21 Juli 2021

Vischer: Auch Einer - Religion

 Wie ist es nun mit der mythologischen Trübung? – Ich nenne sie, diese Bilderwelt der Religion, kurzweg Pigment. – Dies führt auf eine Betrachtung, die bei der reinen, verzweifelten Ratlosigkeit anlangt. Die Sache liegt schlechthin amphibolisch, antinomisch.

Für –: Ohne Pigment keine Religion – denn Religion muß ja doch eine Gefühlsgemeinschaft sehr vieler und ein Kultus sein. Es kann keine farblose Volksreligion geben. Die Andacht muß etwas zum Anreden haben, also vorgestellte übersinnliche Person, Personen und, zum Anschauen, Ansingen, auch Tatsachen. Woher sollte die Kirchenmusik – und Musik ist doch das Unentbehrlichste zum Kultus – ihren Text nehmen? – Das weiter zu demonstrieren, wäre vom Ueberfluß. Kurz, »Stützen«, wie es Lessing nennt.

Gegen –: Diese Stützen sind ebensosehr Spieße ins Mark der Religion. Der tiefstliegende Schaden ist: sie dienen als Surrogate fürs Wesen; die Menschen, wie sie einmal in Mehrheit sind, meinen, sie dürfen sich dafür, daß sie an das Pigment glauben, die Religion ersparen. Da haben wir nun den »Glauben«, der = Religion gilt. Millionen Seelen, die nie von einer Ahnung des Unendlichen, nie von einem Gefühl der erhebenden Tragödie des Lebens durchhaucht worden sind, gelten nun sich und der Welt als religiös, weil sie glauben. Diese schnöde Verwechslung hat sich als allgemeines Vorurteil fixiert, mit Macht bekleidet, hat gefoltert, verbrannt, gekreuzigt, gepfählt, lebendig geschunden, Gedärme aus dem Leib gehaspelt, geblendet, verstümmelt, lebendig begraben, erdolcht, gespießt, vergiftet, – es gibt keine so wildviehische und keine so teuflisch durchdachte Grausamkeit, die nicht die gläubige Verfolgungswut mit technischer Vollendung ausgeübt hätte. Bekreuzt euch nicht davor, stillgläubige Seelen! Das folgt haarscharf aus der Verwechslung des Pigments mit dem Wesen! Bekreuzt euch nicht, gebildete Konsistorien! Ihr verbrennt, kreuzigt, pfählt nicht mehr, aber nun haben wir der Unzähligen noch nicht gedacht, denen ihr moralisch das Herz gebrochen, das Gewissen mißhandelt habt, indem ihr sie in die Wahl stießet: gläubiges Bekenntnis gegen die eigne bessere Ueberzeugung oder mit Weib und Kind zum Bettelstab greifen! Und du, zahmer Vermittler, sage nur ja nicht, der tote Glaube tauge freilich nichts, der Auferstandene müsse Leben in uns werden, und wie du es sonst schön ausdrücken magst. Nein! nein! Glauben und Religion sind zweierlei, und jener hat dieser von je mehr geschadet als genützt. Was, »den Glauben beleben«? Nichts da, fort mit dem Glauben, und die Religion kann leben!

*

Ihr lobt euern Schiller, ihr kennt sein Distichon:

»Welche Religion ich bekenne? Keine von allen,
Die du mir nennst. Und warum keine? Aus Religion.«

Aber ihr lest es im gewohnten Dusel und seid zu denkfaul, zu begreifen, was es besagt, was daraus folgt.

*

[...] Wir sind der christlichen Bilderwelt entwachsen, und sie ist uns zum freien ästhetischen Schein geworden, wie die alte Mythologie. Doch nein, wir, auch wir stehen nicht gleich zu beiden. An jene knüpft sich für uns eine Rührung, die einen Anklang an Glauben hat, ohne eigentlich Glauben zu sein, – innige Reminiszenz unsrer Kinderzeit. Faust am Osterfest, – Weihnachtsrührung, – und am stärksten: Versetzung in die Schönheit des Madonnenideals, der heidnischen Göttin, deren Bild das durchweichte und entzückte Herz des Mittelalters mit der Ahnung aller Unschuld und sittlichen Güte echter Weiblichkeit durchläutert hat. [...]

