18 März 2018

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Konsul und Konsulin

"Konsul Claudi war Anfang der Fünfzig, ein recht ansehnlicher Mann mit regelmäßigen, bis zur Plumpheit kräftigen Zügen, die sich ebenso leicht zu einem Ausdruck von Energie und kaltem Scharfsinn sammelten, wie sie zu einem verschlagenen Ausdruck gieriger, naschhafter Genußsucht erschlaffen konnten; er befand sich daher ebensogut in seinen wahren Elementen, wenn er einen Handel mit schlauen Bauern anbahnte, mit einer Schar hartnäckiger Borger akkordierte, oder bei einer letzten Flasche Rotwein zwischen ergrauten Sündern saß und auf mehr als schlüpfrige Geschichten lauschte, oder sie selbst in der rücksichtslosen, malenden Weise erzählte, für die er berühmt war.
Dies war indessen nicht der ganze Mann.
Die Bildung, die er empfangen, brachte es mit sich, daß er sich außerhalb von Fragen rein praktischer Natur auf fremdem Boden befand; aber deshalb verachtete er nicht, was er nicht verstand, machte auch kein Geheimnis daraus, daß er sich nicht darauf verstand, und noch viel weniger fiel es ihm ein, mitzureden oder Achtung für sein Geschwätz zu verlangen, nur weil er ein älterer, praktisch erfahrener und hochbesteuerter Bürger war. Im Gegenteil, er konnte mit einer fast rührenden Andacht dasitzen und auf das Gespräch junger Damen und Herren über solche Gegenstände lauschen, nur hie und da mit umständlichen Entschuldigungen eine bescheidene Frage stellen, die fast stets mit der größten Bereitwilligkeit beantwortet wurde. Dann dankte er für die Antwort mit der ganzen Verbindlichkeit, die der Ältere so schön in seinen Dank an Jüngere zu legen weiß.
Im ganzen genommen hatte Konsul Claudi in einzelnen glücklichen Momenten etwas überraschend Zartes, einen sehnsuchtsvollen Blick in den klaren braunen Augen, ein wehmütiges Lächeln um den starken Mund, einen suchenden, erinnerungsvollen Tonfall in der Stimme, – als sehnte er sich nach einer in seinen Augen besseren Welt als jene war, der seine Freunde und Bekannten ihn mit Haut und Haar verfallen glaubten.
Zwischen jener besseren Welt und ihm war seine Frau die Vermittlerin. Sie war eine jener bleichen, zarten, jungfräulichen Naturen, die nicht den Mut oder vielleicht auch nicht den Instinkt haben, ihre Liebe auszulieben, bis in der tiefsten Tiefe ihrer Seele nichts mehr von ihrem Selbst übrig ist. Auch nicht während eines flüchtigsten Moments werden sie so ergriffen, daß sie sich blind betört unter den Triumphwagen ihres Abgotts werfen. Das können sie nicht; aber sonst vermögen sie alles für den, den sie lieben. Sie können die schwersten Pflichten erfüllen, sie sind zu den schmerzlichsten Opfern bereit und sie scheuen vor keiner Demütigung zurück. So sind die besten von ihnen.
So große Anforderungen wurden nun nicht an Frau Claudi gestellt, aber ganz ohne Kummer war ihre Ehe auch nicht hingegangen; es war nämlich ein offenes Geheimnis, daß Konsul Claudi, bis vor einigen Jahren wenigstens, nicht der allertreueste Ehemann gewesen, und daß er sowohl in der Stadt wie auf dem Lande mehrere illegitime Kinder habe. Natürlich war das ein großer Schmerz für sie gewesen, und es war ihr nicht leicht gefallen, ihr Herz zu bezwingen, daß es aushielt, und nicht nachgab in jenem Aufruhr von Eifersucht, Verachtung und Zorn, Scham und lähmenden Schreck, der den festen Grund unter ihren Füßen hatte schwanken lassen. Nicht nur, daß kein Wort des Vorwurfs über ihre Lippen kam, sie verhinderte auch jedes Bekenntnis von seiten des Mannes, jede deutliche Bitte um Verzeihung und alles, was wie ein reuevolles Versprechen aussehen konnte. Sie fühlte, wenn es zu Worten käme, würden diese sie mit fortreißen, von ihm fortreißen. Schweigend sollte es getragen werden, und in diesem Schweigend suchte sie sich zur Mitschuldigen des Mannes zu machen, indem sie sich wegen der Selbstverschanzung anklagte, die aufzugeben ihre Liebe nicht stark genug gewesen war. Es gelang ihr, ihre Sünde so groß zu machen, daß sie einen unbestimmten Drang nach Vergebung empfand, und im Laufe der Zeit kam sie so weit mit sich selbst, daß das Gerücht entstehen konnte, für die Mädchen, die Konsul Claudi verführt habe, und ihre Kinder würde noch anderweitig gesorgt als durch Geld; es müsse eine verborgene Frauenhand sein, die sie schütze, ihnen alles Böse fernhalte, sie aufrecht erhalte und führe.
So kam es, daß die Sünde sich zum Guten wandte, und ein Sünder und eine Heilige einander besser machten." ( Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne 10. Kapitel)

16 März 2018

Christa Wolf: Der geteilte Himmel

"Wir leben aus dem vollen, als gäbe es übergenug von diesem seltsamen Stoff Leben, als könnte er nie zu Ende gehen." (S.7)

Ich habe den Roman "Der geteilte Himmel" wieder in die Hand genommen und über große Passagen eine stark gekürzte, sprachlich vereinfachte Version für Deutschlerner (Bücher mit 1200 Wörtern) parallel mit dem Original gelesen.
Ausgangspunkt war, dass ich in der vereinfachten Ausgabe erstaunlich viel poetische Kraft fand. In der Tat konnten einige Passagen unverändert übernommen werden [Immer werden Worterklärungen etwas ungebräuchlicherer Wörter beigegeben, die nicht auf den Grundwortschatz angerechnet werden.]
Ausgelassen ist in der vereinfachten Ausgabe der Prolog, der beginnt:

"Die Stadt, kurz vor Herbst noch in Glut getaucht nach dem kühlen Regensommer dieses Jahres, atmete heftiger als sonst." (S.7)  und schließt mit dem oben zitierten Satz.

