Annette von Droste-Hülshoff stellt ihrer Novelle ein Gedicht voran.
Wo ist die Hand so zart, daß ohne Irren10 August 2021
Droste-Hülshoff: Die Judenbuche
Schullektüren in meiner Schulzeit
Von Herrn Rau angestoßen hier einige Notizen:
Mittelstufe: Die schwarze Spinne, Wilhelm Tell, Keller: Kleider machen Leute, Romeo und Julia auf dem Dorfe
Gedichte: Keller: die öffentlichen Verleumder (hochaktuell), Heym: Der Krieg
Oberstufe: längere Auszüge aus dem Nibelungenlied, Walther von der Vogelweide als anspruchsvollstes ‘Owe war sind verswunden …’ Wallenstein und vor allem: Faust II, jede Zeile im Unterricht vorgelesen und besprochen. (Dazu wäre noch viel mehr zu sagen.)
INHALTSANGABEN habe ich damals geschrieben zu:
Hofmannsthal: Jedermann, Keller: Das Fähnlein der 7 Aufrechten, Britting: Das Waldhorn, Der Eisläufer, Der Sturz in die Wolfsschlucht, Hauptmann: Die Weber, Wallenstein, Faust I und II.
Gelesen noch: Stifter: Der beschriebene Tännling, vermutlich auch Bergkristall und Brigitta. Und natürlich Lesebuchtexte: Jean Paul: Rede des toten Christus, Kleist: Marionettentheater, Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden; als Volltext: Michael Kohlhaas, Erdbeben von Chile, Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege, Hebel: Das Erdbeben von Falun. Schiller: Das verschleierte Bild zu Sais. Bei anderem bin ich mir nicht so sicher, ob nur häusliche Lektüre oder Schullektüre. – Die erwähnten Gedicht wurden natürlich alle auswendig gelernt. Das verschleierte Bild zu Sais konnte ich zumindest bis in meine Lehrerzeit noch ziemlich sicher, jetzt nur noch mit großen Lücken. – Und woher stammt: “Ich bin nur durch die Welt gerannt …”? Denn natürlich wurden damals nicht nur Gedichte und Passagen aus Wilhelm Tell auswendig gelernt. “Die Glocke” freilich auch nur passagenweise.
Bürgschaft und Kraniche des Ibikus sicher noch vollständig. Wohl auch Mörikes Feuerreiter. Habe ich den Prometheus aus Pflicht oder freiwillig gelernt? Den konnte ich noch jahrzehntelang.
Natürlich Macbeth und allerlei englische Kurzgeschichten.
(Abitur-Jahrgang 1963)
Imponiert hat mir mein Sohn, der von der Odyssee die ersten 70 Verse auf Griechisch auswendig gelernt hat. Der war nicht so verweichlicht wie ich mit meinen kümmerlichen französischen und englischen Gedichten.
Bemerkenswert auch die Kommentare zu Herrn Raus Beitrag
Einen eigenen Blogbeitrag zum Thema geschrieben hat: Poupou
Ein sehr engagierter Beitrag von Dirk Franke (Benutzer:Tolanor), der erlebt hat, dass gerade anspruchsvolle Texte ganz außerhalb seiner Erlebniswelt seinen Bildungswillen angestachelt haben (freilich auch die besondere Lehrperson mit ihrem Engagement).
Daraus ein Zitat über die Lektüre Schillers:
Dirk Franke über Schullektüren: "Friedrich Schiller – Kabale und Liebe. (9./10. Klasse) Hat in mir erfolgreich eine lebenslange Abneigung gegen Schiller hervorgerufen. Spätere private Versuche mit den Räubern und Don Carlos brachten uns nicht wieder zusammen. Menschen mit der Charaktertiefe von Pappkameraden stehen herum und geben politische Verlautbarungen von sich. Auf seine Art hat Schiller Twitter vorweggenommen. Nicht nur, dass mir die Charaktere egal waren, ich habe eine Abneigung gegen komplett alle Personen entwickelt. Ein halbes Jahr lang."
Schullektüren in der DDR:
Dieter Noll: Die Abenteuer des Werner Holt
Bruno Apitz: Nackt unter Wölfen
(Abitur 1994 in Sachsen und damit Lektüre im “alten” wie im für uns “neuen” Schulsystem:
“Wie der Stahl gehärtet wurde” – das las die DDR über Jahrzehnte hinweg in Klasse 8 und damit m.E. viel zu früh
“Käuzchenkuhle”
in Klasse 11 Hochhuths “Stellvertreter”
Sieh auch:
Liest Ihr Kind? ZEIT 19.8.21 (Von Ursula März)
Von Herrn Rau übernehme ich die Links zu anderen Blogbeiträgen zum selben Thema:
Wer auch darüber schreibt:
- Anne Schüssler, Schullektüre (schon 2017 geschrieben)
- Kiki Thaerigen, Schullektüre
- Fontanefan, Schullektüren in meiner Schulzeit
- Novemberregen, Schullektüre
- hmbl, 10.8.2021: Exkurs Schul-Lektüre
- Herzbruch, Schullektüren
- Hauptschulblues
- Herr Mess, Lateinlektüren meiner Schulzeit
- Hafensonne, Schullektüre
- poupous geheimes laboratorium, Schullektüren
- The Diary of Kitty Koma, Schullektüre
- Iberty as in Liberty, Schullektüren, 1987-1995
- Anke Groener, Schullektüren
- joel.lu, Schullektüre
- madiko, Schullektüre 1981-1993
- croco
- Twitter-Thread dazu
- Anne Schüssler, Schullektüre (schon 2017 geschrieben)
- Kiki Thaerigen, Schullektüre
- Fontanefan, Schullektüren in meiner Schulzeit
- Novemberregen, Schullektüre
- hmbl, 10.8.2021: Exkurs Schul-Lektüre
- Herzbruch, Schullektüren
- Hauptschulblues
- Herr Mess, Lateinlektüren meiner Schulzeit
- Hafensonne, Schullektüre
- poupous geheimes laboratorium, Schullektüren
- The Diary of Kitty Koma, Schullektüre
- Iberty as in Liberty, Schullektüren, 1987–1995
- Anke Groener, Schullektüren
- joel.lu, Schullektüre
- madiko, Schullektüre 1981–1993
- croco
09 August 2021
Bernward Vesper: Die Reise
Bernward Vesper Sohn von Will Vesper, zeitweise Lebensgefährte von Gudrun Ensslin (Rote Armee Fraktion)