Eigentlich ist auch die reine Religion allerdings nicht farblos. Zur Farbe hat sie nichts Geringeres als die Weltgeschichte, die mythenlos wahre. Das aber ist von viel zu langer Hand, mit dieser ungeheuren Palette kann der religiöse Volkserzieher nicht malen, da braucht es einen idealen Auszug, nämlich eben die Mythen. Und so fallen denn die Armen ins Leere, die über das mythisch illustrierte Christentum hinaus sind. Es liegt in der Tat so traurig, daß man jammern möchte. Die alte Ehrfurcht sind sie los, für eine neue können sie die Begründung nicht finden. Moral ruht schlechterdings auf Religion, und da sie mit der bunten Religion die reine wegwerfen, so werden sie Lumpenhunde, lassen sich in den Wirbel der Hetzjagd reißen, die jetzt los ist, der Hetzjagd nach dem Glück, das keines ist. Ihnen sagt niemand, zeigt niemand einfach aus dem inneren Wesen der Seele und aus dem Verhältnis der Einzelseele zur Seele der Menschheit, daß und warum es keinem Menschen wohl wird, außer im Guten. Sagt man es ihnen je, so hängt man doch den Märchenkram wieder daran, den sie nicht mehr ertragen, und so laufen sie weg. [...]

Luther ließ einen guten Teil des Pigments stehen, dessen bedurfte ja die Mehrheit, und wenn jetzt die Mehrheit dem entwächst, so ist sie doch nicht die Allheit, ein Rest Bedürftiger bleibt in alle Zeit. Wie sollte nun ein neuer Luther etwas schaffen können für beide: für die, welche der Kinderkost bedürfen, und für die andern, die sie nicht mehr verdauen? – Oder bildet sich vielleicht eine Gemeinschaft für die reine Religion, die sich allmählich ausdehnt? Nichts, nichts, da ist ja kein Kultus möglich!"

(Vischer: Auch Einer, Kapitel 26)

19 Juli 2021

Alte Geschichten neu erzählt

Nicht nur von Songs und Filmen gibt es immer wieder neue Versionen, sondern auch von Erzählungen:

 https://www.tor.com/2020/07/07/23-retellings-of-classic-stories-from-sff-authors/

18 Juli 2021

Ingeborg Drewitz: Gestern war heute. Hundert Jahre Gegenwart

Das Buch wurde 1978 geschrieben, ich habe es 1980 oder etwas später an der Europäischen Schule behandelt. Es kann sein, dass es an den Europäischen Schulen in einem Jahrgang fürs Abitur Pflichtlektüre für Deutsch als Muttersprache war. 

Für mich ist es Ingeborg Drewitz' wichtigstes Buch, das mich zu anderen hingeführt hat und sie als Person zu schätzen gelehrt hat. Sie schildert da ihre Familiengeschichte mit sehr viel Einfühlung in die Personen und die jeweilige Zeitepoche. Eben habe ich in ihren Text über ihre Mutter hineingesehen: "Ich wünschte sie mir immer am Klavier". 

Mit 16, 17 Jahren hat Drewitz ihre Mutter aufgefordert, sich, die Künstlerin, durchzusetzen auch in der Ehe gegen ihren Mann. Und weiter schreibt sie: "Da habe ich noch nicht gewusst, dass es auch guttun kann, nur für andere zu leben. Da habe ich noch nicht gewusst, was das heißt: zuhören zu können. [...]

