerhörten Reise zu wagen: eine Reise, wie sie seit den Tagen Hüons und des rasenden Roland von Menschen nicht mehr gewagt worden war bis in unsere merkwürdige Zeit: die trübe, verzweifelte und doch so fruchtbare Zeit nach dem großen Kriege. Über die Schwierigkeiten meines Versuches glaube ich mich keiner Täuschung hinzugeben; Sie sind sehr groß, und sie sind nicht nur subjektiver Natur, obwohl schon diese beträchtlich genug wären. Denn nicht nur besitze ich heute aus der Zeit der Reise keinerlei Erinnerungsstücke mehr, keine Andenken, keine Dokumente, keine Tagebücher – nein, es ist mir in den seither verflossenen schweren Jahre des Missgeschicks, der Krankheit und tiefen Heimsuchung auch ein großer Teil der Erinnerungen verloren gegangen; infolge von Schicksalsschlägen und immer neuen Entmutigungen ist sowohl mein Gedächtnis selbst / wie auch mein Vertrauen und in dies früher so treue Gedächtnis beschämend schwach geworden." (S. 7/8) 

"Dagegen geschah es in der Nähe von Urach, dass ein Abgesandter der Kronenwächter [...]" (S.19)

"Was mir die Erzählung besonders erschwert, das ist die große Verschiedenheit meiner einzelnen Erinnerungsbilder. Ich sagte ja schon, dass wir bald nur als kleine Gruppe marschierten, bald eine Schar oder gar ein Heer bildeten, zuweilen blieb ich aber auch nur mit einem einzigen Kameraden, oder auch ganz allein, in irgendeiner Gegend zurück, ohne Zelte, ohne Führer, ohne Sprecher. Schwierig wird das Erzählen ferner dadurch, dass wir ja nicht nur durch Räume wanderten, sondern ganz ebenso durch Zeiten. Wir zogen nach Morgenland, wir zogen aber auch ins Mittelalter oder ins goldene Zeitalter, wir streiften Italien oder die Schweiz, wir nächtigten aber auch zuweilen im zehnten Jahrhundert und wohnten bei den Patriarchen oder bei Feen. In den Zeiten meines Alleinseins fand ich häufig Gegenden und Menschen meiner eigenen Vergangenheit wieder, wanderte mit meiner gewesenen Braut an den Waldufern des oberen Rheins, zechte mit Jugendfreunden in Tübingen, in Basel oder Florenz, oder war ein Knabe und zog mit dem Kameraden meiner Schulzeit aus, um Schmetterlinge zu fangen oder einen / Fischotter zu belauschen, oder meine Gesellschaft bestand aus den Lieblingsfiguren meiner Bücher, es ritten Almansor und Parzival, Witiko oder Goldmund neben mir, oder Sancho Pansa, 

[Sancho ist im Gegensatz zu seinem Herrn Don Quichote "klein, dick, praktisch und mit einem gesunden Menschenverstand denkend, ängstlich. Er durchschaut die Narrheiten seines Herrn, leistet ihm aber trotzdem die Gefolgschaft. Don Quijote hat ihm nämlich, entsprechend den Vorgaben in den Ritterromanen und als seinem Knappen, die Statthalterschaft über eine Insel in Aussicht gestellt. Diese Verlockung bindet Sancho trotz aller Bedenken an seinen Herrn.] 

