12 Juli 2018

Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint


An einem Sonntagmorgen im Monat Mai erhob sich Emanuel Quint von seiner Lagerstätte auf dem Boden des kleinen Hüttchens, das der Vater mit sehr geringem Recht sein eigen nannte. Er wusch sich mit klarem Gebirgswasser, draußen am Steintrog, indem er die hohlen Hände unter den kristallenen Strahl hielt, der aus einer hölzernen, vermorschten und bemoosten Rinne floß. Er hatte die Nacht kaum ein wenig geschlafen und schritt nun, ohne die Seinen zu wecken oder etwas zu sich zu nehmen, in der Richtung gegen Reichenbach. Ein altes Weib, das auf einem Feldweg ihm entgegenkam, blieb stehen, als sie von fern seiner ansichtig wurde. Denn Emanuel ging mit seinem langen, wiegenden Schritt und in einer sonderbar würdigen Haltung, die mit seinen unbekleideten Füßen, seinem unbedeckten Kopf sowie mit der Armseligkeit seiner Bekleidung überhaupt im Widerspruch stand.
Bis gegen die elfte Stunde hielt Emanuel sich fern von den Menschen in den Feldern auf. Alsdann überschritt er die kleine Holzbrücke, die über den Bach führte, und ging geradezu bis zum Marktplatz des kleinen Fleckens, der sehr belebt war, weil die protestantische Kirche sich eben leerte. Der arme Mensch stieg nun auf einen Stein, wobei er sich mit der Linken an einem Laternenpfahl festhielt, und nachdem er sich so und durch Zeichen der Menge bemerklich gemacht hatte und alles erstaunt, belustigt oder neugierig herzukam oder wenigstens von fern herübersah, begann er mit lauter Stimme zu sagen: »Ihr Männer, lieben Brüder, ihr Frauen, liebe Schwestern! Tut Buße! Denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.« [...]
Über die ganze, mit Sommersprossen bedeckte Gesichtshaut, von der klaren Stirn bis zum Kinn herab, gingen die inneren Bewegungen des Gemütes, wie unsichtbare Winde über einen ruhigen, den gelblichen Abendhimmel widerspiegelnden See. »Wie heißt du?« fragte der Pfarrer. Quint sah zu dem Pfarrer hin und sagte, mit einer hohen, klangvollen Stimme, seinen Namen. »Was ist dein Beruf, mein Sohn?« Quint schwieg einen Augenblick. Alsdann begann er, Satz um Satz ruhig hervorbringend, durch kleine Pausen der Überlegung getrennt: »Ich bin ein Werkzeug. Es ist mein Beruf, die Menschen zur Buße zu leiten! – Ich bin ein Arbeiter im Weinberge Gottes! – Ich bin ein Diener am Wort! – Ich bin ein Prediger in der Wüste! – Ein Bekenner des Evangeliums Jesu Christi, unseres Heilands und Herrn, der gen Himmel ist aufgefahren und welcher dereinst wird wiederkehren, wie uns verheißen ist.« [...]
Mit leuchtenden Augen, die von Tränen des tiefsten Glückes feucht waren, ging er mitten durch die rohe Menge dahin und bemerkte nicht, daß zwei Männer, die unter den Leuten verborgen gestanden hatten, sich loslösten und ihm nachfolgten. Diese beiden, ein Brüderpaar namens Scharf, noch jung und ehrsame Leinweber, hatten der Predigt auf dem Markt beigewohnt. Aber während alles in ihrer Umgebung lachte und Possen trieb, hatte der ganze Vorgang auf sie einen tief bewegenden Eindruck gemacht. Man nannte die beiden in ihrem Dorfe die Betbrüder. Und auch sie, ähnlich wie Quint, weil sie mit ihrem alten Vater ein Sonderlingsleben führten und in ihrer verfallenen Hütte öfters laut sangen und beteten, galten nicht für ganz richtig im Kopfe. Emanuel Quint schritt seines Weges, ohne sich umzublicken. Sobald er aus dem Städtchen heraus über die Bahngleise auf die Landstraße gelangt war, traten die Brüder Scharf ihn an. Sie fragten ihn, ob er nicht derjenige sei, der vor einigen Stunden auf dem Markt von der Buße gepredigt habe und von dem Nahen des himmlischen Reiches. Emanuel bejahte das alles, und nachdem alle drei eine Zeitlang stumm durch die öde Tallandschaft gewandert waren, fing der ältere von den Brüdern, Martin Scharf, an, allerhand ängstliche Fragen zu tun und mit sichtlicher Bangigkeit, indem er zuweilen die grauen, drohenden Wolken des Himmels betrachtete, danach zu forschen, was man tun müsse, um, vor den Schrecken des Letzten Tages geschützt, der künftigen ewigen Wonnen sicher zu sein. Anton Scharf, der zur Linken neben dem Narren ging und ebenso blaß und rothaarig wie sein Bruder war, streifte, wie dieser, Quint gespannt mit Blicken. Der seltsam gravitätische Mensch, der den meisten ein Lachen abnötigte, hatte vom Augenblick seiner Predigt an auf die ihm in geistiger Armut und Not verwandten Brüder eine ernstliche Macht ausgeübt und, ohne davon zu wissen, beide mit Banden der Liebe an sich gefesselt. [...]