Dann begreif' ich etwas, das wir so ganz vergessen haben: die Fähigkeit, Liebe zu geben. Ich weiß nicht, ob die der Frau vorbehalten ist, ich möchte eher meinen, nein. Sie ist unabhängig vom Geschlecht. Sie ist eine Gnade, auch ein Wort, das wir nicht mehr benutzen, eine Gabe, / die der Mensch nicht wegwerfen kann, dem sie geschenkt worden ist, (auch wenn sie ihn quält)." (Drewitz: "Die ganze Welt umwenden". Ein engagiertes Leben. Claassen Verlag, Düsseldorf 1987, S.82/83)

Drewitz wusste diese "Gnade" noch zu schätzen. Heute wird "Selbstlos bis zur Selbstverleugnung" (Drewitz über ihre Mutter) allgemein als Schwäche angesehen. I. Drewitz hat bei allem sozialen Engagement für ihre Selbstbestimmung gekämpft, weit mehr als ihre Mutter. Und dennoch bezeichnet sie ihre Mutter als ihr großes Vorbild. Eben deshalb, weil sie mit ihrer Liebe ihrer Tochter die Voraussetzung dafür schuf, soziales Engagement selbstbestimmt leben zu können.

Wie sehr das auch der Tatsache geschuldet war, dass sie mit 22 Jahren - trotz all der Strapazen der unmittelbaren Nachkriegszeit - von der Nazidiktatur befreit war, davon legt "Gestern war heute" Zeugnis ab. Ein Buch ohne dessen Lektüre auch umfangreichen Studien zur Nazizeit noch viel fehlt.

Hier kurz die Frage: Günter Grass: Die Blechtrommel oder Drewitz: Gestern war heute:

Welches Buch bringt mehr zum Verständnis von Nazizeit und Nachkriegszeit?

Dass "Die Blechtrommel" literarisch wertvoller ist, ist damit nicht in Frage gestellt.

 Wikipedia: Gestern war heute: Hundert Jahre Gegenwart

Behandlung des Romans von Klaus Dautel bei der ZUM

Ingeborg Drewitz: Gestern war heute: Hundert Jahre Gegenwart (meine Aufbereitung für Unterricht mit Inhaltsangabe)

17 Juli 2021

Theodor Vischer: Auch einer - Aphorismen und Ermahnungen

 Es ist schwer vorstellbar, dass Vischer diese Einzelüberlegungen und Aphorismen in seinen Roman aufgenommen hat, ohne dabei an Goethes Vorbild in den Wahlverwandtschaften und Wilhelm Meister (Makariens Archiv) zu denken. Dabei kann er in der Schwebe lassen, ob es Gedanken des Autors Vischer oder seiner Figur A.E. handelt. Manches - wie zum Beispiel der Bezug auf die "Pfahldorfgeschichte" - ist freilich eindeutig Aussage von A.E.

Es hat daher wenig Sinn, Gedanken von unserem heutigen Standpunkt als fragwürdig zu kennzeichnen, wenn nicht klar ist, ob nicht Vischer damit seine Figur A.E. charakterisieren und kritisieren will (z.B. bei allen Aussagen über "das Weib").

"Wißt es, ihr Köpfe, mit meinen Fehlern und mit meinem Wahnsinn hab' ich so gut ein Recht, zu existieren, wie ihr mit euren Fehlern und mit eurem Kahlsinn!"

"Stehe oft und gern nachts auf einer der kleinen Brücken, sehe hinab auf den dunkeln Kanal, da und dort von Lichtschein überblitzt. Wenn dann eine Gondel durchfährt, so ganz still, nur selten der Ruf: Sta li! sonderbar, dann ist mir oft, als liege ich, der da oben zusieht, zugleich tot in der Gondel, und der Tote freue sich zugleich der stillen Nachtfahrt."

"Was aber nun tun? Nachdem die Pfahldorfgeschichte fertig ist? Die Reiseerinnerungen niederschreiben? Gar drucken lassen? Pah! Diese Flut vermehren, unter die Schmierer gehen, die nichts leben können, ohne es zu schreiben? Wieder etwas komponieren? einen Roman, Drama? Pah! als ob dazu dein Talent reichte!"

"Ferner: du darfst kein Menschenverächter werden, weil du nie wissen kannst, wer aus der schlechten Mehrheit fähig, empfänglich ist, in die Minderheit heraufgehoben zu werden. Die Grenze zwischen beiden ist flüssig. Man kann also heiter bleiben trotz der Weltlumperei, und man braucht diese Stimmung, eben um jene Grenze flüssig zu erhalten. Umgekehrt soll man auch der Festigkeit der Grenze von oben nach unten nicht trauen. Zählst du dich zur guten Minderheit: du magst recht haben, aber zupfe dich an der eignen Nase, besinne dich auf die Blindheit deiner Jugend, falle nicht in Sicherheit und Dünkel, insbesondere prüfe dich daran, ob du aktiv bist. Hochmut kommt vor dem Fall."