Hauptwerk: Der "Romanessay" Die Reise ("wertvolles Zeitdokument der 68er-Generation. Vesper setzte sich darin u. a. mit seinem Vater, dem Nazi-Dichter Will Vesper, und seiner ehemaligen Lebensgefährtin Gudrun Ensslin auseinander.") "1969 begann Vesper den Romanessay Die Reise, den er aber nicht mehr vollenden konnte. In dem autobiographischen Fragment, das erst 1977 posthum veröffentlicht wurde, thematisiert und reflektiert Vesper das Verhältnis zu seinem Vater, seine eigene radikale politische Überzeugung, seinen Schreibprozess an der „Reise“ sowie seine Erfahrungen mit Drogen. Es gilt als einflussreiche Darstellung der 68er-Generation und bedeutendes Zeitdokument." (Wikipedia)
Zitate:
E=Erfahrung. Hass
Versuch eines neuen Anfangs
1 Das ist unsere Einsteinsche Formel. Man wird kaum die Unverfrorenheit aufbringen, sie in die bronzene Kirchentür meiner Geburtsstadt einzugießen. Die Formel unserer Krankheit und Exzentrizität. Sie wird Zerstörungen zur Folge haben, gegen die Nagasaki und Hiroschima lächerlich erscheinen. Aber ich weiß, dass der Weg, den sie anzeigt, zu unserer Erlösung führt. (>War das in Hiroschima wirklich geschehen? War irgendetwas jemals wirklich geschehen?>)
2 Ich kannte ihn vorher nicht und ich weiß auch nicht, wo er jetzt steckt. [Ich werde also kaum mehr über ihn erfahren, ich bin auf meine Erinnerung angewiesen: ein Schatten unter dem Tamariskenbaum vor Rijeka am 2. August 1969,] und dieses verdammte Haus hindert mich daran, mich genau zu erinnern (was heißt hier: verdammt; was heißt hier: was heißt hier; [dieses Land ist] alle diese Häuser sind verdammt [, ich bewohnte es, ohne zu merken, dass es meinen Tod zu Lebzeiten bedeutet]. Es ist Zeit, [aus meinem Traum zu erwachen] das zu registrieren. Es ist Zeit, die Dinge zu sehen, wie sie sind, die Projektionen zu knacken, die mir das Unerträgliche erträglich erscheinen lassen, [es ist Zeit, zu begreifen,] Es ist Zeit, zu zerstören, was man mir als Schönheit andrehte, es ist Zeit, die Schönheit der Zerstörung zu begreifen: den Erfahrungen vertrauen, die Erfahrungen in Hass, den Hass in Energie verwandeln). (S.13)9 Ich fragte Jorge Armado: Was ist die Ursache für die Krise unserer Literatur? Und Jorge antwortet: >Wir haben nicht mehr genügend junge Autoren, weil diese jungen Künstler alle Musiker oder Filmemacher sind.< Das individuelle Produktionsmittel Schreibmaschi
"Zwei Tage lang arbeite da mein Vater mit einem Mann im Keller am großen Heizofen und verbrannte Bücher und Papiere. Tigerpanzer gingen in der Sandgrube in Stellung. Waffen-SS und Totenkopf – Werwolf und Endsieg. Man kümmerte sich wenig um die Kinder. Dann stürzte meine Halbschwester herein: >>Der Führer ist gefallen.<< Es war ein herrlicher Frühlingstag, blau und warm. Dann saßen wir einen halben Tag lang im dunklen Flur des alten Hauses, Granaten zogen über das Haus und schlugen am Westerbecker Berg und im Dorf Westerbeck ein und zerstörten / es". (S.66/67)
"Es sind die VEGETABLES. Alles ist hier Vegetable. Was nützt es, high zu sein, wenn man auf dem Grund dieses Morastes sitzt? Ich sehe sie kaum, ich spreche nicht mit ihnen und dennoch sind sie überall präsent. Ihre Straßen, Häuser, die Missbildung der Fenster, der Türen, der Garten, alles verrät sie, auch wenn ich nur nachts spazieren gehe, wenn sie – an Wochentagen um 10, am Freitag und Sonnabend um 11.30 Uhr – das Licht gelöscht haben. Goethe hatte recht, wenn er auf dem urbanen Ursprung aller Kunst wies. Aber er hielt Weimar für eine Stadt! Ein Deutscher!
Das Wertsystem verschiebt sich. Es ist das gleiche, wie wenn man zum ersten Mal klaut, zum ersten Mal abtreibt, zum ersten Mal begreift, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt. Man ist gefeit gegen alle neuen Suggestionen des Idealismus. Man wirft die Systeme in die Luft und sie fliegen davon, Spreu der Ideologie. Und die Materie bewegt sich ewig, atmet, lebt, verschiebt sich, stürzt ein und ballt sich, flieht vor sich selbst. Und wir sind ein Teil davon, jetzt, wo der Morgen beginnt, der Tag, mein Tag!
Im Fernsehen – Cocteau würde sofort die Koinzidenz bemühen – läuft ein Film über eine neue gefährliche Droge, auf die das RD von Los Angeles angesetzt wird. Und man sieht, den Kopf tief im Sand, einen jungen Amerikaner, der ins Innere der Erde blickt und das ewige Feuer sieht – und die faschistischen Bullen, die ihn packen, sein schönes, bemaltes Gesicht, den tiefen strahlenden Blick, den Glanz, /die Glätte des vom Geist belebten Ausdrucks: ihn schütteln, aus dem Trip zu reißen versuchen, ihn quälen, sadistisch mit jenem Spott, der die Ohnmacht der Bullen beweist. Nichts sonst. Er sagt wunderbare Sache: >Ich bin der Stuhl!< [...] Er umarmt den Baum, er schluckt die Rinde, er stößt sich an den Schreibtischen der Wache. Natürlich: sie sperren ihn ein, aber der Geist ätzt sich den Weg, schöner Vogel Quetzal, wir werden uns, der Freiheit beraubt, nicht töten, wir schmelzen, fließen durch die Mauern – das ist alles. Das System hat kein Argument auf seiner Seite, keins.