Das erste Kapitel der vereinfachten Ausgabe überraschte mich:
"In den letzten Tagen des August 1961 erwachte das Mädchen Rita Seidel in einem kleinen Zimmer im Krankenhaus."
Nur leicht verändert gegenüber dem Original:
"In jenen letzten Augusttagen des Jahres 1961 erwacht in einem kleinen Krankenhauszimmer das Mädchen Rita Seidel."
Der Prolog war mir als Romananfang noch so stark im Sinn, dass ich nicht mehr in Erinnerung hatte, dass der Roman nicht streng der Chronologie folgt, sondern auf den Beginn der Blechtrommel von Günter Grass anspielt, die beginnt:
"Zugegeben: ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, läßt mich kaum aus dem Auge; denn in der Tür ist ein Guckloch, und meines Pflegers Auge ist von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen, nicht durchschauen kann." (S.9)
Da sich herausstellt, dass Rita beinahe zwischen zwei Eisenbahnwaggons erdrückt worden wäre, ist Wolfs Anfang des 1. Kapitels auch eine Anspielung auf  Uwe Johnsons "Aber Jakob ist doch immer quer über die Gleise gegangen." (S.5) von "Mutmassungen über Jakob".
Dass Wolf damit den beiden bundesrepublikanischen Autoren, die 1959 ein neues Kapitel der deutschen Literatur begannen, eine Hommage liefert und dass sie mit "jenen letzten Augusttagen" nochmals auf den Mauerbau des 13. August 1961 anspielt, auf den schon der Titel des Romans "Der geteilte Himmel" verweist, wird nicht jedem zeitgenössischen Leser sofort ins Auge fallen. Genauso wenig wie der Bezug des Titel ihres ersten großen Romans "Nachdenken über Christa T." auf Johnsons "Mutmaßungen".
Bezeichnend, dass das erste Kapitel des geteilten Himmels nach dem 13. August beginnt, während die Handlung sich im Wesentlichen im Juni 1961 abspielt. So staatstreu von heute aus gesehen die Handlung und die Verteilung der Sympathie auf die Hauptfiguren erscheint, so klar erkennbar war für den DDR-Leser des Jahres 1963 (in dem der Roman erschien) bei all diesen Anspielungen das Bekenntnis zu dem, was man damals "Gesamtdeutschland" nannte. 

Übrigens mag man einem Fan Fontanes, des Meisters der Kurzromane, vergeben, wenn er Wolfs Werk, was von der Autorin ausdrücklich "Erzählung" genannt wird, als Roman (eine Definition dafür lautet: "eine längere Erzählung") bezeichnet, denn mit über 200 Seiten ist sie für einen Fontanefan dafür lang genug.
Dagegen habe ich "Katz und Maus", die nicht eben kurze "Novelle" von Grass, als Mittelteil der "Danziger Trilogie" zwischen Blechtrommel und Hundejahren immer als Erzählung verstanden. Denn diesem Text fehlt durchaus der epische Atem, der die beiden ihn umschließenden Romane kennzeichnet.
Ich würde es sehr bedauern, wenn die scharfe Kritik, der Christa Wolf (wegen ihrer kurzen früheren Tätigkeit als IM "Margarete") kurz nach der deutschen Einigung anheim fiel, dazu führen würde, dass der Verweis auf die Kontinuität und den Zusammenhang des Deutschland mit den Ostgebieten (Blechtrommel), der Bundesrepublik (Erscheinungsort der "Mutmaßungen") und der DDR (Der geteilte Himmel), der für diese drei Werke von Wolf zum Ausdruck gebracht wurde, in einer Zeit, wo die Zeit der Teilung Deutschlands als eine venachlässigenswerte Episode erscheinen könnte, ganz aus dem Blick geriete.