"Nichts schadet ja dem großen Geiste mehr, als wenn man den guten Leuten zumutet, ihn mit Haut und Haar zu bewundern; [...]"

"Von der Dichtkunst erwartet die Mehrheit der Menschen, sie solle ihnen ihre gewöhnlichen Vorstellungen, nur mit Flittern von Silber und Goldpapier ausgeputzt, angenehm entgegenbringen. Da sie in Wahrheit das gemeine Weltbild vielmehr auf den Kopf stellt, so wäre kein großer Dichter je berühmt geworden, wenn nicht die wenigen, welche wissen, was Phantasie ist, allmählich einen Anhang gesammelt und denselben mehr und mehr erweitert hätten. Sie haben Stein auf Stein in das stehende Wasser der Meinung geworfen, bis die Wogenkreise den ganzen Spiegel in Bewegung setzten. Wäre dies nicht, so stände heute noch Wieland, Iffland, ja gar Kotzebue in der Blüte der öffentlichen Gunst, Goethe und Schiller gälten für Phantasten. Man würde sich nur größere Dosis von Schauer ausbitten, als die alten Lieblinge boten, und in diesem Punkt eine Beimischung aus den Ritterromanen vorziehen; [...]

"Das Ideale stellt die gemeine Ansicht von Welt und Leben auch dann auf den Kopf, wenn es die Dinge ganz naturgemäß geschehen läßt. Echtes Kunstwerk hat mitten im klaren doch immer Traumcharakter, ist von »Geisterhauch umwittert«."

"Die meisten Menschen wissen sich nicht zu behandeln, daher stehen sie mit sich selbst auf so schlechtem Fuße."

"Das Weib ist schamhafter als der Mann, weil es weniger unschuldig ist. Das Mädchen weiß das Geschlechtliche weit früher als der Knabe, lernt früh, wenn auch noch unbeteiligt, das ganze Listgetriebe des Männerfangspiels kennen, das Weib ist sich des Geschlechts weit bewußter als der Mann und hat dies Wissen zu verbergen, daher muß es mehr Scham haben. Dies ist im geringsten keine Schande für das Weib. Es erhebt sie. Sie ist mehr Naturwesen als der Mann, und wird sittliches Wesen, indem sie es verhüllt, mit Bildungsleben zudeckt. Bedarf übrigens der Mann weniger Schamhaftigkeit, so ist das lange kein Freibrief für Schamlosigkeit. Ich halte an meinem alten Spruch, den ich mir damals in den norwegischen Bergen eingezeichnet: Scham verloren u. s. w. Wer gemein ist, mag noch manches leisten, aber er ist eben gemein. Den Mann, der darin richtig bestellt ist, wird man besonders daran erkennen, daß er gut unterscheidet, wo Zynismus berechtigt ist, wo nicht, und daß er gut erkennt: der gröbste Zynismus ist unschuldiger als der feinste Obszönismus. Darin liegt eine große Schwäche des Weibs, daß es im Gespräch so gern Nebenbeziehungen findet, Anspielungen, Stiche, Ausfälle, wo davon keine Spur ist. Der Mann redet gewöhnlich einfach und ehrlich auf die Sache los und denkt nicht daran, was man dabei sonst und nebenher noch denken könnte. [...]

