17 Mai 2026

Martin Walser: Der Augenblick der Liebe

 Der Augenblick der Liebe (Wikipedia)

"[...] Als Reiseerzählung und Liebesgeschichte im akademischen Milieu erinnert Der Augenblick der Liebe in vieler Hinsicht an den älteren Walserroman Brandung. Die künstlerische Innovation liegt vor allem in der Auseinandersetzung mit La Mettrie, die den Roman um philosophische Überlegungen bereichert. Es geht dabei vor allem um die Themen der Erziehung als Ausbildung zum Gefangenen und um das Erziehungs-Nebenprodukt Schuldgefühle. Die Interpretation Rick Hardys im Anschluss an den Vortrag – dessen Manuskript ist auf den Seiten 114–131 vollständig wiedergegeben – ist dabei die zentrale Stelle des Romans: Hardy beschuldigt Gottlieb, er wolle unter dem Vorwand, über La Mettrie und dessen These von der Lebensfeindlichkeit von Schuldgefühlen zu sprechen, den Deutschen einen „Freispruch erschwindeln“, wobei Hardy einen überraschenden Zusammenhang zur Erinnerung an den Holocaust herstellt. Die anschließende Reflexion Gottliebs wirkt wie eine späte Selbstverteidigung Walsers, der sich während der Diskussionen rund um seine Romane Ein springender Brunnen und insbesondere Tod eines Kritikers selbst Vorwürfen des latenten Antisemitismus ausgesetzt sah:

„La Mettrie behauptet, es gebe nichts Unmenschlicheres, nichts Lebensfeindlicheres als remords. Das würde natürlich auch für den Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit gelten. Aber das hat er [Zürn] nicht gesagt. Er müßte dann nachweisen, daß es eine Schuld gibt ohne Schuldgefühle. Kein bisschen weglügen, nichts verkleinern, und trotzdem kein Schuldgefühl, keine remords. […] La Mettrie hatte keine Erfahrung mit dem Gedächtnis. Inzwischen wacht das Gedächtnis über das Gewissen. Ob das lebensfeindlich ist, ist dem Gedächtnis egal.“ [...]" (Wikipedia)

Bernd A. Laska: Warum ausgerechnet La Mettrie? Über den „eigentlichen Helden“ in Martin Walsers Roman Der Augenblick der Liebe. In: literaturkritik.de, Jg. 6, Nr. 10, Oktober 2004 (eine ausführliche sehr informative Information über La Mettrie und seine Rolle zwischen Aufklärung, Freud und Reich))

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