14 März 2018

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Frau Boye

Niels Lyhne eilte der Heimat zu, er konnte die Einsamkeit unter all den fremden Menschen nicht ertragen; aber je näher er Kopenhagen kam, desto häufiger fragte er sich, was er eigentlich dort wolle, und desto mehr bereute er, nicht draußen geblieben zu sein. Denn, wen hatte er in Kopenhagen? Frithjof nicht; Erik war auf einer Stipendienreise in Italien, also ihn ebenfalls nicht; und Frau Boye? – es war ein seltsames Verhältnis, das zu Frau Boye. Jetzt, wo er direkt vom Grabe seiner Mutter kam, schien es ihm nicht gerade profan oder dergleichen, aber es klang nicht zusammen mit dem Ton, in dem seine jetzige Stimmung vibrierte. Es war ein Mißton. [...]
Am nächsten Tage ging er hin; aber er traf sie nicht. [...]
An einem der folgenden Tage wollte er hinaus.
Aber schon am nächsten erhielt er ein Billet von Frau Boye, das ihn in ihre Stadtwohnung bestellte. Die blasse Nichte habe ihn auf der Straße gesehen. Dreiviertel auf eins solle er kommen, müsse er kommen. Sie wolle ihm sagen weshalb, wenn er es noch nicht wisse. Ob er es denn wisse? Er solle sie nicht falsch beurteilen, nicht unvernünftig sein. Er kenne sie ja. Weshalb er es denn auffassen wolle, wie plebejische Naturen es täten? Würde er das tun? Sie seien doch nicht wie andere. Wenn er sie nur verstehen wolle! Niels! – Niels!
Dies Billet versetzte ihn in starke Spannung, und plötzlich fiel es ihm wieder ein und beunruhigte ihn, daß die Etatsrätin ihn neulich so spöttisch mitleidig angesehen, gelächelt und geschwiegen hatte, so sonderbar geschwiegen. Was konnte es sein – was in aller Welt konnte es nur sein? Die Stimmung, die ihn von Frau Boye ferngehalten, war verschwunden, er begriff sie gar nicht mehr, ihm war so bange. Wenn sie einander nur geschrieben hätten, wie andere vernünftige Menschen. Weshalb hatten sie es denn eigentlich nicht getan? So viel hatte er doch nicht zu tun gehabt. Er war doch auch zu merkwürdig; sich von dem Ort, wo er gerade war, immer so ganz und gar in Anspruch nehmen zu lassen. Und alles zu vergessen, was ferner lag. Nicht vergessen gerade, aber er schob es so weit zurück, und ließ es von der Gegenwart begraben. Wie unter Berge. Man sollte nicht glauben, daß er Phantasie besaß.
Endlich. Frau Boye schloß ihm selbst die Entreetür auf, bevor er noch geläutet hatte. Sie sagte nichts, sondern reichte ihm die Hand zu einem langen, kondolierenden Druck; durch die Zeitungen hatte sie ja von seinem Verlust erfahren. Niels sagte ebenfalls nichts, und so gingen sie schweigend zwischen zwei Reihen von Stühlen mit rot und weiß gestreiften Überzügen durch das erste Zimmer. Der Kronleuchter war in Papier gehüllt, und die Fensterscheiben waren geweißt. Im Wohnzimmer war alles wie gewöhnlich, nur die Jalousien waren vor den geöffneten Fenstern niedergelassen und schlugen in dem leisen Luftzug einförmig klappernd gegen den Fensterrahmen. Der Reflex vom sonnenbeschienenen Kanal sickerte gedämpft durch die gelben Stäbe und zeichnete ein unruhiges, krauses Getäfel voll Wellenlinien an die Zimmerdecke, zitternd, wie die zitternden Wogen draußen; sonst war alles still und wartete geduldig mit leisem Atem.
Frau Boye konnte nicht einig mit sich werden, wo sie sitzen wollte, endlich entschied sie sich für den Schaukelstuhl, wischte mit ihrem Taschentuch den Staub ab, stellte sich dann jedoch hinter den Stuhl, die Hände auf die Lehne gelegt. Die Handschuhe hatte sie noch an und nur einen Arm aus der schwarzen Mantille gezogen, die sie über ihrem schottischkarierten Seidenkleid trug; ebenso klein kariert wie das breite Band auf ihrem großen, runden Panamahut, dessen helles Stroh ihr Gesicht zur Hälfte verbarg; sie stand und sah zu Boden, während sie heftig mit dem Stuhl schaukelte.
Niels saß auf dem Taburett am Klavier, weit fort von ihr, als erwarte er, etwas Unangenehmes zu hören.
»Weißt du es also, Niels?«
»Nein. Aber was ist es, das ich nicht weiß?«
Der Stuhl stand still. »Ich bin verlobt.«
»Sie haben sich verlobt, aber weshalb, wie?«
»Ach nenne mich nicht Sie, sei nicht gleich unvernünftig.«
Sie lehnte sich trotzig an den Schaukelstuhl. »Du kannst doch begreifen, daß es nicht ausgesucht angenehm für mich ist, hier stehen und dir alles erklären zu müssen. Ich will es ja tun, aber du könntest mir wohl helfen.«
»Das ist lauter Unsinn. Bist du verlobt oder nicht?«
»Ich habe es dir ja gesagt,« entgegnete sie mit leiser Ungeduld und blickte auf.