Kinder, Maler, Dichter: sie haben doch schon lange gewusst, dass sie Pferde blau sind und die Löwenflügel haben, dass das Weltall lebt.
Dann Jean Cau (un légume francais): >Meine Reaktionen waren intakt, aber als ich begriff, sie könnten nachgeben, entgleisen, da war das Schreckliche da. Man hatte ihn, da er als légume typique an einer LSD-Séance als >Beobachter< teilnehmen wollte, 300 mg in den Wein getan, woraufhin er sofort zum Arzt rannte, sich Spritzen in den Arsch jagen ließ, um da rauszukommen. Er weigerte sich, von seinen Wertsystem, seinen Symbolen, seinen Metaphern runterzugehen, er ist krank, gestört, Ich-schwach, er kennt nur seine Vorurteile, in die er so vernarrt ist, dass er sich an sie klammert wie an etwas, was ihn retten könnte. Er ist davon überzeugt, dass er, Monsieur Jean Cau, nur in seiner Borniertheit bestehen kann. Oh, das Gefühl, sich an das sinkende Schiff zu klammern, von den Wellen losgerissen zu werden, übers Wasser zu treiben und zu merken, dass es trägt, dass es unendlich ist, dass man auch, wenn man tausend Meter tief sinkt, atmen kann, sehen kann, dass in dem / Moment, wo man fällt, die unendliche Liebe einen umfängt und behütet und trägt. Ja, Herr Cau, sehen Sie und Sie behaupten, wir >erleben eine Art von Katastrophe, in der die menschlichen Werte einfach ausgehöhlt werden<." (S. 97-99)
"Und dann gab Joseph Göbbels seinen Kindern Gift, dann erschoss er seine Frau und sich und im Garten der Reichskanzlei schlugen, neben den brennenden Geheimakten, die Flammen über ihm zusammen und auf Berlin hämmerte die russische Artillerie, ganz Deutschland ein Feuermeer, holladihi! Wenn wir abtreten müssen, dann werden wir den sagt Deckel zuschlagen, dass es an den Westen des Himmels wieder halt! Ende. Sollten die deutschen unwürdig der Ihnen aufgetragenen geschichtlichen Mission, zu sehen, wie sie allein fertig würden, führerlos.
Und dann, nach dem pünktlichen Abendessen, während meine Mutter in der Küche und der Geruch angebrannten Lebkuchens durch die Flure zog, lag er auf dem durchgesessenen Biedermeiersofa, das Weinglas in der Hand, die Linke an den Eiern (Prostata). (S. 451/52)
"Wir richten den Blick nicht auf die Geschenktische, sondern verharren schweigend, in die Betrachtung des Baumes versunken. Die erzgebirgischer Klingelei läutet. Wir singen jetzt 'Stille Nacht', ein Lied, das wir uns für diese Stunde aufgespart haben. Dann greift mein Vater, der mit dem Rücken zum Baum, im unteren Teil der Halle steht, zur Bibel, einer Fassung für die Jugend, die er selbst bearbeitet hat. Während er liest, läuft in meinem Kopf der Originaltext "mit Maria, seinem vertrauten Weibe. Und als sie..", "und die war schwanger", denke ich. (Und die Hirten auf dem Felde, ihre wehenden Mäntel, die Eiskruste in den Bärten, und die Schafe stehen bis zu den Zitzen im torfigen Schnee.)
Kühle Luft kriecht in die weiten Hosenbeine meines schwarzen Tanzstunden- und Konfirmationsanzusg, die Heizungen sind abgestellt, der Baum darf nicht frühzeitig nadeln.(S. 459)
"Und während ich sang, dachte ich an das Gedicht, das mein Vater dem Führer gewidmet hatte, Fühl unsere Herzen schlagen, wie in Dein Herz gebannt und wage, was du mußt wagen, wozu dich Gott gesandt, und ich merkte, wie wir alle, die wir hier standen, in eins verschmolzen, das können Sie uns nicht nehmen.. (S. 460)
"Das Christentum zu bekämpfen war ein Fehler der Partei", sagte mein Vater. "Man kann nicht das alte deutsche Weihnachtsfest in ein heidnisches Lichtfest zurück verwandeln. Diesen Fehler haben Rosenberg und Bormann zu verantworten. Der Führer selbst war religiös, schon aus Ehrfurcht vor seiner Mutter, die eine fromme Frau war. Bormann war überhaupt in allen Dingen der böse Geist des Führers, der ihn zum Schluß sogar verrät. Der Führer hat von alledem nichts gewußt." (Was war das für ein Führer, der diese Verräter um sich herum nicht durchschaute?) "Luther und Bach waren Christen – waren sie keine guten Deutschen?" rief er, "ich habe schon 1935 mein "Bekenntnis" zum Christentum veröffentlicht. Dafür bin ich angefeindet worden. Ich habe ein Parteiverfahren gegen mich beantragt, denn im Programm steht, die Partei steht auf dem Boden eines positiven Christentums, man hat das Verfahren abgewürgt. Und was haben die Herren Widerständler getan, die mich heute wieder verfolgen?" Tränen traten ihm in die Augen, wenn er Musik hörte oder seine eigenen Gedichte vorlas. "Übrigens", sagte er, "Luther und Bach stammen aus denselben Dörfern wie die Vorfahren meiner Mutter, es ist gut möglich, daß wir mit ihnen verwandt sind." (S. 462)
"LSD kann eben so wenig zurückgenommen werden wie die neunte Sinfonie." (S. 505)
"1971 wurde Vesper in die Psychiatrie Haar bei München eingewiesen und anschließend in die Psychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf verlegt, wo er sich am 15. Mai 1971 mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben nahm." (Wikipedia: Bernward Vesper)
08 August 2021
Daniela Krien: Der Brand
Schriftstellerin Daniela Krien:
Perlentaucher Rezensionen zu 4 Titeln
Perlentaucher Rezensionen zu Der Brand
Die ZEIT Rezension von Burkhard Müller
Müller ist etwas enttäuscht:: "Daniela Kriens letzter Roman, Die Liebe im Ernstfall, hatte die Liebe als ein großstädtisches Phänomen behandelt; fünf enger oder lockerer miteinander verbundene Frauen aus dem alternativen Milieu Leipzigs hatten darin mit wechselnden Männern ihr Glück gesucht, und es war in seiner komplexen, über mehrere Jahre geführten Anlage eine sehr anregende Studie über den Preis der Freiheit in einer Umwelt gewesen, in der alle Lebensentwürfe möglich geworden zu sein scheinen.