oder wir waren bei den Barmekinden zu Gast. Fand ich mich dann in irgendeinem Tal wieder zu unserer Gruppe zurück, hörte die Bundeslieder und lagerte dem Führerzelt gegenüber, so war mir alsbald klar, dass mein Weg in die Kindheit oder mein Ritt mit Sancho notwendig mit zu dieser Reise gehörten; denn unser Ziel war ja nicht nur das Morgenland, oder vielmehr: unser Morgenland war ja nicht nur ein Land und etwas Geographisches, sondern es war die Heimat und Jugend der Seele, es war das überall und nirgends, war das Einswerden aller Zeiten. Doch wurde mir dies nur je und je für einen Augenblick bewusst, und darin eben bestand das große Glück, dass ich damals genoss. Denn später, sobald dies Glück mir wieder verloren gegangen war, sah ich diese Zusammenhänge deutlich ein, ohne doch den mindesten Nutzen oder Trost davon zu haben. Wenn etwas Köstliches und Unwiederbringliches dahin ist, haben wir wohl das Gefühl, aus einem Traum erwacht zu sein. In meinem Falle ist dies Gefühl unheimlich richtig. Denn mein Glück bestand tatsächlich aus dem gleichen Geheimnis wie das Glück der Träume, es bestand aus der Freiheit, alles irgend Erdenkliche gleichzeitig zu/erleben. Außen und Innen spielend zu vertauschen, Zeit und Raum wie Kulissen zu verschieben. So wie wir Bundesbrüder ohne Auto oder Schiff die Welt durchreisten, wie wir die vom Kriege erschütterte Welt durch unseren Glauben bezwangen und zum Paradies machten, so riefen wir das Gewesene, das Zukünftige, das Erdichtete schöpferisch in den gegenwärtigen Augenblick." (S. 27-29)

"Eines der schönsten Erlebnisse war die Bundesfeier in Bremgarten, dicht war da der magische Kreis um uns geschlossen. Von den Schlossherren Max und Tilly empfangen, hört wir Othmar im hohen Saale auf dem Flügel Mozart spielen, fanden den Park von Papageien und anderen sprechenden Tieren bevölkert, hörten am Springbrunnen, die Fee Armida singen, und mit wehender Locke nickte das schwarze Haupt des Sterndeuters Longus neben dem lieben Antlitz Heinrichs von Ofterdingen. Im Garten schrien die Pfauen und Louis unterhielt sich auf Spanisch mit dem gestiefelten Kater, während Hans Resom, erschüttert durch seine Einblicke in das Maskenspiel des Lebens, eine Wallfahrt an das Grab Karls des Großen gelobte." (S.30)

"Unsere Fahrt nach Morgenland und die ihr / zugrunde liegende Gemeinschaft, unser Bund, ist das Wichtigste, das einzig Wichtige in meinem Leben gewesen, etwas, wo neben meine eigene Person vollkommen nichtig erschien. Und jetzt, wo ich dies Wichtigste, oder doch etwas davon, aufzeichnen und festhalten will, ist alles nur eine auseinanderscherbende Masse von Bildern, die sich in einem Etwas gespiegelt haben, und dies Etwas ist mein eigenes Ich, und dies Ich, dieser Spiegel erweist sich überall, wo ich ihn befragen will, als ein Nichts, als die oberste Haut, einer Glasfläche. Ich lege meine Feder fort, zwar mit der Absicht und Hoffnung, morgen oder ein anderes Mal fortzufahren, vielmehr nochmals neu zu beginnen, aber hinter der Absicht und Hoffnung, hinter meinem ganzen unbändigen Drang nach dem Erzählen unserer Geschichte steht ein tödlicher Zweifel. Es ist jener Zweifel, der auf der Suche nach Leo im Tal von Morio begonnen hat. Dieser Zweifel stellt nicht nur die Frage: Ist deine Geschichte denn erzählbar? Er stellt auch noch die Frage: War sie denn erlebbar? Wir erinnern uns ein Beispiele, dass sogar die Kämpfer des Weltkrieges, denen es doch wahrlich an Tatsachenberichten, an beglaubigter Geschichte nicht fehlt, zuweilen diese Zweifel haben kennen lernen müssen. (S. 44/45). 