»Dann darf ich mir also erlauben, Ihnen zu gratulieren, Frau Boye, und Ihnen recht herzlich für die Zeit zu danken, in der wir einander kannten.« Er war aufgestanden und verbeugte sich mehrmals sarkastisch.
»Und so kannst du von mir scheiden, so ganz ruhig; ich bin verlobt, und nun sind wir fertig; alles, was zwischen uns beiden gewesen, ist eine alte, dumme Geschichte; an die wir nicht mehr denken wollen. Vorbei soll vorbei sein? Ohne weiteres? – Niels, soll die Erinnerung an all jene teuren Tage von jetzt an stumm sein, wirst du nie, nie wieder an mich denken, mich nie vermissen? Wirst du nicht zuweilen in einer stillen Abendstunde den Traum wieder lebendig träumen und ihm die Farben geben, in denen er hätte leuchten können? Kannst du es lassen, alles in Gedanken noch einmal zu lieben, und es zu der Fülle reifen zu lassen, die es hätte erreichen können? Kamst du? Kannst du deinen Fuß darauf setzen und es zertreten, jedes Krümchen, so daß es aus der Welt ist? Niels?« [...]
Es liegt uns Frauen nun einmal nicht, Ausnahmen zu sein, Niels, es macht uns so seltsam, vielleicht interessanter, aber sonst... Kannst du es begreifen? Es ist erbärmlich, nicht wahr? Aber du begreifst wohl, daß es einen wunderlichen Eindruck auf mich gemacht hat, wieder in die alten Umgebungen zurückzukommen .... So viele Erinnerungen drangen auf mich ein – das Andenken an meine Mutter, und wie sie dachte; mir war, als sei ich wieder in den Hafen gelangt, alles war so friedlich und ordentlich, und ich brauchte mich nur daran zu binden, um für all mein Lebtag recht glücklich zu werden. Und deshalb ließ ich mich binden, Niels.«
Niels konnte sich eines Lächelns nicht erwehren; er fühlte sich ihr so überlegen, und sie tat ihm so leid, wie sie da vor ihm stand, so jugendlich unglücklich in ihrem Selbstbekenntnis. Ihm wurde so weich zumut, und er konnte gar keine harten Worte finden.
So ging er zu Ihr.
Inzwischen hatte sie den Stuhl umgedreht und war hineingesunken; da saß sie nun so matt und weltverlassen mit hängenden Armen, mit erhobenem Gesicht und halb gesenkten Augen und sah durch das verdunkelte Zimmer mit den zwei Reihen Stühlen in das finstere Entree hinaus.
Niels legte den Arm auf die Rückenlehne und beugte sich, die Hand auf die Seitenlehne gestützt, über sie und flüsterte: »Und mich hattest du ganz vergessen?«
Es war, als hätte sie es nicht gehört, sie hob nicht einmal die Augen; endlich schüttelte sie den Kopf, ganz wenig, und nach einer Weile noch einmal, ganz wenig. [...]
Diese Ruhe raubte ihnen die Sprache, beinahe auch die Gedanken, und sie saß wieder wie zuvor, den Blick in das dunkle Entree gerichtet; er blieb über sie gebeugt stehen und starrte auf das Gewürfel ihres Seidenkleides, und unbewußt, von der milden Ruhe verlockt, begann er, sie zu schaukeln, ga – nz leise, ga – nz leise.
Langsam hob sie die Lider zu einem Blick auf sein mild beschattetes Profil und senkte sie dann wieder in stillem Wohlbehagen. Es war wie eine lange Umarmung, als legte sie sich in seine Arme, wenn der Stuhl zurückging: und wenn er wieder nach vorn ging, so daß ihre Füße den Boden berührten, so lag etwas von ihm in dem leisen Druck, den der Boden gegen den Fuß übte. Auch er fühlte es, das Schaukeln begann ihn zu interessieren, nach und nach schaukelte er stärker; es war, als wäre er näher daran, sie zu besitzen, je weiter er den Stuhl zurücklehnte, und wie Erwartung lag es in der Sekunde, die dem Vorwärtsschaukeln voranging; und wenn er dann niederstieß, so lag eine eigentümliche Befriedigung in dem leisen Schlag, mit dem ihre willenlosen Füße den Boden berührten; und ihr ganzer Besitz dünkte es ihn, wenn er den Stuhl noch weiter vorwärts zwang, und ihre Sohlen so sanft gegen den Boden preßte, daß die Knie sich ein wenig heben mußten.
»Laß uns nicht träumen«, sagte Niels dann mit einem Seufzer und ließ resigniert den Stuhl los.
»Doch«, sagte sie beinahe bittend, und sah ihn unschuldig mit großen, wehmutstrunkenen Augen an.
Sie hatte sich langsam erhoben.
»Nein, nicht träumen«, sagte Niels nervös und legte den Arm um ihre Taille. »Träume sind genug zwischen uns gewesen, hast du das nie bemerkt? Haben sie nie wie ein flüchtiger Atem deine Wange oder dein Haar berührt? Ist es möglich, daß die Nacht nicht zitternd Seufzer auf Seufzer ausgehaucht hat, die sterbend auf deine Lippen herabsanken?«
