2000 Rücktritt als Partei- und Fraktionsvorsitzender aufgrund der CDU-Spendenaffäre.
Seit 2000 Mitglied des CDU Präsidiums.
2002-2005 stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU Bundestagsfraktion.
2005-2009 Bundesminister des Inneren.
2009-2017 Bundesminister, Finanzen
2012 Träger des Karlspreis.
2014 schwarze Null: erster Schulden Frajer, Haushalt seit 1969
2015 Höhepunkt der Griechenland, Krise.
2016 Ehrenbürger Berlins.
2017-2021 Präsident des deutschen Bundestages.
2021 Alterspräsident des deutschen Bundestags
2022 Ehrenbürger Offenburg,
2022 50-jähriges Jubiläum als Mitglied des deutschen Bundestags.26.12.2023 verstorben in Offenburg (S. 632/33)
Rezension von Jörg Lau:
Innenansichten
der Weltgeschichte: »Erinnerungen. Mein Leben in der Politik« von
Wolfgang Schäuble
Vieles
an diesem Buch ist außergewöhnlich, allein schon die Spanne an
politischen Entscheidungen, an denen Wolfgang
Schäublezwischen
1972 und 2023 beteiligt war und von denen er packend erzählt. Von
den Ostverträgen Willy Brandts (für die er heimlich stimmte) über
die deutsche Einheit (die er wesentlich managte) bis zur
Islamkonferenz und zur Eurokrise – überall war dieser Mann nicht
nur Zeitzeuge, sondern Akteur und Antreiber. Schäubles Erinnerungen
sind also ein Geschichtsbuch aus der Sicht eines Insiders und schon
daher interessant. […]
Was
dieses Buch zur fesselnden Lektüre macht, sind die Erschütterbarkeit
und die Lernfreude eines Mannes, der zugleich immer Lust am Streit
hatte. Berührend etwa die Begegnung mit Oskar Lafontaine 1990 am
Krankenbett, nach dem Attentat, das Schäuble in den Rollstuhl
verbannen sollte. Die beiden sind erbitterte Gegner, zwei Männer mit
Machtinstinkt, die jeweils äußerste Verwundbarkeit erlebt haben.
Als Opfer von Anschlägen psychotischer Täter hatten beide nur knapp
überlebt. Schäuble wurde Architekt und Antreiber der
Wiedervereinigung, während Lafontaine sie hinauszuzögern, wenn
nicht gar zu verhindern versuchte.
Doch
an seinem Krankenbett reden Schäuble und Lafontaine über ihre
gemeinsamen Traumata und Ängste. Lafontaine sei einer, so schreibt
Schäuble, »der unbedingt recht behalten wollte, mir insofern nicht
unähnlich«. Er sehe im Rückblick »manche seiner
kapitalismuskritischen Ansichten in späteren Jahren differenzierter
(…), mit mehr Verständnis«. Man liest dieses Buch und spürt,
welch ein Verlust unserer Demokratie ohne die ungewöhnliche
Kombination klarer konservativer Werte mit Offenheit und Selbstkritik
droht, die Wolfgang Schäuble verkörperte. (Jörg
Lau)
"Ich habe Grund, Kohl für vieles dankbar zu sein, und meine Karriere bleibt unmittelbar mit seiner Kanzlerschaft verknüpft. Andererseits war dieses Verhältnis keine Einbahnstraße, und Kohl hat mich gewiss nicht allein aus Gefälligkeitsgründen gefördert. Ich habe in diesem Jahren hart gearbeitet, den Laden/zusammengehalten und manches Mal die Grenzen der Belastbarkeit gespürt. Vor allem, wenn ich als Feuerwehrmann agieren musste. Pausenlos gab es Brände zu löschen: ob im Streit mit den Vertriebenenverbänden oder der CSU, wegen Unstimmigkeiten mit der FDP und Querelen mit der niedersächsischen Landesregierung um die Inbetriebnahme des Kohlekraftwerks Buschhaus oder wegen der Flugzeugbenzinaffäre. Manchmal hatte ich das Gefühl unter Dauerfeuer zu stehen. Über viele Fragen wurde endlos gestritten, lange ohne Ergebnis. Das konnte bisweilen frustrierend sein. Ich wüsste nicht, dass ich zu irgendeiner Zeit Kohl hättedafür verantwortlich machen wollen. Es gab zwischen uns nie ein ernsthaftes Zerwürfnis. Aber wir standen alle wahnsinnig unter Druck. Die Umstände waren schwierig, und ich spürte die Last eines Amtes, in dem ich immer zu funktionieren und zu reagieren hatte.
16-17 Stunden zu arbeiten, war bei mir keine Seltenheit. Ab einem gewissen Grad der Belastung fing ich damit an, ziemlich konsequent jeden Morgen auf dem Sportplatz hinter dem Langen Eugen meine Runden zu drehen, auch im Winter. Meist allein, ab und zu ist auch mal jemand mit mir gelaufen, mein Kollege und bis heute guter Freund Hans-Peter Repnik, zum Beispiel. Ich quälte mich um kurz nach sechs einigermaßen schlaftrunken, die ungefähr 250 Meter von der Heussallee zur Laufbahn, obwohl ich erst vier bis fünf Stunden vorher ins Bett gekommen war. Aber wenn ich nach einer halben Stunde in mein Apartment zurückkehrte, um zu duschen, dann ins Kanzleramt zu gehen und dort zu frühstücken, war ich guter Laune, und das hielt mindestens bis zum Mittag vor. Irgendwann fiel mir auf, dass ich tagsüber gar keinen Hunger mehr hatte, denn ich hielt mich nur noch mit Kaffee und Tabak über Wasser. Dass das auf Dauer nicht gesund sein konnte, war klar. Jedenfalls forderte ich meine Sekretärin Helga Heyden auf, mich jeden Mittag zum Essen zu nötigen. Es war leicht abzusehen, dass ich sonst vor die Hunde gegangen wäre, denn einen solchen Lebensstil hätte ich nicht allzu lange durchgehalten. Auf diese Pause, die Abstand vom Tagesgeschäft schafft, habe ich fortan immer geachtet. Das ungestörte Mittagessen, seit bald zwei Jahrzehnten nun mit Nicole Gudehus als meiner engsten Mitarbeiterin, ist ein fester Anker in einem Tageslauf, der vielfach von außen bestimmt wird. Das mussten alle Büroleiter akzeptieren.[...] /
[...] Mein Gefühl, der Überarbeitung wurde hilfreich konterkariert durch die Eindrücke meiner jüngsten, 1981 geborenen Tochter Anna, die mich als kleines Mädchen einmal für einige Tage in Bonn besuchte. Nachdem sie etwas Zeit in meinem Büro verbracht hatte, fragte sie mich ganz nachdenklich: 'Sag mal, Papa, wann arbeitest du eigentlich?' Eine irritierende Frage für jemanden, der die ganze Zeit unter Strom steht. 'Wie meinst du das?', wollte ich wissen. Ihre entwaffnende Antwort: 'Immer, wenn ich dich sehe, tust du entweder lesen, telefonieren oder schwätzen!' Sie war wenig beeindruckt, schwärmte aber noch lange vom Ausflug ins Phantasialand, zu dem sie ein freundlicher Mitarbeiter eingeladen hatte." (S.156-58)
"Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986, bedeutete eine Zäsur und veränderte alles. [...] Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich in den Tagen danach mit einem langen Wochenende durch den 1. Mai als Kanzleramtschef praktisch der einzig erreichbare Minister in Bonn gewesen bin. Der Bundeskanzler selbst / befand sich auf einer Ostasienreise und konnte, wie und sein Pressesprecher Eduard Ackermann übermittelte, die Aufregung, die in Deutschland und in Europa wegen der Reaktorkatastrophe herrschte, erst gar nicht verstehen. Wir würden das alles völlig übertreiben. Er wurde eines Besseren belehrt und entschied sich schließlich, ein eigenes Umweltministerium einzurichten, für dessen Führung eher mit Walter Wallmann, den angesehenen Oberbürgermeister von Frankfurt ins Kabinett holte. [...] Es erwies sich als eine ebenso dauerhafte wie zukunftsweisende Konstruktion."(Seite 159/60)
"Spektakulär und nervenaufreibend geriet die Entführung des Höchst-Managers. Rudolf Cordes und von Alfred Schmidt, einen 47 Jahre alten Siemens-Techniker. Ihre mehrmonatige Geiselhaft im Libanon beschäftigte mich im Kanzleramt intensiv. Ich musste mich in einer Art Crashkurs zum ersten Mal mit dem islamischen Terrorismus der Ebola und der komplexen internationalen Diplomatie im Nahen Osten befassen. Gleichzeitig stand das Leben zweier deutscher Staatsbürger auf dem Spiel. [...]/[...]. Die Lage verschärfte sich dramatisch, als Hamadis Bruder Abbas, der Drahtzieher der Entführung, in die Bundesrepublik einreisen wollte, wie wir aus einer Abhöraktion wussten. Sollten wir zugreifen? Ich ließ erst einmal alle reden, um anschließend meine Meinung zu sagen – ein Prinzip, das wirkungsvoll funktionieren kann. Die Mehrheit plädierte dafür, nicht einzugreifen, eine Auffassung, die ich entschieden ablehnte. Er war nach Ankunft sofort zu verhaften. Nachdem ich das so gesagt hatte, wollte niemand mehr widersprechen, es war also beschlossen. Kinkel kam anschließend in mein Büro und beschwöre mich: machen Sie das nicht! Wenn morgen in einem Frankfurter Kaukaufhaus eine Bombe hochgeht oder ein anderer Terrorakt passiert, werden sie Ihres Lebens nicht mehr froh! Ich entgegnete zwar, dass wir in unserer Haltung konsequent bleiben müssten, doch ich gebe zu, in der folgenden Nacht sehr schlecht geschlafen zu haben. Kinkel hatte mir ins Gewissen geredet. Wenn es geschehen wäre, hätte ich zurücktreten müssen. Die Konsequenz hätte ich gezogen. Das war mein kleiner Helmut-Schmidt-Moment – ich fühlte mich vermutlich so ähnlich wie er zehn Jahre zuvor. Glücklicherweise passierte dann nichts." (S. 160/161)
"Der schwierige Weg zum Asylkompromiss, begleitet von einer erhitzten öffentlichen Diskussion, hatte gezeigt, dass die politische Kultur des wiedervereinigten Deutschlands erheblichen Erschütterungen ausgesetzt war. Ideologische Verdachtsmomente waren schnell geäußert, vor allem, wenn es um die Kategorie der 'Nation' ging. Wer 'Nation' sagte, musste Borniertheit und Selbstabschottung meinen. Vermutlich auch die Rückkehr zu autoritären Traditionen des Kaiserreichs. Im Rückblick wird deutlich, wie sehr die deutsche Einheit manche Intellektuelle verunsichert hatte, die sich bequem in ihren Überzeugungen eingerichtet hatten – postnational, postkonventionell, posttraditional. Dass das Jahr 1989, eben nicht das Ende, sondern eigentlich die 'Rückkehr in die Geschichte' markierte, wie es der Philosoph, Odo Marquward, formulierte, ließ sich auch daran ablesen, dass manche Fortschrittsgewissheit ins Wanken geriet, als Bürgerkrieg und Gewalt nach Europa zurückkehrten. In den ehemaligen Ostblockstaaten erwachten überall Nationalbewegungen – kulturelle Traditionen wurden wiederbelebt, nationale Gründungsmythen mobilisierten, ethnische Konflikte, die jahrzehntelang unterdrückt worden waren, brachen erneut auf.