Die Hohenstaufengräber in der Kathedrale kann ich nicht zum zweitenmal sehen. Hic situs est magni nominis Imperator et rex Siciliae Fredericus II. – – Kann nicht zur reinen Anschauung, nicht zur ungeteilten Stimmung gelangen vor dem Porphyrsarg. Der Hohenstaufen schiebt sich mir in die Bildkammer der Phantasie herein, wie ich ihn einst gesehen, in Formen so schön, als stände er nicht neben deutscher Alb, – kahl, matt rötlich beleuchtet von der Abendsonne. Verliere mich in die Frage, ob es geschichtliche Notwendigkeit gewesen, daß diese großen Kaiser Stiefväter ihrem Heimatland waren. Erwäge das vielbesprochene Für und Wider. Es gräbt, bohrt, sticht in mir, daß unsre Geschichte Gipfel hat, die keine Gipfel für unsre Nation sind. Alte Pein, einem belächelten Volk anzugehören, wacht auf. Werde mir nun selber bös, daß ich angesichts des großen Gegenstandes Auge und Gefühl nicht rein gegenständlich stimmen, meinen Vorsatz, die Politik zu lassen, nicht halten kann. Also eben fort, hinaus wieder an den Hafen, meinem Liebling, meinem Herzblatt gegenüber, dem Monte Pelegrino!"

(Vischer: Auch Einer Kapitel 25)


14 Juli 2021

Biermann Archiv an die Berliner Staatsbibliothek übergeben

"Der Liedermacher, Dichter und DDR-Dissident Wolf Biermann hat sein Archiv und seine Tagebücher der Berliner Staatsbibliothek überlassen. Der Erwerb der mehr als 100 große Kisten umfassenden Sammlung mit Unterstützung der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien wurde am Dienstag in Berlin mit einem Festakt gewürdigt. Das Archiv des 84-Jährigen habe nun seinen Platz in einer der weltweit bedeutendsten Bibliotheken, und werde der Forschung zur Verfügung stehen, erklärte die Staatsbibliothek.

Das Archiv sei ein „einmaliges Zeugnis deutsch-deutscher Zeitgeschichte“, betonte Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU): „Wolf Biermanns Vita und Werk machen sichtbar, was es für Künstler bedeutet, in einer Diktatur zu leben.“ Sie zeigten, „welch hohe Güter die Freiheit der Kunst, die Freiheit der Meinung, die Freiheit des Wortes sind“.

Biermann habe bewiesen, wie stark und folgenreich die Kraft des Wortes und des Liedes sein könne, betonte Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: „Die massiven Proteste gegen seine Ausbürgerung im Jahr 1976 gelten als Anfang vom Ende der DDR.“ Mit seinen politischen Essays habe er auch später wichtige Debatten angeregt. Er verkörpere wie kaum ein anderer die deutsch-deutsche und die wiedervereinigte Geschichte des Landes. [...]" (epd)

(weiterlesen)

Warum Wolf Biermanns Tagebücher im Garten vergraben wurden moz.de 13.7.21

Biermann berichtet über seine Lektüre seiner Stasi-Akten:  Tiefer als unter die Haut Spiegel online 26.1.1992

12 Juli 2021

Karl Schlögel: Die Mitte liegt ostwärts. Europa im Übergang

Karl Schlögel: Die Mitte liegt ostwärts, Carl Hanser 2002 (Perlentaucher)

Epoche zwischen zwei Bildern (S.9-13)
Mauerfall 9.11.1989
Surz der Türme des World Trade Center 11.9.2001
Die 90er Jahre als Transformationszeit. 

Die Mitte liegt ostwärts. Die Deutschen, der verlorene Osten und Mitteluropa (S.14-64)
Mitteluropa als verwirrender Begriff. Das alte Mitteluropa war ein ganz anderes als das neue. Völkergefängnis (Befreiung der Nationen aus den Imperien angestrebt) und Völkergemeinschaft, die durch die Osterweiterung der EU entsteht.

Planet der Nomaden (S. 65-123)
"Ein Gespenst geht um, nicht nur in Europa. [...] Der Nomade taucht einfach auf, heute hier, morgen da. Er scheut keine Gefahr. Grenzposten versuchen ihn mit Detektoren und Infrarotgeräten aufzuspüren, aber er läßt sich nicht abschrecken. Er ist furchtlos, denn die Brücken hinter ihm sind verbrannt. Er wird gejagt – eine Million Menschen wir wurde in den Achtzigerjahren an der amerikanisch – mexikanischen Grenze pro Jahr geschnappt und zurückgeschickt –, aber er findet immer wieder einen Durchschlupf. Er kennt die am wenigsten bewachten Stellen der Wohlstandsfestung Europa." (S. 65)

Diese Schilderung, die unter dem Eindruck des Flugzeugattentats vom 11.9.2001 entstanden ist, betont die angstmachende Veränderung für die Wohlstandszentren. Die Opfer, die z.B.  bei Patrick Kingsley: Die neue Odyssee. Eine Geschichte der europäischen Flüchtlingskrise, 2016 vorgestellt werden, geraten dabei zunächst nicht in den Blick.