An einem bestimmten Punkte des Weges, schon zwischen Bergen, in die sie aufstiegen, brachte nach einigem Zögern und Stottern Martin Scharf eine Bitte vor. In der rauhen und rohen Mundart der Gegend und sich, wie alle im Volke, des Du zur Anrede bedienend, legte er Emanuel nahe, er möge doch mit ihnen gehen und ihren alten Vater womöglich gesund machen, der das Fieber habe und bettlägerig sei. Emanuel sagte, das stehe bei Gott. Aber an dem Kreuzwege, obgleich in seiner Antwort etwas gelegen hatte, was einer Abweisung glich, folgte er doch den Brüdern auf vieles bittliches Drängen hin und weil ein sonderbares Zutrauen aus ihren Blicken und Bitten sich auf ihn übertrug und seine nun einmal vom Schwarmgeiste in Besitz genommene Seele fast widerwillig zum Rausche des Wunders zog. Während sie sich zwischen Granitblöcken auf einem holprigen Wege dem Wohnort der Brüder näherten, betete Emanuel innerlich. Nach seiner ersten Prüfung sah er sich plötzlich vor eine zweite, größere hingestellt. Er war dem Rufe des Heilands gefolgt. Er hatte öffentlich Zeugnis abgelegt für die Wahrheit des Evangelii, jetzt aber sollte er den Beweis dafür antreten, daß er der vollen Nachfolge Jesu durch Gott gewürdigt sei, indem er Kranke gesund und Tote lebendig mache. [...]
Der alte Scharf, ins Stroh seiner ärmlichen Bettstatt gekrümmt, stöhnte, als seine Söhne hereintraten. Mühsam die kleinen, tränenden, rotgeränderten Augen aufmachend, bewegte der Greis den zahnlosen Mund, und ohne, wie es schien, zu erfassen, wer zu ihm kam, griff er mit den vertrockneten und erstarrten Händen irr in die Luft, aufs neue wimmernd, röchelnd und stöhnend. Der Jüngere, Anton Scharf, trat nun zu dem Vater heran, und nachdem er eine lange Weile in ihn hineingeredet hatte, was mit außergewöhnlich erregter Stimme geschah, schienen die Schmerzen des alten Mannes sich zu verdoppeln, und bange, hilfeflehende Laute entrangen sich seiner Brust, die rasselnd und krampfhaft auf- und abwogte. Auch Emanuel trat nun hinzu. Aber ihn hatte der alte Scharf kaum ins Auge gefaßt, als er mit gurgelnden Lauten des Schreckens und Grausens auf- und zurückfuhr und, wie versteinert den Narren anblickend, ein »Hilf, Herr Jesus Christus!« hervorstieß. Er schien den leibhaftigen Satan zu sehen. Und soviel auch immer die Brüder sich mühten, den Alten von seiner Angst zu befreien: er schob sich nur immer zitternd zurück, bis endlich die Angst in Entsetzen umschlug, das Entsetzen in Wut und er, erst gleichsam eine Erscheinung wegwischend, am Ende verzweifelt nach Emanuel schlug. Aber dieser, die langen, brandroten Wimpern über die Augen gesenkt, blickte nur in sich hinein. Er hob seine lange, blasse, nicht unschöne Hand ein wenig empor, und wie der Alte nach seinem Ausbruch wider Erwarten schwieg und starr der Bewegung seiner Rechten zu folgen schien, legte er diese ihm weich und leise auf die mit Runzeln und Falten bedeckte Stirn: darunter entschlief der Alte sogleich. Vor dieser Wirkung – an sich nicht wunderbarer als irgendeine in dieser Welt – verstummten die Brüder Scharf vor Schreck. Sie, die doch selber, von einem jähen Aberglauben gepackt, den fremden Burschen ans Bett des Vaters genötigt hatten, waren in ihrer Einfalt nun ganz entsetzt, als das vermeintliche Wunder sich wirklich vollzogen hatte. Der Alte schlief, wie es schien, einen ruhigen Schlaf. [...]