Rückkehr in die Geschichte bedeutete vor allem: mit Kontingenzen zu rechnen und zu erkennen, dass Freiheit mit Ungewissheit verbunden bleibt, weil es weder einen Stufenplan der Geschichte noch eine Garantie dafür gibt, dass Vernunft sich zwangsläufig durchsetzt. Stattdessen müssen wir immer wieder neu für sie eintreten. Ein solches Bewusstsein hat auch Konsequenzen für unser Nachdenken über den Begriff der 'Nation', denn es nützte nichts, ihn einseitig zu pathologisieren. Egal, wie wir die Genese von Nationen beschreiben: ob als imagined communities oder als Konstrukte kultureller und gemeinschaftlicher Bedürfnisse, sie sind ein Identifikationsraum geblieben, und es sieht nicht so aus, als ob sie wieder verschwinde. Nationalempfin/den und Patriotismus als rückwärtsgewandt zu verunglimpfen, nützt nur der Rechten. Sinnvoller scheint mir, an die demokratischen Ursprünge dieser Gemeinschaft stiftenden Emotionen zu erinnern, die sich im 19. Jahrhundert, vor allem mit fortschrittlichen Forderungen verbanden: Bürgerrechte, politische Mitbestimmung, soziale Gerechtigkeit.
Kluge Denker des kalten Krieges wie Raymond Aron oder Isaiah Berlin hatten immer betont, dass die Welt der Blockkonfrontation eine künstliche war, dass darunter alte Konflikte, schlummerten und auch die Nation als Idee im Ostblock lebendig blieb. Spätestens mit dem gewaltsamen Ringen um nationale Unabhängigkeit in Ex-Jugoslawien und in vielen ehemaligen Sowjetrepubliken war dies für alle sichtbar geworden, und auch die friedlichen Unabhängigkeitsbewegung, Ungarn, Tschechien und Slowenien bestätigten diesen Befund.
diktiert, wird überprüft.
Das Ende der Sowjetunion nach dem Augustputsch 1991 und dem Sturz Gorbatschows vermittelte einen Eindruck von der Fragilität der neuen Weltlage – und zeigte, in welch kurzer Zeit sich das Fenster für die Wiedervereinigung wieder geschlossen hätte. Wir hatten in den Jahren vor der Mauerfall Stabilität, Sicherheit, Wohlstand und Frieden in Europa für selbstverständlich genommen. Alle Gespenster schienen gebannt.
Aber es reichte nicht, nur die Gefahren einer Renationalisierung zu beklagen, sondern man musste den Blick auch auf sich artikulierende Zugehörigkeitssehnsüchte richten, die mit nationaler Identität verbunden bleiben und nicht zwangsläufig in Selbstüberhebung und Intoleranz münden müssen. Die großen westlichen Demokratien machten es vor. In Großbritannien, Frankreich und den USA bezogen sich Nationalstolz und nationale Identität ganz selbstverständlich auf demokratische und universale Werte." (S. 314/315).
"Am 2. Dezember 1999 wurde Schäuble im Rahmen einer Sitzung des Deutschen Bundestages durch Zwischenrufe des Abgeordneten Hans-Christian Ströbele auf seine Kontakte zum Waffenhändler Karlheinz Schreiber angesprochen. Wolfgang Schäuble äußerte in öffentlicher Sitzung vor dem Deutschen Bundestag, er habe „irgendwann im Spätsommer oder im Frühherbst 1994“ bei „einem Gesprächsabend in einem Hotel in Bonn […] einen Herrn kennengelernt, der sich mir als ein Mann vorgestellt hat, der ein Unternehmen leitet. Ich habe später festgestellt, daß es dieser Herr Schreiber war. […] Auf der damaligen Veranstaltung bin ich Herrn Schreiber begegnet. Das war es.“[26]
Schäuble räumte am 10. Januar 2000 ein, von dem inzwischen wegen Steuerhinterziehung verurteilten Waffenhändler Karlheinz Schreiber im Jahre 1994 eine Bar-Spende von 100.000 D-Mark für die CDU entgegengenommen zu haben. Am 31.Januar 2000 gab er ein weiteres Treffen mit Schreiber im Jahr 1995 zu. Die Schatzmeisterei der CDU habe den Betrag als „sonstige Einnahme“ verbucht.
Er behauptete, dass er das Geld in einem Briefumschlag von Schreiber in seinem Bonner Büro persönlich empfangen habe. Diesen Umschlag habe er „ungeöffnet und unverändert“ an Brigitte Baumeister weitergeleitet. Später habe er erfahren, dass die Spende nicht „ordnungsgemäß behandelt worden“ sei. Die damalige CDU-Schatzmeisterin Brigitte Baumeister widersprach dieser Version Schäubles.
Am 16.Februar 2000 erklärte Schäuble vor der CDU/CSU-Bundestagsfraktion seinen Rücktritt als Partei- und Fraktionsvorsitzender.[27]
Anfang September 2000 bat Schäuble vor dem Bundestag die deutsche Öffentlichkeit um Entschuldigung dafür, „dass unter der Verantwortung der CDU Gesetze gebrochen wurden“. Weiterhin bat er auch „beim“ Bundestag dafür um Entschuldigung, dass er im Dezember 1999 einen Teil der Wahrheit über seinen Kontakt zum Waffenhändler Karlheinz Schreiber verschwiegen hatte.
Das Geld jedenfalls tauchte in keinem Rechenschaftsbericht der CDU auf. Am 13.April 2000 erklärte Schäuble vor dem Bundestagsuntersuchungsausschuss zur CDU-Parteispendenaffäre, die CDU-Führung und die Bundesregierung seien unter Helmut Kohl nicht bestechlich gewesen. Ein Ermittlungsverfahren gegen Schäuble wegen uneidlicher Falschaussage im Zusammenhang mit der fraglichen Spende wurde eingestellt, ebenso die Ermittlungen gegen Brigitte Baumeister. Die Berliner Staatsanwaltschaft konnte keinen hinreichenden Tatverdacht für eine Anklage feststellen. Nach den damaligen Angaben der Staatsanwaltschaft sei aber davon auszugehen, dass die 100.000D-Mark nur einmal gespendet wurden. Spekuliert wurde nämlich über die Frage, ob es womöglich zwei Mal 100.000D-Mark von Schreiber gab: einmal als „unverfängliche“ Wahlkampf-Spende für die CDU, ein anderes Mal „unter der Hand“ als Bestechungsgeld für ein Rüstungsprojekt. Ungeklärt sind außerdem die Spekulationen, ob und gegebenenfalls inwiefern Schäuble seine Verbindungen ins Kanzleramt nutzte, was Schäuble stets vehement bestritten hat. Fraglich ist weiterhin, wo die 100.000D-Mark verblieben sind."
Zitat aus den Erinnerungen - diktiert wird nachkorrigiert:
Das 'System Kohl', offenbarte nun rückwirkend seine Abgründe, denn ganz offenbar hatte er im Hinblick auf die Finanzen der Partei wenig Transparenz zugelassen. Nicht jeder musste oder durfte alles wissen, und wie es schien, waren ihm die Tätigkeiten seiner Gehilfen und Mittelsmänner aus dem Ruder gelaufen. Wo es um viel Geld geht, wo Rechtsabbrüche gedeckt werden, ist die Freisetzung krimineller Energie eine nahezu unvermeidliche Nebenfolge. Mir hatte die Fantasie gefehlt, mir diese Schattenwelt vorzustellen – und unversehens geriet ich selbst in den Sog des Verdachts." (S.375).
"Ich kann nicht sagen, dass mich die Frage der Parteifinanzen bis zu meinen Amtsantritt besonders gekümmert hätte. Aber mir war doch klar, dass die neue Parteiführung sich auf diesem Gebiet von der Ära Kohl absetzen musste. Da mich das Verhalten der bisherigen Schatzmeisterin Brigitte Baumeister irritiert hatte, als ich im Herbst 1997 darauf gestoßen war, dass sie eine ihr anvertraute Spende nicht ordnungsgemäß verbucht hatte, und ich überdies um Ihre unbedingte Loyalität zu Kohl wusste, hielt ich eine personelle Veränderung für unausweichlich. Ich bat den ehemaligen Verkehrsminister Mathias Wissmann bei meinem Antritt als Parteivorsitzender, diese Aufgabe zu übernehmen – auch wegen seiner hohen Akzeptanz in Wirtschaftskreisen (die ihm später eine beachtliche Karriere als Verbandsfunktionär ermöglichte).