Er küßte sie, und es war ihm, als werde sie minder jung unter seinem Kusse, minder jung, aber schöner, glühend schön, berauschend.
»Du mußt es wissen,« sagte er, »du weißt nicht, wie ich dich liebe, wie ich gelitten habe und entbehrt. Tema, wenn jene Zimmer am Wall reden könnten!«
Er küßte sie wieder und wieder, und sie schlang heftig die Arme um seinen Hals, so daß die weiten Ärmel hoch über die faltigen weißen Unterärmel, höher als über die grauen Gummibänder, die sie über dem Ellbogen hielten, hinaufglitten.
»Was könnten die Zimmer sagen, Niels?«
»Tema, könnten sie zehntausendmal und öfter sagen; sie könnten in diesem Namen beten, rasen, seufzen und schluchzen. Tema – sie könnten auch drohen.«
»Sie könnten drohen?«
Von der Straße herauf drang ganz und unverkürzt ein Gespräch durch die geöffneten Fenster; es war die gleichgültigste Weisheit der Welt in abgenützten Alltagsworten, die zwei stimmungslose Klatschstimmen durcheinander jagten und wälzten. Die ganze Prosa drang, zu ihnen herein und machte es noch herrlicher, so Brust an Brust dazustehen, eingehüllt von weichem, gedämpften Licht.
»Wie ich dich liebe, du Süße, Süße – in meinen Armen, du bist so gut; bist du so gut, so gut? – und dein Haar ... ich kann beinahe nicht sprechen, und all die Erinnerung ... so gut ... all die Erinnerung daran, wie ich geweint habe und unglücklich war und dich so schmerzlich vermißte, sie dringt jetzt auf mich ein, drängt sich hervor, als wollte sie jetzt im Glück glücklich mit mir sein – begreifst du! – Weißt du noch, Tema, kannst du dich noch auf den Mondschein im vorigen Jahr besinnen? [...] Nein, du Süße, es wäre ein Jammer, wenn du weinen müßtest; du darfst nicht weinen, um dich sollten stets Rosennächte und Sonne sein – eine Rosennacht –«
Sie war ganz in seine Arme gesunken, und den Blick in den seinen verloren, murmelten ihre Lippen wie im Traum seltsam süße Liebesworte, von ihrem Atem halb erstickt, wiederholte sie Worte, Worte von ihm, als flüsterte sie sie ihrem Herzen zu.
Draußen auf der Straße entfernten sich die Stimmen und machten sie unruhig. Dann kamen sie wieder, taktfest, von dem harten Stoßen eines Stocks auf die Fliesen begleitet; jetzt verzogen sie sich auf die andere Seite, weilten lange noch gedämpft in der Ferne, wurden schwächer und erstarben.
Und die Stille schwoll wieder um sie empor, loderte auf um sie, herzzersprengend mit schwerem Atem. Die Worte zwischen ihnen waren versiegt, die Küsse fielen schwer von ihren Lippen, wie zögernde Fragen, aber sie brachten keine Erlösung mit sich, kein Genießen des Augenblicks. Sie wagten nicht, mit den Augen voneinander zu lassen, und wagten doch nicht, Worte in ihren Blick zu legen, sie verschleierten ihn gleichsam, verbargen sich hinter ihm, schweigend, über geheimnisvolles Träumen brütend.
Da plötzlich kam ein Zittern in seine Umarmung und weckte sie, und sie stemmte die Hände gegen seine Brust und riß sich los.
»Geh, Niels, geh, du darfst nicht hier sein; du darfst nicht, hörst du?«
Er wollte sie an sich ziehen, aber sie zog sich bleich und wild zurück. Sie zitterte von Kopf bis zu Fuß und stand mit vorgestreckten Armen da, als wage sie nicht, sich selbst zu berühren.
Niels wollte niederknien und ihre Hand fassen.
»Du darfst mich nicht anrühren«, Verzweiflung lag in ihrem Blick. »Weshalb gehst du nicht, wenn ich dich bitte, Herrgott, kannst du denn nicht gehen? Nein, du darfst nicht sprechen, geh deiner Wege, du. Siehst du nicht, wie ich vor dir zittere? Sieh doch, sieh. Oh, es ist schlecht vor dir, so gegen mich zu sein! Wenn ich dich doch bitte!«
Es war ihm unmöglich ein Wort zu sagen, sie wollte nicht hören. Sie war ganz außer sich. Tränen strömten aus ihren Augen; ihr Gesicht war fast verzerrt und leuchtete gleichsam vor Blässe. Was sollte er tun?
»Willst du denn nicht gehen? Kannst du denn nicht sehen, wie du mich durch dein Bleiben demütigst, du mißhandelst mich, ja, das tust du; was habe ich dir getan, daß du so schlecht sein kannst? Oh, geh! Hast du denn kein Mitleid?«
Mitleid. Er war eiskalt vor Wut. Dies war ja Wahnsinn. Es blieb ihm nichts übrig, als zu gehen. Er ging. Die beiden Stuhlreihen ließ er nicht seitwärts liegen, sondern ging langsam, den starren Blick darauf gerichtet, hindurch, wie um zu trotzen.
»Erit Niels Lyhne«, sagte er, als er die Entreetür hinter sich ins Schloß fallen hörte.
Nachdenklich, den Hut in der Hand, ging er die Treppe hinunter. [...]
(Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne Kapitel 9)