Schon der Schauplatz des neuen Buchs und die Art, wie sein Personal aufeinander bezogen ist, nämlich ganz überwiegend durch familiäre Bande, lassen erkennen, dass nun eine gewisse Reduktion von Komplexität eingetreten ist. Während Die Liebe im Ernstfall durch den weiten Umkreis seines Blicks einen multiplen Liebes-, einen Gesellschaftsroman zum Vorschein gebracht hatte, jene Gattung, die heute nötiger wäre denn je, kehrt Der Brand ins engere Bett von Partnerschaft, Ehe und Familie zurück; das heißt, zu einem Genre, an dem wahrlich kein Mangel herrscht. [...] Am Rande passieren immer noch Dinge, oder vielmehr sind Dinge passiert, die aufhorchen lassen, weil es auf einmal wirklich interessant wird. Peter bekommt Probleme an der Uni, weil er es, mehr aus Begriffsstutzigkeit als aus böser Absicht, unterlassen hat, eine*n nicht binäre*n Student*in so zu titulieren, wie sie/er es verlangt; ein Shitstorm hebt an, und er fühlt sich verkauft und verraten. Daraus hätte man was machen können, wie Philip Roth im Menschlichen Makel! Aber es wird nur als müde Anekdote erzählt, die dartun soll, warum ihn sein ganzes akademisches Dasein nicht mehr freut. [...] Nachdem man Kriens Roman zu Ende gelesen hat, neigt man fast zur Prognose, dass die Simplifizierung und Bequemlichkeit, die man sich in Corona-Zeiten hat zu eigen machen müssen, ihre lockende Kraft wohl auch dann behalten werden, wenn man im Prinzip wieder alles dürfte.
Es ist ein aktuelles, ein unausweichliches Buch, das zeigt, wie es gegenwärtig steht und deprimierenderweise vielleicht bleiben wird – aber gerade deshalb, weil es diesen Zustand als lebenspraktisches und literarisches Muster ratifiziert, leider kein eigentlich gutes."
Was für Müller nur eine "müde Anekdote" bleibt, war für Krien Ausgangspunkt des Erzählens:
„Bei zu vielen Themen ist es ein Eiertanz geworden, darüber zu sprechen“
FR 7.8.21 Interview mit Cornela Geißler über den Roman "Der Brand"
"[...]
Was war das ursprüngliche Thema beim neuen Buch? Ein Paar, das in die Krise gerät, weil die Kinder aus dem Haus sind?
Nein, ich wollte darstellen, warum sich freiheitlich und liberal gesinnte Menschen in unserer Gesellschaft zunehmend fremd fühlen.* Das Paar hatte ich erst noch gar nicht. Erst wenn ich anfange zu schreiben, entstehen die Figuren. Bestenfalls sehe ich Bilder wie in einem Film. Figuren kristallisieren sich heraus, und dann komme ich mit ihnen ins Gespräch. Die Aspekte meines Themas ordne ich erst beim Schreiben selbst. Wenn ich dann fertig bin, fühle ich mich erstmal leer: Alles, was ich zuvor aufgesaugt hatte, ist dann ausgepresst. * Hervorhebung von Fontanefan
Sie erzählen hier chronologisch, schreiben Sie auch chronologisch?
Ich schreibe einmal durch, dann gehe ich zurück und überarbeite. Im Fall von „Der Brand“ war es ein schönes, leichtes Schreiben, es fügte sich alles gut. In der Überarbeitung streiche ich vor allem, denn ich möchte relativ wenig vorgeben, damit die Leser ihren eigenen Phantasie- und Deutungsraum behalten. Und vor allem will ich niemandem meine Meinung aufdrängen. [...]"
01 August 2021
INGEBORG BACHMANN
Ingeborg
Bachmann: Die
gestundete Zeit (1953)
gilt als Antwort
auf Corona von
Celan
Text
und Vortrag
Peter Hamm über den Briefwechsel Bachmann-Celan in ZEIT Nr.35 21.8.2008 "Wer bin ich für Dich?"
"[...] Mögen Liebe und Scheitern ohnehin Synonyme sein, im Falle dieser beiden Dichter wurde die Liebe über alles Scheitern hinaus zum Liebesmartyrium, bei dem sich die Geschichte als weitaus stärker erwies als die Liebesgeschichte. Wer wie Paul Celan in den Abgrund der Geschichte geblickt hatte und den Todeslagern, in denen seine Eltern ermordet wurden, nur knapp entgangen war, den trennte auch noch von dem ihm Liebsten dieser Abgrund, zumal wenn die Geliebte, wie Ingeborg Bachmann, die Tochter eines Nazis der ersten Stunde war. [...]