Wissmann, Merkel und ich begriffen bald, dass die finanzielle Lage der Partei angespannt war, und es war uns in mancherlei Fällen, schwer erklärlich, wie in der Vergangenheit bestimmte Mittel aufgebracht werden konnten. Wir standen immer wieder vor Rätseln, mussten uns aber gleichzeitig darum kümmern, die Aufgaben des Tages zu bewältigen. Als die staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen Kiep einsetzten und sich rasch auf Horst Weyrauch ausweiteten, gerieten wir in die Bredouille, denn unsere eigenen Bemühungen um die Aufklärung der Tatbestände blieben einigermaßen fruchtlos. Die unmittelbar Beteiligten waren zu Auskünften nicht bereit, weil sie Beschuldigte in Ermittlungsverfahren waren. Insofern war die Lektüre der Tageszeitungen, vor allem die Recherchen der Süddeutschen Zeitung, auch unsere wichtigste Informationsquelle. Alle Versuche, von Kohl nähere Informationen zu erhalten, scheiterten erwartungsgemäß. Er mauerte und gab vor, weder von der Millionenspende Schreibers noch von irgendwelchen Treuhandkonten etwas / zu wissen – so seine Auskunft für den Gremien der Partei am 8. November. Unsere aufrechte öffentliche Klarstellung, dass es unter der neuen Parteiführung keine anderen Konten mehr gebe, auf den nicht deklarierte Spenden lägen, wirkte wie ein einsames Rufen im Wald.
Schnell wurde offensichtlich, dass uns die Aufdeckung immer neuer Tatbestände überfordern würde. Kaum hatte man die Tragweite eines Vorwurfs realisiert, fiel der nächste Dominostein." (S. 376/77)
"Bush und ich unterhielten uns länger als eine Stunde im kleinsten Kreis. [...] Obwohl mir längst klar ist, welche verheerenden Folgen der amerikanische Einmarsch im Irak 2002 bis heute nach sich zieht, habe ich seit diesem Gespräch auch die Erinnerung an einen Präsidenten, der persönlich um seine große Verantwortung als Führer der Weltmacht USA wusste. Zu diesem im persönlichen Gespräch gewonnenen Eindruck eines sehr viel sensibleren Charakters, als es das öffentliche Bild vermittelt, passt die Erzählung Merkels über ein Telefonat mit Bush am Tag nach der Wahl Barack Obamas. Als Republikaner hatte er ihn im Wahlkampf natürlich nicht unterstützt, aber, dass erstmals ein Afroamerikaner gewählt worden sei, zeigte ihm, wie er der Kanzlerin sagte, was für ein großartiges Land die USA seien." (S. 401).
Schäubles Erinnerungen sind auch wegen solcher Aussagen wichtig, wie auch immer wir sie interpretieren.
Über die Staatsschuldenkrise Griechenlands schreibt Schäuble im Kapitel Rendezvous mit der Globalisierung (S.455ff.) im Abschnitt "2010 - Annus horribilis: Griechische und persönliche Fieberkurven (S.482-559)
"Wenn es um die Investitionsquote geht, ist allerdings ein grundlegendes Dilemma zu benennen: nicht der Mangel an investiven Mitteln im Bundeshaushalt war das Problem, vielmehr liegt der Knackpunkt seit Jahren in unserer schwerfälligen Planungs- und Genehmigungsbürokratie. Die Wucherungen des Verwaltungsapparats mit allen möglichen unsinnigen Bewilligungshürden und die Segmentierung der Zuständigkeiten erreichen nicht selten kafkaeske Ausmaße und verhindern, dass das Geld dort ankommt, wo es gebraucht wird. Die Bundeswehr ist dafür das beste Beispiel. Selbst wenn man einige Milliarden mehr hineingesteckt hätte, wäre nicht unbedingt mehr herausgekommen. Die umständlichen Planungsstand- und Genehmigungsverfahren machen es nahezu unmöglich, dass Gelder überhaupt abgerufen werden konnten. Wohl noch schlimmer ist deren Dauer. Der Hauptstadtflughafen BER ist dafür weltbekannt, ähnlich sieht es bei der Umgestaltung des Stuttgarter Hauptbahnhofs und dem Ausbau der Eisenbahnstrecke in der Oberrheinebene aus. Insofern bleibt es auch heute ein frommer Wunsch, dass das Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr, das nach dem Angriff auf die Ukraine bereitgestellt wurde, die bezweckte Effekte erzielt. Hier verlangt es auf vielen Ebenen nach grundlegenden Reformen.
Dieser Missstand holte mich bei internationalen Diskussionen ein, in denen es immer um den deutschen Überschuss in der Leistungsbilanz ging – getreu dem Argument, unsere Überschüsse führen zwangsläufig zu Leistungsbilanzdefiziten in anderen Ländern. Meine Antwort darauf lautete stets, dass der deutsche Überschuss vom Bundeshaushalt her lediglich über eine Steigerung der konsumtiven (nicht der investiven) Ausgaben reduziert werden könnte, was aber auch international nicht gewollt war." (S.480)
"Ein positives Testat der Troika war für die Eurogruppe immer Voraussetzung, um die nächsten Beistandskredite zu gewähren.
In dieser ersten Eskalation der Krise kam für mich persönlich erschwerend hinzu, dass 2010 zu einem gesundheitlich überaus problematischen Jahr wurde – und dadurch zu einem der schwierigsten meiner Politikerlaufbahn überhaupt. In entscheidenden Phasen fiel ich immer wieder durch Krankenhausaufenthalte aus. Ich hatte Anfang des Jahres einen an sich harmlosen Eingriff vornehmen lassen müssen, bei dem ein seit meiner Querschnittslähmung notwendiges Implantat ausgetauscht wurde. Allerdings verheilte die Operationswunde nicht, und ich tat in der damaligen Krisensituation nicht genug / dafür, den Heilungsprozess zu unterstützen. Die Entwicklungen in Griechenland zogen mich viel zu schnell wieder an den Schreibtisch, weshalb ich die Rekonvaleszenz regelmäßig zu früh abbrach.
Schon in der Osterpause eilte ich aus dem Marzahner Krankenhaus ins Kanzleramt, um bei einer Kabinettssitzung dabei zu sein, der auf meinen Vorschlag hin auch die französische Finanzministerin Christine Lagarde beiwohnte. Sechzehn-Stunden-Tage zwischen Büro, Sitzungssälen, Flugzeug und Veranstaltungsräumen zwangen mich zum dauernden Sitzen, was an sich schon anstrengend ist, aber Gift für einen Menschen, der auf den Rollstuhl angewiesen ist. Ich muss zwischendurch liegen, um Druckstellen vorzubeugen – und nach einer Operation gilt das erst recht. Anfang Mai verkündigte ich zwar vollmundig, dass mein Sitzfleisch inzwischen wieder so sei, dass ich notfalls auch den Götz von Berlichingen zitieren könnte, eine flapsige Bemerkung, die mir das Schmunzeln der Journalisten einbrachte – und den Tadel meiner Frau, weil ich öffentlich nicht so reden sollte. Schlimmer war allerdings, dass ich die Lage völlig falsch eingeschätzt hatte [...]. Der Spiegel sah damals klarer, als ich es mir selber eingestand: 'Er arbeitet mehr, als ihm gut tut. Er lebt gerade in einem Grenzbereich, er lebt gegen den medizinischen Rat.' Vermutlich hätte ich mir diese Analyse zu Herzen nehmen sollen, denn meine diesbezügliche Urteilskraft war zu dem Zeitpunkt offenkundig beschränkt." (S.483/84)
Dazu die KI Gemini:
1. Das Konzept des temporären Grexit („Auszeit“)
Eines der zentralen Themen im Buch ist Schäubles Vorstoß im Juli 2015, Griechenland eine vorübergehende „Auszeit“ aus dem Euroraum (einen temporären Grexit) vorzuschlagen.
Ökonomische Logik: Schäuble argumentierte, dass Griechenland ohne eine eigene Währung (und die damit verbundene Abwertungsmöglichkeit) unter der enormen Schuldenlast kaum wettbewerbsfähig werden könne. Ein echter Schuldenschnitt war jedoch rechtlich innerhalb der Eurozone nach den EU-Verträgen (No-Bailout-Klausel) nicht möglich.
Keine Bestrafung, sondern Neustart: Er betont, dass der Vorschlag nicht als Bestrafung gedacht war, sondern als Chance für Griechenland, sich wirtschaftlich zu erholen, kombiniert mit europäischer Finanz- und Wiederaufbauhilfe.
2. Der Dissens mit Angela Merkel
Schäuble gewährt in seinen Erinnerungen detaillierte Einblicke in sein Verhältnis zu Kanzlerin Angela Merkel während der heißesten Phase der Krise im Sommer 2015:
Unterschiedliche Prioritäten: Während Schäuble die Einhaltung von Regeln und das Vermeiden von Moral Hazard (Fehlanreizen für andere Euro-Staaten) in den Vordergrund stellte, wägte Merkel vor allem die geopolitischen Risiken und die Gefahr eines Dominoeffekts ab. Ihr Mantra lautete: „Scheitert der Euro, dann scheitert Europa“.
Rücktrittsangebot:Nach tiefen Auffassungsunterschieden über den Grexit-Vorschlag bot Schäuble Merkel indirekt seinen Rücktritt an, falls sie seinen Kurs nicht mittragen könne. Merkel lehnte ab, setzte sich jedoch in der Sache durch – Griechenland verblieb im Euro und erhielt das dritte Hilfspaket. Schäuble fügte sich am Ende aus Loyalität und politischer Staatsräson.