"Migration ist ein 'multinational billion-dollar-business' (Myron Weiner), also ist sie wie Drogenhandel, Prostitution und Waffenhandel Teil der Weltwirtschaft." 
(S. 66)
Über Migranten: 
"Sie sind nicht willkommen, aber sie werden gebraucht." (S. 67)
"Nach UN-Angaben waren 1993 rund 100 Millionen Menschen weltweit auf Wanderschaft, darin eingeschlossen etwa 15,5 Millionen Migranten in Westeuropa, 20 Millionen in den USA, 8 Millionen in Australien und Kanada und einige Millionen in den Golfstaaten. (S. 68) 
"Die Landflucht ist mit weitem Abstand die / umfangreichste Migrationsbewegung auf dem afrikanischen Kontinent (Roland E. Richter)." (S. 69/70)

"Die Turbulenzen des Weltkriegs und der unmittelbaren Nachkriegszeit mit ihren Völkerverschiebungen waren im "Goldenen Zeitalter", wie Erik Hobsbawm die prosperierenden Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs genannt hatte, aus dem Horizont und aus dem Gedächtnis der Europäer verschwunden. [...]" (S.71) 
Mit dem Krieg in Jugoslawien und im Kaukasus kehrten in Europa Bilder wieder, die längst in Vergessenheit geraten waren. Flüchtlingstrecks, Kinder an der Hand ihrer Mütter über unwegsame Paßstraßen geführt, Menschenprozessionen mit ihren auf Traktoren und Wagen verstauten Habseligkeiten; Zeltstädte und Lager; Szenen aus dem Flüchtlingsleben, die seit Menschengedenken immer die selben geblieben sind [...]" (S.71/72)
"Wer in Sarajevo gestern vertrieben wurde, konnte heute oder morgen an die eigene Tür klopfen. 'World on the Move' war kein virtuelles Thema mehr, und damit wurde alles anders. (S.72)

Weltgeschichte als Wanderungsgeschichte 

"[...] Ist nicht gerade die Ortsveränderung typisch und zur Regel geworden für den modernen Menschen? [...] Sobald die Idee der Seßhaftigkeit nicht mehr selbstverständlich ist, ergeben sich viele Fragen. [...] Wie paßt die Forderung nach globaler Freiheit für das Kapital einerseits und nach Unterbindung oder Behinderung der globalen Migration zusammen? [...] Wenn die ganze Menschheit versuchte, sich in Nordamerika oder Europa niederzulassen, käme es zu einem Weltbürgerkrieg. Die entwickelte Welt scheint auch angesichts dieses Dilemmas nicht von ihrer universalistischen Rhetorik abzurücken und lieber den Vorwurf der Doppelmoral und Heuchelei in Kauf zu nehmen." (S.73)

Theoretisierungsversuche

"[...] Franz Oppenheimer [...] hatte es erstmals unternommen, die 'krause Chiffreschrift der Wirklichkeit' zu entziffern [...] Man kann Oppenheimer zufolge sogar von einer Geburt der Staatlichkeit aus dem Geist des Nomadentums, der Unterwerfung der Seßhaften durch die Nomaden, der Erfindung der Sklaverei wie überhaupt der außerökonomischen Gewalt und der 'Bewirtschaftung des Menschen durch den Menschen' sprechen." (S. 75) 
"Seine Definition lautete: 'Das bestimmende Moment in der Geschichte sind die Massenströmungen vom Orte höheren Drucks zum Orte niederen Drucks – von der Armut zum Wohlstand, von der Knechtschaft zur Freiheit." (S. 76)