Je mehr sich die Brüder dieser erstaunlichen Wendung bewußt wurden, die mit dem Vater zugleich sie selbst von einer höllischen Folter losband, um so heftiger wurde in ihnen der Drang, überreizt wie sie waren durch Arbeit und Nachtwachen, dem Bringer der Hilfe die Hände zu küssen, der ihnen nun ganz ein göttlicher Bote schien. Auch Quint, durch das vermeintliche Wunder, und zwar noch mehr als die beiden Brüder, bewegt, konnte, wie sie, nur mühsam des Aufruhrs Herr werden, den es in seinem Innern erregt hatte; aber während es laut in ihm schrie, weil seine Beseligung bis zum physischen Schmerze ging, und während er um sich und in sich das Brausen des Heiligen Geistes zu hören glaubte, stand er doch aufrecht und stumm am Bett des Kranken still, nur daß er, den Kopf ein wenig nach rückwärts geneigt, die Augen nach oben gegen die Decke, wie gegen den Himmel, gerichtet hatte, wobei eine große Träne ihm langsam die Wange herunterrann. [...]
Der Weber in seinem Stübchen für sich, nur an den Umgang mit vertrauten Menschen, meist Gliedern der eigenen Familie, gewöhnt und darum empfindlich und leicht verletzt bei Berührung mit Fremden – ein Stubenhocker, durch sein Gewerbe zum Träumer gemacht, in dem der Hunger, die Sorge, die Not zum Dichter wird und, nicht zu vergessen, die Sehnsucht nach allem, was draußen ist: nach Sonne, nach Luft, nach Himmelsblau –, der Weber, in sich zurückgedrängt und gleichsam in eine zweite Welt, entschädigt sich in der Welt der Träume für seine irdische Trübsal und Not: und wenn er, an ein nach innen gekehrtes Dasein gewöhnt, zum Buche gleichwie zum Hausbrunnen hingedrängt, aus ihm den Durst des Geistes zu stillen gewohnt ist und die Bibel das einzige Buch des Webers ist, so kann es nicht fehlen, daß seine Seele die biblische Welt mehr als die wirkliche Welt erfüllt. Emanuel Quint erschien diesen beiden Männern nun deshalb als geradezu aus dem Bibelbuch hervorgestiegen. [...]

Und weiter sagte er: »Seht mich an« – und dabei schien der Jammer verborgenen, schweren Leides auf seine verhärmten, plötzlich verfallenen Züge getreten zu sein –, »ihr werdet am Ende zu mir sagen: Arzt, hilf dir selbst! Wenn ihr mich kennt, wie euer Vater mich kannte, was er durch seinen Ausruf bewiesen hat, so wißt ihr, daß ich ein von den Menschen Verstoßener bin. Ich war verachtet von Jugend auf. Ich war mit Schwären behaftet als Kind. Ich habe längere Zeit auf dem Stroh des Krankenlagers gelegen, als euch, da ich lebe, möglich scheint. Aber die Schmach hat mich nicht erniedrigt, und die Krankheit hat meine Seele lebendig gelassen. [...]
Wenn ihr nun heut wolltet zu mir sagen: Arzt, hilf dir selbst, so sage ich euch, daß ich das Kleid der Schmach und der Krankheit dieser Welt nicht eher will ausziehen als bei Gott. Auf dieser Welt hier ist Leiden Glück. Ich segne den Vater für jede Qual, die er mir geschenkt, für jede Marter, die er mir bescheret hat. Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid. Ich will das Kleid der irdischen Drangsal nicht von den Schultern lassen, bevor der letzte von meinen armen Menschenbrüdern es abgelegt. [...]
(Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint Kapitel 1)

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