3. Urteil über die griechische Politik (Tsipras und Varoufakis)
Schäuble schildert mit seinem typischen, trockenen Humor die Verhandlungen mit der 2015 neu gewählten linken Syriza-Regierung unter Alexis Tsipras:
Yanis Varoufakis:Den damaligen griechischen Finanzminister beschreibt er pointiert als einen „Ökonomen mit einer gewissen Expertise im Bereich der Spieltheorie […], die politischen Spielregeln verstand er allerdings nicht“. Varoufakis’ Verhandlungsstil habe das Vertrauen der Euro-Partner massiv beschädigt und wertvolle Zeit gekostet.
Alexis Tsipras: Schäuble rechnet Tsipras an, dass dieser nach dem Referendum im Juli 2015 schließlich eine pragmatische Kehrtwende vollzog und die harten Reformauflagen akzeptierte, um den Kollaps des griechischen Bankensystems zu verhindern.
4. Ordnungspolitik und Regeltreue
Grundlegend für Schäubles gesamte Argumentation ist sein ordnungspolitisches Fundament:
Eine gemeinsame Währung könne langfristig nur funktionieren, wenn Verträge und Stabilitätskriterien (wie der Stabilitäts- und Wachstumspakt) strikt eingehalten werden.
Zugeständnisse ohne echte Strukturreformen hätten in seinen Augen das Fundament der gesamten Währungsunion gefährdet.
Er hebt hervor, dass Länder wie Irland, Portugal und Spanien, die sich an die Auflage- und Reformprogramme gehalten hatten, gestärkt aus der Krise hervorgingen, was seinen harten Kurs bestätige.
"Dass die CumEx-Deals illegal waren, weil sie allein darauf abzielten, sich Kapitalertragssteuer erstatten zu lassen, die zuvor gar nicht abgeführt worden war, ist ohne juristisch Fortbildung nachzuvollziehen. 2021 entschied der Bundesgerichtshof, dass sie auch strafbar sind. Bei den verwandten Cum-Cum-Geschäften erwies sich die Rechtslage [als] komplizierter, bis der Bundesfinanzhof 2015 in einer Grundsatzentscheidung, auch in diesen Deals eine rechtswidrige, missbräuchliche Steuergestaltung erkannte, die nach Abgabenverordnung verboten und als Steuerhinterziehung zu werden ist. 2016 wurden auch sie unterbunden.
Zögerlich und mit unterschiedlichen Nachdruck haben die Steuerverwaltungen der Länder begonnen, aufzuarbeiten, wie groß der Steuerschaden für die Einnahmen von Bund, Ländern und Gemeinden tatsächlich ist. Weil Rückforderungsansprüche verjähren, entstand dabei ein zusätzliches Problem, das durch die Zurückhaltung der Hamburger Finanzbehörden im Fall der an illegalen CumEx-Geschäften, beteiligten Warburg Bank öffentlich bekannt wurde. Die Behörde, die zuvor bereits eine Rückforderung in die Verjährung hatte laufen lassen, musste ich als Bundesfinanzminister 2017 per Weisung dazu zwingen, 43 Millionen Euro zu Unrecht, erstattete Kapitalertragssteuern von der Privatbank kurz vor der Verjährung zurückzufordern. – was den Verdacht begründet, dass in Hamburg jemand ein Interesse daran hatte, Warburg vor der Steuernachzahlung und womöglich auch vor einer Strafe zu schützen.
Die Hintergründe, dieser Affäre und insbesondere die Rolle des damaligen ersten Bürgermeisters (und heutigen Bundeskanzlers) in einen Bundestagsuntersuchungsausschuss parlamentarisch aufzuarbeiten, ist bislang an der Ampel-Koalition gescheitert. Weil nur geprüft werden dürfe, was auch in den Kompetenzbereich des Bundes falle, wurde erstmals in der Geschichte des Parlaments, ein von einer einsetzungsberechtigten Minderheit beantragter Untersuchungsausschuss nicht eingesetzt – ein bemerkenswerter Vorgang, auch weil hier die Mehrheit des Bundestags, offenbar gestützt, auf einen ausgerechnet im Kanzleramt gefertigten Vermerk, die Zuständigkeit des Bundes in der Sache negiert. Dabei hat der Bund die Aufsicht über die Steuerverwaltung der Länder inne, wie sonst hätte ich 2017 der Hamburger Finanzbehörde die Anweisung zur Rückforderung geben können?" (S. 518).
In chronologischer Hinsicht kann der dritte Teil des Echolots als sein Prolog aufgefasst werden. Er kehrt zurück ins Jahr 1941. Gegenüber den vorigen Veröffentlichungen hat sich der Aufbau verändert: in lediglich einem Band werden drei größere Zeiträume betrachtet: 21. Juni bis 30. Juni 1941, 1. Juli bis 8. Juli 1941 sowie 7. Dezember bis 31. Dezember 1941. Titelgebend ist das Unternehmen Barbarossa, der deutsche Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni samt den Anfangssiegen in den folgenden Tagen. Es folgen der Beginn der Leningrader Blockade und der Rückzug der deutschen Armee im ersten Kriegswinter Ende 1941. Konsequenter als in den vorigen Bänden werden Berichte beider Kriegsparteien einander gegenübergestellt, kommen neben deutschen auch sowjetische Soldaten sowie die leidende Leningrader Bevölkerung zu Wort. Die Tageseinträge beginnen jeweils mit einem Zitat aus der Bibel, darauf folgen Aufzeichnungen berühmter Schriftsteller. Im Zentrum jedes Tageseintrags stehen die wiederkehrenden Tagebucheintragungen einiger direkt vom Krieg betroffener Menschen, etwa einer Mutter, deren Sohn gefallen ist, eines Arztes und mehrerer Soldaten an der Ostfront, darunter auch die Aufzeichnungen Jochen Kleppers. Am Ende stehen Verweise auf die nationalsozialistischen Verbrechen in Form des Tagebuchs von Adam Czerniaków und der Auschwitz-Aufzeichnungen Danuta Czechs, die teilweise etwa vom Tagebuch eines in der Einsatzgruppe A dienenden SS-Mannes ergänzt werden.
21. Juni 1941
"Berija 1899-1953 Moskau
An Stalin.
In der letzten Zeit lassen sich viele Mitarbeiter von gemeinen Provokationen beeinflussen und geraten in Panikstimmung. Die geheimen Mitarbeiter [...] müssen wegen der systematischen Desinformation als Handlanger der internationalen Provokateure, die uns gegen Deutschland aufhetzen wollen, zu Lagerstaub zerrieben werden. [...] Aber ich und die mir unterstellten Mitarbeiter, Jossif Wissarionowitsch denken immer an die weise Vorhersage, nach der Hitler uns im Jahre 1941 nicht überfallen wird." (S. 12)
General Shukow 1896-1974 Moskau
"[...] Der Volkskommissar, Generalleutnant Watutin und ich fuhren mit dem Entwurf einer Detektive an die Truppen in den Kreml. Unterwegs verabredeten wir, um jeden Preis den Beschluss durchzusetzen, die Truppen in Gefechtsbereitschaft zu versetzen.
Stalin empfing uns allein. Er war sichtlich besorgt.
'Ob uns die Deutschen Generale diesen Überläufer nicht untergeschoben haben, um einen Konflikt zu provozieren?' fragte er.
'Nein', antwortete Timoschenko. 'Wir meinen, dass der Überläufer die Wahrheit sagt.'
Inzwischen traten die Mitglieder des Politbüros in Stalins Arbeitszimmer. Stalin informierte sie kurz.
'Was werden wir tun?' fragte Stalin.
Niemand antwortete.
'Man muss unverzüglich die Direktive erteilen, alle Truppen der Grenzmilitärbezirke in höchste Geschäftsbereitschaft zu versetzen', sagte Timoschenko. / 'Lesen Sie!' erwiderte Stalin.
Ich lass unseren Entwurf vor. Stalin bemerkte: 'Eine solche Weisung ist jetzt verfrüht, vielleicht lässt sich die Sache noch friedlich regeln. Wir müssen eine kurze Weisung erteilen, die besagt, dass ein Angriff mit provokatorischen Handlungen deutscher Truppenteile beginnen kann. Die Truppen der Grenzmilitärbezirke dürfen sich nicht provozieren lassen, um keine Komplikationen hervorzurufen.' [...] Die Durchgabe war am 22. Juni 1941 um 0:30 Uhr beendet. Eine Kopie erhielt der Volkskommissar der Seekriegsflotte.
Timoschenko und ich verließen die Stalin mit gemischten Gefühlen." (S. 12/13)
26.6.1941 Der Leutnant Walter Melchinger 1908 - 1943 Ukraine
Die Soldaten treffen auf keinen Widerstand und werden von der Bevölkerung freundlich begrüßt.
"Was keiner von uns für möglich hielt, hat unsere unwahrscheinlich große Politik nun möglich gemacht. Und jetzt denkt jeder, was sind wir für Stümper gegenüber der Größe unserer Führung. Wir sollten nichts mehr vermuten mit unserem kleinen Verstand, wir sollten nur noch von einem bedingungslosen Vertrauen erfüllt sein. Das /[Fotos]/ sind wir auch. Trotzdem blühen die Gerüchte wie das Unkraut, wo doch keiner etwas weiß.
Die Russen waren vollkommen überrascht. Kein einziger Bunker war fertig, überall stehen die Verteidigungsanlagen in den allerersten Anfängen. [...] Das Wetter ist herrlich. Sind wir nicht in den Fahrzeugen, laufen wir in der Badehose herum. Namentlich die Abende sind sehr schön, die untergehende Sonne, das heimkehrende Vieh. Dann der Gesang meiner Leute zur Ziehharmonika. Die Dorfbevölkerung steht dabei.