Im Folgenden referiert Schlögel ausführlich Eugene M. Kulischer und seinen Bruder Alexander.
Eugene M. Kulischer: "Er formulierte als Kernsatz der Migrationsforschung, dass die Geschichte des Menschen die Geschichte seiner Wanderungsbewegungen ist." (Wikipedia)

"Die Übersee-Emigration ist das Ventil, das den Bevölkerungsdruck von den Industriestaaten Europas nehmen soll. Theoretiker wie Malthus propagierten die große Wanderung als Lösung der sozialen Fragen und zur Beseitigung des Pauperismus." (S. 78)
"Die Migrationsströme stimulieren sich und treiben sich gegenseitig voran, bis um 1890 das Siedlungswerk in den Vereinigten Staaten im großen und ganzen abgeschlossen ist, und sich inneramerikanisch neue Migrationsprozesse ergeben – vom Land in die Städte und vom Süden der Plantagen in den industriellen Norden.[...] 
Die Kulischers  "ahnten, dass die planmäßige Vermehrung der Bevölkerung nicht nur verantwortungslos war, sondern dass 'diese Bevölkerungspolitik nur ein Name für Kriegsvorbereitung und Kriegshetze' war. Es klingt etwas an von Pathos einer Generation von Aufklärern, der die Schrecken noch bevorstehen, wenn die Kulischers schreiben: 'Die Mechanik der Völkerbewegungen ist eine Naturgewalt wie jede andere, die unter gewissen Bedingungen segensreiche, unter anderem katastrophale Wirkungen hervorbringt, die man nicht abschaffen, wohl aber, wenn ihre Gesetze ergründet sind, versuchen kann zu beherrschen und zum Gedeih statt zum Verderb der Menschheit zu lenken. Eine wahre Organisation des Weltfriedens sie wird nie eine Organisation des Weltstillstandes sein können. [...]' " (S. 79)
"Ihre Optik [...] gewinnt damit gleichsam eine Einsicht in die Hoffnungslosigkeit aller jener Unterfangen, die per Dekret oder internationalen Vertrag, durch diplomatische Arrangements den buchstäblichen Gang der Welt aufhalten wollen.
Die Weltgeschichte wird, so betrachtet noch einmal zurückversetzt, verflüssigt, in statu nascendi gebracht." (S.80)

"Die Obsession, alle Konflikte der Welt durch die Entfernung des Anderen – einer Volksgruppe oder einer sozialen Klasse – aus der Welt schaffen zu können oder schaffen zu müssen, wurzelt tief im 19. Jahrhundert. Man musste, um Frieden zu schaffen, die streitenden Parteien nur trennen. Es mussten nur alle dieselbe Sprache sprechen, und es gab keinen Sprachenstreit mehr. [...] Als Theoretiker des Gedankens zur Schaffung der ethnisch 'reinen' Staates kommen mehrere Anwärter infrage. Sicher ist, dass dieser Gedanke weit ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Wie der Historiker Theodor Schieder in seinen begriffsgeschichtlichen Studien herausfand, wurde die Idee vom ethnisch 'reinen' Staat offensichtlich von / Heinrich Luden (1780-1847) schon im Jahre 1814 in seiner Schrift 'Das Vaterland oder Volk und Staat' formuliert." (S. 89/90)

"Die mit dem 20. Jahrhundert verbundene Regression hat niemand härter zu spüren bekommen als die Flüchtlinge und Exilanten. Sie sind Experten für Fluchterfahrung. Sie können das, was sich in Europa verändert hat, messen an der Vervielfachung der bürokratischen Hemmungen, Hindernisse, Schikanen, an der Perfektionierung der Prozeduren der Abschottung und Verbarrikadierung." (S. 94)

"Es geht nicht um multikulturellen Kitsch, sondern um die Frage, ob wir in Europa und anderswo an die schon einmal erreichte Komplexität und Konfliktfähigkeit der großen multiethnischen und kosmopolitischen Zentren der Vorkriegswelt anknüpfen können. Was heute als multikulturell diskutiert wird, hat es schon einmal gegeben – in Konstantinopel, Alexandria, St. Petersburg, Lodz, Czernowitz und anderswo. Es fiel den Säuberern zum Opfer.