11 März 2018

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Auf dem Weg zum Dichter

Frau Boye
"Aber trotzdem bildete sich nach und nach ein Verhältnis zwischen ihnen heraus, ein seltsames Verhältnis, geboren aus der demütigen Liebe eines Jünglings, dem traumheißen Begehren eines Phantasten und der Lust eines Weibes, in romantischer Unerreichbarkeit begehrt zu werden; und dieses Verhältnis fand seine Form in einer Mythe, die für sie entstand, sie wußten nicht wie, eine stille, stubenbleiche Mythe von einer schönen Frau, die in ihrer Jugend einen der Großen im Geiste geliebt hatte, der fortgegangen war, um in fremdem, fernem Land vergessen und verlassen zu sterben.
[...]
Nach und nach nahm ihr Verhältnis im Schutz dieser Mythe eine festere Form an. Sie duzten sich und nannten sich beim Vornamen, wenn sie allein waren, Niels und Tema, und die Anwesenheit der Nichte wurde soviel wie möglich beschränkt. Wohl suchte Niels hie und da die aufgerichtete Schranke zu durchbrechen, aber Frau Boye war ihm zu überlegen, um nicht leicht und behutsam diese Aufstandsversuche unterdrücken zu können, und bald gab Niels sich wieder zufrieden und fand sich in diese Liebesphantasie mit Bildern der Wirklichkeit. [...]
Überdies hatte sie das Spiel doch nicht so ganz in ihrer Hand; denn es geschah doch zuweilen, daß das Blut in seinem Müßiggang davon träumte, diese halbgezähmte Liebe zu belohnen, sie mit dem reichsten Zauber der Liebe verschwenderisch zu überfluten, um sich an ihrem staunenden Glück zu ergötzen. Und solch ein Traum war nicht so leicht zu verjagen; und wenn dann Niels kam, so war sie nervös im Bewußtsein der Sünde und von einer Demut des Schuldbewußtseins, einer hinreißenden Schamhaftigkeit, die die Luft gar seltsam liebesbange machten. [...]
Aus Niels Lyhne sollte ja ein Dichter werden, und in seinen äußeren Lebensbedingungen war ja auch genug gewesen, was seine Neigungen in dieser Richtung leiten konnte, genug, was seine Fähigkeiten auf eine solche Aufgabe aufmerksam machen konnte; aber bis jetzt hatte er ja nicht viel mehr als seine Träume gehabt, auf die hin er Dichter werden konnte, und nichts ist einförmiger, eintöniger als Phantasterei; denn in den scheinbar unendlichen, ewig wechselnden Traumlanden gibt es in Wirklichkeit doch nur gewisse kurze, festgelegte Landstraßen, auf denen alle gehen, und über die sie niemals hinauskommen. Die Menschen können sehr verschieden sein, aber ihre Träume sind es nicht;
 [...]"
Die Mutter
"»Ich habe auf das Schiff gewartet – nein, sei still, mein Junge, du verstehst mich nicht, – es war nicht für mich selbst, es war deines Glückes Schiff, ..... ich hatte gehofft, daß das Leben groß und reich für dich werden und du auf strahlenden Wogen dahinfahren würdest – Berühmtheit ... alles – nein, nicht das; nur, daß du mitkämpfen solltest um das Größte, ich weiß nicht wie, aber ich war des Alltagsglücks und der Alltagsziele so müde geworden. Verstehst du mich?« [...]
»Hab ich dir weh getan, mein Junge? Es waren ja nur Träume, laß gut sein.« Niels schwieg lange, er schämte sich dessen, was er sagen wollte. »Mutter,« sagte er, »wir sind nicht so arm, wie du glaubst. – Eines Tages wird das Schiff doch kommen..... Wenn du das nur glauben oder an mich glauben wolltest ... Mutter, ich bin ein Dichter – wirklich – mit meiner ganzen Seele. Glaub' nicht, daß es Kinderträume sind oder Träume der Eitelkeit. Wenn du fühlen könntest, wie ich es sage, mit wie dankbarem Stolz auf das Beste in mir, mit wie demütiger Freude darüber, daß es ist – so fern von allem Persönlichen, von jedem Hochmut, dann würdest du es so glauben, wie ich innig wünsche, daß du es glauben möchtest. O du Liebe, Liebe! ich werde mit um das Größte kämpfen, und ich verspreche dir, daß ich nie weichen, stets treu sein werde gegen mich, und das, was ich habe. Das Beste soll mir gerade gut genug und nicht mehr sein; keinen Akkord werde ich schließen, Mutter; kann ich fühlen, daß es nicht vollhaltig ist, was ich geformt habe, oder höre ich, daß es einen Riß oder Sprung hat, wieder hinein damit in den Schmelztiegel – immer nur das Beste, was ich zu leisten vermag. Begreifst du, daß ich dies versprechen muß? Die Dankbarkeit für all meinen Reichtum treibt mich zum Versprechen, und du mußt es annehmen, und es wird ein Verbrechen gegen dich und das Höchste sein, wenn ich jemals untreu werde; denn dir danke ich es, daß meine Seele so hoch strebt;
 [...]
»Du hast mich so froh gemacht, Niels ... nun ist mein Leben doch nicht ein einziger, langer, unnützer Seufzer gewesen; es hat dich empor getragen, so wie ich es innig erhofft und erträumt habe, o Gott, so oft erträumt habe. – Und doch mischt sich so viel Wehmut in die Freude, denn, Niels, daß mein teuerster Wunsch, der Wunsch so vieler Jahre, gerade jetzt in Erfüllung gehen soll ... so kommt es nur, wenn man nicht lange mehr zu leben hat.« [...]
denn der letzte Traum, der sich ihr in dem verborgenen Winkel der Heimat wie eine neue Morgenröte gezeigt hatte, der Traum von der Herrlichkeit einer fernen Welt, er hatte nicht den Tag gebracht, seine Farben waren verblichen, je näher sie ihnen kam, und sie fühlte, daß sie nur für sie erbleichten, weil sie Farben verlangt hatte, die das Leben nicht besitzt, eine Schönheit begehrt hatte, welche die Erde nicht reift. Aber die Sehnsucht erlosch nicht, still und stark brannte sie in ihrem Herzen, immer heißer in ihrem Schmerz, heiß und verzehrend. [...]
Jeder Tag brachte neue Blumen, er trieb sie in den Gärten am See in bunten Mustern aus der Erde, er lud sie unten auf den Zweigen der Bäume ab, Riesenveilchen auf der Paulownia und große purpurstreifige Tulpen auf der Magnolia. An den Wegen entlang zogen die Blumen in blauen und weißen Reihen, sie füllten die Felder mit gelben Horden, aber nirgend standen sie so dicht, wie oben zwischen den Höhen in einsamen, warmen, kleinen Tälern, wo der Lärchenbaum mit licht funkelnden Rubinzapfen im hellen Laub stand; denn dort oben blühten Narzissen in blendenden Myriaden und erfüllten die Luft in der Runde mit dem. betäubenden Duft ihrer weißen Orgien. [...]
Weiß schimmern sie zwischen dunkeln Zypressen und dem im Winter blühenden Viburnum hervor; frühe Rosen schütten ihre Blätter über viele von ihnen aus, und an ihrem Fuß ist die Erde blau von Veilchen; aber um jeden Hügel und jeden Stein schlingen sich die Ranken der sanften Vinka mit ihren blanken Blättern, Rousseaus Lieblingsblume, die blauer ist als der blaue Himmel."

09 März 2018

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - Kindheit und Jugend

Die Eltern
"[...] er konnte diese ewige Poesie nicht ertragen, er sehnte sich nach dem festen Boden des Alltags wie ein Fisch, der in der heißen Luft erstickt, sich nach der klaren, frischen Kühle der Wogen sehnt. Es mußte aufhören, es mußte von selbst aufhören; Bartholine stand dem Leben und den Büchern nicht mehr unerfahren gegenüber, sie war ebenso vertraut damit wie er; er hatte ihr alles gegeben, was er erhalten hatte, und jetzt sollte er immer noch geben; weiter und weiter, das war unmöglich, er hatte nichts mehr; – sein einziger Trost war, daß Bartholine sich Mutter fühlte. [...]
Der Befreiungsversuch, der hierin lag, mißglückte. Sie versank wieder in ihre Träume, Träume aus der Mädchenzeit; aber es bestand der Unterschied, daß nun keine Hoffnung aus ihnen hervorleuchtete; [...]
So verschieden waren des kleinen Niels Lyhne Vater und Mutter, die beiden freundlichen Mächte, die ohne es zu wissen, einen Kampf um seine junge Seele kämpften, von dem Augenblick an, wo sich nur ein Schimmer von Intelligenz zeigte, mit der etwas anzufangen war; und je älter das Kind wurde, desto heftiger wurde der Kampf, denn um so reicher wurde die Auswahl unter den Waffen. [...]