"[...] Der immer wieder aufbrausende Beifall – Bravo-Rufe, Händeklatschen und Lachen – ließ mich zunächst eine Siegesfeier oder ein Art sportliche Veranstaltung vermuten. Auf meine Frage jedoch, was hier vorgehe, wurde mir geantwortet, dass hier der 'Totschläger von Kowno' am Werk sei. Kollaborateure und Verräter fänden hier endlich ihre gerechte Bestrafung! Nähertretend aber wurde ich Augenzeuge wohl des furchtbarsten Geschehens, dassich im Verlaufe von zwei Weltkriegen gesehen habe.
Auf dem betonierten Vorplatz dieser Tankstelle stand ein mittelgroßer, blonder und etwa 25jähriger Mann, der sich gerade ausruhend, auf einem armdicken Holzprügel stützte, der ihm bis zur Brust reichte. Zu seinen Füßen lagen etwa 15 bis 20 Tote oder Sterbende. Aus einem Wasserschlauch floss ständig Wasser und spülte das vergossene Blut in ein Abflussgulli. / Nur wenige Schritte hinter diesen Mann standen etwa zwanzig Männer, die – von einigen bewaffneten Zivilisten bewacht– in stummer Ergebenheit auf ihre grausame Hinrichtung warteten. Auf einen kurzen Wink trat dann jeweils der Nächste schweigend vor und wurde auf die bestialischste Weise mit dem Holzknüppel zu Tode geprügelt, wobei jeder Schlag von begeisterten Zurufen seitens der Zuschauer begleitet wurde.
Beim Armeestab erfuhr ich sodann, dass diese Massen-Exekutionen dort bereits bekannt waren, und dass diese selbstverständlich das gleiche Entsetzen und die gleiche Empörung wie bei mir hervorgerufen hatten. Ich wurde jedoch darüber aufgeklärt, dass es sich hier anscheinend um ein spontanes Vorgehen der litauischen Bevölkerung handele, die an Kollaborateur der vorausgegangenen russischen Besatzungszeit und an Volksverrätern Vergeltung übe. Mithin müssten diese grausamen Exzesse als rein innenpolitische Auseinandersetzungen angesehen werden, mit denen – wie auch 'von oben' angeordnet worden, sei – der litauische Staats selber, d.h. ohne Eingreifen der deutschen Wehrmacht, fertig zu werden hätte.
Die öffentlichen Schau-Hinrichtungen wären bereits verboten worden, und man hoffe, dass dieses Verbot ausreiche, um Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. [...] Am nächsten Tag sah ich keine solchen Hinrichtungen mehr in den Straßen, wie ich diese am Vortag erlebt hatte. Stattdessen aber wurden lange Kolonnen von jeweils 40 bis 50 Männern, Frauen und Kindern, die man aus ihren Wohnungen zusammengetrieben hatte, von bewaffneten Zivilisten durch die Straßen getrieben.
Aus einer dieser Kolonnen trat eine Frau heraus, warf sich vor mir auf die Knie, und bat mit erhobenen Händen, bevor sie in rüdester Weise zurückgestoßen werden konnte, um Hilfe und um Erbarmen. Man sagte / mir, dass diese Menschen in das Stadtgefängnis geführt wurden würden. Ich nehme jedoch an, dass deren Weg unmittelbar zur Hinrichtungsstätte geführt hat." (S. 129-131)
1.7.1941 Josef Goebbels 1897 bis 1945 Berlin
"Die Dinge stehen im Allgemeinen gut, allerdings leisten die Russen mehr Widerstand, als man zuerst vermutete. Unsere Verluste an Menschen und Material sind nicht ganz unbedeutend. Jetzt erst sieht man, wie notwendig der Angriff war. Noch eine längere Zeit warten, was wäre dann geschehen? Der Führer hat wieder mal den richtigen Instinkt gehabt." (S.169)
3.7.1941 Wilhelm Muehlon 1878-1944 Klosters/GraubündenMussolini besichtigte in Rom wieder einmal Truppen, die an die russische Front gehen, und hielt ihnen eine Rede über die ungeheure Bedeutung des Kampfes der Achsenmächte gegen den Kommunismus. Unter sämtlichen Hilfsvölkern der Deutschen sind die Italiener am wenigsten geeignet, es mit den Russen aufzunehmen. Ich bin gespannt, an welcher / Front oder in welchem Hinterland sie sich herumtreiben werden. Auch Francos Freiwillige werden im Russland lächerlich sein. (S. 196/97)
Der Leutnant Georg Kreuter 1913-1974 Borissow
Das Regiment soll bis 30 km vor Borissow als Vorausabteilung einen Vorstoß führen. Bleiben jedoch nach 10 km in starkem Sch[ützen]-Feuer liegen. – Ich ziehe die Einschläge bis 100 m vor mich. Die Kerle sind nicht aus ihren Löchern zu kriegen! 10 m vor mir steckt auch einer. Es werden Handgranaten in die Nähe geworfen, aber als einer von uns rankommt, schießt er ihn ab! Erst einige Schüsse mit der Pistole über den Deckungsrand, machen ihm den Garaus! Solches geschieht mehrmals heute! Die 8. Kompanie, bei der ich vorn liege, hat 5 Tote und 24 Verwundete! – Erst die Panzer schaffen uns Luft. Unter ihrem Schutz kommen wir an die Löcher heran. Jetzt laufen sie wie die Hasen." (S. 201)
4. 7.1941 Der Divisionspfarrer Alphons Satzger Lemberg,
"[...] Die Fahrt geht über Jaworow u. Janow. Unendlicher Staub! Marschierende Infanterie. Um 10:00 Uhr in Lemberg. Quartier in der Universität. Die Tscheka hat in den Gefängnissen furchtbare gehaust. Etwa 2000 ukrainische Geiseln wurden ermordet. Sie lagen im Hof umher, die meisten im Keller des Gefängnisses, alle in Verwesung, Backofenhitze, [b]etretbar nur mit Gasmaske! Ein furchtbares Bild! [...] Heute erfahre ich von Feldwebel Bömisch, dass die Juden, die die Toten ausgraben mussten, nach 2 Stunden sich selbst mit einem Prügel totschlagen mussten. Die ersten 2 waren erst nach 2 Stunden tot. Ich freue / mich, dass es bald aus dieser Totenstadt weggeht: Blut, Mord, Bestialität u. Tränen! Die Leute stehen die ganze Nacht vor dem Brotläden. Tagelang hängt der Leichengeruch in unseren Uniformen!" (S.227/28)
5.7.1941
Der SS-Mann Felix Landau *1910 Lemberg
"[...] Heute haben wir Aussicht, das erste Mal ein warmes Essen zu bekommen.
RM. 10,- erhielten wir, damit wir uns einige notwendige Kleinigkeiten kaufen können. Ich habe mir eine Peitsche um RM. 2,- gekauft. / Überall ist Leichengeruch, wo man an verbrannten Häusern vorbeikommt. Die Zeit ist ausgefüllt mit Schlafen.
Im Laufe des Nachmittags wurden nun noch ungefähr 300 Juden und Polen umgelegt. Abends fuhren wir nochmals flüchtig auf eine Stunde in die Stadt. Hier erlebten wir Dinge, die man kaum schildern kann. Wir fuhren an einem Gefangenenhaus vorbei. Dass auch hier gemordet wurde, sah man schon einige Straßen weit. Wir wollten es besichtigen, doch hatten wir keine Gasmasken bei uns, so war es unmöglich, die Kellerräume und Zellen zu betreten. Dann ging es wieder unserem Quartier zu. An einer Straßenecke sahen wir einige Juden über und über mit Sand bedeckt. Einer blickte den anderen an. Alle hatten das gleiche vermutet.
Die Juden sind aus dem Grab der Erschossenen gekrochen. Wir hielten einen schwankenden Juden an. Unsere Vermutung war nicht richtig. Bei der ehemaligen GPU-Zitadelle hatten die Ukrainer Juden hingebracht, die der GPU bei Verfolgung von Ukrainer und Deutschen behilflich gewesen sein sollen. 800 Juden hatte man dort zusammengetrieben. Auch diese sollten morgen von uns erschossen werden. Diese hatte man nun freigelassen.
Wir fuhren weiter die Straße entlang. Hunderte von Juden mit blutüberströmten Gesichtern, Löchern in dem Kopf, gebrochenen Händen und heraushängenden Augen laufen die Straßen entlang. Einige blutüberströmte Juden tragen andere, die zusammengebrochen sind. Wir fuhren zur Zitadelle, dort sahen wir Dinge, die bestimmt noch selten jemand gesehen hat. Am Eingang der Zitadelle stehen Soldaten mit faustdicken Knüppeln und schlagen hin, wo sie treffen. Am Eingang drängen die Juden heraus, daher liegen Reihen von Juden übereinander wie Schweine und wimmern sondergleichen, und immer wieder traben die hochkommenden Juden blutüberströmt davon. Wir bleiben noch stehen und sehen, wer das Kommando führt. 'Niemand'. Irgendjemand hat die Juden freigelassen. Aus Wutund Hassgefühl werden nun die Juden getroffen.
Nichts dagegen, nur sollten sie die Juden in diesem Zustand nicht herumlaufen lassen. Anschließend erfahren wir von den dort stehenden Soldaten, dass sie eben Kameraden, und zwar Flieger in einem Lazarett hier in Lemberg besucht hätten und gesehen haben, wie man diese bestialisch zugerichtet hatte. [...]. " (S.143/44)
7.7.1941
Der SS-Mann Felix Landau, geboren 1910 Drohobycz/Bezirk Lemberg.