Was heute geschieht, ist eine Rückgewinnung von Komplexität, Konfliktfähigkeit, Weltläufigkeit an anderer Stelle." (S.96)

Hans Magnus Enzensberger hat formuliert: "Der normale Zustand der Atmosphäre ist die Turbulenz. Das gleiche gilt für die Besiedelung der Erde durch den Menschen." (S. 98)

"Europa selbst war in seiner jüngsten Geschichte beides: Ausgangspunkt einer beispiellosen Emigration nach Übersee und Aufnahmeland einer ebenso beispiellosen Immigration. Wir müssen den Blick, den wir heute auf andere richten, einmal an uns selbst erproben. Was wir heute in den Megastädten der Entwicklungsländer mit Erschrecken feststellen, das gab es schon einmal im Laufe der ersten Industrialisierung. Manchester, Lodz, Berlin, Budapest, St. Petersburg; schon einmal gab es hier in der Bewegung vom Dorf in die Stadt, von der Landwirtschaft in die Industrie, die die Elendsviertel der Städte über Nacht anschwellen ließ." (S. 111/112)

Zeitgenosse Odysseus

"Es ist an der Zeit, in den Migranten nicht nur die passiven Opfer, die sie freilich oft genug waren, zu sehen, sondern auch die Akteure, die sie zweifellos ebenso sehr sind." (S.115)

"Aber was geschieht, wenn die lateinamerikanische Immigration in die Vereinigten Staaten die kulturelle Hegemonie der WASPs in Frage stellen wird? Spitzer stellt sich diese Frage in den Staaten am persischen Golf. In den Vereinigten Emiraten gibt es 1,5 Millionen Migranten, das sind etwa 90 % der Einwohner. In Saudi-Arabien sind es rund 4 Millionen, also gut 25 % der Bevölkerung. (S. 117/18)

"Fast immer zeigt sich: Migranten sind die Avantgarde der Innovation und Modernisierung. [...] Oft sind es Migranten, die Neues wagen und risikoreiche Unternehmen initiieren. [...] Nachkriegsdeutschland, aber auch Korea mit seinen Millionen von Kriegsflüchtlingen sind Beispiele für gelungene Modernisierung, die auf Entwurzelung basiert. [...]" (S.118/19)
Arbeitsmigranten verdienen Geld, viel Geld. Die von Ihnen veranlassten Geldtransfers machen in einigen Staaten – wie zum Beispiel Pakistan – heute einen Großteil des Nationaleinkommens und des nationalen Budgets aus. Sie stellen eine der wirksamsten Formen von Modernisierung und Entwicklungshilfe dar. Aus ihren finanziellen Transfers erklärt sich die Blüte ganzer Landstriche in Portugal, an der türkischen Schwarzmeerküste oder in Sizilien." (S. 119)
"Migranten sind Meister der Improvisation. Die Flüchtlinge im Nachkriegsdeutschland wurden, weil entwurzelt, in besonderer Weise die Träger der Erneuerung von Wirtschaft und Gesellschaft. "(S.120) 
"Der Flüchtling hat die traditionellen und eher konservativen Milieus in Deutschland zersetzt und entschieden die 'Entbäuerlichun'g und die 'Verstädterung' beschleunigt." (S. 121)

Unser Atlantis, unser Pompeji (Es ist untergegangen ( Atlantis), aber es ist auch das, worauf unser Leben und unsere Zukunft aufgebaut hat (Pompeji), S.239-247)

Wichtig ist, dass nicht nur die konkrete Fluchterfahrung, sondern auch das Gefühl, sich in eine neue Gesellschaft einzugewöhnen, von Menschen mit Fluchterfahrung vermittelt werden sollte.
In der Weltkriegsepoche gab es in Europa 40 - 60 Millionen Migranten (im weitesten Sinne), heute gibt es weltweit zwischen 60 und 80 Millionen. Die Einheimischen haben viele Erfahrungen nie gemacht, kennen nicht das Grundgefühl. Das aber ist  wichtig für die Einfühlung in die gegenwärtigen Migranten.