" '[...] Sehen Sie, genau ebenso ist es mir mit dem Erlebnis des Krieges gegangen. Ich glaubte ihn gut und scharf erlebt zu haben, ich war zum Bersten voll von Bildern, die Filmrolle in meinen Gehirn schienen tausend Kilometer lang zu sein – aber als ich am Schreibtisch saß, auf einem Stuhl, an einem Tisch, unter einem Dach, eine Feder in der Hand, da waren die wegrasierten Dörfer und Wälder, das Erdbebenzittern im Trommelfeuer, das Geknäuel von Dreck und Größe, von Angst und Heldentum, von zerfetzten Bäuchen und Köpfen, von Todesfurcht und Galgenhumor – da war das alles ganz unsäglich weit fort, war nur geträumt, hatte zu nichts Beziehung und war nirgends zu fassen. Sie wissen, dass ich schließlich trotzdem ein Kriegsbuch geschrieben / habe und dass es jetzt viel gelesen und besprochen wird. Aber sehen Sie: ich glaube nicht daran, dass zehn solche Bücher, jedes zehnmal besser und eindringlicher als das meine, dem wohlmeinenden Leser irgendeine Vorstellung von Krieg geben können, wenn der Leser den Krieg nicht selber erlebt hat. Und es sind nicht so sehr viele, die ihn erlebt haben. Auch von denen, die ihn mitgemacht haben, haben längst nicht alle ihn erlebt und selbst wenn viele ihn wirklich erlebt haben sollten – sie haben ihn dann eben wieder vergessen. Vielleicht hat der Mensch nächst dem Hunger nach Erlebnis keinen stärkere Hunger als den nach Vergessen.'
Er stieg und sah versponnen und versunken aus, seine Worte hatten mir eigene Erfahrungen und Gedanken bestätigt.
Vorsichtig fragte ihn nach einer Weile: 'Aber wie war es Ihnen trotzdem möglich, das Buch zu schreiben?'
Er besann sich einen Augenblick, aus Gedanken zurückkehrend. 'Es war mir bloß darum möglich', sagte er, 'weil es notwendig war. Ich musste entweder das Buch schreiben oder verzweifeln, es war die einzige Möglichkeit meiner Rettung vor dem Nichts, vor dem Chaos, vor dem Selbstmord. Unter diesem Druck ist das Buch geschrieben und es hat mir die erwartete Rettung gebracht, einfach weil es geschrieben ist einerlei wie gut oder wie/schlecht. Das war das eine, die Hauptsache. Und dann: beim Schreiben durfte ich nicht einen Augenblick an andere Leser denken als an mich selber oder höchstens hie und da an einen nahen Kriegskameraden, und zwar dachte ich dann nie an Überlebende, sondern immer an solche, die im Krieg umgekommen waren. Ich war während des Schreibens ein Fieberkranker oder Irrsinniger, umgeben von drei, vier Toten mit verstümmelten Leibern – so ist das Buch entstanden. ' " (S. 50-52)

[1928 erschien ab November der Roman Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque. -  Erich Maria Remarque im Gespräch mit Friedrich Luft (1962)]

Im weiteren Verlauf wird dem Icherzähler klargemacht, dass er und alle, die versucht haben, über die Morgenlandfahrt aus ihrer Perspektive zu berichten, völlig daran gescheitert sind, dies höchst umfassende Geschehen angemessen wiederzugeben. 

Zitat: "Wären noch zehn andere Berichte anderer Autoren über Morbio, über Leo und mich aufgefunden worden, sie hätten vermutlich alle zehn einander widersprochen und einer den andern verdächtigt. Nein, es war nichts mit unseren historischen Bemühungen, man brauchte sie nicht fortzusetzen, nicht zu lesen, man konnte sie ruhig in diesem Archivfach verstauben lassen. " (S. 100) 

Max Herrmann-Neiße : "Hesses Prosadichtung ist ein Bekenntnismärchen, ein bedeutungsvoll Fantasiespiel vom tröstlichen Geheimnis der unverfänglichen Gemeinschaft des Geistes. Die Geschichte einer einzigartigen Fabelreise verwebt reizvoll Privates und Allgemeingültiges, Wunschbilder und Wirklichkeiten. Wenn es in unserer Zeit einen Wesensverwandten hat, so ins Franz Kafkas allerdings düsteren, menschlich magischen Werk. Auch in der Erzählung Hesses handelt es sich um ein imaginäres Reich … um eine Entdeckungsreise, die auf die banalen Hilfsmittel moderner Dutzendtouren verzichtet und ins Un- und Überwirkliche vorstößt."

Max Hermann-Neiße verstarb am 8.4.1941 in London, lange bevor Kafkas überragende Bedeutung deutlich geworden war.