Da ihr eine Freundschaft, "die hinausgeht über Mitgefühl", nicht mehr möglich erscheint und ihr nach vielen Beleidigungen und Drohungen Celans – einmal nennt er sie seine Mörderin – auch das Mitgefühl fast abhandengekommen ist, rafft sie sich im September 1961 zu jenem todtraurigen (nie abgeschickten) Abschieds- und Abrechnungsbrief auf, in dem es heißt:
Ich habe lange Schwierigkeiten gehabt, zu Ingeborg Bachmann einen Zugang zu finden. Jetzt versuche ich es mit einzelnen Absätzen aus ihren Erzählungen, die mir etwas sagen:
"Wenn einer in sein dreißigstes. Jahr geht, wird man ihn nicht aufhören, ihn jung zu nennen. Er selber aber, obgleich er keine Veränderungen an sich entdecken kann, wird unsicher; ihm ist, als stünde es ihm nicht mehr zu, sich für jung auszugeben. Und eines Morgens wacht er auf, an einem Tag, den er vergessen wird, und liegt plötzlich da, ohne sich erheben zu können, getroffen von harten Lichtstrahlen und entblößt jeder Waffe und jeden Muts für den neuen Tag."
(Das dreißigste Jahr, 1961, I. Bachmann: Sämtliche Erzählungen, Piper 1992, S. 94)
"Wenn wir uns, wie zwei Versteinerte, zum Essen setzen oder abends an der Wohnungstür zusammentreffen, weil wir beide gleichzeitig daran denken, sie abzusperren, fühle ich unsere Trauer wie einen Bogen, der von einem Ende der Welt zum anderen reicht – also von Hanna zu mir –, und an dem gespannten Bogen einen Pfeil bereitet, der den unbewegten Himmel ins Herz treffen müsste. Wenn wir zurückgehen durch das Vorzimmer, ist sie zwei Schritte vor mir, sie geht ins Schlafzimmer, ohne 'Gute Nacht' zu sagen, Und ich flüchte in mein Zimmer, an meinen Schreibtisch, um dann vor mich hin zu starren, ihren gesenktem Kopf vor Augen und ihr Schweigen im Ohr. Ob sie sich hinlegt und zu schlafen versucht oder wach ist und wartet? Worauf? – da sie nicht auf mich wartet!"
(I. Bachmann: Sämtliche Erzählungen, Piper 1992, Alles, S. 138)
Einerseits sehr nah an alltäglicher Lebenssituation. Dann die starken (überstarken?) Metaphern. Und woher dieser Abstand?
"Das Kind, dass wir erwarteten, veränderte uns. Wir gingen / kaum mehr aus und vernachlässigten unsere Freunde; wir suchten eine größere Wohnung und richteten uns besser und endgültiger ein. Aber des Kindes wegen, auf das ich wartete, begann alles sich für mich zu verändern; ich kam auf Gedanken, unvermutet, wie man auf Minen kommt, von solcher Sprengkraft, dass ich hätte zurückschrecken müssen, aber ich ging weiter, ohne Sinn für die Gefahr.
Hanna missverstand mich. Weil ich nicht zu entscheiden wusste, ob der Kinderwagen große oder kleine Räder haben sollen, schien ich gleichgültig. (Ich weiß wirklich nicht. Ganz wie du willst. Doch, ich höre.) Wenn ich mit ihr in Geschäften herumstand, wo sie Hauben, Jäckchen und Windeln aussucht, zwischen Rosa und Blau, Kunstwolle und echter Wolle schwankte, warf sie mir vor, dass ich nicht bei der Sache sei. Aber ich war es nur zu sehr.
Wie soll ich bloß ausdrücken, was in mir vorging? Es erging mir wie einem Wilden, der plötzlich aufgeklärt wird, dass die Welt, in der er sich bewegt, zwischen Feuerstätte und Lager, zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, zwischen Jagd und Mahlzeit, auch die Welt ist, die Jahrmillionen alt ist und vergehen wird, die einen nichtigen Platz unter vielen Sonnensystemen hat, die sich mit großer Geschwindigkeit um sich selbst und zugleich um die Sonne dreht. Ich sah mich mit einem Mal in anderen Zusammenhängen, mich und das Kind, das zu einem bestimmten Zeitpunkt, Anfang oder Mitte November, an die Reihe kommen sollte mit seinem Leben, genauso wie einst ich, genau wie alle vor mir."
(I. Bachmann: Sämtliche Erzählungen, Piper 1992, Alles, S. 138/39)
"Ihr Menschen! Ihr Ungeheuer!
Ja ungeheuer mit Namen Hans! Mit diesem Namen, den ich nie vergessen kann.
Immer wenn ich durch die Lichtung kam und die Zweige sich öffneten, wenn die Ruten mir das Wasser von den Armen schlugen, die Blätter mir die Tropfen von den Haaren leckten, traf ich auf einen, der Hans hieß.
Ja, diese Logik habe ich gelernt, Dass einer Hans heißen muss, dass ihr alle so heißt, einer wie der andere, aber doch nur einer. Immer einer nur ist es, der diesen Namen trägt, den ich nicht vergessen kann und wenn ich euch auch alle vergesse, ganz und gar vergesse, wie ich euch ganz geliebt habe. Und wenn eure Küsse und euer Samen von den vielen großen Wassern – Regen, Flüssen, Meeren – längst abgewaschen und fortgeschwemmt sind, dann ist doch der Name noch da, der sich fortpflanzt unter Wasser, weil ich nicht aufhören kann, ihn zu rufen, Hans, Hans ..." (S.253)
"Ihr Ungeheuer mit euren Frauen!
Hast du nicht gesagt: es ist die Hölle, und warum ich bei ihr bleibe, das wird keiner verstehen. Hast du nicht gesagt: meine Frau, ja sie ist ein wunderbarer Mensch, ja sie braucht mich, wüsste nicht wie ohne mich leben –? Hast du’s nicht gesagt! Und hast du nicht gelacht und mit Übermut gesagt: niemals schwer nehmen, nie dergleichen schwer nehmen. Hast du nicht gesagt: so soll es immer sein, und das andere soll nicht sein, ist ohne Gültigkeit! Ihr Ungeheuer mit euren Redensarten, die ihr die Redensarten der Frauen sucht, damit euch nichts fehlt, damit die Welt rund ist. Die ihr die Frauen zu euren Geliebten und Frauen macht, Eintagsfrauen, Wochenendfrauen, Lebenslangfrauen und euch zu ihren Männern machen lasst. (Das ist vielleicht ein Erwachen wert!) Ihr mit eurer Eifersucht auf eure Frauen, mit eurer hochmütigen Nachsicht und eurer/Tyrannei, eurem Schutzsuchen bei euren Frauen, ihr mit eurem Wirtschaftsgeld und euren gemeinsamen Gutenachtgesprächen, diesen Stärkungen, dem Rechtbehalten gegen draußen, ihr mit euren hilflos gekonnten, hilflos zerstreuten Umarmungen. Das hat mich zum Staunen gebracht, dass ihr euren Frauen Geld gebt zum Einkaufen und für die Kleider und für die Sommerreise, da ladet ihr sie ein, (ladet sie ein zahlt, es versteht sich). Ihr kauft und lasst euch kaufen. Über euch muss ich lachen und staunen, Hans, Hans, über euch kleine Studenten und brave Arbeiter, Die ihr euch Frauen nehmt zum Mitarbeiten, da arbeitet ihr beide, jeder wird klüger an einer anderen Fakultät, jeder kommt voran in einer anderen Fabrik, da strengt ihr euch an, legt das Geld zusammen und spannt euch vor die Zukunft."