"[...] Vor allen Geschäften stehen hunderte von Menschen, um irgendwelche Lebensmittel zu erhalten. Unterwegs wurden zwei Juden angehalten. Sie erzählten, dass sie vor der russischen Armee geflüchtet waren. Ihre Angabe war ziemlich unglaubhaft. Sechs Mann sitzen von uns ab, laden durch, und in der nächsten Minute sind beide tot. Der eine Jude, ein Ingenieur, ruft noch, als das Kommando 'legt an' gegeben wird, 'es lebe Deutschland'. Eigentümlich, das waren meine Gedanken. Mit welchen Plänen im Kopf mag wohl dieser Jude geflüchtet sein. "(S. 283)
Beschrieben wird eine Deportation auf einem Gebiet, das sich vom baltischen bis zum Schwarzen Meer erstreckt.
"[...] Unverständlich und unerklärt bleibt, wer Interesse daran gehabt hatte, knapp vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, wichtige Eisenbahnknotenpunkte mit derartigen Deportationszügen zu blockieren.
Überlassen wir es den Historikern, diese sinnlose, politisch unbegründete und militärisch destruktive Aktion zu klären. Die meisten der Betroffenen mussten diesen Wahnsinnsakt mit ihrem Leben bezahlen." (S.313) [...]
Den Deportierten fällt auf, dass der Kommandant der staatlichen Aktion mit einer Gruppe von Sträfling n viel freundlicher umgeht als mit ihnen und dass ein Mann aus der Gruppe der Sträflinge von ihm besonders gut behandelt wird und seinerseits den Sträflingen Anordnungen geben kann, die sofort befolgt werden. Die Deportieren bezeichnen diesen Mann als Ataman.
Einige der erfahrenen Männer unserer Gruppe schlugen vor, und direkt mit dem "Ataman" in Verbindung zu setzen. Wir taten es und nach einer recht temperamentvollen Unterredung kam eine Übereinkunft zustande. Mit einem Obolus, bestehend aus einigen Wertgegenständen und einigen Flaschen Spirituosen, war unsere Sicherheit gewährleistet. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass der Ataman mehr menschliches Verständnis für uns zeigte als der Kommandant.
Erschöpft vor Angst, Ungewissheit und Übermüdung übermannte uns tiefer Schlaf. Beim ersten Morgengrauen erwarten wir. Der Gesundheitszustand meiner Frau schien sich zu bessern. Voller Neugier betrachten wir die Ufer des Ob, dieses gewaltigen sibirische Stromes / eintönig und kahl waren die Uferlandschaften, [...] (S.313/14)
Unsere Gruppe der Verbannten bestand aus 24 Personen. Der Kolchospräsident teilte uns verschiedenen Bauern zu. Diesen wurde befohlen, uns Unterkunft zu gewähren. Wir würden es Zwangseinquartierung nennen. Überrascht waren wir, als uns diese armen und eingeschüchterten Menschen, hilfsbereit und freundlich in ihren armseligen Behausungen aufnahmen. Wir hatten den Eindruck, als gehöre das zu ihrer Vorstellung von Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft gegenüber Menschen, die in Not sind. [...] Alles war ganz anders, als wir es erwartet hatten. Belastet von westeuropäischen Vorstellungen über Gastfreundschaft, erschien uns ein solcher Empfang in dieser so armseligen Umgebung völlig unerwartet. Dies umso mehr, als wir doch wussten, dass der Kommandant diffamierende Informationen über uns Verbannte verbreitete. Er beschwor unsere staatsfeindliche Gesinnung und sprach uns auch jede Ehrlichkeit ab. Das / sollte dazu dienen, die einheimische Bevölkerung uns gegenüber feindlich und misstrauisch zu stimmen.
Unser Hausherr erzählte uns, wie auch sie vor etlichen Jahren, als sie es als Mittel- und Großbauern ablehnen, sich den landwirtschaftlichen Kollektivwirtschaften 'Kolchos' anzuschließen, eines Nachts von der NKWD verhaftet und in die sibirische Taiga deportiert worden waren. Bis auf kleine Lebensmittelvorräte und landwirtschaftliche Geräte hatte man ihr gesamtes Hab und Gut weggenommen. Als sie hierher gebracht wurden, gab es hier, bis auf einzelne, kleine Behausungen von einheimischen Nenzen, keine Ansiedlungen, geschweige denn Unterkunftsmöglichkeiten. Die Nenzen gehören zur Volksgruppe der Samojeden einem Volk ugro-finnischer Abstammung, und lebten allein von der Jagd. Unter schwierigsten Bedingungen mussten sie sich selbst ihre Wohnbaracken zimmern. Um das Notwendigste anbauen zu können, musste Boden durch Rodung des Urwaldes erschlossen werden. Die Versorgung mit Lebensmitteln war ungenügend. Auch fehlte ärztliche Betreuung. Es war nur wenigen vergönnt, diese qualvolle Zeit zu überleben.
Prokofjef [der Hausherr] sagte: 'Die meisten von uns kamen um, aber die wenigen, die überlebten, waren von Gott auserkoren, den Glauben an Gott und seine zehn Gebote weiterzutragen. Dies tun wir und werden auch unsere Nachkommen tun.' " (S. 313-317).
Sonntag, 7.12.1941
Die folgenden Text sollen durch ihre Zusammenstellung wirken.
Ein Offizier. (vor Leningrad)
Ich hatte gerade mehrere sehr anstrengende, weil schwierige Schießen hinter mir und war wohl in Lese- aber nicht in Schreibstimmung. Darum nahm ich mir 'Das Reich' und zwar wie immer beim 'Reich', den kulturellen Teil vor und verschob die Beantwortung Ihres Briefes auf gestern. Und da, trotzdem Sonntag war, wurde wieder nichts daraus. Nachdem wir genügend lange russische Zielscheibe gewesen waren, durften wir wieder einmal tüchtig loslegen, ohne Rücksicht auf die eigene Munition. An lohnenden Zielen ist ja, wenn man schon die 11 Woche eine gute B-Stelle besetzt hält, kein Mangel. Und so war der Rest des Tages besetzt, ohne das Zeit für private Bedürfnisse blieb.
Russischer Winter ist etwas Eintöniges. Das merken wir auch schon, obwohl wir ihn noch nicht im Bewegungskrieg kennengelernt haben. Wenn der Krieg vor Petersburg hier so bleibt, werde ich ihn auf alle Fälle noch angenehmer überstehen als den vorigen am Kanal. Ich sitze ja immer noch in demselben festen Haus, das sich mir schon im September als B-Stelle anbot, habe da einen Schreibtisch nebst Sessel für den Tag und ein Ledersofa als Schlafgelegenheit für die Nacht. Wohn- und Schlafraum sind heizbar. Und anstelle der Fensterscheiben, die bei jedem Beschuss ursprünglich den Weg alles Irdischen gingen, sind jetzt große Sperrholzplatten mit kleinen Autoscheiben als Lichtdurchlässe getreten. Die haben nun schon über zehn Volltreffer mit 15 cm Betongranaten, die auf unserer Bude landeten, nebst ebenso viel Bomben, die in nächster Nähe niedergingen. Ausgehalten. Wohn und Schlafraum sind jetzt heizbar. Es lässt sich also für mich aushalten, besser als jedenfalls in Russland zu erwarten war. Die Zeit vergeht angenehm schnell. Nachdem jetzt kleinere Päckchen geschickt werden können, habe ich mir allerlei Bücher kommen lassen, die mich theologisch wieder ein wenig in Schwung bringen oder sonst interessieren? Und dabei geht die Zeit auch hin. Meist sorgt aber der Russe dafür, dass uns die Zeit nicht zu lang wird." (S.336)
Der Offizier. Leo Tilgner, 1892 vor Leningrad
An seine Frau.
Meine Liebe Lydia, es ging zwar heute schon ein Brief ab, aber da ich ein Packerl mache, teile ich dir doch mit, dass ich dir ein paar Scherben schicke. Die chinesische Zeichnung gefiel mir so gut. Ich ließ die Scher/ben sammeln, aber. leider fehlen noch einige Stücke an der Marmortafel. Das sind so Trümmer aus der Zarenzeit. In dem zweiten Paket findet sich eine Holzschale, die mir jemand überließ. Die Scherben lassen sich eventuell verleimen. So bekommt man ein besseres Bild. Das verleimte Bild könnte man auf einer Sperrholzplatte befestigen und dann aufhängen. Ich habe noch ein zweites Scherbenstück, von dem alle Teile noch vorhanden sind. Die schicke ich später, wenn ich einen größeren Karton bekomme. Dieses Stück könnte man nach Verleimung in einem Holzrahmen stecken. Der Rahmen muss aber so schmal wie möglich sein und könnte mit dem Stück direkt verleimt werden. Es ist nur jetzt darauf zu achten, dass keine Scherbenstücke verloren gehen. Die Witterung ist milder. [...]" (S.337/338)
Die Ärztin Galina Samowara Leningrad
Sämtliche Katzen und Hunde waren gegessen worden. Die Männer starben eher als die Frauen, Weil sie muskulös waren und weniger Fettansatz hatten. Die Frauen, sogar die kleinen, hatten viel mehr davon. Doch sie starben auch Komma, obwohl die Widerstandsfähiger waren Punkt. Die Menschen verwandelten sich in Greise., Weil der Fettansatz völlig verzehrt wurde Komma und sämtliche Muskeln und Blutgefäße traten am Körper deutlich hervor. (S.336)
Ludmila Komrakowa * 1931 LENINGRAD
"Dies ist meine verborgenste Erinnerung. Viele Jahrzehnte sind verflogen. Aber es kommt oft vor, dass ich auch heute noch das schreckliche Geräusch meiner zerbrechenden Puppe Mascha deutlich höre. Doch alles der Reihe nach...