Kindheit
Niels war jetzt ein großer Knabe, zwölf Jahre alt, ging ins dreizehnte und brauchte nicht mehr auf Disteln und Kletten loszuschlagen, um seinen Ritterphantasien zu genügen, ebensowenig wie er seine Entdeckerträume zum Segeln in Muschelschalen auszusetzen brauchte; ein Buch und eine Sofaecke reichten jetzt, und reichten sie nicht, wollte ihn das Buch nicht an eine Küste tragen, die ihm lieb, so suchte er Frithjof auf und erzählte ihm die Geschichte, die das Buch nicht erzählen wollte. [...]
Oben am offenen Fenster der Dachkammer saß Niels und starrte ihm nach. Er hatte das ganze Gespräch von Anfang bis Ende mitangehört; seine Züge drückten Erschrecken aus, und ein nervöses Zittern ging durch seinen Körper. Zum erstenmal hatte er Furcht vor dem Leben empfunden, zum erstenmal wirklich begriffen, daß, wenn es einen verurteilt hat zu leiden, dieses Urteil weder erdichtet noch angedroht ist; nein, dann wird man zur Folterbank geschleppt, dann wird man gefoltert, und es kommt keine abenteuerliche Befreiung im letzten Augenblick, kein plötzliches Erwachen wie aus einem bösen Traum. Das war es, was er in ahnungsvoller Angst begriff. [...]
Es wurde still in ihm. Sein Glaube hatte sich in blindem Flug gegen die Tore des Himmels geworfen, und nun lag er mit gebrochenen Flügeln auf Edeles Grab. [...]

Dann lernt er Frau Boye kennen.
»Wie wunderlich es ist, wenn man Sehnsucht nach sich selbst hat!« sagte sie, sich langsam aus ihren Träumen losringend und mit ihrem Blick in die Wirklichkeit zurückkehrend, »ich sehne mich so oft, so oft nach mir, wie ich als junges Mädchen war, und ich liebe dieses Mädchen wie ein Wesen, dem ich innerlich nahe gestanden, mit dem ich Leben und Glück und alles geteilt, und das ich dann verloren habe, ohne auch nur das Allergeringste dagegen tun zu können. [...]
man will uns in das Ideal des Mannes hineinzwingen. [...] Ich nenne das eine Vergewaltigung unserer Natur. Ich nenne es Dressur. Die Liebe des Mannes dressiert. Und wir beugen uns; selbst die, die niemand liebt, beugen sich mit, verächtliche Schwächlinge, die wir sind.« [...]
Er liebte, er sagte es laut vor sich hin, daß er liebte. Viele Male. Es lag ein so wundervoller Klang von Würde in diesen Worten, und sie bedeuteten so viel. Sie bedeuteten, daß er nicht länger Gefangener in der Gewalt jener phantastischen Einflüsse der Kindheit sei, nicht länger ein Spielball zielloser Sehnsucht und nebelhafter Träume, daß er sich aus jenem Elfenland gerettet hatte, das mit ihm und um ihn aufgewachsen war, ihn mit hundert Armen umschlungen und ihm die Augen mit hundert Händen zugehalten hatte. Er hatte sich diesen Fesseln entrungen und sich selbst gewonnen; [...]

Er liebte sie und kniete voll Verlangen vor ihr, er bettelte zu ihren Füßen um all diese berauschende Schönheit. Wirf dich von deinem Thron herab zu mir; mach dich zu meiner Sklavin, leg selbst die Sklavenkette um deinen Hals, aber nicht im Spiel; ich will an der Kette zerren, es soll Gehorsam in allen deinen Gliedern, Unterwerfung in deinen Blicken liegen. [...] nur ich allein will dein Herr sein, und ich würde deinen Willen entgegennehmen, der gebrochen in deinen demütig ausgestreckten Händen liegt. Du solltest meine Königin und ich dein Sklave sein, aber mein Sklavenfuß müßte auf deinem stolzen Königinnennacken stehen; was ich begehre, ist nicht Wahnwitz, denn das ist doch Frauenliebe, stolz und stark zu sein und sich zu beugen; das weiß ich schon, daß lieben heißt, schwach zu sein und zu herrschen. [...]"
(Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne Kapitel 2 - 7)