Bekanntlich sind neben Remarques "Im Westen nichts Neues", dem ersten und vielleicht wichtigsten Buch der Neuen Sachlichkeit, auch Walter Flex "Der Wanderer zwischen beiden Welten" (1916), Ernst Jünger "In Stahlgewittern" (1920/22) und Der Kampf als inneres Erlebnis (1922) (psychologisch-existenziell) erschienen.* Nach Hesses dringlicher Kritik an der Zustimmung zum Ersten Weltkrieg erscheint Hesses Erklärung,  eine angemessene Darstellung  des Krieges sei unmöglich und seine so gerechtfertigte Darstellung eines "imaginären Reiches" der Morgenlandfahrt wie eine Flucht vor der Wirklichkeit, wenn auch sinnvoller als die Romantisierung durch Walter Flex und als Jüngers problematisch "wertfreie" Darstellung, aber hinsichtlich der künstlerischen Bedeutung sehr weit entfernt vom Werk Franz Kafkas. 

*Problematisch ist die Nennung nur der vielleicht bekanntesten Titel, daher füge ich noch einige weitere Titel hinzu, die Hesse vorgelegen haben könnten: Arnold Zweig: Der Streit um den Sergeanten Grischa (1927), Ludwig Renn: Krieg (1928), Heeresbericht (1930) von  Edlef Köppen.


Mir selbst hat das Werk wie Hesses "Gertrud" am Anfang gefallen, die Fortsetzung scheint mir wie dort verflacht. Die Erhöhung der Morgenlandfahrt und des Dieners Leo "ins Un- und Überwirkliche" hat mich enttäuscht. Als Vorarbeit für das Glasperlenspiel ist die Arbeit wichtig. Enttäuschend ist die große Abstraktheit der Personen, die sich in Hesses Werk ja öfter findet. (Dazu meine Aussage über das Glasperlenspiel "aber das abstrakte Spiel, die Ordenswelt Kastaliens sollen Hesse ja auch ermöglichen, die Abgrenzung vom nationalsozialistischen Terrorsystem in einem Maße aufrechtzuerhalten, wie es der Schweiz nicht gelungen ist. [...]Das Böse ist aus dem Glasperlenspiel hinausabstrahiert". (Das Glasperlenspiel, 27.9.2019)







30 Mai 2023

Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel (ein weiterer Blick in das Werk)

 R.W. Leonhardt, Feuilletonchef der ZEIT, schrieb 1962 kurz nach Hesses Tod: "Mit Hesse [...] ist heute kein Blumentopf mehr zu gewinnen", machte aber deutlich, dass er das zeitgenössische Urteil nicht für endgültig halte, und verwies auf mehrere Entdeckungen, die dieser Autor schon damals erfahren hatte.

dazu in der Wikipedia:

"So ähnelt die Hesse-Rezeption einer Pendelbewegung: Kaum war sie in den 1960er Jahren in Deutschland auf einem Tiefpunkt angelangt, brach unter den Jugendlichen in den USA ein „Hesse-Boom“ ohnegleichen aus, der dann auch wieder nach Deutschland übergriff; insbesondere Der Steppenwolf (nach dem sich die gleichnamige Rockband benannte) wurde international zum Bestseller und Hesse zu einem der meistübersetzten und -gelesenen deutschen Autoren. Weltweit wurden über 120 Millionen seiner Bücher verkauft (Stand Anfang 2007). " (Hermann Hesse)

Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel (Wikipedia)

In meinem Artikel von 2019 habe ich schon manches angeführt, was an dem Autor, aber auch an dem Roman heute noch interessieren kann. Ausdrücklich verweise ich auch hier auf den Text von Dvorecky, der eine sehr lesenswerte und weit tiefer greifende Behandlung des Glasperlenspiels bietet als meine Texte dazu

Hier ein paar weitere Notizen:

"Ein wesentlicher Schritt auf der Karriereleiter ist weiterhin Knechts Gesandtschaft in ein katholisches Kloster. Auch dies ein Stück Außenwelt, das er kennenlernt, zumal ihn ein Pater in die Geschichtswissenschaft einweist, die als zutiefst „weltliches“, in der Materialität verhaftetes Fach im kastalischen Kanon keinen Platz hat." (Wikipedia)

Meister Jakobus, der Historiker, S.215 ff.

der Pietist Bengel als eine Art Vorläufer des Glasperlenspiels, S. 220-23

Geschichtswissenschaft, S.226

die "Seele" eines Mönchsordens, S.228

Das "Misstrauen" von Samen von Gebirgspflanzen, S.230, spricht da der Schweizer?