Als wir uns mit unserer Tante auf die Evakuation vorbereiteten, stand uns nur ein Tag zur Verfügung, um die unentbehrlichsten Sachen zusammenzusuchen. Sonst wollte man mich und meine Schwester der Tante wegnehmen, weil sie keine Papiere für unsere Vormundschaft hatte und wir beide als Weisen anerkannt waren. (die Mutter war gestorben, der Vater kämpfte an der Front). Doch vor ihrem Tod hat die Mutter unsere Tante flehentlich gebeten. Uns an niemanden abzugeben und die Tante hat ihr ihr Wort gegeben.
Es war sehr kalt im Dezember 1941, als wir uns für die Weiterreise bereit machten, man musste vor allem warme Sachen mitnehmen. Und das Gepäck war nach Umfang und Gewicht streng begrenzt.
Die Tante hat alles in einen kleinen Sack geworfen und für meine liebe Puppe Mascha, mit der ich jede Nacht eingeschlafen war, gab es keinen Platz. Und Mascha hatte so schöne blaue Augen mit langen seidigen Wimpern und lange Haare Sie war aus Porzellan, konnte zwinkern und er hat ein herrliches dunkelrotes Kleid an.
Ich begann zu heulen.
'Lieber bleibe ich hier, ohne Mascha fahre ich nirgendwohin. Ich kann sie nicht im Stich lassen', sagte ich so entschlossen, dass die Tante den Sack wieder auszupacken anfing. Sie verzichtete auf die Mitnahme von einigen Sachen. Und hat für meine Mascha Platz geschaffen.
Bis zum Ladogasee sind wir mit einem Zug von dem Finnljandskij-Bahnhof gefahren, und als unser Zug am Bahnhof war Ganova eingetroffen war, waren die deutschen Sturzkampfbomber angeflogen, und wir mussten alle in einem unvorstellbaren Durcheinander hektisch aussteigen und unsere Sachen mitnehmen. Es war eine richtige Hölle. Alles umher hat gedonnert, ist in die Luft gegangen und hat gebrannt Die Kinderschreie und die wahnsinnigen Rufe ihrer Mütter haben sich zu einer Kakophonie vermischt. Und in diesem Wirrwarr hörte ich, als ob es totenstill gewesen wäre, wie unser Sack zu Boden fiel und etwas in ihm verräterisch geknirscht hatte.
Mir wurde sofort klar, dass meine Mascha kaputt gegangen war Ich fing an zu heulen, ich habe so lange Zeit geschluchzt Die Tante hat uns beide in einen noch rauchenden Bombentrichter hinuntersteigen lassen, wo wir dann bis zum Ende des Angriffs saßen Und meine Puppe blieb / irgendwo oben. Mein Herz wollte mir vor Kummer zerspringen. Als wir dann wieder hinausgeklettert waren, haben wir unseren Sack nicht mehr gefunden. Die Marodeure reisten immer mit. Meine Puppe Mascha war also vermisst. Nicht gefallen. Nicht verwundet, sondern vermisst. (S.341/42)
8.12.1941
Ernst Jünger 1895-1998 Paris.
Im Zuge meiner Arbeit über den Kampf um die Vorherrschaft in Frankreich zwischen Heer und Partei übersetze ich die Abschiedsbriefe der Geiseln, die Nantes erschossen worden sind. Sie fielen mir mit den Akten in die Hände, und ich will sie sichern, da sie sonst vielleicht verloren gehen.
Die Lektüre kräftigte mich. Der Mensch scheint in dem Augenblick, in dem man ihm den Tod verkündet, aus dem blinden Willen herauszutreten und zu erkennen, dass der innerste aller Zusammenhänge die Liebe ist. Außer ihr ist vielleicht der Tod der einzige Wohltäter auf dieser Welt. (S. 344).
Der Leutnant Iwan Sawnko *1918, berichtet aus Moskau:
"Der harte Winter mit seiner grimmigen Kälte, der 1941 viel zu früh gekommen war, half uns bei den Verteidigungskämpfen vor Moskau. Für den russischen Winter waren wir gut gerüstet. Jeder hatte Filzstiefel an. Über der Sommeruniform trugen wir eine gesteppte Wattejacke und eine warme, wattierte Hose, dazu warme Fausthandschuhe und eine gefütterte Wintermütze mit herabklappbaren langen Ohrenwärmern auf dem Kopf, die unter dem Kinn eng zu binden war. Die Feldflasche war stets mit Sprit gefüllt. [...]
Der Morgen graute in trüben Farben, als wir jemanden im Dickicht ganz wild um sich schießen hörten, ohne dass es Gegenfeuer gab. Das war sehr merkwürdig für mich. Nach dem Tuckern der Maschinenpistole gab es keinen Zweifel, dass es ein Fritz war, der von Angst erfasst seinen Kameraden ein Signal gab, wo er zu suchen wäre. Wir bewegten uns bis zum Gürtel im Schnee fort, es herrschte an jenem Tag ein enorm strenger Frost. [...] So umzingelten wir den feindlichen Soldaten von allen Seiten, und je näher wir an ihn herankamen, desto unsicherer und mit immer länger werdenden Pausen feuerte er, bis die Schüsse verstummten.
'Das scheint ein Weib von unseren zu sein', sagte mein Starchina (Spieß) und reichte mir sein Fernglas. Bei der angebrochenen Dämmerung sah ich im Feldstecher einen im Schnee liegenden Klumpen im russischer Kleidung, die unsere Bauernfrauen auf dem Lande trugen. Die unbekannte Gestalt stöhnte laut und schien bewusstlos zu sein. Die deutsche Maschinenpistole lag etwas abseits von ihr. [...]
Als meine Soldaten den Fritzen aus seinen warmen Decken auszuwickeln begannen, um ihn zu durchsuchen, waren wir fassungslos. Eine mächtige Garderobe hatte der Lebensraumeroberer angezogen. Über der Feldmütze hatte er verschiedene Frauenkopftücher, manche waren aus reiner Wolle. Einen dicken Schal hatte er um den Hals gewickelt und seine Enden, am Rücken festgebunden. Unter seinem Mantel fanden wir bei ihm eine kurze Frauenstrickjacke und eine mit Ziegenfell gefütterte Weste. An der Jacke steckte noch eine primitive Brosche. Über seine Stiefel hatte der Krieger große Strohschuhe gezogen. Die konnte man in solcher Rüstung kämpfen, dachte ich. Ich hatte mir so einen deutschen Eroberer in einem normalen Soldatenmantel und mit dünnen Kopfschützer bei minus 40 Grad Celsius vorgestellt, einige Stunden ohne Aufwärmen im Freien, kämpfend oder nachts auf Wache stehend. Wo saßen ihre Führer und Kommandeure, die ihre Soldaten im russischen Winter im Stich gelassen hatten? So ließen ie sie auf den vereisten und verschneiten Straßen sich vorwärts quälen, bis im Raum um Moskau, viele frische Divisionen aus Sibirien für eine gewaltige Gegenoffensive bereitgestellt wurden.
Die Deutschen unterschätzten unseren russischen Winter völlig." (S. 353/54).
Januar und Februar 1943
Der erste Teil des Echolots konzentriert sich in insgesamt vier Bänden auf den Zeitraum 1. Januar bis 28. Februar 1943. Kempowski kommentierte die Terminierung: „Damals hatte das Dritte Reich nach innen und außen den Höhepunkt seiner Macht erreicht und war im Begriff, ihn zu überschreiten […] – es ist überraschend, wie oft sich in Notizen und Briefen aus dieser Zeit schon die Frage findet: Ob das gut geht? Man hatte das Gefühl, daß der Bogen überspannt war: Und genau hier setze ich mit dem Echolot ein.“[1] In den Zeitraum der Bände fällt die Casablanca-Konferenz, der Untergang der 6. Armee in der Schlacht von Stalingrad, die SportpalastredeJoseph Goebbels’ mit dem Aufruf zum Totalen Krieg sowie die Hinrichtung der Geschwister Scholl aus der Widerstandsgruppe Weiße Rose.
Die Aufzeichnungen sind chronologisch geordnet, jeder Tag ergibt ein Kapitel. Dadurch liegt der Fokus weniger auf dem Verfolgen eines Einzelschicksals als in der vom Autor arrangierten Gegenüberstellung ganz unterschiedlicher Erfahrungen der verschiedenen Menschen. Längere Zwischentexte trennen die einzelnen Kapitel, auch sie nicht aus der Feder Kempowskis, von dem nur das Vorwort stammt. Der erste Eintrag jeden Tages stammt aus dem Bulletin von Adolf Hitlers Leibarzt Theo Morell. Die letzten Einträge sind den Notizen Heinrich Himmlers und dem Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau von Danuta Czech entnommen.