08 März 2018

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne 1. Kapitel

"Sie hatte der Blider schwarze, strahlende Augen mit den feinen, schnurgeraden Brauen, sie hatte ihre stark ausgebildete Nase, ihr kräftiges Kinn und ihre schwellenden Lippen. Auch den seltsamen, schmerzlich sinnenden Zug um die Mundwinkel und die unruhigen Kopfbewegungen hatte sie geerbt; ihre Wange aber war bleich und weich wie Seide war ihr Haar, das sich glatt und leicht um die Form des Kopfes legte.
So waren die Bliders nicht; ihre Farben waren Rosen und Bronze. Ihr Haar war struppig und kraus, wie eine Mähne so dicht; und tiefe, volle, biegsame Stimmen hatten sie, seltsame Zeugnisse für die Überlieferungen ihrer Familie – von lärmenden Jagdfahrten, feierlichen Morgenandachten und den tausend Liebesabenteuern ihrer Vorfahren.
Aber ihre Stimme war matt und klanglos.
Ich erzähle von ihr, wie sie als Siebzehnjährige war; ein paar Jahre später, als sie verheiratet war, hatte ihre Stimme mehr Fülle, die Farbe der Wangen war frischer, und das Auge zwar matter, zugleich aber größer und dunkler geworden.
Mit siebzehn Jahren aber war sie sehr verschieden von ihren Geschwistern, und es bestand auch eigentlich kein nahes Verhältnis zwischen ihr und ihren Eltern. Die Bliders nämlich waren ein praktisches Geschlecht und nahmen das Leben so, wie es war; sie taten ihre Arbeit, schliefen ihren Schlaf und verlangten nie nach anderen Vergnügungen als nach dem Erntefest und drei, vier Weihnachtsschmäusen. Religiös bewegt waren sie nicht; aber es hätte ihnen ebenso leicht einfallen können, ihre Steuern nicht zu zahlen, als Gott nicht zu geben, was Gott gebührte; und deshalb sprachen sie ihr Abendgebet, gingen an hohen Feiertagen in die Kirche, sangen am Weihnachtsabend ihren Choral und nahmen zweimal im Jahr das heilige Abendmahl. Sie waren auch nicht wißbegierig, aber ihr Sinn war durchaus nicht unempfänglich für kleine, sentimentale Lieder, und wenn der Sommer kam, und das Gras dicht und üppig auf den Wiesen wuchs, und die Ähren auf den weiten Äckern wogten, dann sagten sie wohl zueinander, daß die Zeit schön sei, um über Land zu fahren; aber sie waren keine besonders poetischen Naturen; Schönheit berauschte sie nicht, sie hatten keine unbestimmte Sehnsucht, kannten keine wachen Träume.
Aber mit Bartholine war es anders; sie hatte durchaus kein Interesse für die Ereignisse im Stall und auf den Feldern, kein Interesse für Meierei und Haushalt – nicht das geringste.
Sie liebte Gedichte. [...]
Und warum sollte man nicht selbst solch ein Mädchen sein können? Diese sind so – und jene so – sie selbst aber wissen es nicht; weiß ich denn, wie ich bin? und die Dichter sagen ausdrücklich, dies sei das Leben, und leben bedeute nicht nähen und stricken, den Haushalt führen und dumme Besuche machen.
Eigentlich lag, genau genommen, in all dem nur der ein wenig krankhafte Trieb, sich selbst zu fühlen, das Streben, sich selbst zu finden, das so oft bei einem jungen, mehr als gewöhnlich begabten Mädchen erwacht; schlimm aber war, daß sich in ihrer Umgebung keine einzige überlegene Natur befand, an der sie ihre eigene Begabung hätte messen können; nicht einmal eine verwandte Natur gab es, und so kam sie dazu, sich selbst als etwas Merkwürdiges, Einzigartiges, als tropisches Gewächs zu betrachten, das unter rauhem Himmelsstrich emporgeschossen nur kümmerlich seine Blätter zu entfalten vermag, während es in wärmerer Luft, unter einer heißeren Sonne schlanke Stengel mit einem wunderbar reichen, strahlenden Blumenflor getrieben hätte. Das, meinte sie, sei ihr eigentliches Wesen, und das hätte rechte Umgebung aus ihr machen können, und sie träumte tausend Träume von diesen sonnigen Gegenden, verzehrte sich vor Sehnsucht nach ihrem wahren, reichen Ich und vergaß, was zu vergessen so nahe liegt, daß selbst die schönsten Träume, das tiefste Sehnen den menschlichen Geist nicht um einen Zoll fördern. [...]"
(Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne 1. Kapitel)

06 März 2018

Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne - der Einzug des Frühlings

"Um sie her wurde das schönheitsschwangere Fest des Frühlings gefeiert, die weißen Schneeglöckchen läuteten es ein, die geäderten Becher der Krokusblume grüßten es jubelnd. Hundert kleine Bergströme stürzten kopfüber hinab ins Tal, um zu melden, daß der Frühling gekommen, und kamen alle zu spät; denn wo sie an grünen Ufern vorüberkamen, standen Primeln in Gelb und Veilchen in Blau und nickten, wir wissen schon, wir wissen schon, wir haben es früher gemerkt als du. Die Weiden hißten die gelben Wimpel, und krauses Farnkraut und samtweiches Moos hängten grüne Girlanden an die nackten Weinbergsmauern, während Tausende von Nesseln den Fuß der Mauer mit langen Verbrämungen in Braun und Grün und mattem Purpur verbargen. Das Gras breitete seinen grünen Mantel weit und breit aus und viele hübsche Kräuter setzten sich darauf, Hyazinthen mit Blüten wie Sterne und Blüten wie Perlen, Tausendschön tausendweise, Enzian, Anemonen und Löwenmaul und hundert andere Blumen. Und über den Blumen auf der Erde schwebten, von den hundertjährigen Stämmen der Kirschbäume getragen, wohl tausend strahlende Blüteninseln, an deren weiße Küsten das Licht schäumend schlug, und welche die Schmetterlinge, die Botschaft vom Blumenkontinent da unten brachten, blau und rot sprenkelten.
Jeder Tag brachte neue Blumen, er trieb sie in den Gärten am See in bunten Mustern aus der Erde, er lud sie unten auf den Zweigen der Bäume ab, Riesenveilchen auf der Paulownia und große purpurstreifige Tulpen auf der Magnolia. An den Wegen entlang zogen die Blumen in blauen und weißen Reihen, sie füllten die Felder mit gelben Horden, aber nirgend standen sie so dicht, wie oben zwischen den Höhen in einsamen, warmen, kleinen Tälern, wo der Lärchenbaum mit licht funkelnden Rubinzapfen im hellen Laub stand; denn dort oben blühten Narzissen in blendenden Myriaden und erfüllten die Luft in der Runde mit dem. betäubenden Duft ihrer weißen Orgien."
(Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne 8. Kapitel)