Tegularius, Ferromonte (S.266, 270)

Erwachsensein, S.240

"Nach eigenen Angaben hat Hesse Ende 1930 mit der Arbeit an seinem Opus magnum begonnen.* Am 29. April 1942 schloss er diese ab, im Februar 1943 arbeitete er aber nochmals ein Kapitel um. Allein von der Einleitung existieren vier Fassungen: die letzte wurde im Dezember 1934 in der Neuen Rundschau vorabgedruckt, die drei vorherigen wurden 1977 erstmals veröffentlicht. Am 18. November 1943 erschien die Erstausgabe in Zürich, nachdem Peter Suhrkamp vom deutschen Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda im Sommer 1942 ein definitives Druckverbot für den S. Fischer Verlag erhalten hatte. Der geplante Buchtitel lautete noch im Frühling 1943 bei Vertragsabschluss mit dem Schweizer Verlag Der Glasperlenspielmeister. Nach der Nobelpreisverleihung an Hesse durfte Suhrkamp im Dezember 1946 das Werk in Lizenz in Deutschland herausgeben, allerdings im Gegensatz zur Zürcher Ausgabe in Fraktur gesetzt. "  (Wikipedia)

*1932 erschien mit einer anderen Ausrichtung seine Erzählung "Die Morgenlandfahrt"

26 September 2019

Hermann Hesse: Siddaharta

Zu Hesses Siddaharta:
Das Buch ist inzwischen "in alle Kultursprachen übersetzt, u.a. in 12 indische Dialekte".(S.199)
Hesse schrieb darüber 1922 an Stefan Zweig:
"['Siddharta'] ist indisch gekleidet, seine Weisheit steht aber näher bei Lao-tse als bei Gotama [Buddha]." (S.203) - Hermann Hesse. Sein Leben in Bildern und Texten suhrkamp taschenbuch 3218 hrsg. von Volker Michels

J. Weber: Der chinesische Siddharta (pdf)

Bemerkenswert, dass Hesse seine Arbeit am Siddharta anderthalb Jahre unterbrechen musste, bevor er sie beenden konnte. 

mehr zu Hesse:
https://fontanefan3.blogspot.com/2019/09/hermann-hesse-das-glasperlenspiel.html

19 Dezember 2024

Ergänzendes zu Hermann Hesse

Geschätzt wird auch von Kennern Die Morgenlandfahrt, die ich wohl nie ganz durchgelesen habe.* Man kann sie als Vorstufe zum Glasperlenspiel sehen, sie hat aber als biographisches Zeugnis eine größere Aussagekraft. Denn zentral ist für die Morgenlandfahrt auch die Gemeinschaft vom Monte Verità. Hesse "entschuldigt" sich darin sozusagen, dass er es nicht bei dieser Gemeinschaft aushielt. 

Hesse hat Zeiten gehabt, wo er - z.B. in den USA - Furore gemacht hat, Zeiten, wo er in Deutschland wegen seiner Kritik am 1. Weltkrieg geradezu verfemt war, er wurde al medioker und kitschig angesehen. Er ist kein Superstilist und seine Werke sind nicht so welthaltig wie etwa die von Thomas Mann oder Fontane, sein Gedicht "Stufen" war aber bei einer Umfrage ums Jahr 2000 das beliebteste der befragten Deutschen (wer beteiligt sich schon bei einer solchen Umfrage?). Als Jugendlicher hat mich Demian fasziniert, meine Tochter war es von Siddharta. Seine menschliche Haltung gefällt mir sehr gut, als Ehemann und als Zeitgenosse war er wohl eher eine Zumutung.

Keiner von den ganz Großen, aber ein ungewöhnlich guter Kenner der Weltliteratur.

*Das habe ich 2026 nachgeholt.