15 Mai 2026

Die Frau im Mittelalter

 Dies Buch fand sich bisher nur ziemlich versteckt bei meinen Lektüreanregungen. Es soll hier leichter zu finden sein:

Shulamith Shaha: Die Frau im Mittelalter, 1981
(engl.:The Fourth Estate: A History of Women in the Middle Ages, New York 1983)
Die Frauen passen nicht recht in das Ständesystem des Feudalsystems: Geistlichkeit, Adel, Bauern/Bürger. Sie werden, so weit sie überhaupt vorkommen, als Randgruppe geführt. So gibt es im Beichtspiegel z.B. speziell weibliche Sünden. Auch gibt es nur bei den Frauen eine Einordnung nach dem Familienstand: ledig, verheiratet, verwitwet. (Mehr dazu auf den Seiten 14/15 - zur besseren Lesbarkeit kann man das Bild herunterladen und dann vergrößern.)
Behandelt wird grob gerechnet die Zeit von 1150-1450 und Westeuropa außer Skandinavien, Schottland und Irland. Hier gibt es trotz aller regionalen Differenzierungen genügend Gemeinsamkeiten, um eine übergreifende Behandlung zu rechtfertigen. 
"Die großen Mystikerinnen waren angesehen und geehrt wie kaum andere Frauen jener Epoche. So schrieb Bernhard von Clairvaux im 12. Jahrhundert an Hildegard von Bingen: "Wir preisen die göttliche Gnade, die in dir wohnt… Wie kann ich dich zu lehren oder zu beraten wagen, die du verborgenen Wissens teilhaftig geworden bist, und der Einfluss von Christi Salbung in dir weiter lebt. Du bedarfst keiner Unterweisung mehr, denn von dir sagt man, dass du fähig seist, die himmlischen Geheimnisse zu prüfen und im Lichte des Heiligen Geistes zu erkennen, was jenseits menschliche Erfahrung ruht. An mir ist es, dich zu bitten, mich und diejenigen, die mir in geistiger Brüderlichkeit verbunden sind, vor Gott nicht zu vergessen…" Aus diesen Worten geht die Anerkennung einer der Mystikerin eigenen Heiligkeit hervor, die weder an Amt noch Titel gebunden war. Sie ist dem Ruhm weniger Prophetinnen aus dem Alten und Neuen Testament vergleichbar. So zählte denn auch ein Teil der Mystikerinnen zu christlichen Heiligen, denen bisweilen zu Lebzeiten besondere prophetische Kräfte zugesprochen wurden (ihre Kanonisierung erfolgte erst nach ihrem Tod). Bei einem Chronisten lesen wir über Hildegard von Bingen und Elisabeth von Schönau: 'Gott offenbarte seine Stärke durch das schwache Geschlecht, durch zwei seiner Dienerinnen… Sie waren von der Fähigkeit der Prophetie erfüllt…' Auch Franz von Assisi glaubt an die Heilkräfte der heiligen Klara; seinen Bruder Stephan sandte er zu ihr, da sich sein Geist verwirrt hatte. Nachdem sie das Zeichen des Kreuzes über ihm gemacht hatte, legte er sich an dem Ort schlafen, an dem sie gewöhnlich betete; als er am nächsten Morgen aufstand, war er geheilt. Im Verhalten der Kirche gegenüber Mystikerinnen berief man sich beinah einhellig auf folgende Unterscheidung: Zwischen einer Kraft, die von Gott geschenkt und allein auf der Persönlichkeit beruhe, und priesterlicher Autorität und Würde; dazu Thomas von Aquin: 'Die Prophetie ist kein Sakrament, sondern eine Gabe Gottes… Das weibliche Geschlecht versinnbildlicht nicht die Überlegenheit ihres Standes, hat es sich doch unterzuordnen; das heißt: Einer Frau steht das Sakrament der Priesterweihe nicht zu. Da sie sich aber in ihrer Seele nicht vom Mann unterscheidet, so folgt daraus, dass sie die Gabe der Prophetie empfangen kann, nicht jedoch das priesterliche Sakrament.'[...]" (S. 68/69)


Behandelt wird aber auch die Hexenverfolgung, die in der Randstellung der Frau im Mittelalter vorbereitet sei:
"Das Ausmaß von Unheil, welches Eifersucht und Vergeltungswahn einer Frau bewirken könne, ließ sie sich aus der Geschichte Josephs und seiner Gemahlin Potifar ebenso ablesen wie aus den Handlungen Medeas. Mit ihrer Stimme, den Sirenen vergleichbar, locke sie einen jeden an, um ihn sodann zu zerstören. Ihr Hochmut sei nichts anderes als die Fassade ihrer Schwäche, aus der heraus sie den leichtesten Weg, also die Zauberei, zur Erreichung ihrer Ziele und Befriedigung ihrer Rachegelüste wähle. Derartige weibliche Eigenschaften würden jedoch vor dem schlimmsten Laster der Frauen, der Fleischeslust, die in ihrer Unersättlichkeit weit über die eines Mannes hinaus reichen, verblassen. Siehe Bilder auch die Hauptursache dafür, dass Frauen sich leichter vom Teufel und seinem Gehilfen, den Dämonen verführen ließen. Speziell anfällig in dieser Hinsicht sein jene Frauen, die unzüchtige oder ehebrecherische Beziehungen eingegangen seien. Es läge daher auf der Hand, Ketzerei von Zauberern mit dem weiblichen Namen der Hexen und nicht den männlichen der Hexenmeister zu belegen. So viel zur schwarzen Liste des Verfassers des 'Hexenhammers'." (S. 259)

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