Textausschnitte (wird nachkorrigiert:)
Stalingrad 17.1.1943
"[...] Und dieser jungen Soldat hat halt angefangen, zu flehen, immer wieder zwischendurch ist, wie soll man sagen, der Code durch die Gewänder auf die untere Pritsche durch und – es waren so Anfälle – und er hat gejammert und geschrien und gesagt: Kamerad, erlöse mich doch! Meine Mutter, die wär dir ewig dankbar. Gib mir eine Kugel, du machst ein gutes Werk. Natürlich – was soll ich machen? Das ist eine schwere Frage. Ich habe versucht zu trösten, ich hab ihm zugesprochen und es dauert nicht mehr lange, dann kommt dieser Sanitäter herein und schreit – das muss so in der Früh. Ich weiß nicht, so 7, 8 Uhr gewesen sein–: Kamerad, komm, komm schnell, es kommen noch ein paar Maschinen. Das ist die letzte Möglichkeit, dass du wegkommst. Und da hab ich mich halt verabschiedet und mit ein paar Trost warten und hab mich davon geschlichen. [...]" (Band IV, 1.1.-17.1.1943, S.776)
Über das Üben der h-moll-Messe von Bach mit Ludwig Doormann:
"Uns im Chor geht es gut, uns löst das Singen und das Sanctus, an dem wir jetzt üben, entrückt uns weit von der Erde. Es ist sehr anders als zum Beispiel bei Palaestrina. Dort verhalten wie Vorfrühling, pianissimo, das sich erst bei 'pleni sunt coeli et terra' steigert. Bach geht viel direkter auf das sechste Kapitel des Jahr Jesaias zu, wo ja das Sanctus in der Vision des Propheten seinen Ursprung hat. Jesaias erblickt Gott im 'himmlischen Haus' und das schildert Bachs Sanctus. Die Fünfstimmigkeit der Messe wird durch Sechsstimmigkeit abgelöst. Sanctus! Sanctus! klingt es in allen Zweiergruppen gegeneinander, die sich dann wieder zur vollen Sechsstimmigkeit vereinigen, denn es heißt, dass die Engel sechs Flügel hatten: mit zweien bedeckten sie die Augen, mit zweien die Füße, und mit zweien flogen sie, ihr Heilig! Heilig! singend. In Luthers deutschem Sanctus heißt es: 'Von dem Geschrei erzittern, Schwell und Balken gar, das Haus auch ganz voll Rauch und Feuer war.' So, genau so ist es bei Bach, kein andächtiges Von-fern-Stehen, kein Säuseln, nein, Geschrei, Zittern, Feuer und Rauch. Oktavsprünge im Bass werfen uns wirklich vom Himmel, in die Hölle und wieder zurück in den furchtbaren Glanz des Himmels. Dann schließt er sich, und in der großen Fuge 'pleni sunt coeli et terra' finden wir uns wieder in unserer Welt, die sich nach mess- und wägbaren Gesetzen bewegt, und die unsere vertraute Heimat ist.
Jeder Häuschengast bekommt ein paar Forsytienzweige mit heim. Im warmen Zimmer blühen sie schon nach wenigen Tagen auf.
Zwei kleine Überraschungen: ich bekam ein Stückchen Gummi zum / Radflicken geschenkt und fand auf einem Schutthaufen ein noch gut erhaltenes Schutzblech. Jetzt wird mein Mantel bei Regen nicht mehr bis zum Kragen voll Dreck spritzen.
Im Übrigen regiert Kalk die Stunde. Ich habe noch nie einen Raum geweißt und machte sicher alles falsch. Bei Proben an der Küchenwand wurde zunächst alles braun und scheußlich, bis ich nach dem Trocknen doch etwas Weißes entdeckte, aber fleckig und uneinheitlich. Als ich dann, während es draußen stürmte und regnete, wirklich ernst machte, waren die Wandschränke, der Fußboden, die Tür, ich selbst weißer geworden als die Wände, und zum Unglück schwabbte mir noch der Eimer mit Kalkbrühe in hohem Bogen ins Wohnzimmer. Ich hätte für das Leben, das ich hier führe, etwas handwerkliche Fortbildung gebraucht. Eins aber ist sicher, die Küche riecht wie neu und sieht wie entartete Kunst aus, was ich nur positiv bewerte. [...] Hier haben sie die Natur vor der Tür, und was das bedeutet, wurde mir klar, als mir ein Oberschenkelamputierter neulich sagte: 'Ich fahre jeden Tag mit dem Rollstuhl aus der Stadt an einen Feldweg, wo keine Menschen sind, klettere heraus (ich vergaß zu sagen, dass er unterhalb des anderen Knies auch amputiert ist) und übe das Gehen mit meinen Prothesen. Jeden Tag nehme ich mir vor, einen Meter weiter zu kommen als den vorhergehenden, aber es gelingt nicht immer.'
Über mich mache ich mir keine Sorgen. Irgendwo auf dem Lande werde ich schon Arbeit finden. Die Katastrophe kommt auf uns zu. Mir ist, als stünde ich im Sonnenschein auf einem hohen Sprungbrett kurz vor dem Absprung ins kalte Wasser. Nur stimmt der Vergleich nicht ganz. Ich, wir alle dürfen nicht abspringen, wenn es uns passt, sondern wir werden irgendwann einmal herabgeworfen und müssen um unser Leben schwimmen." (S.307/08).
Band II, S.306-313
Ein Bericht vom Vormarsch der deutschen Truppen 21.2.1943
"[...] Es sei ein Krieg ebenso so sehr gegen das Gelände, wie gegen die Russen gewesen. Daß Munition von einer Trägerreihe knie- und hüfttief durch den Morast geschafft werden müsse, sei eine Mühe eigener Art, zumal wenn man überdies den Schutz der Nacht mit schlechten Sichtverhältnissen dazu brauche. Abgeschnittene und umzingelte Truppen von Russen hätten sich bis zu ihrer Ergebung oder Vernichtung von dem Fleisch Gefallener ernährt. Er zog aus seiner Brieftasche Aufnahmen von Menschenbeinen, deren Ober- und Unterschenkelknochen der Muskeln entblößt, deren Füße hingegen vollständig verblieben waren; sogar von rings geöffneten Schädeln, denen das Gehirn entnommen, so das Gesicht belassen worden war. Ich konnte so Entsetzliches kaum fassen.
Eine Weile hingen wir schweigend Vorstellungen nach, die uns in ähnliche Lagen versetzten, wie Soldaten sie erfahren hatten. [...]" (Band IV 16.-28.2.1943, S.296)
"[...]Göring benutzte zwei Wagen des Sonderzug. Diese waren, wie alle anderen, Spezialanfertigungen. Sie waren mit Bleiplatten belastet, um dem Oberbefehlshaber das Schleudern zu ersparen. Jeder dieser zwei Wagen kostete, ohne seine Einrichtung, 680.000 DM, die anderen 300.000 DM. Absatz im ersten Wagen, von der Lokomotive gerecht her gerechnet, befand sich die fürstliche Garderobe, die unzähligen Uniformen, die Zivilanzüge, die berühmten Leder Wense, an denen er einen Narren gefressen hatte, die Morgen Röcke aus Brokat und Seide. Auch wurden hier die Degen aufbewahrt, die Schulterstücke und die Orden. Auch das Badezimmer enthielt dieser Wagen. Es war weiß gekachelt, daneben lag die Toilette. Wenn der Monarch dieses üppigen Zuges sich morgens zum Bad und nachfolgenden Frühstück an Sickte, musste der Zug, und natürlich auch der Vorzug, So lange stehen bleiben, bis beides erledigt war. Der eiserne liebt es nicht, wenn das Wasser in der Wanne schwappt. So blockierten wir hier oft ganze Strecken, und wenn es eine lange Strecke war, wie jene von Berchtesgaden nach Rastenburg in Ostpreußen, dann blockierten wir auch Hauptstrecke. Es spielte nicht die geringste Rolle, ob durch das Bad und Frühstück des Herrn Reichsmarschall hinter uns Transportzüge, Lazarett Züge und später die Flüchtlings für lange Stunden liegen geblieben; es war alles gleichgültig, und alles hat sich den persönlichen Wohl dieses Mannes und zu ordnen. Die Fahrpläne, die dann mit den zunehmenden Fliegerangriffen und den Zerstörungen der Bahnanlagen ohnehin nur noch mit unerhörten Schwierigkeiten und nur durch sagenhafte Pflichttreue und Aufopferung des Bahners also, durch dich aufrecht zu erhalten. Warenkorb wurden durch dieses Bad so verwirrt, das ist Tage brauchte, um wieder Ordnung zu schaffen. Ich sprach einige Male mit Übernächtigten, Erschöpften und Verzweifelten, mit jenen unbekannten Helden, die mit Zähnen und Klauen den ordnungsgemäßen Betrieb ihres Bereiches gegen alle Unordnung verteidigten. "Der ganze Fahrplan ist dahin", sagten sie. Sie fügten aber hinzu: "Das macht nichts. Wir werden es wieder hinkriegen. Hermann muss arbeiten können." [...]"(Band IV Epilog März 1943, S. 668/69 )
Kempowskis Absicht war, „Ursache und Wirkung direkt nebeneinander zu stellen. [Es] kreuzen sich die Flüchtlingszüge aus Ostpreußen mit den langen Elendszügen der Häftlinge“, um die Leidenden zusammenzuführen. Dabei sah er sich als Chronist der in der deutschen Literatur zuvor wenig thematisierten Bombenangriffe und Flüchtlingsströme auch als Tabubrecher: „Wir müssen auch das erzählen dürfen.“[2] Neben den Einzelberichten aus dem ersten Teil sind auch offizielle Quellen in die Bände eingearbeitet: Zeitungsmeldungen, das Rundfunkprogramm und Wehrmachtberichte. Zudem wird die deutsche Perspektive um zahlreiche ausländische Aufzeichnungen ergänzt, die Kempowski seit Erscheinen des ersten Teils ausfindig gemacht hatte.
Abgesang ’45
Auch der letzte Teil des Echolots beschränkt sich auf einen Band und wird in der ausführlichen Darstellung weniger letzter Kriegstage zum Epilog des Projekts. Der Band beginnt mit dem letzten Führergeburtstag am 20. April 1945. Es folgen der 25. April, der Elbe Day mit dem ersten Zusammentreffen alliierter Truppen, und der 30. April, der Tag des Suizids Adolf Hitlers. Beschlossen wird der Band durch ein umfangreiches Kapitel zum Kriegsende durch die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht sowie die Reaktionen bei den Siegermächten und der deutschen Bevölkerung am 8. und 9. Mai 1945.
Eingerahmt sind die Ereignisse durch zwei Gedichte, Ludwig UhlandsFrühlingsglaube („Nun muß sich alles, alles wenden.“) und Friedrich HölderlinsDer Frühling („Der Menschen Thätigkeit beginnt mit neuem Ziele,/ So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.“)
„Ich bin konservativ und liberal, und das darf man in Deutschland nicht sein. […] Man darf ja auch heute nicht seine Meinung sagen in Deutschland. Versuchen Sie das doch mal! Ein Schritt vom Wege, und Sie sind erledigt.“