(I. Bachmann: Sämtliche Erzählungen, Piper 1992, Undine geht S.255/56)
Bei diesen Erzählungen ist die Wikipedia durchaus hilfreich.
28 Juli 2021
Lion Feuchtwanger: Erfolg
"Die Handlung beginnt mit einem angeblichen und einem wirklichen Meineid. Der Kunsthistoriker und Münchner Museumsdirektor Martin Krüger gerät in den frühen 1920er Jahren in die Kritik, weil er mehrere anstößige Gemälde angeschafft und ausgestellt hat. Daraufhin wird er in einem politisch motivierten Meineid-Prozess zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Krüger wird nachgesagt, dass er nach einem Fest einer Dame in ihre Wohnung gefolgt sei, was dieser unter Eid bestritten hatte. Die Verurteilung beruht auf der eidlichen Falschaussage des Chauffeurs Ratzenberger. Dabei ist allen Beteiligten klar, dass es sich um einen Vorwand der konservativen bayerischen Staatsregierung handelt, um den politisch der Linken zuzurechnenden Krüger seines Amtes zu entheben.
In den folgenden Jahren versucht Krügers Freundin Johanna Krain, seine Begnadigung zu erwirken. Zu diesem Zweck sucht sie den Kontakt zu hochgestellten Persönlichkeiten, zu den Politikern, zu den Oberen in Wirtschaft und Kirche und zu der abgedankten Monarchenfamilie. Nach und nach entsteht so ein Sittengemälde des „Landes Bayern“ in jener Zeit. [...]
Feuchtwanger verwendet in seinem Roman oft bairische Dialektausdrücke, um das Lokalkolorit zu erhöhen. Gleichzeitig fingiert Feuchtwanger, der Roman sei aus großem zeitlichen Abstand geschrieben, indem er allgemein Bekanntes erklärt (etwa dass Schiller ein damals bekannter Dichter war) oder indem er von „damals“ spricht, wenn er seine Gegenwart meint. Das Buch ist als historischer Roman für Leser aus dem Jahre 2000 komponiert. In einer Information, die der Autor in der ursprünglich zweibändigen Ausgabe dem zweiten Band vorausstellt, nimmt er die Position großer zeitlicher Ferne ein und formuliert:
„Material über die Sitten und Gebräuche der altbayrischen Menschen in jener Epoche findet sich in einer Zeitung, die damals in einem altbayrischen Ort namens Miesbach erschien; dem ‚Miesbacher Anzeiger‘. Diese Zeitung ist in zwei Exemplaren erhalten, das eine befindet sich im Britischen Museum, das andere im Institut zur Erforschung primitiver Kulturformen in Brüssel.“[2]"
(Wikipedia: Feuchtwanger: Erfolg )
Wikipedia: "Viele der Romanfiguren sind erkennbar Persönlichkeiten der damaligen bayrischen Gesellschaft nachgebildet. Als erstes entdeckte das Bertolt Brecht, der sich in dem Ingenieur und Dichter Kaspar Pröckl wiedererkannte."
Der Museumsdirektor Krüger zu zu 3 Jahren Haft verurteilt. Er versucht sich mit einer kunsthistorischen Arbeit abzulenken. Kaspar Pröckl besucht ihn.
"Kaspar Pröckl wurde hereingeführt. Der junge Ingenieur schaute aus tief liegenden brennenden Augen missbilligend auf das Bild des Alonso Kano. [...] Er, Kaspar Pröckl , sah die Aufgabe der Kunstwissenschaft in dieser Epoche in ganz anderen Dingen. Angefüllt von den Theorien des Jahrzehnts, die in der Wirtschaft Basis und Mitte alles Weltgeschehens sahen, war er überzeugt, die Kunstwissenschaft müsse zunächst einmal die Funktion der Kunst in der Gesellschaft in einer sozialistischen Gesellschaft erforschen. Der Marxismus hatte, denn er hatte Wichtigeres zu tun, verzeihlicher Weise keine Vorstellung dieser Funktion geschaffen. Hier lag die Bedeutung der Kunstwissenschaft in diesem Jahrzehnt, dass sie zum ersten Mal seit ihrem Bestehen erlöst aus trockenem Herbarismus, in Verbindung mit der Staatswissenschaft lebendig werden, der Kunst des proletarischen Staates den Boden urbar machen konnte. Er, jung, brennend, volltatwilligen Kunstverstandes, mühte sich, dem Mann Krüger, den er liebte, den rechten Weg zu zeigen. [...] Finster also aus hagerem unrasierten Gesicht zwischen starken Jochbogen starten seine tiefliegenden Augen auf das Bild. Aber er sagte nichts. Kam vielmehr gleich auf den Zweck seines Besuchs. Der Chef der bayerischen Kraftfahrzeugwerke, wo er angestellt war, der Baron Reindl, war ein zuwider Bursche; aber er interessierte sich für Kunstdinge. Er war von großem Einfluss. Vielleicht kannst konnte Kaspar Pröckl ihn dazu bringen, für Krüger zu intervenieren. Der Mann Krüger versprach sich nicht viel davon. Er kannte Herrn von Reindl und hatte den Eindruck, dass der ihn nicht recht leiden mochte. Sehr bald, wie oft bei ihren Gesprächen, gerieten Martin Krüger und Kaspar Pröckl von ihrem unmittelbaren Gegenstand ab, erörterten angeregt Möglichkeiten und Wirklichkeiten der Kunst bolschewistischen Staat. Als die Besuchszeit Kaspar Pröckls abgelaufen war, mussten sie in zwei Minuten eilig das Notwendigste über die Schritte besprechen, die Kaspar Pröckl für Krüger unternehmen sollteDer junge Mensch gegangen, fühlte sich Krüger ungewohnt frisch und lebendig. Mit einer Handbewegung wischte er die Reproduktion des Bildes vom Tisch. Er brachte einige Gedanken zu Papier, die die Unterredung in ihm geweckt hatte. Das Wichtigste war im natürlich hernach erst eingefallen. Er lächelte: das war kein schlechtes Zeichen. Er schrieb frisch, männlich, überzeugend, wie es ihm selten glückte. Er war so eifrig bei der Arbeit, dass er erst, als der Wärter ihm das Abendessen hereinstellte wieder daran erinnert wurde, wo er war." (S. 69/70) - [Er war im Gefängnis in Zelle 134.]
