Wer Sigmund Freud war, bevor er der wurde, der er sein wollte
Nach der Lektüre der Bände 3 und 4 der „Brautbriefe“ kann man die „Entwicklung des Helden“ besser denn je verstehen
Von Bernd Nitzschke
Am 17. Juni 1882 verlobten sich Sigmund Freud und Martha Bernays nach nur zweieinhalbwöchiger näherer Bekanntschaft – heimlich. Einige Monate später weihten sie auch ihre Angehörigen und Freunde ein. Ernest Jones schreibt: „Am letzten Tag des Monats Mai hatten sie, als sie Arm in Arm vom Kahlenberg herunterstiegen, ihr erstes Gespräch unter vier Augen“ (Sigmund Freud – Leben und Werk, Bd. 1). In der „Chronologie“, die den hier besprochenen Bänden (3 und 4) des Briefwechsels beigegeben ist, wird aus diesem ersten Tête-à-Tête das „erste ernsthafte Gespräch“, das die beiden miteinander geführt hätten. Es soll angeblich nicht am 31. Mai, sondern am 2. Juni stattgefunden haben. Wie dem auch sei, die Gegend um den Kahlenberg, von dem aus man einen traumhaften Blick auf Wien hat, war zukunftsweisend: Jahre später, am 24 Juli 1895, „wenige Tage vor dem Geburtsfeste meiner Frau“ (Martha Bernays wurde am 26. Juli 1861 geboren), hatte Freud in „einem einzelstehenden Hause auf einem der Hügel, die sich an den Kahlenberg anschließen“, den in der psychoanalytischen Literatur wohl am häufigsten reinterpretierten (sogenannten „Irma“-)Traum (Die Traumdeutung, Kap. 2). Das „einzelstehende Haus“ (Schloss Bellevue) wurde später abgerissen. Heute steht dort eine Gedenktafel, auf der man ein Zitat lesen kann, das einem Brief an Wilhelm Fließ entnommen wurde: „Hier enthüllte sich dem Dr. Sigm. Freud das Geheimnis des Traumes.“
Auch die unmittelbaren Folgen des Spaziergangs des 28jährigen Sigmund Freud und der knapp 21jährigen Martha Bernays durch den Wiener Wald waren ‚ernsthafter‘ Natur: Als Freud erfuhr, dass seine Angebetete auch noch andere Verehrer hatte, raste er vor Eifersucht. Wenn er daran denke, so wird er später an die Braut schreiben, „verliere ich die Herrschaft über mich, und wenn ich die Macht besäße, die ganze Welt, uns mit einbegriffen, zu zertrümmern, um sie von neuem spielen zu lassen: auf die Gefahr hin, daß sie nicht wieder mich und Martha hervorbringt, ich täte es unbedenklich“ (Brautbriefe, Bd. 1). Soviel zur Ouvertüre einer Leidenschaft, die in der Folgezeit zu allerlei Verwünschungen, Anklagen, Forderungen, dann wieder zu Bitten um Versöhnung und neuen Liebesschwüren führen sollte.
Im Juni 1882 war die Welt in Wien für den eifersüchtig liebenden Freud, der keinen Dritten neben sich dulden wollte, allerdings noch halbwegs in Ordnung. Und wenn er sie wieder einmal aus den Angeln zu heben drohte, dann konnte seine Verlobte noch immer von Angesicht zu Angesicht über sein Herzeleid mit ihm sprechen. Das änderte sich im Juni 1883 dramatisch. Jetzt setzte Emmeline Bernays, die Mutter der Braut, ihren Entschluss, in die alte Heimat zurückzukehren, in die Tat um und nahm ihre beiden Töchter, Martha und Minna, mit nach Wandsbek (damals noch ein selbständiger Ort vor den Toren Hamburgs). Diese Entscheidung der Schwiegermutter in spe führte zur jahrelangen Trennung der Liebenden – und zu einer sich immer mehr steigernden Abneigung des Schwiegersohns in spe gegen die Brautmutter. Später wird Sigmund Freud, sein persönliches Schicksal verallgemeinernd, schreiben: „Es ist kaum zweifelhaft, daß in der psychologischen Situation von Schwiegermutter und Schwiegersohn etwas enthalten ist, was die Feindseligkeit zwischen ihnen befördert und ihr Zusammenleben erschwert“ (Totem und Tabu, 1912-13). Als Grund der „Feindseligkeit“ nennt er an dieser Stelle allerdings nicht die Konkurrenz um die Liebe der Tochter (Braut), sondern das (inzestuöse) Begehren, das rituell abgewehrt werden müsse. [...]" (zur Fortsetzung)
In seinem Brief vom 16.9.1883 berichtet Freud von dem allzu fordernden Werben seines Bekannten Nathan Weiß, das am 13.9.1883 zu dessen Selbstmord durch Erhängen führte. Dieser Brief gilt als eindrucksvollstes Beispiel für seine Leistung Analytiker vor der Entwicklung seiner Theorie.
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