Der Komiker Baltasar Hierl ist nach dem Vorbild von Karl Valentin gestaltet.
"Auf billige Art geschminkt, die Gurkennase kläglich weiß, zwei feuerrote Clownflecken auf den Backen, klebte er wie eine Fliege auf einem armseligen Stuhl; die hageren Waden aus viel zu weiten Stiefeln herausstelzend, hatte er kunstvoll um die Stuhlbeine gewickelt. Es galt eine Orchesterprobe. Der Komiker Hierl spielte zunächst Geige, aber da der Kollege an der Pauke fehlte, hatte er es übernommen, auch dessen Part zu vertreten. Das war schwierig. Das ganze Leben war schwierig. Es kamen einem harmlosen, friedfertigen Menschen überall Türken dazwischen, und gemeine Ablenkungen, mit denen man sich herumschlagen musste. Da rutschte zum Beispiel dem Kapellmeister die Krawatte, darauf musste man ihn doch aufmerksam machen. Das war schwierig so mitten im Spielen. Man konnte zwar schnell und eifrig mit dem Geigenbogen auf die Krawatte deuten, doch das verstand der Kapellmeister nicht. Man musste also aussetzen. Da kam das ganze Orchester in Unordnung; man musste von vorne anfangen. Da rutschte wieder die Krawatte. Überhaupt war es hoffnungslos, sich zu verständigen. [...] Dazu sollte man zwei Instrumente spielen. Die Hände reichten nicht, die Füße reichte nicht, die Zunge reichte nicht. Es war eine schwierige Welt. Man konnte nur traurig und beschäftigt darin sitzen und wohl auch etwas eigensinnig und verstockt. [...]
Jetzt aber ging es ganz wild auf, es kam die Ouvertüre zu "Richter und Bauer". Die ging furchtbar schnell, gleich war man aus dem Takt. Allein man war gewissenhaft, man steckte die weißgeschminkte, bebrillte Gurkennase in die Notenblätter, geriet in einen Strudel, mühte sich, zappelte, versank im Strudel. Die anderen rasten über einen fort: man ließ nicht locker, man arbeitete für sein Geld, arbeitete für drei. [...] Das Publikum schrie, brüllte, tobter vor Lachen, fiel von den Stühlen, japsend, sich an Bier und Speisen verschluckend.
Seltsam, wie vor der simplen Eindringlichkeit dieses Schauspielers hier die Zuschauer gleich wurden. Ihre Einzelsorgen, Einzelfreuden versanken. Nicht mehr dachte Johanna an den Mann Krüger, nicht mehr Heßreiter an die kitschigen, langbärtigen Gnomm und die gigantischen Fliegenpilze seiner Fabrik, der Minister Klenk nicht mehr an gewisse in nächster Zeit vorzunehmende Personalveränderungen [...].
Unterdessen schminkte in seiner Garderobe der Komiker Balthazar Hierl sich ab. Mit Vaseline entfernte er das klägliche Weiß von seiner Nase, das giftige Rot von seinen Backen [...]. Leise dabei schimpfte er vor sich hin, das Bier sei nicht warm genug [...]. Man hatte ihm natürlich gesagt, was für prominentes Publikum er heute gehabt hatte, und er, bei aller gespielten Verschlafenheit, hatte aufmerksam jede Wirkung beobachtet, wütend, wenn der winzigster Teil an der Pointe unter den Tisch fiel. Jetzt schimpfte er auf die Hammel, die sich an ihm ergötzt hatten. Er hatte nichts davon. Glaubte man etwa, dass ihm seine Späße Spaß machten? Einen Schmarren. Er war erfüllt von seiner Vaterstadt München; er sehnte sich nach einer großen Komödie, in der er sich, die Stadt München und die Welt hätte ausdrücken können. Aber das verstanden sie nicht die Zwetschgenschädel, die blöden. Das ließen sie nicht zu."
In Dr. Matthäi zeichnet Feuchtwanger ein wenig schmeichelhaftes Bild des Autors Ludwig Thoma. Dessen, ihm in Hassliebe verbundener, Berufskollege Josef Pfisterer erinnert deutlich an Ludwig Ganghofer. Der Schriftsteller Tüverlin trägt nicht nur Züge Lion Feuchtwangers selbst, sondern auch solche von Thomas Mann. Besonders deutlich wird dies im Kapitel Die Funktion des Schriftstellers im zweiten Buch, als sich Pröckl mit Tüverlin über Literatur streitet und ihm vorwirft, er mache „Sanatoriums-, Winterkurortpoesie“, „während der Planet zerrissen“ werde (eine Anspielung auf Manns Roman Der Zauberberg), und meint: „Während die Welt brannte“, habe er „die Seelenregungen von Haustierchen beobachtet“ (eine Anspielung auf Manns Erzählung Herr und Hund).
Die
Funktion des Schriftstellers
"Der
Ingenieur Pröckl verlangte von Tüverlin gebieterisch, dass er
aktivistische politische revolutionäre Literatur mache oder keine.
Hatte es Sinn, während der gewaltigsten Umstellung der Welt
läppische, kleine Gefühlchen einer sterbenden Gesellschaft
festzuhalten? Sanatoriums-, Winterkurortpoesie zu machen, während
der Planet zerrissen wurde vom Klassenkampf? "Wenn einmal
gefragt wurde und was hast du während dieser Zeit gemacht?",
was hatte man dann aufzuweisen? Verwinkelte nach altemodischen
duftende, erotische Spielereien, rein modische, in zehn Jahren nicht
mehr begreifbare. Vom Sinn der Zeit hatte man nichts kapiert. Während
die Welt brannte, hatte man die Seelenregungen von Haustierchen
beobachtet. Schriftstellerei, wenn sie bleiben soll, muss den Wind
der Zeit im Rücken haben. Oder eben sie wird nicht bleiben.
Dokumente der Zeit machen müsse der Schriftsteller. Das sei seine
Funktion. Sonst sei seine Existenz ohne Sinn.
Diese
Thesen stellte der Ingenieur Kaspar Pröckl auf, während er in
seiner verschwitzten, und zweckmäßigen Lederjacke mit dem
Schriftsteller Tüverlin spazierenging auf der Hauptstraße, die von
Garmisch-Partenkirchen südwärts führte. Er wurde sehr aggressiv,
schrie Herrn Tüverlin seine Forderungen ins Gesicht, mehrmals
auskgleitend, manchmal vor einem entgegenkommenden oder überholenden
Schlitten in die schmutzigen Schneehaufen des Straßenrandes
springend.
Tüverlin
hörte ihm aufmerksam zu, ließ ihn ausreden, ließ sogar zweimal
eine kleine Pause vorbeigehen, ohne sie zu einer Erwiderung zu
benutzen. Dann erst, vorsichtig, setzte er an. Der Herr sehe also die
Funktion des Schriftstellers darin, Dokumente der Zeit aufzuzeichnen,
zu konservieren, was in der Zeit historisch Geschichte wirkend,
wesentlich sei. Aber woher nehme der Herr seine Maßstäbe? Er für
seinen Teil zum Beispiel sei nicht so unbescheiden, seine Wertung
dessen, was Geschichte wirkend sei, für normativ zu halten. Für
noch viel weniger normativ freilich halte eher die Wertung des Herrn.
Sei er doch von seiner Geschichtsauffassung so besessen, dass er gar
nicht erst bedenke, ob einer nicht außerhalb seiner Kategorien das
Bewegungsmoment der Zeit sehen können. Ihm, Tüverlin, zum Beispiel
scheine der Zusammenstoß der alten asiatischen Kulturen mit der
jungen barbarischen Europas, die durch den erleichterten Verkehr
bewirkt der neue Völkerwanderung mit allen ihren
Begleiterscheinungen viel wesentlicher als die soziologische
Umschichtung Europas. Er müsse den Herrn ernstlich auffordern, das
Jahrzehnt mal nicht unter dem beliebten Sehwinkel der ökonomischen
Neuordnung Europas anzuschauen, sondern eben unter dem dieser neuen
Völkerwanderung und Kulturmischung. Er müsse ihn erst ernstlich
auffordern, unter diesem, und nur unter diesen Sehwinkel zu arbeiten.
Dies brachte er vor mit seiner gequetschten, etwas komische Stimme,
doch nicht ohne Entschiedenheit. Er wollte hinzufügen, so gewiss
sich der Herr diese Zumutung entschieden verbitten werde, so
entschieden müsse er sich verbitten, dass man ihm die
Grundanschauung vorschreibe, aus der er seine Visionen beziehe. Seine
Weltanschauung sei für niemanden verbindlich, nur für ihn, aber für
ihn sei sie es. Es sei Anmaßung, ihm das bestreiten zu wollen. Er
für seinen Teil sei nicht so anmaßend, seine Auffassung des
Epochemachenden als verbindlich auch für andere zu erklären. Solche
Prätension überlasse er Machtmenschen, Politikern, Pfaffen,
Hohlköpfen." (S.
248/249 )
"Neben Hitler (Rupert Kutzner)* und Ludendorff (General Vesemann) sind weitere historische Politiker erkennbar. Minister Flaucher verhält sich während des Putsches wie der wirkliche Gustav Ritter von Kahr. In Geheimrat Bichler lässt sich der Landesökonomierat Georg Heim (Bayerische Volkspartei) erkennen. Die Figur des Otto Klenk erinnert an Generalstaatsanwalt Christian Roth. Hinter dem „Kronprätendenten“ oder „Kronprinzen Maximilian“ schließlich verbirgt sich niemand anderer als der Sohn des letzten Bayernkönigs, Ludwigs III., der Kronprinz Rupprecht von Bayern. Er erscheint bei Feuchtwanger als einflussreiche Persönlichkeit, die zu kennen von Nutzen sein kann."
*S.539-544
Vgl. auch: Brecht und Feuchtwanger
25 Juli 2021
Neue Sicht auf 1968
Richard Vinen:1968. Der lange Protest (Original: "The Long '68: Radical Protest and its Enemies")
Ich muss feststellen, dass ich zuvor nur sehr vage Vorstellungen von den Vorgängen hatte. Die Flucht de Gaulles hatte ich mit viel länger vorgestellt. Zwei Aussagen scheinen mir bemerkenswert:
Christina von Hodenberg: Das andere Achtundsechzig
Das Buch von Christina von Hodenberg ist als interessanter Vorschlag zu begrüßen, sich dem magischen Jahr 1968 als einer Chiffre für markante politische, gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen zu nähern. Die Heranziehung neuer Quellen mit bisher wenig beachteten Stimmen außerhalb des männlichen akademischen Nachwuchses bietet wichtige ergänzende Perspektiven auf das Geschehen fernab medial etablierter Narrative, ohne dass allerdings die Geschichte der Jugendrevolte völlig umgeschrieben werden muss." (Axel Schildt)